D = — — ee en — 2 * E 8 ! 2 * zu den Obherhessischen Uuchrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 33. Gießen, den 15. August. 1886. Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. CFortsetzung.) Heddenheim erstaunte über diese Großartigkeit der Hilfswilligkeit, mit der Frau von Hartwitz die fremde Frau mit ihrem Kinde so— fort in's Haus genommen und ein wahrscheinlich arg verwirth— schaftetes Gut für eine garnicht unbedeutende Summe ankaufte. Er zweifelte jetzt daran, daß dasselbe wirklich ein erwünschter Besitz für Frau von Hartwitz sei. Martina schien überdies die Sache so ganz selbstverständlich zu finden, daß sie an Aehnliches wohl ge— wöhnt war. „Anneliese sollte eigentlich nur im Sonnenschein wandeln,“ fuhr sie fort,„sie ist so licht und— die Tante!“ unterbrach sie sich, als eine Thür ging. Heddenheim erhob sich und ging der Eintretenden entgegen. In demselben dunkeln Kleide, mit dem langen, altmodischen Kragen und derselben großen Haube, sah sie ihm heute wie ein aus dem Rahmen getretenes, altes Ahnenbild aus. Sie wußte sichtlich schon von seiner Anwesenheit und begrüßte ihn mit einer Steifheit, der sogar eine gewisse Unfreundlichkeit beigemischt war. „Ich bedaure, daß Sie warten mußten,“ sagte sie mit der männlich⸗tiefen Stimme, die heute noch etwas rauher als neulich klang,„ich erwartete Ihre Zusendung, hätten Sie mir gesagt, daß Sie selbst zu kommen gedächten, so hätten Sie erfahren, daß ich in dieser Stunde niemals zu sprechen bin.“ Heddenheim hatte geglaubt, mit dieser persönlichen Ueberbringung der Dame eine Höflichkeit zu erweisen und sah sich nun in der Lage, sich entschuldigen zu müssen:„Frau von Hartwitz möge ver— zeihen; er habe es für besser gehalten, die Summe nicht einer andern Hand zu überantworten.“ „Wenn Ihre Leute nicht zuverlässig sind, die Post ist es sicher,“ versetzte sie. Heddenheim konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. Diese Un— höflichkeit war so originell, daß sie ihn nicht beleidigte, sondern nur amüsirte. Er hatte überdies seinen Zweck, das reizende Mädchen noch einmal zu sehen, erreicht, so nahm er sie gutlaunig hin und sagte einfach:„Die Sache wird ja schleunig erledigt sein, gnädigste Frau, ich bitte nur um eine Unterschrift, und werde Sie dann so— fort von meiner Gegenwart befreien.“ Er zog seine Brieftasche hervor, doch Frau von Hartwitz machte eine abwehrende Bewegung.„Es ist ein Uhr, die Mittagsstunde, meine Hausordnung darf niemals gestört werden. Da Sie doch unmöglich nutzlos hier eine Stunde auf mich gewartet haben können, müssen Sie schon an unserm einfachen Essen theilnehmen, das freilich wenig nach dem Geschmack eines modernen Herrn, der um fünf Uhr dinirt, sein wird.“ 5 5 Heddenheim war einen Augenblick in Verlegenheit, wie er sich dieser seltsamen Einladung gegenüber zu benehmen habe, als Martina heiter ausrief:„Lassen Sie sich nicht schrecken, ich wette, die Bouillon, das gute Fleisch und Tantens ausgezeichneter Rothwein schmecken Ihnen bei uns und dann bekommen Sie meinen vortrefflichen Kaffee, den zu bereiten meine Spezialität ist. Außerdem haben Sie auch noch den Vortheil, meine reizende Anneliese kennen zu lernen.“ „Die blasse Trauerweide wird Herrn Heddenheim schwerlich ent— zücken,“ meinte Frau von Hartwitz geringschätzig.„Uebrigens habe ich besser für Ihren Kutscher und Ihre Pferde gesorgt als Sie und schon vor dreiviertel Stunden auszuspannen bestellt, es wäre für Mensch und Thiere ein schlechtes Vergnügen, wenn sie da noch immer vor der Thür auf Sie warten sollten.“ Heddenheim verneigte sich dankend, die Eigenthümlichkeit dieser Frau war ihm entschieden amüsant. Der alte Diener, der ihn vorhin hineingeführt hatte, öffnete jetzt die breite Flügelthür mit der Meldung: es sei angerichtet. Heddenheim bot Frau von Hartwitz den Arm, Martina war in das Nebenzimmer verschwunden und als jene die Schwelle des Esszimmers überschritten hatten, trat auch sie dort ein, den Arm um die Schultern einer kleinen blassen, schwarzen Gestalt geschlungen. „Frau Anneliese Berting,“ sagte sie vorstellend. Man setzte sich zu Tisch und Martina hatte nicht zu viel ver— sprochen, die einfachen Speisen waren gut zubereitet und wohl— schmeckend und der Wein von außerordentlicher Güte. Heddenheim saß zwischen Frau von Hartwitz und Martina, Frau Berting ihnen gegenüber; so hatte er Gelegenheit, sie zu beobachten, eine kleine, schmächtige, überzarte Gestalt, das schmale Gesicht von einer durch— sichtigen Blässe, mit großen hellblauen Augen und einer Fülle matt⸗ blonden Haares, die für den kleinen Kopf fast zu schwer schien. Um den Mund lag es wie ein Zug unterdrückten Weinens, die Trauerkleidung trug noch dazu bei, den Eindruck tiefer Wehmuth, den sie machte, zu erhöhen, und so war die Bezeichnung Trauer— weide, die Frau von Hartwitz gebraucht, nicht unzutreffend. Sie sprach kein Wort und lächelte nur einige Male Martina dankbar an, die ihr wiederholt die besten Bissen auf den Teller legte. Sie unterhielt sich unterdeß heiter und lebhaft mit Heddenheim; es ergab sich, daß dieser beinahe alle jene Orte, welche die Damen auf ihrer Reise aufgesucht hatten, auch kannte; so gab es viele Anknüpfungen und Heddenheim setzte das sichere und treffende Urtheil in Erstaunen, das sie über die Kunstschätze der verschiedenen Galerien füllte. Ueber— all hatte sie das Schönste herausgefunden, hatte ihre Lieblinge, zu denen sie wieder und wieder zurückgekehrt war und die sie denn auch in jeder Einzelheit erfaßt hatte, und mit ruhiger Unbefangen⸗ heit erklärte sie von andern, viel gerühmten und hochgeschätzten Ge— mälden: die möge sie nicht. Als ihre besondere Lieblinge bezeichnete ä 1* ——— ä— —PFPPPEFWEPEPEEEGGGAGGAA 258 versichern, daß er vortrefflich sei. sie immer die Bilder niederländischer Meister und als Heddenheim darüber seine Verwunderung äußerte, meinte sie achselzuckend: „Vielleicht würde mir das Verständniß für die großen Italiener aufgehen, wenn ich nach Florenz und Rom käme— vielleicht; was ich bisher von ihnen gesehen, erscheint mir meistens so weich und sentimental, etwas von Unnatur darin, lauter Heilige mit süßen und— langweiligen Gesichtern. Die Rembrandt's, Rubens, Van Dyck' athmen Leben, Kraft, Gesundheit, da ist nichts Schwäch⸗ liches und Weichliches, sondern wundervolle Natur, die Auge und Herz erquickt, das verstehe ich— die Italiener vorläufig noch nicht. Ich zeige Ihnen nachher noch meine Mappen, ich habe mir viele und schöne Photographien aus München und Dresden mitgebracht.“ „Sie malen felbst, gnädiges Fräulein?“ fragte Heddenheim. „Um Gotteswillen nein,“ lachte sie,„ich glaube es würde mir den Genuß an dem Großen und Schönen der Meister trüben, wenn ich meine kleine Stümperei treiben wollte und doch jeden Augen⸗ blick fühlen müßte, daß ich nichts, garnichts leiste.“ „Der Dilettantismus ist eine Krankheit, vor der ich Martina zum Glück bewahrt habe,“ fiel Frau von Hartwitz ein,„mir graut vor alle diesem, ein wenig malen, ein wenig musiziren, das heute an der Tagesordnung ist, Keinem zur Freude und Vielen zur Qual.“ Martina reichte Heddenheim ihr Glas.„Füllen Sie es mir noch einmal,“ sagte sie,„es soll der dankbaren Erinnerung an unsern ersten Meister gelten.“ Sie leerte es dann mit einem Zuge. „Sie wundern sich wohl, daß ich so tapfer Wein trinke,“ fügte sie hinzu,„aber er schmeckt mir gut und ich finde es so komisch, wenn Damen an den Gläsern nur nippen, wie ich es so oft an der table d'hôte gesehen.“ „Sie würden auch nicht so bleich aussehen, wenn Sie ordent⸗ lich Wein trinken wollten, Sie haben Ihr Glas wieder kaum be⸗ rührt, das ist auch eine Ihrer schlechten Gewohnheiten, die Sie bei mir noch ablegen müssen,“ wandte sich Frau von Hartwitz an Anneliese. „Ich kann nicht,“ antwortete diese leise. „Ach was, mit gutem Willen kann man Alles,“ erklärte Frau von Hartwitz. „Trinken Sie, trinken Sie, Anneliese, auf Willy's Wohl,“ redete Martina zu und klang mit ihrem Glase an das ihrer Nachbarin. „Wie geht es denn, Willy?“ fragte Frau von Hartwitz. „Nicht gut, er ist sehr unruhig, hat viel geweint, und ich glaube, er fiebert noch,“ lautete die Antwort. N Heddenheim bemerkte, daß Frau Berting eine weiche angenehme Stimme hatte, die aber jetzt bedenklich zitterte, auch die Augen be— gannen sich mit Thränen zu füllen. „Wir werden das Kind schon gesund futtern, machen Sie sich nicht unnöthige Sorgen,“ meinte Frau von Hartwitz,„ihm fehlt nichts als kräftige Nahrung.“ Sie hob die Tafel auf und man begab sich wieder in das andere Zimmer, wo der Diener bereits das Kaffeegeräth vor dem Sopha an der Epheuwand geordnet hatte. Martina hatte Anneliese umfaßt und ihr noch einige liebevolle tröstende Worte zugeflüstert, dann verschwand diese. Die beiden Damen und Heddenheim nahmen Platz, Martina bereitete den Kaffee und Heddenheim konnte auf ihre Frage Am liebsten hätte er hinzugefügt, daß, genußreicher als der duftende Trank, es ihm sei, die lazerten— hafte Anmuth ihrer Bewegungen, und das Spiel der, durch die Epheuwand gebrochenen Sonnenstrahlen auf ihrem glänzend schwarzen Haar, zu beobachten. Dann holte sie, während er und Frau von Hartwitz nun endlich die Geldangelegenheit abmachten, die versprochenen Mappen und unter dem Durchsehen derselben war wohl wieder eine Stunde ver— gangen, als Anneliese in's Zimmer kam und mit sichtlicher Angst Frau von Hartwitz bat, zu Willy zu kommen, das Kind scheine immer kränker zu werden. „Unsinn, kleine Frau, es ist ja nichts,“ behauptete diese, ging aber doch mit ihr. „Das Kind ist so schwach und elend,“ sagte Martina,„wenn Anneliese den Knaben verlieren sollte, ich glaube, sie überlebte es nicht. Die Tante hält ihn nicht für krank und meint mit guter Nahrung sei Alles gethan; ich fürchte aber doch, sie irrt sich. Da— bei hat sie ein Vorurtheil gegen alle Aerzte.“ In diesem Augenblick kam Frau von Hartwitz zurück. fragte Martina. „Nun?“ „Es ist nichts,“ beharrte sie,„ein solcher Milchbart, wie dieses Kind, kann ja nichts vertragen, sieht bei einem bischen Schnupfen zum Sterben aus. Der reine Wechselbalg! Es muß aufgefüttert werden, weiter nichts! Mag heute wohl ein wenig fiebern,'s ist aber kein Unglück, nur daß die kleine Frau vor Angst zittert. Ich möchte ihr schon den Gefallen thun, einen von den Schwarzkünstlern kommen zu lassen, wüßte ich nur, welcher von ihnen noch der ver⸗ nünftigste ist!“ „Haben Sie keinen Hausarzt?“ fragte Heddenheim. „Gott soll mich bewahren!“ rief Frau von Hartwitz,„an mich ist noch Keiner von den Giftmischern gekommen und an Martina Gottlob auch nicht. Wir leben gesund und sind demzufolge auch gesund und ficht uns einmal Etwas an, so helfen meine Hausmittel, mit denen ich auch meine Leute kurire. Heddenheim hatte rasch überlegt und sagte nun:„Wollen Sie mir einen Vorschlag erlauben, gnädige Frau? Da Sie keinen Arzt kennen und keinem vertrauen, gestatten Sie mir, Ihnen meinen Freund zu schicken, Doktor Weber, der erst seit einigen Tagen in D. ist, nachdem er von einer zweijährigen Seereise zurückgekehrt. Ich hoffe, seine frische, gesunde Natur soll Ihnen zusagen und für seine Treue und Umsicht verbürge ich mich.“ ̃ „Hm, da wird er wohl besser Matrosen zu kuriren verstehen, als solch einen Strohhalm von Kind,“ warf Frau von Hartwitz ein. Heddenheim zuckte lächelnd die Achseln. „Lasse Doktor Weber kommen, Tante,“ redete Martina zu,„ich gebe etwas auf Fügungen des Zufalls, daß Herr Heddenheim eben hier sei und seinen Freund empfehlen muß, er wird Willy helfen.“ „Unsinn,“ murmelte Frau von Hartwitz, setzte dann aber laut hinzu:„Meinetwegen, Doktor Weber mag dann kommen.“ „Ich fahre sogleich zur Stadt zurück,“ sagte Heddenheim,„suche Weber auf, der jedenfalls zur Stelle ist und schicke ihn sofort heraus, meine Pferde können sehr gut noch einmal den Weg machen—“ „Das ist unnütz, Sie fahren mit meinem Wagen,“ fiel Frau von Hartwitz ihm in die Rede,„der Ihre bleibt hier und Doktor Weber benutzt ihn zur Rückfahrt.“ Heddenheim wollte eine Einwendung machen, dech sie erklärte: „Unter allen Umständen.“ „Nun denn, wie Sie befehlen, gnädige Frau,“ fügte er sich, „ich hoffe in zwei Stunden ist mein Freund hier.“ Zehn Minuten später verabschiedete er sich von den Damen. Frau von Hartwitz dankte ihm mit einem kräftigen Händedruck und Martina sagte mit einem freundlichen Aufblick der schönen Augen: „Auf Wiedersehen.“ IX. Doktor Weber hatte die Behandlung des kleinen Willy Berting übernommen; er meinte, es sei eine gute Vorbedeutung, daß ihm Heddenheim den ersten Patienten gebracht habe; schon nach zwei Tagen hatte er eine passende Wohnung gemiethet und ein Porzellan⸗ schild an der Thür verkündete den Bewohnern D. s, wann Doktor H. Weber seine Sprechstunde habe. Er hatte den Knaben in Orns⸗ hagen kränker gefunden, als Frau von Hartwitz es gelten lassen wollte; er fieberte stark, und vorläufig mußte die von ihr angeordnete Pflege eingestellt werden. „Zuerst wollen wir das Fieber beseitigen, gnädige Frau,“ sagte Weber ihr,„dann wird die kräftige Nahrung ihn hoffentlich zu einem gesunden Manne machen, der Krankheit ebenso wenig kennt, als Sie und ich.“ Frau von Hartwitz hatte Etwas vor sich hin gebrummt, aber die Anerkennung ihrer gesunden Natur hatte ihr doch geschmeichelt. Der Mann mußte wenigstens einen richtigen Blick haben. „Meine Verordnungen reichen bis übermorgen,“ hatte er beim Abschiede gesagt,„der Zustand des Kindes läßt auch nicht auf eine schnelle Veränderung schließen; sollte die Mutter, die sehr besorgt zu sein scheint, indeß mein Kommen schon morgen wünschen, so bitte ich, mich holen zu lassen— vorläufig habe ich noch zu jeder Stunde Zeit.“ Dabei hatte er sich schmunzelnd seinen rothen Bart gestrichen und Frau von Hartwitz hatte zustimmend genickt. „Er ist ein vernünftiger Mensch, macht keine Flausen, thut nicht, als ob er alle Weisheit gefunden hätte,“ sagte sie, als er in Heddenheims Equipage zum Hofe hinausfuhr. ...... ß cc erting b ihn zwi Fün⸗ doktor Orns⸗ lasen udnete sie h M kennt, aber eichel. ö 5 beim f eine besort 1 so J jeder ichn 3 .„„ e eee rr e 7 2 . 259.. stand mit jeder der drei in einem freundlichen Verhältniß. Er war schon am nächsten Tage nach Ornshagen geholt worden und seitdem wieder und wieder, und jedesmal begrüßten ihn Anne⸗ liesens ängstliche und traurige Augen, wie den Helfer und Retter. Er hatte überhaupt bald die Gunst der Damen gewonnen und Frau von Hartwitz gefiel sein frisches, gerades Wesen, und sie sah es gern, wenn er sich von ihrer kriegerischen Stimmung nicht imponiren ließ, sondern ihr regelmäßig mit gleichen Waffen entgegentrat; Martina scherzte mit ihm und lachte über seinen trocknen Humor, während Anneliese in ihm den Erhalter ihres Kindes sah, dem sie eine unbegrenzte Dankbarkeit zollte. Dazu kam nun noch, daß auch Willy eine zärtliche Zuneigung zu dem„Onkel Hans“ gefaßt hatte, unter welchem Namen sich Weber gleich Anfangs bei ihm eingeführt hatte, weil, wie er erklärte, der Doktor allemal eine gefürchtete Persönlichkeit bei Kindern sei, während die Anordnungen irgend eines beliebigen Onkels sie sich gern und willig gefallen lassen. Er hatte dem Knaben dann hier und da ein kleines Spiel zeug, einen Ball, eine Frucht oder dergleichen mitgebracht, so daß dieser ihm bald freudig entgegenlachte. Als er dann das Bett und schließlich auch das Krankenzimmer verlassen durfte, lief er ihm jedesmal bis zur Thür entgegen, und wenn Weber ihn dann hoch in die Luft hob oder ihn auf seinen Knieen tanzen ließ, dann jubelte er lustig, wie man es von dem stillen, blassen Kinde bisher nie gehört hatte. So war Weber in kurzer Zeit beinahe Etwas wie Hausfreund in Ornshagen geworden, Jeder dort sah ihn gern kommen, bewillkommnete ihn herzlich und er blieb immer viel länger dort, als es seine ärztliche Pflicht erforderte. Heddenheim hatte mehrere Wochen vergehen lassen, ohne seinen Besuch zu wiederholen. Zwar hörte er noch den freundlichen Klang von Martina's: Auf Wiedersehen!— doch erinnerte er sich ebenso genau, daß Frau von Hartwitz ihn nicht zu einem wiederholten Besuch aufgefordert hatte. Die geschäftliche Angelegenheit war unter ihnen geordnet und er war es gewohnt, daß man überall seinen Besuch als eine Ehre betrachtete und ihm überall mit ausgesuchtester Höflichkeit begegnete. So blieb er fern, was aber nicht hinderte, daß ihm Webers häufige Besuche dort eine Regung verursachten, der er selbst keinen Namen zu geben wußte— war es Neid, war es Aerger oder was sonst. „Du scheinst in Ornshagen Hahn im Korbe zu sein,“ sagte er mit leisem Spott. Weber fuhr sich durch den rothen Haarbüschel über der Stirn. „Du vergißt, mein Sohn, daß ich dort Arzt bin und als solcher gewisse Vorrechte und Konfidenzen genieße.“ „Einer schönen jungen Dame gegenüber keine üble Stellung.“ „Du sprichst von Fräulein Martina? Hm, sie hat Etwas von dem Funkeln einer Rakete. Die Augen von Frau Auneliese hast Du Dir wohl nicht angesehen? Nun, sie sind wie ein un⸗ ergründlicher See, und den kleinen, traurigen Mund lächeln zu sehen, übt auch einen seltsamen Zauber aus.“ „Da bewacht ja Frau von Hartwitz merkwürdige Schätze, einen wahren Nibelungenhort,“ scherzte Heddenheim, doch kam es nicht sehr lustig über seine Lippen. „Kein sehr schmeichelhafter Vergleich,“ meinte Weber,„da man Frau von Hartwitz dann als Drache betrachten müßte, was sie nicht verdient; sie ist originell, und man muß bei ihr auf ein derbes Wort, eine drastische Bemerkung stets gefaßt sein, aber sie ist eine vortreffliche Frau, mit der man sich überdies sehr gut unterhält.“ „Wahrhaftig, Du wirst enthusiastisch,“ lachte Heddenheim,„huͤte Dich, daß die drei Damen, denen Du gelegentlich allen Dreien die Kur zu machen scheinst, nicht eifersüchtig auf einander werden.“ „Narrenspossen!“ Einige Tage später war es, als Weber in Heddenheims elegantem Speisezimmer diesem am wohlbesetzten Tische gegenüber saß. Das lunch war nach englischer Sitte von Herrn Gustav Heddenheims Zeiten her beibehalten worden, und Weber war dazu ein häufiger und stets gern gesehener Gast. Er hatte mit bestem Appetit ein Beefsteak verspeist und schlürfte eben behaglich seinen Wein. „Ein ausgezeichneter Tropfen,“ sagte er, das Glas hochhebend, so daß die Sonne sich darin spiegelte,„Dein Weinkeller ist famos. Uebrigens steht ihm der von Frau von Hartwitz ebenbürtig zur Seite, ihr Bordeaux ist nicht minder vortrefflich als ihr Rheinwein, und Fräulein Martina spricht über die verschiedenen Sorten wie ein Kenner.“ „Eine eigenthümliche Eigenschaft für eine junge Dame,“ meinte Heddenheim, während er sein Glas leerte. „Apropos,“ sagte Weber, sich bequem an den hohen, geschnitzten Eichenstuhl zurücklehnend.„Fräulein Martina erkundigte sich neulich, weshalb Du nicht nach Ornshagen hinauskämst, und als ich einige nichtssagende Redensarten darauf erwiderte, meinte sie lachend, sie habe erwartet, daß mindestens ihr vortrefflicher Mokka Dich locken werde.“ Heddenheim stand auf und wählte lange unter seinen Cigarren, die auf einem Tischchen in der Ecke standen, entzündete dann ein Licht und kehrte mit diesem und dem Cigarrenteller zu seinem Freunde zurück. Dann erst entgegnete er:„Frau von Hartwitz hat mich nicht zum Wiederkommen eingeladen.“ „Ich glaube, daß sie sich mit dergleichen Förmlichkeiten über⸗ haupt nicht abgiebt,“ versicherte Weber,„und Fräulein Martina's Wort scheint mir innerhalb der Orushagener Grenzen ebenso ge— wichtig, wie das von Frau von Hartwitz. Wenn Du also Lust hast 3 „Du meinst?“ „Sicher.“ Noch eine Zeit lang kämpfte in Heddenheim sein Stolz mit seinem Wunsch, dann siegte der letztere und er fuhr nach Ornshagen hinaus. Martina empfing ihn, wie einen guten Bekannten, mit einem herzlichen Händedruck und halb scherzhaften, halb ernsthaften Vorwürfen über sein langes Ausbleiben. Er erwiderte Einiges von Ungewißheit, ob er kommen dürfte, von Zögern und Zweifeln. Darauf lachte Martina hell auf und meinte, für so schwerfällig habe sie ihn nicht gehalten. In dem Augenblick trat Frau von Hartwitz ein und nun rief sie ihr entgegen:„Tante, denke nur, Herr Heddenheim hat auf eine Einladung oder etwas Dergleichen gewartet, er hat gezweifelt, ob er kommen dürfe, ich glaube fast, er hat gemeint, weil er uns einen Freund geschickt, brauche er selbst nicht mehr zu kommen.“ „Gnädiges Fräulein, ich habe diesen Freund beneidet, vielleicht genügt Ihnen diese Versicherung.“ „Wer Ihnen das glauben möchte,“ scherzte sie; aber trotz des neckischen Tones stieg eine helle Blutwelle in ihre Wangen. „Laß es genug sein,“ fiel Frau von Hartwitz ein.„Sie werden wahrscheinlich wenig Geschmack an unserm einsamen Leben hier in Ornshagen finden,“ wandte sie sich an Heddenheim,„doch, wenn Sie einmal hier und da zusehen wollen, wie es Ihnen behagt, so steht Ihnen mein Haus offen.“ Es war eine Einladung in knappster Form; immerhin aber nahm sie Heddenheim für eine solche und sagte:„Ich danke Ihnen für das gütige Wort, gnädige Frau, und will es nicht vergessen.“ Sie saßen wieder vor dem Epheugitter und wieder spielten die Sonnenstrahlen auf Martina's Haar, während sie heiter plauderte. Sie hatte die Arme auf die Lehnen ihres Wiegestuhles gelegt und schaukelte sich leicht hin und her, während Frau von Hartwitz, in strammer Haltung auf dem Sopha sitzend, an einem großen Strick— strumpf arbeitete und nur hier und da eines ihrer kurzen, treffen— den Worte in das Gespräch hineinwarf. Auch Frau Anneliese saß still, das bleiche Gesicht über eine Näharbeit gebeugt, nur als das Gespräch auf Weber kam, rötheten sich ihre Wangen leicht, und sie versicherte mit ihrer sanften Stimme: Ein Mann wie er, werde sicher bald eine große Praxis haben, und sie wolle ihm niemals vergessen, was er ihr gethan habe. „Ja, ja, dieser Weber steht bei uns sehr in Gunst,“ erklärte Martina,„und er verdient das auch, nicht wahr, Willy?“ schäkerte sie mit dem Knaben, der eben bemüht war, seinen großen Ball unter dem Tisch hervorzuholen.„Onkel Hans haben wir sehr gern, er ist der beste aller denkbaren Onkel?“ „Onkel Hans,“ wiederholte das Kind und kletterte, als Martina ihm um beide Hände bat, auf ihren Schooß. Sie tollte und scherzte mit ihm und ließ sich willig von ihm in das Haar zausen und so geschah es, daß er endlich auch die Nadeln aus ihrer Flechte gezogen hatte und diese voll und schwer über ihre Schulter fiel. Ohne jede Verlegenheit lachte sie nur und setzte den Knaben auf die Erde. „Geh, Du kleiner Uebelthäter,“ schalt sie,„nun kann ich Dich nicht brauchen.“ „Das kommt davon; Sie verwöhnen Willy,“ sagte Frau Berting.“ „Das thut ja nichts,“ versicherte Martina,„Herr Heddenheim 1 — D 260. hat sich nun wenigstens überzeugt, daß ich eigenes Haar habe.“ Dabei nestelte sie den Zopf wieder fest. Unterdeß hatte Frau von Hartwitz ihr Strickzeug bei Seite gelegt und erhob sich.„Es ist die Stunde, in der ich für meine Ornshagener Leute zu sprechen bin,“ sagte sie,„und Sie wissen be— reits, in der Hausordnung giebt es keine Unterbrechung.“ Auch Martina erhob sich.„Bleibe nur,“ winkte ihr Frau von Hartwitz zu,„ich besorge das heute schon allein.“ „So kommen Sie in den Garten,“ wandte sich Martina an Heddenheim,„Sie kennen ihn noch nicht und ich meine, er ist hübsch.“ Er ging an ihrer Seite durch die geschmackvollen Anlagen des Gartens zwischen wohlgepflegten Rasenplätzen, die von Gruppen blühender Gesträuche und Beeten mit buntfarbigen Frühlingsblumen unterbrochen waren. Dazwischen standen überall hochstämmige Rosen, während sich längs dem Hause ein Rosenparterre hinzog, das, in Blüthe stehend, einen überaus anmuthigen Anblick gewähren mußte. Martina machte ihn auf jede Einzelheit aufmerksam, nannte jeden Strauch und jeden Baum beim Namen, zeigte ihm die vor— züglichsten Rosenarten und erzählte ihm, welche Veränderungen in den Anlagen des Gartens in diesem Jahre stattgefunden hätten. „Da sehen Sie zugleich Etwas von meiner Thätigkeit,“ sagte sie,„der Garten gehört mir, die Tante hat ihn mir übergeben, ich darf mit dem Gärtner Alles nach meinem Geschmack und Willen einrichten und habe täglich mehrere Stunden damit zu thun.“ Sie sah ihn mit einem neckischen Blick an.„Da haben Sie zugleich einen Theil der Antwort auf die große Frage, die neulich in Ihren Augen lag, was in aller Welt ich unnützes Mädchen denn eigentlich thue, da ich weder Handarbeiten noch Künste treibe.“ „Gnädiges Fräulein—“ „Leugnen Sie nicht, Ihr ganzes Gesicht war ein Fragezeichen und Sie sollen nun hören, daß ich nicht so ganz und gar unnütz meine Tage verträume, als Sie es wohl dachten. Also der Garten; — dann hat die Tante mich nur heute freigegeben, sonst begleite ich sie und helfe ihr, wenn die Leute, nicht nur aus Ornshagen, sondern aus der ganzen Umgegend kommen, um sich von ihr Arbeit, Arznei und bisweilen auch nur guten Rath zu holen, je nach Bedarf. Ich besuche auch hier unsere Leute in ihren Wohnungen, sehe zu, daß sie dieselbe ordentlich und reinlich halten und erstatte Tante Bericht über sie und namentlich über die Kinder, ob sie zur Schule gehen, lernen, gesund und lustig sind c. Im Uebrigen habe ich einen Schatz von guten Büchern, treibe allerlei Wissenschaftliches, soweit mein Verstehen reicht, zunächst kümmerte ich mich nur um Botanik, die mir hier auch nützlich sein kann, allmählig hat mich diese aber in die Naturwissenschaft überhaupt hineingeführt und ich lese darüber viel. Sie sehen, ich bin ein wenigstens nicht ganz un— nützer Mensch, ich meine, wer mit Tante zusammen lebt, kann's auch nicht, man muß ihrem Vorbilde folgen. Sobald Sie dieselbe erst näher kennen gelernt haben, werden Sie auch unter der rauhen Außenseite das warme Herz herausfinden; sie hat etwas so männ— lich Starkes und ist doch so weich; als ich noch ein ganz kleines Kind war, habe ich sie oft mit feuchten Augen über mein Bett ge— beugt gesehen und dann küßte sie mich so zärtlich.“ „So lange also sind Sie schon bei Frau von Hartwitz?“ fragte Heddenheim. f Sie sah ihn erstaunt an.„Gewiß; fast so lange ich denken kann. Meine Eltern starben früh, ich habe nur ein dunkles, ganz unklares Bild von ihnen.“ Es war wie ein Schatten über ihre Züge geglitten.„Alles Schöne, alles Liebe und Beglückende danke ich der Tante,“ fügte sie hinzu. Unter diesem Gespräch waren sie wieder zum Hause zurückgekehrt. Heddenheim sah nach der Uhr und meinte; es sei wohl Zeit, zur Stadt zu fahren. „Was wollen Sie!“ rief Martina,„auf dem Lande macht man keine Visiten, Sie müssen den Abend über hier bleiben und dann haben Sie eine Heimfahrt im Mondschein, um die ich Sie beneiden könnte.“ So blieb er. Doch war Martina jetzt meist still und überließ Frau von Hartwitz die Unterhaltung mit ihm, die allerlei politische und kommunale Fragen behandelte. Heddenheim setzte dabei ihre Ein— sicht in Frauen sonst gewöhnlich fernliegende Angelegenheiten und ihr klares, sicheres Urtheil in Erstaunen. Martina lag mit halb geschlossenen Augen in den Stuhl zurück— gelehnt, der leise hin- und herschaukelte; es hätte scheinen können, als ob sie garnicht auf das Gespräch hörte, wenn nicht doch hier und da ein Wort dazwischen gefallen wäre, welches das Gegentheil bewies. 2 Man hatte sich zu dem Abendessen wieder in das Speisezimmer begeben; als dasselbe beendet, bot Heddenheim Frau von Hartwitz den Arm, Martina war vorausgeeilt. Das große Zimmer war durch eine Lampe nur theilweise erhellt, das junge Mädchen stand neben der Epheuwand, von bläulichem Mondlicht überfluthet. „Kommen Sie,“ winkte sie ihm und trat dann mit ihm in den Erker. Der Mond stand an dem wolkenlosen Himmel und übergoß den ganzen Platz mit seinem magischen Licht; die Palmblätter und das zierliche Schlingkraut waren wie mit silbernem Netz überzogen, der ferne Höhenzug zeichnete seine sanft geschwungene Linie von dem Himmel ab und die Baumschatten schienen in dem Mondlicht noch dunkler. „Das ist Poesie,“ sagte sie leise. Noch ehe er antworten konnte, war sie von seiner Seite verschwunden, er hörte einige sanfte Akkorde und dann begann eine volle, weiche Stimme: Der Tag entschlief, blau fluthet die Nacht— Der Abendstern ist kaum erwacht, Es birgt die erste wilde Rose Süß duftend sich im Waldesschooße, Tief in Gebüsch und Blüthenweiß Der Nachtigallenschlag so leis— Und durch die sehnsuchtathmende Luft Haucht süß und lind der Maienduft. Er lauschte gleichsam mit verhaltenem Athem, ohne sich zu be— wegen, erst als der letzte Ton verhallt war, trat er in das Zimmer zurück. Martina saß am Flügel. N „Sie singen?“ sagte er erstaunt. „Warum nicht?“ fragte sie zurück. „Ich dächte, Sie hätten doch gesagt—“ „Daß ich keine Kunst übe; ich habe auch niemals Unterricht gehabt, nur hier und da singe ich zu meiner eigenen Freude.“ (Fortsetzung folgt.) ie Novelle von Frida Schanz. 55 Die mächtige, rauschende Edeltanne, welche die Klostermauer von ihren Schwestern im Forste trennte, zauberte den Beiden, welche tagtäglich auf der Steinbank unter dem Baume saßen, eine ganze, heimliche Welt von Duft und Glück in die Abgeschiedenheit. Der eine der zwei Genossen, die man im Kloster die„Un— zertrennlichen“ nannte, obwohl eine lange Reihe von Lebensjahren zwischen ihnen lag, träumte beim Knistern der Tannennadeln sehn— süchtig von einem Leben im vollen Sonnenschein, von Speerkampf und Hufschlag, von Sang und Tanz. Der Andere sah es gern, wenn die Sonnenstrahlen durch das tiefe Dunkel des Gezweiges auf den weichen, tiefgrünen Moosgrund irrten, wenn die Glockenblumen träumerisch im Windhauch erzitterten, und die Farbe des Himmels sich so tief, so klar, so undurchdringlich blau von den schönen Formen der dunklen Aeste abhob. f Das Sinnen des Einen irrte dann wie ein lustiger, ungeduldiger Frühlingsvogel in die Weite, das des Andern stieg hinab in die tiefen, ruhigen Schachte der eignen Brust, wo all' sein Reichthum verborgen war, wo das Rauschen und Brausen der Welt nur in leisen, verklärten Tönen wiederhallte. Tagtäglich, wenn die jungen Klosterschüler im Nußbaumschatten des Hofes sich mit frühreifem Ernst lustwandelnd ergingen oder hier und da über einem frohen Spiel die Bedeutsamkeit der Stätte vergaßen, wenn die Mönche durch behagliche Mittheilsamkeit sich die Aufsicht über die junge Schaar erleichterten, dann sonderten sich der ernste Bruder Silas und sein Liebling, der junge, blonde Schüler, Franz von Gehringen, von den Uebrigen ab, um in der Stille ihres tannenbeschatteten Lieblingsplatzes sich des schönen Liebesbandes, ö das sie einte, doppelt bewußt zu werden. Die Brüder ließen die Beiden stillschweigend gewähren, wie sie ihnen überhaupt manches zugestanden, was gegen das Herkommen, ja gegen die strenge Ordensregel verstieß.— Die mächtige, voll ausgeprägte Persönlichkeit des Einen und der Rang und Name des 7... ne! biz 0 10 1 urch eben den cgoß 10 agen, dem noch unte, forde u be⸗ mmer richt 1 nauer welche 1 „n ahren sehn⸗ up tiefe irrten, f und glich diger in die thun ur il. hallen del. Etitte 0 die 0 del cle, Eule andel, ie s t mel, voll hier ithell! ee, e eee eee N e N N A at be d.* . 0 5 7 0 * Das vertannte Gente. 262.. ie eee ————— 5 5 * * 1 ihn losgerissen hatte, heißathmend durchlebte. Andern ließen jede Einwendung, jede feindselige Regung im Keime ersterben.— So hatten sich Lehrer und Schüler innig und fest, wie Freund und Freund aneinander geschlossen und sich inmitten der engen Welt, deren Lebensauffassung sich nicht weit über die rechte Würdigung des feurigen Klosterweines, des Klosterwildes und des friedvollen, gottgeschützten Heims erhob, eine Welt für sich erschaffen. Welcher Sturm den Bruder Silas in das stille Eiland von Mariahort verschlagen hatte, wußte Niemand. Nur daß er sich zu der Ruhe und Ergebung, die jetzt auf seiner Stirn und in seinen dunklen, milden Augen lag, erst mühsam und ernst hindurchgerungen, ja, daß er von Kämpfen wußte, in denen das Heiligste auf dem Spiel gestanden hatte, davon konnten die Alten im Kloster berichten, die sich erinnerten, wie er müde und bleich, mit wirrem Haar und wunden Füßen zur Nachtzeit Einlaß und Aufnahme begehrt, und wie er Jahre lang des Nachts die heilige Stille durch sein heißes Flehen und Stöhnen und das Fallen der Geißelhiebe auf seinem schmerzgekrümmten Rücken gestört hatte. Durch ein himmlisches Wunder mußte dann Gnade und Heiligung über ihn gekommen sein, denn plötzlich wurde er still wie das wilde Bergwasser, das im Thale ein sanftes Bett gewinnt; plötzlich nahm sein brennendes Auge jene tiefe, sonnige Milde, sein ganzes Wesen jenen Friedensduft an, der dem trotzigen Knaben, Franz von Geh— ringen, im Nu das ganze Herz gewann. Den blonden Gehringer traf das harte Geschick, als zweiter Sohn cines edlen, mächtigen Rittergeschlechtes geboren zu sein, dessen Familienbestimmungen das gesammte Erbe dem jeweiligen Aeltesten zusprachen. Das Machtgebot eines durch Sieges ruhm stolz und unbeugsam gewordenen Vaters hatte den Jüngsten in's Kloster verwiesen, dessen schwermüthige Ordenstracht, so unwillig der Knabe sie trug, ihm gar liebreizend zu dem rosigen, rehäugigen Antlitz stand. Daß der Knabe im Uebrigen beim Abschied von dem Heimathschloß die trotzigen Thränen verschluckte, war eine Helden— that, die der„eiserne“ Gehringer weniger zu würdigen verstand, als die zarte, feinfühlende Mutter des Scheidenden, welche ihren schönen Liebling bis auf die verschwiegensten Tiefen seines Herzens kannte und mit verschleierten Blicken der Staubwolke nachsah, welche sein Roß auf der Landstraße aufwirbelte. Ihr wehendes Tuch war das letzte, was der Knabe sah, als bei der Biegung des Weges das Felsennest seiner Ahnen sich seinen Blicken entzog. Obwohl nun die harte Klostersatzung den jungen Schülern gegenüber, von welchen das Leben manchen zurückforderte, nicht allzu streng in Kraft trat, so war der Uebergang von den bunten, geräuschvollen Festen der Heimathburg zu der Stille des geweihten Ortes, von den freien Träumen eines jungen Herzens zu den langen, gezwungenen Gebeten, von Hörnerschall und Hussa-Rufen zu feier⸗ lichem Orgelsang doch kein leichter. Franz litt so schwer darunter, daß der heimliche Schmerz, der Druck der gewaltsam zurückgedrängten Thräuen ihn gleich an der Schwelle der neuen Laufbahn auf's Krankenlager warf, wo er in langen, seligen Fieberträumen alle Wonnen, von denen das Leben Aber während sein Mund in irren, unzusammenhängenden Worten von Lanzenstechen und rosenduftenden Siegeskränzen sprach, machte die Krankheit den jungen Körper immer hagerer, die Lippen und Wangen immer schmaler und die Schatten der glänzenden Augen immer tiefer und dunkler. Unermüdlich harrte in jenen Fiebernächten Bruder Silas an dem Lager des mit dem Tode Ringenden. Seine kühle Hand lag segnend auf des Knaben fieberheißer Stirn, und seine Gebete kämpften, gleich einer Engelschaar, gegen die finstern Mächte, welche das hoff— nungsreiche, junge Leben für sich heischten.— In einer Juninacht, als durch das halbgeöffnete Fenster der Krankenzelle vom Kloster— garten her der Duft von Gaisblatt und Jasmin mit dem sehnsuchts— reichen Sang der Drossel einströmte, schlug der Knabe zum ersten Mal wieder die Augen auf und sah den Mönch, der an seines Lagers Seite, von langem Wachen und Sorgen übermüdet, ein— geschlafen war. Der Schmerzensschrei des wieder zum Bewußtsein seines traurigen Lebensloses Erwachten erstickte in Bewunderung für den friedvollen, siegesfreudigen Ausdruck, der auf dem blassen, edelgeschnittenen Ge— sicht des schlafenden Mannes lag. Von jener Stunde an ahnte Franz, daß es Siege gebe, die zwar nicht von weißer Frauenhand mit Preisen gekrönt, aber doch des schwersten Kampfes werth seien. „ Ein geheimnißvolles Band, das die Dankbarkeit allein nicht so fest zu knüpfen vermocht hätte, einte den Genesenden fortan mit seinem Pfleger. Obgleich Silas weder die Liebe, noch das Ver⸗ trauen des Knaben zu erstreben schien, so gewann er doch Beides im Fluge. Unter herzbrechendem Schluchzen beichtete Franz, was seine Fieberworte dem treuen Hüter längst verrathen hatten: daß sein Sehnen ihn weit, weit hinweg von diesen heiligen Mauern locke, und daß er mit Gott hadre, der ihn so gegen seinen Willen zu seinem Diener bestellt habe. 0 Silas versuchte es nicht, die Milde Gottes, von der sein Innerstes durchdrungen war, gegen den wilden Knaben zu vertheidigen; er. streichelte nur mit ernstem Lächeln das wirre Blondhaar und statt die schönen Seiten des Mönchslebens zu preisen, um den Trotzigen mit seinem Stand zu versöhnen, veranlaßte er Franz, ihm von der Heimath zu erzählen: von dem Felsenschloß zwischen uralten Baum⸗ riesen, von des Vaters Strenge und Kraft, seinen schweren Rüstungen und starken Rossen, von der Mutter Fleiß und Güte, von den Ge⸗ lagen und Turnieren, von all' dem frohen, regen, bunten Treiben, dessen Erinnerung noch so frisch hinter der weißen Stirn des jungen Gesellen lebte. Beim Plaudern trockneten die Thränen, verrann die Leidenschaft, und ein helles Kinderlachen tönte durch die Kranken- zelle, als Franz seinem Zuhörer erzählte, wie sein Vater den dicken, prahlerischen Reckenfelder, den stolzesten Mann seines Heimathgaues mit einem Stoß aus dem Sattel gehoben, und wie der Arme dann hinkend und mit sauersüßem Lächeln zum Mahle gekommen sei. Trotz seiner frischen Jugend genas der Knabe nur langsam und zeigte sich dabei als ein gar widerwilliger und unbändiger Pflegling, der keinen andern als den liebgewonnenen Bruder an seiner Seite dulden wollte.— Silas wußte es zu bewerkstelligen, daß die Mönche das Lager des Leidenden in seine eigene Zelle rückten, damit er. stets, ohne die ganze Nacht zu wachen, zu dessen Hilfe bereit sein könne.— Hier nun, wo die trauliche, grüngoldene Dämmerung, welche die vor'm Fenster ragenden Nußbäume in dem kahlen Raume woben, der frostigen Stätte allen Schauder nahm, wo am Abend die wilden Tauben einkehrten, um aus des frommen Bruders Hand ö 41 Körner und Brosamen zu picken, wo ein Zweig von Waldrosen oder eine wilde Rebe das ernste Schmerzensbild des Erlösers schmückte, 0 N schmolz der heiße Grimm des Knaben gegen den Aufenthalt im 1 Kloster. Zwar hoffte er im Stillen, daß Gott, den der Mönch so 5 schlicht und schön als den Allmächtigen pries, diese Allmacht einst f an ihm selbst durch Befreiung aus den heiligen Mauern beweisen werde, doch ließ er sich inzwischen den Umgang mit Silas, dessen g Wesen seinem für alles Große und Bedeutende empfänglichen Geist 1 so sehr zusagte, gern gefallen. 5 Allmählig kehrte das Roth der Gesundheit, wenn auch zart und 1 fein, wie der Farbenhauch der Pfirsichblüthe, auf Franzens Wangen 1 zurück, so daß der Genesene, noch ehe der Sommer schwand, in die 0 Bänke der jungen Weisheitsstrebenden eingereiht werden konnte, 0 denen gelehrte Mönchsdocenten den Kenntnißkreis des Trivium und 1 Quadrivium erschlossen. Auch das erschien dem Knaben als eine Welt, in der sich's leben ließ. An dem Zorne des göttlichen Paliden und der himmlischen List des irrenden Helden von Ithaka stählte er sein Herz. Aus den Büchern der Bibel, die er Anfangs mit Widerwillen ergriff, lernte er unter Silas' Leitung die tiefste und heiligste Poesie trinken. Das bedeutungsvolle, große Schicksal eines Moses, das so seltsam ergreifend auf dem Berge Nebo Angesichts des heiß ersehnten, nie erreichten Landes ausklang, der wundervolle Liebesgedanke des stillen Dulders von Golgatha, das gewaltige, herzbewegende Streben eines Paulus griffen dem Knaben tief in die Seele.— So reifte sein Gemüth, während Jahr um Jahr 1 verrann, und der junge Körper in der schwermüthigen Mönchstracht ebenso stolz und geschmeidig emporwuchs, wie er in der farbenfrohen Tracht eines Edelknaben sich entwickelt hätte. f 2 Silas, der längst mit allem irdischen Hoffen und Freuen ab- geschlossen hatte, nahm das Zusammenleben mit dem weichherzigen, heldenmüthigen Knaben als eine Gnade Gottes hin. Gleichwie ein klarer Spätherbsttag, an dem das letzte sinkende Laub noch einmal wie purpurne und goldne Flammen im reinen Sonnenlicht erglüht,. das mit dem Gedanken an die Winteröde vertraut gewordene Herz mit frommem Danke erfüllt, so durchsonnte des jungen Gehringers Liebe das stille, erdenmüde Seelenleben des Mönches.—. Auf der Steinbank unter der Tanne war der Lieblingsplatz dern Beiden. Dort saßen sie gar oft im Abendschein, und während die ee 7ͤ ²˙¹.ü 4 t so 0 mit Ver eides Was daß auern Jilen erstes j er slalt igen n der Mum ungen n Ge. eiben, 0 ungen n men. irn, ue dann . und ling, Seite lönche nit er t sein rung, Hume Abend Hand oder nüͤckte, lt im nch so einst weisen dessen 1 Gt it und 1 nen in die on, u b eine liden N Ehren gebracht hat: die Bescheidenheit. fühle f mit e und eines N, erb olle 8 altige lief in 1 gtract 5 frohen en lb 4 8 igel, 1 vie en einm mla e hel ringe atz der 1 0 die nicht blos bei uns Deutschen, 263 W Hände des frommen Bruders sich falteten, während er dachte und sann, gestaltete sich das Träumen des jungen Gesellen zum Liede: „Ihr nennt es Rast im Klosterschatten Und Orgelsang und Mönchslatein;— Ich nenn' es Tanz auf grünen Matten Und Hörnerklang im Sonnenschein! Ihr nennt's Gebet in stiller Zelle Und Glockenton und Litanei;— Ich nenn' es gold'ne Waldeshelle Und Quellensang und Falkenschrei. Ihr nennt es Ruhe im Entsagen, Geduld und Heil in Gottes Schutz;— Ich nenn' es sehnsuchtsvolles Jagen Und Siegespreis und Heldentrutz. Ihr nennt's Zufriedenheit im Leide;— Ich nenn' es Meer, vom Sturm bewegt;— Glück aber nennen wir es Beide, Was unser Innerstes erregt!“ (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Das Veilchen. Ein Veilchen auf der Wiese stand Gebückt in sich und unbekannt; Es war ein herzig's Veilchen.— In diesen Worten liegt der ganze geheimnißvolle Werth, den das Veilchen ondern seit uralten Zeiten bei den Kultur⸗ völkern überhaupt hatte. Die Rose ist zwar auch stets die Lieblingsblume der Völker gewesen, ihrer Schönheit und ihres Duftes wegen, aber ihr mangelt diejenige Eigenschaft, welche gerade das Veilchen zu besonderen Gebückt in sich und unbekannt blüht das Veilchen im Verborgenen und nur wer sich die Mühe giebt und es sucht, kann an ihrem Duft sich erfreuen. 5 Eine indische Sage berichtet, daß Adam nach 100 jähriger Buße von Gott dem Herrn in Gnaden wieder aufgenommen, Thränen der Freude und seiner Verdienste den Hofrathstitel. der Demuth geweint habe, und daß aus diesen Thränen die Veilchen ent⸗ sprossen seien. So war schon im Alterthum das Veilchen das Symbol der Demuth und Bescheidenheit, daneben aber auch das Symbol der jungfräu⸗ lichen Schüchternheit und Aumuth. Nach griechischer Mythe soll Zeus die ersten Veilchen haben entstehen lassen, um damit seiner geliebten Jo ein sinureiches, duftendes Geschenk zu machen. Bei den alten Griechen, welche große Blumenfreunde waren, stand das Veilchen in ganz besonderem Ansehen; Attika war durch seine Veilchenkultur berühmt. In Athen, der„Veilchenbekränzten“, wie sie Pindar nennt, ver⸗ kauft man auf den Straßen zu allen Jahreszeiten Veilchensträuße und Veilchenkränze. Auch war es bei den Athenern Sitte, Kinder, welche im dritten Lebensjahr standen, an einem bestimmten Jahrestage mit Veilchen zu bekränzen, eine Symbolisirung der unschuldsvollen Kindheit.. Die Römer waren gleichfalls große Liebhaber des Veilchens; wie die Griechen unterhielten sie zur Kultur dieser Blume eigens große Gärten, womit jedoch Horaz nicht ganz einverstanden war; derselbe kadelt es, daß man dem„süßen Unkraut“ zu Liebe die Olivenhaine vernachlässige, ein Beweis übrigens, in welch großem Maßstabe zu Rom die Veilchenzucht be⸗ trieben worden ist. Als die Römer den Luxus auf die Spitze trieben, be⸗ gnügten sie sich nicht mehr damit, den Veilchenduft durch die Nase zu kosten, sie wollten das Veilchen auch schmecken; man würzte deshalb den Wein mitunter mit Veilchensaft. 5 5 5 Aehnliche ce sind die Araber, welche seit alten Zeiten bis auf den heutigen Tag eine Art Veilchenliqueur herstellen, der mit besonderem Behagen genossen wird und schon Mohamed wohl geschmeckt haben soll. Jedoch vernachlässigten sie dabei keineswegs den idealen Werth des Veilchens. Vergleicht doch einer ihrer Dichter das bethaute Veilchen mit dem weinenden blauen Auge der Geliebten. 5 5 Auch in deutschen Landen hat das Veilchen von jeher hohe Bedeutung im Volksleben gehabt. Besonders in Süddeutschland war es im Mittelalter allgemein Sitte, daß man das Auffinden des ersten Veilchens im Frühjahr durch ein Freudenfest feierte: man band dieses Veilchen an eine Stange, pflanzte leßtere auf dem Anger auf und tanzte um sie den Frühlingsreigen. Es war dies ein schöner Brauch, der davon Zeugniß ablegt, wie sehr das deutsche Volksgemüth zu dem bescheidenen Veilchen sich hingezogen fühlte. i i i ahlreiche deutsche Volkslieder den besten de in dae 5 nebst der Rose unser erklärter Beweis. Und noch heute ist das Veilchen f iebling. ir das Herz unserer Frauen durch das einfache vel weh als Bard ein anderes Geschenk, weil wir mit Veilchensträußchen weit mehr, g„ wir 1 der ebe zugleich der Frauenschöne und Frauenbescheidenheit unsere Huldigung darbringen.. Schöne Titel. Ein Pferdearzt in der Kurmark hatte sich sehr viel Mühe bei e ben einer Niehseuch e gegeben und erbat sich als Belohnung Das Generaldirektorium meldete dies dem Könige Friedrich II.; die Vorstellung kam zurück und der König hatte an Stelle des ausgestrichenen Wortes 8 an den Rand— Viehrath geschrieben.— Der bei der Oekonomie des Potsdamer Waisenhauses an⸗ gestellte Herr Sprengel bat um den Geheimeraths- oder Kriegsrathstitel. Darauf antwortete der große König: Zum Geheimrath kann ich Euch nicht machen, weil in meinem Waisenhause nichts Geheimes ist; zum Kriegsrath auch nicht, weil mein Waisenhaus keinen Krieg führet. Aber, um Euch meine Gnade doch zu bezeugen, will ich eine neue Charge creiren und Euch zum— Waisenrath ernennen.— Auf das Bittgesuch des Magazin⸗ verwalters Zorn erging folgender Bescheid:„Seine königliche Majestät von Preußen, Unser Allergnädigster Herr, ꝛc. finden auf die Anlage des Magazin⸗ verwalters Zorn bey dem Tabacks⸗Exportations-Magazin in Halle den Charakter Tabacksrath seinen Geschäften angemessener und wollen da⸗ her demselben solchen eher, als den erbetenen Komissionsraths⸗Titel, gegen die Gebühren wohl beylegen. Potsdam, den 2. November 1784. Friedrich.“ H. 8. Friedrich der Große und Joseph II. Als Friedrich bei seiner persön⸗ lichen Zusammenkunft mit dem Kaiser diesen die Treppe hinaufführte, weigerte sich Joseph, voranzugehen. Nachdem Beide einen Augenblick stehen geblieben, weil Einer dem Andern den Vorrang lassen wollte, sagte der Kaiser:„O, Sire! Wenn Sie anfangen, mit mir zu manövriren, so ziehe ich den Kürzeren, und ich muß gehen, wohin Sie mich haben wollen!“ Und damit ging er voran. H. S. Gegensätze. Essen und Trinken sind nebst der Luft zum Athmen, die ersten Hauptbedürfnisse der animalischen Natur. Wo sie fehlen, da kann ein Geschöpf nicht lange existiren. Indessen vermag der Mensch seinen Körper dahin zu gewöhnen, daß er sich mit einer geringen Quantität dieser Bedürfnisse begnügt, und auch bei einem gänzlichen Mangel derselben eine Zeitlang fortbesteht. Es ist interessant zu sehen, bis zu welchem Grade diesen gebieterischen Forderungen Widerstand geleistet werden kann. Der Hunger wirkt rascher und heftiger bei der Jugend als bei dem Alter; er steigt schneller bei magern als bei fetten Personen. Getränke und kalte oder feuchte Atmosphäre schwächen seine Wirkungen. Schon der römische Schriftsteller Plinius erzählte, daß es orientalische Stämme gäbe, die zwölf Tage ohne Essen und Trinken leben könnten, wenn sie den Duft einer Pflanze(Buphtalums genannt) welche sie von Zeit zu Zeit an Mund und Nase halten, einathmen.— In den Memoiren der Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1700, wird erwähnt, daß nach einem Erdbeben, durch welches ein Dorf bei Neapel verwüstet wurde, ein junger Mensch aus dem Schutte hervorgezogen worden sei, der zehn Tage ohne Essen und Trinken gelegen hatte, und doch noch lebte, weil ihm Luft zum Athmen geblieben war.— Im Jahre 1785 wurden im Piemontesischen drei Frauen lebend aus einem, von einer Lawine verschütteten Stalle gezogen, wo sie 38 Tage lang nichts genossen hatten, als Schnee. Einen grellen Kontrast zu diesen unfreiwilligen Hungerleidern bilden be⸗ rüchtigte Esser, deren es zu verschiedenen Zeiten gab. Ein römischer Geschichtsschreiber erwähnt eines Mannes, der zu den Zeiten des Kaiser Aurelian lebte, und an einem Tage ein ganzes gebratenes wildes Schwein und dazu sechs große Brode verzehrt haben soll.— Im Jahre 1511 aß ein Lanzenknecht in Gegenwart des Kaiser Maximilian ein einjähriges Kalb, welches eben erst geschlachtet war, ganz roh auf, und ver⸗ sicherte dann, daß er noch einen jungen Hammel verzehren könne. Hiervon war ganz Augsburg Zeuge.— 1807 lebte in Nantes ein Gensdarm, welchem der Kaiser täglich 6 Rationen Brod und Fleisch gestattete. Diese reichten aber oft nicht hin, seinen Appetit zu stillen. Zuweilen ward er so vom Hunger getrieben, daß er sich selbst fürchtete, und seiner Umgebung nach⸗ drücklich empfahl, keine Kinder allein bei ihm zu lassen. Einst hatte er sich auf einer Fußreiße durch unmäßigen Genuß von Branntwein berauscht. Er verirrte sich in einem großen Walde, und da er in einigen Stunden nichts zu essen bekam, fiel er betäubt zu Boden. In diesem Zustande wurde er von durchziehenden Bärenführern, welche ihn angeblich für todt hielten, den Bestien zum Fraße überlassen. M. Die Heidelberger Bibliothek. Als Heidelberg nach der Wimpfener Schlacht von Tillys wilden Schaaren erobert wurde, fiel den Ligisten die kostbare Bibliothek in die Hände. Maximilian von Bayern schenkte sie dem Papst Gregor XV. So wurden die kostbaren, altdeutschen Manuskripte ge⸗ rettet, die sonst eine Beute der rauhen Zeit und des Krieges geworden wären, erhalten. Im Jahre 1815 nach den Befreiungskriegen wurden sie wieder nach Heidelberg zurückgebracht. W. G. Die Podagrastiefel. Als Karl V. vor dem Kurfürsten Moritz von Sachsen aus Innsbruck flüchten mußte, hatte ein Dieb seine mit Pelz ge— fütterten Podagrastiefel gestohlen. Die Diener des Kaisers verfluchten den Verbrecher; der Monarch bemerkte aber lächelnd:„Ich wünsche ihm nichts, als daß die Stiefel ihm baldigst passen mögen.“ W. G. Dr. Hayward hatte seine Geschichte Heinrichs IV. geschrieben und dadurch den Zorn Elisabeth's auf sich geladen. Die Königin ließ ihn ver⸗ haften und fragte im Staatsrath, ob man ihm nicht den Prozeß machen könne.„Weßhalb?“ fragte Bakon von Verulam.—„Nun, Hochverraths wegen!“—„Ich würde ihn eher Diebstahls wegen belangen,“ versetzte der Ninister:„Ich erinnere mich, daß ich bei ihm ganze Seiten des Tacitus wiedergefunden habe.“ W. G. N N 4 1 ö g ö Arithmogriph. Aus folgenden Ziffern: 1 1 1I 443515 e 8 191152 12 613 1355 34 38 6136 6512 143 10689 7 6 138.9 1267 7 96 1213 1113015 6 sind elf Worte zu bilden und in derselben Form so zu ordnen, daß die beiden Diagonalen, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, gleiche Worte ergeben. Die elf wagerechten Reihen ergeben: Einen Buchstaben. Hauptstadt des französischen Departements Oberalpen. Eine Pflanze. Den Namen eines deutschen Dichters. Einen Theil der Türkei. . Eine griechische Göttin. Einen weiblichen Vornamen. . Eine Hirschart. Einen Fluß in Deutschland. Ein Bindewort. Einen Buchstaben. Sp O e e —— Dreisilbige Charade. Stets müsse heilig dir die Erste sein, Gabst du sie hin, mußt du sie treu erfüllen, Gefangen gabst du deinen freien Willen;— Sprichst du sie aus, sag' richtig sie und rein. Die beiden Letzten herrschen auf der Erde Und jeder Mensch ist ihnen unterthan; Doch siehst du sie im andern Sinn dir nah'n, So sorge, daß die Schrift erfüllet werde. Freundschaftlich mag ich wohl das Ganze führen, Und gern hab' ich dabei das letzte Wort; Doch laß ich mich am unbekannten Ort, Wo man es ernsthaft führt, doch selten spüren. Quadrat-Räthsel. 1 U Die leeren Felder der vorstehenden Figur sind mit je einem Buch⸗ staben so auszufüllen, daß die vier wagerechten Reihen und ebenso die erste und letzte senkrechte Reihe bekannte Wörter ergeben. Diese sechs Wörter, jedoch in anderer Reihenfolge, nennen: J. Ein vierfüßiges Thier. 2. Ein Buch im alten Testament. 3. Ein Gebirge. 4. Einen aus diesem Gebirge kommenden Fluß. 5. Einen Theil des Fußes. 6. Einen Fluß in Italien. Auflösung des Citaten-Räthsels in voriger Nummer: Die ist es, oder keine sonst auf Erden;— der viersilbigen Charade: Wohlthätigkeit;— der Königspromenade: Das ist die schöne Welt der Liebe! Das ist die Welt der schönen Liebe! Der edlen Herzen nährend Brod, Der süße Gram, die holde Noth! In ihrem Zauberreiche stehen Die Schmerzen in der Wonne Pflicht; Wem nie von Liebe Leid geschehen, Geschah von Lieb' auch Liebes nicht. Ist Einer, der um ihren Schmerz Nicht freudig gäbe Seel' und Herz? K. Immermann. Problem Nr. 406 von J. Berger in Graz. Schwarz. 8 4 2 , 0 8 e,. 2 b 0 d 0 15 g h Weiß zieht an und setzt mit Pen vierten Zuge Matt. ö Auflösungen. Problem Nr. 396 von G. Heinrich in Radomitz. 1) ces Kea eb 2) e38—c4 d7— dé(oder K zieht) 5 3) D714(Dds) f g Der Gegenzug 1).. e7— es wird gleichfalls durch 2) e364 3) Dds Matt erledigt; als zweites Nebenspiel kommt hinzu 1). lösung 1) 2 of wird nur durch 7 et! vereitelt.— Angegeben von F. Osten in G., meister in M. H. Hundt in A., W. Kron in B., R. Blümel in S., Dr. Voelkel in S.⸗M. und Dr. Wehr⸗ Problem Nr. 397 von J. Kohtz und C. Kockelkorn. 1) Jbs— es ba- ba 2) Lg5—h4l KG-cß: 3) 1h42 K zieht 5 4) Tes es(resp. e4) f Varianten: 1).. Koß: 2) Ke7 Kdâd 3) Test Kos 4) Ler Matt. 2).. ba oder Kea 2), Def 4) Tea Matt. Wie die meisten Löser der Aufgabe entdeckten, läßt das Hauptspiel sich in solgender Weise umgehen: 2) Tebif Kos: 3) Leif 4) Tel Matt.— Angegeben von R. Blümel in S, Dr. Wehrmeister in M., F. Osten in G., H. Hundt in A., J. Hintzpeter in S., W. Kron in B. -es 2) Dfif 5) Dat Matt.— Die Schein Das Resultat des Londoner Meisterturniers ist aus der nachstehenden Tabelle ersichtlich, in welcher 1 gewonnen, o verloren und 7½ remis bedeutet. 1123456789 101112013 gew. 1. Bird— 0 ½ 110 002% 2. Blackburne. 1— 111%% 1 0 1 018% 3, Burn 1% h eee 4. Gunsberg.. 1 11 1% 5. Hanham. 1 0 0 0(100 10 00%% 6. Lipschüs. 1 ½% 1 0 0 101010 16½ 7. Mackenzie. 1 ½ 00 1 0 01/0 1% 16 8. Mason. ½ ½%% III 9. Mortimer oO O h 10. Pelocdrk.. 0 1 0% TI TT o e 0 11. Schallopp.. 100 1100101[o 05 125 Taubenhaus. 1 1 U. 1 018 13. Suter. FF Die Entscheidung über den ersien und zweiten Preis hängt d mnach noch von einem Stichkampf von zwei Partieen zwischen Blackburne und Burn ab; brengen diese Parlieen leine Entscheidung, so wird die Preissumme getheilt. Unter denselben Bedingungen stechen Gunsberg und Tauben haus um den dritten und vierten Preis. Der fünste und letz Preis fällt an Mason.— Es ist das erste Mal, schreibt die Daily News, daß zwei geberene Engländer ohne vorhergehenden Stichkampf mit ausländischen Meistern als die beiden ersten Sieger aus einem internationalen Schachmeisterturnier hervorgehen. 5 8 Den letzten Nachrichten zufolge siegte Blackburne in der ersten Stichpartie und machte die zweite remis, wodurch ihm der erste Preis(80 Pfund) zufiel, während Burn den zweiten N (50 Pfund) erhielt. Den dritten und vierten Preis(40 und 25 Pfund) theilten Gunsberg und Taubenhaus, die zwei Remispartieen gespielt hatten. Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur; R. Elch o in Berlin, Lützowstr. 105. ———— 3