e. e N Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. zu den Oberhessischen Nachrichten. Nr. 47. Gießen, den 21. November. 5 Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. Gortsetzung.) Von seinen Freunden hatte Roland sich völlig zurückgezogen, besuchte und empfing Niemand, aber man hielt ihm das zu Gute; sie wußten Alle, er arbeitete. Dabei war er aber im Hause liebenswürdiger und umgänglicher denn je und besonders Marion der Gegenstand seiner unausgesetzten Fürsorge. Sie hatte gewissermaßen ein An⸗ recht darauf. Als er ihr Bild begann, hatte er sich ausbedungen, daß sie sich nicht eher auf der Straße zeige, als bis das Kunstwerk vollendet und in den Sälen der Kunstausstellung aufgehängt sei, zugänglich für Jeden. An demselben Tage wollte er dann auch sein schönes Modell der Bewunderung preisgeben, und somit ge⸗ wissermaßen das Eine durch das Andere noch werthvoller machen. Marion hatte sich nur schwer in diese Beschränkung fügen wollen, sie sehnte sich nach Menschen, nach dem Leben und Treiben der Großstadt, aber Roland kannte seine guten Freunde und wußte, daß eine so auffällige Erscheinung, wie seine Schwägerin, nicht un⸗ bemerkt bleiben würde. Man würde beobachten, spioniren, kom⸗ biniren, und sein Geheimniß kam vor der Zeit an den Tag. Er blieb unerbittlich, aber Marion fand statt dessen in ihm den auf— merksamsten Kavalier, den schwärmerischsten Bewunderer, den frei— gebigsten Schwager. Es schmeichelte ihr unwillkürlich. Roland Hartenstein war ein schöner Mann, der zu gefallen verstand, und seinen Huldigungen stets den Stempel des Besondern aufzudrücken wußte. Er hatte es zur Genüge studirt, wie Frauen genommen sein wollen, und es bedurfte nicht erst Gottliebe's sanften, nach— giebigen Lächelns zu Allem, um Marion gewissermaßen zum Mittel⸗ punkt des Hauses zu machen. Ihr war in der kleinen Provinz— stadt ja auch Bewunderung verschiedenster Art zu Theil geworden, aber hier im Hause ihres Schwagers hatte das Alles einen ganz andern Anstrich, es berauschte sie allmählich, und aus der naiven Koketten, die sie bisher gewesen, entwickelte sich ein bewußt berechnendes, auf ihre Schönheit zählendes Weib, das sich ein bestimmtes Ziel vor Augen hielt, entschlossen, daeselbe um jeden Preis zu erreichen. Dies Ziel war eine reiche Heirath; ihr graute bis zum Ent⸗ setzen vor einer Rückkehr in die engen, kleinlichen Verhältnisse ihrer Heimath, den Gedanken an die Klavierlehrerin hatte sie aufgegeben, sie wollte geliebt, bewundert, beneidet sein, herrschen im Glanz der Feste, schwelgen in Reichthum und Ueberfluß. Gottliebe, der die Schwester stets eine Fremde gewesen, und die sehr bald der Hoffnung entsagen gelernt hatte, es würde sich doch ein gemeinsames Band zwischen ihren Herzen finden, hatte ihre leisen Ermahnungen und sanften Hindeutungen, daß darin nicht allein das Glück des Lebens bestehe, bald aufgegeben. Ein Achsel⸗ zucken, ein beißendes Wort Marions, genügten dazu. So ver⸗ schieden wie im Aeußern waren die Schwestern auch im Innern, und bald fand es Marion viel unterhaltender, mit dem Schwager Pläne für die Zukunft zu entwerfen als mit Gottliebe, die nun plötzlich das zu verachten vorgab, was sie sich doch kluger Weise auch vorher schon gesichert hatte. Ein Gefühl des Neides schwellte Marions Brust, wenn sie um sich sah auf all den Glanz und die Pracht, die Gottliebe umgab. Ihre Jugend und Schönheit hätten weit eher in dies Haus gepaßt als die unscheinbare ältere Schwester. Aber sie war nur eine Geduldete. Diese Gedanken kreisten hinter ihrer Stirn als sie, den Kopf in die Rosenwand gedrückt, schweigsamer wie sonst, Roland saß. Er bemerkte den sinnenden Blick ihrer Augen, und Pinsel und Palette sinken lassend, fragte er erstaunt: „An was denkst Du so ernsthaft, Marion?“ „Ob das Bild bald fertig ist!“ „Die größere Hälfte ist überstanden. Kannst Du es denn garnicht erwarten, kleine Ungeduld, öffentlich bewundert zu werden?“ Sie griff mit der Hand in die dunkelrothen Rosen und wandte ihm voll das Gesicht zu.„Ja, ich sehne mich darnach. Glaubst Du, daß es gefallen, daß es Sensation machen wird?“ „Tannhäuser im Venusberg! Und von mir!“ erwiderte er leicht— hin, aber sein Ton verrieth doch genügend die maßlose Eitelkeit und Selbstüberhebung, die ihn charakterisirte. Marion seufzte.„Ich wünschte, ein reicher Fürst verliebte sich in das Bild, das heißt, in mein Gesicht und käme und heirathete mich vom Fleck weg.“ „Muß das gerade ein Fürst sein?“ „Mein Gott, mir würde ja Reichthum allein schon genügen, aber ein Fürst, oder dergleichen, wäre doch noch hübscher. Ich ließ mir überall Wappen und Kronen anbringen.“ Roland runzelte ein wenig die Stirn.„Du bist kindisch, Marion! Die Aristokratie des Geistes, der Kunst, ist die allein Würdige. Berühmt sein, ist mehr wie hochgeboren. Sieh um Dich, vermißt Du bei mir irgend welchen Luxus, den sich Fürstenhöfe leisten und die Krone, von der Du sprichst— schwebt sie nicht sichtbar genug über meiner Stirn?“ Mit hastiger Bewegung warf Marion die rothe Plüschdecke zur Seite und sprang auf.„Bist Du nicht der Mann meiner Schwester? Wie kämst Du wohl in Frage bei mir und meiner Wahl?“ Er trat neben sie und faßte nach ihrer Hand. „Wenn ich nun frei wäre, Marion, a mein Reichthum genügen?“ Er lächelte und sah sie siegesgewiß an. „Ja!“ antwortete sie ohne Zögern. „Wäre ich Dir schön genug?“ „Ja!“ lachte sie. „Du könntest mich also lieben?“ geworden, näher neigte er sich zu ihr. Seine Stimme war leiser 370. Sie wich seinem Blick nicht aus, voll, groß und offen sahen ihm ihre dunklen Augen direkt in das Gesicht. „Ich weiß es nicht!“ Die Antwort fiel langsam von den rothen Lippen, dann machte sie eine schnelle Wendung, daß die kostbare Seide, in die er sie zu kleiden liebte, rauschte und knitterte.„Jedenfalls hast Du tyrannische Gelüste, die würden mich erschrecken.“ Sie verließ das Atelier, und er hielt sie nicht zurück, sondern warf sich in einen Sessel und strich mit der Hand über die Stirn. Die Luft um ihn her erschien ihm mit einem Male heiß und schwül. Marion trat bei Gottliebe ein und legte sich schweigend in die Chaiselongue, die unter breitblättrigem Grün in einer Ecke des. Zimmers stand, sie war offenbar sehr intensiv mit irgend welchen Gedanken beschäftigt. Nur einmal flog ihr Blick quer durch das Zimmer zu Gottliebe, die vor einem einfachen kleinen Nähtischchen am Fenster, der unleugbar in dem eleganten Zimmer durchaus keine Existenzberechtigung hatte, saß und die Nadel mechanisch durch den weißen Stoff in ihren Händen zog. Ein häßlicher Ausdruck des Triumphes huschte momentan über das Gesicht der jüngeren Schwester, aber sie blieb still. Bei Marions Eintreten war auch Gottliebe aus tiefen schweren Gedanken aufgefahren und hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen, aber da die Schwester schwieg, so schwieg auch sie, und die bittern qualvollen Gedanken kamen auf's Neue und ließen sie nicht mehr los. Sie hatte einmal von Jugend auf zu den Stiefkindern des Glückes gezählt— aber warum? Was hatte sie verbrochen? die Natur hatte sie mit einem häßlichen Aeußern in's Leben hinaus⸗ gestoßen, das war eine Ungerechtigkeit, die sie nicht verdient, unter der sie aber bitter zu leiden hatte. Ob ihr Bestreben, sich zu ver— edeln, gut und aufopfernd zu sein, wohl nur einmal jenen flüchtigen Erfolg hatte, wie ein süßes Lächeln ihrer Schwester? Roland's Liebe zu ihr war erstorben mit dem ersten Blick in ihr Gesicht, aber auch das so mühsam mit tausend Schmerzen eroberte Vertrauen hatte sie durch Marion's Dazwischenkommen mit einem Schlage ver⸗ loren. Sie war ihm nichts mehr, eine Null, weniger wie eine Null! Wenn er früher Andern seine Huldigungen widmete, hatte sie doch wenigstens nichts davon gewußt, jetzt— stand sie daneben. Ihre offnen Ohren hörten jedes schmeichlerische Wort, ihre schmerzenden Augen sahen jeden Blick, und das arme Herz blutete aus tausend Wunden. Aus der Ueberflüssigen aber Geduldeten war plötzlich eine Last geworden, die das Drückende ihrer Existenz selbst am schwersten empfand. Und sie war es gewesen, die die Schwester zu sich geholt hatte! Sie hatte unwissentlich die Kluft zwischen sich und dem ge— liebten Gatten unübersehbar gemacht, als sie die schöne Schwester neben sich stellte. Nun es geschehen, vermochte sie nichts mehr daran zu ändern, aber eine schmerzliche niederdrückende Bitterkeit hatte allmählich Besitz von ihrem Herzen ergriffen. Sie sah jenes halb zärtliche, halb neckische Tändeln der Beiden und empfand es fast wie physischen Schmerz; sie merkte zu ihrer eignen Qual auf jedes Aufleuchten in Roland's Augen, das sie niemals im Stande gewesen hervorzurufen, und beobachtete in steigender Angst Marion, ob sich in deren Herzen, ihr selbst vielleicht noch unbewußt, ein wärmeres Gefühl für den Schwager rege. Dann— ja was wollte sie dann!— Schaudernd kehrten ihre Entschlüsse stets bei dem— dann— um. Aber eine unbeschreibliche Sehnsucht überfiel sie zuweilen mitten in all diesen Herzenskämpfen nach dem kleinen bescheidnen Zimmer in der Klinik des Dr. Armstrong, nach dem schwächlichen, dünnarmigen Baum vor ihrem Fenster, dessen karges Grün so oft ihre Freude gewesen. Nach den ungeduldig klagenden, oder schmerzlich resignitten Kranken, denen ihr sanftes Zureden so oft schon eine Wohlthat ge— worden. Warum war sie gegangen! Dort gehörte sie hin, dort war sie am rechten Platz, wo es Schmerzen zu lindern, zu trösten gab; dort brauchte man sie, trotz ihres unschönen Gesichtes, hier dagegen, im Reich des Schönen, unter Reichthum und Ueberfluß, konnte sie nur geduldet, sogar ungern geduldet sein. Aber trotz dieses bittren Bewußtseins liebte sie Roland; ihr Leben hätte sie für ihn gegeben; er war das Einzige in der Welt, an das sie ihr ganzes Herz, die ganze heiße Liebeskraft ihres Herzens verschwendet. Sie blickte auf ihre Schwester, die halb schläfrig träumerisch, halb mürrisch in den türkischen Kissen lag, die Arme über dem Kopf verschränkt, mit den Augen blinzelnd, die ein vorwitziger Sonnen— strahl streifte. Wie schön sie in dieser Stellung war! Gottliebe hätte kleinlicher sein müssen, wie sie war, wenn sie auch nur im Stillen den Versuch gemacht, ihr neidisch einen ihrer Vorzüge ver⸗ kürzen zu wollen, im Gegentheil, sie bewunderte sie um ihrer Schönheit willen, sie hatte sogar versucht, sie zu lieben, aber Marion gebrauchte keine Liebe. Sobald sie in die Welt trat, würden Tausende an ihrem Triumphwagen ziehen; sie hatte einst sicherlich die Wahl unter Reichthum, Rang und Schönheit, nach dem allein ihr Herz begehrte, warum konnte sie damit nicht zufrieden sein? Warum nahm sie ihr das Einzige, an dem die arme unschöne Gottliebe hing, das karge Almosen der Achtung, das ihr Roland bisher ge— währt hatte? i Wußte Marion, was sie der Schwester raubte, wohin ihr ko— kettes Spiel mit dem Schwager führte? Mit tiefer, grenzenloser Bitterkeit sagte sie sich: ja!— das war keine Natur, die blind— lings, aus ihrem innersten Empfinden heraus, einen Mann bewunderte und liebte; dann hätte ihr Gottliebe ja verzeihen müssen, da nur wieder geschah, was sie zu ihrem Unheil an sich selber erfahren, dann wäre die Schwester ihr ja verwandt gewesen und die gleichen Schmerzen hätten schon Balsam in sich getragen. So aber sah sie deutlich, wie Marion nur ihre Kräfte prüfte, wie sie behutsam, aber mit offenen Augen und kaltem Herzen versuchte, wie weit die Macht ihrer Schönheit ging. Gottliebe's kummervoller, umflorter Blick richtete sich auf das schöne Mädchen; es war ihr plötzlich, als müsse sie auf den Knieen zu ihr rutschen, ihre Hände umklammern und flehen:„Habe Er— barmen! laß ihn mir, laß mir das Wenige, für mich so unaus— sprechlich Theure! Du hast alles für Dich, Deine Jugend, Deine Schönheit, laß, o laß ihn mir, diesen Einzigen!“— Die Arbeit war längst zu Boden geglitten, krampfhaft hatten sich die schönen Hände ineinander geschlungen, eine heiße, bittere Thräne quoll aus der Tiefe des Herzens in die matten, glanzlosen Augen. Sie öffnete den Mund.— Wenn Marion ging, konnte noch alles gut werden, — o nur ein einziges, erlösendes, gutes Wort!— Sobald sich ihre Augen jetzt trafen, wollte sie sprechen, was— gleichviel! Alles was ihr auf dem Herzen lag. War es ja doch die Schwester, der sie an— vertrauen wollte, was sie quälte. Sie blickte auf Marion, die ihre Stellung ein wenig verändert hatte, diese blinzelte ihr schläfrig ent— entgegen und gähnte. „Marion!“ Es war ein Laut, leise, fast unterdrückt von den pochenden Herzschlägen, der über Gotliebe's Lippen glitt, ein Jeder würde mehr herausgefühlt haben, als das kleine Wort bedeutete; die allein, an die es gerichtet wurde, nicht. „Es ist sterbenslangweilig bei Euch,“ sagte sie mit erneutem Gähnen und streckte sich noch behaglicher in die Kissen.“ Gottliebe stand auf, mit langsamen, zögernden Schritten kam sie auf ihre Schwester zu, die Augen getrübt von Thränen. Hinter ihr her zog starker Blumenduft in das Zimmer und die letzten Strahlen der heißen Augustsonne brachen sich in den Krystallen des kostbaren Kronleuchters, der an der Decke hing und blaue, rothe und gelbe Reflexe auf die Wand und das ruhende Mädchen davor warf. Gottliebe blieb stehen, die Farben thaten ihr weh, einen Moment deckte sie die Hand über die Augen. Dann— ein donnerndes Geräusch, ein Brechen, Krachen, Knistern von zerschmettertem Glas, eine Wolke von Staub und der Aufschrei zweier Stimmen, die eine schwach, klagend verhallend, die andere sinnlos, wild und gellend. Roland Hartenstein hatte den schweren Fall bis in sein Atelier gehört, auch den Schrei. Entsetzen erfaßte ihn, er sprang auf und stürzte auf den Korridor, auf dem sich die Dienerschaft schon drängte. „Ein Unglück! Ein Unglück!“ riefen und murmelten sie durch— einander. Er stieß sie zurück und riß die Thüre auf, sein Athem flog, seine Stirn war feucht. Schutt und Trümmer inmitten des Zimmers, ein Chaos von Glassplittern und Bronzestücken, auf denen noch immer die Sonne funkelte. „Marion!“ schrie er so gellend auf, daß er sich selber über den Ton seiner Stimme gewundert, wenn er Gedanken dafür gehabt. „Marion!“ Sie warf sich mit einem Aufschrei an seinen Hals, um⸗ klammerte ihn leidenschaftlich und schluchzte convulsivisch. „Du lebst! Du lebst!“ jubelte er auf und drückte sie stürmisch an sich.„Du bist unverletzt, Gott sei gelobt!“ Mit zitternder Hand strich er ihr das Haar von der Stirn und sah sie glückstrunken an, eine lange Zeit. Dann kam ihm plötzlich 1 eee FP e een ine eit sen s ete hre t 1 t an ein m fer ten en he r en n ele ier Nrmitieutz ff N. 7 7 N 371.. N. —— — . ̃ H 1 brennt, ich suche Erholung hier draußen.“ die Erinnerung an noch ein anderes vergessenes Geschöpf, das ihm auch nahe stehen sollte, seine Augen irrten suchend durch das Zimmer. Auf der Chaiselongue, bleich wie eine Sterbende, lag die kleine, schwache Gestalt, die er sein Weib nannte; ein feiner, rinnender Blutstrom quoll aus dem rechten Schlaf und überströmte Hals und Kleid, aber trotz der Blässe und Schwäche, die sie befallen hatten, waren doch die Augen offen und schauten auf den Gatten. Er trat zu ihr. „Bist Du verletzt, Gottliebe?“ Ein leichtes, schattenhaftes Lächeln glitt über ihre Züge. „Nur ich,“ murmelte sie wie beruhigend.„Nur ich allein!“ Dann umfing sie eine wohlthätige Ohnmacht. „Nur ich!“ Er hörte ihn nicht heraus den Ton schmerzlicher Klage, den diese wenigen Worte bargen. Nur ich! Es war ein Verzichten auf Mitgefühl und Theilnahme, ein stummes, schmerzliches Resigniren einer großen, guten Seele. Hätte er ein Gewissen ge⸗ habt, mußten sich diese beiden kleinen Worte mit glühendem Stachel in dasselbe bohren und doch glitten sie unbemerkt an seinem Ohr vorüber. Er wandte sich von der Dienerin ab, die den Blutstrom auf— trocknete und sagte: g „Hoffentlich ist es nicht gefährlich. Sie haben doch zum Doktor 1 Marie, auf alle Fälle ist es besser. Ich kann Blut nicht ehen.“ „Der Friedrich ist fort, Herr Professor. Ja, bei allem Un⸗ glück doch immer noch ein Glück. Ein Strohhalm weiter nach rechts und unsere Frau dächte an kein Aufstehen mehr. Ich kenne die Stelle am Schlaf genau, wo es tödtlich ist. Hier, Herr Professor, sehen Sie selbst; beinahe ist es ein Wunder.“ Roland Hartenstein blickte noch einmal, wie von einer unsichtbaren Macht gezwungen, zurück auf den Fleck, den der Finger der Sprechenden berührte. Es war wahr, fast ein Wunder mußte man es nennen, daß jetzt nicht eine Todte auf den bunten türkischen Polstern der Chaiselongue lag. Dann wäre er wieder frei gewesen! Frei! Wie wunderbar ihn der Gedanke auf einmal berührte! Bis— her hatte er eigentlich noch garnicht daran gedacht, sie störte ihn so wenig seine Frau, aber nun plötzlich trat die Möglichkeit lebhaft vor seine Seele. Was dann? Er würde eine Andere an ihre Stelle setzen, eine, um die man ihn beneidete, auf die er stolz war. Jene Räume im linken Flügel würden dann nicht mehr unter Klausur gehalten werden wie jetzt, Frohsinn, Freude und Schönheit ihr Reich darin aufschlagen. Er sah auch jene Andere. Geschmückt, strahlend in Jugend und Liebreiz.— Mit einem häßlichen Gefühl erinnerte er sich plötzlich, daß Gottliebe ja noch lebe, es waren thörichte Träume, denen er sich hingab, noch mehr, sogar verbrecherische, aber sie waren einmal ohne sein Zuthun gekommen, ohne sein Zuthun, fast gegen seinen Willen blieben sie fortan bei ihm. Die Verwundung, die Gottliebe durch den Sturz des Kron— leuchters davongetragen, erwies sich leicht und schnell heilend, nach kurzer Zeit konnte sie wieder das Tuch von der Stirn nehmen und nur ein schmaler feuerrother Streifen erinnerte noch an das Ereigniß. Auch das Bild machte gewaltige Fortschritte und mit Jubel berechnete Marion schon den Zeitpunkt, an dem es ihr endlich vergönnt sein sollte, die Schwelle ihres goldnen Gefängnisses zu überschreiten. Aeußerlich war alles wieder in den alten Bahnen, aber innerlich schien alles nachhaltig verwandelt. Roland Hartensteins Stimmung war ungleich und erregt. Gottliebe schwieg wieder. Und es ist ein eignes Ding um das Schweigen! Hat man einmal damit begonnen, vermag man es nicht so leicht zu brechen, es wächst furchtbar und wird unser Herr und Meister. 8 Eines Spätnachmittags nach längerer Zeit suchte Roland Marion im Garten auf, da er sie im Hause nicht fand. Es begann schon herbstlich zu werden, einzelne welke Blätter lagen in den Stegen und ein verspäteter, knapper Rosenflor hing nur noch an den ge— pflegten Sträuchern. Roland brach eine Hand voll und ging dann auf die Laube zu, in der er das Mädchen vermuthete. 1 Sie lag, von Kissen unterstützt, auf der bequemen Bank, hielt ein Buch in den Händen, las aber nicht; müßig sein, war ihr keine Last. „Siehe da Roland,“ sagte sie lächelnd, willst Du etwas von mir?“ „Laß Dich nicht stören. Im Zimmer ist es heiß, mein Kopf „Du wirst auch nichts anderes finden als das Summen der Mücken, das Rauschen der Bäume und ab und zu einen Vogelruf. Ich kenne es bis zum Ueberdruß.“ „Und Dich?“ schaltete er schnell ein. „Mich! was hast Du an mir!“ Sie zuckte die Achseln und drehte sich zur Seite. „Laß Dich schmücken, Marion, ich habe darum diese Blumen gepflückt, sie werden Dich reizend kleiden.“ „Ich bin nichts weiter wie Deine Puppe,“ sagte sie unmuthig, ließ es aber doch geschehn, daß er ihr die Rosen in's Haar steckte. Es waren zum großen Theil weiße und die zarte Farbe der Blätter im Verein mit dem lichten Haar gaben ihrem schönen Gesicht den Ausdruck einer Madonna. Er sah sie prüfend an. „Schön wie immer, aber zu engelhaft, das ist nicht mein Genre.“ Er bückte sich und nahm aus einem kleinen Schränkchen, das an der Laubenwand angebracht war, eine Flasche Burgunder und ein Glas heraus, goß es voll, trank es mit einem Zuge leer und spritzte den Rest auf die zarten Blumen. Wie Blutstropfen funkelten die rothen Weinperlen in den duftenden Kelchen, einige rannen zusammen, beugten durch ihre Schwere das Rosenblatt und sickerten in einem feinen Streifen an dem weißen Schlaf herab. Roland ließ sich auf ein Knie nieder und fing mit seinen Lippen das köstliche Naß auf, das ihm einen andern Vorfall in's Gedächtniß zurückrief, der den ersten Anstoß zu dem fiebernden Gedanken gegeben, der ihn jetzt unaufhörlich marterte. Frei sein! Dann bog er den Kopf weit in den Nacken. „Küsse mich, Marion!“ gebot er mit jenem metallischen Klang der Stimme, der ihn stets zum Sieger über Frauenherzen gemacht hatte. Aber sie faßte ihn bei den Schultern und schob ihn zurück. „Nein!“ sagte sie ruhig und kühl. „Weshalb nicht?“ Er war gereizt, sie sah es an seinen funkelnden Augen. „Weil dieser Kuß ein Unrecht sein würde an Gottliebe. So küßt kein Schwager die Schwägerin, sondern der Mann das Weib, das er— liebt.“ „Du deutelst und wägst gut ab,“ entgegnete er mit gereiztem Auflachen.„Das Weib soll nur empfinden, nicht rechnen. Gut denn, sei es d'rum! Dieser Kuß gilt auch nicht der Schwägerin, er gilt dem Weibe allein, das mich entzückt. Küsse mich, Marion.“ Sie sah ihm fest in die Augen; der Despotismus, der in seiner Natur lag und alles unterjochte, der Gottliebe einstmals gegen ihren Willen an sich gerissen, auch hier versagte ihm seine Macht nicht. Willenlos neigte sie sich ihm entgegen und küßte ihn, obgleich ihr Herz kalt blieb. Die rothen Tropfen des Burgunder fielen auf sein blondes Haar. Marion erhob den Kopf, eine ungeduldige Falte lag zwischen den feingezeichneten Brauen. „Du hast Deinen Willen gehabt, sieh nun, was Dir Dein Gewissen sagt.“ Er sprang auf und lachte. „Kind, wie thöricht Du bist! Mein Gewissen und ich vertragen uns sehr gut miteinander. Ich bin ein Künstler, als solcher be— rechtigt, einen andern Maßstab an mich und meine Handlungen zu legen. Die kleinlichen Fesseln der Andern habe ich ein Recht zu verachten. Ich bin Ich. Ein Ganzes für sich. Jedes Ding, jedes Atom behält seine eigne Individualität, in welchen Verhältnissen es auch sei, und dem nachzugeben ist unser Recht, unsere Selbsthülfe sogar, wenn es sich um Dinge handelt, die sich zwischen uns und unser Empfinden drängen wollen.“ Sie zog die Rosen aus ihrem Haar. welche Bewegung. „Ich verstehe Dich nicht, und ich will Dich auch nicht verstehn,“ sagte sie währenddem. „Du sollst. Ich werde Dich dazu zwingen,“ rief er heftig und preßte ihr Handgelenk. „Dort drüben kommt Gottliebe, läßt Du mich zu ihr gehen, oder soll ich sie rufen.“ Er sah in ihre kalten, fast feindseligen Augen und schleuderte ihr Handgelenk zur Seite. „Geh!“ sagte er rauh. (Fortsetzung folgt.) Langsam und ohne irgend f 5 * 2 2372 Der Rechte. Von M. Josephy. Aus der Gasthausthür hinaus und quer über die Straße hin⸗ über schwankte eine große dunkle Gestalt. Diese Gestalt schien sich in äußerst froher Laune zu befinden, denn sie sang ganz übermäßig laut ein lustiges Lied, bei welchem Takt, Melodie und Worte einem lauschenden Ohre gleich räthselhaft erscheinen mußten, während ihre Beine sich an der, unter Umständen recht s chwierigen Aufgabe des Vor⸗ wärtsbewegens versuchten, auch schien der Begriff der Eile ihr fremd zu sein, denn um die andere Seite der Straße zu erreichen, brauchte sie die doppelte und dreifache Anzahl der dazu eigentlich erforderlichen Schritte, und mitunter blieb sie stehen, um ein langes, gewiß höchst erbauliches Selbstgespräch zu halten. „Das ist der Fleischer⸗Vinz,“ sagte ein Mann, der den nächt⸗ lichen Weg der schwanken Gestalt kreuzte, zu seinem Begleiter,„und besoffen ist er wieder wie ein Hackebrett!“ Nun will ich Euch ehrlich gestehen, daß mir selbst der Zusammen⸗ hang zwischen einem Betrunkenen und einem Hackebrett nicht so recht klar ist, ganz gewiß aber weiß ich, daß soeben behauptet worden war, der Fleischer-Vinz sei besoffen wie ein Hackebrett und das müßt Ihr mir glauben, auch wenn ich Euch die Erklärung schuldig bleibe, weshalb der Mann sich so und nicht anders ausdrückte. „Dorthin, Vinz, nach rechts hinüber geht's,“ schrie er alsdann dem Turkelnden zu,„wenn Du so fortmachst, kannst Dich heut Nacht in den Graben schlafen legen und nicht in Dein Bett!“ Der also Angerufene drehte sich mit einem herausfordernden Blick nach dem ungebetenen Warner um. Wer konnte besser wissen, wie er, der Fleischer⸗Vinz, wie man in sein, des Fleischer⸗Vinzen's Haus und Bett gelangte und wen ging es etwas an, welchen Weg er sich dazu aussuchte? er wollte gehen, wo es ihm gefiel und Niemand hatte ihm da dreinzureden, nein gewiß Niemand! Dies mochte wohl ungefähr der Inhalt des verdießlichen Gemurmels sein, mit dem der Fleischer-Vinz nach einem verächtlichen Achselzucken in der einmal ein⸗ geschlagenen Richtung weitertaumelte, und ich gebe ihm Recht, daß er den Rath des unberufenen Mahners verachtete: wenn er auch zuerst, genau wie man es ihm vorher gesagt hatte, in den schmutzigen Straßengraben kollerte, wenn er sich auch darauf, wohl eine Viertel- stunde lang, gewaltig abmühte, seinen Körper durch den dichten Gartenzaun zu zwängen, der seinen kleinen Grasgarten umsäumte, so kam er schließlich doch vor die verschlossene Thür seines eigenen Hauses zu stehen, die ihm auf sein Rufen und Poltern von einem kleinen Mädchen in äußerst mangelhafter Bekleidung geöffnet wurde. Das Mädchen schaute mit einem halb neugierigen, halb scheuen Blick zu dem eintretenden Manne auf und patschte dann, das kurze Röckchen mit beiden Händen festhaltend, mit den kleinen nackten Füßen über den steinernen Hausflur in die Stube zurück, wo sie eilig das eben verlassene Lager wieder aufsuchte, um dem dort an ihrer Seite ruhenden kleinen Buben mit theils weinerlicher, theils wichtig klingender Stimme mitzutheilen, daß der Vater wieder„so gar arg“ heim⸗ gekommen wäre! Ja, die kleine Mene hatte recht, der Vater war heute wieder gar sehr arg,— wir wollen, dem Beispiele kindlicher Pietät folgend, das böse Nachwort an dieser Stelle auch unterdrücken,— und um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß leider gesagt werden, daß der Vater so„gar arg“ in später Nacht zu seinen Kindern heim⸗ kehrte! Das war doppelt schlecht von dem Vater, denn in der Hütte des Fleischer-Vinz herrschte Schmalhans als Küchenmeister und was er im Wirthshaus verthat und vertrank, das fehlte den Kindern zu Hause am Brot; die Mene und der Seff mußten gar oft hungrig in's Bett kriechen. Es war nicht immer so schlimm mit dem Vinz gewesen. Wie seine Mutter noch lebte und er mit dieser zusammen das Fleischergeschäft betrieb, während der ältere Bruder, der es später übernehmen sollte, seine Zeit beim Militär abdiente, da hatte es weit und breit keinen ordentlicheren, arbeitsameren Buben gegeben, wie den Vincenz und auch keinen hübscheren und lustigeren; und damals schon fingen die Mädel an, die Köpfe zusammen zu stecken und mit einander zu wispern, wenn er bei der Musik die Eine öfters als die Andere zum Tanz abholte! Dann aber kam der Bruder nach Hause und er selbst wurde bald darauf zu den Soldaten eingezogen und als er nach drei Jahren wieder heimkehrte, da war die Mutter gestorben, der Bruder hatte geheirathet und die rechte Heimath war dem Vinz verloren gegangen. Mit dem Bruder, dem Franz, stand er sich wohl auf's Beste, aber die Schwägerin gab ihm zum öfteren zu verstehen, wie sie ihn lieber heute als morgen hätte aus dem Hause gehen sehen, und das kränkte den Vinz! Er würde ihr ja gern den Willen gethan haben und sobald als möglich gegangen sein, wenn er nur gleich gewußt hätte, wohin. Sich als Knecht zu verdingen, das stand ihm nicht an, war er doch sein Lebtag keinem Anderen, als den eigenen Eltern dienstbar gewesen; ein eigenes, selbständiges Geschäft zu gründen, dazu fehlte es ihm wieder am Gelde und so stand ihm kaum etwas anderes offen, als sich auch ein Weib zu suchen, ein solches, das ihm gleich die Wohnung mitbrachte, oder ein paar Gulden Geld, von denen sich eine eigene Wirthschaft beschaffen ließ. Der Franz hielt ihn auch gar nicht zurück, als er die Sache mit ihm besprach, er hatte den Bruder recht lieb, aber seinen Hausfrieden auch und er meinte selbst, es thäte nicht gut, wenn der Vinz für länger bei ihm bliebe. Da ging denn dieser, sobald sich die Braut gefunden hatte, die für ihn paßte. Er brauchte darum auch gar nicht weit zu suchen, denn da war des Nachbars Philomene während seines Fortbleibens hübsch herangewachsen; die gefiel ihm gar nicht schlecht und sie selbst sagte so herzensgern„ja,“ wie der schmucke Vincenz bei ihr anfragen kam. Zu Anfang ging auch Alles gut; die Mene hatte etliche hundert Gulden mitbekommen, dafür konnte man das kleine Haus, dem„Gasthaus zum weißen Roß“ gegenüber, an sich bringen und mit Fleiß und Wirthschaftlichkeit darauf fort⸗ kommen. Der Vinz war stolz und glücklich wie ein König, als er nun so im Eigenen saß; nun wollte er auch mit doppelter Lust und Freudigkeit schaffen und arbeiten; das kleine Stück gepachteten Ackers auf's Beste bestellen und, da er einmal von Kindheit auf mit diesem Geschäft vertraut war, dem Bruder und den anderen Fleischhackern des Ortes beim Schlachten zur Hand gehen und den Viehkauf für sie und die Bauern besorgen, um sich so ein paar Extragulden zu verdienen. So hatte der Vincenz sich's zurechtgelegt und sein junges Weib war mit Allem einverstanden und sagte zu Allem„ja.“ Es dauerte aber nicht lange, da kam er dahinter, daß es mit dem„ja“ sagen seiner Mene eine eigene Bewandtniß habe: Sie sagte es eben nur mit den Lippen, aber sie that nicht danach; sie war ihm viel eher eine Last im Hause, als wie eine Hilfe und eine Stütze, wie er doch geglaubt und gerechnet hatte, und wenn er eine Arbeit wirklich gethan haben wollte, so mußte er sie eben selbst verrichten; auf die Mene war kein Verlaß, in keiner Hinsicht, nicht einmal darin, daß sie die paar Kreuzer, die er ihr auf Brot oder Fleisch oder Licht gab, wirklich dazu ver⸗ wendete und nicht für ihren Putz oder einen Leckerbissen und süßen Schnaps verschleuderte. Die Mene war kein böses Weib, im Gegen— theil,— aber faul war sie, unordentlich und schmutzig und von zu Hause her an kein rechtes Arbeiten gewöhnt; freilich war sie noch sehr jung, eben erst siebzehn Jahre alt und hätte sich noch in Vielem ändern können, aber der Vinz war selber nicht älter, als dreiund⸗ zwanzig Jahre und hatte noch keine Geduld und keine Nachsicht ge— lernt. Und wenn er müde und hungrig von der Arbeit kam und sein Essen niemals zur rechten Zeit auf dem Tisch stand, wenn er sah, wie seine Mene die einfachste und alltäglichste Arbeit nicht anzugreifen verstand, wie sie lieber zehnmal über das Stück Holz, das vor ihrer Thüre lag, stolperte, ehe sie sich bückte, um es auf⸗ zuheben, da kochte es in ihm über. Er wurde zornig und heftig und die Mene wurde immer zerfahrener und trotzig und verstockt noch dazu. Es kam zu Zank und Streit, der Mann fluchte und schimpfte und das Weib weinte und klagte und warf ihm vor, daß es ihm nur um ihr Geld zu thun gewesen sei und daß er sie jetzt schlechter behandle wie eine Magd. Nach solch einem Auftritt war es, daß der Vinz eines Abends die Thür wüthend wieder in's Schloß warf und in's„weiße Roß“ hinüber ging; dort fand er lustige Kameraden, die mit ihm tranken und Karten spielten und ihn bis spät in die Nacht festhielten, wo er dann mit schwerem Kopf und schweren Beinen, aber desto leichterem Beutel nach Hause taumelte! Das war der Anfang,— wo der Anfang aber erst gemacht ist, da geht es dann leicht weiter; die lustigen Saufbrüder, die froh waren, ihn zum Kameraden zu bekommen, thaten durch Verführung und Uleberredung auch redlich das Ihrige dazu und der Fleischer⸗Vinz suchte und fand immer häufiger bei der Flasche und den Karten Trost für das Fehlschlagen seiner Pläne und die liederliche Wirth⸗ schaft zu Hause. —— r 0 6 00% 0 0 DD 0 D N 0 6 D D D D N D ä —— 1% ö 9 9 0, „ Der erste Schritt in's Leben. —ͤ——— 82 2„ —— 2——— 8—— 4 CCC 3 374. Einmal noch nahm es eine Wendung zum Besseren mit ihm: das war, wie sein zweites Kind, der kleine Joseph, geboren wurde, über den der Vater eine große Freude hatte. Damals sprach er seinem Weibe noch einmal und diesmal so recht ernst und freundlich zu und versprach auch seinerseits sich zu ändern und zu bessern und die liederlichen Freunde zu lassen. Lange aber dauerte es nicht mit der Ruhe und dem neuen Frieden im Hause. Jetzt, wo die Mene die beiden Kinder hatte, kam sie erst recht zu keiner Arbeit mehr; wenn der Vinz sich das Essen nicht selbst kochen wollte, so mußte er meistens hungrig bleiben und wenn er sich nicht dazu hergab, die Betten selbst zu machen und die Wohnung ein wenig aufzuräumen, so sah es in der Stube nicht viel besser aus wie in einem Stall. Da riß dem Vincenz zum zweiten Male und diesmal für immer die Geduld: Es litt ihn nicht zu Hause bei seinem schlampigen Weibe und seinen schreienden, schmutzigen Kindern; er glaubte nicht mehr daran, daß sich darin jemals etwas ändern könne, und bald sah man ihn häufiger als je mit den alten liederlichen Kameraden in allen Wirthshäusern herumlungern. Es machte auch keinen Unterschied in seinem Lebenswandel, als sein Weib starb, nachdem er sieben Jahre mit ihr verheirathet ge⸗ wesen war; nach wie vor vertrank er des Abends, was er sich Tags über verdient hatte, um die Kinder kümmerte er sich wenig, und wenn sein Bruder sich der armen, verlassenen Würmer nicht an⸗ genommen hätte, so würde es gar schlimm um sie gestanden haben: „Schade um den Vinz,“ sagte der Franz, der längst eingesehen hatte, daß alles Zanken, Zureden und Bitten bei dem Bruder nichts helfen wollte.—„Schade um den Vinz“, sagten die ordentlichen, vernünftigen Leute aus dem Dorfe, die den frischen, hübschen Buben früher so gern gehabt und so viel von ihm gehalten hatten; und die Mädel schauten ihm verstohlen nach, wenn der junge Wittwer an ihnen vorüberging und fanden, daß er schmucker und stattlicher aus⸗ sehe, wie all die Burschen.„Schade, schade,“ seufzten auch sie und drehten sich um und dachten an den Heinrich, den Matthes und den Andres, die zwar nicht so groß und schön gewachsen waren und nicht so hübsche, blaue Augen und so lichtes, krauses Haar hatten, aber dafür auch nicht so gar arge Lumpen wären! Ja, so thaten es die meisten, aber Eine machte es nicht so, die drehte sich nicht um und dachte auch an keinen Anderen! Wenn der Fleischer-Vinz vorüberging, stand sie vor der Thür und hielt die Hand über die Augen und guckte ihm nach, bis— ja, bis er stehen blieb, um nach ihr zurückzuschauen, und sie dann gar schnell in's Haus hineinlief. Dieselbe war es auch, die oftmals an dem Fenster ihrer engen Kammer stand und nach dem verwahrlosten kleinen Hause hinüberblickte, wo das Kind, die achtjährige Mene, herumwirthschaftete, so gut es gehen wollte. Sie konnte das kleine Haus ganz gut mit den Augen bewachen, wenn sie es wollte, es lag ja nur die Dorfstraße dazwischen, denn das hübsche Mädchen mit den lustigen, nußbraunen Augen und den frischen, rothen Lippen, die den ganzen Tag über lachten, plauderten und sangen, war die Schwester von dem Anton Pertes, dem neuen Wirth, der das Gast— haus zum weißen Roß gepachtet hatte. Der Anton Pertes war noch gar nicht lange am Ort und doch saß die große Gaststube bei ihm immer voller Gäste, denn er verstand seine Sache, schenkte ein gutes Bier, und er und seine kleine, runde Frau machten gar freund⸗ liche, gefällige Wirthe, und die jungen Leute, ja, die sprachen schon wegen der lustigen Rosel gern im weißen Roß ein. Sie alle waren mehr oder weniger hinter dem hübschen, und, wie es verlautete, auch gar nicht unvermögenden Mädel her, und wenn dieses nur gewollt hätte, an jedem Finger der kleinen, braunen Hand hätte es einen Bewerber herzählen können;— da mochte aber kommen, wer da wollte, die Rosel hob nach keinem Einzigen auch nur den Kopf auf, gegen Alle war sie freundlich, aber gegen Keinen mehr als gegen den Andern, und bei der Musik war es ihr ganz einerlei, ob es der arme Hansel oder der reiche Peter war, der sie zum Tanze führte. Der Bruder wurde ihr ganz böse deshalb, so bös, wie er es über⸗ haupt. nur werden konnte, was freilich nicht so gar viel sagen will, und hielt ihr ihren Unverstand vor. „Schau', Rosel,“ sagte er,„sei vernünftig, mach' ein End' und nimm Dir Einen, so lange sie noch nach Dir fragen, denk nicht, daß das immer so gehen wird!“ Die Rosel schob schmollend die Unterlippe vor. „Das denke ich auch gar nicht,“ sagte sie,„aber vom Heirathen will ich nichts hören und aus all den Mannsleuten mache ich mir ganz und gar nichts.“ N „Hör mich an, Rose,“ fuhr der Anton fort, ohne auf die Zwischenrede weiter zu achten,„da ist gleich dem Lindemichel sein ältester Bub, der Johann; denn sein Vater geht in's Ausgeding, wenn der Sohn heirathet, ich hab's von ihm selbst, und der Johann hat dann Haus und Hof und zehn Stück Vieh im Stall!“ „Ja, und die krummen Beine und die schieligen Augen dazu,“ spottete die Rosel. „Geh' mir ab,“ fuhr der Bruder ärgerlich auf,„wer wird danach viel fragen und der Johann ist sonst ganz ein leidlicher Bursch. Wenn Du aber so auf die Schönheit versessen bist, so mußt Dir halt Brakes Fer nand nehmen, der möcht' Dich auch wollen und an dem wirst wohl nichts auszustellen haben.“ „Nein,“ sagte die Rosel herb,„nur, daß er die Lene, das arme Mädel, in's Unglück gebracht und dann hat sitzen lassen.“ „Nu, nu,“ begütigte der Anton,„das ist nun mal nicht anders und sogar scharf brauchst's halt auch nicht zu nehmen. Der heilige Aloysius in der Kirchen wird um Deinethalben nicht von seinem Platzl hinuntersteigen und der Schlechteste ist der Fer nand noch lange nicht. Das Mädel freilich, das ihm keinen Kreuzer zugebracht hätt', das hat er sich nicht nehmen können, da hätt' sein Vater schön aufgeschaut.“ „Gut,“ sagte die Rosel,„die Lene hat er nicht heirathen können und mich kriegt er nicht. Und von dem Fer'nand hör' mir ein für alle Mal auf, Bruder, von dem will ich schon gar nichts wissen! Ich begreif auch gar nicht, warum Du's so eilig hast, mich aus dem Haus zu geben, Ton; bin ich erst mal fort, so wirst Dich schon nach mir umschauen; Dein Weib hat dann nichts mehr zum Zanken und Du nichts zum Brummen und Ihr alle zwei nichts mehr zum Lachen.“ „Freilich wirst uns abgehen, da kannst schon recht haben,“ gab der Bruder zu,—„aber fur ewige Zeiten kann ich Dich doch nicht im Hause behalten, oder willst denn all Dein Lebtag ledig bleiben?“ „Gewiß will ich das nicht,“ sagte die Rosel lustig,„aber warten will ich, bis der Rechte kommt; weder der Johann ist der Rechte, noch gar Brake's Fer'nand, das kannst mir glauben, Bruder!“ „Ja, weder der Johann, noch der Fer nand, noch irgend ein Anderer wird's für Dich sein,“ sagte der Anton verdrießlich,„das geht nun schon zwei oder drei Jahre so und wird sich bis zum jüngsten Tag nicht mit Dir ändern, über Jeden hast halt was zu reden und zu spotten. Oder sag', Rosel, wann soll denn Dein Rechter kommen?“ „Weiß ich's?“ lachte das Mädchen fröhlich auf.„Schau, Ton, einen Reichen brauch' ich nicht, weil ich selbst genug hab', und einen Armen will ich nicht, denn der denkt nur an das, was ich mitbekomm' und einen Häßlichen will ich auch nicht, den möcht' ich mir bald zuwider schauen und einen Schönen schon gar nicht, der hat schon wer weiß wie viel Schätze vor mir gehabt. Mußt mich halt noch ein Weilchen bei Dir dulden, Ton,“ fügte sie schmeichelnd hinzu und schaute mit den braunen, lustigen Augen treuherzig zu dem Bruder auf.„Bei Dir ist's am allerbesten und wenn ich Dich nur hab', braucht meinethalben all das andere Mannsvolk gar nicht auf der Welt zu sein!“ „Mir kann's schon recht sein,“ brummte der Ton,„aber Du, Rosel, bist halt in dem Alter, wo sich sonst ein jedes Mädel nach der eigenen Wirthschaft umschaut. Du bist zwanzig Jahr' vorüber.“ „Einundzwanzig schon,“ lachte die Rosel und war zur Thür hinaus. (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Der erste Schritt in's Leben.(Siehe Illustration). Das Bild des hochbegabten venetianischen Genremalers Silvio Giulio Rotta bestätigt das deutsche Volkslied, welches mit den Worten beginnt:„Thut man in's Leben kaum den ersten Schritt, so bringt der Mensch schon eine Thräne mit.“ Der kleine Krauskopf, welcher zur Spielschule geführt wird, verhüllt schamhaft und wehmüthig sein Gesicht und bricht 7 der ermuthigenden Worte seiner jungen Mutter in Thränen aus. Vielleicht sagt ihm sein prophetisches Gemüth, daß der erste Schritt in die Schulstube ein verhängniß⸗ voller ist. Der Weg zur wissenschaftlichen Erkenntniß ist für die meisten Erdenbürger ein sehr dornenvoller. Wir kennen einen Knaben, der sich monatelang auf den Gang zur Schule freute und der doch vier Wochen später, als ihn die Mutter aus dem Schlaf weckte und hastig für die Schule 5 eee — eee eee ee e —— pp 2 375— ankleidete, seufzend in die Worte ausbrach:„O, hätt' ich das gewußt, dann hätt ich mich auf die Schullauferei gar nicht fangelassen a e Spielschule scheint eine liebevolle Pflegerin der Jugend vorzustehen und hoffentlich wird der scheue Krauskopf den ersten Schritt in's Leben nicht zu bereuen haben. R E. Die Oelpalme(Elais guineensis) ist in ganz Central⸗Afrika sehr zahl— reich vorhanden; sie scheint an der Westküste bis San Pälo de Loando . ehen, an der Ostküste bis zum Nyassa⸗See. Sie bildet oft mit der stache 10 Dattelpalme(Phoenix spinosa) zusammen ausgedehnte Wald⸗ bestände, so daß diese beiden Arten an der Westküste Afrika's durch In⸗ dividuenmenge die zahlreichen Arten von Palmen an der gegenüberliegenden Küste Brasiliens reichlich ersetzen. Auf Fernando Po macht die Oelpalme ein Viertel aller Waldbäume aus und bedeckt stellenweise den Boden ganz allein; sie steigt dort sogar über 900 Meter hoch hinauf, wahrscheinlich zu der höchsten Höhe, in welcher man überhaupt in Afrika Palmen trifft, da die übrigen meist im Küstendistrikt leben, und beispielsweise die Nadelpalme ebendaselbst nur 200 Meter über das Niveau des Meeres sich erhebt. Die Oelpalme erreicht eine Stammhöhe von 10—20, selten 30 Meter. Ihre Blätter sind wie bei der Kokospalme gefiedert und bleiben bei sich selbst überlassenen Exemplaren abgestorben am Stamm sehr lange haften. Bei den in Westafrika unter der Pflege des Menschen stehenden Bäumen werden die trockenen Blätter, welche das Besteigen des Baumes hindern würden, vollständig entfernt. Im Monbuttu-Lande schneidet man indeß die Blatt⸗ stiele etwa 30 Centimeter über dem Grunde ab und diese Gewohnheit der Eingeborenen bleibt, wie Schweinfurth sagt, nicht ohne Einfluß auf den Vegetationscharakter der Landschaft, ja auf die Flora selbst, da sich dieser hierdurch an den Stämmen der Oelpalme eine Anzahl höchst erwünschter Anhaltspunkte darbietet, um Sämlinge groß zu ziehen oder an der zackigen Außenfläche der Stämme Schlinggewächse in großer Anzahl emporklimmen zu lassen. So sieht man denn in der That diese Oelpalmenstämme mit einer Vegetation von unbeschreiblicher Ueppigkeit, Frische und Grazie be⸗ hangen und überladen, als wären es künstliche Pfosten eines europäischen wohl arrangirten Orchideen⸗ und Farnhauses. Aus jeder Blattachsel sproßt eine ganze Kolonie der zierlichsten Farne hervor, oft aus jeder eine ver— schiedene Art, dann wieder strauchartige Feigenarten und Alles mit ein⸗ ander verflochten und verwoben von einem dichten Netzwerk kletternder lang⸗ schüssiger Farnarten oder schmarotzirender Orchideen. Stellenweise nehmen sogar Winden und Yams Theil an der guirlandenartigen Stammbekleidung der Palme, während allerhand gewöhnliche Sträucher und Bäume aus den in den Blattscheiden dargebotenen, den Regen auffangenden Reservoirs her— vorzusprossen streben, was ihnen aber nur bis zu einem gewissen Alter ge— lingt, denn schließlich faulen diese vergänglichen Konsolen unter der Last der sich anhäufenden Schmarotzer weg, und der ganze üppige Schmuck, seines Stützpunktes beraubt, verfällt dem Untergange. Die Blüthen der Oelpalme sind, wie bei der Mehrzahl der Palmen, getrennten Geschlechts, doch finden sich männliche und weibliche Blüthen nicht wie bei der Dattel⸗ palme und wie bei der Dumpalme auf verschiedenen Väumen, sondern in getrennten Gruppen in der Krone derselben Palme, während bei der Kokos— nuß beide Geschlechter in demselben Blüthenstande vertreten sind. Die kätzchenartig gedrängten männlichen Blüthen bilden längliche, die weiblichen kugelrunde Büschel. Letzterer trägt die Palme jährlich drei bis vier; die sich aus ihnen entwickelnden Fruchtstände wiegen 20— 30, selten 40—50 Kilo. Die Verzweigungen des Blüthenstandes sind über die Früchte hinaus in Form sehr steifer und scharfer Dornen verlängert. Die länglichen Früchte stehen so dichtgedrängt, daß sie sich gegenseitig abplatten. Sie bestehen aus einer fleischigen, brangerothen Hülle und einem steinharten Kern, dessen dicke Schale den kleinen Stein und das große, weiße Sameneiweiß ein⸗ schließt. Nach Th. Vogel trägt die Oelpalme bereits Früchte, wenn ste erst mannshoch ist und noch kein Blatt verloren hat.— Das meiste und beste Oel, von ebenfalls hellzinnoberrother Farbe und dicker, breiiger Con⸗ sistenz, wird aus dem Fruchffleische gewonnen, welches 72 pCt. davon ent⸗ hält; indeß auch das Sameneiweiß liefert(wie das der Kokosnuß, die be⸗ kannte Copra) gegen 48 pCt. eines Fettes von noch festerer, butterartiger Consistenz. Die Darstellung des Oels aus der fleischigen Hülle wird von den Negern in sehr roher Weise bewerkstelligt. Nach Thonning läßt man an der Goldküste die Früchte liegen, bis sie anfangen zu faulen, und stampft sie sodann mit hölzernen Keulen in einer kleinen, mit flachen Steinen aus⸗ gelegten Grube, wobei sich das Oel größtentheils in derselben ansammelt. Der Teig wird dann noch mit den Händen ausgepreßt und zuletzt ausgekocht. Die Bassa von Benus begnügen sich, wie Rohlfs mittheilt. damit, das Fruchtfleisch in Gruben unter öfterem Zugießen von warmem Wasser faulen zu lassen und das oben schwimmende Oel abzuschöpfen. Das Oel wird allgemein zu Speisen benutzt; frisch hat es einen angenehmen, veilchen⸗ ähnlichen Geruch und ist nach Schweinfurth sehr wohlschmeckend. Rohlfs nennt es widerlich süß, doch hat sich Lenz bald an den süßen Geschmack ewöhnt. Nach einigen Tagen nimmt das Oel indessen einen ranzigen Ge⸗ schmac an. Die Frucht bildet eine sehr angenehme Zuspeise, welche die appetitreizende Bitterkeit der Olive(die ja ihr Oel ebenfalls in dem Frucht⸗ fleische enthält) besitzt, und von Schweinfurth sogar der Frucht des Oel⸗ baumes vorgezogen wird. Die Kerne wurden früher vielfach unbenutzt weg⸗ geworfen. Neuerdings bilden die von der Steinschale befreiten Samen (Palm-Kernels) an der Westküste einen wichtigen Exportartikel. Sie werden in Europa ausgepreßt und der Rückstand als Viehfutter benutzt.— Eine wirkliche Kultur der Pflanze scheint in Westafrika nicht stattzufinden. Die Thätigkeit des Menschen für die Pflege des Baumes beschränkt sich auf das Abschneiden der Wedel, welche das Besteigen des Baumes hindern würden; indeß stimmen alle Reisenden darin überein, daß die Palme am besten in der Nähe der menschlichen Ansiedlungen gedeiht, um welche sich allmählich Haine von Oelpalmen bilden. Es if allgemein bekannt, daß der Palmöl⸗ handel den Bewohnern Guineas reichlich den Verlust ersetzt hat, welchen sie durch Unterdrückung des Handels„in lebendigem Ebenholz“, wie man mit durchsichtigem Euphemismus den Sklavenhandel bezeichnete, erlitten; im Jahre 1876 führte das deutsche Reich 207 000 Zentner Oel, im Werthe von 7 450 000 Mark und 565 000 Zentner Palmkerne im Werthe von 678 000 Mark ein und 1884 betrug die Einfuhr in den freien Verkehr des deutschen Reiches bezw. 135 100 und 1392 192 Zentner. A. B. Das Pfeifergericht auf der Messe zu Frankfurt am Main. Es ist noch keine neunzig Jahre her; aber es klingt wie eine Sage aus alter, alter Zeit, wenn man vom Pfeifergericht spricht. Noch bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts, ja noch einige Jahre darüber hinaus, bis das todt⸗ kranke, morsche römische Reich deutscher Nation zusammenbrach, fand in jeder Herbstmesse zu Frankfurt am Main ein Gerichtstag statt, der durch die reichsstädtischen Ceremonien Jung und Alt ergötzte. Der Schultheiß und vierzig Schöppen fällten ihr Urtheil mit der Würde der Wolken⸗ perrücken und der steifleinenen Grandezza. Während dieses Geschäftes er— schallten plötzlich Posaunen, Oboen und Pfeifen; ein Abgesandter der freien Reichsstadt Worms nahte sich mit großem Geleit. Er brachte ein weißes Gefäß, in dem sich ein Pfund Pfeffer als Symbol des Materialhandels befand, ein Paar Handschuhe, Symbol für den Fabrikhandel, einen Räderalbus, einen Weißpfennig von 8 bis 9 Pfennige an Werth, und ein weißes Stäbchen, Symbol des freien Gerichtes. Die Münze wurde zur Ausgleichung für einen Biberhut erlegt, den Worms vor vielen Jahren in natura zu geben hatte. Wenn der Zug sichtbar wurde, hielt der Aktuarius im Verlesen des Urtheils ein. Auch die Pfeifer verstummten, als der Wormser Abgesandte vor dem Gericht stand und seine lange Rede begann, in der er für seine Stadt sich Zollfreiheit erbat. Hierauf ließ sich der Stadtschultheiß die Vollmacht zeigen und dem Gesandten die Versicherung geben, daß er kein unwahres Wort spreche, worauf die Sache ad protocollum genommen wurde. Kaum hatten sich die Wormser entfernt, so fuhr das Gericht in seinen Funktionen fort; plötzlich jedoch erschallte dieselbe Melodie wie vor⸗ hin. Dieses Mal war es Bamberg, das seine Abgeordneten sandte. Die⸗ selbe Antwort. Die Bamberger entfernten sich, und das Gericht fährt zu tagen fort, bis sich mit denselben Pfeiferweisen Nürnberg naht.— Bis zum Jahre 1552 hatte jede der drei Städte ihre eigenen Pfeifer gehalten, dann übernahm es Nürnberg, sie gegen Vergütigung zu stellen. Trotzdem waren die anderen Kosten nicht klein. Man wurde also beim Bürgermeister, Rath u. s. w. vorstellig, daß man die Ceremonien fallen ließe. Der Frank⸗ furter Senat lehnte die Vorstellung ab, als hinge von dem Unwesentlichen das Wohl und Wehe der freien Reichsstadt ab. Nun fragten die Nürn⸗ berger an, ob man sich nicht bei dem Pfeifergericht der Frankfurter Stadt⸗ pfeifer bedienen könne. Wieder Ablehnung von Seiten des Rathes mit Einschärfung, daß die Pfeifer sich nicht neumodischer Musikweisen bedienen möchten. So blieb das Pfeifergericht, bis Frankreich mit dem alten Plunder aufräumte. W. G. Zweimal dem Tode verfallen. Ein Geistlicher, mit Namen Kaspar Aquila, war in seiner Jugend der Armee Kaiser Karls V. als Feldprediger nach den Niederlanden gefolgt. Die Soldaten verlangten in ihrer sitten⸗ losen Rohheit von ihm, er solle eine Kanonenkugel taufen. Er weigerte sich dessen standhaft. Da ergriffen sie ihn, und luden ihn in einen Feuermörser, um ihn in die Luft zu schießen. Aber das Pulver wollte nicht zünden, und so entkam er glücklich der Gefahr.— Später wurde er Pfarrer zu Saalfeld. Er war der Lehre Luthers eifrig ergeben, und als der Kaiser das Interim erließ, äußerte er sich darüber in sehr derben Worten. Der Kaiser erfuhr dies, und höchst erbittert darüber, setzte er einen Preis von 5000 Gulden auf seinen Kopf. Da wandten sich die Einwohner von Saalfeld an Gräfin Katharina von Schwarzburg, eine geborene Fürstin von Naumburg, und baten sie, den Kaspar Aquila in ihren Schutz zu nehmen. Sie ließ den Pfarrer heimlich auf ihr Schloß bringen, hielt ihn dort sehr lange Zeit verborgen und pflegte ihn mit der edelsten Menschen— liebe, bis er sich ohne Lebensgefahr wieder sehen lassen konnte. M. Unter Ludwig XIV. wurde bei einem frohen Ereigniß ganz Paris erleuchtet. Der General-Kontroleur der Finanzen, Abbé Terray, fuhr am Abend umher, um diese Illumination in Augenschein zu nehmen. Unter vielen Sinnbildern und Inschriften fiel ihm eine ganz besonders auf. In einem Kranz von Lilien las man die transparenten Worte:„Vier Millionen habe ich für meinen König!“ Der Abbe merkte sich dies Haus, und am andern Morgen verabsäumte er nicht, sich sogleich zu dem Bewohner des Zimmers zu verfügen, an dessen Fenster diese sonderbare Devise hervor— leuchtete. Beim Eintritt in die ärmliche Stube sagte er:„Mein Herr! Ich bin der General-Kontroleur der Finanzen, die patriotischen Gesinnungen, die Sie durch Ihre gestrige Illumination äußerten, gereichen Ihnen zur größten Ehre. Ich freue mich, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, und zweifle nicht, daß Sie das erfüllen werden und können, was an Ihrem Fenster zu lesen war.“—„Das ist schon erfüllt,“ erwiderte Jener.—„Wieso? Dann müßt ich davon doch auch etwas wissen.“—„Sie wohl nicht, aber vielleicht der Herr Kriegsminister. Ich heiße Million, und habe vier Söhne, welche sich in Seiner Majestät Diensten befinden.“ Der Abbe empfahl sich und verließ das Zimmer. Arzt zu einem Geldmann:„Theurer Freund, ich bin sehr in Verlegen⸗ heit. Leihen Sie mir tausend Mark.“— Geldmann betroffen:„Wie? Ihnen? Sie, der gesuchteste Arzt!“— Arzt:„Sprechen Sie nicht also; in der ganzen Umgegend wüthet eine Gesundheitsepidemie. . 8—— 2376. 9 197 ö * 1 N N Silben-Räthsel. 3 Aus folgenden Silben: chach. a ac ans ba bi bo bo ca chi chum cke do dog dom dor e e e e Problem Nr. 420 em en en en er er es eu fa flö ge gen gi go hei hi il ips la lard le von J. Barsdorf in Crefeld. leh li li ma me men mi na nar ne ne ne new nes ni ni ni ni nin o o or pel raab re rec reth ri ri ri schas sche sel se si sis ta te the the ö ti ti to tru uu us ve we wich za zet 2i 0,. 3 50 77 ind 31 Worte zu bilden, deren Anfangsbuchstaben von oben nach unten, 92 D 3 1 f 1 125 deren Endkuchstaben von unten nach oben gelesen ein Schiller' sches. ,., 1 N , 7 1 ö Citat ergeben. 1., 23 2 8 8 g Die 31 Wörter ergeben:. ö 1. Einen Nebenfluß der Aar. 2. Den Namen eines deutschen Dichters. 2 1. 5 2. N 3. Einen Fluß in Ungarn. 4. Den Namen eines deutschen Astronomen. 9 3* 6 g g 5. Eine Stadt in Ungarn. 6. Eine Hunderace. 7. Eine Stadt in der A 9 7, englischen Grafschaft Suffolk. 8. Einen Held aus der Artussage. 9. Einen 7 5. 1.. 5. 5 rühmten Scholastiker. 12. Eine Religionssekte. 13. Einen Fastensonntag.. e, 8. 14. Eine Hafenstadt in Nordamerika. 15. Ein bekanntes Seebad. 16. Anden⸗ 5 14 gipfel in den Cordilleren von Bolivia. 17. Eine Landschaft in Mittel⸗ S 2 20. Eine Stadt in Nord-Amerika. 21. Einen männlichen Vornamen. e 8; 1 22. Einen weiblichen Vornamen. 23. Einen Ort in Galiläa. 24. Ein Dorf e 3 9 1. 0 N N in Frankreich. 25. Eine griechische Göttin. 26 Einen italienischen Opern⸗ 2. 6 14 komponisten. 27. Eine preußische Festung. 28. Einen früheren unfrucht⸗. 9, 3 baren Landstrich in Arabien. 29. Eine Stadt in Deutschland. 30. Eine 25 8* 8, a Person aus Schillers„Don Carlos.“ 31. Eine türkische Wasserpfeife. 5, 2 5 4 8 0. A... N . Dreisilbige Charade. Gieb ihnen hurtig alsbald sichere Form und Gestalt; 14 Eilig entschlüpfen sie gern wie das Dritte den gleitenden Händen, 1 1 Und das Ganze, es lebt tief in der menschlichen Brust. Schwarz. S 1 Volksstamm in Abessinien. 10. Eine Oper von Wagner. 11. Einen be⸗, e, *.* 4 N italien. 18. Ein Blaseinstrument. 19. Einen griechischen Kirchenfürsten., ö Hast du die ersten Zwei, o so trachte, fest sie zu halten, Weib. Weiß zieht an und setzt mit dem vierten 1 Matt. . Glücklich zu preisen ist der, dess) Haar vom Alter gebleichet, f Partie Nr. 241, 3 Ohne daß schmerzlich getäuscht ihm es im Busen zerrann. gespielt auf dem Spee zu Nottingham und mit dem Spezialpreise für die brillanteste * Partie bedacht.— Anmerkungen nach der Frankfurter Schachzeitung. „ Weiß: Taubenhaus aus Paris. Schwarz: Burns aus Liverpool. 3 Auflösungen der Räthsel in den beiden letzten Nummern: des Logogryph:) Ee Aces 28) St5—d0 Jes hs 5. 2) 8113 SbS-c 29) 8d6—-t7 Td3-— dad! 0 Born, Dorn, Horn, Korn, Vorn, Zorn; des magischen Quadrats: J i II8—65 30) S7—8 1d4—84f AIR 4 de- d3 did 31) Keie eb elf g 8 5) ee P4810 32) Khꝛ-—hs 97-85 N 2 6) Lel-es 05—b6 iß gi ie Parti 4 M O R 7) Dales!) Sc er Weiß giebt die Partie auf. 5 8) 8b1—d2 Se7—g6 Stellung nach dem 16. Zuge von Weiß, l 9 4 55 9880 Sen ——— 10) Le4-b—0 7. o R E I 110 82—845 ac a, AN 11 1 . 12) e-—d5: Sl— 4 f,, f des Arithmogriph: 1. Conrad. 2. Artillerie. 3. Rothes Meer. 4. Lasciv. 13) Lbs—-dd: 065., 1 41 N 5. 4 15 Ilanz. 7. Lanzette. 8. Lamia. 9. Ostgothland. 10. 14) 8d2—k1 do- dals) 9 7 1974 Ephraim. Eherubini. 12. Kamor. 13. Europa. 14. Reval. 15) Pes—42 d4-c:. 22 1 Carl Musecker Der Vizeadmiral;— des Rösselsprungs: 16) b2— c: Le8S-d7/) 9.. 1 Ich weiß, s Göttin, daß dein Sohn Belohnen willst mit süßem Kuß. 14) 81153 11%.* 9 25 5 1 Von deinem Schooße dir entflohen, O schöne Göttin, sieh', ich muß 18) 90 Ebö res. 1 8. ö Daß er vor dir sich hat versteckt Verräther sein, gieb mir den Lohn, 19) 855 5 9. 8 22 14 164 Und daß du den, der ihn entdeckt. In meinem Herzen ist dein Sohn. 20 883— 5. 1. 109 21) ba 54 708 8 8 e 5 22) hꝗ4—-h5 Dd7-d: 1 9 7 14 1 a 23) De2 ds. Ids 43., 1 5 9 N Skat-Aufgabe Ur. 6. 24) 556.1 L613. 9 A . 25) Ldz—ba Is es,,. E 1 f 9 115 auf ne Karten: 20 86—b7f Kgs- hi:. 1 5 27) ca cb L5G o Weiß 0 N.* 1) Ueblicher und wohl auch vortheilbafter ist es, den Damenspringer sofort nach dꝛ und f 775 8 ee bald nach f1 zu spielen, von wo ihm die guten Felder g3 und eventuell es offen l 171 Grand an 10 e das Spiel mit 60 Points. Wie war die Lage der 2) Ein verfrühtes Unternehmen, wodurch Weiß seine Stellung kompromiltirt. Der Nac... 1 Karten und der Gang des Spiels? ziehende behandelt die Partie mit großem Geschick, wie die Folge zeigt. 11) Ski gefolgt von 1 der langen Rochade scheint uns am Platze zu sein, um dann mittelst g4 und 8g den An⸗ 0 14 5 griff auf die feindliche Königsseite zu eröffnen.* 1 g 5 9 Wir end er Anf, daß ant rieser Stele Bi die nate gone war die% 11 Auflösung der Skat⸗Aufgabe Nr. 4. weiße Spiel rasch ruinirte. Es erfolgte dann 17) L.4. e 4 18 Sfi— 4a Tesf 19) Set 5 N Vorhan d hat: 20) f5· II5: 21) Sd Las 22) Tei Tes und Schwarz gewinnt; denn auf 23 of erfolgt Leg: 0 24) del Ldeif und die Dame kann nicht nehmen, da sie durch 25).. Ted nebst de verloren geht. 27%%% 8 94“ 4 4 4 1 I 5 24 3 1 13 Hinterhand 8 — S— rung 1 5 einzigen Drohung durch den Ei Tas! nebst Tas! verbindern können. 8 98 G o Hauptvariante ist das Spiel nach 1) sl anzusehen. Auch uns scheint die Bedeutung ö 9 3 9 Y der Aufgabe hauptsächlich auf ihrem eee und der Schwierigkeit der Lösung 14 Briefwechsel. 7 F. in Bad L. Ihre Lösung der Nr. 416 wird durch den Gegenzug 1).. Tos mit 1 N(Toi) widerlegt. 7 K. in G f 1 . Obne den weißen Bauern as in Nr. 416 würde Schwarz die Aus filh⸗ N 1 zu beru G5 Seo de G. Ch. in H. Die Uebereinstimmung der Kürschner'schen Aufgabe mit Nr. 414 di 4 9 P Blattes A1 in der That auffallend groß. Wir werden noch auf Ihre Ausführungen zurllc!⸗ Vorhand spielt Pique 10 770 Mittelband legt das As und Hinter-'mmen. 3 1 hand sticht mit Trumpf As 5 Points. Hinterhand bringt nun Coeur 10, 10 Mitelhand legt das As und Vorband sticht mit Trumpf 10- 31. In aus Fee dee f. 10 6h Ir nl t, wie gang e Summa 63, bleiben für den Spieler 57 Points. wurde, aus dem Turnier der Britischen Schach⸗Association. 8 0 Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.