„ eee N [Conte Peccatti sie begleitete. zu den Oberhessischen Uuchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 30. Mai. 16866. Adeline hatte nichts davon erfahren; den Grafen Hermani hatte sie seit dem Vorfall nicht gesehen. Dies war nichts Auffallendes, es kam öfters vor, daß er Tage lang nicht zu Hause erschien. Es kamen auch einige Besuche, Nachmittags fuhr sie aus und machte bei dem frischen, hellen Wetter eine längere Spazierfahrt, auf der Abends im Theater allerdings, als sie in ihrer Loge saß, erschien ihr hier und da eine Dame ihrer Bekanntschaft etwas sonderbar, indem jene ihren Gruß kaum mit sichtbarer Verlegenheit erwiderten.„Was mag das sein?“ fragte sie sich befremdet;„sollten wirklich einige Damen meines Kreises so eng und kleinbürgerlich denken und in ihrer Prüderie so weit gehen, daß sie mir den Signor Peccatti übel nehmen wollen?“ Einige Stunden darnach erschien sie im vollen Glanze, lächelnd und überaus reizend, in der Sbirée der Gräfin Rochen. Die Dame des Hauses erblaßte und barg ihr Gesicht hinter dem Fächer, als sie Lady Graham erblickte. Adelines Kopf hob sich stolz und empört, als sie bemerken mußte, wie ihr die Bekannten auswichen, wie die Herren sie verlegen grüßten und die Damen hinter ihren Fächern zischelten. Da sah sie den jungen Conte Peccatti bleich und erregt auf sich zukommen, sie sah in sein Gesicht und begriff, daß etwas geschehen sein müsse, das ihre Gegenwart hier unmöglich mache. Sie nahm seinen Arm und streifte mit einem verächtlichen Blick im Vorübergehen die Gesellschaft. 5 Der Graf führte sie zu einem Wagen und begleitete sie nach Hause. Auf dem Wege dahin theilte er ihr Alles mit, was auch er erst eben in der Soiree vernommen hatte.— Morgens in der Frühe schon wurde Haussuchung gehalten und Adeline einem kurzen Verhör unterworfen. Darauf entließ sie die Dienstboten, die sie mit dem Letzten, was ihr geblieben, bezahlte und dann riegelte sie ihre Thür fest zu.„Wenn nur schon der elende Mensch weit, weit geflohen wäre!“ Der Vater war noch immer bei ihr, er bat sie, sich anzukleiden, ihre Sachen ein wenig zu ordnen und mit ihm die Wohnung zu verlassen. 5 „Das kann nicht so im Augenblick geschehen,“ antwortete sie. „Laß mir wenigstens Zeit, daß ich mich so weit fasse, an so Unter— geordnetes denken zu können.“ „Ich meine, es wird Dir besser und wohler sein, wenn Du diese Räume verlassen hast,“ sagte er.„Fasse Dich, mein armes Kind, und suche in dem Gedanken ein wenig Trost zu finden, wie glücklich Du nun mein Alter machen wirst.“— „O wie soll ich jetzt an Dich denken, wo mich jeder Augenblick mit der Gegenwart des Menschen bedroht, der mich so erniedrigt hat?“ erwiderte sie mit Bitterkeit. „Deshalb fort, nur fort aus diesem Hause!“ rief er ungeduldig, Die Stiefmutter. Roman von M. Elton. (Fortsetzung.) „was Du noch zu ordnen hast, werde ich besorgen; ich dachte, Du möchtest vielleicht etwas nöthig haben und bin mit Geld versehen.“ „Wenn Du einige tausend Mark bei Dir hast, so gieb sie mir; Du kannst mir nichts besorgen; so schwer es mir auch wird, ich muß es selbst thun und meine Angelegenheiten wenigstens ordnen,“ antwortete sie düster. „Und sollen wir unsere Abreise nach der Heimath auf morgen frühe festsetzen, kannst Du bis dahin mit Allem fertig sein? Siehst Du, Kind, ich muß es Dir sagen, ich fürchte für Dich die Ein— mischungen der Polizei und dergleichen Unannehmlichkeiten.“ „Was kann sie mir anhaben? Ich brauche nichts zu fürchten,“ rief sie außer sich. „Gewiß nicht, mein stolzes, muthiges Kind; aber reisen wir morgen früh mit dem ersten Zuge nach Mandsfeldt ab? Ja?“ Er sah sie zärtlich bittend an. „Ja, wenn Du es so willst,“ antwortete sie. Ein leises Klopfen wurde an der Thüre des Zimmers gehört, Lindner erblaßte. „Ich hatte die äußere Thür wohl verschlossen,“ flüsterte er; „das kann nur der Lord sein, der mit einem Hauptschlüssel ein⸗ getreten ist.“ „Es ist Signor Peccatti!“ rief Adeline und eilte nach der Thüre. „In welch einem erschreckenden Neglige bin ich doch. Hier, Papa, nimm diese Schlüssel, führe ihn in den mittleren Salon und unter⸗ halte ihn so gut Du kannst, ich werde nur ein wenig Toilette machen und dann kommen.“ Während ihr Vater zur Thüre hinausging, rief sie dem Italiner, hinter ihrem Vater versteckt, zu:»Vengo subito, caro mio(ich komme sogleich, mein Lieber.)— »Bene, benissimo!«(Wohl, sehr wohl) antwortete er und ging mit Lindner nach dem Salon! Lindner war überzeugt, daß er einem Hauptgläubiger seines Schwiegersohnes gegenüber stehe, sonst würde ihn seine Tochter jetzt nicht vorgelassen haben, es mußte wohl Alles von diesem Menschen zu fürchten sein; denn er hatte sogar einen Hauptschlüssel und hielt ihn ganz ungenirt in den Händen. Das war nun nicht leicht, ihn zu unterhalten, der Signor sprach wohl, aber Lindner verstand nichts daraus, wie das öfters mit tragischem Ausdruck wiederholte Wort: »la poverinas.„Er bedauert wenigstens mein armes Kind und sieht auch sonst nicht gerade unerbittlich aus,“ dachte er bei sich. Ob es wohl Adelinens Absicht war, dennoch nicht zu erscheinen? Sie blieb eine volle Stunde aus und kam dann endlich in großer Hast. Lindner stand und staunte das Wunder an: sie war wie umgewandelt; blühend, jugendlich schön trat sie in den Salon ein, b — 5 170 ihr Gesicht hatte Thränen und Kummer abgestreift und lächelte dem Italiener entgegen. „Lieber Papa,“ sagte sie in der alten schmeichelnden Weise,„ich habe hier einige Rechnungen aufgesucht, Du würdest mir einen troffen, hatte sie nicht an sein Herz zurückgeführt.— Er schloß kein Auge in der Nacht und war schon wieder auf, ehe der Tag graute. So groß auch seine Ungeduld war, Berlin zu verlassen, wollte 1 rechten Dienst leisten, wenn Du mir diese langweiligen Geschichten er doch nicht den Schlummer seines Kindes stören. Heute war er 1 0 ordnen wolltest. Ich habe auch ohnedies noch so viel zu thun, voll Hoffnung für die Zukunft; er war sicher, daß Alles anders 1 7 daß ich den ganzen Nachmittag dazu brauche. Also bis zum Abend, werden müsse, sobald sie nur einmal in Mandsfeldt waren.„Nur 8 . auf Wiedersehen!“ N fort von hier,“ murmelte Lindner und erhob sich bebend. Es war W * Er wäre lieber bei ihr geblieben. Er sollte es wohl um seiner nun nicht die Zeit, ruhig auszuschlafen und es klieb ihm kaum 1 — Ruhe willen nicht erfahren, wie gewissenlos a Hermani bei noch eine Stunde bis zum Abgang des Zuges. Wieder stand ein 5 g Signor Peccatti Schulden gemacht hatte. Die Verlaͤssene war doch Mensch mit einem weißen Papier vor der Thüre und trat mit ihm 4 wieder gefaßt und es freute den Vater aufrichtig, daß sie eine schöne hinein ins Thor. 4 gewählte Toilette gemacht, das bewies ihm am besten, daß sie stark„Zu wem wollen Sie?“ rief der Portier dem Manne zu. 5 und muthig sein wollte. Er sah im Wagen die verschiedenen Rech—„Zu dem Lord oder zur Lady Graham,“ antwortete er.“ 1 nungen durch und runzelte die Stirne; da reichten die zehntausend„Ist Niemand mehr da, ist Alles abgereist,“ sagte der Portier. g „ Mark nicht aus, die er mitgebracht. Modistinnen, Handschuhmacher, Der Mann kehrte mit einem lauten Fluch um und Lindner 9 Parfümerie- und Haarkünstler— diese Leute hatten Summen ver- näherte sich dem Portier.„Sie meinen es gut,“ sagte er und steckte . zeichnet, die unmöglich Lady Graham in so wenigen Monaten ver⸗ ihm ein Geldstück zu.„Ich bitte Sie, alle Rechnungen, die meine 1 ausgabt haben konnte; aber es stand deutlich da:„für Ihre Hoch- Tochter angehen, zu sammeln und sie mir zu schicken, hier lasse ich ö geboren, Lady Graham.“ Das verdroß und kränkte den einfachen[Ihnen meine Karte zurück,“ und damit stieg Lindner die Treppe Mann, daß seine Tochter sich gewissermaßen zur Mitschuldigen des hinauf. 1 ehrlosen Verschwenders gemacht. Nun waren doch jene Leute, die„Wollen Sie noch einmal hinauf gehen?“ fragte der Portier. 5 heute Morgen so ungestüm gewesen, wohl Alle um ihr Geld be-„Die Schlüssel liegen hier, Lady Graham hat sie mir selbst gebracht, ö trogen worden, denn die Güter in England waren doch mit dem ehe sie abreiste.“ 1 Lord verschwunden. Und diese Summe hatte Adelina für ihren„Wir werden in einer halben Stunde abreisen, sorgen Sie da— persönlichen Verbrauch verausgabt! Wohin er kam, da hieß es: für, daß die Koffer hinunter geschafft werden,“ sagte Lindner und das ist die Rechnung bis zum Januar; hier ist die der letzten zwei stieg weiter die Treppe hinauf. 1 Monate, wollen Sie dieselbe gütigst mit berichtigen. Sein Geld„Er hat mich nicht verstanden,“ brummte der Portier.„Hören 5 reichte nicht weit und tief beschämt, die Hände noch voll von un- Sie, mein lieber Herr!“ rief er Lindner nach,„die Koffer sind 5 bezahlten Rechnungen, mußte er Reden anhören, die ihn bis in sein bereits mit der Lady und Signor Peccatti abgefahren. Die Herr⸗— 5 weißes Haar hinein erröthen machten. Er war empört darüber, schaft ist schon gestern Abend um zehn Uhr abgereist; sie hatten es 5 daß er seines Kindes wegen solche Demüthigungen erfahren mußte; sehr eilig, und der Signor lief so oft die Treppen hinauf, bis er 5 und wenn er auch jetzt in ihrer Lage sie schonen wollte, in Mands- dann endlich die Lady am Arme hinunter führte. Sie müssen ja feldt mußte er ein ernstes Wort mit ihr sprechen. Er ging zu allen gestern Abend Signor Peccatti begegnet sein; als sich hinter Ihnen 1 Gläubigern seiner Tochter und gab ihnen das schriftliche Versprechen, die Thüre schloß, schellte der Signor. Die Leute zur Fortschaffung. nuß er sie innerhalb eines Monats bezahlen wolle. Im tiefsten des Gepäcks brachte er schon mit. Aber um Gotteswillen— Frau, 1 Herzen gekränkt und niedergeschlagen kam er Abends in der Wohnung bringe schnell ein Glas Wasser, dem Herrn ist unwohl.“ 1 seiner Tochter an. Um sie her standen gepackte Koffer, sie verschloß Lindner lehnte leichenblaß am Geländer. Der Portier sprang 1 sie sorgfältig und stand mit glühenden Wangen in einem kostbaren hinzu, seinen Fall zu verhindern. Willenlos ließ er sich von dem 5 Reiseanzug vor ihrem Vater. Manne in die enge Stube führen; die Schaar der Kinder gaffte 35 „Du bist fertig, wie ich sehe,“ sagte er,„so wollen wir denn nicht länger hier weilen, sondern in den Gasthof gehen.“ „Ich werde die Koffer nicht ohne Bewachung hier stehen lassen,“ erwiderte sie,„und muß die Nacht hier zubringen.“ Sie war in einer seltenen Aufregung, saß keine Minute stille und ihre Augen glänzten fieberhaft. Lindner versuchte, durch eine harmlose Unterhaltung über Mands— feldt sie zu beruhigen, aber es war vergebens. „Du bist sehr erregt, liebe Adeline,“ sagte er;„Du wirst doch wenig in der Nacht schlafen, ich schlage vor, daß wir den Nachtzug nehmen.“ „Unmöglich, Papa! Ich sterbe vor Müdigkeit, ich habe die ver— gangene Nacht kein Auge geschlossen und sehne mich nach Ruhe,“ rief sie hastig. „So gehe zur Ruhe, ich werde hier bei Dir bleiben, eine Decke wird genügen, ich suche mir ein Sopha,“ sagte Lindner. „Nein, Papa, die gänzliche Stille um mich, gerade das Be— wußtsein, daß ich ganz allein bin, wird mich am vollständigsten beruhigen. Gute Nacht, ich bin gar zu müde, wir wollen morgen spät fahren, laß mich einmal recht ausschlafen,“ versetzte sie rasch und hielt ihm die glühende Wange zum Kusse hin. Ihre kleine Hand drückte krampfhaft seine Rechte und er verließ wieder das Haus mit dem Gefühl des Unbefriedigtseins, das er immer so nieder— drückend empfunden, wenn er von seiner Tochter kam. Der heutige Tag war einer von denen, die ihren vergifteten Stachel bis ans Ende in der Seele wühlen lassen, das fühlte der unglückliche Mann. Hätte Adeline an seinem Halse gehangen und gesagt:„Vater, ver— laß mich nicht; ich habe nun auf der Welt Niemand mehr wie Dich,“ dann wäre wenigstens seinem Herzen wohl geworden, und er hätte gewußt, daß sein Lebensabend nicht so ganz der Wärme entbehren würde. Aber sein Kind schien den Vater nicht nöthig zu haben. Adeline war der Erinnerung an das Vaterhaus gänz— lich entwachsen, selbst das Unglück, das ihr Leben vernichtend ge— ihm ins Gesicht; er sah und hörte nichts. Im Innersten gebrochen, saß er da und schwere Thränen kamen aus den starren Augen und flossen die gefurchten, farblosen Wangen hinunter. Nach einer Weile stand er auf und verließ das Haus. VIII. Ein tiefblauer Himmel breitete sich über die grauen Steinmassen von Armünde, die Julihitze war verzehrend, und mit hochrothen Gesichtern kamen die Frauen und Männer mit den Rechen auf den Schultern aus dem Wiesengrund her und traten durch das massive große Thor in den Schloßhof. Das weitläufige massive Gebäude schien gegen die Bezeichnung„Schloß“ zu protestiren, denn es hatte neue hellglänzende Anbauten erhalten. Das geräumige Viereck dieser in der Sonne freundlich blinkenden Bauten war der Stolz des Barons von Manners. Wie oft war er aus der grauen Stein— masse getreten und hatte schweigend die ererbte Stammburg be— trachtet, und es spielte ein Ausdruck auf seinem Gesichte, der sich so übersetzen ließ:„Und siehe, es war Alles gut.“ Ja, dies Alles war sein Werk; er hatte eine Ruine und einige Morgen elenden Landes von seinem Vater geerbt, und durch Einfachheit, richtiges Verständniß und biedere Behandlung seiner Leute ein blühendes Gut geschaffen. Er zählte nun fast neunzig Jahre und sein Ge— dächtniß war getrübt; aber die Freude an seiner Schöpfung schien er noch voll und ganz zu empfinden. Täglich, wenn das Wetter warm und sonnig war, führte ihn der alte Barthel in den Schloß— hof unter die breitstämmigen Linden. Da schob und legte eine zarte sanfte Hand die Kissen im Sessel zurecht und des alten Mannes Blick suchte die milden blauen Augen, die so treu über sein Alter wachten. Ein brauner Lockenkopf war ihm gerade unter den Händen, als er sich niedergelassen, und ein paar muntere braune Augen sahen zu ihm auf. Der alte Mann streckte behaglich die 171. Füße auf den Schemel, den Ellinor ihm unter die Füße gerückt und sah mit Behagen, wie die Schaar der Arbeiter vom Heumachen zum Mittagsmahl in den Hof strömte. „Geht in die Halle, Kinder, da ist's kühl,“ rief ihnen der Ba— ron zu,„esset und ruhet aus. Ein herrliches Wetter, wir werden heute viel Heu einbringen!“ Jeder grüßte ehrerbietig den alten Herrn und Einer nach dem Andern verschwand in der geräumigen Halle des Schlosses, wo der Mittagstisch für die Leute gedeckt war. „Nun lies mir die Zeitungen vor, Julia,“ sagte er, und legte sich behaglich zurück.„Du bist doch nicht krank, oder werden meine Augen trübe? ich meine, Du wirst täglich dünner und durch— sichtiger. Du mußt Dir keinen Kummer um den Patron machen,“ fing er weich und zärtlich an und streichelte ihre Hände.„Laß ihn doch in Australien machen, was er will; das sage ich Dir aber, wenn er mir hierher kommt, so lasse ich ihn greifen. Er sah sie mit den alten freundlichen Augen an und fuhr fort, ihre Hände zärtlich zu streicheln. Sie lächelte ihm freundlich zu und nahm die Zeitungen vom Tische. Sie war es gewöhnt, daß er sie seit dem letzten Jahre öfters mit ihrer Mutter verwechselte und oft auf den Grafen Hermani zurück kam. Es war eine Art von Sympathie zwischen ihnen, denn obgleich sie ihm nichts davon vorgelesen, was in vergangenem Februar alle Zeitungen füllte, er— wähnte er häufig den Mann, dessen letztes Abenteuer in Berlin Julia mit Schrecken und Angst erfüllte. Die Zeitungen hatten von der jungen reizenden Frau des Grafen Hermani gesprochen und Julia beklagte die Aermste, wer sie auch sein möge, von ganzem Herzen. Ja, wenn er nur wieder in Australien wäre, wie der alte Onkel meinte. Der Mann ohne Wort und Glauben hatte wieder deutschen Boden betreten! Nun wurde noch einmal dieser häßliche Staub aufgewirbelt, und Julia öffnete täglich zitternd die Zeitungen. „Mama, laß mich die Zeitungen vorlesen, Du bist heute so bleich,“ sagte Ellinor und richtete die klaren braunen Augen besorgt auf ihre Mutter. „Du siehst, Kind, Dein Onkel ist schon eingeschlafen; gehe Du nun Deinen kleinen Geschäften nach,“ erwiderte die blasse, zarte Frau. Der Onkel schlief fest und Ellinor trat mit einem mit allerlei Körnern gefüllten Korbe aus dem gegenüberliegenden Wirthschafts— gebäude und verschwand durch eine kleine Thüre, die zu dem Hühner⸗ hofe führte. Julia sah ihrer Tochter nach und ihre Augen weideten sich an der schlanken kräftigen Gestalt, die so sicher und leicht dahin schritt. Das kurze, hellblaue Kleid ließ das schön geformte Bein zum Vorschein kommen. Selten waren Anmuth mit frischer Ge— sundheit und jugendlicher Kraft so harmonisch vereint, wie bei diesem dreizehnjährigen Kinde. Die Arbeiter hatten mit leisen Schritten die Halle verlassen, als der erste Heraustretende den andern ein Zeichen machte, daß der Herr eingeschlafen sei, und Alles ruhte nun in dem tiefen Schweigen des Sommermittags. Julia's Blick fiel zerstreut auf das Zeitungsblatt, sie schrak zusammen,— da stand wieder der unglückselige Name!„Der als Fälscher verfolgte Graf Hermani wurde heute in Bremen festgehalten, als er sich gerade auf ein nach Amerika abgehendes Schiff begeben wollte. Trotz Perrücke und sonstiger Verkleidung war man seiner habhaft geworden. Unter dem Vorwand, seine Legitimationspapiere dem Polizisten vorzulegen, beschäftigte er dessen Aufmerksamkeit einen Augenblick, dann zog der Graf einen Revolver hervor und jagte sich eine Kugel durch den Kopf. Der drastische Schluß dieses Abenteurerlebens—“ Julia las nicht weiter, sie war von ihrem Sitze in jähem Schreck aufge⸗ fahren und, einer Ohnmacht nahe, zurückgesunken. Es vergingen einige Minuten, der Greis schlief friedlich den Schlaf eines Kindes, und auf dem Angesicht der bleichen Frau dämmerte es auf wie eine Morgenröthe, die gute glückliche Tage verheißt.„Endlich!“ rief sie, wie befreit von einem furchtbaren Gewicht, aus,„endlich darf es wieder Tag werden zwischen ihm und mir!“ Und ihr Gesicht zeigte den Ausdruck einer unbeschreiblichen Verklärung, als sie mit ge⸗ falteten Händen hinauf in das dichte Laubdach der uralten Linde sah.——— „Mama, nun sitze ich schon eine ganze Viertelstunde und habe alle meine Lektionen wiederholt; wirst Du mir heute Nachmittag keinen Unterricht geben?“ fragte Ellinor an einem der nächsten Tage. Julia sah mit thränenüberströmtem Gesichte zu ihrer Tochter auf und legte die Feder nieder. Vollgeschriebene Blätter bedeckten ihren Schreibtisch. „Was meinst Du, was willst Du, mein Kind?“ fragte sie wie aus einem Traume erwachend. „O Mama, Du hast geweint,“ rief die Tochter und legte stürmisch den entblößten runden Arm um ihrer Mutter Hals.„An wen hast Du denn so viel geschrieben, Du sagtest mir doch oft, wir hätten niemand auf der Welt, wie den Onkel.“— „Und Deinen Vater, mein Kind!“ rief sie mit leuchtenden Augen. a „Meinen Vater? Ich glaubte, der müsse gestorben sein, Du hast nie mehr über ihn gesprochen.“ „Das verhüte Gott, daß er gestorben ist! O nur das nicht, mein Gott, es wäre zu schrecklich.“ „Mein Vater lebt noch, und Du hast alle diese Blätter an ihn gerichtet?“ Ellinor sah mit fragendem Blick ihre Mutter an. Julia entgegnete:„Es lag ein Geheimniß zwischen uns, das ich nicht aufklären durfte; nun aber bin ich meines Gelöbnisses entbunden und diese Blätter enthalten Alles, was ich Deinem Vater zu offenbaren habe. Wenn Du älter geworden bist, sollst Du Alles erfahren, mein Kind, und sollst wissen, durch welche Verkettung der Umstände wir gezwungen waren, Mandsfeldt zu verlassen. Gott allein weiß, wie hart es mir geworden ist, und wie ich diese Noth— wendigkeit mit bittern Thränen beweint habe. Dein Vater war unschuldig daran, und ich auch. Nun frage nicht weiter, mein Kind, glaube an Deine Eltern, Du sollst eines Tages Alles er— fahren.“ a f „Werden wir denn meinen Vater wiedersehen?“ fragte Ellinor ganz bleich vor Erregung. „O ich hoffe, daß wir ihn bald wiedersehen. Diese Blätter werden ihm sagen, wie ich gelitten, wie ich vergangen bin aus Heimweh nach ihm! Gehe, mein Kind, gehe, Du solltest nicht Zeuge sein von der Schwäche, die diese Stunde mit sich bringt; aber ich habe, fern von ihm, zu viel gelitten und die Lösung des langen Unheils mußte den letzten Rest meiner Kraft niederwerfen.“ Und Julia weinte laut am Halse ihres Kindes. Die Blätter wurden mit bebender Hand zusammengefaltet und die Adresse geschrieben.„Mandsfeldt!“ rief Ellinor.„Das war's; ich habe mich so manchmal auf den Namen besonnen und wollte Dich doch nicht fragen; aber gedacht habe ich oft an das große Haus und die wunderschönen Gärten und träumte Nachts, ich tummelte mich da unter Blumen herum. Wie aber der Papa aussieht, darauf kann ich mich nicht mehr besinnen.“ „Wenn es nur nicht zu spät ist!“ rief Julia. Sie zeigte eine Erregung, die Ellinor nie an der still freundlichen resignirten Mutter gekannt hatte. Erst als sie neben dem Onkel im weiten Zimmer saß und von den kleinen Erkerfenstern die Sonne prächtig unter— gehen sah, da wurde sie ruhiger. Der Onkel sprach heute Abend auffallend klar und drückte in den rührendsten Worten aus, wie glücklich Julia und das Kind sein Alter gemacht hätten. Als Barthel ihn zu Bett gebracht, und er sanft eingeschlafen war, ging Julia in den von hohen Mauern umgebenen Garten. Der Sommer— abend war so wunderschön; es schlug eine Wachtel in der stillen Dämmerung und Julia, ganz von den Eindrücken des Tages er— griffen, ließ sich auf eine Bank nieder und weinte. „Julia,“ flüsterte eine heftig bewegte Stimme hinter ihr. „Darf ich vor Dich treten und um Deine Verzeihung flehen?“ Sie fuhr auf und sah mit weitgeöffneten Augen in ein Gesicht, das ihr Tag und Nacht vorgeschwebt,— aber inniger und rührender hatte sie es nie gesehen. Es leuchtete in ihren Augen wie selige Verklärung:„Theurer, Geliebter!“ flüsterte sie und lag ohnmächtig in den Armen Lindners. Dieser drückte sie voll Entzücken an seine Brust, er küßte das alabasterweiße verklärte Gesicht heiß und leidenschaftlich und fühlte erst, daß der Augenblick zu überwältigend für sie gewesen war. Aber die blauen innigen Augen öffneten sich bald wieder und ruhten mit einer Glückseligkeit auf ihm, die Zeit und Ereignisse vergessen hatten. „Weißt Du es schon, Theurer?“ fragte sie.„Haben die Zeitungen Dir den Zusammenhang erklärt? Gott sei Dank, der — 172. der Onkel durfte nicht zu kurz dabei kommen. düstere unheilvolle Schatten zwischen uns ist für immer ver— schwunden.“— f „Ich weiß nichts, ich habe keine Zeitungen gelesen; aber ich weiß, daß ich nicht ohne mein geliebtes Weib leben kann,“ rief er und schloß sie wieder in seine Arme.„Diese Reise war der letzte Versuch, Dich zu finden— er ist geglückt.“ „O, wie gut es sich hier ruht,“ flüsterte sie mit unaussprechlicher Innigkeit. Und als er sie wieder leidenschaftlich küßte, da erröthete ihr zartes schmales Gesicht lieblich, wie das einer jungen Braut. „Wo ist mein Kind, meine Ellinor?“ fragte Lindner eifrig. Sie stand schon vor ihm, schaute ihn mit den muntern treuherzigen Augen an und ließ sich nicht ruhig umarmen, sondern schlang die Arme um den Hals ihres Vaters und küßte ihn mit den blühenden rothen Lippen recht herzhaft. „So habe ich mir immer den Papa gedacht; es war auch leicht zu behalten, wie er aussieht,— er gleicht mir!“ sagte sie stolz und streckte den Zeigefinger auf ihre Brust.„Nur sein Haar habe ich mir dunkel gedacht; das thut nun nichts, weiß gefällt er mir noch besser.“ Julia warf einen unbeschreiblichen Blick auf das volle gebleichte Haar Lindners und drückte einen langen inbrünstigen Kuß darauf. „Dein Haar ist ein unerbittlicher Ankläger,“ flüsterte sie schmerzlich; „was Dein gutes edles Herz an mir schonen und beruhigen möchte, das spricht nur zu strafend Dein weißes Haar aus.“ Lindner schüttelte langsam den Kopf.„Es ist Anderes hinzu— gekommen,“ erwiderte er mit niedergeschlagenen Augen.„Von drei Kindern bleibt mir nur eins,“ und er breitete seine Arme aus und zog den braunen Lockenkopf an seine Brust. Julia schwieg schmerzlich erregt, und war erleichtert, als Ellinor hundert Fragen über Mandsfeldt stellte und so die schmerzlichen Erinnerungen der Eltern verscheuchte. Es war bereits dunkel geworden, als die glücklich vereinten Menschen nach dem Schlosse gingen. Lindner durfte die Gattin nicht mehr verlassen; wie alles Weitere werden sollte, daran wollte Julia noch nicht denken,— sie blieben von nun an zusammen und Julia ließ Lindner einen Augenblick allein im Erkerzimmer mit Ellinor, die jener nicht satt wurde, mit froher Rührung zu betrachten. Das Töchterchen erzählte ihm, auf einem Schemel zu seinen Füßen sitzend, von dem alten Onkel und von ihrer Mutter, die ihre Zeit zwischen der Pflege des alten Herrn und Ellinor's Unterricht gethellt.„Nur heute hat sie mich vergessen,“ sagte sie und sah ihn mit den leuchtenden Augen an;„sie hat den ganzen Nachmittag an Dich geschrieben. Warte, ich hole Dir den Brief; er liegt auf dem Schreibtisch, der Postbote sollte ihn morgen früh mit zur Post nehmen.“ ö „Schläft der Onkel gut und ruhig, Barthel?“ fragte Julia und trat leise in des Barons Schlafzimmer. „Ich könnte es nicht sagen, gnädige Frau,“ antwortete der Diener kopfschüttelnd.„Der Herr General schreckt öfters auf und murmelt unverständliche Worte.“ „So bleiben wir die Nacht zusammen bei ihm,“ entschied Julia. „Theurer,“ sagte sie und beugte sich zärtlich über Lindner,„der Onkel ist etwas unruhig, ich muß Dich jetzt verlassen und bei ihm bleiben.“ „Ich werde mit Dir wachen,“ sagte er und stand rasch auf. „Nein, Du Guter; Du mußt die Nacht ruhen nach der langen ermüdenden Reise. Denke nur, wie alt der Onkel ist; würde er ahnen, daß Jemand außer Barthel und mir in seinem Zimmer sei, so würde ihn dies sehr beunruhigen. Da kommt Ellinor mit dem Brief an Dich; ja, lies ihn, Geliebter; aber heute nicht mehr; es ist spät, ich will Dich in Dein Schlafzimmer geleiten und Dir eine recht gute Nacht wünschen. O, wie süß wird sie auch im Wachen für mich sein!“. f Sie saß die stillen Stunden der Nacht mit gefalteten Händen, wie in stillem Gebet, an ihres Wohlthäters Bette. Dieser bewegte sich viel hin und her, sonst aber war kein Zeichen von Unwohlsein. sichtbar. Auch Lindner schlief nicht in der Nacht. Die Blätter lagen vor ihm,— war es möglich, daß ein böser Geist in den ver— schiedensten Gestaltungen sich durch das Leben von Julia's Mutter, durch Julia's und durch das Adelinens gezogen? Ihr Stiefvater! Mit welch einfacher Treue schilderte sie ihr Mühen, jenen Grafen von dem Entschluß abzubringen, in die Familie Lindner's ein⸗ zutreten. Und Julia glaubte bis zur Stunde, daß das Halsband von Diamanten ihn bestimmt habe, von seiner Absicht abzustehen. So hatte sie in der edlen Absicht, ihn vor dem Unheil zu retten, den schlimmen Verdacht auf sich geladen und war mit ihrem Kinde ge— flohen, um ihn vor der Kundgebung seines Mißtrauens zu be— wahren.„Edel, rein und groß in jeder Lage ihres Lebens,“ sagte Lindner inbrünstig;„auch die Feindin, die ihr jede Stunde ver— bitterte, sollte nicht zu Grunde gehen, sie sollte im Elternhause bleiben, bis ein braver Mann sie glücklich machte. Sich aufopfernd, segnend hat sie das Haus verlassen. O, welch ein Glück war es, daß ich meine Julia wiedersah, ehe ich diese Aufklärungen erhielt! Nie und nimmer hätte ich es gewagt, vor ihr zu erscheinen! O Gott, o Gott, wie arm und tief gedemüthigt stehe ich hier in dieser Stunde der Nacht. Du hattest so viel Segen über mich kommen lassen, und ich habe Deine Güte nicht erkannt;“ und überwältigt barg er das Gesicht in seinen Händen und weinte. Er erlag der Ermüdung, als der frühe Tag zu dämmern be— gann. Julia trat mit leisem unhörbarem Schritte ein, sie war todtenbleich und in ihren Augen zitterten Thränen. Sie blieb vor Lindner stehen, der, den Kopf auf die Rücklehne des Sessels zurück- geworfen, tief und fest schlief. Ihre Augen ruhten mit unendlicher Liebe auf dem edlen Haupte, das mit dem vollen weißen Haar eine so ergreifende Würde und Schönheit erlangt hatte, die in der völligen Ruhe, von dem dämmernden Tag geheimnißvoll gehoben, sie mächtig ergriff. Weiche liebkosende Hände, ein sanfter duftender Athem bewegte sich leise um den schlafenden Mann; er fühlte es deutlich im halbwachen Zustand und wollte die Augen nicht öffnen, die süßen Gebilde zu verscheuchen, wie das seit Jahren in Mands— feldt geschehen war, wenn er zur trostlosen Einsamkeit des Tages erwachte. Aber nun öffnete er die Angen und hielt das milde Frauenbild, das ihn so oft in seinen Träumen umschwebt, fest in seinen Armen.„Nun laß ich Dich nicht mehr!“ rief er schlaf⸗ trunken und erwachte erst ganz, als sie ihn sanft auf die Stirne küßte. 6 „Gott sei Dank!“ sagte sie und hob die Augen dankbar zu ihm auf,„daß ich in der Stunde, die ich voraussah und vor der mir graute, Dich wieder habe. Der Onkel ist todt, ist vor einer Stunde sanft entschlafen.“ Sie weinte an seiner Brust und er hielt sie fest in den Armen und trotz ihres Schmerzes rief es triumphirend in seinem Innern: „Jetzt ist sie wieder ganz mein!“ So sicher man es auch vorher gesehen bei der raschen Ab— nahme seiner Kräfte seit den letzten Monaten, so rief der Tod des Barons dennoch eine große Bestürzung und Trauer hervor. Von ihm ging Alles aus, es waren seine Ideen, seine Verbesserungen, die sich als die wirksamsten bewiesen, und wenn er auch in den letzten Jahren nicht mehr häufig unter den Arbeitern erschien, er war doch da, es war doch sein Geist, der Alles leitete. Wie sollte es nun werden? Die gnädige Frau, so gut und lieb sie war, konnte doch nicht das Ganze lenken; und ein kräftiger, energischer Arm war nöthig, das wußten sie Alle, um Ueberschreitungen von der einen oder der anderen Seite zu verhüten. Ja, wie sollte es nun werden? Der Baron von Manners hatte nie ein Wort darüber verlauten lassen, wem er sein Hab und Gut zu hinterlassen gedenke. Wenn er auch früher hier und da eine Aeußerung gethan, so vermied er diese Frage ganz bei vorschreitendem Alter und behielt somit die ganze Freude an seiner Schöpfung, indem er den Gedanken an ihren Verfall ganz und gar nicht in sich aufkommen ließ. Die Nachricht von des Barons Tode brachte verschiedene Verwandte zu seinem Begräbniß in Armünde zusammen. Julia empfing sie Alle, die ja immer von Zeit zu Zeit gekommen waren, den alten Herrn zu besuchen, mit Herzlichkeit, fühlte sich aber durch die Exeignisse der letzten Tage so leidend, daß sie kaum ihren Pflichten nachkommen konnte, und sehr häufig fanden sich Lindner und Ellinor in Julia's Zimmer, wo sie fern von den vielen Menschen manche schöne Stunde zu— brachten. Die Gäste schienen nicht gesonnen, eher abzureisen, bis alle Formalitäten erfüllt und sie im Klaren über des Barons Ver— fügungen waren. Es wurde ein Testament zum Vorschein gebracht; aber es war kein anderes als jenes, welches der Baron nach dem Tode von Julia's Mutter gemacht, und worin er Julia zu seiner alleinigen Erbin eingesetzt. Diesem Testament war ein Codicill bei— ——. . 0 88 gunu sf uga ogjpuog) umu 5 pig unloiqus los eee et FFT gefügt, das wenige Tage nach Julia's Rückkehr nach Armünde entworfen war, in welchem Ellinor nach ihrer Mutter Tode die Erbin des Vermögens wurde. Weitere Verfügungen sagten, daß ein Großneffe, Otto von Manners, das Gut verwalten solle nach striktester Vorschrift so lange, bis seine Nichte Julia anderweitig darüber verfügen sollte.— Der muntere zwanzigjährige Student wurde durch die Forderung seines Großonkels mehr erschreckt als erfreut und konnte erst nach und nach zu einer Einwilligung ge⸗ bracht werden, als Julia ihm freundlich zuredete, den Versuch zu wagen. In einem der geheimen Fächer von des Barons Schreib— tisch entdeckte Barthel, als er seines Herrn Verträge und Quittungen ordnen wollte, einen Brief an Julia, welchen er ihr sogleich über— brachte. Er war schon vor einiger Zeit geschrieben und lautete unter Anderem so:„Du bist sanft und überaus mild, liebe Julia; mit diesen Eigenschaften hält man kein Gut in strammer Ordnung. Otto von Manners, obgleich jetzt noch ein recht dummer Junge, scheint mir die Keime von Energie und Willenskraft in sich zu tragen, die mein Nachfolger haben muß. Probire es mit dem Jungen; ich müßte mich stark irren, wenn in ihm nicht der richtige Mann steckte. Der Rest sind Phantastereien eines alten Mannes. Meine Jugend ist in eine Zeit gefallen, die an den Mann keine andere Forderung stellte wie„Dreinschlagen;“ von der Liebe, oder wie Ihr das Zeug nennen möget, habe ich kaum etwas erfahren. Deshalb bin ich wohl auch hier nicht recht orientirt, wenn ich, wie das meine Art von jeher war, jedes Ding und jeden Menschen an seinen richtigen Platz zu setzen mich bestrebte. Otto wird ein wackrer Junge; ich fühle in ihm den Nachfolger, der in mein System hineinwachsen wird, und Ellinor wäre die Frau für ihn. Das ist eine Idee, die mir Freude macht. Verlauten aber darf nichts davon; die Kinder sollen ganz frei in ihrer Wahl sein. Gefallen sie sich nicht gegenseitig, nun so mag das Wetter— nicht, nicht, meine gute Julia,— die Kinder sind unabhängig und ich untersage Dir, Deine Tochter zu beeinflussen. Das Gut und Alles, was ich besitze, gehört nach Dir Deiner Ellinor. Wird sie nicht Otto's Frau, so erhält er eine Entschädigungssumme von 30 000 Thalern, die ihm aus den Kapitalien bezahlt wird; das Gut darf nicht belastet werden.“ Julia reichte, schwer aufathmend, Lindner den letzten ihres Onkels. Jener lachte laut, nachdem er gelesen.„Nichts Wunderlicheres und Unbegreiflicheres als der Mensch,“ rief er munter. „Der alte Hagestolz, welcher jedem zarten Verhältniß von vornherein den Krieg erklärte, starb mit dem Herzenswunsch, zwei junge Leute, die fast noch Kinder sind, möchten einen Liebesbund schließen.“ „Wie kann das geschehen?“ fragte Julia und sah bekümmert in's Thal hinunter.„Sie haben wie Geschwister zusammen ge— spielt, wenn Otto seine Ferien hier zubrachte, haben sich wie Ge— schwister veruneinigt und sind Tage lang bitterböse auf einander gewesen; zwei energische, aufbrausende Naturen, die den Onkel be— lustigten, mich aber gar manchmal betrübten. Der Onkel sagt, sie passen zusammen. Das hat mir nie so scheinen wollen.“ „O laß nur die Zeit walten, Julia,“ sagte Lindner und schlang den Arm um die zarte Gestalt.„Die Gegenwart gehört uns Beiden, wir wollen noch einmal glücklich im Leben sein. Siehst Du sie da drunten im Wiesenthal, die Beiden, die der Onkel für einander be— stimmt hat? Siehe nur, wie Otto der Kleinen so gehorsam den Korb trägt, und wie sie nun in laute Freude auszubrechen scheint und mitten in die blumige Wiese kniet und wahrscheinlich Schwämme einsammelt. Ist das nicht schon ein Bild friedlicher, beglückter Häuslichkeit? Nun, sieh mich nicht so betrübt an; wir werden in sieben, acht Jahren wieder einmal von der Sache sprechen.“ (Fortsetzung folgt.) Wunsch Kleine Frauen-Zeitung. Die Mode. Eine Dame, eine treue Abonnentin unserer Zeitung, fragte mich letzthin, wie und wo ich in der gegenwärtigen Zeit immer Stoff für einen monat⸗ lichen Bericht finden könnte.—„Es giebt keine Mode,“ sagte sie,„denn Alles ist der Phantasie überlassen und unter zehn eleganten oder einfacheren Frauen giebt es nicht zwei, welche gleich gekleidet sind. Alles ist in ihren Anzügen verschieden, von der Fußbekleidung bis zur Kopfbedeckung. Wer wird mir sagen, welche Mode mehr Autorität als die andere hat?“— derselben ebenfalls manches Mittel zu Gebote. Unsere liebenswürdige Freundin hatte Recht; und doch konnte ich ihr ant⸗ worten, daß es ungeachtet jener Willkür-Herrschaft leicht wäre, mehr oder weniger hervortretende Tendenzen zu bemerken, welche Einem die Idee geben, was die Mode im Besonderen will. Nur betreffs der Bauernröcke kann ich nicht in's Klare kommen. Auf der einen Seite sagt man, daß die Mode sie noch gestatte, auf der anderen Seite behauptet man das Gegentheil, indem man das Ende ihrer Herrschaft proklamirt. Die Anhängerinnen rühmen ihre wohlfeile und leichte Machart, welche Jedermann selbst bewerkstelligen kann, indem man die geraden Stoff⸗ bahnen zusammennäht, unten einen Saum, oben krausgezogene Falten aus⸗ führt, die man in zwei, zuweilen sogar bis zu sechs Reihen abnäht, und das Ganze auf den Fond setzt. So ist der Kleiderrock vollendet. Aber gerade diese Einfachheit in der Ausführung ist es, welche wiederum dem Bauernrock schadet, denn man erkennt nicht mehr die besondere Korrektheit im Schnitt, das besondere Gepräge der Eleganz, und deshalb protestiren die Modisten von Renommée, die vornehmen Damen, gegen diese Mode. Sie, verehrte Leserinnen, kennen meine Ansicht über dieselbe, und so möchte ich nicht auf deren Unkleidsamkeit zurückkommen. Wie dem nun sein mag: man versucht Varianten mit dem Bauernrock, läßt ihn auf der einen Seite in seinen geraden Falten niederfallen, bringt auf der anderen Seite einen Tunikatheil an und arrangirt ihn im Rücken in leichte Puffen, oder man läßt ihn die Stelle der Tunika oder des oberen Rockes vertreten, in⸗ dem man ihn ein wenig kürzer als den unteren Rock fertigt und ihn nach hinten zu mit Schleifen bauschig aufrafft, oder ihn auf der einen Seite spaltet und den vorderen Theil auf der anderen Seite in Draperien zurück⸗ nimmt ꝛc.; denn die Draperien, welche immer schön und gefällig wirken, erhalten sich auf den Kleiderröcken und sind mit einer gewissen Beharrlich— keit wieder erschienen, ebenso— und dies führte ich letzthin schon an— die plissirten Röcke, welche immer von dem Faltengewoge einer Tunika be⸗ gleitet sind. N Eine kleine Neuheit in den Kleiderärmeln! Man ziert sie oben auf der Schulter mit einer Bandschleife, welche man auf grazißse Weise chiffonnirt und arrangirt; eine zweite Schleife findet sich unten an der Seite des Aermels wieder, der somit keinen weiteren Ausputz erhält. Man setzt den Aermel immer noch gern in krausen Falten und hoch an die Schulter, und dieses Verfahren wiederholt sich vielfach an den Aermeln der Mantelets. Das schwarze Spitzenkostüm in Wolle oder in Seide ist als elegante Straßentoilette entschieden angenommen. Man vervollständigt es durch eine kurze Visite aus Perlenstoff mit Spitzengarnituren und durch ein Kapote— hütchen aus schwarzem Spitzentüll mit einer Aigrette und einem Vogel aus Jetperlen. Dieses„ganz Schwarz“ ist sehr kleidsam und deutet keineswegs Trauer an, zumal es häufig durch den Sonnenschirm belebt wird: den En⸗ toutkas aus schwarzen Spitzen über farbiger Unterlage, oder aus granat— rother Faille, oder aus seidener Changeantserge. Da ich gerade von den seidenen Changeantstoffen spreche, so füge ich gleich hinzu, daß dieselben vielfach als Unterkleider zu den Etamines und den anderen durchbrochenen Geweben verwendet werden. Die Changeant⸗ reflere geben dem Oberstoff unbestimmte Töne, welche von hübschem Effekt sind. Ich habe also gesagt, daß die schwarzen Toiletten von Neuem begünstigt werden, und sie verdanken ihre stets zunehmenden Erfolge den schwarzen Perlen und den schwarzen Spitzen, welche sie auf eine so elegante Weise verschönen. Diese Elemente eignen sich auch vortrefflich dazu, um getragene schwarze Besuchs⸗ und Gesellschafts-Kleider, deren Schnitt veraltet, oder deren Aus⸗ sehen hier und da nicht mehr frisch, umzugestalten. Ein mit Perlen ge. stickter Seitentheil(quille) oder ein solches Tablier, oder Einsatztheil aus Spitzen mit Schleifen werden dem älteren Rock eine andere und moderne Physiognomie geben, und die faltenlosen Schnebbenplastrons aus Perlen, oder die leicht bauschigen Schnebbendevants aus schwarzem Seidentüll mit den kleinen auf- und abwogenden Perlengehängen und mit Spitzenrahmen leihen dem Leibchen die gleichen Dienste. Man bringt auch häufig die Aermel in Einklang mit dem Plastron und bereitet sie aus Spitzen oder aus n ein Verfahren, das das Aufarbeiten des Leibchens besonders erleichtert. Was die rohgelben und rahmgelben Etamines betrifft, welche man im vergangenen Sommer viel getragen, so steht uns für das„Neugestalten“ f Einerseits kann man sie, umal bei schöner Qualität, gut reinigen lassen und mit Guipures und 1 Bandschleifen ausschmücken, andererseits sie sorgsam ausplätten und mit dunkelfarbigem Stoff zusammenstellen, was sehr modern ist. Die ma⸗ ronen- und tabakbraunen Nüancen werden gern mit rohgelben Etamines verbunden und geben ihnen etwas Frisches, Neues. Ueberhaupt sind die tabakbraunen Töne in großer Gunst. Man hat darin entzückende Spitzenstoffe, welche ohne Beimischung eines anderen Ge⸗ webes zu Kleidern verwendet werden. Doch darf ich hierbei nicht die gleich— nüancirte Seide vergessen, welche die Unterlage bildet. Zu den Lieblingsgarnituren auf den wollnen wie den baumwollnen Etaminekleidern gebören die rohgelben Guipures und anderen Spitzenarten, die gestickten Galons, eintönig oder farbig, Genre Kaschmir und die alge⸗ rischen Stickereien, und diesen Zierrathen gesellen sich noch die Streifen in bretagnischer Stickerei zu, welche außerdem an den verschiedenen Kanavas⸗ geweben und den marineblauen Serges Verwendung finden. Die kleinkarrirten Foulards und die mattbunt-schottischen Surahs liefern uns auch vortheilhafte Mittel, um ältere Kleider der Mode des Tages gemäß umzuwandeln, indem man jene Stoffe mit einfarbigen in Verbindung bringt. Man bedient sich jener karrirten Gewebe zum Rockhesatz oder zum unteren Rock, zum Plastron oder zu den übrigen Garniturtheilen. Ueberhaupt wird den Foulards, denjenigen mit Batist- wie mit Köper⸗ grund, eine neue Glanzepoche in diesem Sommer bevorstehen. Es giebt kein leichtes Kleid, das von den Pariser Damen in der heißen Saison mehr eee eee ee eee eee e a — re 0 n gt en sse en, ge⸗ in aö⸗ 4 fen a ges 3 ing 5 n er: 10 175. geschätzt ist, als das aus jenem weichen, schmiegsamen und kühlenden Seiden— stoff, der so einfach und doch zugleich elegant aussieht. Man hat die Foulards in allen Farben, allen Dispositionen; winzige Erbsen, seltsame Arabesken, kleine geometrische Figuren, große Blumen in reizendem Kolorit sind über den Fond gestreut;— jeder Geschmack findet seine Rechnung. Für sehr beliebt gelten rothe und heliotroplila Foulards mit minutiösen weißen Farrenblättern, Champignons ꝛc. Trotzdem herrscht aber eine Genre vor: Das ist der marineblaue Foulard mit kleinen weißen Erbsen, anderen kleinen weißen Musterchen oder mit weißen Streifen. Dieser wird das Sommerkleid pax excellence abgeben; dazu ein duftiges, schwarzes Mantelet, von Perlen rieselnd, und ein hübsches Kapotehütchen aus grobem Paillasson mit Blumenbüschel. Man prophezeit indeß, daß die Zusammenstellung von Roth und Blau in den Kleidern nicht minder gesucht sein wird, wie von Marineblau und Weiß. Ich habe ein Kostüm gesehen aus einfarbig blauem Foulard und solchem in rother Farbe mit strohgelben Musterchen. Der bescheidene Geschmack wird sich freilich den Baumwollenstoffen zu— wenden, unter welchen längst Bekanntes sich in neuen reizenden Auflagen vorführt. Da haben wir zuerst den baumwollnen Foulard, glatt und ge— köpert, mit kleinen Streudessins: Blümchen, Erbsen, Kaffeebohnen, Ringen ꝛc., genau wie die seidenen Foulards. Und derselbe Geschmack wiederholt sich in den Elsasser Cretonnes und den Satinettes, welche vor— e mit marineblauem, rohgelbem und beigefarbenem Grunde, letzterer on in verschiedenen Abstufungen, erscheinen. Von Rohgelb und Beige heben sich oftmals dunkelblaue oder rothe Musterchen ab. Aus diesen Stoffen wird man anmuthige und praktische Sommeranzüge bereiten, welche unentbehrlich sind, um die Vergnügungen der Villagiatura zu kosten, ohne die Gewissensbisse, ein zu kostbares Kleid zu verderben. Die Mode wird so einsichtsvoll, so vernünftig, indem sie die verschiedenartigsten Dinge in der Toilette gestattet, daß ihre Widersacher, anstatt sie zu schmähen, ja, zu verleumden, bald genöthigt sein werden, ihr Lobeshymnen anzustimmen. Was die männlichen Widersacher in der gegenwärtigen Mode mit einer gewissen Bitterkeit kritisiren— denn sie verzeihen uns allenfalls noch die hohen Hüte, sind sie nicht gar zu übertrieben— ist die Tournüre. Und mit Recht! Und doch haben wir Alle sie leider annehmen müssen und können uns nicht ganz von ihr lossagen. Aber wann ist denn eine Mode lächerlich, verletzend? Wenn sie im Uebermaaß angewendet wird! Also, meine Damen, ich kann es nicht oft genug wiederholen: lassen Sie uns die Tournüre nur andeuten, um die Kleider⸗Falten oder Wogen zu stützen. Aber hüten wir uns vor jedem Zuviel!— Milchweiß ist ein neuer Name, einer Farbe zudiktirt, welche weder creme noch weiß. Es ist ein mattes Weiß mit ein wenig bläulichem Hauch, aber nur ganz wenig, welches die Mitte hält zwischen jenen Beiden. Man kleidet darein die Kinder; und die jungen Mädchen, ja, gewiß auch die jungen Frauen dürften es für ihre Sommertoilette zu ländlichen Festlich— keiten, in den Casinos und, je nach dem Stoff, auch zur Promenade am Strande annehmen. Man gedenkt, milchweiße Wollenkleider mit Hals- und Aermelgarnituren aus Goldetamine auszustatten, welche in zwei Blendenfalten geordnet sind und ungefähr 1 Cent. breit vorsehen. Ueberhaupt findet die Farbe in der⸗ artigen Garnituren wieder Anklang, trotzdem viele Damen Weiß und Créme darin vorziehen. Zu tabakbraunen und marineblauen Kleidern trägt man Hals- und Aermel-Garnituren aus maisgelbem Krepp, zu bronze- und moos— grünen Kleidern granatbraune oder himmelblaue Kreppblenden; letztere harmoniren übrigens fast mit allen Farben. Großen Beifalls erfreut sich das Gelb; es durchspielt alle Stufen vom Schwefel-, Stroh-, Mais- und Kanarienvogel-Gelb bis zum Goldgelb und Mandarinengelb. Das Gelb kleidet vorzüglich oder es kleidet gar nicht. Man verbot es früher den Blondinen und doch findet man, seit einige Maler von Renommse auf ihren Gemälden die blonden Schönheiten mit Gelb umgaben, daß dasselbe, besonders das Maisgelb, vortheilhaft für sie sein kann:—„sein kann,“ aber nicht immer ist. Man muß die Nüance versuchen, ehe man sie trägt und, bei blondem Haar, sie nicht unter dem Vorwande zurückweisen, daß sie nur den Brünetten steht. Es ist, vornehmlich zu Genre- oder zu runden Hüten, wieder sehr modern geworden, eine Krapatte zu tragen, aus tulle point d'esprit oder aus schlichtem, seidenen Malinestüll, weiß, ereme, mohublumenroth, gold⸗ gelb vor Allem. Derartige Kravatten werden in fünf Blendenfalten ge⸗ u nter einer genähten Schleife mit Haken und Oesen geschlossen. recht duftig und wolkig, besteht auf der einen Seite aus zwei pufften Schlingen, auf der anderen Seite aus einer solchen Schlinge und einem Ende, alles durch einen bauschigen Knoten verbunden. 2 vorrückenden Jahreszeit erscheinen auch die hellen Sommer— schirm ad sehr groß, immer in der Entoutcasform, und mit langem Stock versehen, damit sie die hohen Hüte bedecken können, ohne die Arme zu ermüden. Man hat diese Schirme aus beigefarbener oder aus rohgelber Seide, s umkräuselt von einer sehr breiten, leichten Guipüre in derselben Nüance; 15 Stock ist aus Naturholz, geziert mit einer Schleife in lebhafter Farbe. Andere Schirme sind ganz in Spitzentüll plissirt, aber auch hier herrscht der rohgelbe Ton vor. Dann giebt es Schirme, welche in der Farbe strenge Uebereinstimmung mit der Toilette halten; diese zeigen sich in Seide, gänzlich verschleiet mit Gaze oder Spitzen. 1 Lose Blätter. Frauen ⸗Sendungen. Die englischen Kolonisten in Amerika, namentlich in Virginien, hatten Mangel an Frauen, weil sie sich nicht mit den Amerikanern vermählen wollten. Endlich faßte man den Entschluß, hundert unge Engländerinnen von achtbarem Charakter nach Amerika zu verpflanzen, f um sie mit jungen Kolonisten zu vermählen. Neunzig wurden sogleich ab⸗ gesandt, und das Unternehmen hatte sich so vortheilhaft bewiesen, daß man schon im nächsten Jahre abermals sechszig junge Damen übersiedeln konnte, welche unter die jungen Pflanzer vertheilt wurden. Eine Frau wurde anfangs auf 120, später auf 150 Pfund Tabak geschätzt, den man damals mit einem Thaler das Pfund bezahlte. Die jungen Frauen wurden nicht nur mit großer Begierde aufgekauft, sondern mit solcher Innigkeit empfangen und so liebevoll behandelt, daß sie bald Andere einluden, ihrem Beispiele zu folgen. Auf diese Weise dauerten die Frauensendungen mehrere Jahre fort, während welcher Zeit die anscheinende Unanständigkeit dieses interessanten Handels durch die ängstliche Sorgfalt gemildert wurde, mit der man sich über den moralischen Charakter jedes Mädchens erkundigte, welches sich zur Ueberfahrt meldete. 5 M. Die Liebeslocke. Unter der Regierung Jakobs I. von England wurde es Mode, daß das schöne Geschlecht eine Locke vom Haupte an der linken Schläfe herabhängen ließ. Mau nannte diese Locke die Liebeslocke. Der zelotische Dr. Prynne eiferte gewaltig gegen diese Mode, nicht nur in seinen Kanzelreden, sondern er schrieb auch einen dicken Quartanten darüber unter dem Titel:„Die Unliebenswürdigkeit der Liebeslocke.“ Aber sein Eifer blieb ohne Erfolg. Erst unter Karl J. kam diese Art, das Haar zu tragen, aus der Mode. 1 M. Eine wohlfeile Kapelle hatte der Landgraf von Hessen, Philipp der Großmüthige. Er zahlte an einen Organisten, einen Vorsänger, einen Chorknaben, sieben Trompeter, einen Thurmbläser und einen Trommel⸗ schläger zusammen 284 Gulden jährlich. Dagegen hatte zu gleicher Zeit der Graf Ernst von Schaumburg die theuerste Kapelle. Hier gab es zwei Kapellmeister, jeder mit 1200 Thaler Gehalt. Die Musiker bekamen jeder 1000 bis 1200 Thaler, und zwar in seidenen Beuteln zum Verfalltermine ins Haus geschickt. Zugleich hatten sie im Dienste eine kostbare, sammetne galonnirte Uniform, eine goldene Kette um den Hals und weiße Federn auf den Hüten— Alles fuͤr Rechnung des verschwenderischen Gef Das Toleranz-Diner. Die Kaiserin Katharina II. gab sämamtlichen Geistlichen ihrer Hauptstadt einen jährlichen Schmaus, den sie das Tolerauz⸗ Diner nannte. Der Erzbischof Gabriel repräsentirte den Wirth und machte die Honneurs, der Beichtvater der Kaiserin, der Pope Pamphilief, führte die Bedienung an. Bei diesem Bankett, dessen Speisen und Getränke that⸗ sächlich kostbar und zahlreich waren, mußten Einigkeit und Scherz herrschen. Katharina pflegte zu sagen:„Mein Toleranz⸗Diner soll zeigen, wie es in der christlichen Kirche zugehen sollte.“ 8 Napoleon I. und der Uhrenfabrikant. Es war im Jahre 1809, Na⸗ poleon war siegreich in Wien eingezogen, und sollte am 15. August sein Geburtstag gefeiert werden. Eine allgemeine Illumination war anbefohlen worden. Niemand durfte sich ausschließen, doch nur mit Unwillen wurde gehorcht. Am deutlichsten zeigte das der Uhrenfabrikant Kaspar von Abegg, auf dessen Transparent las man mit großer Schrift ZW AN G. Natürlich schäumten die Franzosen, Abegg wurde vorgefordert, daß er seiner Strafe entgegen gehe. Abegg verlor jedoch die Ruhe nicht, sondern erklärte, sein Transparent bedeute Zur Weihe An Napoleons Geburtstage. W. G. Der Erste, welcher gegen die barbarischen Todesstrafen des Mittelalters öffentlich auftrat, war der Henker von Nürnberg selbst, Meister Dipold mit Namen. Er erschien vor dem Magistrat und schilderte diesem die Seelen— angst der Opfer. Er bekannte frei, daß er Keinen mehr pfählen werde, da es ihm selbst fürchterliche Qualen bereite, wenn er den Pfahl dem Ver⸗ urtheilten durch den Leib treibe. Dieses Auftreten geschah im Jahre 1513. Zwanzig Jahre später sprach er ebenfalls muthvoll gegen das Kueipen mit glühenden Zangen und 1543 gegen die Tortur, die falsche Geständnisse erpresse. W. G. Wallenstein in Groß-Meseritsch. Es war i. J. 1623. Der kaiserliche Generalissimus Albrecht von Wallenstein befand sich unter kriegerischen Vor⸗ bereitungen zu dem Feldzug gegen die Dänen in Groß-Meseritsch(Mähren). Wie in vielen Nächten stand er einst einsam am Fenster des großen Schloß⸗ saales und beobachtete die Sterne. Die Frage, ob er den Feldzug siegreich enden würde, ging durch seinen Geist. Plötzlich erhielt er einen starken Schlag in den Rücken.„War das eine Antwort auf meine Frage?“ sagte er leise und wagte sich Anfangs nicht umzuwenden. Als er dies doch end⸗ lich that, sah er Niemand. Jetzt befiehl ihn die Geisterfurcht, er fühlte sich krank und ließ seinen Hauskaplan rufen. Ihm vertraute er, was ihm begegnet sei. Der Geistliche wollte von einer natürlichen Erklärung sprechen, aber Wallenstein wollte zitternd davon nicht hören. Am folgenden Tage ließ der Geistliche die Dienerschaft auffordern, ihm mitzutheilen, ob Jemand einen Scherz mit dem gewaltigen Kriegsfürsten sich erlaubt habe. Da trat ein junger Kämmerling zu ihm und bekannte, er habe den Herzog von Friedland für einen Kollegen gehalten. Als er den Schlag gethan, sei er erst gewahr geworden, wen derselbe getroffen. Da sei er auf den Fußspitzen fortgeschlichen. Der Geistliche ging nun zu Wallenstein und theilte ihm mit, was er von dem jungen Manne vernommen habe. Der General war geheilt, aber entsetzlich über den Kämmerling aufgebracht. „Des Todes schuldig!“ lautete sein Wort. Der Unglückliche wurde auch wirklich zum Schaffot geführt. Vergebens hatte man Wallenstein beschworen, ihn zu begnadigen. Erst als der Delinquent die Leiter zum Galgen er⸗ stiegen hatte, befahl der Gewaltige einzuhalten.„Du hast mir Höllen— qualen bereitet,“ sagte er:„ich Dir gleichfalls. Jetzt hast Du genug ge— büßt. Das Leben ist Dir geschenkt.“ W. G. — D Sr —— n „2222 ͤ5:!!:: Areuz-Räthsel. Aus nachfolgenden Buchstaben: NE K AB ee ET EHE E E EFT HII H H H L L N N O0 0 OP RRS SS S 1 7 T T T IT 5 sind neun Wörter zu bilden und in derselben Weise zu ordnen, so daß die mittleren Reihen, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, gleiche Wörter ergeben. Die neun Reihen geben folgende Wörter: Ein Dorf in Oesterreich, bei Burghausen. Einen Raubvogel. Einen Nebenfluß der Donau in Bayern. Ein Fest der Christenheit. Einen weiblichen Vornamen. Den Namen eines berühmten griechischen Tragöden. Eine starke Festung in Belgien. „Einen Buchstaben des 510 ischen Alphabets. Den Namen eines französischen Marschalls unter Napoleon J. DDO f D= Rapsel-Räth sel. Versuch's, das Ende von dem einen, Den Anfang von dem nächsten Wort Geschickt zu neuem Wort zu einen, Und was du suchst, hast 5 sofort. 1. Ein 0 des Weltalls. 2. Eine Vereinigung. 3. Bestandtheil einer Pflanze. 4. Nebenfluß der Donau. 5. Aufenthalt des ersten Menschenpaares. Zu Quedlinburg im Dome ertönet Glockenklang, Der Orgel Stimmen brausen zum ernsten Chorgesang; Es sitzt der Kaiser drinnen mit seiner Ritter Macht, Voll Andacht zu begehen die heil'ge Weihenacht. Hoch sitzt er in dem Kreise von männlicher Gestalt, Das Auge scharf wie Blitze, von gold'nem Haar umwallt: Man hat ihn nicht zum Scherze den Löwen nur 0 Schon mancher hat empfunden die löwenstarke Hand. Buchstaben-Räthsel. Mit dem B kannst du es schauen, n Wenn man Grausiges erzählt; Nit dem W von manchen Frauen Wird die Kunst noch heut' erwählt; Mit dem G kann es beglücken, Mit dem R wird's dich erfreu'n, Mit dem L mag oft es drücken, Werther oft als Alles sein. 1 des Arithmogriph in voriger Nummer: 1. Dohle. 2. Ar⸗ 1 555 Sitz. 3. Salonichi. 4. Esche. 5. Weihrauch. 6. Ingolstadt. 9 8. Weihnachten. 9. Ebers. 10. Irtysch. 11. Bellini. Luzern. 13. Ida. 14. Champignon. Das Ewig⸗Weibliche zieht 1 0 hinan;— des Rösselsprungs: O Jae nicht, mein Glück ist hin Und hin ist Freude, Lieb und Lust! Hast du nicht einen jungen Sinn Und junges Leben in der Brust? Und sollte trüb die Erde sein, Und wär' der Himmel ohne Licht, O, Jugend ist der Sonnenschein, Der strahlend durch die Wolken bricht. 5 Jul. Rodenberg. — des magischen Quadrats: f B nee 1 N ME ME E N Problem Nr. 392, von J. Bars dorf in Crefeld. Schwarz. .„„ e. . 1. 1 25 e 1 655 3 1 1„ 2 2 2 2 5 1 4 591 Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. S d Y Partie Nr. 224, gespielt in New⸗Orleans am 12. März d. J. als vierzehnte des Wettkampfes. Weiß: W. e Schwarz: J. H. Zukertort. 25) 2-3 b6—bõ 1) e2—e4 Ie 2) 8g1—13 SbSs-c 26) d2—d4 cod: 3) LfI—b5 89816 27) 3-4: Tes-e ö 4) 0—0 86e: 28) Le2—d3 Le6-f5 5) JfI—el Sed ds 29) Ld3—f5: Dd7 Is: 6) 813—e5: LfS-e 7 30) Dg3—g4 f5—g4: N 7) Lb5-d3 0—0 31) bs—g4: hy-h6 8) Sb1-es Sc6—eß: 32) Tel—e2 b5—b4 0 9) Teles: 7-c 33) g2—g3 a7-a 10) b2—bs Sdé es 34) Kg fl aß—ad 11) Lel—bꝰ d7- d5 35) ba- aq: Tesa 12) DdI-3 Le—f6 36) Te2—el TaS- a4: 13) Je5— e2 Sed e 37) Tela KgS 8 14) Lbz2—as 18—e8 38) KfI—- e KEI8—e 7 15) Tal—el Sees 39) Ke2—d3 Taa4-as 100 Sc3— ad Les-d: 40) a- a3 b4— ag: 17) Sa4- 65 Se6— cs: 44 Tal a3: Taé— as: 100 Te2—e8f Ld7-es: 42) Lb2- agf Ke7—d7 19) Las- c5: b7-b 43) La3—f8 Kd7-es 20) Le- a3 Les-d 44) LfS— dé 7-6 21) D3—g3 06-C 45) Ld6—e5 g 16— 48 9 22 2-03 Ld7- eG 46) Le5-g7 h6—h5 2) 1 23) Las—b? Dds-d7 47) ga4--hö: 6 hb: 5 24) Ld3s— 02 Tas-es 48) Lg7-e e8-d 5 5 als Remis aufgegeben. 1) Beim Abtausch des Läufers würde Weiß gewinnen: 45)„. Les: 46) dies Kei 47) Kdd Ke 48) fi h5 49) fö I g. 50) g:hô5 f6 51) erte K lG: 52) Kdö: Kg5 53) Kes Khö: 54) Kf5: Khé 55) gal und Weiß erlangt die Opposition des Königs, 2) Mit der folgenden sehr interessanten und lehrreichen Variante weist Me. Connel in „the Times Demoerat“ nach, daß auch f7—16 zum Remis führt: 46)„„ 16 47) Lhe: g5 48) 4 Kf7 49) fol Kg 50) Ks Le7 51) Kb Kh7 52) Lgö: f.g5 53) End Les 54) Kbs Lud: 55) Ke Kg7 56) Kdo: Lfé 57) Kess Leg 58) Kdé Kf7 59) Kds Ke7 60) 80 und Schwarz kann den Gewinn nicht erzwingen; denn 60).. Les 61) Kds 1 63) Kd5 Kd7 64) Keâ und Remis, da mit 64).. Kcs wegen 65) f5—f6 20 0 Auflösungen. 7 Problem Nr. 380 von G. Nießing in 1) e4—e5 Kh4—g5 F N 2) Des e Kg55(ha) 3 Lh3— 3) De—g8(g4f 3) Des nsr Angegeben von F. Osten in G., Dr. E in M., mann in P., W. Scheuler in S., H. Hundt Problem Nr. 381 von J. Barsdorf in Grefeld 1) ThI—e4 g6—g5 2. C65 2) De7-f6f Keb 16(ed): 2) De7- df Ke5-d(ea): 3) Les-d(Dees) f 3) Les 14(De6.) F Zieht einer der Bauern ds oder k6, so folgt 2) De resp. 8 nebst 3) Df4 resp. da Matt.— Angegeben von Dr. Wehrmeister in M., W. Kron in B., F. Osten in G., W. Stein⸗ mann in P., H. Hundt in A., K. Roys in H., F Landeck. W. Scheuler in S. Der Schachwettkampf zwischen 3 und Zukertort ist mit Erläuterungen von E. Schallopp im Verlage von Veit& Co. erschienen und für den billigen Preis von einer Mark zu beziehen.— Ein Doppelbändchen von Roegners Schachbibliothek bringt gleichfalls sämmtliche zwanzig Partien mit Anmerkungen von J. Minckwitz versehen — Preis zwei Mark. * Druck und Verlag der„Volks-Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105— Verantwortlicher Redakteur: R. Elch o in Berlin, Lützowstr. 105.