zu den Oberhessischen Machrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Ur. 20. 1686. Gießen, den 16. Mai. Die Stiefmutter. Roman von M. Elton. (Fortsetzung.) Nun hatte Adeline erreicht, was sie erreichen wollte. Die. Stief— mutter war geflohen, weil sie den Lord noch immer liebte und nicht er— tragen konnte, daß er Adeline heirathe. Kam sie später zurück, so besaß die Stieftochter ein Geheimniß, das den Stolz dieser Frau für immer niederwarf. Nun aber bedurfte Adeline einer Verbündeten in dem verödeten Hause und es ging sogleich ein Schreiben an die Freundin ihrer Mutter ab, das um einen schleunigen Besuch in Mandsfelt bat. Wer konnte wissen, wie lange ihr Vater umherirrte, seine Frau zu suchen; und sie konnte doch den Lord nicht empfangen, so lange sie allein war. Die Blumensträuße und die Briefchen von glühender Ungeduld machten täglich ihren Weg nach Mandsfelt und Adeline war krank vor Erwartung, endlich die alte Freundin und ihren Vater er⸗ scheinen zu sehen. Rückweg in Berlin besucht und sie zeigte ihm Adelinen's Brief. Lindner war tief niedergedrückt; von seiner Frau und seinem Kinde hatte man auf dem Gute bei Jastrow nichts erfahren, der alte General lag schon den ganzen Winter krank an der Gicht dar⸗ nieder, er hatte nicht gewagt, vor ihm zu erscheinen. So kam er mit der alten Dame, die ihm Trost zuzusprechen suchte, dabei aber immer einzig und allein mit Adeline und dem Lord beschäftigt war, in Mandsfelt an. Alles war ihm recht: Verlobung, beschleunigte Heirath, Alles. Der Lord verließ das Gut fast nicht mehr und Frau Major Schönau fühlte sich unentbehrlich im Hause. Lindner blieb Tage lang draußen bei den Arbeitern, der März brachte schon viel zu thun, zerstreut saß er bei den Gastmählern, die in seinem Hause gegeben wurden und überließ es der Frau Majorin, das Brautpaar zu den Diners und Soupers in der Nachbarschaft zu begleiten. Er fühlte sich sehr vereinsamt; sein müder zerstreuter Blick begegnete zuweilen mit Erstaunen Adelinens strahlendem Gesichte, und es fiel ihm ein, daß sein Kummer ja die Tochter nichts an⸗ gehe. Manchmal legte sie wie sonst ihren Arm weich in den seinen und flüsterte ihm hastig zu, wie befriedigt er sich über die Lösung doch fühlen müsse, da ja die Situation im Hause weder für ihn, noch für seine Frau im Zusammenleben möglich geworden sei. Sie mochte ja recht haben; aber er fühlte sich außerordentlich elend. Nun ging die Tochter, sie war schon nicht mehr sein; was blieb ihm nun in dem öden Hause? Dieser Lord, dieser grand seigneur, der in der Vergötterung seiner Braut nicht die Zeit fand, ein ver⸗ ständnißvolles Wort an den Schwiegervater zu richten, war ihm jetzt nichts und konnte ihm auch nichts in der Zukunft werden. Wenn Julia ihm nur das Kind gelassen hätte! Sonst freilich hatte er keinen Werth darauf gelegt und die Kleine besonders be— achtet, wenn sie ihm jubelnd entgegen lief, sobald sie seiner an⸗ sichtig wurde, seine Hand so recht fest in ihre beiden runden Sie kamen zusammen; er hatte sie auf dem. Patschchen nahm und so glücklich zu ihm aufschaute, während sie neben ihm herlief; aber fetzt, wer kümmerte sich darum, wenn er nach Hause kam? „Machen Sie doch kein so trauriges Gesicht,“ sagte die Majorin zu ihm,„denken Sie daran, daß auch Ihre Tochter berechtigt ist, ein mal im Leben glücklich zu sein. Wie Viele haben nichts im Leben, wie den Brautstand, der ihnen die späteren trüben Tage erhellt. Das wollen wir nun nicht für unsere Adeline fürchten; aber ihres Vaters Gesicht darf ihr nicht die letzten Tage im elterlichen Hause verdüstern.“ Sie hatten ja Alle recht gegen ihn; auch Julia hatte recht, sie besonders, auch sie war berechtigt, ein wenig Glück zu erwarten; hatte er seine Pflichten gegen sie erfüllt, wie er es sich gelobt, als er das junge vertrauende Weib, das nichts mehr auf der Welt besaß wie ihn und seine Liebe, nach Mandsfelt geführt? O die Vorwürfe, das Zermartern über das, was versäumt worden ist und nicht mehr wieder gut gemacht werden kann! Der kurze Brautstand war zu Ende, der Hochzeitstag war ge⸗ kommen. Adeline sowohl wie Lord Graham verließen strahlend vor Glück den Altar der Dorfkirche, wo eben der Priester sie vereinigt hatte;— nun konnte Julia sie nicht mehr trennen! Ein kurzes Mahl in ganz kleinem Kreise, ein hastiges Adieu und das glückliche Paar fuhr in die Frühlingswelt hinein, wo jubelnde Lerchen zum blauen Himmel aufstiegen und Knospen sich unter dem heißen Kuß der Sonne entfalteten. zwischen ihn und das junge Weib treten, das der Lord mit einer Leidenschaft liebte, wie sie nicht selten in vorgerückterem Alter ge⸗ funden wird. Ja, sein Leben war von einer dominirenden Leiden⸗ schaft beherrscht worden, das war aber nicht die Leidenschaft für die Frauen gewesen; von dieser Seite war ihm immer mehr entgegen— gebracht worden, als er erwartet hatte, und er konnte mit Recht behaupten, daß Adeline seine erste Leidenschaft bezüglich der Frauen sei. Er mußte über sich lächeln, daß sie ihn so jung, so grün machte, daß er sich sogar darauf ertappte, alles Ernstes gute Vor⸗ sätze für die Zukunft zu fassen und die alte Leidenschaft mit der neuen tödten zu wollen. Er, der Mann guter Vorsätze!— Wie ernüchternd war ihm diese Julia in den Weg getreten! längst⸗ begrabene häßliche Erinnerungen traten mit dieser Lichtgestalt vor seine Seele. Welches Recht hatte sie, in seine rettende Zukunft einzugreifen? Leider, das Recht des Stärkern: sie konnte Dinge aufdecken, die eingescharrt bleiben mußten. Er war diesem Joch entgangen, und er schloß seine junge Frau in die Arme und fühlte sich sicher und glücklich. Als er einen Monat vorher, Julia's Bedingungen gemäß, mit dem Nachtzug verschwinden wollte, sah er aus einem Winkel des Nein, nun konnte keine Julia mehr feindlich 8—— 5 154.. spärlich erhellten Wartesaales, wie eine Dame mit einem Kinde hereintrat und wie sie sich erschöpft auf der nahestehenden Bank niederließ. Er erkannte Julia. Die Kleine schmiegte sich an sie und fragte erst leise, dann immer vernehmbarer:„Wohin gehen wir, Mama? Ich bin so müde, fahren wir nicht wieder nach Hause? ich will in mein Bett; warum sind wir fortgegangen?“ Julia schien wie erstarrt in einem überwältigenden S sie antwortete dem Kinde nicht, sah mit leblosen Augen, wie die Leute aus- und eingingen und stand auf, als es läutete, ein Billet zu lösen. Lord Graham ging ebenfalls, hielt sich aber immer im Schatten, obgleich er sein Gesicht ganz im Pelze seines Mantel⸗ kragens versteckt hatte. Er sah, wie Julia rathlos um sich schaute, als der Mann am Schalter fragte:„Wohin?“„Nach Wien,“ sagte sie schnell, als käme ihr erst jetzt der Entschluß; sie nahm rasch das Billet und begab sich wieder in den Wartesaal. Lord Graham wußte genug; er hatte nun nicht mehr nöthig, ein Billet zu lösen zu dem Zuge, der einige Minuten früher nach dem Norden abging. Er blieb in der Nähe, N auf dem Perron und sah, wie Julia mit 8 Töchterchen in den Zug nach dem Süden einstieg und wie dieser dann in der Nacht verschwand. Nun war der Weg für ihn 5 er bemühte sich nicht weiter, über den Zu— sammenhang der Dinge nachz zudenken; Wü war es, daß man die abendliche Zusammenkunft entdeckt, das konnte auch seine 0 zweiter Besuch schlimmen Folgen für ihn haben,— sein Mandsfelt beruhigte ihn hierüber. VI. In einer Vorstadt Wiens, in einer ärmlich eingerichteten Wohnung finden wir Julia wieder. Mehr wie ein halbes 8 Jahr war 1 ihrer Flucht vergangen. Die junge Frau arbeitete bein Schein einer Lampe an einer großen Stickerei und Ellinor stand neben ihr und stützte die runden Aermchen auf den Tisch.„Wirst Du heute noch fertig, Mama?“ plauderte sie und sah eifrig zu, wie schnell sich die schlanken Hände bewegten.„O, dann wirst Du viel Geld bekommen, nicht wahr? dann kaufst Du mir das schöne neue Kleid, das mich den Winter warm halten fe— Sie drückte die runden Händchen in kindlichem Entzücken fest auf die blühenden Wangen und sah glückselig ihre Mutter an. Julia lächelte ihr zu; aber es war ein tieftrauriges Lächeln, das gar sonderbar erschien auf dem bleichen, schmalen Gesichte der jungen Frau. Wie nun ihr 1 Blick wieder sic auf das fröhlich. Kind richtete, da fühlte sie wieder das Weh im tiefsten Herzen, das sie immer 7 wenn mit ganzer Schwere der Gedanke auf sie fiel, welches Loos sie ihrem Töchterchen bereitet hatte. Der unglück— lichen Frau war es, als hätte sie ein Verbrechen begangen, das Kind der Noth auszusetzen. O, es war nicht leicht, das tägliche Brod zu verdienen, das hatte Julia erfahren. Die Schritte, die sie gethan, Privatstunden zu bekommen, waren alle vergeblich gewesen. So sah sie sich genoͤthigt, für ein Stickereigeschäft zu arbeiten, um wenigstens etwas zu erwerben. In ihrer Verlassenheit und Furcht vor der nächsten Zukunft, dachte sie wieder:„Hätte ich doch mein Kind wenigstens nicht diesem Elend preisgegeben!“ „Und wenn ich mein schönes Kleid habe, dann gehe ich mit Dir spazieren,“ plauderte Ellinor fort,„und es sehen mich viele Leute. In Mandgsfelt sah mich Niemand außer Marie, und die wurde böse, wenn ich mich schmutzig machte. Wir gehen aber wieder nach Mandsfelt, nicht wahr, Mama? Die Marie hat gesagt, Adeline würde den reichen Lord heirathen, der einmal gekommen ist. Dann 8 ich in dem schoͤnen Kleide auf die Hochzeit und die Marie hat gesagt, Adeline könne mich dann nicht mehr schlagen, sie ginge weit fort mit dem Lord. Was ist denn ein Lord, Mama? Müde legte Julia die Hände nieder, die Arbeit war vollendet und Ellinor sprang froͤhlich im Zimmer umher. „Wirst Du nun sogleich die schöͤnen bunten Blumen forttragen? Laß mich sie noch einmal sehen, Mama,“ rief die Kleine und griff schon nach dem Mäntelchen. Sie verließen das enge Zimmer, es war spät Abends und der Regen fiel; aber Ellinor konnte nicht stunden— lang allein im verschlossenen Zimmer bleiben.— Als sie schweren Herzens zurückkam, denn man hatte ihr vor— läufig keine weitere Beschäftigung in dem Stickereigeschäft gegeben, überreichte ihr der Portier eine Karte, durch welche Frau Lindner in ein Gasthaus beordert wurde. Dort waren Fremde mit Kindern angekommen, die einer Privatstunde täglich bedurften. Sie war schon öfters zu diesem Zweck in Gasthöfe, wo sie ihre Karte abgegeben, geladen worden. Die ganze Nacht hindurch hielt sie der Gedanke wach, daß sie den Unterricht zu jedem Preise übernehmen und sich stundenlanz g von ihrem Kinde trennen, es deshalb einer Schule über⸗ geben müsse. Am andern Morgen nach einer durchweinten Nacht fühlte sie sich so elend, daß der Gedanke sie schreckte: wenn sie nun plötzlich hier stürbe, so würde ihr Kind in dem Elend einer großen Stadt zu Grunde gehen. Sie stand schnell auf, zündete die Lampe an und setzte sich nieder, um zu schreiben. Im Fluge füllte sie die Seiten, es strömte heiß aus dem übervollen Herzen auf das Papier. Wenn sie gestorben war, dann durften diese Zeilen zu dem geliebten Manne sprechen; kein Schwur band sie mehr; ihr Andenken wenigstens sollte ihm und ihrer Tochter ein reines bleiben. Es war noch früh am Morgen; tiefe Stille umgab die junge Frau. Ellinor richtete sich mit schlaftrunkenen Augen in ihrem Bettchen auf und fragte:„Schreibst Du an Papa? Sage ihm, ich hätte ihn lieb und ich wolle bald wieder zu ihm kommen.“ „Das sollst Du vielleicht bald, mein armes Kind,“ murmelte sie und schloß den Brief.„Wenn er ihn erhält, dann bin ich todt, dann ist kein Schatten mehr zwischen uns, und er wird Ellinor um meinetwillen lieben. Meine Mutter starb so elend, an ihrem Todten⸗ bett weinte nur ein trostloses Kind, so wird es auch bier sein. Der Kummer tödtet rasch. Sie konnte zu dem alten Onkel flüchten, das kann ich nicht; er ist so alt jetzt und bei 8 Heftigkeit könnte ihn mein Unglück tödten. Und würde nicht das Wiedererscheinen 85 unglückseligen Mannes ihn wenigstens um seine Ruhe bringen? Wer kann auf sein Wort bauen, wer weiß, ob er den Ocean zwischen 75 und seine Vergangenheit gelegt hat? Mich schaudert, wenn ich an ihn denke!“ Sie stand rasch auf und hielt den Brief mit der Adresse ihres Mannes rathlos in den Händen.„Wem ihn anvertrauen?“ fragte sie sich.„Ich kenne keinen Menschen in dieser großen Stadt.“ Schwere Tropfen fielen über die bleichen Wangen auf d den Brief. Da läutete durch die Morgenfrühe ein Glöcklein ganz in der Nähe, ihre Augen leuchteten im Gefühle der Erlösung auf, nun wußte sie, wem sie das Schreiben übergeben sollte. Sie verließ leise das Zimmer und eilte durch die stille Straße dem Kirchlein zu, dessen Altarstufen eben ein Priester hinauf schritt, die Messe zu lesen. Sie kniete unter der Menge nieder und betete aus vollem Herzen. Mit Zuversicht ging sie zu ihm in die Sakristei, sobald er den Altar verlassen hatte. „Es it eine arme verlassene Frau, die Ihren Beistand erfleht, ehrwürdiger Herr,“ sagte sie und sah in das stille wohlwollende Ge. sicht des ältlichen Mannes.„Darf auch eine Protestantin Theil haben an der Tröstung, zu der mich das Frühglöckchen zu rufen schien?“ 8 sie bebend. Bin ich nicht ein Diener dessen, der gesagt hat:„Kommt Alle zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid?“ antwortete er und seine treuen grauen Augen sahen sie an, als kenne er ihren ganzen Kummer.„Mit was kann ich helfen, meine Tochter; verfügen S Sie über Alles, was in meinen Kräften steht.“ Sie erzählte ihm, was sie erzählen durfte; sie war hingerissen von der einfachen, herzlichen Güte des alten Mannes; sie übergab ihm den Brief und ihr Herz wurde erleichtert, als er ihr versprach, Elliner in einer guten Schule ganz in der Nähe unterzubringen. Nun hatte sie doch einen Menschen in der großen fremden Stadt, 5 ihr gewiß Trost und Hilfe brachte, wenn sie sich elend und ver⸗ lassen fühlte, und von nun an läutete das Glöckchen in der Morgen- frühe Trostung in die Seele der einsamen jungen Frau. Von nun an ging Alles besse ser, die Stunden im Gasthof zogen andere nach sich und wenn die Dämmerung des Winterabends ge⸗ kommen war, dann eilte Julia sehnsüchtigen Herzens nach der Schule und holte ihre Kleine ab. Das war dann eine Freude, ein Glück, wenn Abends Mutter und Kind in der warmen Stube zusammen saßen und Ellinor nicht müde wurde, von den eee zu erzählen. Die stille Nacht aber brachte der jungen Frau das bange Bewußtsein ihrer Lage, die nicht den geringsten Hoffnungsschimmer zuließ. Die vornehme edle Erscheinung Julia's konnte nicht unbemerkt bleiben in den Straßen. Mancher freche Wan Blick rief ihr glühende Rothe ins Gesicht und sie fühlte, daß ihre Verlassenheit allerdings geeignet war, entehrende Vermuthungen aufkommen zu lassen. Sie mied die Menschen, besonders die Hausbewohner, die mit gutmüthiger . Sr e eee eee ee Aufdringlichkeit ihr gerne kleine Dienste leisten wollten und nicht selten verriethen, was sie von Julig's Verlassenheit dachten. Schmerzlich war es ihr, wenn Ellinor immer wieder auf Mandsselt zurückkam.„Mama, die Kinder wollen mir es nicht glauben, daß wir in einem schöͤnen großen Hause gewohnt haben,“ sagte sie eines Abends betrübt.„Sie haben mich gefragt, woher wir kämen, und als ich ihnen von Mandsfelt und von dem Papa und Adeline er— zahlte und auch sagte, meine Schwester würde einen Lord hesrathen, da haben sie mich ausgelacht. Es m ist doch wahr; die Marie hat es mir gesagt,“ schloß sie mit weinerlicher Stimme. „Du mußt Niemand mehr von Mandsfelt erzuͤhlen und auch nicht von Adeline sprechen. Die Marie hat nur einen Scherz machen wollen, und es ist nie ein Lord nach Mandsfelt gekommen,“ sagte Julia schmerzlich erregt. „Der Große, der auf dem grauen Pferde geritten kam, und deim Klas das Pferd gehalten hat, weil der Johann nicht da war,“ erwiderte Ellinor und sah mit weitgeöffneten Augen ihre Mama an, „Die Adeline hatte doch Morgens schon die schönen Bäume aus dem Treibhaus ins Speisezimmer tragen lassen und das prachtvolle rothe Sammtkleid angezogen, und ich durfte Abends nicht au den Tisch, weil der Lord da war,— bast Du denn Alles dies vergessen, Mama!“ Sie hatte ihn nicht vergessen, den verhängnißvollen Abend, als der Mond geisterhaft durch die dunkeln Fichten schien und sie bebend den Mann erwartete, von dessen unheilpoller Nähe sie den Gatten und die Stieftochter glaubte gerettet zu haben, dessen Erscheinen aber für immer ihr Lebensglück zerstörte. Sollte es immer so dauern, kam kein Wunder, das ihrem Manne den verlorenen Glauben au sie wiedergab? Ihre Tage waren mit Stundengeben ausgefüllt, was konnte sie weiter wünschen? Ihr Kind besaß die blühende dauerhafte Gesundheit seiner Mutter, es wuchs fröhlich heran, was konnte sie mehr vom Leben erwarten? In den Familien begegnete man der distinguirten jungen Frau mit Achtung, jedem intimern Verkehr ent— zog sie sich ängstlich. * Es war wieder ein Winter gekommen. Die junge Frau lenkte ihre Schritte, wie sie täglich that, dem Gasthof zu, in welchem die ihr von dem vergangenen Jahr her bekannte Familie wieder als Wintergäste erschienen war. An einem der Fenster des großen Höels stand ein alter Herr und sah ungeduldig nach der Straße, die auf den kleinen freien Platz mündete. „Sie läßt heute auf sich warten; war sie nur vorübergehend in Wien und ist sie wieder abgereist?“ Uugeduldig stieß er den Stock neben sich nieder und sah wieder scharf nach den wenigen Leuten, die die Straße entlang kamen.„Warum habe ich auch die vorhergehenden Tage nicht gethan, was ich heute thun werde;— sa, das werde ich ganz bestimmt thun, mich unten in die große Halle setzen, der Eingangsthüre gegenüber und ein Hollg rufen, sobald ich ihrer an— sichtig werde. Ist sie's nicht, nun, daun kann die angerufene Person zum Kukuk gehen; aber ich bin sicher, es ist Julig. Höre Barthel,“ sprach der Alte ins Zimmer hinein, ohne den Blick von der Straße abzuwenden,„gehe einstweilen hinunter in die Halle und gieb acht, das rathe ich Dir. Du kennst Julia; rede sie an, sobald sie eintritt und führe sie zu mir. Ich darf meinen Posten hier nicht verlassen; es schlägt gerade zehn Uhr und sie ist gestern und vorgestern um diese Zeit gekommen. Da ist sie, laufe, eile Dich,— es ist nicht möglich, daß Du sie noch erreichst; wir müssen die Thüren be— setzen, daß wir sie nicht mehr, verlieren.“ Barthel hatte schon das Zimmer verlassen; sein Herr folgte ihm auf dem Fuße. Er fand den alten Diener im Gespräche mit dem Portier, „Du hast sie nicht mehr gesehen, Barthel; sie muß demnach in den untern Räumen verschwunden sein,“ rief der alte Herr erregt. „Jetzt Posto gefaßt, wir verlassen den Platz nicht, bis die Thllre für die Nacht geschlossen wird,“ sagte der Baron und ließ sich schwer— fällig auf dem an den Wänden herlaufenden Divan nieder., „Der Portier meint, daß Aemand eingetreten sei als eine der Lehrerinnen aus der Stadt, die im Hotel Privatstunden geben; also muß der gnädige Herr sich geirrt haben, als Sie glaubten, die Baronesse Julia zu sehen,“ bemerkte Barthel. ü „Das müßte eine sonderbare Aehnlichkeit sein; halte die Augen auf, Barthel, ich muß klar darüber werden; wir reisen daun noch heute ab, wenn sie es nicht ist.“ W 155 N „ Er wartete eine Stunde, zwei Stunden; die weißen buschigen Augenbrauen zogen sich drohend empor, als er eifrig rechts und links schaute,— endlich wurde im Dämmerlichte eines langen schmalen Ganges ein dunkel gelleidetes weibliches Wesen sichtbar; der General erhob sich rasch von seinem Sitze und stellte sich in der Mitte der Halle breit und gebietend auf. Julia trat ins Licht des Tages und stand dem alten Manne gerade gegenüber. Einen Augenblick lang war sie wie erstarrt, dann nahm ihr freudig errothendes Gesicht den Ausdruck eines un— aussprechlichen Entzückens an und sie erhob die Hände wie in einem stillen Dankgebet. Der General betrachtete sie in stummer Rührung und streckte ihr die Arme entgegen. Was sie nie gewagt, das that sie jetzt, mit dem Ausruf:„Mein Onkel, mein geliebter Onkel!“ stürzte sie an seine Brust. Er drückte sie warm an sein Herz, und als er ihr prüfend ins Gesicht sah, schimmerte es feucht in den alten Augen. Er geleitete sie hinauf in sein immer, ergriff ihre Hände und betrachtete sie wieder lange.„Du bist verändert, Julia,“ sagte er endlich laugsam;„hat der Mann, dem ich Dich blühend übergab, Dich nicht glücklich gemacht!“ Es lag etwas Drohendes in seiner Stimme; Julia sand ihn so ganz anders, wie er ehedem gewesen war. „Du mußt mir heute schon erlauben, lieber Onkel, Dir zu sagen, wie glücklich es mich macht, Dich wieder zu sehen. Soll ich nachher wieder unter militärische Disziplin, so mag es sein; aber laß mich jetzt sagen, wie sicher und geborgen ich mich fühle, seit ich in Dein Gesicht sehe, in die guten Augen, die nie so wie heute mich angesehen haben.“ Und sie beugte sich nieder auf seine welken Hände und küßte sie leideuschaftlich und überströmte sie mit ihren Thränen. Um des Generals Mund zuckte es sonderbar, als sie kuieend vor ihm lag und ihr herrliches, lichtblondes Haar log gelöst, sie wie ein Strahlenmandel bedeckte. „So kommt's, wenn man Euch gehen läßt, Ihr Mädchen oder Frauen,“ rief der Baron in seinem alten polternden Tone,„Was haben wir hier mit der Magdalena zu schasfen, und wo ist mein Erztehungssystem geblieben! Silehst Du ses nun ein, wie gut es war, daß ich Dein Gefühl knapp gehalten? Stehe auf, Julia; lch weiß Alles, was das sagen will: Du siehst, daß ich hinfällig ge— worden bin, und das macht Dich überschwenglich. Begneife dag, beweist ein braves, gesundes Gefühl, das ich nicht ungern sehe— Lache mich nur aus, Mädchen, der alte Meusch kommt aus dem Geleise... Gerade wenn er anfängt, recht elend, recht widerwärtig zu werden, dann wird der alte Einfaltspkusel lebebedsrftig., Es ist zum Todtschämen, zum Todtärgern, aber wahr; ich habe geheult in den langen Leldensnächten, und nach einem sauften, milden Augesicht geschrieen, das sich tröstend über mich beuge und mir liebe Worte zuflüstere. Nach Deinen kleinen Händen hahe ich verlangt, Julia, die ich in guten Lagen bei Seite geschoben, wenn sie meine harte Rechte sassen wollten.“ „O, Onkel, wie glücklich machst Du mich!“ rief Julia und sah mit leuchtenden Augen zu ihm auf.„Aber warum hast Du mich nicht gerufen?“ fügte sie vorwurfsvoll hinzu. „Barthel hat Dir geschrieben,“ sagte er, ruhiger geworden, in einem Tone der Hilflosigkeit.„Ich dachte nur, es widerführe mir, was ich verdient; Du gabst keine Antwork.“ „Wann war dies, lieber Onkel!“ fragte sie hastig— „Ein Jahr ist's her oder ekwas drüber,“ antwortete er.„Laß das nur, Kind; es ist eine verrückte Welt und dennoch ist Alles von oben herab mit einer Klugheft eingefädelt, daß unser dummer Verstand ganz verblüfft davor steht. Möchten wir alten grses— grämigen Menschen denn das Leben verlassen, wenn uns ein sunges Menschenkind so recht kunig lieben und uns seine Sorgfalt allein zuwenden wollte? Die Natur will, daß die Jugend sich wieder der Jugend zuneigt, während der alte welke Stamm elnsam und verlassen vergeht. Gott sei Dank, daß es so ist, das Scheiden wird den Alten leicht gemacht!“ Der alte Mann war athemlos und sank erschöpft in die Kissen des Sopha'g. So hatte er sich in seinem ganzen Leben noch uicht ausgesprochen und es griff ihn furchtbar an, es zu gestehen. „Alles, was Du sagst, trifft mich bitter,“ sagte Julia, schmerzlich. Ich hätte bei Dir bleiben sollen; Du hattest es verdient, daß die 8 Hand einer nahen Verwandten Dein Alter pflegte; Du hattest mich und meine sterbende Mutter aufgenommen, als wir, in Schande und Schmach gestürzt, uns nicht mehr vor den Menschen sehen lassen s 156. konnten. Das hätte ich bedenken und hinter der militärischen Zucht das treueste beste Herz erkennen müssen.“ Er wehrte mit der Hand und schüttelte energisch den Kopf. „Aber der Vorwurf des Undankes trifft mich nicht ganz,“ fuhr sie fort.„Barthel's Brief habe ich nicht erhalten; ich hatte damals schon Mandsfelt verlassen.“ Der General fuhr auf und starrte sie sprachlos an. „Ja, Dir darf ich Alles sagen; mit Dir hat meine arme Mutter darüber gesprochen, Du bist ihr Rathgeber gewesen und hast sie vor der Schmach gerettet. Wie lebendig grauenhaft steht die Nacht vor mir, als meine Mutter todtenbleich mich aus dem Schlafe weckte und mir mit tonloser Stimme sagte, ich solle mich schnell ankleiden. Der Mann, den sie in unseliger Leidenschaft zu ihrem zweiten Gatten gemacht, stand unter der schweren Anklage der Fälschung und unsere Wohnung wurde seit dem Abend polizeilich bewacht, weil man hoffte, der gewissenlose Spieler würde in der Nacht seine Wohnung aufsuchen. Athemlos lauschte meine Mutter auf jeden Laut in der stillen Straße, schrill tönte der Schrei, den sie ausstieß, als er plötzlich entstellt, fast unkenntlich vor ihr er— schien.„Elender!“ rief sie und streckte die Hände abwehrend gegen ihn,„rette Dich wenigstens vor den Häschern; hier, greife zu dem einzigen Ausweg, der Dir bleibt,“ und sie reichte ihm mit den fieber— haft bewegten Händen einen Revolver. Er eilte hastig an ihr vorbei, sprang aus dem Fenster und unten hörten wir das Kreischen der Volksmenge. Meine Mutter stürzte ohnmächtig zur Erde, ich kniete zitternd neben der leblosen Frau und hörte unten rufen:„Zu Pferde, ihm nach, verfolgt ihn!“ Eine Frau, die im Hause wohnte, kam mitleidig zu uns; sie half meine Mutter zu Bett bringen und be— sorgte auch einige Stunden später einen Wagen, der Tag und Nacht fuhr und uns endlich zu Dir in Sicherheit brachte.“ „Ich habe Dich aussprechen lassen, Julia, obgleich ich denke, daß der elende Patron keines Gedankens werth ist. Habe ich Dich recht verstanden, Du hast Mandsfelt vor längerer Zeit verlassen?“ „Ja, lieber Onkel, ich habe Mandsfelt und meinen Gatten ver— lassen,“ sagte sie mit bebender Stimme,„höre mich nur weiter an; der Graf Hermani gehört zu dem Verhängniß, das über mich ge— kommen. Du weißt, in einer Winternacht wurdest Du zu meiner Mutter gerufen; sie lag im Sterben. Du weißt, wie sie Dich an— flehte, mich vor dem Stiefvater zu schützen; und als Du gegangen warest, da ließ sie mich niederknieen und bei ihrem Andenken schwören, nie und nimmer bei einem Menschen, außer bei Dir, des Grafen Namen zu nennen, nie von seiner unseligen Verbindung mit unsrer Familie zu sprechen, und nur, wenn es die äußerste Nothwendigkeit erheische und ich sichere Nachricht von seinem Tode hätte, mich über ihn zu äußern. Das Ungeahnte ist geschehen; der Graf ist auf dem kleinen Fleckchen Erde erschienen, das ich mein Heim nannte.“ Sie athmete tief auf und sah den alten Mann traurig an. „Ich verstehe, sie haben ihn gepackt und Deiner Mutter Name ist entehrt, Du hast die Flucht ergriffen,“ rief der Baron außer sich und stieß heftig den Stock zur Erde. Sie bewegte verneinend den Kopf.„Ich hoffe, er ist längst jenseits des Ozeans,“ sagte sie seufzend und faßte dann neuen Muth, um dem General die volle Wahrheit zu erzählen. Darauf weinte sie einige Minuten still vor sich hin und der General war so ver— blüfft, daß er ebenfalls schwieg und man nur an seinem lauten heftigen Athmen bemerkte, wie sehr ihn die Mittheilungen bewegt hatten. „Da sollen denn doch alle Wetter dreinschlagen!“ rief er endlich mit lauter Stimme.„Warum hast Du ihn nicht greifen lassen, Mädchen; er war es nicht werth, daß Du ihm Deinen Ruf und Dein Glück opfertest.“— „Er war es nicht werth, aber der Name und das Andenken meiner Mutter,“ erwiderte Julia fest. „Ja, Du hast die Ehre der von Manners gerettet, das ist schön, das ist brav von Dir,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Es war mir besonders um den bedauernswerthen Mann zu thun, den ich vor dem Unglück bewahren wollte, der Schwiegervater eines gewissenlosen Spielers und Fälschers zu werden,“ antwortete sie einfach. „Auch gut, auch gut; gedankt hat er es Dir aber schlecht; Dich im Verdachte zu haben—“ „Er mußte mich im Verdacht haben!“ rief sie bleich und athemlos;„aber ich mußte ihn und mich davor behüten, daß er mich beschuldigte.“ Der General versank eine Minute lang in Schweigen.„Die Karten liegen allerdings so, daß einstweilen an kein Gewinnen zu denken ist. Machst Du Herrn Lindner Mittheilung von dem Zu— sammenhang, so wird unser Familienname besudelt und dazu kann er noch glauben, was er will. Ich bin hierher gereist, einen be⸗ rühmten Arzt zu konsultiren; er hat mir gerathen, ruhig in Armünde zu bleiben, keinen Aufenthalt im Süden zu nehmen, sondern mich auf meinem Besitzthum gut pflegen zu lassen. Willst Du das übernehmen, Mädchen, so ist uns Beiden geholfen. Nun gehe und hole Deine Kleine; ich will versuchen, ihr Disziplin bei— zubringen, obschon ich nicht mehr so recht an das Durchgreifen meines Systems glaube, besonders seit der alte Mann liebe bedürftig geworden ist. trauriger Beweis für die Unzulänglichkeit menschlicher Ueberzeugungen.“ „Das Band herzlicher Liebe, das uns vereinigt, ist die beste Errungenschaft, mein theurer Onkel. Du hast Dich nach mir ge— sehnt— o wie glücklich macht mich das! Ja, wir gehen mit Dir in die alte Heimath!“ 5 f Der General reiste schon am folgenden Tage mit seinen Schütz— lingen nach Armünde ab. b Julia zog stille und resignirt ein in das alte friedliche Heim, gegen das sie einst undankbar gewesen war. Nichts war in Armünde verändert, die patriarchalische Herrschaft, in die nie ein Mißton drang, hatte sich einfach und stramm erhalten, mochte auch der Besitzer sich vorwerfen, daß das Alter ihn liebebedürftig gemacht, — seine braven, einfachen Dienstleute glaubten von jeher, daß sie den besten Herrn hätten. Der alte Onkel ließ sich von Julia ver⸗ wöhnen und zeigte ihr, wie wohl ihm ihre sorzliche Pflege that; und die Kleine war seine Freude; sie wuchs heran und entfaltete sich in voller Freiheit wie eine gesunde, herrliche Blüthe, die im Sonnenschein groß gezogen.(Fortsetzung folgt.) Auf den Wassern. Novelle von Konrad Telmann. (Schluß.) Ruhig und gefaßt trat Alba in das Gemach. Giacomo saß am Fenster, beschäftigt, beim letzten Sonnenlicht sein Netz auszubessern, er starrte ihr wie einer Erscheinung entgegen. „Giacomo,“ sagte sie mit klangloser Stimme,“ im komme, Dich um einen geringen Dienst zu bitten. Frage mich um nichts, sondern denke daran, daß Du mir versprochen, mir zu Willen zu sein, wenn es Zeit wäre zur Vergeltung.“ „Ich glaube wirklich, es ist Zeit, daß wir aufbrechen,“ sagte Joseph, der mit immer wachsender Unruhe seine Umgebung musterte, „es wird kühl und dämmerig, die Sonne ist lange hinunter. Um diese Zeit wird der See oft sehr unruhig und die Fahrt ist dann gefährlich—“ Erna lachte.„Ich begreife Dich heute nicht, Joseph,“ ent— gegnete sie scherzend,„erst sträubst Du Dich mit tausend Gründen dagegen, diese Fahrt zu machen, obgleich sie als die reizvollste am ganzen See gilt, und ich sie wirklich bezaubernd finde, und nun kannst Du nicht früh genug von hier fort. Ich meine, es ist noch so schön hier, wie man es sich nur wünschen kann, und gerade, wenn die Dunkelheit uns überrascht, muß die Rückfahrt herrlich sein. Wir haben ja Mondschein—“ „Aber trotzdem,“ wandte Joseph unmuthig ein,„ich möchte, wirklich, wir brächen jetzt auf, Erna— der Aufenthalt ist hier absolut ungeeignet für Dich— diese Unsauberkeit—“ „Aber Liebster, sonst fandest Du das Alles nur komisch und meintest, man müsse sich darein finden—“ „Liebe Erna, Du hast es darauf abgesehen, mich heute durch Deine Widersprüche zu reizen. Ich bitte Dich dringend, daß wir jetzt aufbrechen—“ Sie sah ihn verwundert an.„Wenn Du ernsthaft sprichst, Joseph, so versteht es sich ja von selbst, daß wir jetzt fahren—“ Er drückte ihr die Hand. besser so—“ i Er stand hastig auf und rief in den Hausflur nach dem Da stehen wir nun, Mädchen, und sind beide ein 1 „Ich danke Dir— es ist wirklich eas q „(TTT 8 ——— FFFFFFCCCCCCCCCbCC(CbTTbTTTTTTTTTTTWCGT(TGPTVTsT—VTsT—T7WW—W—W—W—1—W—WVWVVVVVT 158 Gondolier, er möge sich bereit halten. Der Schiffer leerte drinnen sein Glas und trat dann vor die Thür hinaus. An der Stelle, wo der Kahn am Lande angepflockt lag, stand ein junger Mann in der Fischertracht des Dorfes und kam auf ihn zu.„Ich hab' eine Bitte, Kamerad,“ sagte er. „Und die wäre?“ fragte der Kahnführer. „Ich hab' ein wichtiges Geschäft noch für heut Abend in Lugano und weiß nicht, wie ich herüberkomme. Laß mich an Deiner Stelle die Herrschaften zurückrudern. In anderthalb Stunden— lange hab' ich nicht drüben zu thun— bin ich mit dem Kahn wieder da, und Du hast noch Zeit genug, dann allein nach Hause zu fahren. Sicher bin ich Dir, dafür wird Dir Giacomo bürgen, der da in der Thür der Trattoria steht, und das Fahrgeld bring ich Dir auch. Während ich fort bin, trinkst Du auf meine Kosten mit ihm, das ist nicht mehr als billig, denn ich halt' Dich hier auf—“ Der Schiffer lachte.„Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt, Kamerad. Fahrgeld— kostenfreies Trinken und nachher allein nach Hause rudern— Diaqvolo, darauf geh' ich ein. Aber bist Du mit dem Rudern auch gut zu Wege?“ „Verlaß Dich drauf, die Herrschaften sollen über nichts zu klagen haben.“. „Dann meinetwegen— kenn' ich Dich eigentlich nicht, Kamerad? Mich dünkt, die Stimme hab' ich schon einmal gehört—“ 8 „Glaub's nicht, bin noch nicht lange im Ort. Also es bleibt dabei?“ „Handschlag darauf. Da kommen die Herrschaften schon, mach' den Kahn los. Am besten ist's, wir sagen ihnen von dem Tausch⸗ handel garnichts. Ich verlaß mich auf Dich— eil' Dich nicht, ich kann hier warten— Diavolo, was für eine feine Hand hast Du, die hat das Ruder wohl noch nicht oft geführt—“ „Oft genug, sei unbesorgt.“ „Auf Wiedersehen also.“— Er verschwand, leise vor sich hin⸗ pfeifend, in der Richtung der Trattoria, während Joseph und Erna herankamen. Der neue Schiffer zog seinen Hut und ließ sie an sich vorüber in die Barke steigen. Eine Minute darauf hatte er die Ruder⸗ stangen eingelegt und trieb das kleine Fahrzeug mit kraftvollen Schlägen in den See hinaus, der sich unruhig zu kräuseln begann. „Siehst Du, daß wir eine stürmische Ueberfahrt haben?“ sagte Joseph mit leichtem Lachen. „Aber wie es doch schön ist,“ entgegnete Erna, sich an ihn schmiegend,„nur die Dunkelheit ist schneller gekommen, als ich dachte— aber Ihr fahrt uns sicher, Gondolier, nicht wahr?“ fügte sie in italienischer Sprache bei. „Ganz sicher, Signorina—“ „Ist das nicht ein anderer Barkenführer?“ fragte Erna erstaunt. „Mag er,“ erwiderte Joseph, der seinen Gleichmuth wieder— gewonnen hatte,„ich bin froh, daß wir wieder mitten auf dem See sind und daß Du bei mir bist, kleiner Schatz.“— Er legte ihr den Arm um den Nacken und küßte sie. Der Gondolier hatte unwillkürlich sekundenlang die Ruder ein— gezogen. Die Beiden bemerkten es nicht, sie hielten sich umschlungen und begannen mit einander zu plaudern, sich hin und wieder mit ihren Lippen begegnend. Der Wind kam indeß heftiger aus Südost, und schaukelte die Barke auf den Fluthen.„Jetzt ist es Zeit,“ murmelten die Lippen des Gondoliers„jetzt oder nie!“— Aber, ehe sich die Hände zu dem verderbenbringenden Werk rüsteten, drangen die Blicke aus Albas dunklen Augen unter dem breitkrämpigen, tief in die Stirn gezogenen Schlapphut flammend zu den Beiden hinüber, und un⸗ willkürlich lauschte sie auf das Geflüster, das sie, die des Deutschen mächtig war, wohl verstand:„Du warst immer so wunderlich scheu gegen mich,“ sagte Joseph lächelnd,„war das, weil Du fürchtetest, ich würbe nur um Deine vermeintlichen Reichthümer und nicht um Dein Herz?“ Erna legte ihren Kopf an seine Schulter.„Es ist gut, daß Du daran mahnst,“ erwiderte sie,„denn es gab noch außerdem einen Grund, von dem ich gern mit Dir einmal gesprochen hätte, aber ich wagte es nie. Pfuhlstein hatte mir erzählt—. freilich, er lügt so oft, aber ich glaubte ihm!— Du hättest ein zartes Verhältniß mit einem Mädchen hier in der Gegend angeknüft und ließest Dich täglich hinüberrudern;— weißt Du, Joseph, als Du heute so wunderliche Gründe anführtest, um nicht diese Fahrt machen zu müssen, meinte ich schon, es geschähe nur, weil Du um keinen Preis mit dem Mädchen zusammentreffen wolltest, das— nun, Du verstehst: mit meiner Nebenbuhlerin.“ Es klang halb wie ein schalkhaftes Auflachen, halb wie ein schmollender Vorwurf von ihren Lippen hinterdrein. Das Mädchen in der Fischertracht horchte mit angehaltenem Athem hinüber, ihre Hände bewegten die schweren Ruderstangen nur leise, und ihr Herz klopfte wahnsinnig, bis zum Zerspringen, in ihrer Brust. Jetzt galt es. Ein Wort des Hohns, eine Lüge, ein ehrloser Ausruf, ja, eine verächtliche Handbewegung nur, und ein Ruderstoß brachte den Kahn zum Sinken, endete für sie selber die Qual, noch mehr hören zu müssen, und machte den Mund des frechen Verräthers für immer stumm, für immer stumm den des Weibes, das ihn liebte und das er betrügen würde, wie einst sie selber—.. Joseph hatte den Arm um Erna's Nacken gelegt und sie enger an sich gepreßt. halb traurig an und fragte:„Und wenn das nun wirklich so— wenn es wirklich wahr wäre, Erna?“ „Joseph!“ rief sie entsetzt und streckte ihre beiden Hände nach ihm aus,„treibe keinen grausamen Scherz mit mir,— ich ertrüg' es nicht. Wenn Du eine Andre— nein, nein— sag', daß Du mich nur auf die Probe stellen wolltest, Joseph—“ Er aber ergriff ihre Hände nicht und regte sich nicht. Nur langsam schüttelte er die Stirn und sagte:„Es ist kein Scherz, Erna. Pfuhlstein hat Dir die Wahrheit gesagt,— weniger noch als die Wahrheit—“ 5 Ein halbunterdrückter Aufschrei kam von ihren Lippen, und fast gleichzeitig pfiff ein schneidender Windstoß über den See her, dessen Wellen sich höher und höher darunter aufbäumten, während dunkle Wolken über den Himmel hinjagten. Das aber beachteten die Beiden nicht.„Erna,“ flüsterte Joseph,„Erna, höre mich doch an, ehe Du Schlimmes denkst oder mich verurtheilst! Ja, ich habe eine Andre geliebt,— aber ehe ich Dich kannte, ehe ich Dich sah. Seit jener Stunde war Alles, Alles in mir ausgelöscht und ich Dein mit Leib und Seele. Und geliebt,—M eigentlich geliebt hab' ich sie ja auch nicht, jene Andre. Nur ein jäher Rausch der Leidenschaft war's, und sie— sie liebte mich, und mein Herz täuschte sich über das, was es empfand. So kam es— Dir, Dir war ich nie auch nur mit einem Herzschlag, einem Gedanken un— treu. Sieh', ich brauchte es Dir ja nicht zu gestehen, Erna, und Du würdest es nie erfahren,— denn jenes Mädchen, das allein gegen mich zeugen könnte, ist viel zu edel, um kleinliche Rache an mir zu nehmen, und liebt mich viel zu ehrlich dazu,— aber ich kann und will mit keiner Lüge, keinem Geheimniß unseren schönen, heiligen Bund schließen, Erna. Du sollst Alles wissen— die volle Wahrheit. Als ich Dich sah, wußt ich erst, was Liebe sei, und daß ich jener Anderen nie gehören könne, daß wir Beide unsäglich elend für unser ganzes Leben werden müßten, wenn ich mich be— stimmen ließe, sie trotzdem zu meinem Weibe zu machen— aus Mitleid, aus Pflichtgefühl. Ich hab' es nicht gethan, konnt' es nicht thun und jeder Herzschlag in mir, jeder Gedanke meines Kopfes ward Dein, Erna—“ Er hatte mit demüthig gesenktem Haupte ihr die Hand entgegengestreckt, die sie erfaßte. Dann führte er die ihre an die Lippen, während sie mit heiß überflammtem Antlitz flüsterte:„Das arme, arme Mädchen!“ Wieder hatte der Gondolier die eine Ruderstange, wie zum Hieb oder Stoß erhoben, der Nachen schaukelte heftiger als zuvor, und wieder wurde das Ruder eingelegt und der Bug des kleinen Fahrzeugs schnitt glatt durch die Wellen. In Alba's Seele kämpften Rachsucht und Liebe, Groll und Versöhnung einen wilden Kampf. Aber alle andren Stimmen überhallte der eine, mitleidsvolle Klang, der aus Erna's Herzen herausgequollen war, wie ein Born der Milde und des Erbarmens:„Armes, armes Mädchen!“ Nein, Dann ließ er sie langsam los, sah sie halb angstvoll, 1 nein,— sie wenigstens, die Unschuldige, die Barmherzige sollte nicht untergehn. Und er? Ihm hatte sie es freilich geschworen— Der Wind blies scharf, es war ganz dunkel geworden, die Berge ragten nur noch wie düstre, drohende Kolosse herüber aus dem finstren Gewölk, das sie überlagerte. Auf den Wassern war es ganz einsam. Und Alba versank wieder in ihre brütenden, unheil⸗ vollen Gedanken. Die beiden Liebenden aber, die sich jetzt eng aneinander ge —— n ————ͤͤͤ— ¹uw-—— ̃! — —— — 8 wir sind gewiß in Gefahr. versprochen, daß wir bald drüben sind, Joseph. schmiegt hatten und Hand in Hand dasaßen, flüsterten ahnungslos weiter und tauschten ihre Gedanken aus, und hin und wieder flog ein Wort oder ein Satz zu der Lauschenden hinüber und schlug an ihre Seele und begehrte Einlaß. Und dann ruderte sie weiter. „Ich will zu ihr und will ihr sagen, daß sie Dich mir lassen soll,“ sagte Erna,„und will sie bitten, daß sie Dir verzeiht und mir nicht grollt. Ob sie das kann, Joseph? Ich, glaub' ich, ich könnte es,— aber freilich: ich weiß auch nicht, ob ich dann noch würde leben wollen.“ Und dann wieder:„Wenn sie nun Rache an Dir üben wollte, Joseph? Laß uns schon morgen abreisen, ja? Ich fürchte mich plötzlich so. Mir ist, als sollten wir nicht glücklich werden—“ Sie sah schreckhaft auffahrend über die Wasser hinaus.„Wie dunkel es ist! Und der See schlägt so hohe Wellen, wie nie. Von der Stadt ist noch immer nichts zu sehn— Ach, Joseph, Frag' doch den Gondolier einmal, oder hilf ihm rudern— Ich fürchte mich, Joseph!“ „Liebste,“ sagte er und preßte sie innig an sich,„wenn wir untergehen, gehen wir gemeinsam unter. Wäre das so schrecklich? Sieh', in wie eherner Ruhe der junge Bursch da am andern Ende sitzt! Und er kann sicherlich nicht schwimmen und hat vielleicht noch gar ein Mädchen zu Hause, das er lieb hat und das auf ihn wartet, während wir—“ Der Kahn schwankte jetzt so heftig und die Wellen klatschten so laut gegen die Planken, daß nun auch Joseph, sich unterbrechend, hinüberfragte:„Ist es gefährlich? Soll ich Euch helfen?“ Aber es kam ganz ruhig zurück:„In einer Viertelstunde sind wir drüben. Ihr könnt Euch darauf verlassen.“ Es war etwas in dieser Stimme, das Joseph eine Weile mit stockendem Herzschlag zu dem Barkenführer hinüberblicken ließ, aber es war zu dunkel, um dessen Züge unter dem großen Hut zu er⸗ kennen, und eine wunderliche Aehnlichkeit mußte ihn genarrt haben. Man sah jetzt nichts mehr, als ringsum ein weiß quirlendes brausendes Gewoge, hörte nichts mehr, als den glucksenden Ton, mit dem die Wasser gegen die Kahnwandung anschlugen und das Zischen des Kiels, der sie durchschnitt. Der Nachen ward bald hoch emporgehoben, bald wieder hinabgeschleudert und tanzte minutenlang steuerlos auf der erregten Fluth. Eine einzige, ungeschickte Ruder— führung, ein falsches Drehen des Steuerruders, ja, nur eine jähe, heftige Bewegung, ein Emporfahren, das den Kahn seines Gleich— gewichts beraubte, und er mußte sich auf die Seite legen. Alba dachte daran, und das Herz stand ihr sekundenlang still in wilder Aufregung. Dann aber umklammerten ihre Hände fest die schweren Ruderstangen, ihr Auge richtete sich scharf auf die heranbrausenden Wasser hinaus und sie arbeitete mit keuchender Brust, mit der höchsten Anspannung aller ihrer Muskeln, als gälte es, um jeden Preis aus dem unheildrohenden Aufruhr der Fluth zu entkommen. Und ihr Mund stieß irr heraus, als wolle sie sich selber zur Ruhe sprechen und zur Arbeit spornen:„Nein! Nein! Nein! Ich will nicht! Er soll leben— leben— leben—“ Und bei jedem Worte ein neuer Ruderschlag, der den Kahn vorwärts schnellt und durch Wind und Wellen dem Hafendamm entgegenführt, dessen Laternen jetzt endlich mit windzerflackertem Licht durch die Nacht herüber— schimmern. Auch Joseph von Meersberg sieht die Gefahr, in der sie schweben, und er denkt an Alba, an die ihm durch die Stimme des jungen Gondoliers, in dessen Händen jetzt sein und Erna's Leben ruht, die Erinnerung geweckt worden ist. Wenn Alba den Burschen ge— dungen hätte, um den Kahn zum Kentern zu bringen, um Erna und ihn zu verderben! Aber was das für wahnsinnstolle Gedanken sind! Alba hat ihn ja geliebt,— sie wird seinen Tod nicht wollen, sie wird dies unschuldige Mädchen nicht mit vernichten wollen, das ihrer in Mitleid gedacht hat!„Erna,“ ruft er, in jäh ausbrechender, ungewisser Angst, und reißt sie wild an sich,„Erna,— mein letzter Athemzug wäre doch nur ein Wort der Liebe für Dich—“ Da sieht sie ihn an und lächelt.„Der Bursch da hat uns ja Und ich habe Vertrauen zu ihm. Sieh', wie er sich müht, wie schwer er arbeitet;— das ist ein wahrer Kampf gegen die Wasser, Joseph!“— Sie ahnt nichts davon, wie viel schwerer der Kampf in des Ruderers Seele ist, als der Kampf seiner Arme gegen die empörten Elemente. Der Nachen nähert sich dem Lande, Lichter blitzen auf, Stimmengewirr wird hörbar.„Das war eine Fahrt, an die ich zeitlebens denken werde!“ sagte Joseph, tief aufathmend. Und dann hilft er Erna auf und hinaus. Am Uferquai hatten sich allerlei Leute angesammelt, die durch— einander redeten und fragten.„Bursch,“ rief der Eine Alba zu, „Du siehst aus, als hättest Du dem Tode in's Gesicht gesehn. Dich hat's hart mitgenommen. Willst Du wieder zurück? Bleib' lieber hier über Nacht; es wird noch toller werden draußen, und Du bist matt und könntest erlahmen.“ Nur ein kurzes, verächtliches Auflachen unter dem breiten Schifferhut gab ihm Antwort. Im Schein einer Laterne stand der Gondolier vor Joseph, der seine Börse gezogen hatte und nach dem Fuhrlohn suchte, den er verdoppeln wollte, weil der Schiffer sich so wacker gehalten. Aber als er ihn ihm in die Hand zählen wollte, nahm ihn der Gondolier nicht und Joseph gewahrte zu seinem höchsten Befremden, daß derselbe die beiden Hände in seine Taschen gestemmt hatte und ihn starr unter dem Hutrande hervor anblickte. Und wie nun der Schimmer der Laternen auf das leicht emporgerichtete Gesicht fiel, fuhr Joseph plötzlich, als sei er auf eine Natter getreten, jäh erbleichend zurück.„Alba—“ schrie er stöhnend auf. „Ja, Alba,“ klang es mit heiserer Stimme zurück,„ich bin's und ich wollte Dich verderben, wie ich Dir's geschworen. Daß ich's vermocht hätte, bezweifelst Du wohl kaum. Daß ich's trotz alledem nicht gethan,— dank es der da,— nicht Dir selber! Mache sie glücklich! Leb' wohl!“ Und ehe Joseph noch ein Wort erwidern konnte in der schreck— haften Erstarrung, die sich seiner bemächtigt hatte, war das Mädchen schon wieder in's Boot zurückgesprungen und trieb den Kahn mit machtvollen Ruderschlägen in das quirlende Gewoge der wilden Wasser des Sees hinaus. Joseph sah's und ein Schrei wollte sich von seinen Lippen lösen, er winkte hinaus, er wollte den Kahn zurückhalten,— dann besann er sich, warf das Geld ein paar Bettlern zu, stützte sich auf Erna's Arm und wankte, wie gebrochen, dem Hotel zu.„Erna,“ sagte er und seine Stimme hatte einen fast feierlichen Klang angenommen,„wir sind eben einer ungeheuren Gefahr entronnen; wenn Du je im Leben Ursache haben solltest, über mich zu klagen, mahne mich an diese Nacht, in der ich Dir mein Leben verdankte, und Du wirst erreichen, daß ich mich zu mir selber zurückfinde. komm' und laß uns unsere Rettung dankbar feiern.“ Sie traten in's Haus. Der Nachen aber tanzte inzwischen schon längst wieder draußen auf den wüthend erregten Wassern des tobenden Sees, der sein Opfer haben wollte. Eine Weile gewahrten ihn die Schiffer am Hafendamm von Lugano noch, dann war er verschwunden, und drüben an seinem Bestimmungsort langte er in dieser Nacht nicht mehr an. Am folgenden Morgen trieb er kiel— oben in der Nähe des Dorfes an's Land. Alba's Leichnam ist nie gefunden worden, und so ward allmälich ihr Name vergessen, wie sie selber verschollen blieb. Lose Blätter. Schmarotzer.(Siehe Illustration.) Zu den interessantesten und dankens⸗ werthesten Schöpfungen unseres Jahrhunderts gehören die zoologischen Gärten.“ Diese vermitteln uns die Bekanntschaft von Thieren, welche uns vor wenigen Jahrzehnten noch so fern und fremd waren, wie der Nordpol. Den Be⸗ wohnern großer Städte sind heute die Gefangenen der Thierzwinger, wie Löwe, Bär und Tiger ganz vertraute Erscheinungen, aber dem Landbewohner eröffnet ein Besuch des zoologischen Gartens eine ganz neue Welt. Wie wird von naiven Naturmenschen die hochragende Giraffe angestaunt oder das gewaltige Nashorn, mit welcher Ehrfurcht blicken Dorfkinder zum brüllenden Löwen auf oder zum buntfarbigen Königstiger, wie müssen sie von der Klugheit des Elephanten überrascht und von der Possierlichkeit des Affen belustigt werden! Ganz besonders aufregend und verblüffend aber muß es auf ländliche Besucher des zoologischen Gartens wirken, wenn fremde Thiergestalten ganz dicht in ihre Nähe kommen und eine größere Zutraulich⸗ keit an den Tag legen als manche unserer Hausthiere. Der Genre- und Thiermaler Heinrich Schaumann führt uns durch sein heiteres Bild Schmarotzer des zoologischen Gartens dar. Eine schwäbische Bauernfamilie hat sich im Freien an Speis und Trank erquickt, da bettelt im nahegelegenen Bärenzwinger Meister Petz um ein Stück Brot, eine Meerkatze nascht Speise⸗ reste vom Teller, Pelikane watscheln vom Teich herauf und suchen die Bro— samen, welche vom Tische fielen, und der Kakadu auf der Stange kreischt und will ein Stück Zucker haben. Die Dreistigkeit erotischer Thiere muß ländliche Gartenbesucher überraschen und belustigen. Die kleine Idylle ist jedenfalls recht heiter dargestellt. 5 R. E. Alles Andre sag' ich Dir ein andermal. Jetzt N 160 de. ich 1 die de 0 könnt' grun⸗ 0 stel⸗ in im ken i 9 mein herz es dein bade schrek⸗ nicht ent⸗ blie⸗ be FT 7 fragen tief be⸗ te senst er für Tver⸗ decken beim wie nicht seine hal- ich soll gott stört to- die —— 3 4— Aue e— 122 de kun⸗ will und dir dein dei⸗ de ge⸗ un 3 nicht ich sa ner sehr es lie gen wie be weiß ich Silben-Räthsel. Aus folgenden Silben: a al b bar beck bei bel bi bin dan dou e eee erl gen gen i i in kel kö krit lan land land le le le mai me mei mi mis ne ne ne nic nig nim o pheu rac re ri ri ri rich ro ru sa sar säu se sel sis stuhl su su te te the theiss tisch us us we werm wir sind 27 Worte zu bilden, deren Anfangs- und Endbuchstaben, von oben nach unten gelesen, ein Citat aus Chamisso's„Frauenliebe und Leben“ er— geben. Die 27 Wörter bezeichnen: 1. Ein Metall. 2. Den Namen eines schweizer. Dichters. 3. Eine Blume. 4. Zwei Buchstaben. 5. Einen weiblichen Vornamen. 6. Eine befestigte Stadt in Holland. 7. Einen männlichen Vornamen. 8. Ein Längen⸗ und Wegemaß. 9. Den Grenzfluß zwischen China und Rußland 10. Eigen Nebenfluß der Donau. 11. Den Namen eines griechischen Dich— ters. 12. Ein Rankengewächs. 13. Einen Edelstein. 14. Eine Landschaft im mittleren Schweden. 15. Ein Goethe'sches Gedicht. 16. Einen be— kannten Berg in Tirol. 17. Den Namen eines französischen Bühnendichters. 18. Einen Fluß in Nordamerika. 19. Ein Dorf in Frankreich bei Pam⸗ pelonne. 20. Den Namen eines verstorbenen berühmten Arztes. 21. Eine Stadt in Rheinbayern. 22, Ein Harz. 23. Ein Fremdwort für„vorläufig.“ 24. Eine griechische Göttin. 25. Einen Theil des menschlichen Körpers. 26. Eine persische Münze. 27. Ein großes Gebiet im Innern Afrika's. Räthsel. Drei Zeichen bilden ein geistiges Wesen, Von dem wir gar oft in Büchern gelesen, Verändre das Erste, dann braust es und zischt, 8 Als ob sich ihr Wesen mit Feuer vermischt. er peil des Logogriph in voriger Nummer: Arm— Arme Armee; i — der dreisilbigen Charade: Maiglöckchen;— des Buchstaben- Rüthi EEE 8 e 5 1 eee * AE 8 p a n ie n Uri 2 ie Een ke E Tann e Tra ve . Aar eu Ie 2 pp ot Problem Nr. 387 von W. E. Perry in Narmouth. Schwarz. 1 2 „ * 2 151 2 1 a 27770 W Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Problem Nr. 388 von S. Loyd in New⸗ Vork. Schwarz K . . * 1 W A. 2 . 1 1 25 Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Problem Nr. 389 von A. H. Robbins in St. Louis. ee , . 2 2 5 2 l 17 8 17 e Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Problem Nr. 390 J. Berger in Graz. Schwarz. von 1 1 * * A e . 225 ee Weiß. Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. Der folgende Beitrag zur Preklem⸗ kritik aus der Feder des in Theorie und Praxis gleich bewanderten Grazer Mei⸗ sters verdient die weiteste Beachtung von Seiten aller, die sich mit der Komposition oder Beurtheilung von Problemen be⸗ fassen.„Die nebenstehenden vier Pro- bleme stammen aus dem Problem- und e e des Mirror of American Sports. Die in denselben dargestellte Schlußwendung kommt schon in Nr. 67 der Kohtz und Kockelkorn'schen Sammlung vor; dagegen ist der ein⸗ drucksvolle Einleitungszug in dieser Kon⸗ ception 1 Eigenthum des Herrn Perry. Es dürfte sich nicht oft eine so günst'ge Gelegenheit bieten, den Ein⸗ fluß der Konstrukt onsmethode Jedermann nahe legen zu können, und daher em⸗ pfeble ich diese enen ie e der Beachtung aller Problemfreunde. Nachdem ich die Idee nur aus theoretischem Interesse be⸗ arbeitete und mit der Position Nr. 390 nur meinen Beifall zum Perr y' schen Einleitungszuge ausdrücken, leineswegs aber die Idee als mein Eigenthum aus⸗ geben wollte, so werden mir auch folgende ace gestattet sein. Geht ein Componist nach den Regeln der deutschen Schule vor, so schwebt ihm beim Formen ein bestimmtes, klares Ziel vor Augen, dessen(oft schwierige, aber um so er⸗ sreulichere) Erreichung aus der Position erkennbar ist. Der Autor von Nr. 387 war(vielleicht unbewußt) auf dem be 5 Wege zum Ziele, es beweist dies die sition Nr. 390. Perry hat nur Aae gefehlt, als er die innere Harmonie da⸗ durch störte, daß er die Dame noch um ein Feld näher dem schwarzen König aufstellte, als dies mit Rücksicht auf die ebenso nothwendige Figurenökonomie an⸗ ging. Auf ein Feld mehr kommt es nicht an, ebenso wenig auf die völlige Matt⸗ reinheit in jeder Abzweigung. Wenn daher der weiße König mitbenutzt ist, wenn der schwarze Bauer es zugleich Nebenlösungen verhindern hilft und einen schwarzen Springer entbehrlich macht, so ist das alles systemgemäß. Welches System liegt aber in den Ausarbeitungen welche die Nr. 388 und 389 zeigen? Sollte die Freigebung von fünf Feldern im ersten Zuge aus pen 1 sein? Warum giebt denn Robbin nur zwei Felder srei? Sollen alle Mats nur auf einem Felde(87 bei Loyd) er⸗ folgen, oder hatte Robbins Recht, als er mit mehr n verschiedene Matpositionen anstrebte? Lüßt sich, wenn man solche einseitige Effelte protegirt, das erreichbare Ziel ebenso klar erkennen, als wenn man beim Aufbau die Mittel systematisch beschränkt und innerhalb dieser Schranken die bestmögliche Leistung zu erreichen trachtet? Ist es nicht natur⸗ gemäßer, wenn ein bisher gedeckter Stein auf dem Umwege über os resp. f1 geholt wird? Oder ist das Holen des ungedeckten, bereits eroberten Steines durch die Dame so effektvoll. daß hierdurch auch die Verwendung vieler weißer Offiziere erklärt 1 Muß es gerade ein Thurm sein, der geholt wird? Oder that Robbins besser auf tz einen Springer aufzustellen? Oder wäre es noch besser gewesen, wenn nur ein schwarzer Bauer geholt würde? War ⸗ um haben denn Loyd und Robbins nicht folgende oder ähnliche Positionen aufgestellt? a) Weiß: Kas, Des, Les, gl, Beg. fa. e Kob, Las, Bag, a4, a6, eg. e4.— 0 Weiß: Kt7, Dbz, Las, as, Sag. hi, Hes, ha. Schwarz! Kes, LgI. Sal, Bas, c6, hg, b5.— Oder endlich ist ein Schachprobiem so sehr 1 daß es sich gar nicht verlohnt, bei der Construction desselben 1 0 einem bestimmte n Systeme vorzugehen?“ Berger. Partie Nr. 223, letztes Spiel des Wettkampfes; iN zu New⸗Orleans am 24. März d Weiß: Steinitz. Schwarz: e 1) 22—e4 7-65 2) Sbles sbs 66 3) 1214 5—f4: 5 d2-d d- dõ 5) ed do: Das—h4 6) Kel—e2 Dha4-e 7) Ke2—f2 De7- h4“ 8) g2—g3 4—g37 9) Kf2—g2 Sc da: 10) h2-g3: Dhäa-g 11) Dal eit LIS-er 12) Lfi-ds 84415 13) 8g1—13 Les- d7 14 Lein 15) Sez—e4 Sgs-h 10) Ifi-hö: St-h6: 17) Thi—h6E: g7-—h6: 18) Se4-f6f N Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“ * „Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elch o in Berlin, Lützowstr. 105.