E zu den Oberhessischen Machrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 20. Juni. 1886. XII. Ein recht kalter Winter war vorübergegangen und die April— sonne schien hell in die geöffneten Fenster von Mandsfelt. Die Gutsherrschaft wurde anfangs Mai erwartet und Alles war in Thätig— keit, Haus und Garten zum Empfange herauszuputzen. Ein Wagen hielt an den Stufen der Veranda, Eduard van Mossel stieg heraus. Durch ihn waren die Nachrichten von der in Cannes weilenden Familie zu der Dienerschaft gelangt.„Sie kommen noch nicht mit dem Monat Mai,“ war die Kunde, die in der Küche eifrig besprochen wurde, als nach einem Gang durch den sauber und sorgfältig an— gelegten Garten Eduard Mandsfelt wieder verließ. Die Nachricht machte ihn mißmüthig; der Winter ohne die Familie Lindner war ihm und seiner Mutter sehr lang geworden. Eduard fühlte Heimweh nach ihnen Allen und am meisten— ja, er gestand sich's lachend— nach dem großen Kinde, das ihn nie in Ruhe ließ, ihn bald als Altersgenossen behandelte, bald als den„alten Onkel Eduard“, sobald er sich es nur einfallen ließ, Ellinors Muthwillen ein wenig zu dämpfen. Es ist das Loos Derer, die bleiben, daß sie nicht vergessen; Ellinor dachte wohl nicht mehr an den Freund.„Sie ist so glücklich,“ schrieb Herr Lindner,„und die fröhliche Laune unseres Kindes erheitert gar sehr unser Familienleben. Ellinor hat eine Menge Bekanntschaften ge— macht; sie spricht alle Sprachen ihrer ausländischen Freunde, auch selbst das Italienische mit Geläufigkeit, und der Gedanke, daß wir in einigen Wochen die wirklich angenehme Gesellschaft und das schöne Land des Südens verlassen werden, macht die lustigen Augen bis⸗ weilen ernst und nachdenkend. Ich bin der guten milden Luft herz— lichen Dank schuldig; meiner Julia Gesundheit hat sich so sehr hier gekräftigt, daß ich anfange, mich der beglückenden Hoffnung hinzu⸗ geben, sie werde wieder ganz genesen. Die Aerzte hier haben mir fast die Gewißheit gegeben, nur— und das ist's, was uns Allen mißfällt und besonders meiner Julia,— wir sollen noch den ganzen Sommer von Mandsfelt gebannt bleiben, sollen nach Chamouny aufbrechen und später im Laufe des Sommers im Engadin bleiben. Wir wollen strikte diesen Vorschriften folgen, und nun weiß der liebe Gott, wann wir unser Mandsfelt wiedersehen werden. So schwer mir dies unter andern Umständen würde, scheint mir das Opfer, in Anbetracht des uns verheißenen Erfolges, gering. Wann wir uns, unter den gegenwärtigen Umständen, in dem guten Heim wieder begegnen, das mag ich mich gar nicht fragen, mein Junge, geschieht es aber früher oder später, und ich bringe Euch mein trautes Weib in blühender Gesundheit zurück, so wollen wir zu Hause Tage zusammen verleben, um die uns die Götter beneiden.“ Es war in den ersten Tagen des Mai und Eduard war mit seiner Mutter fast täglich in Mandsfelt, den lieben Nachbarn so Die Stiefmutter. Roman von M. Elton. (Fortsetzung.) recht Alles nach Wunsch in der Heimath zu bereiten. Eduard be— sichtigte mit dem Verwalter das äußere Revier und seine Mutter sann und sorgte im Hause. Frau van Mossel erwartete ihren Sohn, die langen Schatten fingen schon an, sich in's Thal zu senken und mit Vergnügen sah sie Eduard in den Hof eintreten. Es kam ein Mann auf ihn zu, der ihm eine Depesche reichte; sie sah, wie ihr Sohn sie gleichgültig öffnete und sich zum Verwalter wendete und mit ihm sprach. Ein Blick auf das Papier und Eduards Gesicht nahm den Ausdruck des Schreckens an und erbleichte furchtbar. Frau von Mossel stieß einen leisen Schrei aus und eilte vom Fenster ihrem Sohne entgegen.„Was ist's, Eduard,“ rief sie und hielt seinen Arm mit beiden Händen;„sage es mir schnell, nur keine Einleitung.“ „Julia ist todt,“ antwortete er mit dumpfer Stimme. Acht Tage später waren Lindners wieder in Mandsfelt eingezogen, und es sah wieder so feierlich um Hof und Haus aus,— trauernde, schwarzgekleidete Menschen kamen zahlreich durch das Gitterthor und schaarten sich um das Haus, ein mit Blumen bedeckter Sarg stand auf der Verandg. Der lange endlose Zug setzte sich nach dem Dorf— kirchhof in Bewegung, dicht hinter dem Sarge ging Eduard van Mossel und Otto von Manners, das ganze Dorf folgte. Und sie trugen Julia's Hülle in der Herrlichkeit des Maimonats davon, die glänzende Sonne und der tiefblaue Himmel und der jubelnde Chor der Vögel gaben ihr das Geleite und die lange Allee der blühenden Bäume streute Blumen auf den Weg, der zu ihrer letzten Ruhestätte führte. Oben am geöffneten Fenster stand Lindner, ein alter gebrochener Mann, und sah mit stieren trockenen Augen, wie jeder Schritt sie mehr von ihm trennte und wie der Zug endlich in den Blüthenwald verschwand. Er sah ängstlich nach allen Seiten, als der Letzte der Leidtragenden nicht mehr sichtbar war und be— merkte jetzt erst, daß sein Kind an seinem Arme hing und flehendlich aus den thränenvollen Augen zu ihm aufsah.„Vater, Vater; o sprich zu mir, nur ein Wort, ich bitte Dich,“ bat sie schluchzend. „Wir sind sehr unglücklich, mein Kind,“ sagte er mit tonloser Stimme, und das war das erste Wort, das er seit ihrer Mutter Tode zu ihr sprach. Der gute treue Freund war nach Cannes ge— kommen und hatte den Mann vertreten, der, betäubt von dem Schlage, der ihn so plötzlich und unerwartet getroffen, weder eines Wortes, noch eines Gedankens fähig gewesen. An Eduard hatte sich das verlassene erschreckte Kind ängstlich angeschlossen, war laut weinend in seine Arme geeilt, als der helfende Freund bleich und erregt in dem Zimmer erschien, in dem Julia verklärt ruhte, und das Lindner noch keinen Augenblick verlassen hatte. Eduard er— blickte eine andere Ellinor; die holde jungfräuliche Erscheinung mit den tiefblickenden dunklen Augen, in denen eine Welt voll stummen —TT—T7TTC—TTT 3 3 — 194 Herzeleids lag, war so verschieden von seiner kleinen Freundin, daß es ihn für den Augenblick verwirrte, und ihr inniges rückhaltloses Vertrauen ihn in eine Verlegenheit versetzte, die er kaum bemeistern konnte. Wie ein Retter, ein Trost, vom Himmel geschickt, war dem verlassenen Kinde Eduard erschienen, und die Beweise ihrer Dankbarkeit und ihres unbeschränkten Vertrauens waren so zart, so rührend, daß Eduard kaum begriff, wie so schnell aus dem muntern Mädchen, dem die Welt nur zu seinem Spielwerk und Zeitvertreib geschaffen schien, ein so gutes selbstloses Wesen geworden war, das lebhaft an die verklärte Mutter erinnerte. Von dem Begräbniß kehrten viele der Herren nach Mandsfelt zurück, dem Gutsbesitzer und seiner Tochter ein Trostwort zu sagen; Lindner war nicht zu bewegen, sein Zimmer zu verlassen, und Eduard van Mossel wurde unruhig und dachte, ob es nicht an ihm sei, der versammelten Gesellschaft zu sagen, daß Herr Lindner dankbar für die Theilnahme an seinem Verlust sei, daß aber sein Befinden ihn verhindere, es den Herren selbst zu sagen. Er sah nach dem einzigen Verwandten des Hauses, Otto von Manners, dessen Ob— liegenheit dies eigentlich gewesen wäre. Der aber schien garnicht daran zu denken, irgendwie die Rechte eines nahen Verwandten hier zu beanspruchen; und da Eduard von Anfang an in Cannes und hier Herrn Lindner vertreten hatte, so fand er selbst, daß er als intimer Freund und Nachbar besser im Stande sei, allen noth— wendigen Erfordernissen zu genügen. Da öffnete sich die Thüre und Ellinor erschien in tiefer Trauer, bleich, den reizenden Kopf gesenkt, aber so überraschend schön, daß Alle die hohe, so rührend in ihrer stillen Trauer erscheinende Gestalt wie eine ihnen unbe— kannte Dame anstaunten. Sie erhob die großen braunen Augen mit einem Blicke holder Schüchternheit, und als sie ein Dankeswort an die Herren, die auf sie zueilten, richten wollte, zitterten ihre Lippen und sie brach in Thränen aus. Otto von Manners war der letzte, der ihr die Hand reichte, als sich das Zimmer geleert hatte; er fühlte, wie die arme kleine Hand in der seinen zitterte; ihm ging es wie ihr, er wollte zu ihr sprechen; aber aus den erbleichten Lippen kam kein Wort. Er hatte die Todte so sehr geliebt, sie war dem frühe verwaisten Knaben eine treue Mutter gewesen. Er war mit der Hoffnung gekommen, Ellinor an der Leiche der Mutter ein Bruder zu sein und in ihr die Erinnerung an die Tage zu wecken, wo Julia ihre Liebe so innig zwischen den beiden Kindern theilte; aber er hatte sie kaum auf Augenblicke gesehen. Es war Jemand da, der dem Vater und der Tochter unentbehrlich schien, der alle bewährte Rechte an das Vertrauen und die Zuneigung seines Onkels und seiner Cousine hatte; Eduard van Mossel vertrat den Sohn des Hauses und es konnte wohl kaum ein Zweifel sein, daß er Ellinor über Alles lieb und werth war. Er hätte blind sein müssen, wenn er nicht ge— sehen hätte, wie es trostvoll über ihr betrübtes Gesicht kam, wenn sie ihn erblickte, und dieser zeigte die Ruhe des sich im sichern Besitze wissenden Verlobten. Otto hatte Eduard van Mossel nicht aus den Augen verloren und er zweifelte nicht mehr an den Be— ziehungen, in denen er zu Ellinor stehen sollte.„Die, die mich liebte, ist todt,“ sagte er sich traurig, und so war er der letzte ge— wesen, der vor das junge Mädchen hintrat und ihr die Hand reichte. „Lebe wohl, Ellinor,“ sagte er endlich bewegt;„ich will abreisen.“ Sie beugte nur das Haupt und sagte nichts.„Würde nicht vielleicht ein Aufenthalt in Armünde dem Onkel wohlthun und würde es nicht auch für Dich gut sein?“ fragte er zögernd. Sie schüttelte langsam den Kopf und erhob schwermüthig die Augen zu ihm. „Nicht jetzt,“ antwortete sie,„in Armünde würde mir der Verlust doppelt fühlbar sein.“ Er hatte ihr nichts mehr zu sagen; in Mandsfelt freilich war Eduard van Mossel, da gab es Trost für sie, und in Armünde war nur er. Sie ging mit bis zur Thüre, sie reichte ihm noch einmal die Hand und brach in Thränen aus; vielleicht begleitete sie ihn nur, weil Eduard ebenfalls in den Wagen stieg. Der Hausfreund war ein freundlicher liebenswürdiger Mann, Otto gestand es zu; er hatte sich auch bemüht, dem Verwandten des Hauses bei jeder Gelegenheit die erste Stelle anzuweisen, auch das gab Otto zu; van Mossel war ein Mann von Takt und ein schöner Mann, kein Wunder, daß er Ellinor gefiel. Alles dieses war unbestreitbar, auch daß sich Eduard bemühte, auf der Fahrt bis zur Stadt den guten Eindruck womöglich noch zu erhöhen, indem er nur von Julia und ihrem stillen Wirken als Wohlthäterin der Armen sprach. Otto athmete auf, als er allein im Eisenbahncoupe saß; er drückte sich trotzig in die Ecke und schloß die Augen: er sah nur schwarzen Crepp, ein gebeugtes Köpfchen und ein alabaster weißes Gesicht vor sich, und zwei Augen, die ihm keine Ruhe ließen. „Vor anderthalb Jahren, als sie die Ellinor von ehedem war, hätte ich mich vielleicht über ihren Verlust trösten können; aber nun weiß ich, daß ich für sie eine jener Leidenschaften empfinde, die für's Leben verhängnißvoll werden.“ Otto sprang auf und durchmaß das Coupe, das er allein inne hatte. Wie war er gekommen auf die Kunde von Julia's Tod, mit welchem Schmerze und mit welchen Hoffnungen! Mußte Ellinor sich nicht gerade jetzt daran erinnern, wie sie zusammen unter der treuen Obhut derjenigen aufgewachsen waren, deren Hinscheiden sie betrauerten? Er hatte sie kaum gesehen, sie war bei dem Vater gewesen, und wenn er versucht hatte, mit ihr zu sprechen, wie es ihm gewissermaßen als Bruder zukam, so war sie in ein trostloses Weinen ausgebrochen. Was hätte er darum gegeben, wenn sie, wie in frühern Zeiten, ihn nicht in ihren ehe— maligen stürmischen Liebkosungen erdrückt, nein, wenn sie ihm nur die weiche thränenfeuchte Wange zum brüderlichen Kusse hingereicht hätte, aber selbst das war ihm versagt worden. Er fühlte sich nun von Ellinor getrennt für immer! Und wenn sie die Frau Eduard van Mossel's wurde, was sollte er ihr einsam sein Leben lang nach⸗ trauern? Rose liebte ihn, das war augenscheinlich; ihre Eltern wünschten sehr, das einzige Kind mit Otto zu verheirathen. Er konnte Armünde kaufen, sein Vermögen reichte dazu hin, der Landsitz war ihm werth des raschen Gedeihens wegen. Konnte er die Ver— gangenheit nicht auslöschen und zu neuen Zielen emporstreben? Ach nein, ohne Ellinor erbleichte die Sonne über Armünde, und die ganze Welt füllte sich in Nacht und Nebel. Mit tiefem Weh im Herzen fuhr der junge Mann seinem fernen Wirkungskreise zu. XIII. Monat um Monat ging an Ellinor vorüber und sie fühlte sich einsamer, verwaister, wie kurz nach dem Tode der Mutter. Ihr Vater ging wohl hier und da seinen Geschäften nach; sein Anblick aber war erbarmenswerth. Ellinor hatte versucht, ihn seinem Gram zu entreißen, war oft des Tages zu ihm in sein Zimmer gegangen, oder hatte ihn hinaus auf's Feld begleitet, ihren eigenen Kummer zum Schweigen gebracht und ihm ein heiteres Gesicht gezeigt, allein mit tiefem Schmerz sah sie, daß er am liebsten allein war, daß ihre kindlichen Bestrebungen keinen Erfolg hatten. Frau van Mossel versuchte das Ihrige. Sie war nicht die Frau der zarten Andeutungen, sondern gewöhnt, prompt auf ihr Ziel loszugehen. „Sie bereiten Ellinor ein trostloses unerträgliches Leben, lieber Herr Nachbar,“ sagte sie eines Tages, nachdem sie rasch und un— angemeldet in sein Zimmer getreten.„Das Kind ist siebenzehn Jahre alt, die Mutter todt und der Vater kümmert sich nicht um sie.“ Lindner sah erschreckt auf und winkte abwehrend mit der Hand. „Um Gottes willen, Frau Nachbarin, schonen Sie mich,“ murmelte er und sah dabei so elend aus, daß er Frau van Mossel das tiefste Mitleid einflößte.„Es thut mir selbst wehe, Ihnen die Augen öffnen zu müssen,“ sagte sie mit Thränen in der Stimme;„aber Ellinor ist nicht wieder zu erkennen; Sie müssen endlich wieder Sie selbst werden, sonst weiß ich nicht, was aus dem armen Kinde werden soll. Denken Sie doch an unsere gute Julia: soll ihr Tod denn Ellinor ganz elternlos gemacht haben?“ „O, ich denke an meine Julia; der Gedanke an sie, an ihre blühende Jugend, die sie mir gab, verläßt mich nicht bei Tag und bei Nacht. Ich war es, der ihr das Leben hier unmöglich machte, der sie in Noth und Elend trieb,— so steht sie jetzt vor mir; was sie im Leben nie werden konnte, das ist sie nun im Tode ge— worden: meine Anklägerin,“ sagte Lindner tonlos und stützte den müden Kopf in die Hände. Frau van Mossel stand rathlos, eine solche Schwierigkeit hatte sie nicht vorausgesehen.„Ach, wohin gerathen Sie, Herr Nach— bar!“ rief sie ungeduldig.„Sie steigern ein kleines Mißverständniß zu einer Schuld; Sie müssen sich doch eingestehen, daß hier un— vorhergesehene dunkele Ursachen die Hauptfaktoren waren, die unsre gute Julia aus Ihrem Hause trieben. Sie sind krank, mein lieber Lindner; reisen Sie mit Ellinor.“ Lindner schüttelte den Kopf. „Sie wollen es übersehen, wo c * t bee E ee e eee 195 e 7 meine Sünde gegen Julia angefangen hat,“ entgegnete er nieder— geschlagen.„Meinen Sie, ich hätte Ihre treuen Rathschläge, Ihre Warnungen vergessen, liebe Freundin? Sie haben mir gesagt:„Du hast kein Recht, das beste junge Weib um sein Lebensglück zu be— trügen.“ „Das habe ich nie gesagt,“ fuhr Frau van Mossel auf;„ich habe immer Ihre höchst schwierige Lage im Auge gehabt, und wenn ich hier und da ein Wort gesagt, so wissen Sie ja, daß eine alte Frau, die nichts zu thun hat, oft Dinge sieht, die garnicht existiren.“ „Sie sind gut, liebe Nachbarin,“ sagte Lindner und reichte ihr die abgemagerte Hand;„die Thatsachen sind da und sie drücken mich zu Boden.“ „Und Ellinor?“ fragte Frau van Mossel erregt. „Quälen Sie mich nicht,“ entgegnete er mit einer Hilflosigkeit in Blick und Haltung, die der alten Dame zeigte, wie wenig Er— folg hier zu hoffen war. „Wir müssen Geduld haben, mein liebes Kind,“ sagte Frau van Mossel tief betrübt zu Ellinor, die, mit einer großen bunten Stickerei beschäftigt, im Garten saß.„Der Verlust ist verhältnißmäßig noch neu, und er kam Euch gar zu unerwartet.“ „Unerwartet? Ja wohl für den Augenblick; aber es war doch sichtbar genug, daß sie täglich mehr dahin schwand, und ich brauchte nur auf Papa's Gesicht zu sehen, wenn er sich unbeobachtet glaubte, dann wußte ich, wie es mit ihr stand,“ antwortete Ellinor.„Sehen Sie diese Stickerei; mein Mütterchen hat sie angefangen, diese Blumen hat ihre liebe Hand gestickt,“ und Ellinor drückte ihre frischen Lippen inbrünstig auf die Stickerei. Als Frau van Mossel sich entfernt hatte, suchte Ellinor den Friedhof auf und weilte so lange am Grabhügel der theuren Ver⸗— blichenen, bis die ersten Sterne am Abendhimmel flimmerten. Dann erhob sie sich langsam, warf einen langen leidvollen Blick auf die vielen Reihen Derer, die dicht neben einander hier den stillen Todesschlaf schliefen und verließ den Friedhof. Die Dämme— rung des Septembertages legte sich schon über die Gräber und ein leichtes Frösteln durchzitterte ihren Körper, als die Dornen eines Rosenstrauches sie energisch auf der Stelle bannten.„Ellinor,“ flüsterte eine Stimme, als sie sich zurückbeugte, um sich von den Dornen zu befreien. Sie wollte fliehen, als ein Mann hinter der Cypresse hervortrat.„Ellinor, fliehe nicht vor mir, sei Du wenig— stens nicht hart gegen mich.“ Bleich und erschreckt sah sie dem Manne ins Gesicht, der dicht zu ihr getreten war.„Ich kenne Sie nicht, was wollen Sie, wer sind Sie?“ flüsterte sie hastig. „So weit ist es gekommen, daß die Schwester den Bruder nicht kennt, daß sie ihn fürchtet, wie einen Mörder,“ rief Georg in einem Tone, der Ellinor ergriff. Sie erinnerte sich, sie hatte ihn einmal flüchtig gesehen. „Mein Bruder Georg,“ sagte sie mit bebender Stimme und streckte ihm beide Hände entgegen. „Der Himmel weiß, wie ich mich nach diesen Worten gesehnt habe,“ sprach er langsam und führte das Taschentuch an die Augen,„sage es noch einmal, meine Schwester, sage noch einmal: mein Bruder Georg. Wie manchmal habe ich hier an ihrem Grabe, die mir eine Mutter gewesen ist, gestanden und habe darauf ge— wartet, daß mir meine Schwester versöhnend die Hand reichen werde; Gott sei Dank, der Tag ist gekommen!“ und er drückte Ellinor's Hände und zog sie mit Heftigkeit an seine Lippen.„Du grollst mir nicht, Schwester?“ „Warum sollte ich Dir grollen?“ fragte sie und sah ihn freundlich an.„Ich weiß nicht, warum der Vater Dich nicht leiden mag—“ „Ich bin ein armer, unglücklicher Mensch, Schwester, bin es immer gewesen, Kinder, die in Bezug auf Schönheit stiefmütterlich von der Natur behandelt worden sind, erfreuen sich selten eines be⸗ sonderen Wohlgefallens der Eltern,“ sagte Georg in trübem Tone. Er flößte Ellinor ein tiefes Mitleid ein; nein, er war nicht schön, der arme Georg; aber warum sollte man ihn nicht lieben können? 5 „Meine Zwillingsschwester sorgte dafür, daß unsers Vaters Zu⸗ neigung ihr allein zu Theil ward;— vielleicht weißt Du davon, wie ihre Eifersucht der armen Frau unter dem Hügel da das Leben in Mandsfelt verbittert hat.“ Ellinor bewegte verneinend das Haupt. i „Es ist Gras gewachsen über die Geschichte, der Vater denkt nicht mehr daran, desto besser. Liebe hat er nie für mich gehabt, dafür hat Adeline gesorgt, ein kleiner Umstand kam dazu— ein Irrthum, den ich ihm, mit aller gebührenden Achtung, bei der Her— ausgabe meines mütterlichen Vermögens, bewies, und nun ist jede Hoffnung auf Versöhnung vergebens.“ Georg's Gesicht hatte den kläglichsten Ausdruck angenommen. „Ich will mit dem Vater sprechen; vielleicht wird er jetzt in seinem tiefen Schmerze milder gegen Dich geworden sein,“ sagte Ellinor tröstend;„aber ich muß nach Hause, es wird dunkel; Du wirst mich begleiten, mein Bruder.“ „Das selbst ist mir nicht gestattet!“ rief er schmerzlich aus. „Würde es unserem Vater hinterbracht werden, so dürfte ich Dich nicht mehr sehen. Versuche es nie, Schwester, eine Versöhnung zwischen ihm und mir herbeiführen zu wollen, Du würdest nur die Sache schlimmer machen, und ich würde Dein liebes Gesicht nicht mehr vor mir sehen, nach welchem ich mich so sehr gesehnt habe. Ich werde es jetzt öfters versuchen, Dich zu sprechen; wenn Du, von Zeit zu Zeit in dem kleinen Tannenwald, der kaum eine Viertel— stunde von Mandsfelt entfernt ist, spazieren gehen wolltest, so könnte ich Dich zuweilen treffen. Ich habe keinen Menschen auf der Welt, wie glücklich würde ich sein, wenn Du dem häßlichen alten Bruder, den Niemand lieben wollte, ein wenig gut sein wolltest.“ Georg's Stimme wurde bewegt und unsicher; er brach kurz ab und reichte Ellinor die Hand. „Ich will Dich lieben, Georg!“ sagte sie und diese Worte kamen tief aus dem Herzen.„Aber warum glaubst Du, daß Niemand Dich geliebt habe, auch meine gute Mutter—“ sie vollendete den Satz nicht. „Ich bin noch nicht ein Jahr mit ihr in Mandsfelt zusammen gewesen, und dann wußte ich, daß man ihr alle meine einfältigen Streiche mit den schwärzesten Farben ausgemalt hatte— nun, da dachte ich störrisch, ich wolle mich lieber gar nicht um ihre Zunei— gung bewerben, um nicht zurückgewiesen und von Adeline verhöhnt zu werden,“ erklärte er mit einer Offenheit, die Ellinor rührte. Das war es ja, worüber ihre Mutter geklagt hatte, als sie einst Georg auf dem Wege nach Mandsfelt begegneten. „Gute Nacht, Schwester; auf Wiedersehen!“ sagte jener hastig, drückte Ellinor die Hand und verschwand auf der andern Seite des Friedhofes. Wie sie auf dem Wege dem Gutshause zuging, fühlte sie sich beunruhigt und doch wieder freudig erregt. Durfte sie, ohne ihren Vater davon in Kenntniß zu setzen, ihren Bruder heimlich sehen? In seiner gegenwärtigen Gemüthsverfassung konnte sie über— haupt nicht mit ihm über Georg sprechen, und dann, wenn er diesen Sohn nie geliebt hatte, was war überhaupt zu hoffen? Ellinor seufzte tief. Der gute Vater, wer konnte ihn ergründen? War ihre Mutter vor einem wirklichen Argwohn geflüchtet, oder hatte ihr Vater derselben gegenüber nie einem Zweifel Raum gegeben? Und nun diese Adeline, die ihr Vater so sehr geliebt, die an seinem Arme hing, wenn die Mutter im Zimmer in Thränen ausbrach,— diese schöne Schwester, glatt und geschmeidig wie eine Schlange, hatte ihrer Mutter das Leben in Mandsfelt verbittert, so hatte Georg gesagt. Und wahr mußte es sein; denn ihre Mutter hatte nie über die Stieftochter gesprochen.„Es wird so sein,“ flüsterte sie und trat schnellen Schrittes in den Hof,„diese schreckliche Adeline hat den armen Georg aus der Liebe des Vaters verdrängt. Ich stehe nicht unter ihrem Einfluß, und ich will und darf ihn lieben. Der arme Mensch, er hat so wenig Empfehlendes; seine Manieren sind bäuerisch, seine Kleidung so vernachlässigt und auch sein Gesicht ist wenig sympathisch; aber gerade deswegen will ich ihm gut sein!“ Ellinor fühlte sich auf sich selbst angewiesen und war überzeugt, daß sie kein Recht besaß, die bescheidene Annäherung ihres Bruders zurückzuweisen; zudem drängte ihr warmes Gefühl sie dazu, dem nahen Verwandten, der so einsam im Leben dastand, eine treue Schwester zu sein. Sie stand ja auch allein seit ihrer Mutter Tode, der Vater wich ihr eher aus. So wollte sie treu zum Bruder halten, und wenn später der Vater zu seiner alten Kraft und Ge— sundheit gekommen war, dann wollte sie Georg vor ihn führen und sagen:„Vergieb ihm, wenn er Dich beleidigt hat; er ist Dein Sohn, und ich liebe meinen Bruder von ganzem Herzen, und Du wirst uns nicht Beide unglücklich machen wollen durch das unselige Zer— würfniß.“ Dann konnte die Zukunft noch schöne Tage bringen. Sie ging lange mit sich zu Rathe, ob sie nicht Eduard van Mossel von den Zusammenkünften mit ihrem Bruder sprechen sollte; 196= als sie endlich Georg darüber fragte, bat jener sie dringend, dies nicht zu thun, ohne weitere Gründe anzugeben. Die Geschwister sahen sich jede Woche einmal. Bei einer solchen Zusammenkunft zog sie schüchtern ein schweres Beutelchen heraus und legte die treueste Bitte in ihre seelenvollen Augen.„Georg, Du kannst und darfst mir diese erste Bitte nicht abschlagen; der Verwalter in Jastrow schickt mir so viel Geld, und ich weiß keine Verwendung dafür; Du verwendest es für Dein Gut, nicht wahr, Du bist mein lieber Bruder?“ Diesmal traten Georg wirklich Thränen in die Augen.„Ellinor, das vergesse ich Dir nicht,“ rief er und drückte ihre Hände, daß sie hätte aufschreien mögen;„aber Dein großmüthiges Anerbieten annehmen, das thue ich nicht. Siehst Du, das fühlt sich, ausdrücken kann ich es nicht; aber wenn ich Dein Geld nähme, es würde einen Schatten auf unsere geschwisterlichen Beziehungen werfen. Ich habe Dich gefunden— der Tölpel, der sich keines Menschen Gunst zu erfreuen hat, findet eine großmüthige Schwester, die ihm gut ist. Siehst Du, ich muß Dir's nur gestehen: es mag ja sonst gehen, wie es kann, ich bin aber im Leben nicht so glücklich gewesen, wie jetzt!“ er hob den rechten Arm in die Höhe, als wollte er Hurrah! rufen. Diese Bewegung so ungeschickt und täppisch sie war, rührte das Mädchen tief. „Auch ich bin glücklich, daß wir uns so nahe getreten sind,“ sagte sie weich und sah ihm treu und vertrauensvoll in die Augen. „Du bist aber gut und nimmst das Geld,“ fügte sie bittend hinzu. „Nein, wahrhaftig nicht!“ betheuerte er mit den heftigsten Ge— berden;„aber gedenken will ich Dir's, Du gute Schwester!“ „Du hast einen Verwalter, ist er wenigstens für Dich ein zu— verlässiger Mensch?“ fragte sie zögernd. „Auf den kann ich unter allen Umständen zählen!“ rief Georg betheuernd;„ein Hund ist nicht so treu, wie mein Klas.“ „Seine Tante hat ihn nicht gelobt,“ sagte sie und bewegte be— denklich das schöne jugendliche Köpfchen. „Da hat sie unrecht gehabt, der Junge konnte ihr nicht mehr geben, als er besaß. Ich kann den Klas nicht hoch besolden; er hat mich genug bei Lebzeiten der Alten geplagt, daß ich ihr des Neffen Lohn auf den Tag bezahlte; seit sie todt ist, läßt mir der arme Junge Ruhe; für sie braucht er nichts,“ antwortete Georg überzeugend. N Als Ellinor mit ihrem Beutelchen voll Goldstücken und Banknoten wieder nach Hause ging, war sie tief bewegt. sie wirkliche Zuneigung für ihren Bruder. Die Zusammenkünfte der Geschwister dauerten ungestört bis zum Februar fort. Einmal, da Ellinor dem Bruder die Hand zum Ab— schied reichte, flüsterte jener:„Da kommt Eduard van Mossel in seinem Wagen, laß uns schnell in den Tannenwald treten.“ Diesmal empfand „Warum sollen wir uns verstecken?“ fragte sie und sah ihn mit den schönen Augen unschuldsvoll an.„Eduard ist edel und gut, er verdient, daß ich nie ein Geheimniß vor ihm habe. Nein, vor ihn treten wollen wir und uns ihm zeigen; es wird mir wohler sein, wenn er weiß, daß wir uns öfters sehen. Komm, gieb mir Deine Hand, wir gehen ihm entgegen.“ Georg war schon zwischen die Tannenstämme gesprungen.„Ich bitte Dich, kein Wort davon vor ihm. Ich sehe den Verrath über— all, halte mir es zu gut, ich habe Dich gar zu lieb. Nur kein Wort!“ rief er ihr ängstlich zu und trat hinter die Stämme zurück. Er sah wie Eduard's freundliches Gesicht erröthete, als er des jungen Mädchen ansichtig wurde.„Du hier, Ellinor?“ fragte er; „Du bist also eine Freundin von einsamen Spaziergängen ge— worden?“ „Nimm mich mit Dir, ich wollte heute doch zu Euch kommen,“ sagte sie und streckte ihm beide Hände entgegen. Er sprang rasch aus dem Wagen und drückte, ohne daß sie es ahnte, einen Kuß auf die langen Locken, die dem breitkrempigen schwarzen Filzhut entrollten. Wie vorsichtig und zärtlich er sie in den Wagen setzte und die Reisedecke um sie faltete! „Also doch!“ murmelte Georg;„es war ja kaum daran zu zweifeln, daß der kluge Nachbar sie sich entgehen lassen würde.“ Eduard war glücklich, als Ellinor im offnen Wagen mit ihm durch die sonnige, obwohl noch winterliche Flur fuhr. Der Ver— kehr mit Mandsfelt war seit Julia's Tode nicht mehr so lebhaft wie früher. Seine Mutter klagte viel und war viel seltener als sonst zu einem Besuche in Mandsfelt zu bewegen.„Unser Nach— bar hütet ja noch immer beharrlich sein Zimmer und Ellinor könnte zu mir kommen, wenn sie Sehnsucht nach uns empfindet.“ Es machte ihr keine Freude, als sie Beide zusammen an⸗ kommen sah.„Der arme Junge,“ flüsterte sie und warf dabei einen recht betrübten Blick auf die alten Raritäten, welche sie umgaben. Was war denn je sicher gewesen vor den kleinen kecken Händen? Wie sie Eduard behend und überglücklich aus dem Wagen hob, als wäre er wieder zwanzig Jahre alt! Frau van Mossel seufzte tief. Und als sie dem Mädchen das kalte, rosige Gesichtchen küßte und sie Thränen in den leuchtenden Augen sah, da drückte sie die Kleine warm an ihre Brust.. „Nun kann ich doch wieder einmal von ganzem Herzen von meinem Mütterchen sprechen; Sie haben sie allein ganz gekannt,“ sagte sie zu Frau van Mossel und küßte diese noch einmal mit Innigkeit. Ja, wer konnte ihr böse sein, trotzdem sie nun wieder den runden Hut und den Mantel auf den nächststehenden Sessel warf, statt draußen im Vorzimmer Beides an den Haken aufzu— hängen; Frau van Mossel war fest überzeugt, daß ihr Sohn unter der Verachtung jedes der alten strikten Hausgesetze leiden werde, und des Mädchens unabhängiger Charakter fügte sich nicht diesen Gesetzen, die das Lächeln so oft auf den frischen Kindermund gebracht hatten. a „Ich will zu Fuße nach Hause gehen,“ erklärte Ellinor endlich und stand auf. „Das wirst Du nicht, mein Kind; der Kutscher fährt Dich nach Hause,“ entgegnete Frau van Mossel. „So mag er nachkommen; es ist noch ganz hell, ich werde eine Strecke gehen,“ entschied sie und nahm herzlichen Abschied von der alten Dame. Da gingen sie nun wieder aus dem Hofe, Eduard bot ihr das Geleit an und sie legte recht fest den runden Arm in den seinen. Frau van Mossel war müde und verdrießlich und legte sich zu Bette. Eduard fühlte sich heute so jung wie das holde Kind, das ver— traulich an seinem Arme hing. Hatte er vorher manchen Tag in ernster Erwägung zugebracht, so war heute jedes Bedenken ver— schwunden, er fühlte sich wie berauscht. „Da hält der Wagen,“ rief sie und ihr Arm verließ den seinen. „Es ist sechs Uhr, die Stunde, die ich auf Papa's Zimmer zu— bringe, ich will nun einsteigen, guten Abend, Eduard.“ Es war ihm, als könne er sie nicht gehen lassen; das Wort, das er seit Monaten von seinen Lippen zurückgedrängt, kam nun stürmisch, fast gegen seinen Willen hervor. Er hielt die kleine Hand fest und sagte laut aus übervoller Brust:„Meine geliebte theure Ellinor, werde mein Weib, willst Du?“ Die kleine Hand hatte sich heftig bewegt, als wolle sie sich be— freien, das rosige Gesichtchen war todtenbleich geworden und die bebenden Lippen versuchten vergeblich ein Wort zu sagen; ein paar Augen, erschreckt und scheu, blickten plötzlich hilflos zu ihm auf. Was war das? welche Wirkung hatte seine Werbung hervorgebracht? „O, sei mir nicht böse, Eduard,“ flüsterte sie und zitterte an allen Gliedern,„es ist so unerwartet,— Du bist so gut, so herzens— gut, ich werde Alles thun, was Du willst.“ „Gute Nacht, Ellinor,“ sagte er mit erstickter Stimme. Sie sah nicht, wie bleich er war, sie vermied, ihm ins Gesicht zu sehen; er führte sie zum Wagen und verschwand. Und sie saß bleich und bewegungslos und starrte in die Abenddzämmerung und Thränen rannen langsam über ihre Wangen.„Der beste, treuste Freund!“ murmelte sie.„O, ich habe ihn ja auch lieb, sehr lieb; aber daß ich seine Frau werden könnte, daran habe ich nie gedacht!“— Sie saß bis tief in die Nacht hinein in dem Zimmerchen, das ihre Mutter so frisch und schön für sie hatte herrichten lassen. Was würde nun die gute Mutter sagen, wenn sie ihr erzählte, Alles, Alles, was sie keinem Menschen, und nur sich tief erröthend mit Verdruß und Aerger über sich selbst, gestanden hatte? Sie fühlte sich so verlassen, kein Mensch war auf der Welt, der ein tröstendes Wort zu ihr gesprochen hätte. Ihr Bruder? Durch das Geheimniß, das er bewahrt haben wollte, war er ihr so unerreichbar, und wie sollte der sie verstehen? Sie weinte viel, küßte das Bild ihrer Mutter und fing an zu schreiben.„Lieber, guter Eduard! Wenn ich die Worte, worin Du mir den ehrenden Beweis giebst, daß ich in Deinen Augen mehr wie ein dummes Kind, ja eine Persönlichkeit bin, die Du selbst für würdig hältst, Dein Leben mit ihr zu theilen, für den Augenblick 00 00 0 0 0 Der Küchen⸗Dragoner. r. r.. 198 nicht mit gerührtem Dank erwidert habe, so mache meinem Gefühl für Dich keinen Vorwurf daraus, sondern nur meiner Einsicht, die mich immer so himmelweit unter Dich stellte. Ja, ich verstehe es, ich war nicht vorbereitet darauf, daß Du Dich verheirathen und mich zu Deiner Frau erheben wolltest. Wie dumm und albern mag ich Dir erschienen sein, Du treuer Freund, Du. Was Du uns gewesen bist, das vergesse ich nie, und wenn die wärmste Dank— barkeit und eine herzliche Zuneigung etwas dazu beitragen können, Dein Leben so glücklich zu gestalten, wie Du es verdienst, so werde ich mit Freuden Deine Frau. Du mußt Geduld mit mir haben, mein lieber Freund; wäre nur die gute Mama hier bei uns, Deine Werbung hätte Dir und mir mehr Freude bereitet; noch einmal, verzeihe mir und glaube mir, daß ich stolz darauf bin, mich für's Leben nennen zu dürfen— Deine Ellinor.“ Sie überlas die wenigen Worte, sie schienen ihr verworren, ohne das richtige Gefühl; sie waren ein treuer Ausdruck der Stimmung, in der Ellinor sich befand. Sie wollte überlegen, wollte in's Klare kommen, wie sie ihm zu schreiben habe, der ihr vor Kurzem erst Tröster und Beschützer geworden war, sie starrte nur in's Leere und fand nicht die Worte, die sie ihm zu sagen hatte.„Heucheln ihm gegenüber, ihn glauben machen, daß ich das für ihn fühle, was ich ja so gerne für ihn empfunden hätte, das kann ich nicht, das werde ich nie; Wahrheit soll wie immer zwischen uns sein; ich gebe, was ich geben kann, ich habe ihn ja lieb, den besten der Menschen, sehr lieb habe ich ihn; und daß da ein so beständiger hartnäckiger Ge— danke in meinem tiefsten Herzen ist, dafür kann ich ja nichts,“ rief sie laut, sich rasch erhebend, und ihre Augen flammten unwillig auf. Sie war wunderbar schön in ihrem Verdruß über sich selbst. Sie dachte einen Augenblick daran, ihrem Vater von Eduard's überraschender Werbung zu erzählen; aber mit einem wehmüthigen Kopfschütteln sagte sie sich, daß sie nur ihr Alleinstehen noch här— ter empfinden würde, wenn er auch dieses mit seiner dumpfen Gleichgültigkeit hinnehmen werde. Am folgenden Tage ging sie traurig einher; ihr Brief war in Eduards Händen, der Bewerber mußte nun wohl kommen, um den Vater zu fragen. Sie war nicht mehr erregt, sie sah ruhig den Dingen entgegen, die kommen mußten; sie war Eduard's Schuldnerin und als solche eutschlossen, so zu handeln, daß er immer mit ihr zufrieden sein sollte. Der Tag nahte sich seinem Ende, Eduard war noch nicht erschienen. Ellinor wurde unruhig, hatte ihr Brief ihm mißfallen, hatte sie ihn gekränkt?„O nur das nicht,“ rief sie beängstigt, und dennoch athmete sie auf und wollte es sich nicht gestehen, daß sich eine leise Hoffnung in ihr regte.„Verstehe ich mich denn nur noch, bin ich's nur noch?“ fragte sie sich bleich und zitternd.„Sonst, wenn ich sein gutes Gesicht sah, wurde es mir wohl und heimisch zu Muthe und heute fürchte ich mich fast vor ihm.“ Er kam nicht, statt seiner kam ein Brief an Ellinor.„Meine liebe kleine Freundin,“ schrieb er,„vergiß, was ich gestern beim Abschied zu Dir sagte. Dein Erbleichen, Dein Erschrecken haben mir genug gesagt, armes Kind. Du liebst den„Onkel Eduard“ von ganzem Herzen; aber es ist nicht die Liebe, die zu einem innigen Bündniß hinreicht; deshalb wollen wir gute Freunde bleiben, die besten von der Welt. Dein Schreiben hat mich herzlich gerührt, und hat mir noch einmal gesagt, daß Du Freundschaft für mich fühlst, aber keine Liebe. Unser Verkehr bleibt, als wäre das Wort nie gesprochen worden, und der„Onkel“ wird nächstens einmal nach Mandsfelt kommen, sich nach Deinem und Deines Vaters Befinden zu erkundigen.“ Im ersten Augenblick fühlte sie sich erleichtert und froh, aber als sie den Brief noch einmal überlas, wurde sie traurig und warf sich vor, alle seine Güte und Liebe mit Undank und Rücksichts— losigkeit belohnt zu haben. Die Briefe machten die Sache nur noch schlimmer, sie wollte gleich am folgenden Tage nach Mandsfelt gehen und Eduard sagen, daß sie seine Frau werden wolle. Als der Tag kam, wurde ihr der Schritt schwer; sie wollte lieber seinen Besuch erwarten, und es ihm in Mandsfelt sagen. Es vergingen wieder einige Tage, Eduard blieb aus und nun wurde es ihr immer schwerer zu ihm zu gehen. Sie war froh, daß doch endlich der Tag kam, der ihr eine Zerstreuung bot, es war der Donnerstag, der Tag der Zusammenkunft mit Georg. Ellinor langte schon frühe bei den Tannen an, ihr Bruder war noch nicht da, sie wunderte sich darüber. Nach einigen Minuten sah sie eine elende Kutsche mit einem mühsam trabenden Pferde davor.„Sollte Georg in diesem Wagen kommen?“ fragte sie sich erstaunt; er war immer schon an Ort und Stelle gewesen, wenn sie ankam und sie hatte nie sein Fuhrwerk gesehen. Der Wagen hielt wenige Schritte von ihr und es sprang ein Mann vom Kutschersitz herunter, und zog den Hut mit einer tiefen etwas sonderbaren Verbeugung. „Ich komme im Auftrage Ihres Herrn Bruders, gnädiges Fräu- lein,“ sagte er in gebeugter Stellung, den Hut so tief, daß er fast den Boden berührte;„er ist sehr krank und sehnt sich nach Ihnen?“ „Georg ist krank, sehr krank, sagen Sie?“ rief sie höchlichst be— unruhigt. „Er glaubt, daß er nicht davon kommen wird und möchte Sie um jeden Preis sprechen, ehe es zu Ende geht,“ sagte der Mann in der tiefsten Niedergeschlagenheit. „Ach, Gott im Himmel, steht es so mit meinem armen Bruder!“ rief Ellinor und war ganz bleich geworden.„Sie sind Klas, nicht wahr?“ sagte sie schnell.„Ich komme sogleich, ich will nur nach Hause gehen und bestellen, daß man mich nach Lengen fährt.“ Klas schüttelte traurig den Kopf.„Da wird noch manche Minute vergehen, und der arme Herr hat schon die ganze Nacht nach dem gnädigen Fräulein verlangt,“ entgegnete er mit einer Bewegung der Hoffnungslosigkeit.„Freilich, das arme Gefährt von Lengen ist kaum geeignet, das gnädige Fräulein zu fahren; aber es ist vielleicht Eile nöthig; wer kann es sagen?“ „Nur fort, sogleich,“ sagte sie und war schon im Wagen. Klas verlor keinen Augenblick, wie ein Wilder hieb er auf das arme Thier los, Ellinor wandte sich mit Thränen in den Augen zu ihm und sprach:„Sie lieben wohl meinen armen Bruder sehr?“ Klas legte die Hand auf's Herz, verdrehte die Augen und erwiderte: „Könnten das gnädige Fräulein in mein Herz sehen, da ist kein, Tropfen Blut, der nicht meinem Herrn gehört.“ Sein Pathos und seine Bewegungen waren theatralisch, markt- schreierisch, aber Ellinor sah nur den treuen Diener und war gerührt.— XIV. Acht Tage waren vergangen, acht schreckliche Tage für Ellinor! Es fröstelte sie, als sie das Gut Lengen sah. Eingetreten in das vernachlässigte Haus, in ein dunkles Zimmer, hörte sie nur Georg's Stöhnen. Derselbe nahm ihre Hände und küßte sie wie im Fieber und schrie wie wahnsinnig ihren Namen.„Haben Sie keine Furcht, gnädiges Fräulein,“ flüsterte Klas ihr zu;„er ist, Gott sei Dank, eben bei Besinnung und hat Sie erkannt; nun ist zu hoffen, daß die Raserei nachläßt.“ „Du Beste, bist Du endlich da,“ rief Georg in abgebrochenen Lauten;„nun sterbe ich ruhig, meine Schwester wird bei mir sein.“ Er schien nach und nach ruhiger zu werden und endlich, Ellinor's Hände in den seinen, ruhig zu entschlummern. „Es wird dunkel,“ flüsterte Ellinor nach einer Stunde;„wollen Sie sorgen, Klas, daß man mich nach Hause fährt; ich komme morgen wieder.“ „In wenigen Minuten wird die Kutsche für das gnädige Fräu— lein bereit sein,“ entgegnete Klas.„Es thut mir leid, daß ich nicht die Ehre haben kann, Sie zu fahren; aber das Delirium be— fällt den Herrn gegen sieben Uhr, da reiche ich kaum allein aus, ihn zu halten.“ Der Wagen stand prompt vor der Thüre, Georg schlief noch immer, und Ellinor erhob sich leise und verließ das Zimmer. „Es ist mir so leid, daß ich gehen muß,“ sagte sie zögernd; „aber mein Bruder selbst ist ängstlich darauf bedacht, daß mein Vater nichts von unserm Verkehr erfährt.“ 5 „Leider! ist die größte Vorsicht nöthig, wenn mein armer Herr nicht seine einzige Freude auf der Welt einbüßen soll; er ist so glücklich, Sie gefunden zu haben,“ sagte Klas und half Ellinor in den Wagen. Sie sah noch einmal zurück auf das düstere, graue Gemäuer, da brach eines der zwei Räder an der Chaise und sie schlug um. Ellinor stürzte aus dem Wagen, fand sich aber plötzlich mit großer Vehemenz wieder auf beiden Füßen stehen. Als sie sich aus der Nähe des Pferdes entfernen wollte, schmerzte sie der rechte Fuß so, daß sie keinen Schritt machen konnte. Der Kutscher schimpfte und machte sich mit dem Pferde zu schaffen, dem das Rad zwischen die Beine gerollt war, und das nun wie leblos am Boden lag; Ellinor schleppte sich bis zu einer niedern Mauer und wartete; .. Nr ee e ee 199= vor Frost und Schmerzen schlugen ihr die Zähne zusammen. e ee ee eee 8— Wie sollte sie nun nach Hause kommen? Was sagte ihr Vater, wenn Ellinor nicht zum Nachtessen erschien? Der Knecht war gegangen, Hilfe zu holen und Ellinor hörte, wie Klas den Mann auszankte und ihn einen ungeschickten Tölpel hieß. Gleich darauf eilte er er— schrocken auf sie zu.„Helfen Sie mir, daß ich wieder in das Haus komme,“ rief sie ihm zu;„es ist mir nicht möglich, auf den Fuß zu treten.“ „Es ist zu stark, es ist zu toll, was man mit diesen Menschen aussteht,“ rief Klas außer sich,„nun haben Sie sich am Ende ver— letzt, gnädiges Fräulein? hätte ich Sie doch selbst gefahren!“ Er nahm Ellinor auf den Arm und trug sie wie ein Kind dem Hause zu.„Tragen Sie mich in das Zimmer meines Bruders und sorgen Sie für ein anderes Fuhrwerk,“ sagte sie und preßte vor Schmerz die Zähne zusammen. Er ließ sie sorgfältig in einem Sessel nieder und ging hinaus, ihre Aufträge zu besorgen; Georg schlief noch immer. Es verging eine lange Stunde, Georg murmelte im Fieber abgebrochene Worte und rief mehrere Male mit ängstlichem Aus— druck:„Meine Ellinor, bleibe bei mir, verlaß mich nicht.“ Sie flüsterte einige beruhigende Worte und er schlief wieder ein. Als Klas zurückkam, erstaunte er, seinen Herrn in ruhigem Schlaf zu finden.„Ihre Gegenwart wirkt Wunder, gnädiges Fräu⸗ lein!“ rief er hocherfreut aus;„mit Ihrer Hilfe retten wir vielleicht den lieben Herrn! So glücklich ich darüber bin, so betrübt es mich, Ihnen zu sagen, daß ich kein Fuhrwerk auftreiben konnte; das Pferd ist ganz lahm und im nächsten Dorf ist nur ein Pferd, das der Bauer nicht herleihen will, weil es zu müde sei,— könnte ich selbst mich anspannen, mit Freuden würde ich es für das gnä— dige Fräulein thun.“ „Bringen Sie mir Papier und Feder,“ sagte Ellinor entschlossen, „ich will einige Worte an meinen Vater schreiben.“ Klas rollte ihr den Sessel an den Tisch und besorgte Alles mit großer Behendigkeit. Ellinor erzählte ihrem Vater die ganze Wahrheit und bat rührend um seine Vergebung.„Du wirst gut und großmüthig sein und mir vergeben,“ schloß sie.„Dein Sohn ist todtkrank; vielleicht, guter geliebter Vater, kommt morgen in der Frühe Dein Wagen nicht leer nach Lengen.— O, wenn Du vergessen wolltest und dem armen Georg Deinen Anblick gönnen, wie glücklich könnten wir noch einmal werden!“ „Schicken Sie diesen Brief sogleich nach Mandsfelt, damit mein Vater wegen meines Ausbleibens beruhigt ist,“ sagte Ellinor und Klas versprach, daß die Botschaft in Zeit von vier Stunden an Herrn Lindner gelangen werde. Es trat eine ältliche Person von scheuem Aussehen in das Zimmer und flüsterte, daß sie das Abend— essen für das Fräulein aufgetragen habe. Der Sessel wurde von Klas und der Köchin in das Zimmer gegenüber getragen. Ellinor aß ein wenig; die Räume waren so unheimlich, die Wände ge— schwärzt, die Möbel vom Wurme zerfressen.„Mein armer Bruder,“ flüsterte sie und schauderte in sich zusammen. Es ließ sich Niemand sehen, man schien sie vergessen zu haben. Endlich kam Klas mit trauriger Miene und meldete, daß sein Herr im schrecklichsten De⸗ lirium liege.„Sie können ihn heute Abend nicht mehr sehen,“ fuhr Klas fort;„er springt in dem Zimmer umher, er wüthet und es ist lebensgefährlich, um ihn zu sein; er würde Sie jetzt gar nicht erkennen.“ Und er packte, ohne Ellinor's Entscheidung abzuwarten, mit der Köchin den Sessel auf und trugen sie die Treppe hinauf in eines der obern Zimmer. a „Ich möchte aber bei meinem Bruder bleiben,“ wandte Ellinor ein. Klas schüttelte traurig den Kopf.„Nicht möglich, gnädiges Fräulein,“ sagte er entschieden;„auch muß die Köchin nun nach Ihrem kranken Fuße sehen und kalte Umschläge machen; sie ist ein halber Doktor.“ 5 Das Schlafzimmer war auch so leer, die Decke so geschwärzt, daß Ellinor nicht begriff, wie man in einem so vernachlässigten Hause leben könne. Die Köchin machte Umschläge und blieb außer einigen kurzen Antworten stumm. Als sie gegangen war, konnte sich Ellinor nicht entschließen, sich zu Bette zu begeben; die Schmerzen am Fuße waren heftig genug, und dann die Sorge um ihren Bruder und die Unruhe darüber, wie ihr Vater ihren Schritt auf— nehmen werde, ließen sie doch nicht schlafen. Der Morgen kam endlich, sie hörte in der Ferne Thüren auf— und zugehen; aber Nie— Es war schon zehn Uhr geworden, mand nahte sich ihrem Zimmer. der Wagen von Mandsfelt mußte nun kommen; sie bedauerte es, daß sie nicht einmal das Fenster erreichen konnte. Endlich kam die Köchin und brachte Ellinor das Frühstück. Sie fühlte sich ganz durchkältet, ganz krank.„Ich mag nicht frühstücken,“ sagte sie, „rufen Sie doch Jemand, damit man mich zu meinem Bruder trage.“ Klas kam und erklärte, er habe verboten, das gnädige Fräulein so frühe zu stören; der Arzt sei eben dagewesen und er meine, die Krisis müsse von einer Stunde zur andern eintreten. Ellinor hätte so gerne selbst den Arzt vor ihrer Abreise nach Mandsfelt gesprochen, Klas aber versicherte, daß ihn nichts in der Welt vermocht hätte, die Ruhe des gnädigen Fräuleins zu stören. Sie fand nicht, daß eine wesentliche Veränderung im Zustande ihres Bruders vorgegangen war; nach dem heftigen Delirium der letzten Nacht lag der Kranke erschöpft wie im Halbschlummer. Ellinors Unruhe wuchs, es wurde Mittag, die Dämmerung kam, und ihr Vater hatte keinen Wagen geschickt. Da reichte Klas ihr einen Brief, den gerade ein Bote von Mandsfelt hergebracht. Ellinor öffnete mit zitternden Händen, es waren nur wenige Worte, die ihr Vater schrieb.„Du hast zwischen Deinem Vater und dem, dessen Namen ich nicht mehr hören will gewählt; nun bleibe bei ihm, meine Thüre ist Dir von nun an vel schlossen.“ a Ihr schewindelte, sie starrte auf das Blatt, das mit einem dunkeln Rand umgeben war, sie verstand, sie begriff nichts; dann stieß sie einen lauten Schrei aus und verlor die Besinnung. Als sie zu sich kam, befand sie sich auf dem elenden Bett oben im Schlafzimmer und die Köchin saß in einiger Entfernung von ihr. Sie besann sich nach und nach, was mit ihr vorgegangen war, sie konnte nicht mehr an dem Unheil zweifeln, die Worte, die ihr der Vater zu— geschickt, standen quälend vor ihren Augen und sie fühlte sich krank und elend. Am Morgen versuchte sie aufzustehen, es war nicht möglich, sie fühlte sich zu krank. Die Köchin berichtete ihr, daß die Krisis vorüber sei und der Herr sich viel besser fühle. In dem leidenden Zustand schrieb Ellinor einen flehentlichen Brief an ihren Vater; sie bat ihn im Namen der Mutter, die so kurz erst von ihnen geschieden, ihr zu vergeben und sie wieder aufzunehmen. Darnach wurde sie ruhiger; er konnte sie ja nicht ganz verstoßen, wäre nur ihr Fuß gesund gewesen, sie wäre zu dem Vater geeilt, er hätte sie nicht aus dem Hause jagen können. Sie war sehr bleich, als sie das armselige Lager verließ und langsam und vorsichtig hinunter zu ihrem Bruder schlich. Er streckte ihr die Hände ent— gegen und sagte mit matter Stimme:„Dank, Ellinor, Du hast mich gerettet. Deine Gegenwart in meinem Hause brachte mir die Ruhe, deren ich bedurfte, um die Krisis glücklich zu überstehen. Klas sagte mir, Du habest bei mir bleiben wollen, bis Du die Gewißheit meiner Rettung hattest; o bleibe noch ein wenig, Du machst mich so glücklich,“ und er küßte inbrünstig ihre Hände. (Schluß folgt.) Lose Blätter. Die Lieblingsunterhaltung im alten Frankreich. Der berühmte Chronist seiner Zeit Jean Frossart(geboren 1337, gestorben 1409), der in seinem großen Geschichtswerke den wichtigsten Beitrag zur Geschichte des 14. Jahrhunderts brachte, schildert folgendermaßen die Unterhaltungen in den ritterlichen Schlössern:„Man sieht im Saal, Gemach und Hof des Hauses Foix Ritter und Pagen ein- und ausgehen, und man hört nur von Waffen und Liebe sprechen. Hier vernahm man Alles; denn jede Kunde, woher sie auch kommen mochte, wurde dahin gebracht, um des edlen Herrn Tapferkeit willen, die Jeden anzog.“—„Der edle Herr Aman des Escas pflegte sich nach dem Aufstehen von der Tafel an das Feuer des großen, mit Decken belegten und tapezierten Saales zu setzen, dann versammelten sich seine Pagen um ihn und er unterhielt sich mit ihnen von Waffen und Liebe; denn Alles in seinem Hause bis auf den geringsten Knecht huldigte der Liebe.“. W. G. Barbarei früherer Zeit. Aus der alten Chronik der Stadt Coesfeld (Regierungebezirk Münster) geht hervor, daß dein dortigen Scharfrichter, Meister Hans Röpckenus, für die im Jahre 1631 der Hexerei beschuldigten und vom Stadtrath zum Tode verurtheilten Menschen 169 Thaler gezahlt worden sind. Er A, nach der damaligen Taxe, für jede Tortur drei Thaler; für das Köpfen und Würgen eines Menschen fünf Thaler; für das Verbreunen eines Körpers nach der Hinrichtung fünf Thaler. Wie viele Unschuldige haben daher nicht in einem Orte, der nur 6000 Einwohner zählte, eines qual- und schmachvollen Todes sterben müssen! II. K 2 e* A *. N 9 n 200 isilhi Problem Nr. 395 Zueisilbige Charade. von W. Steinmann in Parchim. i Mein Erstes haben viele nur für's Essen, Obwohl's auch singt und spricht und küßt und lacht, Und sonderlich bei Meetings und Kongressen Oft seine Kunst erfolgreich geltend macht. Mein Zweites, in der Küche dienstbeflissen, Sieht man dem Ersten seine Kräfte weih' n. Nur sein„Zuviel“ ist schädlich, wie wir wissen, Weil dann der Brei wird leicht versalzen sein. Und aus der Küche leuchtet auch mein Ganzes, Als edle Art des zweiten, weiß hervor, Dort wirkt es auf dem Schauplatz seines Glanzes Als des Geschmacks bekannter Matador. Den größten Tafeln ist es unentbehrlich, Würzt jedem Fürsten selbst sein Leibgericht. Nun rathe, lieber Leser, aber ehrlich Will ich's gestehn— ein„Mundkoch“ bin ich nicht. Buchstaben-Räthsel. Aus folgenden Buchstaben: a a a 2 a a a b eh ch ch d d d de ee eee ee e g %, nnn nn o Orr r rr s s S t 2 soll ein auf die Spitze gestelltes Quadrat gebildet werden, dessen Diagonalen den Namen eines Landes ergeben, und sollen die elf wagerechten Buchstaben⸗ reihen folgende Wörter nennen: 1. Einen Buchstaben. 2. Ein Mineral. 3. Ein Musikinstrument. 4. Einen preußischen General aus dem siebenjährigen Kriege. 5. Zwei Vögel. 6. Das Land selbst. 7. Ein großes Land am Nordpol. 8. Eine italienische Provinz. 9. Einen Nebenfluß der Elbe. 10. Einen Nebenfluß der Donau. 11. Einen Buchstaben. Logogriph. Ich kann nicht schaffen, doch verschönen Kann ich das Werk der Menschenhand, Ich mache hell und weiß und glänzend Was roh Natur uns zugesandt. Zwei Zeichen magst Du mir nur rauben, Dann siehest Du mich stolz und schön Als edeln Schmuck der deutschen Gauen, Als Sinnbild deutscher Treue stehn. Auflösung des Silben⸗Räthsels in voriger Nummer: 1 Ulrich. 2. Nelke. 3. Schottland. 4. Capua. 5. Hagen. 6. Urnen. 7. Lamb. 8. Delphi. 9. Narses. 10. Universität. 11. Rothschild. 12. Wohlau. 13. Ernestine. 14. Nemi. 15. Neptun. 16. Drake. 17. Uarda. 18. Duab. 19. Ilse. 20. Cäsar. 21. Helgoland. 22. Note. 23. Ili. 24. Calderon. 25. Habab. 37 Thule. 27. Kalgujew. 28. Epheu 29. Neusüdwales. 30. Nikolaus. Skorbut. 32. Tunis. 33. Woche. 34. Illimani. 35. Eugen. 30 Delhi. 37. Iltis. 38. Euphrat. 39. Karlsbad. 40. Idrosee. 41. Nikopoli. 42. Darwin. 43. Lot. 44. Indigo. 45. Cid. Unschuld! Nur wenn du dich nicht kennst, wie die kindliche, dann bist du eine, aber dein Bewußtsein ist dein Tod;— der dreisülbigen Charade: Stern⸗ warte;— des magischen Quadrats: l ö 1 9 6 **. 2 7 5 b 4 N Schwarz. , 7 1 n 15 8 1 1 „ e n 1. 2 1**. N l 2 2 LN. Weiß zieht an und setzt 5 8 dritten 0 Matt. Partie Nr. 226, gespielt in New-Orleans am 17. März d. J. als sechszehnte des Wettkampfes. Weiß: W. Steinitz. Schwarz: J. H. Zukertort. 1) eee e7e5 36) Des 64 Sd5—b6 2) 8g1—13 Sbs eg 37) Ded ds LS—e7 3) LII—b5 8g8—f6 38) Td2— 62 Sb do 4) d2—4d3 di- dé 39) Dd3—64 Le7 4g: 9) 50 2635) 748.200 40) 115 1 6) d3—4d4 Les d 41) Ke!—d8 9 Sb1—42 I8—g7 42 Led dh:! 74845 8) daes: Scb es) 43) 5 13 9) Skf3-es: d6-e: 44) De- cc: b5—b3 100 Dal—e2 515 45 1 15555 11) Lb ds Dds—e7 46) 5— 53.— 12) 2—13 Ld7 ce 47) Te2—b2: Dbl-b2r 13) 8d2—b3 aT—a5 48) Ke2—fl Db2—a3: 15 1 N 49) Pes es aufgegeben.!) — 29— 4 16) Sb3—4d2 hi- hö Stellung nach dem 31. Zuge von Weiß. 10 S i L ez 2 2 2 —— 19) Lade IIS ds,. 1 20) Skl—g3 Le6—-d7. 2 0 7c 2 2 1, 22) 14d d2 Ld7- 66 115 15 1 23) 1 9 05 25 1, 24) e415. 8—d2:% 3 25) Dez—d2: Ses 47 1 26) 82—g4 Sd7 fe,, 27) Le2 eas) Tas 48 19 12 2 8 80 28) D42—62 Sf- d56). 2 29) Le3— 27) 575, 1,, 30) az—a3 Lg7—f8. e 31) ThI-—4d1 Der-b7 75., 32)(38-4 b5-c: 33) De2 el Tds—bs. 11 34) Tdi—d2 Sd5—b6 Weiß. 35) Dea 3s) Sb6- di 1) Anderssen, der diese 51 95 spanischen Partie[4) dis nicht selten in Turnieren wählte, fuhr hier mit Leser nebst h. 2) Schallopp empfieh't bier Lr nebst Se7 und Sg. 5) Auch dies kam in Betracht, nach 9) Les: Let: 10) Seb: Lei: 11) De? 0-0 12) Dea: Leb.! darf der Bauer b7 nicht genommen werden, da Schwarz mit Das antworten würde, wonach die Rochade verhindert ist und 14) Dts wegen Les f 15) bies Tess 16) Les Des. ꝛc. 97 5 angeht. 4) Lb: würde, wie Schallopp bemerkt, duich Pbs! widerlegt. 5) Um das Vorgehen des e-Bauern zu verhindern. 6) Wie die Folge zeigt, hätte sich der Aotausch des Springers gegen den Läufer empfoblen. 7) Weiß versprach sich von der Wirkung seiner beiden Läufer wohl einen besseren Erfolg, als der durch Abtausch hier zu erzielende Gewinn eines Bauern in Aussicht stellt, um so mehr als er sich nach 29) Ldö do, 21) Dat ds! in die Vertheidigung gedrängt sah. 8) Erst 37) Das ist die zum Gewinn führende Fortsetzung. 9) Der drohende Verlust des Bauern es war nicht zu vermeiden; Weiß versucht daher durch ein Opfer den Angriff festzuhalten. 10) Auf 814 war 42) Tel eine ausreichende Erwiderung. 11) Parirt Schwarz die zweizügige Mattdrohung[t7: nebst Dg7 Matt! so folgt Dls und das Matt durch Dg7 ist nicht zu decken. Das diesjährige internationale Meislerturnier der britischen Schach⸗Association wird am 20. Juli seinen Anfang nehmen. Die Preise betragen 80, 50, 40, 25 und 15 Pfund Sterling, der Einsatz zwei Pfund(ur Vertheilung unter die Nicht⸗„Sieg er bestimmt.) Bedenkfrist eine Stunde für zwanzig Züge. Die Betheiligung mehrerer deutscher Meister steht zu erwarten. 2 Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elch o in Berlin, Lützowstr. 105.