lopp. 6—1010 ie auf. n Schwat arlsezung Le Schall ndert un ö der Dau 10 bet u drei Bl 1 1 bel 1 25 bepfeh 1 0% Dil, 0 1 zu den Oberhessischen Uuchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Ur. 38. Gießen, den 19. September. Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.) XV. Trau von Hartwitz hatte den Aufenthalt in Dresden in der richtigen Erkenntniß gewählt, daß für Martina nichts gefährlicher sei, als ein stilles in sich hinein Grübeln. Hier fand sich durch die Fülle der Kunstschätze reicher Stoff, der ihren Sinn und ihre Gedanken beschäftigten konnte, und Frau von Hartwitz sah es mit Befriedigung, daß allmählich ihr Interesse und ihre Freude daran sich steigerten, wenn auch der Grundton ihres Wesens in der Moll— sonart gestimmt blieb. Die alte frische Heiterkeit wollte nicht zum Durchbruch gelangen, und ihr frisches Lachen ertönte nicht wie sonst. Dennoch war Frau von Hartwitz mit dem Erreichten zufrieden und hoffte von der Zeit noch Besseres. Sie machte sich in ihrem Herzen Vorwürfe, damals dem energischen Drängen Martina's nach— gegeben und ihr die Geschichte ihrer Mutter erzählt zu haben; eine unglückliche Liebe hätte ihr gesunder Sinn bald überwunden, meinte sie, während dieses Schicksal ein fortwährender Stachel, eine De— müthigung ihres Stolzes war, von der sie sich vielleicht nie mehr ganz erholen mochte. f Als der Frühling sich näherte, regte sich in Frau von Hartwitz der dringende Wunsch nach der Heimkehr, ihre Gegenwart in Ornshagen schien ihr nothwendig und sie meinte auch den Augenblick gekommen, in dem sie Martina den Vorschlag machen konnte, dorthin zurück— zukehren. Sie stieß zu ihrer Genugthuung bei dieser auf keinen Widerspruch. „Einmal muß es ja doch sein, weshalb also nicht jetzt,“ sagte sie,„und die geliebte See wiederzusehen, würde mich sogar sehr, sehr freuen. Du, liebste Tante, hast mir schon ein so großes Opfer gebracht, daß es undankbar von mir wäre, wenn ich noch mehr verlangen wollte.“ Frau von Hartwitz strich ihr mit ungewohnter Zärtlichkeit über die Wange, ohne ein Wort darauf zu erwidern; in Gedanken aber machte sie bereits Reisepläne und überlegte, ob man direkt heimwärts gehen, oder noch hier und da eine Station machen solle. Am folgenden Tage traf ein Brief Anneliesens mit der Nach— richt ihrer Verlobung ein. Er war von einem so tiefen und innigen Glück durchwärmt, daß Frau von Hartwitz ihn Martina mit den Worten reichte:„Da lies, endlich einmal eine rechte Herzensfreude.“ „Die gute Anneliese, wie gönne ich es ihr, daß sie noch einmal kennen lernt, was Glück ist,“ sagte Martina innig.„Dr. Weber ist ein sehr guter, lieber Mensch. Liebe Tante,“ fügte sie dann plötzlich erschrocken hinzu,„jetzt aber lasse uns hier bleiben, ich könnte nun nicht nach Ornshagen zurück, mit dem Brautpaar zusammen sein, zumal mit Dr. Weber— ihn täglich sehen— das ist un⸗ möglich— sie werden ja bald heirathen, und dann wollen wir gleich zurück, nur bis dahin lasse uns warten. Mit einem glücklichen Brautpaar täglich zusammenleben, täglich an das erinnert werden, was— ach nein, Tante, das verlangst Du nicht von mir, nicht wahr?“ „Ich verlange nichts, was Dich beängstigt, mein Kind,“ erwiderte Frau von Hartwitz,„wir wollen hier bleiben. Doch erwarte ich von Deiner Vernunft, Deinem klaren Verstande, daß sie bald über thörichte und phantastische Vorstellungen siegen werden. Du wirst einsehen, daß sich nichts, garnichts dadurch geändert hat, daß Anneliese mit Dr. Weber verlobt ist, daß Du ihn, sobald wir nach Ornshagen zurückkommen, unter allen Umständen wiedersehen mußt, da er unser Arzt und unser guter Freund ist, mit dem zu brechen keinerlei Veranlassung vorliegt, und daß Du noch oft in die Lage kommen wirst, ein glückliches Brautpaar vor Dir zu sehen.“ Martina stand gesenkten Hauptes.„So wollen wir nach Hause,“ sagte sie leise. Frau von Hartwitz schüttelte den Kopf.„Ich bin nicht grausam, Kind, wir bleiben natürlich noch hier, ich wollte nur Deinen Ge— danken die Richtung geben, die sie allmählich einschlagen müssen und werden; ich kenne Dich.“ Frau von Hartwitz fühlte sich verstimmt darüber, daß ihre Heimkehr nun wieder in's Ungewisse hinausgerückt war, und als sie sich niedersetzte, um Anneliese zu antworten, brummte sie leise vor sich hin:„Es hätte auch keine solche Eile gehabt, sie hätten mit der Verlobung noch ein paar Wochen warten können.“ Als dann sonnige Tage kamen, die überall das Grün hervor— lockten und die Natur mit neuem Reiz schmückten, hatte sie keine Freude daran; sie sehnte sich nach der Heimath und konnte den Gedanken nicht los werden, wie nöthig jetzt ihre Anwesenheit in Ornshagen sei. Martina aber entzückte das neu erwachende Leben um sie her; die Schönheit der Elbufer war ihr nie so überraschend entgegengetreten, der große Garten dünkte ihr ein Paradies. An Stelle der Kunst, welche ihre Zeit während des Winters ausgefüllt hatte, war jetzt die Natur getreten; sie mochte nicht in geschlossenen Räumen sein und täglich erquickten sie Spazierfahrten und Gänge, die sie mit Frau von Hartwitz, oft auch allein, unternahm. Es war an einem sonnigen Nachmittag, als sie die Treppe zur Brühlschen Terrasse hinaufschritten. Der breite Strom lag von hellem Licht überglänzt, die allmählich ansteigende Berglinie des gegenüberliegenden Ufers strahlte in dem Lichtgrün des Frühlings. Auf der Terrasse bewegte sich ein lauter Menschenschwarm in hellen, sommerlichen Gewändern hin und her, es war ein heiteres, frisches Bild, dessen Eindruck auf das Gemüth sich kaum Jemand hätte entziehen können. „Wie schön!“ sagte Martina, tief aufathmend,„es wirkt so harmonisch, alle Mißtöne sind verstummt.“ 7 298 laste, nicht vergessen dürfe. kümmern als um mich. volle Stille. In diesem Augenblick schob sich eine dürftig gekleidete, zusammen⸗ gesunkene weibliche Gestalt durch die Reihen der Spaziergänger und trat nahe an Frau von Hartwitz heran. Ein buntes Wolltuch deckte nicht die Mängel des darunter verborgenen Kleides, das Gesicht war bleich und eingefallen, die Augen lagen tief im Kopf, und ihre Stimme klang hohl und krank, als sie sagte:„Ich bitte um eine kleine Gabe, ich habe lange krank gelegen, und es fehlt mir am Nothwendigsten: ich hungere.“ Frau von Hartwitz griff in die Tasche und legte ein Geldstück in die ihr entgegengestreckte, dürre Hand. „Ich danke.“ Die Stimme klang noch hohler, die dunkeln, tiefen Augen flimmerten unruhig, sie blieb stehen, als ob sie noch eine weitere Bitte auf den Lippen habe. Martina überlief ein Schauer; sie legte ihre Hand auf Frau von Hartwitz' Arm, und zog sie einige Schritte weiter.„Das ist ein Flecken in dem Bilde,“ sagte sie.„Möchte man es einen Augenblick vergessen, daß zwischen Schönheit und Freude so viel tiefes Unglück wohnt, so wird man schnell daran erinnert. Die Frau hatte etwas Unheimliches.“ „Thue mir den Gefallen, Kind, und werde nicht gar nervös. Du hast doch wohl schon öfter eine Bettlerin gesehen!“ antwortete Frau von Hartwitz ungeduldig. 90 Martina schwieg; in ihrem Herzen empfand sie diese Begegnung aber wie eine Mahnung, daß sie den Fluch, der auf ihrem Leben Einen Augenblick lang war ihr die Welt so schön erschienen, sie hatte frei geathmet und war glücklich gewesen; da hatte dieses Weib vor ihr gestanden, wie die Ver⸗ körperung von Schuld und Elend, die wie ein dunkler Schatten auch auf ihrem Leben lagen. Die frohe Stimmung, die sie momentan beherrscht, war verschwunden, sie hatte das Gefühl, als sei alle die lachende Schönheit um sie her nur Schein und Täuschung, nur wie eine Blumendecke über einem Abgrund, als wären alle diese heitern Gesichter um sie her nur Masken, welche ein tiefes Weh verhüllen sollten. Trug denn nicht auch sie eine Maske, schien sie nicht etwas anderes, als sie war, weil sonst die Menschen sich erschrocken von ihr abwenden würden, wie er, der Eine, es gethan, von dem es am tiefsten geschmerzt hatte. Mußte sie es nicht ängstlich vor den Augen der Welt verhehlen, wer sie war, sie, die Tochter einer Mörderin? Der nächste Tag war ein Sonntag, und das Fest irgend eines Heiligen und man wußte, daß einer der besten Sänger von der Oper in der Hofkirche bei der Messe singen würde. Frau von Hartwitz hatte schon vor einigen Tagen die Absicht geäußert, dann auch die Kirche zu besuchen, um den Gesang zu hören, und Martina hatte gern zugestimmt. Heute jedoch zögerte sie. „Möchtest Du nicht allein gehen, Tante?“ sagte sie,„ich scheue die vielen Menschen.“ Frau von Hartwitz sah sie mit großen Augen an.„Was ficht Dich nur an, Kind? Die Menschen werden sich um Dich so wenig Solch ein Gesang ist ein Kunstgenuß, den man sich nicht entgehen lassen darf. Du kommst mit, das versteht sich von selbst.“ Die Kirche war gedrängt voll; dennoch herrschte eine andachts— Nach einem Chorgesang setzte die schöne Tenorstimme des Sängers ein; sie schwebte hell und klar durch den Raum und wirkte trotz der mehr weltlichen als kirchlichen Komposition doch erhebend und rührend. Auch Martina hatte sich ganz in's Hören versenkt und vergaß darüber Ort und Umgebung. Ihr Auge haftete an der Wölbung der Kirche, sie hatte die Empfindung als ob die süßen, rührenden Töne von dort herabschwebten und sie emportrügen über Zeit und Raum. Als sie verstummten, kehrte sie erst wieder gleichsam zur Wirklich- keit zurück, ihr Blick senkte sich von der Kuppel auf die Menschen— fluth, die, obgleich eben wieder mächtiges Orgelspiel begann, doch aus der tiefen Stille zu einem Auf- und Niederwogen erwacht schien, und plötzlich sah sie in zwei schwarze Augen, die starr auf sie ge— richtet waren. Ein jäher Schauer überlief sie, das waren dieselben Augen, die sie seit gestern nicht vergessen hatte! Sie waren schon wieder in der Menschenwoge untergetaucht, und Martina suchte sie nicht, im Gegentheil, sie drückte sich in die Ecke und schloß die Augen, aber das Gefühl seliger Erhobenheit über die Welt und ihr Leid wollte nicht wiederkehren. Kurz darauf war die Messe beendet, und der Menschenstrom drängte nach den Ausgängen. Martina hatte ihren Arm in den kurzen:„Ich danke“ umwandte. ihrer Tante gelegt, um nicht von ihr getrennt zu werden, und Beide ließen sich von der Menge fortschieben; da plötzlich war wieder jenes N Weib neben ihr und berührte leicht ihren Arm. Martina zuckte zusammen.„Ihr Tuch— Sie verloren es.“ Damit reichte die dürre Hand ihr das Taschentuch. Martina hatte die Empfindung, daß sie es lieber eingebüßt, als von dieser Finderin zurückerhalten hätte, während sie sich mit einem Die beiden Damen gingen langsam ihrer Wohnung zu, von dem herrlichen Gesange, den sie soeben gehört, sprechend und be— rathend, wie der heutige schöne Tag am besten verwandt werden könne, der schon jetzt alle Welt hinausgelockt hatte, so daß die Straßen von Gefährten aller Art und Spaziergängern überfüllt waren. Als sie sich ihrem Hause genähert hatten, war Martina einige Schritte vorausgegangen, um die Glocke zu ziehen, und als sie sich dann nach Frau von Hartwitz zurückwandte, fiel ihr Blick abermals auf die verkommene Gestalt, mit dem auffallend bunten Tuch und den krankhaft leuchtenden Augen. Ihr halb erschrockener, halb zorniger Blick veranlaßte auch Frau von Hartwitz, sich um⸗ zusehen. Die Frau war ihnen so ersichtlich gefolgt, daß sie un— willkürlich fragte:„Was wollen Sie?“ Einen Augenblick blieb die Antwort aus, als sie dann aber leise murmelte:„Nichts,“ hatte Frau von Hartwitz bereits ihre Börse geöffnet und legte ein Geldstück in ihre Hand. „Das Weib verfolgt uns,“ rief Martina, als Beide in das Haus eingetreten waren,„weshalb schleicht sie uns nach, mir ist, als müßten wir uns vor ihr in Acht nehmen.“ ö Frau von Hartwitz lächelte. Tasche gezogen, und schämte sich nur es auszusprechen, denn sie sieht, trotz aller Zerlumptheit, doch aus, als ob sie bessere Tage gekannt hätte. Jedenfalls ist die arme Person weder des Zornes, noch des Grauens werth, die Du an sie verschwendest.“ „Mir ist sie unheimlich,“ behauptete Martina.“ „Und ich merke, daß Du wieder in die Ornshagener stärkende Seeluft mußt,“ meinte Frau von Hartwitz,„hier verweichlichst Du mir, hast dort doch wohl andere Bettlergestalten gesehen, die sich bei uns eine warme Suppe und einen Zehrpfennig holen kamen.“ Am nächsten Vormittag saß Frau von Hartwitz in ihrem Zimmer, mit einem Briefe an ihren Inspektor, Herrn Grube, beschäftigt, als nach leisem Klopfen Frau Müller, die Hauswirthin, eintrat. Die alte Dame mit dem schwarzen Wollenkleide, der schweren goldenen Uhrkette und der noch ein wenig jugendlich aufgeputzten Haube, leitete das„Geschäft“, ein Hötel garni ersten Ranges, mit außer⸗ ordentlicher Umsicht und Würde, und„empfing“ ihre Einwohner, wenn sie irgend welche Wünsche oder Aufträge hatten, die sie bereit⸗ willigst ausführte, in dem Wohnzimmer, dessen rothe Plüschsophas und Sessel mit gehäkelten Schutzdecken reichlich geziert waren. Nur in außergewöhnlichen Fällen erschien sie selbst in den Zimmern ihrer Gäste, und so war auch Frau von Hartwitz auf etwas dergleichen gefaßt, als die korpulente kleine Dame ihre Schwelle überschritt. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, wenn ich störe,“ begann sie, als sie sich auf den ihr von Frau von Hartwitz angebotenen Stuhl niedergelassen,„ich habe Ihnen hier einen Brief abzugeben, den ich nicht abweisen zu können meinte und doch auch nicht ohne Weiteres hereinschicken wollte, ohne Ihnen das Nähere mitzutheilen. Also: es kam heute früh eine Frau zu mir, nun— sie sah aus wie eine Bettlerin, sehr armselig und zerlumpt, doch hatte sie etwas an sich— nun wie soll ich sagen, von Bildung, von Chik, ich weiß nicht— sie sprach auch gut, ich mußte mit ihr anders umgehen wie mit den Bettlern, die von den Straßen in die Häuser dringen; sie fragte, ob hier eine Frau von Hartwitz wohne, als ich es be— jahte, gab sie mir diesen Brief und bat, ihn der Dame, die ihr von fruͤherer Zeit bekannt sei, abzugeben. Ich hatte Bedenken, da ich mich nicht gern als Vermittlerin, gegenüber meinen Einwohnern, benutzen lasse, doch die Frau wurde so dringend und, wie gesagt, als eine gewöhnliche Bettlerin konnte ich sie nicht ansehen und be⸗ handeln; sie versicherte, daß es sich um eine wichtige Sache handele, nicht um Geld— nun genug, ich nahm den Brief und bitte die gnädige Frau es zu verzeihen, ich konnte eben nicht anders.“ Sie legte den Brief auf den Tisch.„Viel etwas anderes als ein Bettel⸗ brief wird es ja doch wohl nicht sein, nun, gnädige Frau werden ja damit umzugehen wissen.“. „Sie wollte natürlich ihren Finder lohn für Dein Tuch haben, das sie Dir vielleicht selbst aus der eee, eee. d Beid. Beide 9 er jenez N zuckte ichte die ht, als it einem u, von und be⸗ werden daß die überfüllt Mating und als r Blick bunten rockener, sch un. sie un⸗ ber leise de Börse in das mir ist, Finder⸗ aus der denn sie ere Tage Zornes, stärkende lichst Du die sich kamen.“ Zimmer, fiigt, als at. Die goldenen u Haube, lit außer⸗ mwohnet, sie bereit scsophas en. Nut ier ihret erleichen berschritt gan sie en Still 1 den ic Weiteres 1. Aso: aus wie etwas al i weiß ungehel dringen! ich 5 be die ile aalen, N wohnen ie gesaq, und b 1 band bitte d. 3% Cl e 3 299 „Nannte die Frau ihren Namen, ihre Adresse?“ fragte Frau von Hartwitz, die sofort überzeugt war, daß es sich um dieselbe handele, die ihnen gestern bis zum Hause gefolgt war. „Nein, sie sagte, es stände Alles in dem Briefe. Ich hoffe, die gnädige Frau werden mir die Belästigung nicht anrechnen, doch ich war außer Stande, den Brief zurückzuweisen.“ „Gut, gut, ich werde ja sehen, was sich da machen läßt,“ sagte Frau von Hartwitz. Frau Müller erhob sich, machte einen tiefen Knix, bat die gnädige Frau etwaige Wünsche oder Befehle doch nur zu äußern, sie sei stets bereit, in jeder Weise den geehrten Herrschaften zu dienen, noch ein Knix, und sie verschwand hinter der Thür. Frau von Hartwitz öffnete den Brief und las: „Gnädige Frau! Sie haben mich wahrscheinlich nicht erkannt wie ich Sie bei dem ersten Blick. Natürlich, Sie waren im Wohlleben, bei mir haben Noth und Elend jede Spur früherer Schönheit verwischt.“ Diese eigenthümliche Einleitung, in der sich bereits mehrere orthographische Fehler fanden, überraschte Frau von Hartwitz. Wer war die Schreiberin? Sie wandte das Blatt um; Blanche Renard stand als Unterschrift. Sie fuhr erschrocken auf. Diese Frau wagte es so hatte Martina doch Recht gehabt, es war ein Ahnungs— vermögen, ein Instinkt gewesen, was sie erschreckt und abgestoßen hatte. Was mußte eben dieses Weib in ihren Weg führen! Einen Augenblick sann sie nach: wenn sie noch heute abreisten? Dann würde sie ihnen folgen— könnte es wenigstens— man mußte zunächst wissen, was sie wollte. Sie setzte sich wieder an den Tisch, nahm das Blatt von Neuem zur Hand und las weiter: „Trotz meiner Noth wende ich mich nicht an Sie, weil ich eine Unterstützung haben will, sondern weil ich ein junges Mädchen neben Ihnen sah, dessen Haar und Augen mich an meine Jugendzeit er- innerten, so daß ich glaube, es ist meine Tochter. Das Kind, mit dem Sie in Cannes waren, starb dort, Sie waren immer gut zu Jeanne gewesen, so glaube ich, Sie haben sich ihrer damals an⸗ genommen. Ich habe keine Ruhe, ehe ich nicht weiß, ob mein Kind lebt und ob es ihm besser geht als seiner Mutter. Ich mußte es damals verlassen, was blieb mir übrig? Aber ich habe an das arme Geschöpf oft gedacht, als ich über's Meer und in Sicherheit gelangt war. Vielleicht trieb mich der Gedanke an mein Kind zurück nach Europa, es kann sein. Als ich Sie und das junge Mädchen sah, hatte ich keine Ruhe mehr, ich mußte wissen, ob sie mein Kind ist, und ob ihre schönen Augen sie ebenso unglücklich gemacht haben als mich. Lassen Sie mich nicht ohne Antwort, gnädige Frau, denn ich würde sie mir erzwingen, jetzt, nachdem mich bei Jeanne's Anblick die Reue zu plagen angefangen hat, daß ich sie nicht ihrem Vater überlassen habe; er war reich. Ich unter⸗ schreibe mich mit dem Namen, den Sie kennen, obgleich ich einen andern und besseren zu tragen berechtigt bin, den von Jeanne's Vater. Blanche Renard.“ Frau von Hartwitz halte den Brief zweimal gelesen, dann war ihr Entschluß gefaßt. Vor Allem mußte es verhütet werden, daß Martina diese Frau, ihre Mutter, wiedersah, überhaupt von ihrer Existenz erfuhr; so wollte sie selbst zu ihr, um in mündlicher Rück— sprache zu sehen, auf welche Weise am besten auf sie einzuwirken und sie zu veranlassen sei, keine Annäherung an Martina zu suchen. Das Alles mußte so schnell als möglich geschehen, bevor noch eine neue, zufällige Begegnung stattfand. Ihr wurde jede Lüge, selbst was man eine Nothlüge zu nennen pflegt, schwer, sie erkannte ihre Nothwendigkeit nicht an und hatte oft gesagt, die Wahrheit ist unter allen Umständen erlaubt. Heute aber mußte sie sich zu einer Lüge bequemen, es half nichts. So trat sie in Martina's Zimmer und sagte:„Ich habe eben einen Brief von Herrn Grube erhalten; er braucht Geld, und ich muß sofort zum Bankier. Du wartest wohl auf meine Rückkehr?“ „Ich möchte dann einige Besorgungen machen,“ lautete Martinas Erwiderung,„und wir verabreden, uns irgendwo zu treffen, vielleicht auf der Terrasse, oder wo sonst?“ Frau von Hartwitz zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte sie:„Es wäre mir doch lieber, Du erwartetest mich hier. Ich bleibe wohl nicht allzu lange.“ XVI. Frau von Hartwitz war in eine Droschke gestiegen und hatte bald die in dem Briefe angegebene Straße in einem entlegenen Stadttheil erreicht. Es war ein verfallenes, armseliges Haus, vor dem sie hielt und dann vier schlechte Treppen emporstieg. Auf dem halbdunkeln Vorraum war lautes Geschrei, einige schmutzige und zerlumpte Kinder hatten Streit begonnen, den sie eben beschäftigt waren, durch Schläge auszutragen. „Seid einmal still, Ihr Rangen,“ ertönte Frau von Hartwitz' tiefe Stimme dazwischen,„und sagt mir, wo Frau Renard wohnt.“ Die Kinder starrten sie dumm und erschrocken an, ohne zu ant⸗ worten, aber zwei Thüren öffneten sich gleichzeitig, und zwei Frauen, durch die fremde Stimme herausgelockt, traten auf den Flur, rissen scheltend die Kinder auseinander und sahen Frau von Hartwitz neu— gierig an. Doch ehe diese ihre Frage noch wiederholt hatte, trat aus der geöffneten Thür die Gesuchte. „Sie kommen zu mir? Hier bin ich.“ Frau von Hartwitz trat über die Schwelle des unsauberen Raumes, in dem sich nur ein paar Stühle und Tische, eine ärm— liche Bettstelle und einige Strohsäcke, welche im Uebrigen die Stelle der Betten vertraten, befanden. Die Kinder drängten neugierig nach, wurden aber von Blanche zurückgeschoben, die ihnen zurief: „Bleibt draußen!“ und dann die Thür von Innen verriegelte. „Mit denen wohnen Sie zusammen?“ fragte Frau von Hartwitz gedehnt. Blanche zuckte die Achseln.„Ich habe es nicht dazu, mir eine Wohnung für mich allein zu miethen; sie haben mich aufgenommen und sorgen für mich, wenn ich da liege.“ Sie wies auf das Bett. „Ich bin sehr krank und könnte garnicht allein sein. Die Frau ist nicht schlimm. Doch das ist gleichgiltig— Sie sind gekommen, also ist das Mädchen Jeanne?“ „Sie ist es.“ „Ah!“ Sie sank wie erschöpft auf einen Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht. Frau von Hartwitz schob sich den zweiten Stuhl heran und setzte sich ebenfalls.„Wir wollen die Sache ruhig und vernünftig behandeln, zu einer Scene ist kein Grund,“ sagte sie.„Martina— ich habe ihr diesen Namen gegeben— ist meine Pflegetochter, ich habe sie gut erzogen, habe fur sie gesorgt und werde es ferner thun. Bis vor Kurzem hielt sie sich nur für meine Nichte, sie wußte nichts mehr von ihren ersten Lebensjahren und ihrer Mutter, ich hatte Alles gethan, um die Erinnerung zu unterdrücken und nicht wieder auftauchen zu lassen und es war mir glücklicher Weise gelungen. Durch einen traurigen Zufall hat sie vor einigen Monaten Alles erfahren, sie weiß, wer ihre Mutter und wer ihr Vater ist.“ Blanche fuhr auf.„Ihr Vater? sie gesucht?“ „Heddenheim ist todt, hat sich auch niemals um sein Kind ge— kümmert, sondern einen Neffen adoptirt, der jetzt sein Erbe ist. Martina's Zukunft ist durch mich gesichert, doch vermindert dieser Umstand, den Sie nicht voraussehen konnten, nicht Ihre Schuld. Wenn Sie Ihren Mann verließen, so hätten Sie wenigstens das Kind im Besitz eines ehrenwerthen Namens und eines Vermögens lassen sollen. Das war Ihre Pflicht.“ Blanche machte eine geringschätzige Bewegung.„Diesen ehren— werthen Namen und das Geld, das Sie so wichtig nehmen, haben mich nicht glücklich gemacht, warum sollte ich annehmen, daß sie mein Kind glücklich machen würden! Er, Jeanne's Vater, glaubte Alles gethan zu haben, als er mir und unserem Kinde seinen Namen gab, und dann hielt er mich wie im Gefängniß. Ich war jung und lebenslustig und an Freiheit gewöhnt, wer auf der Landstraße geboren ist und heimathlos gelebt hat, ohne je nach Taufschein und Namen gefragt zu sein, dem liegt nichts daran, daß er auf einmal einen großen Namen hat; und daß der Schmuck, den ich trug, ein echter statt des früheren unechten war, nun, das machte mir auch nicht viel. Ich war sehr unglücklich, ich wäre in dem Käfig gestorben und damals war ich noch jung und lebenslustig, ich wollte das Leben noch genießen. Deshalb verließ ich meinen Mann und er wird sich nicht viel darum gegrämt haben, denn er machte sich nichts mehr aus mir, unser Liebesrausch war lange verflogen. Ich—“ „Lassen wir das,“ unterbrach sie Frau von Hartwitz,„ich bin kein Pastor, der Ihre Beichte hören, oder Sie gar bessern will, So lebt er noch? und hat: h — 5 r n— „ß — 5 2300 lassen Sie uns, was wir mit einander zu verhandeln haben, schnell zu Ende führen. Es ist übergenug, daß Martina weiß, wer ihre Mutter ist, sie darf nicht auch noch erfahren, daß diese Mutter noch lebt, am wenigsten sie wiedersehen.“ „Ah, ich soll mein Kind nicht sehen, Sie wollen mir mein Recht vorenthalten?“ „Recht? Ich denke, Sie haben kein Mutterrecht mehr, Sie werden das einsehen! Was sollte es Ihnen Beiden nützen? Martina mate es nur ein Kummer mehr und für Sie— nun ich denke, Sie werden begreifen, daß Ihnen Kindesliebe von ihr nicht ent— gage d werden könnte, schon Ihr wiederholter Anblick hat sie instinktiv mit Schreck erfüllt. Ersparen Sie sich selbst den schweren Augenblick. Uebrigens ist es einfach Ihre Pflicht gegen das Kind, auf dessen Haupt Sie genug Schmach und Schande ehäuft.“ a g 15 sind hart!“ rief Blanche mit flammendem Auge. Frau von Hartwitz zuckte die Achseln.„Ich habe keine Ver— anlassung, Sie zart zu behandeln. Es ist meine Art, jedes Ding beim rechten Namen zu nennen. Uebrigens will ich Ihnen die Mittel geben, anständiger zu wohnen und zu leben, bis Sie gesund sind, nur müssen Sie Dresden sofort verlassen; ich kann nicht so schnell mit Martina abreisen, ohne bei ihr Verdacht zu erwecken, und jede Möglichkeit einer Begegnung mit Ihnen muß vermieden werden. Wohin wollen Sie?“ Blanche schüttelte den Kopf.„Ich bleibe, ich bin auch viel zu krank, um zu reisen, ich hoffe, der Tod kommt bald; arm, alt und elend, warum soll man da noch leben! Ich habe oft gedacht, das Klügste wäre es, selbst ein Ende zu machen, nur daß man zu feige dazu ist!“ Frau von Hartwitz richtete sich stramm auf.„Dazu freilich waren Sie nicht zu feige, einem andern Leben ein Ende zu machen,“ sagte sie verächtlich. „Renard?“ rief Blanche.„Sie glauben, ich hätte es damals gethan? Nein, bei Gott, daran bin ich unschuldig.“ Frau von Hartwitz fuhr auf.„Unschuldig? Ist das wahr?“ „Ich schwöre es Ihnen; ich würde nicht lügen, was ich gethan habe, das gestehe ich auch.“ „Und doch entflohen Sie? Ihnen mußte doch daran liegen, daß die Wahrheit, also Ihre Unschuld, an's Tageslicht kam?“ Blanche zuckte die Achseln.„Was lag mir daran! Ich gehörte ja nicht zu den Leuten, die einen ehrenwerthen Namen zu vertheidigen haben! Bei uns fragt man nicht nach dem Woher und Wohin! Sollte ich mich da lange einsperren und mich ausfragen lassen, mir graute vor alle dem Hin und Her und das dunkle, feuchte Loch, in dem ich saß, war schauderhaft. Ueberdies war der Henri, der's gethan, ja entflohen und hätte sich schwerlich greifen lassen, so konnte ja meine Unschuld nicht bewiesen werden.“ „Erzählen Sie mir, wie der Mord geschah,“ gebot Frau von Hartwitz. „Da ist nicht viel zu erzählen,“ erwiderte Blanche.„Ich war mit Renard von meinem Manne geflohen, nicht weil ich ihn liebte, sondern weil ich frei wurde und er mir alles das versprach, wonach ich mich sehnte: lustiges Leben, Vergnügen, Umherreisen in der Welt. Er hielt Wort und im Anfang war Alles gut, so lange wir Geld hatten. Dann verlor er seine Stelle, weshalb habe ich nie von ihm erfahren, er war brotlos und brauchte viel, mehr als ich— ich war nicht verwöhnt! Da wurde er oft unwirsch, ich war unzufrieden und drohte von ihm fortzugehen; nun erwachte seine Eifersucht und es gab oft Scenen schlimmer Art zwischen uns. Ich hatte keine Lust, das zu ertragen und was Anfangs nur ein Mittel sein sollte, ihn zu zähmen, wurde mir Ernst. Ich wollte nicht mehr bei ihm bleiben. Henri, den wir zufällig einmal auf einer Spazierfahrt kennen gelernt hatten, durchschaute bald, wie es bei uns stand und er schlug mir vor, mit ihm über's Meer zu gehen: er war Seemann. Henri gefiel mir gut, der Plan, in die weite Welt, dahin wo ich sie noch nicht kannte, zu gehen, lockte mich, ich war das unstäte Leben gewöhnt. Wir hatten uns öfter heimlich gesprochen, Renard hatte etwas davon gemerkt, wurde wüthend und drohte, er würde Henri aus dem Hause werfen, wenn er noch einmal käme. Ich warnte ihn, er lachte und meinte, ein Seemann würde mit solcher Landratte schon fertig. Da, an dem Unglückstage, kam er, er hatte wohl Renard nicht zu Hause ge— glaubt, ich war im Garten und hatte ihn nicht gesehen, es war 6 8. zum Streit gekommen, wie, das weiß ich Alles nicht, erst das Ge⸗ schrei trieb mich hinein, als ich eintrat, fand ich die Beiden sich gegenüber, und in dem Augenblick schoß Renard auf Henri, ohne ihn zu treffen. Ich sah in seiner Hand ein Messer aufblitzen, wollte es ihm entreißen, doch wie ich danach greife, stößt er es dem wüthenden Renard in die Brust, ich reiße es aus der Wunde und ehe ich noch zur Besinnung komme, ist Henri zum Fenster hinaus. Menschen, die den Schuß gehört, dringen in's Zimmer und finden mich mit dem Todten allein und das Messer in der Hand. Henri war fort, natürlich fiel der Verdacht auf mich und Niemand glaubte mir, als ich sagte, daß ich unschuldig sei— das war ja begreiflich! Alles sprach gegen mich, unsere Wirthin und manche Andern wußten, daß wir in Unfrieden gelebt hatten, da lag es auf der Hand, daß er im Streit auf mich geschossen und ich das Messer gegen ihn gebraucht hatte. Ich wäre wahrscheinlich verurtheilt worden, im besten Falle wäre es eine lange Untersuchung geworden, und da war es doch das Klügste, daß ich mir selbst zu helfen suchte und entfloh. Wie ich den Hafen erreichte und auf ein Schiff, das eben auslaufen wollte, kam— nun, das wird Ihnen ja gleichgiltig sein, ich war eben schlau und wußte meinen Verfolgern zu entgehen. Ich entkam glücklich nach Amerika; freilich hatte ich nichts gerettet als das nackte Leben, aber zum Glück fand ich bald Beschäftigung. In New Jork engagirte mich der Direktor eines Cirkus.“— „Wie? wer?“ unterbrach sie Frau von Hartwitz mit dem Aus— druck so grenzenlosen Erstaunens, daß Blanche mitten in dieser ernsten Geschichte auflachte. „Erscheint Ihnen das so undenkbar? Wissen Sie nicht, daß Heddenheim mich im Cirkus als Löwenbändigerin kennen lernte? Nun, so war es ja nur etwas von dem alten Handwerk, was ich wieder aufnahm. Ich wirkte hier und da mit, saß an der Kasse, that dies und das, was man eben von mir verlangte, verdiente mir Essen und Kleidung und führte das alte, ungebundene Leben, von Ort zu Ort ziehend, viele Jahre, wie lange war es? Mir war die Zeit gleichgiltig geworden; dann auf einmal hielt meine Gesundheit nicht mehr stand, ich kam zum Liegen, ich fühlte mich plötzlich alt und dachte an's Sterben. Als ich halbwegs genesen war, und zum ersten Mal an der Kasse wieder die Billets ausgab, erzählte mir unser Klown, daß er bei einer andern Gesellschaft Engagement angenommen habe, die nach Europa gehen wolle; er habe Lust, den andern Welttheil kennen zu lernen. Da erfaßte mich plötzlich eine unbezwingliche Sehnsucht, nach Europa zurück— zukehren, vielleicht war es der Gedanke an mein Kind, der mich trieb, der Wunsch, vor dem Tode noch zu erfahren, ob Jeanne lebte. Gefahr konnte damit für mich nicht mehr verbunden sein, die alte Mordgeschichte war wohl längst vergessen, überdies hieß ich jetzt nur Madame Blanche, genug, durch die Vermittelung des Klowu gelang es mir, Engagement bei derselben Gesellschaft zu finden, und ich kam nach Europa. Das sind nun beinahe drei Jahre her, drei Jahre des Elends; ich wurde immer kränker und leistungsunfähiger, trieb mich von einer Gesellschaft zur andern umher und mußte mich mit einer Gage begnügen, die mich gerade vor dem Hunger schützte. Es ging immer abwärts mit mir; vor etwa sechs Monaten erkrankte ich hier schwer, lag wochenlang dar— nieder, ohne etwas von mir zu wissen als daß ich furchtbar litt und zu sterben hoffte. Wie ich denn zur vollen Besinnung und damit zur Erkenntniß meines Elends kam, erfuhr ich, daß meine Leute längst abgereist waren und der Direktor nur noch eine kleine Summe zurückgelassen hatte, von der die Frau hier für mich ge- sorgt; sie ist mitleidig und hat seitdem soviel für mich bethan als sie kann, sie ist selbst im Elend. Was sollte aus mir werden! Arbeiten? ja was! Ich habe nichts zu arbeiten gelernt! Da habe ich denn gebettelt und mit den wenigen Groschen so von einem Tage zum andern gelebt. Wäre ich nicht so 1 feige, dann läge ich schon längst dort unten in der Elbe! Da sah ich vor- gestern Sie und Jeanne auf der Terrasse; ich erkannte Sie sofort und in Jeanne glaubte ich mich wiederzusehen, als ich noch jung war. Es ließ mir seitdem keine Ruhe, und als ich Ihnen gestern in der Kirche wieder begegnete, folgte ich Ihnen bis zu Ihrer, aßen immer in der Absicht, Sie anzureden, 87 75— that ich's doch nicht und schrieb an Sie.“ 1 Frau von Hartwitz war der Erzählung bis zum Schluß mit. Aufmerksamkeit gefolgt; als Blanche jetzt schwieg, sagte sie:„Ich 1 glaube 9 denn Sie haben im Meggen nichts beschönigt, hätten indut. finden Henri glaubte eiflic! ußten, d, daß u ihn u, in und da te und ö 1 eben 1 J sein, theben. gerettet ligung u Aus. 2 dieser. E t, daß— lernte! 2 vas ich 1 40 gut,* 8 erdiente 1 Leben, 8 8 0 Mir 2 8 meine E 8 f te nich 8 genesen 3 ausgab, 5 8 elschaft 5 le; et 2 ö erfaßte 2 F 1 zurück 29 14 er mich 97 8 June 2 8 n fei, 2 es hieß 79 ing des 50 haft z. 8 she die 8 fer und 5 andern geinde 17 vol ng date ar lit ag id 0 weilt e leine nich e' han 1 werden! n habe eine 4 c v 0 sujcl 0 en 1 J at iht 0 2 302. Sie sich nur von jeder Schuld freisprechen wollen, so hätten Sie auch manches Andere nicht erzählt.“ Sie erhob sich und legte einige Geldstücke auf den Tisch.„Nehmen Sie das vorläufig zu Ihrer Pflege, schicken Sie nach einem Arzt, ich glaube, Sie fiebern. Sie sah in ihre glänzenden Augen, und auf die gerötheten Wangen. Blanche nickte. Seit Wochen, täglich. Es kann ja nicht mehr lange dauern, ich fühle mich sehr elend.“ „Nun also, thun Sie, was nothwendig ist, Sie hören wieder von mir.“ (Schluß folgt.) Das khörichte Lisellchen. Von M. Day. Es war einmal ein junger Pastor, der saß seit manchem Jahr im Amt und fetter Kalende und war noch immer unbeweibt. Hatte weder Mutter noch Tante, ließ das schöne große Pfarrhaus von einer alten mürrischen Magd verwalten, schlecht und recht, wie sie es eben verstand; das Mittagbrod aber, das jedwedem Menschen— kind nun einmal nicht anders als in froher Gemeinschaft zu schmecken pflegt, nahm er im braunen Hirschen ein, allwo ein hungriger Magen treffliche Speisung und ein geselliges Gemüth fröhliche An— regung zu finden pflegte. Denn um den munteren, behäbigen Wirth herum saß eine kleine bunte Tafelrunde lustiger Junggesellen, die täglich durch neu einpassirende und wieder abgehende Geschäfts— reisende in Quantität und Qualität verändert und neu belebt wurde, und unser Pastorlein saß munter dazwischen und freute sich über jede neue Kunde, die aus der Welt da draußen in das abgelegene Oertchen drang. i Und so ernst und feierlich er sich auch im schwarzen Talar auf der Kanzel ausnahm, an der Tafel zum braunen Hirschen saß er fast wie ein frohes Weltkind unter den anderen; nur daß ihn ein gewisses, kleines, undefinirbares Etwas umgab, ein Atom nur von der Würde seines. Standes, das sich allmählich uber die ganze Tafel— runde verbreitete und jeden zu lauten oder gar unpassenden Scherz auf die Lippen lockerer Spaßvögel festzubannen schien, so daß die Heiterkeit niemals bis zur Ausgelassenheit ausarten konnte. Das wußte der Wirth sehr wohl, drückte ihm oft zur gesegneten Mahl— zeit kräftig die Hand und raunte ihm zu:„Herr Pastor, der Tisch vom braunen Hirschen ist seit Jahren in Ehren bekannt, und Jeder— mann weiß, daß es immer reputirlich an ihm zugegangen ist, aber seit wir einen Pastor daran haben, ist es doch noch etwas Anderes. Ich möchte sagen, es ist ein milder, guter Ton. Mancher, der in keine Kirche geht, nimmt von hier etwas nach Hause, was er sein Lebtag nicht mehr vergißt.“ Solche Rede freute unsern guten Pastor von Herzen, aber die Gevatterinnen, die ja nicht wissen, daß es auch in Wirthshäusern zuweilen ehrbar zugehen kann und daß es überhaupt im Leben nie— mals auf den Ort, sondern immer nur auf die Menschen darin an— kommt, gaben nicht Ruhe. Mit ihren spitzen Stricknadeln, noch spitzeren Nasen und allerspitzesten Zungen saßen sie Sonntags an den Fenstern, wenn der junge Pastor mit heiterem Herzen und heiterem Lächeln vom braunen Hirschen dem Pfarrhause zuwandelte. Ein unbeweibter Mann ist alten Klatschbasen von jeher ein Aerger ge— wesen, wieviel mehr ein unbeweibter Pastor. „Da geht er hin von seinem Kneiptisch,“ schmälten sie,„es nimmt einem wahrhaftig die Andacht aus dem Herzen, die er Vor— mittags hineingepredigt!“ Oder:„Der liebe Gott hat dem Manne den starken Arm und den anschlägigen Kopf gegeben, damit er ein arm schwächlich Weib— lein mit durch die Welt nähre; ein christlicher Pastor aber sollte seiner Gemeinde mit gutem Beispiel vorangehen“— Die Bibelfesten wandten auch Bibelverse an, als:„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin geben, die um ihn sei⸗ und manches andere, was der liebe Gott wohl recht gut gemeint hat und gewiß nicht zum Schaden eines so guten 0 5 gesagt haben würde, das aber jetzt die übelste Auslegung erfuhr. f i Diese Worte drangen bald durch das Oertchen und kamen auch zu Ohren des jungen Pastors, der sich höchlich darüber betrübte, und die Schleppen waren einmal in der Mode. Hatten sie die aber fragte er lieber garnicht mehr; es war eben sehr schwer, das Lisettchen zu schelten und vielleicht lag es mit daran, daß es so. wenig erlernt hatte. um so mehr, als er kaum eine ernstliche Abneigung gegen den christ. lichen Ehestand an und für sich im Herzen hegte. Aber er war noch ein wenig aus der guten, alten Zeit, wo die Söhne ihre[ Mütter bei Wahl ihrer Ehefrauen zu Rathe zogen, und wenn auch sein Mütterlein seit manchem lieben Jahr unter der Erde lag, die goldenen Lehren, die sie ihm mit auf den Lebensweg gegeben, hatte er getreulich im Herzen aufbewahrt und gedachte bei diesem wichtigsten 1 Abschnitte seiner irdischen Laufbahn nicht um ein Haar breit davon abzuweichen. 1 1 Sie hatte aber gesagt:„Nimm dir ein junges Kind— ein junges Bäumchen biegt sich leicht;— ein gut Stück Geld mag auch dabei sein; wer in der Zeit sorgt, hat in der Noth;— keine, die in langen 1 Schleppen dahin fährt, Sammet und Seide auf dem Leibe löschen das Feuer in der Küche aus;— keine, die in den Büchern liest, sondern eine, die mit Besen und Staubwisch Bescheid weiß und das Wasser nicht spart, denn die Ordnung hilft aushalten;— keine, die schnell mit der Zunge ist, denn ein Kamin voll Rauch und eine zornige Frau sind schädlich im Haus;— keine, die auf ihr schönes Gesicht hält und. sich von den Männern karessiren läßt, denn die Schönheit vergeht, aber die Tugend besteht;— vor Allem aber sieh, daß sie eine herzliche Liebe zu Kindern habe, das giebt allemale die besten Mütter und. Ehefrauen.“ i f Da hatte unser armer Pastor denn die Wahl und die Qual. Zu seiner Mutter Zeit waren die kleinen Weiblein noch junge Mädchen gewesen, jetzt waren sie junge Damen. In den Büchern lasen sie alle, das lehrte man sie auf den höheren Töchterschulen, Konfirmation und die erste Kommunion hinter sich, dann ging's gar nicht mehr anders, als daß sie den Staub von der Straße ellenlang hinter sich her kehrten. Mit dem schönen Gesicht hatte es meist nicht sehr große Noth, und auf das Stück Geld konnte er am Ende verzichten; hatte da auch schon einmal eine ganz nette Kleine auf dem Blick gehabt, und die Sache wäre sofort zum glücklichen Ende gebracht worden, wenn sie nicht plötzlich ein so allerliebstes Plappermäulchen herausgekehrt hätte, daß er sich voll Schrecken diesen Sprudel in erregtem Zustande vorstellen und an seiner Mutter Sprüchlein von der zornigen Frau hatte denken müssen. Nun war er endlich entschlossen, hauptsächlich der Schleppe wegen, unter seinen Konfirmandinnen eine Auswahl zu treffen, um dann bald nach beendeter Einsegnung bei den Eltern der Auserwählten vorzusprechen und das Verlöbniß einzugehen. Daß er abgewiesen wurde, daran war nicht zu denken; ein junger Pastor ist überall ein begehrter Gegenstand, und auch in diesem Oertchen waren, wie sonst in der Welt, die Mädchen nicht sonderlich rar. 5 In diesem Herbst war nun gerade ein sehr hübscher Jahrgang vor dem Altar. Es giebt oft so ganze Jahrgänge niedlicher, kleiner Mädchen; ein Philosoph wüßte vielleicht einen Grund dafür an-“ f zugeben. Da war die Lucie Fischer, ein schönes, stolzes Mädchen, die konnte eigentlich des klassisch geschnittenen Köpfchens und der 1 untadeligen Figur wegen kaum noch in Betracht kommen, dann die Toni Müller, eine wohlgewachsene Brünette, immer so sauber und zierlich gekleidet, mit kirschrothen und blauen Schleifchen am knapp an⸗ liegenden Leibchen, dann die Marie Sebald, eine ätherische Blondine, die die Namen der Kirchenväter herunterzureihen wußte, wie eine Schnur Glasperlen; zu unterst aber saß ein kleines, blauäugiges Mädchen, die Tochter vom braunen Hirschen, ein sanftes, gutes Dingchen, mit einem Köpfchen, so taub wie eine hohle Nuß, im ganzen Städtlein das thörichte Lisettchen genant. Das hatte nichts weiter in seinem sechszehnjährigen Leben erlernt, als Lesen und Schreiben, das Einmaleins und das Vaterunser, trotzdem es getreulich sämmtliche Schulklassen hindurch die unterste Bank gedrückt hatte;. sein Vater war eben ein verständiger und behäbiger Mann, und. der Herr Rektor verstand sich auf eine treffliche Rehkeule. So saß U es nun in der Kirche als Letzte von denen der höheren Töchterschule,. blickte verwirrt mit den blauen Aeuglein zum Pastor empor und wurde sehr roth und stotterte, wenn er es nach etwas fragte. Wollte er es gar schelten, so blickte es sehr lieb und bat mit seinem sanften, schüchternen Stimmchen:„Seien Sie nicht böse, Herr Pfarrer, ich will es gewiß das nächste Mal besser machen.“ Das nächste Mal Seine Kameradinnen sahen es etwas über die Achsel an; doch der braune Hirsch war ein nahrhaftes Haus und sein — 9 dabei langen lichen sondern Mnser nell mit je Frau filt und vergeht, herzlich ter und e Qual. junge Büchern schulen, sie dit gings Strüße hatte ez er au e Kleine ücklichen liebstes i diesen Mutter wegen, m dann wählten devise überal ten, wie ahrgang kleine für an lüdchen, und del dann die ber und dap al londint, wie eilt läugige „ ge luß, il te nick sen b trail f hatte m, u. S0 fe serscul por u Moll. saufth el, 1 MM fungek 1 1 303= Wirth ein gemüthlicher Mann; so hielten sie gute Freundschaft mit seinem thörichten Töchterlein. Wie nun die Zeit der Konfirmation näher heranrückte, begann der junge Pastor etwas unruhig zu werden. Sie war wirklich recht schwer, die Wahl unter drei hübschen Mädchen, die alle in die Verordnung der Mutter paßten; denn auch die Lucie brauchte man, wenn man es genau nehmen wollte, noch nicht als Schönheit gelten zu lassen; wenn man sie näher ansah, bemerkte man den kleinen, ganz kleinen Schatten eines Bärtchens über ihrer Oberlippe, und Schönheiten dürfen ja keine Bärtchen haben, tröstete sich der Pastor. Das thörichte Lisettchen kam natürlich garnicht in Betracht. Drei Tage vor der Konfirmation pflegten die Eltern der wohl— habenden Konfirmanden dem Herrn Pastor ein Geschenk zu schicken, das meist aus einem Stück lebenden Gethiers, einem Huhn, einer Ente, einer Gans, bei Reichen wohl auch aus einem jungen Schwein— chen zu bestehen pflegte; so war es seit Alters her Brauch im Städtchen. Der Pastor stattete dann, gleichsam als Empfangs⸗ bescheinigung, einen Besuch in den betreffenden Häusern ab. (Schluß folgt.) Lose slätter. Der Erfinder der Industrieausstellungen. Im Jahre 1848 starb unbeachtet und in Dürftigkeit der neunzigjährige Greis, dem der Ruhm gebührt, der Erfinder der Industrieausstellungen zu sein Seit dreißig Jahren hatte er sein Leben in Blindheit hingeschleppt. Er war zum Beginn der großen französischen Revolution zum Kommissarius der Regierung bei den Manufakturen ernannt worden. Er fand sämmtliche Fabriken, die Eigenthum des Staates waren, in der äußersten Zerrüttung. Da machten weder die Sevres für Porzellan, noch die für Gobelins und Teppiche eine Ausnahme. Die Waarenlager waren zwar gefüllt und repräsentirten Millionen, aber die Werkstätten standen leer. Die Handwerker, die sonst dort gearbeitet hatten, litten die äußerste Noth.„Herr Marquis, helfen Sie!“ tönte es ihm überall entgegen. Der Marguis d' Aveze sah den entsetzlichen Nothstand, er besaß ein Herz und ihn schauderte; wie konnte er aber helfen, da der Handel gelähmt war? Da fiel er in einer schlaflosen Nacht auf den Ge— danken einer Industrieausstellung. Er sprang vom Bette auf und rief laut:„Sch habe es gefunden.“ Er entwarf den Plan und reichte ihn schon am folgenden Vormittage dem Ministerium für Handel und Gewerbe ein. Seine Vorstellungen waren auch so dringend gewesen, daß er bald die Erlaubniß erhielt; doch solle er sich das zu seinem Zwecke geeignete Ge— bäude selbst suchen. Deshalb war der Marquis d'Aveze nicht in Verlegen⸗ beit; das Schloß von St Cloud stand leer und enkbehrte aller Möbel. Ohne lange zu fragen, begann er sogleich mit der Arbeit, Die köstlichsten Gobelin⸗Tapeten schmückten wieder die Wände Teppiche in jeder Art stellten sich dem Auge der Beschauer dar. Das Porzellan von Sepres war auf das Vortheilbafteste ausgebreitet.—— Die Ausstellung wurde am 18. Fructibor eröffnet und schien ihrem Zwecke völlig zu entsprechen; denn das Publikum füllte die Räume des Schlosses, große Bestellungen wurden gemacht und effektuirt.„Ich werde bald arbeiten lassen können, meine Arbeiter brauchen nicht mehr zu hungern,“ äußerte Aveze. Am 28. Fructidor ging ihm der Bescheid plötzlich zu, die Ausstellung zu schließen und sich zum Minister zu begeben. Es war der Tag des Dekrets, das alle Adelige aus Paris und seiner dreißigmeiligen Umgegend verbannte. Nur noch das Inventar in St. Cloud gestattete man ihm aufzunehmen und Rechenschaft zu geben. Einige Tage später weilte er schon in England. Als er im Jahre VI(1798) nach Frankreich zurückkehrte, kam er sogleich auf die Industrieausstellung zurück. Man erwiderte ihm, daß er dieselbe auf seine Kosten und Gefahr 1 möge; etwaige Vorräthe des Staates stellte man ihm zu ziemlich hohen Preisen zur Verfügung. Avdze zögerte deshalb nicht; er miethete das Hotel d'Orsay und veranstaltete dort die erste Industrie⸗ Ausstellung, die aber keine großen Resultate haben konnte, da die Republik und ihre Beamten dem Marquis fort und fort in den Weg traten, um aus der Industrie⸗Ausstellung möglichst große Gewinne zu ziehen; den Erfinder brachten ihre Schurkereien um Alles, nur nicht um seinen guten Ruf, den Ruhm, ein Ehrenmann zu sein. Als die Bourbons zurückkehrten, erhielt Aveze eine kleine Anstellung im Ministerium des Handels und der Gewerbe. Als sie im März 1815 Frankreich verließen, 5erblindete der Marquis an einer Augenentzündung, die er sich auf der Reise nach England zugezogen hatte. Die Erblindung raubte ihm sein Amt und brachte ihm eine unbe⸗ deutende Pension ein, die er auch unter der Regierung Louis Philippes bezog. Von derselben lebte er bis zu seinem Tode in den Februartagen 1848. Sb er sein Leben aus Furcht vor dem Hungertode geendet, ist nicht bewiesen worden. W. G. Mahlzeit zu Pferde. Man war im Mittelalter vollständig zu Hause im Sattel. Zuweilen wurde sogar die Mahlzeit zu Pferde servirt. Beim Fürstenhofe zu Rostock z. B., wo König Erich und Markgraf Waldemar den Städtekrieg beschlossen, richteten die vornehmen Droste und Truchsesse ihre Tafeln zu Rosse an, weil die Wege zu den Buffets weit waren. Sie hatten dazu eine besondere Kleidung erhalten und die Pferde, auf denen sie die Speisen herantrugen, waren ganz mit Decken behangen. Auch wo das Pferd selbst bei adlichen Schlemmereien nicht zugegen war, ahmten die Herren in ihren Trinksitten doch wenigstens gern das Reiten nach. So erzählt Thomas Kantzow(1450) unter dem Artikel:„Vom Saufen in Pommern“, von einem Gelage, bei welchem der junge Herzog Wratislaw X., vom Ausbunde eines unfläthigen Volltrinkens zur Pön eines Zechversehens„zu Wasser“ geritten wurde, d. h. der Prinz mußte jenen auf den Rücken nehmen und auf allen Vieren zu einer 9 Schale kriechen, um wie ein Pferd das durch den Reiter überdies verunsäuberte Getränk zu schlürfen. Ver⸗ gangene Zeiten! Halt! Alles kehrt in der Welt einmal wieder, sei es auch nur als Karrikatur. Es ist noch garnicht so lange her, daß ein Berliner Schankwirth seine Kellner„beritten“ gemacht hatte, d. h. sie mußten seinen Gartengästen im Galopp den Kaffee oder das Bier serviren und im Trabe das Geld wechseln. Dr. A. B. Sultan Selim J. Selim I., ein unternehmender und scharfsinniger Regent, war auch einer der grausamsten Beherrscher der Osmanen. Alle ihm verwandten Personen, so wie die höchsten Staatsdiener, mußten stets um ihr Leben besorgt sein. Einst sprach der Großvezier halb, scherzend, halb im Ernste zu ihm:„Ich weiß, Herr, daß Du früher oder später einmal Gelegenheit nehmen wirst, dem Leben Deines armen Sklaven ein Ziel zu setzen; ich bitte Dich nur, wenn dies geschehen sollte, mich Tags zuvor davon zu benachrichtigen, damit ich mit dieser und jener Welt meine Rechnung abschließen kann.“— Der Sultan lachte laut auf und entgegnete: „Ich habe allerdings schon oft und lange daran gedacht; ich weiß jetzt nur gerade keinen, der kauglich wäre, Deine Stelle als Großvezier einzunehmen, sonst würde ich Deinen Wunsch recht gern erfüllen. Dias Gefühl empörend ist die Grausamkeit, mit welcher dieser Wütherich seine fünf Neffen und seinen Bruder hinrichten ließ. Die Ersteren wurden durch eine Janitscharen⸗Wache nach dem Palaste gebracht und eingesperrt; den Tag darauf erschienen die Henker zu ihrer Hinrichtung. Der jüngste Prinz, ein Knabe von sieben Jahren, bat flehentlich um sein Leben und versprach dem Sultan für den kärglichsten Lohn ihm treu dienen zu wollen. Muhamed, sein älterer Bruder, ein zwanzigjähriger Jüngling, zerbrach da⸗ gegen, als sich ihm die blutigen Schergen nahten, den Arm des einen, während er einem andern mit dem Messer einen tödtlichen Stich versetzte. Selim, der in dem angrenzenden Gemache Zeuge der Schreckens-Szene war, blieb gefühllos; er sandte noch einige Mörder, die das Trauerspiel bald beendeten. Korkud, Selims Bruder, ward, nachdem man ihn aus seinem Palaste in Magnesia vertrieben hatte, mit seinem treuen Gefährten Piale in einer Höhle entdeckt und nach Brussa geführt. Als er sich dieser Stadt näherte, ward ihm der Kapidschibaschi Sinan entgegen gesandt, dem Anscheine nach als der Bote mit dem brüderlichen Willkommen, eigentlich aber als der Ueberbringer seines Todesurtheils. Sinan suchte den treuen Piale in der Nacht von seinem Gebieter zu entfernen, dann weckte er den Prinzen, um ihm seine Verurtheilung anzukündigen. Korkud bat nur um eine Stunde Aufschub, welche Zeit er benutzte, um ein rührendes Gedicht an Selim zu entwerfen, in welchem er diesem das ihm zugefügte Unrecht und die an ihm verübte Verrätherei vorwarf. Am folgenden Tage ward er als Leiche zu den Füßen seines Bruders niedergelegt, indem man zugleich die Verse des Ermordeten als dessen Vermächtniß überreichte. Thränen, wie sie jeder Heuchler nach Belieben hervorzurufen vermag, rollten über Selims Wangen, eine dreitägige Trauer ward angeordnet, und fünfzehn Muselmänner, welche den Aufenthalt des Prinzen verrathen hatten, wurden,— als sie nach Brussa kamen, um ihre Belohnung zu empfangen— hingerichtet. M. Lamartine wurde im Jahre 1839 befragt, wie er produzire.„Sehr einfach,“ lautete die Antwort,„ich reite ins Feld und gebe meinen Gedanken Audienz. Dann werfe ich auf Zettelchen Verse, die ich zu Hause meinem Sekretär zu ordnen überlasse. Der ist ein verständiger Mann; er sucht die Blätter zusammen, wie sie am besten passen, und so wird ein Gedicht daraus. Ich lasse dann meinen Verleger Gosselin kommen, er bezahlt mir 4000 Francs, läßt das Manuskript drucken, und die Sache ist vorüber.“—„Und Sie lesen Ihre Arbeiten nicht weiter durch?“—„Wozu das? Ich kann mich auf meinen Sekretär verlassen.“ W. G. Die Wasserpest. Mit der allgemein verbreiteten Ansicht, daß die Wasserpest(Elodea canadensis) für die Flüsse und Seen deshalb ver⸗ derblich sei, weil sie der Fischerei gefährlich werde, stehen die protokollarischen Aussprüche der Fischer der Havelgewässer, der Spree und der umliegenden Seen im direkten Widerspruch. Gegen den märkisch-ökonomischen Verein, der die Frage aufgestellt hatte:„Wie beseitigt man die Wasserpest?“ haben jene Aussagen erklärt, daß die sogenannte Pest vielmehr Wassersegen ge⸗ nannt werden müßte; sie sei die unnahbare Zuflucht für die Fischbrut gegen Raubfische und Raubvögel, auch ein ganz vorzüglicher Dünger für die Landwirthe. Ganz in demselben Sinne sprachen sich die Fischer Mecklen— burgs, Pommerns und Westpreußens aus:„Die Straßen, wo die sogenannte Pest wuchert, sind in Wahrheit Fischzuchtsanlagen. Alle Arten von jungen Fischen tummeln sich darin umher, gegen die Nachstellung der Angler ge⸗ schützt. Die Erfahrung hat gezeigt, wo die Elodea wuchert, werde noch nach zehn Jahren eine reiche Fischernte gehalten. Zudem sei sie der Schifffahrt in unseren Strömen nicht gefährlich, weil sie nur in flachen Seen und Wasserläufen sich findet. Sie verschwinde von selbst, wenn sie den Kalk⸗ gehalt des Grundes verzehrt habe. Auch desinfizire sie das Wasser und mache es kristallklar. W. G. Die drei ihrem Volke berühmtesten Schauspieler, der deutsche Eckhof, der englische Garrik, der französische Le Cain, starben in einem Jahre: 1788. W. G. 2304. Rösselsprung. zu der es nehmt mee⸗ die men me auf lieb le lie⸗[neh⸗ strö⸗ den tern al⸗ mei⸗ mit den ten⸗ re f al⸗ die le hin⸗ leuch⸗ mü⸗ leuch⸗ zum flat⸗ der nem mei⸗ zur leuch⸗ ten⸗ weh⸗ den le die al⸗ ne ten⸗ tig es lie- seuf⸗ ne den blu⸗ schau⸗ nen zer[und lauf menen thrä⸗ son⸗ trüb es und ihr Logogriph. Wenn ich ganz vor dir erscheine, Bin ich ungeschliffen, roh; Nimm den Kopf mir— du nennst deine Herzgeliebte Dame so. Buchstaben-Räthsel. Die folgenden Buchstaben: A 8 5 8 VVV e. N B N BF HF‚²⁹⁰ůn; r Mͤ NN B N r R CH G 1 D W sind in derselben Form so zu ordnen, daß die eine Diagonale, von links oben nach rechts unten gelesen, eine Stadt im preußischen Regierungsbezirk Frankfurt a d. Oder, die andere von links unten nach rechts oben gelesen, eine Stadt im würtembergischen Neckarkreise ergeben. Die Vertikalreihen bezeichnen: l J. Eine Stadt im kleinrussischen Gouvernement Charkow, an der Merla. 2. Eine Muse 3. Ehrentitel der jüdischen Gesetzlehrer. 4. Ein französisches Wort. 5. Einen Buchstaben. 6. Eine Silbermünze auf Jamaika. 7. Einen Baum. 8. Eine berühmte italienische Schauspielerin. 9. Regierungsbezirk der Provinz Preußen. Hhomonym. Einen seh' ich wie den Wind Rennen durch die Wüsten; Einen seh' ich an der Brust Sich des Liebens brüsten; Einen werd' ich keck besteh'n, Wen danach wird lüsten. Auflösung des Silben-Räthsels in voriger Nummer: Friedrich von Schiller— Wallenstein's Tod— Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. 1. Fontus. 2. Riberac. 3. Indigolith. 4. Eisen. 5. Dohle. 6. Raphael. 7. Irchel. 8. Centgraf. 9. Halle. 10. Vater. 11. Ornat. 12. Nicolai. 13. Saibling. 14. Cagliari. 15. Honorius. 16. Infant. 17. Laaland. 18. Lanzi. 19. Eveline. 20. Rosalj. 21. Wohlau. 22. Auszehrung. 23. Labé. 24. Leiden. 25. Eberhard. 26. Nahum. 27. Salpi. 28. Tokat. 29. Eduard. 30. Ille. 31. Nizam. 32. Schuwa⸗ low. 33. Tasso. 34. Oper. 35. Devrient;— des Homonym: Atlas;— des Magischen Quadrats: W IIEE IN e A N* N Pokal im Werthe von 100 Mark) und den von Herrn G Mertens in Köln gestifteten Schach. Partie Nr. 235, gespielt am 24. August d. J. im Haupttur⸗ nier A des Kölner Schachfestes. Problem Nr. 411 von J. Fetow in München. Schwarz. F 7 Weiß: Meyerhoffer in Heidelberg. ee ,, e 4) S1 eg) Sea—16 9. 1 2 Si 5 i e l 9 2—44 90808 ,,, 10), Dale, e 7 2 2 2 2 J 13) Ss el. 5 bel: Eee ee Weiß setzt mit N Zuge Matt. 17 1 g 115 Stellung nach eee von Schwatz. 15 55814 i d *,, 22 abt! Des 1 95 2. 135 0 1 1, , 7. 28) T5484 Wie 2 e e e i e . bo bete e S den. Weiß. 4) Weiß drobt wieder mit dem k- 1 Bauer vorzurücken. 1 5) Durch dieses sehr hübsche Opfer erlangt Weiß einen äußerst lebhaften Angriff, der auch bei der besten Vertheidigung zwei Bauern mit gutem Spiele für den geopserten Offizier eingebracht hätte. 5 6) Etwas stärker als dieser Aotausch scheint uns Le7 mit Rücksicht auf die Foitsetzung 16).. Le7 17) ed ezd5 18) Lhé Lgél 19) Ldöztr Khs c. 7) Auch hier kam Lei in Betracht mit der Fortsetzung: 18) cds Las: 19) Ldöz f cdb 20) Lhé IS 21) Dfs Seel ꝛc. Wollte dagegen Schwarz den Abtausch des Läufers zu ver ⸗ meiden suchen, so bliebe er einem beftigen Angriff ausgesetzt, z. B. 17).. Ler 10) cds ds 19) Lhé Lis 20) Df4 hé: 21) Des: Kbs 22) Ldö: 806 23) T7 Lg7 ic, oder 19). Lges 20) Ldözt Khs 21) T7 hé: Ifalls Is so 22) Lb7: ꝛc.] 22) Ter: Ses 23) Dh4 Dis 24) Tb: ze. 8) Ein entscheidender Feblzug! Der Läufer mußte nehmen; Weiß hätte alsdann mit Le? auf Angel spielen, aber auch die sicherere Spielweise 19) Las: eds 20) Dis Sc“!!! 21) Ddözt Khs 22) Tir ꝛc. wählen können. 5 9 1 9) Schwarz ist mit Matt in zwei Zügen bedroht und zur Aufgabe des Offiziers gezwungen. 10) Weiß setzt den Angriff in der kräftigsten und schönsten Weise fort; der Sieg ist in? dessen schon durch das Bauernplus entschieden. g 11) Nach diesem Zuge ist Matt oder Damenverlust unvermeidlich. 12) Es gab nichis Besseres, da Matt durch Dgs und zugleich durch Tbért nebst Ohg drohte. Diese Partie brachte dem Sieger den ersten Preis im Hauptturnier A(einen silbernen 1) Eine Vertheidigung im Läuferspiel, die für nicht minder gut als Los gilt. 1 2) Ein etwas gewagtes Angriffsspiel. Nach den Ausführungen von Löwenthal, Suhle und Neumann kann Schwarz mit Sed: 5) dies 6l den Mehrbesitz des Bauern behaupten. 4 ee, ee e Spezialpreis(ein sehr hübsches Rauchservice) für die schönste Partie des ganzen Turnieres. Jubiläum des Kölner Schachklubs. 5 Das Fest zur Feier des 25 jährigen Bestehens des Kölner Schachklubs fand in den Tagen des 22.— 24. August statt. Neben zahlreichen Tombelapartien wurden zwei Hauptturniere und ein Nebenturnier ausgefochten. Zu dem Hauptturnier& batten sich 15 Theilnehmer. J Auswärtige und 8 Kölner eingefunden. In zwei Gruppen blieben die Herren Landgerichts. direltor Mitscher und Oberrealschullehrer Kist aus Köln Sieger; in der dritten Gruppe. hatten die Herren Meverhoffer aus Heidelberg, Ehlen aut München⸗Gladbach und Tiefenthal 1 aus Köln, in der vierten Gruppe die Herren Flad aus Wiesbaden und Rittmeister Taistrzit 5 aus Köln gleichen Stand erreicht. Das Loos entschled zu Gunsten der Herren Meverhoffer und Flad. Beim Stechen um die Preise siegten zunächst Kist und Meyerhoffer ilber Mitscher. und Flad, so daß nunmehr die erstgenannten Herren um die beiden ersten Preise zu spielen hatten. Die vorstehend mitgetheilte Entscheidungspartie brachte Herrn Studiosus Meyer⸗ boffer den ersten Preis, Herrn Realschullehrer Kist den zweiten. Die Partie um den dritten und vierten Preis wurde remis. Durchs Loos erhielt Herr Flad den dritten, Herr Landgerichtsdirettor Mit scher den vierten Preis.— Im Hauptturnier B fielen die Preise der Reihe nach an die Herren Prussian aus Köln(zur Zeit in Bonn studirend), Kirdorf aus Crefeld und G. Mertens aus Köln.— Den Glanzpunkt des Festes bildete eine Blindlingsproduktion des Herrn Fritz aus Darmstadt gegen acht Gegner, von denen vier besiegt wurden, drei remis erzielten und nur einer, Herr S Simon aus Köln, gewann. Unter den zablreichen Besuchern des Festes war auch der rühmlichst bekannte 5 Meister W. Paul sen aus Nassengrund. Derselbe spielte zwei Partien mit C. Leffmann, 9 8 5 5 von denen jeder eine gewann. 1 Aus der Schachwelt. 5 1 Tage nach dem Schlusse des Kongresses zu Nottingham wurde ein Wettkampf zwischen Kapt. Mackenzie und Mr. A. Burn aus Liverpool vereinbart und gleich aus- efochten. Die ersten vier Partien wurden von Mackenzie gewonnen; von den folgend 1 sechs Partien gelang es dem amerilanischen Meister jedoch nur zwei remis zu machen, wäh⸗ rend vier für ihn verloren gingen. Das Match wurde hierauf als unentschieden abgebrochen. Am 25. Juni d. J. fand zu New-Orleans eine Versteigerung der Schachtrophäen 9 verstorbenen Paul Morphy statt Unter den angesteigerten Gegenständen befand fi. 1 prächtiges Schachspiel mit Figuren von reinstem Gold und Silber, ein Ehren der ersten Bürger New-Yorks; dasselbe brachte 1550 Dollar auf. Druck und Verlag der„Volks-Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.