0 8 77... ö ö ö 8 zu den Oberhessischen Uachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Ur. 26. Gießen, den 27. Juni. Die Stiefmutter. Roman von M. Elton. (Schluß.) Georg wußte nichts von dem Briefe ihres Vaters, er wußte nicht, daß sie nun immer hier bleiben sollte; es hätte ihn wohl mit Freude erfüllt, hätte ihm aber auf der andern Seite Kummer gemacht, daß er unschuldiger Weise die Veranlassung des Zerwürfnisses geworden. Er mußte geschont werden, der arme Georg, und sie wollte sich von Herzen über seine Genesung freuen und wollte ihm ein freund— liches Gesicht zeigen. Am Nachmittag fuhr ein eleganter Wagen vor, Ellinor vermochte vor Freude fast nicht zu athmen; ein Männer⸗ tritt nahte sich dem Zimmer, sie vergaß ihren schmerzenden Fuß und eilte der Thüre zu. Ihr Gesicht erblaßte, sie stand einem fremden Herrn gegenüber, wo blieb denn der so schmerzlich erwartete Vater? „Ah, da ist er endlich, mein treuer Freund!“ rief Georg mit einer Stimme, die sich seit dem Morgen recht gekräftigt hatte. „Gieb ihm die Hand, Ellinor, Du und er, Ihr seid Alles, was ich auf der Welt liebe.“ Das junge Mädchen sah den Freund, den Georg so oft erwähnt, mit traurigen Augen an, während Georg fortfuhr:„Du kennst sie ja, habe ich die Farben glänzend genug gemischt, Dir meine Schwester zu malen?“ Herr von Berschau lachte mit einiger Verlegenheit und Ellinor erröthete; man mußte dem armen Georg etwas zu gute halten, er meinte es ja so gut. Sie wollte nach einiger Zeit das Zimmer verlassen; aber Georg ließ sie nicht gehen.„Laß mir noch ein wenig die Freude, Euch Beide um mich zu sehen,“ bat er,„derlei schöne Tage sind selten in meinem Leben, und bedenke, wie lange ich an der Erinnerung zehren werde.“ „Er wird sentimental, Fräulein Ellinor,“ lachte Berschau;„das kann unmöglich seiner gänzlichen Herstellung förderlich sein. Wir müssen suchen, ihn zu unterhalten; vielleicht ein Kartenspielchen? Können Sie ein oder das andere Kartenspiel, Fräulein Ellinor?“ Er that so bekannt, Georg's Freund, er schien ein gutmüthiger Mensch zu sein; er weihte Ellinor in einige Spiele ein, der Tisch wurde an Georg's Bett gerückt, der Kranke spielte mit und der Abend verging der armen Ellinor erträglicher, wie die vorher— gehenden. Der Freund kam auch am folgenden Tage und brachte für Ellinor einen prächtigen Blumenstrauß aus der Stadt mit; er schlug ihr auch einen Spaziergang durch den Garten vor, weil Georg klagte, daß Ellinor's schöne rothe Wangen durch die Stuben⸗ luft gelitten hätten. Es war selbstverständlich, daß er sie vorsichtig und langsam am Arme führte, weniger selbstverständlich fand sie es, daß er anfing, ihr Artigkeiten zu sagen, und das Alles auf eine so ungenirte Weise, als hätte er ein Recht dazu. 5 Mit Georg's Genesung ging es überaschend schnell, nach einigen Tagen konnte er schon das Bett verlassen, und eine Schwäche war kaum sichtbar.„Bleibe bei mir, Ellinor, kehre nicht wieder zu dem Manne zurück, den Du kaum kennst, der Dir kaum ein Vater ge⸗ wesen ist. Laß ihn seine Grillen fangen; er kümmert sich nicht um seine Kinder, so müssen wir uns wohl zusammen trösten, und es soll uns nicht schwer werden, Schwesterchen; was sagst Du dazu?“ „Sprich nichts gegen unsern Vater, Georg, das will und darf ich nicht hören,“ antwortete sie ihm sehr ernst.„Ich verhehle Dir es nicht, daß mir die Trennung von ihm sehr wehe thut, und oft habe ich versucht, meinen kranken Fuß zu zwingen, zu ihm nach Mandsfelt zu eilen.“ „Das rathe ich Dir nicht,“ rief Georg mit einer Erregung, die Ellinor erschreckte.„Ich wollte Dich nicht betrüben, Ellinor, aber nun muß ich Dir doch mittheilen, daß der Vater mir einen schmählichen Brief geschrieben hat. Er sagt, es sei ihm recht, daß Du vorgezogen, mit mir zu hausen; wir sollen nur beide dafür sorgen, daß wir ihm nie mehr unter die Augen kämen, ich mag Dir garnicht sagen, was der alte Mann noch Alles geschrieben hat.“ „Gieb mir seinen Brief; ich muß ihn lesen!“ rief Ellinor außer sich. Er suchte in den Taschen seines Schlafrockes und reichte ihr ihn gleichgültig hin. Sie las mit fliegendem Athem und ließ dann den Brief aus den Händen fallen; sie saß da wie zu Marmor erstarrt und schwere Thränen rannen über ihre bleichen Wangen. So schrieb ihr Vater, der gütige gemüthvolle Mann, der in seiner Denkungsart so vornehm und so edel war! War denn seit ihrer Mutter Tode die Welt für sie aus den Fugen gegangen? Georg hob das Schreiben vom Boden auf.„Gräme Dich doch nicht um den Alten, er ist kein Schäfchen. Wie er Wolle trägt, das habe ich vor Dir empfunden, mein liebes Kind,“ und er streichelte schmeichelnd Ellinor's volle Locken, sie aber saß bewegungslos, das bleiche Gesicht und die starren Augen auf ein unbekanntes Schreck— gespenst gerichtet, das sich drohend vor ihr erhob. „Es soll Dir schon behaglich hier werden, Schwesterchen,“ fuhr er schmeichelnd fort;„ich habe schon in die Stadt geschickt und heute oder morgen kommen die Handwerker, die machen Dir oben einige Zimmer zurecht, deren sich keine Prinzessin zu schämen hätte. Mein Freund Berschau soll dafür sorgen, der versteht dies Alles aus dem ff. Es soll Dir schon wohl hier werden; es giebt einen Mann, dem Dein erster Anblick es angethan hat; auf den aber bin ich nicht eifersüchtig, und wenn ich Dich keinem Menschen gönnte, dem würde ich Dich gönnen.“ Sie erwiederte nichts, er merkte nicht, daß sie ihn nicht anhörte, ihn nicht verstand. Als er an das Fenster getreten war, um einen der Knechte hinauszurufen, verließ sie das Zimmer und gab sich oben in ihrer kleinen Stube einer Verzweiflung hin, in der nur noch eine Sehnsucht in ihr auftauchte, die nach dem Tode. Sie gestand es sich nicht ein, daß die Aussicht, immer hier zu bleiben, immer mit ihrem Bruder zu— sammen zu sein, ihr Heimweh verursache; seine Denkungsweise, seine 2— 1 * Umgebung, Alles gehörte einer andern Sphäre an als der, an welche sie gewöhnt war.„Fort! fort!“ rief es in ihr mit steigender Angst,„lieber sterben, wie hier bleiben.“ Nach einigen Stunden kam ihr Bruder und wollte sie hinunter führen; sie fühlte sich krank, der Tabaksrauch in dem Wohnzimmer, den alle Wände und alle Möbel ausströmten, verursachte ihr Uebelkeit und Georg hatte nun auch wieder angefangen, sich in dichte Rauchwolken zu hüllen; sie wollte lieber oben bleiben. Er aber nahm sie wie ein Kind und trug sie die Treppe hinunter. Der Freund war wieder gekommen, Klas packte aus einem Korbe Champagner und allerlei Leckerbissen und trug sie auf den Tisch des gegenüber liegenden Speisezimmers. Berschau begrüßte Ellinor wie eine alte Bekannte und behielt ihre Hand in seinen beiden Händen. Sie war so mit ihrem Kummer beschäftigt, daß sie es kaum merkte; er führte sie zu Tische und Georg folgte und schmunzelte und rieb sich vor Vergnügen die Hände. Ellinor mußte überrumpelt werden, fest durch ihr gegebenes Wort gebunden werden, dann waren alle Fäden nach Mandsfelt abgeschnitten. Es wurde von Anfang des Abendessens an nur Champagner getrunken; Ellinor nippte nur am Glase, so oft auch die beiden Freunde mit ihr anstießen. Georg war in einer tollen Lustigkeit und machte Anspielungen, die Ellinor endlich verstehen mußte. „Was sollen wir lange hinter dem Berge halten,“ rief er und leerte sein Glas mit einem Zuge.„Ich habe es auf den Erfolg meines theuern Freundes getrunken. Ellinor, der Baron von Berschau liebt Dich mit einer ganz tollen Leidenschaft; er hat Dich schon früher einige Male in der Stadt gesehen, und nun meint er, er könne nicht ohne Dich leben,— doch er mag selber für sich reden.“ Georg füllte sein Glas, hob es empor und schrie aus voller Kehle:„Hoch, das Brautpaar lebe hoch!“ Berschau warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und erhob sich in einiger Verwirrung.„Wir kennen ja Beide Freund Georg, ist es nicht so, Fräulein Ellinor?“ sagte er mit dem ihm eigenen oberflächlichen Lachen;„ich hätte aber gedacht, er würde seine Sache als Brautwerber besser machen. Nun, ich sehe nur in seiner Uebereilung den eifrigen Wunsch, den Freund so schnell wie möglich zum glücklichsten Menschen zu machen. Darf ich auf Ihres Bruders „Hoch“ auch mein Glas erheben, geliebte Ellinor?“ Auch sie war aufgestanden, ihre Wangen glühten und ihre Augen schienen schwarz von dem düstern Feuer, das in ihnen brannte.„Ich bin heute acht Tage in meines Bruders Hause“, antwortete sie langsam mit tief bewegter Stimme,„als Freund meines Bruders ist es Ihnen wohl bekannt, welche verhängniß— schwere Folgen der unüberlegte Schritt, den ich ohne meines Vaters Wissen gethan, für mich gehabt hat. Ich kenne Sie nicht, Herr von Berschau; Ihre Absichten mögen ja gut sein, aber wie können Sie glauben, daß ich, gleichsam wie um meinem Vater zu trotzen, mich von einem Tag züm andern zur Heirath mit einem uns ganz fremden Manne entschließe, ohne auch nur versucht zu haben, meines Vaters Genehmigung einzuholen. Ich danke Ihnen bestens für Ihren Antrag und bitte, niemals mehr darauf zurückzukommen.“ Sie verneigte sich und verließ langsam das Zimmer. Die beiden Freunde sahen ihr stumm und verblüfft nach. Vor der Thüre hörte sie Berschau im höchsten Verdrusse schreien:„Du bist ein Esel, Georg!“ „Nimm es doch nicht so ernst, Mensch; meinst Du, ich würde mit dem kleinen Mädchen viele Umstände machen? Sie soll schon mürbe werden, verlaß Dich darauf, ehe sechs Wochen vorüber sind, ist sie Deine Frau“, und er stieß das Glas auf den Tisch, so daß die Splitter weit davon flogen. Ellinor war in tiefster Seele empört. spielungen, welche ihr Bruder bei Tische rücksichtslos und geradezu diktatorisch hervorgebracht, als hätte nur er über ihre Heirath zu entscheiden, dann noch die wüthenden Worte, daß das kleine Mädchen sich zu fügen habe, verwandelten plötzlich ihren stillen Herzens— kummer in Trotz und Empörung. Sie durfte nicht mehr länger in diesem Hause bleiben, Alles war Lüge und Betrug. Nun erst frappirte sie Georgs sonderbare Krankheit, und sie fing an zu ahnen, daß man ihr eine schändliche Komödie vorgespielt. Ihr Vater kannte seinen Sohn, ihre gute Mutter, die liebreich gegen jeden Menschen war, hatte es aufgegeben, bei Georg Liebe und Anhänglichkeit zu suchen— wie thoͤricht und verblendet war sie gewesen? Ihre Briefe waren sicher nicht zum Vater gelangt. Der Die taktlosen An- Kopf schwindelte ihr. dem Kinde der Frau, die er so sehr geliebt, mit Härte sein Haus verschließen?„Nie und nimmer,“ antwortete sie aus tiefster Seele. Und sie nahm mit zitternden Händen den Mantel und hing ihn um. Es war zehn Uhr Abends und der Mond schien hell. Sie wollte fort; ein Dorf mußte sie doch irgendwo erreichen; so weit trugen sie wohl die Füße und einmal bei Menschen, erbarmte man sich wohl ihrer und brachte sie auf irgend eine Art nach Mandsfelt. Als sie leise die Treppe hinunter ging, hörte sie, wie Georg im Eßzimmer schrie und tobte.„Du sollst Alles haben, bis auf den letzten Pfennig; warte nur mit der Klage, mit der Du mir schon so oft gedroht hast, einen Monat, sie ist reich genug, Deine und meine Lücken auszuflicken, und ob sie will oder nicht will, sie muß.“ Ellinor ballte die kleinen Hände und murmelte:„Elender Mensch!“ Ihr Abschen war so groß, daß selbst das Gefühl der Furcht für den Augenblick schwieg. Sie trat leise aus der Hinter⸗ thüre und glaubte sich, hochaufathmend, gerettet.„Das gnädige Fräulein beabsichtigt wohl, einen Spaziergang im Mondschein zu machen?“ fragte Klas und stand vor Ellinor;„ich würde dazu nicht rathen, es bläst ein recht scharfer Ostwind.“ Was half es, dem Burschen zu sagen, daß sie um jeden Preis fort wolle; er war im Einverständniß mit seinem Herrn, und sie hätte nur einen Auftritt herbeigeführt, der ihre Lage noch ver— schlimmern mußte. Sie kehrte bebend ins Haus zurück, sie sann und sann und in der stillen Nacht erschien ihr plötzlich ihre Lage unheimlich und gefährlich.„Wenn sie es nun noch einmal wagte und schrieb?“ Diesmal wollte sie sich in ihrer Noth an den treuen Freund wenden; er zürnte ihr nicht und er fand gewiß Mittel und Wege, sie zu retten. Man konnte ihr nicht verbieten, das Haus zu verlassen, und sie fand irgend einen fremden Menschen, sie mußte ihn finden, der zu Eduard van Mossel eilte. Sie schrieb die halbe Nacht hindurch und Morgens schon verließ sie entschlossen das Haus. Sie sah keinen Menschen, sie hätte fliehen können; aber ihr Fuß war wieder angeschwollen, sie konnte kaum darauf treten. Ein Junge von zwölf bis vierzehn Jahren ging an der Ecke des Gartens vorbei, sie gab ihm hastig alle Instruktionen und ein Geldstück und der Knabe versprach erfreut, den Brief gut zu be⸗ sorgen. Er lief eilends davon und sie ging auf einen Hügel am Ende des Gartens und sah, wie der Junge in der Ebene dahin— flog. Da brachte ein Zuruf von Klas ihn zum Stehen; Ellinor sah, wie er den Jungen packte und ihm den Brief aus der Tasche zog, und wie der Knabe mit der Behendigkeit einer Katze an ihm hinaufkletterte und ihm das Papier entriß. Es war in Stücke gegangen, der Junge raffte sie auf und lief eilends nach dem reißenden Bach, dem er sie übergab.„Braver guter Junge,“ rief Ellinor, und ließ dann in Verzweiflung die Hände sinken; es war Alles, wie sie gefürchtet, sie war hier eine Gefangene und ihr armer Vater wußte sicherlich nicht, wohin sie gekommen. Mit bleichem verstörten Gesicht kam ihr Georg entgegen, als sie wieder in's Haus trat.„Ich dachte, es wäre Dir etwas zu⸗ gestoßen,“ sagte er;„unsere Gegend ist so unsicher; Plünderung und Todtschlag sind hier keine Seltenheiten; mir zu Liebe, Ellinor, setze Dich der Gefahr nicht mehr aus.“ „Du weißt ja zu wohl, daß ich nicht weit laufen kann,“ er⸗ widerte sie mit einem so sonderbaren Lächeln, daß er stutzig wurde und ihr die Treppe hinauf in ihr Zimmer folgte. „Du zürnst mir, Schwester, ich sehe es,“ sagte er mit zer— knirschter Miene,„ich habe gestern zu viel getrunken und habe in meiner Herzensfreude, Dich und den lieben Freund, der mir kurz vorher sein Herzensgeheimniß mitgetheilt hatte, vielleicht vereinigen zu können, viel zu viel herausgeplaudert. Es war so treu und so ehrlich gemeint, Ellinor,“ sprach er und sah sie betheuernd von der Seite mit den wässerigen Augen an. Sie meinte, sie hätte nie etwas Häßlicheres gesehen wie dies Gesicht. Er wartete einige Augenblicke; in Ellinors bleichem Gesichtchen zeigte sich keine Spur von Bewegung, ihre Augen blickten so kalt, ja trotzig, daß Georg einsah, er müsse zu den äußersten Hilfsmitteln greifen. „Die Freude ist ein seltener Gast im Hause des von der Wiege an Verstoßenen; sie paßte nicht zu mir, sie war mir zu neu und hat mich wahnsinnig gemacht, und der Wahnsinn hat mir Dein Herz entfremdet. Wirf mich nicht hinweg, Ellinor, diese Stunde könnte entscheidend in meinem Leben werden; vielleicht war es in Konnte ihr gütiger Vater seiner Tochter,* CVVVVDVDVVVUVUVUVUVUDUVUDUVUVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVDTV———— 7 E P del lie ge ur g 0e 1d ein lde ———— dae eee eee e n 203=. Deine Hände gelegt, mich zu einem Menschen zu machen, und Du stößest mich von Dir, weil ich Dein Glück gründen wollte. Ich bin kein Diplomat, Ellinor; ich hätte mit Anstand und Feinheit Dich nach und nach darauf vorbereiten sollen, daß ein glänzendes Glück sich vor Dir aufthue; der vernachlässigte grobe Georg aber kennt keine Grenzen, er hat die verletzt, der er den Himmel auf Erden schaffen wollte. Verzeihe- mir, Schwester; nimm Dich meiner an, Du siehst, welch ein armer Mensch ich bin.“ Und als sie immer noch schwieg, ja sich hartnäckig gegen das Fenster wendete, fiel er zu ihren Füßen, umklammerte ihre Kniee und schluchzte in ihr Kleid hinein, daß sein ganzer Körper davon erschüttert wurde. „Stehe auf,“ rief sie ungeduldig,„das sind Scenen, die mir in der tiefsten Seele zuwider sind.“ Er stand augenblicklich auf seinen Füßen und blickte sie ver— stohlen an. Was war denn nur plötzlich über das leichtgläubige vertrauensselige Mädchen gekommen? Er mußte hier andere Saiten aufziehen. „Die Handwerksleute kommen morgen,“ sagte er in ruhigem Tone,„Du bist die Gebieterin hier, Ellinor. Dieses Zimmer hier und zwei und drei daneben lasse Dir nun ganz nach Deinem Ge— schmack einrichten, Du sollst Wagen und Pferde haben und Du hast nur zu befehlen. Der Vater weist Dich vor die Thüre, und ich bin ein glücklicher Mann, meinem Schwesterchen mein Haus zur Verfügung stellen zu können. Wir wollen morgen eine kleine Reise zusammen antreten, die Eindrücke der letzten acht Tage haben Dich verstimmt, und ich will schon sorgen, daß es Dir an Zerstreuungen nicht fehlt; rüste Dich, mein liebes Kind; Klas wird Dir heute aus der Stadt Alles mitbringen, was Du an Wäsche und der— gleichen bedarfst. Setze Dich nun nieder und schreibe Alles genau auf, wie Du Deine Zimmer, während Deiner Abwesenheit, eingerichtet wünschest. Ist nun der Friede zwischen uns geschlossen, Schwesterchen?“ Er sah ihr in's Gesicht und nahm ihre widerstrebende Hand. Sie sah ihn mit großen erschreckten Augen an, aber sie sagte kein Wort. Nun war sie verloren! Wenn er sie weit fortbrachte, in eine un— bekannte Welt, dann mußte sie sich seinen Wünschen und Drohungen fügen. Kam denn kein Mensch in diese Wildniß, hatte sie Nie— manden in der weiten Welt, der sie vermißte, der nach ihr suchte? Was hatte sie gethan? Wie ein Hoffnungsstrahl durchzuckte sie der Gedanke, daß Klas heute abwesend sei. Sie mußte sich retten, war einmal die Land⸗ straße erreicht, so erbarmte sich ihrer vielleicht ein Mensch und brachte sie in das nächste Dorf. Georg sah einige Male nach ihr und bat sie, hinunter zu kommen. Sie erwiderte kurz, sie ziehe das Zimmer oben vor. Nachmittags ging sie in den Garten; aber es dauerte keine Minute, da war Georg neben ihr. Mit fieberheißem Gesicht, am ganzen Körper bebend, erwartete sie den Abend. Sie öffnete leise ihre Thüre, die Köchin bewegte sich vor ihr im Dunkeln; sie versuchte es noch einige Male, die Frau schlich immer vor der Thüre ihres Zimmers umher. Thränen der Angst und der Verzweiflung über— strömten Ellinor's schönes Gesicht.„Rette mich, Mama, rette Dein Kind,“ hauchte sie halb ohnmächtig. An der Wand unter ihrem Fenster waren Latten angebracht, sie waren defekt und hatten früher einmal zum Emporziehen eines Weinstockes oder eines Baumes gedient. In der Nacht schliefen wohl ihre Kerkermeister und Klas schien noch nicht aus der Stadt zurück zu sein. Sie wagte es, sie mußte es wagen, an den Latten hinunter zu gleiten, sobald Mitternacht gekommen war. Wenn sie dann auch die Februarnacht unter freiem Himmel zubrachte, was lag daran, sie hatte doch die Kerkermauern hinter sich.— Sie hatte das Fenster geöffnet und horchte in die Nacht hinaus; Alles war öde und lautlos, wie im Grabe; ihr Herz schlug, ihre Pulse tobten und in den Ohren klang es ihr wie Glockengeläute. Sinnlos, außer sich, sprang sie auf die Brüstung des Fensters und ihr Fuß trat auf eine querlaufende Latte. Ein Krachen des verwitterten Holzes und Ellinor stürzte hinunter. Der Fall geschah aus beträcht— licher Höhe, und blieb sie, ohne nur noch einen Schmerzenslaut auszustoßen, leblos unten liegen. N. Klas trat in das Gastzimmer eines Hötels der Stadt und sah sich nach einem Tische um, wo er noch Platz finden konnte. An einem Tischchen saß ein junger Herr, der so in seine Gedanken vertieft schien, daß er nicht merkte, wie sich Jemand geräuschvoll ihm gegenüber niederließ. Klas ließ sich eine Flasche Wein geben. „Von Ihrem besten,“ rief er dem Kellner zu und sah gering— schätzend auf das Glas Punsch, welches der Herr vor ihm hatte kalt: werden lassen. Dem Fremden schien eine Erinnerung zu kommen, er faßte plötzlich Klas genauer in's Auge.„Hier, Herr Verwalter,“ sagte der Kellner und stellte die Flasche vor Klas.„Wie geht es Herrn Lindner, man hat ihn so lange nicht in der Stadt gesehen.“ „Herr Lindner hat Besuch, einen feinen Besuch; er will morgen früh eine längere Reise antreten, und ich werde ihn begleiten. Je nachdem kommen wir erst im Sommer wieder zurück,“ entgegnete Klas, steckte die Hände in die Hosentaschen und streckte breit die Beine von sich. Sein Gesicht war geröthet und sein Haar ver— wirrt, er hatte augenscheinlich zu viel getrunken. Die Stimme war dem Fremden bekannt.„Es ist mir, als hätte ich Sie schon einmal gesehen,“ sagte der Fremde zu Klas.—„Mag wohl sein, ich erinnere mich nicht mehr,“ entgegnete der Verwalter. „Sie sind also der Verwalter des Herrn Lindner von Mands— felt?“ fragte der Fremde. a „Wer sagt denn das? ich bin der Verwalter des Herrn Geor Lindner in Lengen. Wir sind Jugendfreunde, zusammen aufgewachsen, war wie's Kind vom Hause in Mandsfelt,“ erklärte Georg und trank. „Herr Lindner hatte drei Kinder, nicht wahr?“ fragte der Fremde mit großem Interesse. „Ja wohl, noch eine Tochter aus erster Ehe, die schöne Adeline ist verschollen; und dann die jüngste Tochter,— ja, die hatte auch Herr Lindner.“ Georg lachte sonderbar vor sich hin. „Die Herrn Eduard van Mossel heirathen wird,“ sagte der Fremde in scheinbar gleichgültigem Tone. „Davon ist gar keine Rede mehr,“ antwortete Klas und schüttelte energisch den Kopf.„Ich meine, jetzt hat wohl ihr Bruder auch ein Wort dabei zu sagen; Fräulein Ellinor heirathet den Freund ihres Bruders und keinen Andern.“ Er trank sein letztes Glas aus und rief:„Kellner, noch eine Flasche von demselben.“ „Das ist mir ganz neu, seit wann ist denn dies beschlossen?“ fragte der Herr mit Interesse. „Das glaube ich wohl, daß Ihnen das neu ist,“ lallte Klas; „gestern Abend ist in Lengen die Verlobung gefeiert,“ und Klas riß noch einmal die Augen groß auf, bewegte schlaftrunken den Kopf von einer Seite zur andern und dann fiel sein Kopf auf den Tisch. Der Fremde erhob sich leise und verließ das Gastzimmer. Zehn Minuten später flog er auf einem schnellen Pferde, neben ihm ein Reiter als Wegweiser, dem drei Meilen entfernten Lengen zu. Der Wind sauste ihm um die Ohren, sein Pferd berührte kaum mehr den Boden.„Hatte der trunkene Mensch die Wahrheit gesprochen?“ Am Tage nach Ellinors Verschwinden war Otto von Manners nach Mandsfelt gekommen. Warum? Er ärgerte sich darüber; aber die Sehnsucht nach dem Mädchen, das eine Fremde für ihn werden wollte, ließ ihn nicht rasten noch ruhen. Er fand das Haus in Alarm, Herr Lindner raufte sich die Haare und war wie wahn— sinnig. Am vorhergehenden Abend waren Boten zu Eduard van Mossel gesandt worden; man wußte nichts von Ellinor und Eduard war mit seiner Mutter zur Hochzeit seines Bruders gereist. Da fiel es Marie, dem Kammermädchen, ein, daß Fräulein Ellinor ihre Schlittschuhe mitgenommen, als sie Nachmittags das Haus ver⸗ lassen. Otto von Manners untersuchte den dem Tannenwäldchen gegenüber liegenden Weiher; das Eis war an einer Stelle sehr dünn und es sah wirklich so aus, als sei hier Jemand eingebrochen. Es packte ihn die Verzweiflung, er brachte eine Menge Leute zu— sammen, er selbst arbeitete wie ein Wahnsinniger; der Weiher mußte schnell vom Eise befreit werden. Otto mußte die Gewißheit haben, ob das blühende Leben hier unter der Eisdecke ihr Grab gefunden. Er tobte, er wetterte, die Leute arbeiteten gemächlich, als wäre es ihr Alltagswerk, und es galt doch, über sie, über Ellinor, eine Ge— wißheit zu erhalten. Der alte Vater kam wohl ein Dutzend Mal des Tages gelaufen, das lange weiße Haar flatterte im Winde und sein Gesicht drückte eine unbeschreibliche Seelenangst aus; mit den zitternden Händen nahm er kleine Eisstücke hinweg und fragte den rastlosen arbeitenden Neffen:„Noch keine Spur von meinem Kinde?“ Auf die stumme Verneinung kam ein Hoffnungsstrahl in seine Seele und er eilte nach Hause, sein Kind konnte ja mittlerweile 85 204 W.. wieder nach Mandsfelt gekommen sein.— Die dicke Eiskruste war entfernt und nun beschloß Otto, das Wasser langsam ablaufen zu lassen. Er stand, den Blick starr auf das immer seichter werdende Wasser gerichtet, das Becken war leer— Ellinor war nicht unter der Eisdecke erstickt! Er athmete auf. werden, die Polizei von Kenntniß zu setzen. Täg⸗ lich eilte Otto zur Stadt; er setzte hohe Preise aus für diejenigen, die ihm nur irgend eine Spur an⸗ geben wollten. Lindner wartete in Mandsfelt Tag und Nacht auf Ellinor und klagte sich in den herzzerreißendsten Worten an, daß er sie seit der Mutter Tode sich ganz selbst überlassen und das Unglück verschuldet habe. „Meine Ideen verwirren sich! Otto,“ sagte ex, als sein Neffe sich wieder Morgens nach der Stadt begeben wollte;„ich habe so viel Unglück im Leben gehabt; in der Nacht war es mir, als höre ich meine Kind in der größ— ten Bedrängniß nach ihrer Mutter rufen und plötz— lich tauchte höhnend das Gesicht des verlorenen Menschen in Lengen vor mir auf. Wäre es mög⸗ lich, daß er—“ Lindner brach ab, ein nervöses Zittern hatte seinen ganzen Körper ergriffen, Otto eilte auf ihn zu, ihn zu einem Sitz zu führen. „Sie ist nicht ertrunken, Onkel; mit Hilfe der Polizei werden wir sie ausfindig machen,“ trö— stete Otto. Die Worte Lindners aber machten ihm einen tiefen Eindruck und er beschloß beic seiner Rückkehr Abends, ehe der Mond aufgegangen war, nach Lengen zu reiten und sich wenigstens die Oertlichkeiten anzusehen. Er wurde in der Stadt aufgehalten, verschiedene Berichte lauteten, sie wäre freiwillig gegangen, man habe sie an dem bezeich— Aber nun durfte kein Augenblick verloren dem spurlosen Verschwinden Ellinors in neten Tage in der Stadt den Abendzug nach dem Süden nehmen sehen. Otto kehrte Abends in tiefer Niedergeschlagenheit in das Hötel zurück und fragte sich, warum das arme verlassene Kind sich nicht längst an die Familie van Mossel gewendet, wenn ihr die Heimath nach der Mutter Tode so trostlos erschienen. Nun begriff er nichts mehr, vielleicht war sie mit dem Freunde, ja dem Verlobten, wie er annahm, entflohen. Auf die Eröffnungen des Betrunkenen hin war er mit dem Wind um die Wette Lengen zugejagt. Er sprang vor dem Wohn— haus aus dem Sattel und überließ sein Pferd dem Begleiter. Er erblickte an der Hinterseite des Gebäudes Licht. Ein Fenster stand offen. Ueberrascht trat er weit zurück. Lag da nicht im hellen Gute Freunde. stalt? Er näherte sich rasch: ein bleiches friedliches Kindergesicht war dem vollen Mond zugewendet, Ellinor schien in süßem Schlafe zu ruhen und die dichten Locken deckten die harte winterliche Erde, als ruhten sie in weichen Kissen. Mit einem leisen Aufschrei warf sich Otto neben sie nieder, hob den Kopf empor an seine Brust und rief in einem herzzerreißenden Tone:„Ellinor, meine Ellinor!“ Er faßte in Verzweiflung den jungen blühenden Leib in seine Arme und drückte glühende Küsse auf das kalte erstarrte Gesicht.„Todt, todt!“ klagte er zu dem kalten Winterhimmel empor. „Das Pferd herbei,“ schrie er in die Nacht hinein. Er nahm sie fest in seine Arme vor sich auf das Pferd und hüllte sie sorgfältig in seinen Mantel ein. Als das Pferd davon trabte, fiel ein Schuß aus einem der vorderen Fenster und Georg's Stimme rief: „Diebe, Mörder,— Klas ihnen nach!“ Die Kugel war dicht an Otto's Schulter vor⸗ beigegangen,— was war das? er glaubte, ein Zittern sei durch den zarten, dicht an ihn ge⸗ schmiegten Körper ge— gangen.„Wenn sie wie⸗ der zum Leben erwachen könnte,“ rief er in wildem Entzücken in die lautlose Nacht hinaus.—„O, ich wollte sie ja selbst einem Andern gönnen, wenn mich nur ihre süßen, reinen Augen nur einmal noch im Leben lieb und gut wie ehe— mals anblickten. „Zum Arzt, zum Arzt,“ rief er dem Manne zu, der ihm kaum zu folgen vermochte;„reiten Sie sogleich auf dem kürzesten Wege zur Stadt, eilen Sie, eilen Sie, eine Belohnung von hundert Thalern, wenn Sie den Arzt, ehe der Morgen graut, nach Mandsfelt bringen.“ Er war wie wahnsinnig vor Freude, ihr Herz pochte gegen das seinige.„Meine Ellinor,“ flüsterte er leise und küßte inbrünstig ihre feuchten Locken.— Wie Kinder in abgebrochenen Worten im Schlafe reden, so kam leise, wie hingehaucht über ihre Lippen: „Wenn Du es nur wüßtest, Otto, wie ich immer nur an Dich denke, — o, es ist wieder nichts, wie ein Traum,— ich weiß ja, daß er Rose liebt,“ und ein schmerzlicher Seufzer hob ihre junge Brust. „Ellinor!“ jubelte Otto auf und drückte sie mit unbeschreiblichem Entzücken an seine Brust.„Ellinor, ich liebe Dich, ich habe nie eine Andere geliebt!“ Wie der allmächtige Hauch des Frühlings das im Frost Er— starrte zum Leben und zur Freude des Daseins ruft, so schlug nun Ellinor groß die Augen zu dem Sternenhimmel und zu Otto auf. „Otto,“ flüsterte sie mit einem Kinderlächeln;„könnte ich doch den Traum festhalten mein Leben lang.“ 9 Mondschein unter dem hellerleuchteten Fenster eine menschliche Ge— 0 1 5 1„ 1 3 * 1 1 „ 5 1 „ e 1 N 1 „ N 0 e . n e 5 b 1 N t 4 „ 5 11 e U . 5 6 6 . U ie l; „Du träumst nicht, geliebte Ellinor,— ja, ja, könnte ich Dich wie jetzt an meine Brust drücken, mein Leben lang,“ rief er in namenloser Wonne und ritt mit ihr in den Hof von Mandsfelt ein. Lindner, der die Nacht durchwacht hatte und ängstlich die Rück— kehr seines Neffen erwartete, kam eiligst an die Hausthüre; die Kammerjungfer, die Köchin, alle Hausbewohner, die in fieberhafter Spannung Tag und Nacht auf eine Nachricht gelauert, sie wurden Alle durch den Trab des Pferdes um drei Uhr Morgens herbeigelockt, eine wichtige Nachricht zu Zurg Mheinstein. „An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rathe Dir gut, Da geht Dir das Leben so wonnig ein, Da wallt Dir so feurig das Blut.“ Diese Warnung des Dichters hat noch keinen Menschen vom Rhein zurückgeschreckt, denn sie ist im Grunde eine freundliche Ver— heißung. Wer nicht den hören.„Er bringt sie zurück,— er hält Fräulein Ellinor,“ riefen sie freudig durcheinander und dräng⸗ ten sich an das Pferd und streckten die Arme aus, die Gerettete zu em⸗ pfangen. Otto wollte sie in die freudig emporge⸗ hobenen Arme des Vaters legen; die frohe Ueber— raschung aber war zu viel für Lindner's geschwächte Gesundheit, derselbe sank bewußtlos in die Arme eines Knechtes. Ellinor war einige Wochen lang sehr krank, und als sie zum ersten Male in der lauen Früh⸗ lingsluft durch den Garten ging, da strahlte ihr Gesicht von einer wunder⸗ baren Freude,— Otto, ihr Geliebter, ihr Ver— lobter führte sie und flüsterte ihr Worte zu, die den Himmel vor ihr öffneten. Sie blieb ein ganzes Jahr Otto's Braut, das hatte sich der Vater, der sich so schwer von seiner Ellinor trennen konnte, erbeten. Sie hatten aber beschlossen, daß keine lange Trennung zwischen ihnen liegen dürfe; der Vater hatte eingewilligt, daß er den Winter immer bei seinen Kindern in Ar— münde zubringen werde. Und als wieder ein Mai kam, da wurde eine schöne stille Hochzeit in Mandsfelt gefeiert. Eduard van Mossel sah mit ruhigem, friedliche Blick auf das schöne Paar, und als die holde Braut verschämt kam, um Abschied von ihm zu nehmen, schloß er sie in seine Arme und drückte einen innigen Kuß auf ihre Stirne.„Gott behüte und beschütze Dich, mein Kind,“ sagte er weich;„vergiß nicht, daß Du keinen treuern Freund hast, als den Onkel Eduard.“ Von Georg Lindner und seinem Verwalter ist nie wieder eine Spur gefunden worden; das verschuldete Lengen fiel dem Baron von Berschau zu. Burg Rheinstein. Vorzug besitzt, im Rhein⸗ thal geboren zu sein, dem wird beim Anblick dieses mächtigen Stromes die Seele weit. Kein Strom der Welt hat so schöne pittoreske Ufer, als der Rhein und keine Strom⸗ ufer der Welt sind mit so poetischen Sagen und Geschichten umwoben, als jene des Rheins. Kaum hatten die Römer die Alpen überschritten, so dehnten sie ihre Er⸗ oberungszüge auf das weite Rheinthal aus und suchten hier ihre Herr— schaft zu befestigen. Dar⸗ um finden wir von den Tagen der römischen Welt— herrschaft ab bis zur Ge— genwart die steinernen Marken aller Jahrhun— derte an den Ufern des Rheins. Vom Römer⸗ kastell bis zum Sieges⸗ denkmal auf dem Nieder⸗ wald sind uns Baudenk— male aus allen Jahr⸗ hunderten erhalten und diese Kirchen und Ka— pellen, diese Burgen und Schlösser, diese Thürme und Königsstühle reden eine gewaltige und er— habene Sprache, denn im Rheinthal vollzogen sich gewaltige Umwäl— zungen und weltgeschicht— liche Thaten. Als die schimmernde Krone des Vater Rhein möchte ich Bingen bezeichnen, dessen Schönheit in den Liedern fast aller Kulturvölker ge⸗ priesen wird und in dessen ruinen-geschmückten Um⸗ gebung sich dereinst ge— waltige Ereignisse voll⸗ zogen haben. Auf einer Anhöhe, dicht beim Städtchen, liegt jene Burg Klopp, auf welcher einst der schwarze Heinrich seinen eignen Vater, den Kanossa⸗ gänger Heinrich IV., in's düstere Burgverließ hinabwerfen ließ. Ueber dieser schauerlichen Gruft, in der einst ein greiser, ge— brochener Herrscher nach furchtbaren Kämpfen den schnödesten Ver— rath des eignen Sohnes beklagte, steht jetzt eine Aeolsharfe und wenn der Abendwind durch die Halle weht und die Saiten der Harfe leise aufrauschen läßt, so ist es, als ob die Geister der Ver⸗ storbenen noch einmal ihr Flehen, ihr Seufzen und Klagen in weichen, rührenden Tönen wiederholten. Bingen gegenüber liegt das mit Reben gesegnete Rüdesheim und die mächtige Brömser⸗ Burg am Ufer des Stromes, deren Quadern den Fluthen des Rheins und den Stürmen der Zeit im Laufe dieses Jahrtausends so oft — ö 6 . e 206= widerstanden, sah manchen deutschen Kaiser und hohen Prälaten durch seine Hallen ziehen. Die Spitze jenes Berges aber, der das köstlichste Rebenblut des ganzen Rheines hervorbringt, krönt das Schloß Johannisberg. Die Fürsten Deutschlands schenkten dem Diplomaten Metternich diese steuerfreie Besitzung dafür, daß er ihnen ihre Throne und Thrönchen, dem deutschen Volke aber ein zerstücktes und zerrissenes Vaterland gab. Rheinabwärts liegt eine der stolzesten Burgen des Rheins, jener Rheinstein, dessen Abbild wir dem Leser in unserer heutigen Nummer vorführen. Bekanntlich ergriff nach der sogenannten Restauration ein Hang zur Romantik die deutschen Gemüther. Da die Jugend ihre politischen Ideale nicht verwirklicht sah, so wandte sich ihr Sehnen der Vergangenheit zu. Die Dichter besangen die Helden des nebelhaften Mittelalters, man begeisterte sich für Burgruinen, Klöster und Gräberfunde und reiche Fürsten ließen auf den hohen Felskuppen die halbzerstörten Burgen des Mittelalters schöner wieder— erstehen, als sie je zuvor gewesen. Im Jahre 1825 ließ der in Düsseldorf residirende Prinz Friedrich von Preußen die Ruinen des Rheinstein in mittelalterlichem Style wieder aufbauen. Auf einem kühn und steil aufragenden Felsen erheben sich die zackigen Mauer— kronen und Thürme der Burg hoch über die grünen Wipfel jener Wälder, welche die Ausläufer des Hundsrück bedecken. Epheu und wilde Reben umschlingen die mächtig aufstrebenden Thürme und in den Hallen und Sälen dieses Prachtbaus befindet sich eine der aus— erlesensten Sammlungen mittelalterlicher Waffen und Prachtgeräthe, die wir in Deutschland besitzen. Fenster mit reichen Glasmalereien, geschnitzte Betstühle, reiche Trinkgefäße und Skulpturen mancherlei Art verstärken die Illusion, daß wir uns in einer Burg aus der Zeit der Kreuzzüge befinden. Wer auf schwindelnden Treppen zu dem höchsten Wartthurm hinaufzusteigen wagt, vor dessen Augen entfaltet sich ein Panorama, wie es großartiger und schöner kaum in einem andern Theile der Welt gefunden wird. In der Tiefe rauscht der Strom durch jene Felsen, welche man als das Binger Loch bezeichnet. Hier zog der Strom bekanntlich eine Menge größerer und kleinerer Fahrzeuge in seine Strudel, bis die Regierung durch Kanonenschüsse die Felsen und Riffe, soweit es der niederste Wasser— stand zuließ, zu beseitigen suchte. Eine ernstliche Gefahr für die Rheinschiffe bietet heute das Binger Loch nicht mehr, aber noch immer dringt das Brausen und Rauschen der Strudel zu den Ufern herüber und mahnt uns an die Gefahren, welche der Strom beim Eisgang oder bei hohem Wasserstand den Bewohnern des Thals bietet. Und vom Rheinstein herab sieht man auch den Mäusethurm, von dem die Sage behauptet, daß derselbe einst die Kornvorräthe des Bischofs Hatto verschlossen habe. In Wahrheit ist der Name dieses Thurmes, der auf einer Insel mitten im Rhein steht und daher zur Ueberwachung und Absperrung des Stromes mit Nutzen verwandt werden konnte, aus der Bezeichnung Mauthsthurm ent— standen. Der Mäusethurm war zuverlässig eine Zollwarte, denn alle die kleinen Herren, welche in der guten alten Zeit am Rhein regierten, suchten den Handel auf dem Strom durch Zölle und Ab— gaben für ihre Kassen auszubeuten. Wo sich daher eine Zollsperre anbringen ließ, wurden die Handelsschiffer geschröpft. Am Fuß des steilen Burgfelsens liegt die Clemenskapelle und diese schaut auf ein Thal herab, wo Kaiser Rudolf von Habsburg jene Raubritter des Rheins erdrosseln und hängen ließ, deren stolze Burgen er zuvor gebrochen hatte. Zu den Raubnestern am Rhein gehörte auch Burg Aheinstein und es war der rheinische Städtebund, welcher dieselbe einst zerstörte. Später wurde dieselbe von Phillip von Hohenfels wieder aufgebaut und den Rittern von Waldeck zur Verwaltung übergeben. In späteren Jahrhunderten benutzte die erzbischöfliche Kämmerei in Mainz die Burg als eine Zollstätte und es ist wahr— scheinlich, daß sie behufs einer wirksamen Kontrole der Rhein— schifffahrt mit dem Mäusethurm und der gegenüber liegenden Burg Ehrenfels in Verbindung stand. Im Lauf des vorigen Jahrhunderts verfiel Alt-Rheinstein ganz und Prinz Friedrich kaufte die Ruine von dem Freiherrn von Eyß. Der Baumeister, welcher sie im alten Styl wieder herstellte, war Lasaulr. Heute gehört dieselbe den Söhnen des Prinzen Friedrich, Alexander und Georg von Preußen. Der Wiederhersteller selber ordnete vor seinem Tode an, daß seine Leiche in der Burgkapelle beigesetzt würde. a Vom Rheinstein schweifen die Blicke auch zu den Höhen des Niederwalds hinüber, über dessen grüne Eichenwipfel die Germania des Nationaldenkmals die schimmernde Krone emporhebt. Diese herrliche, majestätische Gestalt Meister Schillings verleiht dem Be⸗ schauer das freudige Gefühl, daß die Burgen und Schlösser des Rheins, die Zollthürme und Basteien heute nichts anderes mehr be— deuten, als einen Schmuck des schönen Stromes. Schließlich dürfen wir es nicht unerwähnt lassen, daß die poe⸗ tische Schönheit des Rheins in den Augen aller Besucher gesteigert wird durch den Wein seiner Rebenhügel. Wie dieser die Be— geisterung weckt, das verrathen uns die Lieder der besten deutschen Poeten. Die schönste Gegend des Rheins, die Berge und Thäler bei Bingen, sind auch mit den feurigsten und aromatischsten Weinen gesegnet. Der Johannisberg und die Rebengelände zu Rüdesheim liefern die köstlichsten Weißweine, die felsigen Berge von Aßmanns⸗ hausen den herrlichsten Rothwein. Hier kann man wirklich mit dem Dichter Roquette vom Rheingau sagen: „Wie Stern an Stern, so reiht sich dort In Hügelketten Ort an Ort, An jedem Ort ein neuer Wein, Hier goldig, dort im Purpurschein, Man wandert aus, man wandert ein, Man glaubte im Himmel gar zu sein!“ Lose Blätter. Die Rosenritter. Die Familie Königsmark führt als Wappenschmuck über der Helmkrone eine Jungfrau, welche drei rothe Rosen in der Hand hält. Die Chronik giebt zwar keinen Aufschluß über die Bedeutung dieses Zeichens, wohl aber wird in der Familie nachfolgende Begebenheit erzählt: „Markgraf Sigismund von Brandenburg verlobte sich im Jahre 1380 mit der damals erst zehnjährigen Königin Maria von Ungarn, der Tochter König Ludwig I., und gewann dadurch ein Anrecht auf die Krone des Magyaren⸗ reichs. Als er sich, um dieses geltend zu machen, 1382 nach dem Vater⸗ lande seiner Braut begab, trat ihm die Partei der Magnaten unter dem von dieser erwählten Könige Karl dem Kleinen feindlich entgegen, so daß er so— gleich in schwere Kämpfe verwickelt wurde. Er gelaugte auch noch keines⸗ wegs in den unbestrittenen Besitz der Krone, als 1385 eine formelle Ver⸗ mählung Sigismunds mit der noch immer sehr jugendlichen Königin statt— fand, vielmehr nahmen die Kämpfe jetzt einen um so heftigeren Charakter an, als es einem seiner mächtigsten Gegner, dem Ban von Kroatien, gelang, die junge Gemahlin Sigismunds gefangen zu nehmen und fortzuführen. Jetzt stand es schlimm mit den Aussichten Sigismunds. Da erbat sich der Ritter Rüdiger von Königsmark, welcher dem Markgrafen nach Ungarn ge— folgt war und stets tapfer an der Seite seines Herrn gefochten hatte, die Erlaubniß, mit einer kleinen auserwählten Schaar auf eigne Hand auszu— ziehen und die gefangene Königin zu befreien. Nach langen abenteuerlichen Fahrten fand der Rikter das befestigte Kloster, welches die holde Gefangene einschloß und erstürmte dasselbe durch Ueberrumplung der überraschten Be⸗ satzung.— Als er darauf die befreite Fürstin ihrem Gemahl zurückgeführt, ließ dieselbe ihren Retter zu sich bescheiden, um ihn würdig für seine That zu belehnen. Auf die an Rüdiger gerichtete Frage, wie dies geschehen könne, gab derselbe zur Antwort, er bäte um die drei Rosen, in deren Besitz sich die Königin augenblicklich befinde. Da neigte sich diese zu ihm herab und reichte ihm die rosigen Lippen zum dreimaligen Kusse dar. Von dieser Stunde an ward Rüdiger von Königsmark von seinen Zeitgenossen der Rosenritter benannt und er selbst nahm zur Erinnerung an die ihm gezeigte bohe Gunst, den oben erwähnten Schmuck in sein Wappen auf. Soweit die Sage! Merkwürdig genug, wissen eine ganz ähnliche, ja fast gleiche Sage die Glieder der in Deutschland, Dänemark und Schweden verzweigten Familie von Rosen von ihrem Ahnherrn zu erzählen. Dieser nämlich stand im Dienst eines ungenannten Königs von Böhmen und leistete demselben bei verschiedenen Kriegsgelegenheiten gute Dienste. Als der Ritter einstmals nach gewonnenem Siege an den Hof seines Herrn heimkehrte, wollte auch die Gemahlin des Königs den Tapfern würdig belohnen und fragte daher, ob derselbe einen Wunsch hege, den sie zu erfüllen im Stande sei. Auf diese Frage soll der Ritter genau wie dereinst Rüdiger von Königsmark ge⸗ antwortet haben und es soll ihm auch eine gleiche süße Gunst wie diesem zu Theil geworden sein. Darauf hat der König dem Ritter den Namen von Rosen beigelegt und bestimmt, daß derselbe drei Rosen im Wappen⸗ schilde führe. Bemerkt muß hier noch werden, daß der Dichter La Motte Fouqus diese Sage in einer herrlichen Romanze poetisch behandelt hat, jedoch ohne näheren Hinweis auf Ort und Zeit. Ur. 2 Die Tochter Philipps von Orleans.„Die gute alte Zeit“ ist zu einer stereotypen Redensart geworden, die sich fort und fort wiederholt hat, daß man glauben sollte, wir seien zu wahren Kindern Sr. infernalischen Majestät geworden. Glücklicherweise ist die gute alte Zeit eine grandiose Lüge, und werfen wir einen Blick auf die Spezialgeschichte und die Me— moirenliteratur, so müssen wir wenigstens von dem Jahrhundert, das der großen Revolution vorherging, bekennen, es habe sich den Ruhm der größten Unsittlichkeit erworben, die seit den Tagen der schmachvollen römischen Imperatoren geherrscht hat. Als Mittelpunkt des Hexensabbaths zeigt sich der Regent Frankreichs während der Minderjährigkeit Ludwigs des Shuffen nk hilipp von Or⸗ leans, der Sohn der sittenreinen Elisabeth Charlotte, deren edle Biederkeit 207 2 mit ungeschminkter Rauheit freilich Hand in Hand ging. Vergeblich war ihr Bemühen, den Sohn zu bessern, vergeblich die e als er die Tochter der Frau von Montespan, Frangoise Marie de Bourbon, als Ge— mahlin acceptirt hatte. 5 Die Prinzessin war eigentlich zur Lüderlichkeit zu faul und, was damit Hand in Hand zu gehen pflegt, zu gefräßig. Wochenlang blieb sie oft im Bette liegen und empfing ihren Hof, das heißt wenn sie nicht betrunken war, wie denn das Laster des Trunks unter den höchsten Damen ganz gewöhn— lich war. Elisabeth Charlotte schreibt an ihre Halbschwester:„Das Sauffen ist gar gemein bey die Weiber hir in Frankreich.“ Aus der Ehe des Prinzen mit dem Kinde der königlichen Geliebten gingen sechs Töchter hervor, von denen die älteste, die Herzogin von Berri, schon in ihrem vierundzwanzigsten Jahre ihren Ausschweifungen unterlag. Sie war der Liebling der Großmutter gewesen, die sich erst, als Strenge und freundliche Ermahnung nichts helfen wollten, von ihr abwandte und ihre 1 0 der dritten Tochter, Prinzeß Charlotte Aglaja von Valois, zuwandte. In ihrer Jugend hatte diese eine Schönheit zu werden verheißen, doch nur zu bald erhielt die Nase des Tabakschnupfens wegen eine unangenehme Form; sie wurde einem Adlerschnabel ähnlich. Trotzdem erregte sie die Neigung des größten Don Juans jener Tage, des gewissenlosen Herzogs (späteren Marschalls) von Richelieu. Derselbe wußte dem fünfzehnjährigen Mädchen eine heftige Leidenschaft einzuflößen, daß sie Anfangs den Herzog Franz III. von Modena, der um ihre Hand warb, ausschlug. Um die ro⸗ mantische Liebe des Fräuleins von Valois und des Herzogs hat die sitten— lose Literatur jener Zeit, namentlich Richelieus Biograph, Soulavie, wider⸗ liche Arabesken geschlungen. Da konnte es nicht anders gewesen sein, als daß sich der Held als Kommis, Bettler, Kammermädchen verkleidete, ja so⸗ gar Wände durchbrach, um zu seiner Geliebten zu kommen. Uebrigens hatte die i Mademoiselles die Folge, daß Richelieu am 29. März 1719 in die Bastille gesteckt wurde, wo er blieb, bis Charlotte in die Heirath willigte. Das geschah nach sechs Monaten, die sie bei ihrer Großmutter zubrachte. Gehässige Zungen haben der Geschichte hinzugefügt, daß es die Hoch— 8 gewesen, die den letzten Widerstand zu Boden geschlagen ätten. Ju Modena fand das liebebedürftige Herz der Prinzessin durchaus kein Glück. Der Herzog hatte geglaubt, durch die Heirath Frankreichs Macht für sich zu interessiren. Das war nicht der Fall; die Herzogin hatte jeden Einfluß am französischen Hofe verloren. Ihr Gatte wandte sich von ihr ab und überließ sie der Trauer, in der sie umsonst ihr geliebtes Frank⸗ reich„mit der Seele suchte“. Am 19. Januar 1761 machte der Tod einem Leben ein Ende, das über vierzig Jahre unglücklich gewesen war. W. Gute Antwort eines Türken. Als sich Bonaparte in Aegypten befand, Nelson die französische Flotte zerstört hatte, und das Mamelucken-Ober⸗ haupt Murad Bei einen Angriff nach dem andern machte, die abzuwehren es schon Mühe genug galt, wurde Bonaparte's Lage noch verschlimmert, weil man von Konstantinopel einen Pascha mit achtzehntausend Mann sandte, um die Franzosen aus Aegypten zu vertreiben. Dieser Pascha landete bei Abukir, und schiffte seine Truppen glücklich aus, da der französische Obergeneral eben tief in's Land gerückt, um dort Murad Bei die Spitze zu bieten. Kaum hörte er jedoch, was an der Küste vorging, als er mit seiner gewohnten Schnelligkeit dahin zurück eilte, und eu Fürken eine Schlacht lieferte. Der Pascha hatte seinen Kriegern Enthustas mus ein⸗ geflößt, sie wehrten sich kühn und standhaft, die Janitscharen hingen ihre Flinten auf den Rücken, zogen die Säbel und metzelten damit Hunderte ihrer Angreifer nieder, allein die französische Artillerie, und die Ueber⸗ legenheit, welche Bonaparte im geschickten Manöveriren zeigte, gaben den— noch den Ausschlag, die Muselmänner wurden theils 1 8 theils in's Meer getrieben, oder auch gefangen. Unter Letzteren befand sich der Pascha selbst, den man entwaffnet zum siegreichen Feldherrn brachte.„Ich werde Sorge tragen,“ wendete sich Bonaparte an ihn,„daß der Sultan erfährt, mit welcher Tapferkeit Ihr in dieser Schlacht gekämpft, obschon unglückliche Umstände sie Euch verlieren ließen.“ Der Pascha antwortete:„Die Mühe kannst Du Dir sparen, mein Gebieter kennt mich besser als Du.“ II. Schnelle Justiz. Der König von Ashanti, einer Negerprovinz in Afrika, hatte das gesetzliche Vorrecht, 3333 Weiber g haben, denn auf dieser mystischen Zahl sollte das Wohl des Reichs beruhen. Im Jahre 1830 machten diese Weiber eine geheime Verschwörung gegen das Leben ihres Gebieters. Sie wurde aber entdeckt, was vorauszusehen war, denn ein Ge⸗ heimniß, das drei Frauen wissen, bleibt schwerlich lange verschwiegen, wenn man nun annimmt, daß es 3333 Weibern bekannt war, so mußte es vor der Ausführung bekannt werden.— Der König bestrafte diese Meuterei folgendermaßen: Er ließ sämmtliche Weiber in einen, mit einer Mauer umschlossenen engen Hofraum treiben. Eine Abtheilung seiner Soldaten mußte auf sie 3333 Kugeln schießen, um die Unschuldigen herauszufinden, denn wer von ihnen weder getödtet noch verwundet worden, galt bei ihm für schuldlos.— Getödtet wurden bei dieser Metzelei 1922, verwundet 1174, und 237 blieben unverletzt. Diese wurden in Gnaden aufgenommen und blieben in ihren alten Verhältnissen nach wie vor. N. Verschwendung in früheren Zeiten. Die römischen Kaiser gaben dem Volke Shnpiele deren Beschreibung an das Fabelhafte grenzt, obschon die Geschichtsschreiber, die von dem Luxus der Ueppigkeit und der Ver⸗ schwendung dieser Herrscher erzählen, darin übereinstimmen. Auf die öffent⸗ lichen Schaubühnen wurden eine Menge großer Bäume gebracht und dar⸗ auf verpflanzt, wodurch ein schattiger Wald symmetrisch dargestellt wurde. In solchem wurden den ersten Tag tausend Strauße, Hirche Rehe und 1 Wildpret getrieben und alles dieses Wild dem Volke preisgegeben; am folgenden Tage wurden daselbst hundert Löwen, hundert Ne und dreihundert Bären zu Tode gehetzt und om dritten Tage traten dreihundert Fechter-Paare auf, welche auf Tod und Leben kämpfen mußten.(Ein solches Fest gab der Kaiser Probus, regierte 276 bis 282 nach Chr. Geb.) Die großen Amphitheater, welche zu Schauspielen für das Volk erbaut waren, hatten von Außen eine Mauer von Marmor, welche rings herum mit Bildhauerarbeit und Statuen verziert war. In diesem großen Raum waren nach allen Seiten hin sechszig bis achtzig Reihen Bänke, ebenfalls von Marmor und mit Kissen belegt, worauf 1 1 Menschen be—⸗ quem Platz fanden. Unten war der Schauplatz, wo die Spiele stattfanden, so künstlich eingerichtet, daß man in solchem Spalten öffnen konnte, wodurch es aussah, als wenn es Höhlen wären, aus welchen die wilden Thiere, die für das Schauspiel bestimmt waren, hervorkämen. Außerdem konnte man diesen Schauplatz auch mit Wasser füllen, welches eine Menge Meerungeheuer brachte und auf welchem bewaffnete Schiffe gerudert wurden, um eine See— schlacht vorzustellen. Ließ man das Wasser wieder ablaufen, so diente der trockene Grund den Fechtern zu ihren Kämpfen. Der Dichter Calpurnius singt davon: — Wie oft seh'n wir der versunk'nen Bühne Wilde Thiere eutsteigen, aus der Erde geborstenem Schlunde; Und wie oft entwachsen den nämlichen Winkelhöhlen Goldene Gesträuche mit purpurner Rinde bekleidet. Nicht die Ungeheuer des Waldes nur gab es zu sehen, Auch die Meerkälber schaut' ich mit Bären im Kampfe; ein Unthier Dieses Meerkalb, das eher ein Pferd zu heißen verdiente. Zuweilen hatte man auf diesem Platze einen hohen Berg voll grünender und blühender Fruchtbäume aufgeführt, von dessen Gipfel ein Bach herab⸗ stürzte, wie aus der Oeffnung eines lebendigen Quells. Zuweilen sah mau darauf ein großes Schiff, welches sich von selbst öffnete und nachdem es vier⸗ bis fünfhundert Thiere zur Hatz aus seinem Bauche ausgespieen, sich wieder schloß und verschwand. Ein andermal ließ man aus der Tiefe dieses Platzes größere und kleinere Wasserstrahlen in die Höhe spielen und aus der Höhe wieder mit seinen Regentropfen auf die versammelte Menge herab— fallen. Um die Zuschauer vor schlechter Witterung zu schützen, überspannte man jenen ungeheuern Raum bald mit einem Teppich von Purpur, bald mit Seide von einer oder der andern Farbe. Die Netze, welche zwischen dem Schauplatze und dem Volke aufgezogen waren, um es gegen die wilden Thiere, die man losließ, zu schützen, waren von Gold durchwirkt. Vaterliebe. Im Jahre 1513 wurden die Franzosen unter der An⸗ führung des Marschalls von Trimouille bei Navarra von den Schweizern geschlagen. Zwei Brüder de la Marck blieben für todt auf dem Schlacht⸗ felde liegen. Der Vater, voll Verzweiflung über dies Unglück, eilte mit seiner Kompagnie, aus hundert Mann bestehend, nach dem verlorenen Schlachtfelde, fest entschlossen, sich entweder in den Besitz der Leichen zu setzen, oder mit seinen Söhnen zu sterben. Er machte einen so wüthenden Angriff auf die Sieger, daß es ihm gelang, bis zu dem Platze vorzudringen, wo seine Söhne lagen. Er nahm den Einen auf sein Pferd, ein Diener den Andern, und so wurden sie ganz zerfetzt in Sicherheit gebracht. Beide waren noch am Leben und man wandte alle mögliche Sorgfalt an, ihre schweren Wunden zu heilen. Es glückte auch und so hatte die väterliche Liebe zwei Jünglinge errettet. Beide haben sich später rühmlich ausgezeichnet und ihrem Vaterlande ersprießliche Dienste geleistet. Der älteste war der nachmalige Marschall von Fleurauge, der jüngste Jametz. M Dichter und Narr. Jacques Delille(geb. 22. Juni 1738, gest. 1 Mai 1813), der Dichter von les jardins, Pimmortalité de l'ame, der Ueber⸗ setzer des Virgil, der Hohepriester des reinen Deismus, der selbst mit seinen Versen die Terroristen erschütterte, begleitete seinen Freund, den Grafen von Choiseul-Gouffier, auf dessen Gesandtschaftsreise nach Kon⸗ stantinopel. Auf derselben begann das Augenübel, an dem er später ganz erblinden sollte, ernsthaft zu werden, so daß die Aerzte ihm die größte Ent⸗ haltsamkeit empfahlen, ihm unter Anderem das Kaffeetrinken untersagten. Das war für Delille, der, wie Voltaire, den Mokka über Alles liebte, die furchtbarste Marter, er suchte also seine Lieblingsneigung in einem türkischen Kaffeehause, wohin ihn ein türkischer Diener jeden Abend führte, zu be⸗ friedigen. Der Gesandte erfuhr von den geheimnißvollen Gängen seines Freundes und ließ den Kaffeewirth ersuchen, Delille keinen Kaffee zu ver⸗ abfolgen. Die Antwort lautete:„Ich kann dem Wunsche des Grafen keine Folge geben, da meine Religion es verbietet, Geistesgestörten etwas zu ver⸗ weigern.“—„Wie? geistesgestört?! närrisch?!“—„Allerdings; er thut, als ob er Niemanden sehe, redet mit sich selber und geht in meinem Laden auf und nieder, während er seltsame Geberden macht. Nur ein Narr thut das; der Narr der französischen Gesandtschaft erhält seinen Kaffee nach wie vor.“ W. G. Lord Palmerston berief sich auf den Ausspruch eines berühmten Arztes, als Jemand sich wunderte, daß er bei seinem Alter noch im Amte bleibe: „es ist gesund, sich nicht pensioniren zu lassen und fort und fort zu ar⸗ beiten.“„Wäre nicht eine tüchtige Opposition ebenso gesund?“ fragte ein eben anwesender Parlamentarier.—„Nein, nein,“ rief Palmerston:„Oppo⸗ sition macht bitter und sauer. Fragen Sie nur deshalb d' Israeli.“ Er selbst schien gar keine Galle zu besitzen.„Mir thut es leid, ihn geärgert zu haben,“ äußerte ein Lord, der gegen ihn das Wort ergriffen hatte. Palmerston hatte, in der Nähe stehend, das Wort gebört.„Beruhigen Sie sich,“ sagte er,„ich habe nichts von Galle und Aerger empfunden.“ W. G. . 9 4 ö 1 208. PVCCCCCCCCCbTCCTTTTbTTbTbTbTTTbTbTTTT 2 9 0 377 . 1 9 . dich be- dau⸗ laß möcht⸗ te ein haus nach dort ern 1 ö 7 5 ö nicht sen, sagte mir trau- trau⸗ fas: wei⸗ und ge⸗ ö „ 5 wie⸗ se geh' siehst ber rig se lachen nen lust 5. ——————— ges⸗ sie ver⸗ gar zu ern aue schmerzl sind schwis⸗ ö ö „5 25... e ge⸗ berg ber⸗ ü⸗ ort von im⸗ der ter sagt und auch all nend zu mir im- 75 kin⸗ fels hat sen um ort wei⸗ sie mer⸗ und hin durch-“ mes⸗ feld sonst ich und folgt er- fort ge⸗ b, so nend sche. schön flur und fragt Dreisilbige Charade. Die Letzte ist ein Dieb, und kann die ersten Zwei nicht leiden, Das Ganze, auch ein Dieb, stiehlt auch die ersten Beiden Arithmogriph. Aus folgenden Ziffern sind 19 Worte zu bilden, deren Anfangsbuch⸗ staben von oben nach unten, und deren Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, eine bekannte Stelle aus Herder's„Geretteten Jüngling“ ergeben. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 2.— Alpenthal im südöstlichen Graubünden. 25 6. 7. 4. 8. 9. 6. 1. 2.— Landschaft im südlichen Kleinasien. 2. 6. 10. 11. 12. 4. 6.— Verstorbener Komponist. 1. 13.— Zwei Buchstaben. 7. 4. 14. 15. 9. 1.— Nebenfluß der Maas. 10. 16. 6. 9. 8. 9. 3.— Ein Wundarzt. 11. 17. 16. 11. 18. 19.— Flüssigkeitsmaß für Spirituosen. 1. 14. 7.— Berühmter Badeort im preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden. 2. 4. 20 16. 19 4. 12. 6.— Sohn Jakobs. 1. 8. 3. 1. 2.— Männlicher Vorname. 14. 8. 12. 5. 1.— Nebenfluß der Elbe. 1. 3. 6. 2. 16. 4. 9. 5.— Geheimschreiber Karls des Großen. 2. 11. 9. 13. 1. 3. 1. 2.— Ein Königreich. 7. 4. 12. 15. 1. 6.— Küchengewürz und Arzneipflanze. 10. 4. 9. 5. 6. 18. 18— Hauptstadt der Grafschaft Glamorgan in Wales. 16. 4. 9. 18. 1.— Uraltes Saiteninstrument. 1. 9. 6. 2. 3. 1. 9. 19. 16. 4. 12.— Alpenthal im Kanton Wallis. 2. 4. 19. 4. 12. 6. 1.— Weiblicher Vorname. 7. 4. 9. 5. 1. 12. 12. 1.— Fischart der Gattung Häringe. Logogriph. Es sollte Niemand von Verstand Mir etwas anvertrauen! Wenn Kopf und Hals mir ist entwandt, War ich als Reiterzier bekannt In allen tapfern Gauen. Auflösung der zweisilbigen Charade in voriger Nummer: Kochsalz;— des Logogriph: Bleiche, Eiche;— des Buchstaben-Räthsels: l ch 0 0 n a be e 8 Mai l IIa 1 5 t o r a n d n d Schach. Problem Nr. 396 von G. Heinrich in Radomitz. Schwarz. 9.. . Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Weiß. Auflösungen. Problem Nr. 387 von W. Perry in Yarmouth. 1) Df5- es beliebig. 2) Des-e: 3) D giebt entsprechend Matt. Problem Nr. 388 von S. Loyd in New-Nork. 1) De6- e? beliebig. 2) De2—b2:. 3) Pb2-g7 Matt. Problem Nr. 389 von A. Robbins in St. Louis. 1) Dg7-g2 beliebig. 2) Dg2-fs: 3) D giebt entsprechend Matt. Problem Nr. 390 von J. Berger in Graz. 1) Db5—-f1 beliebig. 2) Df f7: 3) D giebt entsprechend Matt. Von allen Lösern, welche sich mit diesen vier Nummern beschäftigt baben, ist die bervor⸗ ragende Feinheit der Berger'schen Ausarbeitung anerkannt worden. Der Effekt, den Loyd bei möglichst verführungsreicher und gefälliger Ausstellung durch den fünf Felder sreigebenden Rückzug der Dame und die volllommene Freistellung, weiche der schwarze König schon beim vorletzten Zuge einnimmt, beabsichtigt, wird durch die unvermeidlichen Verstoße gegen die Anforderungen der Oekonomie theuer erkaust. Werd seine Idee dahin modifielrt, daß der schwarze Könjg erst nach dem vorletzten Zuge von Schwarz in die Freistellung gelangt, so stellen sich einer ökonomischen Darstellung keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr ent⸗ gegen, wie die Nr. 67 der Kohtz und Kockelkorn'schen Sammlung zeigt. n 9 F Problem Nr. 391 von G. Niessing in Lissa. 1) 183-1 8e2—f4 2) DfI-ds: St4— 43: 3) Tgl-dl! 8 zieht(Kda) 4) d2— a4(Seb), Varianten: 1)... Sd4 2) Dda: Sc2f 3) Dez: Kdâ 4) Ses Matt. 1)... Scg 2) Dda: zc. — Die starken Züge 1) 7g3 ha und 1) Kali- a2: welche auch 5 unserer Correspondenten irregeführt haben, fübren nur zu Scheinlösungen; der erste derselben wird durch Sta wider⸗ legt, da 2) Tbs wegen Sell 3) 0 d3 Sda!l nicht ausreicht, und gegen den Königszug ist Sez! nebst 2) cg: del 3) Dds dib die einzige Vertheidigung.— Die Lösung wurde angegeben von W. Kron in B., H. Hundt in A., R. Blümel in S., H. Michaelis in Th. Aus der Schachwelt. Im Junihbeft der Schachzeitung macht die Verlagshandlung von Veit& Comp. die folgende hochinteressante Mittheilung:. „Im Herbst d. J. wird in unserm Verlage als Seitenstück zu dem bei uns erschienenen Werke über Paul Morphy ein Lebensbild von Adolph Anderssen nebst Zusammenstellung der von ihm gespielten Musterpartien in thunlichster Vollständigkeit erscheinen. Zu solchem Zwecke ersuchen wir alle Schachfreunde, welche gelegentlich in den Besitz noch nicht veröffent⸗ lichter Partien gekommen sind, uns Abschrift, event. unter Berechnung der Kopialgebühren zukommen zu lassen. Nicht minder würden wir für Mittheilungen von Reminiscenzen aus der Begegnung mit dem genannten Schachmeister oder von einzelnen handschriftlichen Zügen aus seinem Leben den gefälligen Einsendern zu Dank verbunden sein. Derartige Einsendungen wülrden wir, wenn möglich, bis Anfang Juli, wo der Druck beginnen soll, erbitten, da spätere Mittheilungen nur in dem Nachtrag berücksichtigt werden könnten.“ Die von Herrn K. D. Peterson in Milwaukee(P. O. Box 332) so vortrefflich geleitete Schachspalte des Mirror ok American Sport ist leider einge angen; ein neues wenn auch kleineres Feld für seine anregende Thätigkeit hat sich dem unermüdlichen Schachredakteur in dem zu Anfang dieses Jahres gegründeten Monateblatte the Wanderer“ eröffnet und schon ist von demselben ein Problemkurnier für Zwei⸗ und Dreizüger ausgeschrieben, zu dem die Einsendungen— höchstens 5 Probleme— vor Ende Juli d. J. erfolgen müssen. Der Titel„Meister der britischen Schachassociation“ ist den nachstebenden Meistern des praktischen Spieles angetragen und von denselben angenommen worden: Baron Heydebrand von der Lasa, Baron J. Kolisch, H. E. Bird, J. H. Blackburne, B. Englisch, Capt. G. A Mackenzie, J. Mason, L. Paulsen, S. Rosenthal, M. Tschigorin, S. Winawer und Dr. J. H. Zukertort. „Am Schlusse des diesjährigen fünften nationalen Schachkongresses in Rom wurde die Gründung eines italienischen Schachbundes, für welchen ein Amateur in Mailand DD»»»» r eee ee ee e bereits 1000 Franks gestiftet hatte, einstimmig beschlossen. 1 8 — Ed Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105. Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.