zu den Obherhessischen Nuchrichten. Jever Nachdruck aus vem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 50. Gießen, den 12. Dezember. Der Rechte. Von M. Josephy. (Schluß.) „Jreilich wird der Bruder mir dreinreden und es nicht haben wollen,“ gab die Rosel zu,„aber er ist von Herzen gut und ich krieg ihn schon herum. Und wenn er sieht, daß Ihr wirklich ein ordentlicher, ein ganz ordentlicher Mensch werden wollt,“— sie blickte fragend und bittend zugleich zu ihm auf. „Ja, das will ich! Hier versprech' ich Dir's noch einmal und geb' Dir meine Hand darauf,“ sagte der Fleischer⸗Vinz mit fester Stimme.„Ich kann Dir's schon versprechen, Rosel, ich weiß, daß ich's halten werde; ich meine so, ich hab mit dem Besserwerden schon ein Bisserl angefangen, hast Du es nicht gemerkt, daß es mit mir nicht mehr ganz so schlimm ist, wie es früher war?“ 5 „Ob ich's gemerkt habe!“ nickte die Rosel,„und wißt Ihr, Vincenz, grad' daran, weil's mich gar so sehr gefreut hat, da hab' ich so recht gespürt, wie Ihr mir an's Herz gewachsen seid! Und wie bös und traurig bin ich gewesen, wenn ich dann gesehen hab', wie Ihr Euch doch immer wieder habt vergessen können und in Euren alten Fehler zurückgefallen seid. Da hab' ich nichts mehr nach Euch fragen und nichts mehr von Euch wissen wollen, und hab' halt doch nur in einem fort an Euch denken müssen!“ „Und ich, Rosel, wenn ich hab' mit anschaun müssen, wie die jungen Burschen, die reichsten und die angesehensten aus dem Dorfe, sich an Dich herangedrängt haben, da ist ein Zorn und eine Angst in mir aufgestiegen,— ich kann gar nicht sagen, wie es mir das Herz abgedrückt hat! Ich hab ja nicht daran geglaubt, daß Du das Weib von dem armen Fleischer⸗Vinz möcht'st werden wollen, aber ich hätt's auch nicht mit ansehen können, wenn ein Anderer Dich in sein Haus geführt hätt'— ich weiß nicht, was dann geschehen wäre und was ich dann im Stande gewesen wäre zu thun!“ „Ein Anderer, Vincenz?“ sagte die Rosel, und ihre braunen Augen blickten so ernst, wie noch nie zuvor,„das wäre nimmer geschehen! Ich hab's schon einmal gesagt, ich mag Keinen außer Euch, keinen Einzigen und ich bleibe ledig, wenn ich Euch nicht bekomm'!“ 5 f „Rosel, ja, Du hast mich gern,“ sagte der Fleischer⸗Vinz mit dem tiefen, weichen Herzenstone, den seine kräftige Stimme anzu⸗ nehmen vermochte,—„sieh', ich weiß gut, ich verdien s nicht, aber ich glaub' Dir's so gern und all mein Lebtag will ich Dir's danken!— Aber schau', Rosel,“ fuhr er dann mit einem lustigen Lächeln fort,„ich denk, Du kannst's halt gar nicht über Dich bringen, mich„Du“ zu heißen und ich mein' doch, mit dem„Ihr“ brauchtest Du es nicht gar so genau mehr zu nehmen.“ g Rosel's frische Wangen färbten sich noch um ein Weniges höher: „Es ist schon recht,“ nickte sie,„und damit soll es jetzt ein Ende haben; und jetzt, Vincenz, wird es halt am besten sein, wenn Ihr,— wenn— wenn— Du wieder gehen möͤcht'st, sonst und spülte emsig die gebrauchten Gläser aus. kommt der Bruder dazu und es braucht's nicht, daß er uns gleich jetzt beisammen trifft. Ich seh' Dich schon noch später,“ fügte sie tröstend hinzu. „Ja, ja, ich geh' schon, wenn Du mich fortschickst,“ sagte der Fleischer⸗-Vinz,„und vor dem Zusammentreffen mit Deinem Bruder, da ist's mir halt doch ein Bisserl bang! Aber einen Kuß, Rosel, muß ich noch haben; wenn Du mir den nicht giebst und ich geh' fort, so möcht' ich dann denken, ich hab' das Alles nur geträumt und es ist gar nicht wahr, daß Du den armen Fleischer⸗Vinz lieber hast, wie den schönen Fer'nand und den lustigen Lois und den reichen Johann!“ Er brauchte nicht lange zu bitten, der Fleischer-Vinz! Die Rosel legte ihre beiden Arme um seinen Hals und sie hielt ganz still, als er ihr nun einen so recht herzlichen Kuß gab— und noch einen— und noch einen dritten!„Ich werde Dir ein gutes Weib und Deinen Kindern eine gute Mutter sein,“ flüsterte sie, den Kopf an seine Brust lehnend; dann aber richtete sie sich aus seinen Armen empor, schob ihn zur Thüre hinaus, nickte ihm noch einmal zu, als er über die Straße hinüber nach seinem Hause schritt und lief hinauf in ihre Kammer. Dort warf sie sich vor dem kleinen Muttergottesbilde im vergoldeten Rahmen auf die Knie nieder und so sehr das Hühner-, Enten- und Gänsevolk unten im Hofe auch schrie und gackerte, es mußte es sich schon gefallen lassen, daß die sonst so pünktliche Rosel ihm heute eine halbe Stunde später seine Mahlzeit verabreichte. Wohl eine Stunde, nachdem das eben Erzählte vor sich gegangen war, stand die Rosel an dem Schenktisch der großen Wirthsstube Ein Ausdruck innigen Glückes lag auf ihrem hübschen Gesichte; der aber konnte unmöglich durch das hervorgerufen worden sein, was ihr Bruder zu ihr sprach, denn sie hörte gar nicht auf ihn, und wenn sie von ihrer Arbeit aufschaute, blickte sie an ihm vorüber durch das Fenster nach dem kleinen Hause jenseits der Straße. „Und so hab' ich halt allen Beiden, dem Lindenmichel und dem Brake gesagt, daß ihre Buben mir schon recht wären, daß ich Dich aber zu nichts zwingen will und Du Dir selbst den aussuchen sollst, der Dir am meisten ansteht,“ fuhr der Wirth zum weißen Roß in seiner Rede fort.„Und nun überleg' Dir die Sach“, aber ich sag Dir gleich, dies Mal muß ein Ernst gemacht werden und heute Abend sprechen wir weiter davon; morgen müssen die Zwei ihren Bescheid haben und ich laß diesmal nicht mit mir spaßen;— hörst Du, Rosel?“ Die Rosel fuhr zusammen, denn ihr Name war das Aller⸗ einzige gewesen, was sie von der ganzen, langen Rede gehört und verstanden hatte; das mochte sie aber nicht eingestehen, und sie 8 l 5 VF 8 — ä — 8 8 KK TTT * ä—— —— 1 0 dachte wohl auch, es sei nichts besonders Wichtiges gewesen, was der Bruder zu ihr gesprochen habe. „Ja, Ton,“ sagte sie deshalb ganz harmlos. Der Ton fuhr vor Ueberraschung herum und sein Gesicht ver⸗ klärte sich förmlich, auf solche Fügsamkeit war er offenbar nicht vorbereitet gewesen. „Na, das ist schön, daß Du endlich Vernunft annimmst,“ sagte er vergnügt,„ich hab's mir ja gleich gedacht, Du bist ein viel zu gescheidtes Mädel, um bei Deiner Halsstarrigkeit zu bleiben und solche Zwei kommen am End auch nicht wieder. Nun, ich hab Dir Zeit bis heut Abend gelassen, Dir die Geschichte zu überdenken, und dabei bleibt's.“ Die Gläser auf dem Schenktisch klirrten zusammen und die Rosel schaute sehr erschrocken drein, denn jetzt hatte sie gehört, was der Ton zu ihr gesagt, und die Sache schien ihr äußerst verdächtig. Sie wollte sich sofort Klarheit verschaffen und dem Bruder gestehen, daß sie vorhin nicht so recht auf ihn geachtet hatte, aber der Ton, der händereibend und schmunzelnd an's Fenster getreten war, kam ihr zuvor. „Schau nur, schau,“ meinte er in bester Laune,„wie der Fleischer⸗ Vinz da drüben arbeitet und herumhantirt; den Hof hat er zusammen⸗ geräumt, als ob morgen Pfingstfest wär', und ich denk 5gar, jetzt hat er sich Kalk zusammengemacht und bringt den Weißwedel, um sein Haus frisch anzustreichen! Ja, was ist denn da drüben los? Paß auf, Rosel, für den hat sich noch irgendwo ein reicher Schatz ge— funden, und er denkt Hochzeit zu machen, vielleicht noch eher wie Du! Na, gönnen möcht' ich's ihm schon, ich hab' ihn immer gern gehabt und es läßt sich gut ein vernünftiges Wort mit ihm reden, aber so ein armes Mädel, das auf ihn hereinfallen möcht“ das thät mich halt doch dauern; ein so leidlicher Mensch er sonst ist, so wird er doch wohl sein Lebtag ein Lump sein und bleiben und ein rechter —— na, ich hätt' bald was gesagt!“ Die Gläser auf dem Schenktisch klirrten noch heftiger zusammen, denn die Rosel hatte sie alle niedergesetzt und stemmte sich jetzt mit beiden Fäusten gegen die Tischplatte.„Es ist gut, daß Du nicht ausgeredet hast, Bruder,“ sagte sie mit fester Stimme,„denn ich hab' den Vincenz gern und laß nichts Böses auf ihn sagen!“ War der Anton Pertes vorhin bei Rosel's unerwarteter Nach— giebigkeit gar geschwind herumgefahren, so drehte er sich bei dem, was er jetzt zu hören bekam, fast wie ein Kreisel um sich selbst. „Was?“ fragte er in gedehntem Tone und schaute die Rosel mit aufgerissenen Augen an,„was hast Du eben gesagt? Den Fleischer-Vinz, den hast Du— na, ich hab' Dich wohl nicht recht verstanden, oder Du hast es anders gemeint,“ fügte er mit drohend erhobenem Tone hinzu. „Nein, Ton, ich glaub', Du hast mich ganz richtig verstanden,“ sagte die Rosel, und obgleich ihr das Herz gewaltig pochte, sprach sie doch mit ziemlich ruhiger Stimme:„ich hab' gemeint, daß ich den Fleischer-Vinz gern hab', lieber wie Dich und die Th'res und wie irgend jemanden sonst, und daß ich sein Weib werden möcht'.“ „Sein Weib!“ Der Anton schrie das fürchterliche Wort förm— lich heraus und lachte dann laut und höhnisch auf.„Sag' mal, Rosel, bist Du verrückt, oder steht mir der Kopf nicht mehr auf der rechten Stelle! Sein Weib willst Du werden! Das Weib von dem Lumpen, dem nichtsnutzigen, dem Trunkenbold! Es wäre wirk— lich zum Lachen,“ fuhr er, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, fort, „wenn dies das End' sein sollt' von all' Deinem Sperren und Wehren und Apartthun, so, daß man hätt' denken können, es gäbe schon keinen auf der Welt, der gut genug für Dich gewesen wär',— daß Du Dir jetzt den Fleischer-Vinz nehmen willst, einen Kerl, nach dem ein ordentliches Mädel sich gar nicht erst umschauen thät!“ „Ton, Du thust ihm Unrecht, ganz gewiß,“ unterbrach ihn die Rosel und faltete bittend die Hände,„er hat sich schon sehr geändert, und wenn er mich zum Weibe bekommt, so weiß ich gewiß, daß er wieder ein ganz ordentlicher Mensch werden wird, mir zu Lieb'. Schau, wie sein erstes Weib die Schuld davon hat, daß es so mit ihm geworden ist, das sagen ja alle Leute, so will ich, wenn ich sein zweites Weib werden darf, ihn wieder zu einem braven Menschen machen,— Ton, wir möchten so gut, so glücklich zusammenleben, ich und der Vincenz!“ „Und ich sag' nein und in alle Ewigkeit nein!“ schrie der Wirth, hochroth vor Zorn und schlug mit der geballten Faust auf den Schenktisch, daß die Gläser wieder klirrend durcheinander tanzten; „den Vinz sollt' ich Dich heirathen lassen, und das grade jetzt, wo die angesehensten Burschen aus dem ganzen Dorfe dumm genug sind, sich die Füße nach Dir abzurennen! Da müßt ich doch wirklich meinen Verstand verloren haben. Hast Du's denn nicht gehört, was ich Dir eben gesagt hab', daß der alte Brake und der Linden⸗ michel mit mir gesprochen haben wegen ihrer Buben, und daß Du einen von den Beiden nehmen sollst?“ „Nein, Ton, ich hab' vorhin nicht auf Dich gehört,“ gestand die Rosel ein,„hätt' ich's gehört, so würd' ich Dir gleich gesagt haben, daß daraus nichts wird und daß ich lieber in's Wasser spring', ehe ich vom Vincenz lasse, um einen von den Beiden zu nehmen, die ich alle Zwei nicht leiden kann! Schau, Bruder, sei gut zu mir und sag' nicht nein; ich hab' Dir's immer versprochen, wenn Du mich zum Heirathen hast bereden wollen, daß ich's thun will, sobald der Rechte einmal gekommen ist,— jetzt ist der Rechte da— ich hab' den Vincenz sterbensgern!“ „Der Rechte,“ grollte der Anton und lachte gleich darauf wieder höhnisch auf,„der Rechte, mit seinem zerrissenen Häusel, seinen beiden kleinen Würmern und seinem vielen Durst! Unser Vater thät sich noch im Grabe umdrehen, wenn ich dazu meine Zustimmung geben möcht' und sein schönes Geld in solche Hände käm! Freilich, ver⸗ bieten kann ich Dir's nicht, renn' in Dein Verderben, wenn Du's nicht anders haben und nicht auf mich hören willst, schicke die reichsten Burschen fort und nimm Dir Deinen Fleischer⸗Vinz, Deinen Rechten!“ Er drehte sich um und machte ein paar Schritte nach der Thüre zu, die Rosel aber vertrat ihm den Weg. „So mußt Du nicht zu mir sprechen, Ton,“ sagte sie und ihre Stimme, die zu Anfang der Unterredung so fest und sicher geklungen hatte, bebte fast wie vor verhaltenem Weinen.„Du weißt, ich werd' nie gegen Deinen Willen handeln und wenn Du Dich nicht erbitten läßt, so— so werd' ich den Vinz eben nicht heirathen,— aber auch Keinen sonst, ich bleib' dann ledig! Wenn Vater und Mutter noch lebten, Ton, auf den Knien möcht' ich da vor ihnen herum⸗ rutschen und sie bitten, daß ich mir den Vinz nehmen darf und sie wären gewiß nicht so hart, dann noch nein zu sagen! Und Du wirst es auch nicht sein, Ton,“ sie trat ganz dicht an den Bruder heran und schaute mit feuchten, bittenden Augen zu ihm auf.„Schau, wie Du Dir die Th'res genommen hast, da hat sie Dir auch nicht viel an Geld und Gut zugebracht und Du bist doch immer gut mit ihr gefahren, weil Du sie gern gehabt hast und sie Dich auch,— so ist's grad' auch mit dem Vinz und mir, ich brauch' ja keinen reichen Mann, ich hab' schon allein genug,— Ton, Du bist ja immer gut zu mir gewesen, Du wirst mich nicht wollen unglücklich machen!“ Der Wirth blickte etwas sanfter in das flehende Gesicht seiner Schwester, aber als sie jetzt gar leise den Arm um ihn legte, da riß er sich von ihr los und stürmte zur Thür hinaus; die Rosel aber, ja, ich glaub wohl, die eilte wieder hinauf zu ihrem Mutter⸗ gottesbildel im goldenen Rahmen. 1 Die Wirthsrosel mußte ihren Bruder wohl kennen und sich nicht zu viel von ihm und seinem guten Herzen versprochen haben! Ich weiß zwar nicht, auf welche Weise damals die böse Geschichte mit der Rosel und dem Anton Pertes, dem Fleischer⸗Vinz, dem schönen Fer'nand und Lindenmichel's Johann geendet hat, aber wie ich das letzte Mal durch das Dorf ging und auch an dem kleinen Hause des Fleischer-⸗Vinz vorüberkam, da war dieses gar stattlich heraus⸗ geputzt, mit einem neuen Ziegeldach und gestrichenen Thüren versehen. In dem Grasgarten neben dem Hause weideten ein paar Kühe und ein rothwangiger Bube sprang um sie herum; der Bube war augen. scheinlich zum Hüter der Kühe angestellt, er achtete jedoch nicht viel auf sie und zog es vor, das blondhaarige, vernünftige Mädchen zu necken, das mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, singend im Garten auf und abtrabte. Das kleine Bübchen aber, auf dem Arme des verständigen Mädchens, das so lustig krähte und nach Allem griff, nach der Mütze des Bruders, nach den Zöpfen der Schwester, nach den Blumen auf der Wiese und den Vögeln in der Luft,— das hatte so lichtes, krauses Haar und so lachende, braune Augen, daß es unmöglich jemand Anderem gehören konnte, wie der Wirthsrosel und dem Fleischer⸗Vinz! fd, N flach N hör, den du fund gt np, men, 1 t zu wenn will, 1 1 ieder eiden sch geben ber⸗ dus ten 1 en“, 1 hüre ihte ngen werd itten aber utter rum. d sie Du f ruder bau, nicht 1 t it „ 7 1 einen it 1 icli 1 seiner e Da Rosel utter⸗ nicht E e mt. inen 0 Hause erau:⸗ sehen. 1 ö jugen. t viel en dl gart „N f b 1 dab 5 l 1 3 395 Karl Maria von Weber. Ein Gedenkblatt. Wohl nur wenige Komponisten haben eine gleiche Volksthümlichkeit errungen, wie Karl Maria von Weber. Bei Hoch und Niedrig, bei Vornehm und Gering wird die Webersche Musik mit gleicher Vor⸗ liebe gepflegt. Seien es nun die begeisterungerweckenden, lebens vollen Melodien zu einem großen Theile unserer Vaterlandslieder, welche sich in den Männergesangvereinen eine bleibende Stätte erobert, oder die weiheyollen Arien einer schwärmerischen Agathe, die neckischen Lieder des bezaubernden Aennchens, oder die herrlichen Jagd- und andere Chöre. Mit gleichem Vergnügen hören wir häufig von den Lippen der weiblichen Dorfjugend„Wir winden Dir den Jungfernkranz“ und„Kommt ein schlanker Bursch gegangen“, während die Burschen wiederum den herrlichen Jagdchor„Was gleichet wohl auf Erden dem Jägervergnügen“, das Gebet vor der Schlacht, oder sonst eines der Weberschen Vaterlandslieder anstimmen. Sind dann auch die Stimmen nicht immer klar und geschult, die Begeisterung wird doch geweckt, die Stimmung erhoben. Was Weber aber vor manchem seiner begabten Kollegen noch besondere Bedeutung verleiht, ist, daß er in seiner Musik eine neue Richtung einschlug, daß er, von dem Klassischen abweichend, sich der Romantik zuwandte. Wie viele Uebertreibungen und Ausschreitungen sich seine Nachfolger auch gestatteten und, den eigentlichen innerlichen Charakter der Musik verkennend, hauptsächlich Effekt und Tonmalerei im Auge habend, Form und Klangschönheit dabei vernachlässigten— Weber, dem Führer und Meister der romantischen Schule, kann man diese Vorwürfe nicht machen. Karl Maria Friedrich Ernst von Weber wurde am 18. Dezember 1786 zu Eutin geboren. Sein Vater, in jungen Jahren kurpfälzischer Lieutenant, führte theils als Musik- theils als Schauspieldirektor ein unstätes Wanderleben. Nachdem seine erste Gattin Anna von Fumetti, welche ihn mit zwei Söhnen, Fridolin und Edmund, beschenkt hatte, 1783 gestorben und deren Vermögen aufgezehrt war, entschloß sich Anton Franz von Weber zu einer zweiten Ehe. Er hielt sich ge— rade in Wien auf, wo er für die musikalische Ausbildung seiner Söhne Joseph Haydn gewonnen hatte, und hier war es, wo er am 25. August 1785 einen neuen Ehebund mit der achtzehnjährigen Genofeva von Brenner schloß. Jedoch auch in Wien war der Aufent— halt Webers nur von kurzer Dauer. Seine zerrütteten Vermögens— verhältnisse bedingten eine Aufbesserung und aus diesem Grunde nahm er die Stelle eines Stadtpfeifers zu Eutin an. Hier wurde, als ältester Sohn seiner zweiten Ehe, am achtzehnten ö Dezember 1786 Karl Maria Friedrich Ernst von Weber geboren. Bald nach der Geburt dieses Kindes nahm der Vater sein altes Wanderleben wieder auf. Er organisirte eine Schauspielertruppe und verließ bereits im Frühjahr des nächsten Jahres Eutin, um in ver⸗ schiedenen Städten Deutschlands Vorstellungen zu geben. Der kleine Karl wurde unterdessen, so gut es ging, unterrichtet, theils von seinem Vater, theils von seinem ältesten Stiefbruder Fridolin. Auch wurden ihm, wenn der Vater hier oder dort einmal längeren Aufenthalt nahm, Lehrer für die immerhin kurze Zeit der Rast aus der betreffenden Stadt gehalten. So genoß er beispiels⸗ weise in Hildburghausen von 1796—1797 den Unterricht des dortigen Organisten Johann Peter Heuschkel, der zugleich Pianist und Oboist war und dem, wie Weber in späteren Jahren selbst erwähnt, er viel zu verdanken hatte.. Von 1797179 finden wir den Knaben Karl im fürsterzbischöf— lichen Kapell-Institut zu Salzburg, woselbst er den Unterricht Michael Haydn's genoß, während der Vater die Direktion des dortigen Theaters übernommen hatte. Leider verlor Weber hier am 13. März 1798 seine Mutter. Doch suchte deren Sch wester Adelheid dem Knaben den Verlust durch aufopfernde Liebe nach Möglichkeit zu ersetzen. Im selben Jahre 1798 veröffentlichte der Vater auch die ersten„sechs Fughetten“ seines genialen Sohnes, welche dieser unter Leitung Michael Haydn's komponirt hatte. a Aber die alte Wanderlust trieb den Vater auf's Neue weiter. Bereits Ende des Jahres 1798 sehen wir denselben in München. Hier betraute er mit der musikalischen Ausbildung seines Sohnes Johann Nepomuk Kalcher, sowie den, unter dem Namen Valesi als Opernsänger berühmten Evangelisten Walliser. Dieser letzte machte 1 den jungen Weber besonders auf die Erfordernisse des dramatischen Gesanges aufmerksam und ließ ihn gar bald in seiner Vokal- und Instrumental-Akademie öffentlich auftreten. Auch komponirte Weber hier, neben manchen Instrumentalwerken, seine erste kleine Oper „Die Macht der Liebe und des Weines“. Allein vergeblich suchte er nach einem Verleger für dieselbe. Bereits im Jahre 1800 verließ Weber mit seinem Vater München wieder und wandte sich nach Freiberg in Sachsen. Mit dem Direktor der dortigen Schauspielertruppe, Ritter von Steinsberg, bald be— freundet, unternahm es Weber, zu dessen Operntexrt„Das stumme Waldmädchen“ die Musik zu schreiben. Trotz der Reklamen des Vaters hatte jedoch die Oper des jungen, noch nicht vierzehnjährigen Kom⸗ ponisten sowohl bei ihrer ersten Aufführung im Oktober 1800 in Chemnitz, als auch bei der am 25. November desselben Jahres in Freiberg stattfindenden, nur einen geringen Erfolg. Die mißliebigen Kritiken und Angriffe, welche der junge Tondichter auf Veranlassung seines Vaters in wenig taktvoller Weise erwiderte, veranlaßten ihn, Freiberg zu verlassen und eine Kunstreise anzutreten, welche ihn 1801 wiederum nach Salzburg führte. In Salzburg fand Weber bei seinem alten Lehrer Michael Haydn abermals freundliche Aufnahme, und komponirte unter dessen Leitung, neben den„Six petites pièces à quatre mains“, seine zweiaktige komische Oper„Peter Schmoll und seine Nachbarn.“ Um deren Auf— führung veranstalten zu können, begaben sich Vater und Sohn nach Augsburg, wo der zweite Stiefbruder Karls, Edmund von Weber, als Musikdirektor wirkte. Hier wurde denn auch im März 1803 die Oper aufgeführt, doch anscheinend ohne sonderlichen Erfolg. Von Augsburg begaben sich Vater und Sohn bereits im Juni 1803 nach Wien, und hier wandte sich Karl Maria von Weber unter Leitung seines Lehres Georg Joseph Vogler einer ganz neuen Richtung der Musik zu. Vogler wies den jungen Komponisten nach einer mehr äußerlichen, auf Effekt bedachten Richtung hin. Er war der erste, welcher es versuchte, Programme zu illustriren und bestimmte Vorgänge durch Ton und Klangfarbe wiederzugeben, welche sonst außer dem Darstellungsbereiche der Musik lagen. Diese neue Methode blieb von dauerndem Einfluß auf die ganze, auch spätere, Richtung Webers, und dies empfindend, löste er sich nur mit Bedauern von Vogler und Wien, als ihm im Jahre 1804 die erledigte Kapellmeisterstelle am Theater zu Breslau angetragen wurde. Durch allzueifriges Vorgehen in dem neuen Amte und eigen— mächtige, wenn auch verdienstliche, Abänderungen veralteter Ein— richtungen, wie z. B. die Aufstellung des Orchesters, gerieth Weber nicht nur bald in Differenz mit der Direktion, sondern schuf sich auch im Oper⸗ wie Orchesterpersonale eine gefährliche Opposition. Als nun von Seiten der Direktion während einer Krankheit Webers im Frühjahr 1806 einige tüchtige Mitglieder der Oper und Kapelle, worunter auch der Violinist Dozer, ohne sein Vorwissen entlassen worden waren, reichte er seine Entlassung ein, welche er auch sofort erhielt. Der Gehalt von sechshundert Thalern, welchen Weber da— mals bezog, deckte ohnehin die Bedürfnisse des jungen, lebenslustigen Kapellmeisters nicht, um so weniger, da er auch seinen Vater bei sich hatte. Bald war eine Schuldenlast angewachsen, welche Vater und Sohn veranlaßte, die Abreise von Breslau zu beschleunigen. Von zahlreichen Freunden empfohlen, fand Weber ein Unter— kommen bei der Privatkapelle des preußischen Generals Prinz Eugen Friedrich von Württemberg. Als dieser jedoch 1806 zur Armee abreisen mußte, wurde im Februar 1807 auch Oper und Kapelle aufgehoben, und Weber, auf das Wärmste weiter empfohlen, erhielt in Stuttgart die Stelle eines Privatsekresärs beim Herzog Ludwig von Württemberg, jüngerem Bruder des Königs. Hier in Stuttgart entschädigte sich Weber für die mannigfachen Unaunehmlichkeiten, welche seine Stellung mit sich brachte, im heiteren Umgange mit lebenslustigen Freunden, zu denen die Redakteure des Morgenblattes, Hauz und Reinbeck, sowie Professor Schwab, der Bildhauer Dan— necker und Andere, vor Allen aber der Kapellmeister Franz Donzi, zählten. Donzi übte auch auf die musikalische Entwickelung Webers einen gewaltigen Einfluß, während der Dichter Hiemer ihm den Text zu seiner Oper„Silbana“ aus dem früheren stummen Waldmädchen umarbeitete. Ziemlich bedeutender Mißhelligkeiten wegen, die durch den Leicht— sinn seines Vaters herbeigeführt waren, mußte Weber seine Stellung aufgeben und mit seinem Vater Ende Februar 1810 Würtemberg verlassen. Nur wenige Arbeiten waren während seines Aufenthaltes FTT— 8 —— 2 e — —— — ——— 2396 ringer Bedeutung. Von seinem Freunde Donzi mit warmen Empfehlungsschreiben versehen, wandten sich die beiden Weber's zuerst nach Mannheim. Gottfried Weber, sowie dessen Schwager Alexander von Dusch aus Heidelberg, kamen ihnen freundschaftlich entgegen, und bald hatte Weber einen Kreis heiterer Freunde um sich versammelt. Zwei Konzerte, die er am 9. März und 2. April veranstaltete, und in denen er seine erste Sinfonie, die Musik zum„Ersten Ton“, Dichtung von Rochlitz, sowie ein Klavierquartett vortrug, hatten den günstigsten Erfolg und verbreiteten schnell seinen Ruf über Mittel- und Süddeutschland. Dennoch hielt Weber es für zweck— mäßig, von Mannheim nach Darmstadt überzusiedeln, woselbst sich auch sein ehemaliger Lehrer Vogler niedergelassen hatte. Obgleich er nun auch hier in Vogler, dem jungen Meyerbeer und in dem ihm von früher her bekannten Gänsbacher gleichgesinnte Umgangs— genossen fand, klagt der lebenslustige junge Mann in einem Briefe an seinen Freund Gottfried Weber doch über ent— setzliche Langeweile. Von Darmstadt aus unternahm Weber eine Reihe Kunst- und Konzert—⸗ reisen, die seinen emporblühenden Ruhm bald über ganz Deutschland verbreiteten und ihm auch pekuniär bedeutenden Ge— winn eintrugen. Benutzte er doch sei— nen Aufenthalt in größeren Städten gleichzeitig dazu, seine verschiedenen Partituren, besonders die zu Silvana, an die dortigen Theaterdirektoren zu verkaufen. In München verband sich Weber zu ferneren Konzertreisen mit dem Kla— rinettenvirtuosen Bärmann, für wel— chen er das Klarinettenkonzert in Es komponirt hatte. Dies Konzert erregte das Wohlgefallen des Königs Max Joseph in solchem Grade, daß er zwei weitere Konzerte für Klarinette bei Weber bestellte. Auch dessen Oper Silvana wurde hier angenommen und ging mit gutem Erfolg in Szene. Nachdem Weber nun mehrere Jahre hindurch in Mannheim, Heidelberg, Frankfurt, Prag, München, Leipzig, Berlin— wo er im Hause Meyer— beer's gastliche Aufnahme fand— mit außerordentlichem Glück und Beifall konzertirt hatte, auch an den meisten hier entstanden, und die künstlerische Ausbeute dieser Jahre von ge- Johannes Scherr. Nach dreiwöchentlichem Krankenlager endlich genesen, widmete sich Weber mit erneutem Eifer seinen Kapellmeisterpflichten. Seine Zeit und Thätigkeit war auf das Aeußerste in Anspruch genommen. Da einen Tag um den andern Oper war, gab es viele Proben ab⸗ zuhalten, Stücke zu inszeniren, Geschäftskorrespondenz in Menge zu erledigen, nebenbei noch Konzerte zu dirigiren und was der auf—⸗ reibenden Beschäftigungen noch mehr waren. So konnte er zu eigenem Schaffen nur selten kommen. Dabei zog ihn sein Herz mehr und mehr zu Karoline Brandt, der Darstellerin seiner Silvana, hin, mit welcher er sich denn auch nach längerer Zeit des Hangens und Bangens verlobte. Weber's Verhältniß zur Direktion in Prag gestaltete sich indeß immer unliebsamer. Seine wirklich große körperliche und geistige Anstrengung fand keine Anerkennung, und so reichte er Ostern 1816 seine Kündigung ein. Die Hoffnung, in Berlin, wo Weber beim Hofe wie beim Publikum stets günstige Aufnahme fand, und seine Konzerte außerordent— lichen Beifall errangen, durch seinen Gönner, Graf Brühl, eine Anstellung als Kapellmeister zu erhalten, war ge— scheitert. Als er jedoch von dort aus sich gemeinschaftlich mit seinem Freunde lernte er daselbst den Intendanten des Dresdner Hoftheaters, Graf Heinrich Vitzthum, kennen. Dieser fand viel Gefallen an dem genialen Meister. Nach Dresden zurückgekehrt, betrieb Vitzthum mit Energie und günstigem Erfolge die Ernennung Weber's zum Kapellmeister der deutschen Oper in der sächsischen Hauptstadt, und bereits am 13. Januar 1817 traf Weber in Dresden ein. und Frieden erfreuen. Unzählige Hin⸗ dernisse, die seinen eifrigen Bestrebun⸗ gen in den Weg gelegt wurden, Zu— rücksetzungen, die er Morlachi, dem Ka— pellmeister der italienischen Oper, gegen— über zu erdulden hatte, trübten die ersten Jahre seines Aufenthaltes. Gern hätte er noch im ersten Jahre seiner Anstellung seine Stelle mit dem durch den Tod des Kapellmeisters Gürlich in Berlin erledigten Posten vertauscht und hatte auch bereits die Zusage des der größten Theater, wie z. B. in Berlin, trotz aller Hindernisse Grafen Brühl in Händen. Allein das Berliner Theater brannte am die Aufführung seiner Oper Silvana durchgesetzt hatte, wurde ihm endlich im Frühjahr 1813 die Kapellmeisterstelle in Prag angeboten. Nicht ohne inneren Kampf, denn er sah sich genöthigt, deshalb eine projektirte Reise nach Italien, dem Lande seiner Sehnsucht, auf— zugeben, nahm Weber die angebotene Stellung an und lenkte damit in eine ruhigere Lebensbahn ein. Uebrigens hatte Weber, trotz der unruhvollen, anstrengenden Konzertreisen, eine ansehnliche Menge herrlicher Kompositionen geschaffen. So z. B. seine„Ouverture zum Beherrscher der Geister“, seine drei Klarinettenkonzerte, die Hymne: „In seiner Ordnung schafft der Herr“ und eine beträchtliche Anzahl Lieder, Sonaten dc. In Prag trat Weber am 1. April 1813 die Kapellmeisterstelle an, und in der ersten Zeit machte ihm die Neugestaltung der Oper viel zu schaffen. Die erste Sängerin, welche um Engagement bei der Direktion anhielt, war die talentvolle Karoline Brandt, welche der junge Kapellmeister schon in früheren Jahren, gelegentlich der Aufführung seiner Oper Silvana in Frankfurt, als Vertreterin der Titelrolle kennen gelernt hatte. Weber zögerte keinen Augenblick, die begabte Sängerin für die Prager Oper zu gewinnen und begab sich dann, behufs weiterer Engagements, nach Wien. Hier, wo er mit Vogler und Meyerbeer zusammentraf, erkrankte er jedoch an 31. Juli 1817 nieder, und die Kapellmeisterstelle, welche Gürlich inne gehabt, blieb unbesetzt. Da galt es denn, sich in Dresden einzurichten, was ihm nach mancherlei Kämpfen auch gelang. Und als ihm die Zu— sage lebenslänglicher Anstellung geworden, feierte er am 4. Novbr. 1817 seine Hochzeit mit Karoline Brandt, mit welcher er sein ferneres Leben hindurch in glücklichster Ehe lebte. Wenn die anstrengende Winterszeit vorüber, bezog das junge Paar ein Häuschen in dem anmuthig an der Elbe gelegenen Hosterwitz, und hier war es, wo Weber den größten Theil jener Meisterwerke komponirte, welche ihm dauernden Ruhm und Anerkennung verschaffen sollten. Der Be— kanntschaft mit dem Dichter Friedrich Kind hatte er den Text zu seinem„Freischütz“ zu verdanken, aber bevor er denselben vollendet, hatte er schon die Musik zu dem Wolff schen Schauspiele„Preciosa“ geschrieben. Dem ihm noch immer befreundeten Grafen Brühl hatte Weber es zu verdanken, daß sowohl„Preciosa“, am 15. März 1821, als auch der„Freischütz“, am 18. Juni desselben Jahres, in Berlin zum ersten Male über die Bretter gingen. Beide Werke, unter Leitung des Komponisten aufgeführt, errangen einen solch un⸗ eingeschränkten Erfolg, daß Weber auch hier in Berlin, dem Ein— flusse Spontini's entgegen, als Schöpfer der deutschen Oper an e A. 3 N K ei Beer nach Karlsbad zur Kur begab, ü Aber selbst hier konnte er sich im An⸗ 1 fange seiner Stellung nicht in Ruhe 8 5 3 eee eee einem heftigen Gallenfieber und mußte schleunigst die Rückkehr nach Prag antreten. zusehen ist. So bereitwillig nun auch Berlin den Verdiensten Weber's Anerkennung widerfahren ließ, in Dresden hatte er noch manchen — * . e Karl Maria von Weber. Strauß auszufechten. Erst am 26. Januar 1822 erfolgte die erste Aufführung des„Freischütz“, welche ihm einen unbestrittenen Erfolg eintrug und ihm die volle Gunst des Publikums für immer zuwandte. Die Dichterin Helmine von Chezy war es, welche dem Meister den Text zu„Euryanthe“ lieferte. Sobald er von einer anstrengen. den Wiener Reise nach Hosterwitz zurückgekehr war, nahm er mit vollem Eifer die Komposition vor. Uebrigens geschah es auch auf Weber's Veranlassung, daß Wilhelmine Schröder für die Dresdner Oper engagirt wurde, und mit dieser Heroine brachte er am 29. April 1823 zum ersten Male Beethoven's„Fidelio“ zur Auf— führung. Wiederum nach Wien gerufen, um dort am 25. Oktober 1823 zum ersten Male seine„Euryanthe“ zu dirigiren, wurde er von Beethoven auf's Freundlichste empfangen. Seine Euryanthe fand enthusiastischen Beifall. Bei seiner Ankunft in Dresden veranstaltete das Theaterpersonal zur Feier seiner Rückkehr eine sinnig arrangirte Festlichkeit, und als seine Euryanthe am 31. März 1824 hier zum ersten Male in Szene ging, riß sie das Dresdener Publikum zu ungewöhnlichen Beifallsbezeugungen hin. Mehr und mehr verbreitete sich der Ruf Webers, und nicht klein war seine Freude, als ihm sowohl von London als auch von Paris aus der Auftrag ertheilt wurde, auch für diese Städte Opern zu schreiben, und dieselben, gleich seinen bereits bekannten Opern, persönlich zu dirigiren. Schon lange aber war der Gesundheitszustand Webers ein be— denklicher gewesen. Die unstäte Jugendzeit, die Anstrengungen und Aufregungen des Berufes, Alles trug dazu bei, seine Kräfte vor der Zeit zu untergraben. Eine körperliche und geistige Müdigkeit be— mächtigte sich seiner, und nur die Sorge um das Schicksal seiner Gattin und seiner beiden Söhne vermochte ihn, bei der Arbeit aus- zuhalten. Selbst eine Kur in Marienbad brachte ihm nur geringe Linderung seiner Leiden. Mit Besorgniß sahen darum die Seinigen ihn am 7. Februar 1826 Dresden verlassen, um die weite Reise nach London anzutreten, woselbst er seine für die englische Haupt— stadt komponirte Oper„Oberon“, sowie mehrere andere seiner Werke dirigiren sollte. Als große Beruhigung empfand es indeß Webers Gattin, daß dessen Freund und Verehrer, der damals schon berühmte Flötist Fürstenau, ihn unterwegs begleitete. In England wurde Weber überall, wo er sich blicken ließ, mit Jubel aufgenommen, und wäre seine Kränklichkeit nicht gewesen, so würde er sich der ihm dargebrachten Ovationen noch in weit höherem Grade haben erfreuen können. Seine Freischützmelodien waren längst vor seiner Ankunft über ganz England verbreitet und schon da hin— abgedrungen bis in die unteren Volksschichten, und als am 12. April sein„Oberon“ zum ersten Male in Szene ging, erregte derselbe einen wahren Beifallssturm. So liebevoll Weber auch im Hause des Engländers Smart auf— genommen und verpflegt wurde, die Anstrengung des häufigen Di— rigirens mochte doch zu viel für seinen geschwächten Körper sein. Hatte er doch, abgesehen von den vielen Konzerten, seinen Oberon fast ununterbrochen zwölf Abende hineinander dirigirt. Mit wachsen— der Besorgniß sahen seine Freunde, wie seine Kräfte täglich mehr schwanden, und er selbst verzichtete auf sein Benefizkonzert, um seine Rückkehr nach der Heimath beschleunigen zu können. Leider sollte der Meister dieselbe nicht wiedersehen. Er war am Abend des 5. Juni 1826 als Weber sich, hoͤchst ermattet, von seinen Freunden Smart und Fürstenau geleitet, zur Ruhe begab. Die besorgte Bitte, Jemanden während der Nacht bei sich zu behalten, lehnte er entschieden ab, und war ebensowenig zu bewegen, die Zimmerthüre unverriegelt zu lassen. Als er aber am nächsten Morgen nicht zum Vorschein kam, als er auch auf wieder— holtes Klopfen nicht öffnete, wurde im Beisein Fürstenau's seine Zimmerthür erbrochen. Da lag der große Meister anscheinend friedlich schlummernd im Bett, sein Geist aber war entflohen, war eingegangen in das Reich ewiger Harmonien. In der Kapelle St. Mary in Moorfields wurden die sterblichen Ueberreste Karl Maria von Webers am 21. Juni unter großer Theilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Allein nicht für immer sollte er in fremder Erde gebettet sein. Deutschland mochte einen seiner größten Meister auch im Tode nicht auf die Dauer entbehren. Und so wurde denn, freilich erst im Jahre 1844, die Ueberführung der Leiche aus England angeordnet. Weber ruht seit dem 14. Dezember 1844 in deutscher Erde, auf dem katholischen Friedhofe zu Friedrich- stadt Dresden. Im Jahre 1860 wurde ihm in Anerkennung seiner außerordent⸗ lichen Verdienste von unserem größten Bildhauer Ernst Rietschel ein Denkmal gesetzt, welches Weber stehend darstellt, wie er, mit der Linken auf das Notenpult gestützt, auf Harmonien von Oben zu lauschen scheint, während die Rechte des Tonheros den deutschen Eichenkranz umfaßt hält. In der Nähe seiner Wirkungsstätte, dem Opernhaus, hat es Aufstellung gefunden. Das unvergänglichste Denkmal hat sich Weber aber selbst für alle Zeiten im Herzen des Volkes aufgerichtet durch seine unsterblichen Meisterwerke. a Friedrich der Große in der Schlacht bei Torgau. Georg Heinrich von Berenhorst, ein Sohn des Fürsten Leopold J. von Anhalt-Dessau, welcher am 30, Oktober 1814 im einundachtzigsten Lebens- jahre verstarb, nachdem er im siebenjährigen Kriege Adjutant Friedrichs des Großen gewesen war, hat sich durch seine„Darstellungen über Kriegskunst“ eine ehrenvolle Stelle in der militärischen Literatur erworben. Ein im fre— derizianischen Französisch geschriebenes ausführliches Tagebuch über eine Reise, die er in den Jahren 1705 bis 1768 als Begleiter des damals regierenden Fürsten von Anhalt⸗Dessau und dessen Bruder Hans Jürge, sowie zahl⸗ reichem Gefolge, unter dem sich auch die Kammermusiker Rust und Kotowoky, sowie der Bildhauer Ehrlich befanden, durch Italien, Frankreich und England unternahm, ist von hohem Interesse für die Zeit., Sitten und Kriegsgeschichte und enthält ein sehr reiches Material von Mittheilungen über eine große Anzahl berühmter Persönlichkeiten, mit denen er durch seine Stellung in näheren persönlichen Verkehr trat. So sind z. B. seine Aufzeichnungen über Winkelmann und' den Kardinal Albani für die Charakteristik des Ersteren von belangreichem Werthe. Unter dem Datum Bologna, 30. Mai 1766 enthält das Tagebuch Auf; eichnungen, welche, da die dort mitgetheilten Details in den bekannten Ge— schichten des siebensährigen Krieges nirgend erwähnt werden, für die Leser von hohem Interesse sein werden. Bexenhorst berichtet: „Bei unserem gegenwärligen Aufenthalte trafen wir unter anderen Fremden auch den Grafen Reischach hier an, der das Regiment des Prinzen Albert von Sachsen Teschen in dem österreichischen Heere kommandirt. Er hatte gehört, daß der regierende Fürst und ich im preußischen Heere gedient hätten und unterhielt sich mit uns deshalb viel von den Operationen und Waffenthaten des letzten Krieges. „Ich muß Ihnen doch eine Anekdote mittheilen, sagte Reischach zu uns, „die ich mich wohl hüte, aller Welt zu erzählen, und die Sie mir vielleicht nicht glauben werden. sie buchstäblich wahr ist. Bei der Schlacht von Torgau führte ich eine Schwadron Kürassiere und ward nach Niederwerfung des linken Flügels Ihrer Reiterei, beordert, Ihre Jufanterie anzugreifen, die, wie Sie wissen, in Unordnung sich zurückzog. Ich war bei Naher Gelegenheit von meinem Regiment so weit abgekommen, daß ich mich bei einbrechender Nacht mit, meinen Leuten ganz allein befand. Ich machte mehrere vergebliche Versuche, mich mit den Anderen zu vereinigen, wußte aber endlich durchaus nicht mehr, wo ich mich eigentlich befand. Da höre ich plötzlich das Feuer des Angriffs des Generals Ziethen und erfahre durch meine Plänkler, daß die ganze Ebene nach unserer Seite zu sich mit Ihren zurückkehrenden Bataillonen anfuͤllt. Ich entschloß mich also, mich in den Wald zu vertiefen und dort den Tagesanbruch abzuwarten. Endlich hörte der Kampf auf und es trat tiefe Stille ein. Als es etwa 9 Uhr sein mochte, hörte ich feindliche Truppen nahen, die mich im Rücken angriffen. Ich ließ sofort Front machen und og mich nach einer ziemlich schwachen Attacke, dem ein kurzes Handgemenge solgte, noch weiter zurück, weil ich keine Ahnung hatte, wer vor mir war. Nachdem ich die Meinen wieder gesammelt hatte, stellte es sich heraus, daß wir zwei oder drei Mann verloren und dafür einen Lieutenant vom Regiment Bayreuth, Namens von Tschirnhausen, gefangen hatten. Dieser sagte uns, daß er mit dreißig Dragonern auf Patrouille gewesen sei. Der Tag brach an und ich setzte meinen Weg fort, obschon ich erst am andern Morgen nach bundertfachen Umwegen Lanch's Corps erreichte.— Wissen Sie wohl, sagte mir da mein Gefangener, daß Sie eben so leicht wie mich, den König hätten gefangen nehmen können? Er befand sich mit seinem ganzen Stabe mitten im Gedränge und ich diente ihm eben zum Geleite. Ich wiederhole Ihnen,“ fuhr Graf Reischach fort,„daß Sie mir Alles unbedingt auf's Wort glauben dürfen.“ Ich(Berenhorst) lächelte und entgegnete, ich könne die Wahrheit seiner Mitihellungen um so weniger in Zweifel ziehen, als ich mich selbst damals im Gefolge Seiner Majestät befunden habe und ihm deshalb eben. falls so nahe gewesen sei, daß ich sehr leicht damals schon die Ehre seiner persönlichen Bekauntschaft hätte haben können. Mein Bericht, den ich darauf von dem Vorfalle gab, lautete wie folgt: „Nachdem die Schlacht vollständig gewonnen war, befand der König sich an der Spitze des Regiments Bayreukh. Er gab hier die nöthigen Befehle mit dem Bedeuten, er werde den Rest der Nacht in dem Dorfe Neiden zu— bringen, wo er die Rapports erwarten wolle. Darauf fragte er: Wer weiß den Weg dahin? Ein Jäger trat vor, um ihn zu führen, und der König folgte ihm, auf seinen Stock gestützt, im Schritt. In einer kleinen Ent- fernung ritt der Generaladjutant von Krusemark zurück und sagle zu dem Kommandanten dieses Regimentes, Obersten von Bülow: Geben Sie uns eine Eskorte mit, was geschah. Wegen der Finsterniß ritten wir sehr langsam: der Jäger voran, General Krusemark und ich einige Schritte hinter ihm und die Dragoner zuletzt. Nach einer guten Viertelstunde blieb der Jäger se und sagte: Ich sehe in der Dämmerung des Horizontes Reiterei. ir gewahrten sie mit ihm ganz in der Nähe und erkannten sie am Dialekte als 9 Ich gebe Ihnen aber mein Ehrenwort darauf, daß ein der zu hen en für hen in welchem sein älterer Bruder 2399=. Feinde. Dragoner vor! kommandirte der General und wir griffen sie an und schlugen sie in die Flucht.“— Da diese Blätter vieleicht mei An⸗ gedenken überleben werden, so will ich ihnen auch noch das folgende Aben⸗ teuer anvertrauen. Während des heißesten Kampfes, als unsere Infanterie von allen Seiten wich, hielt der König mitten in der Linie. Es war weiter Niemand bei ihm als Graf Friedrich von Anhalt und ich nebst zwei jungen Pagen Namens Podewils und Wagner und einem Reitknechte. Zwei öster⸗ reichische Grenadiere, die von ihrer Kompagnie desertirt waren, flüchteten sich zu uns. Wie steht es drüben bei Euch? fragte sie der König. Der Maschall führt soeben in eigner Person die Reserven in's Gefecht, versetzten ste. Unsere Truppen wichen unterdessen immer mehr, so daß zwischen dem Könige und dem Feinde Niemand zurückblieb. Der Monarch war also auf einer kleinen Anhöhe dicht am Saume des Waldes, dem Dorfe Süpitz gegen⸗ über, gewissermaßen allein, und Graf Anhalt an seiner linken Seite, ich acht bis 12 Schritte hinter ihm. Ich sah grade nach einer anderen Seite, als Graf Anhalt mir in großer Angst zurief: Berenhorst! Ich blickte auf und sah den König, der die Zügel fahren ließ und zurücksank. Ich eilte rasch hinzu, um ihn vor dem Sturze zu bewahren. Graf Anhalt konnte mir wegen seines verstümmelten Armes nicht helfen. Der Reitknecht und die Pagen sprangen von den Pferden und liefen herbei. Einer von den beiden Letzteren wurde zu den Füßen des Königs schwer verwundet, in dem⸗ selben Moment auch des Königs und mein Pferd, denn wir waren ganz nahe an der vorrückenden Linie des Feindes. Wir mußten darauf bedacht sein, uns ohne Aufsehen in Sicherheit zu bringen. Der Reitknecht zog die Pferde in den Wald, ich hielt den König in meinen Armen und so trugen wir ihn ohnmächtig zurück. Eine Kugel, die ihn auf der Brust getroffen, hatte ihn des Athems beraubt; am andern Morgen fand man sie in seinem Hemd: sie war zuerst durch einen mit Pelz gefütterten Mantel, dann durch den Ueberrock, Leibrock und Weste, die zugeknöpft war, gedrungen. Ohne diese Bollwerke hätte sie ihn zweifellos getödtet, da sie aus so großer Nähe ab⸗ geschossen war. Nach fünf bis sechs Minuten kam der König wieder zu sich. Voyez, sil y a du sang, sagte er zu mir. Ich knöpfte ihn auf und fand Nichts. Ma vie est ce qui m'importe aujourd'hui le moins, fuhr er fort: allons faire notre devoir, malheur à ceux qui ne le font pas! (Auf mein Leben kommt es mir heute am wenigsten an. Laßt uns unsre Pflicht thun! Verderben über diejenigen, welche sie nicht thun.) R. P. Lose Blätter. Johannes Scherr(siehe Illustration), dessen Bildniß wir unsern Lesern vor's Auge führen, ist am 22. November 1886 aus dem Leben ge⸗ schieden. Seine Verdienste als Kultur- und Literarhistoriker sind gleich nach dem Tode so eingehend in allen Tagesblättern gewürdigt worden, daß wir uns mit der Anführung weniger Daten und Ereignisse aus seinem Leben bescheiden können. Johannes Scherr war am 31. Oktober 1817 auf Hohen⸗ rechberg in Schwaben geboren, studirte in Tübingen, leitete hierauf gemein⸗ schaftlich mit seinem Bruder, dem Taubstummenlehrer Thomas Ignatz Scherr, eine Erziehungsanstalt in Winterthur und siedelte zu Anfang der vierziger Jahre nach Stuttgart über. In die revolutionäre Bewegung des Jahres Achtundvierzig trat er mit allem Eifer ein und wurde zum Abgeordneten für die würtembergische Kammer gewählt. Er galt in Süddeutschland für einen der hervorragendsten Führer der demokratischen Partei und erstrebte aus allen Kräften das Zustandekommen einer Reichsverfassung. Nach der badischen Revolution wurde Scherr mit einer Anklage bedroht und mußte sich nach der Schweiz flüchten. Kaum hatte er hier ein Asyl gefunden, so verurtheilte man ihn in der Heimath zu 16 Jahren Zuchthaus. Die Schweiz gewährte dem Flüchtling nicht nur ein Asyl, sondern auch einen Lehrstuhl der Geschichte am eidgenössischen Polytechnikum zu Zürich. Hier entwickelte er eine segensreiche Lehrthätigkeit und erwarb sich auch als Verfasser der all⸗ gemeinen Literaturgeschichte, der deutschen Kultur- und Sittengeschichte und vieler anderer kultur- und literarhistorischer Werke mannigfache Verdienste. Auch nach der politischen Neugestaltung Deutschlands verblieb er in dem ihm liebgewordenen Kreise und starb zu Zürich in demselben Lebensalter, von der Erde abgerufen wurde. R. E. urcht vor dem Tode. Die Mächtigen der Erde haben oft eine kindische Fu 7 dem Tode. Hier zwei Beispiele dafür: Die Kaiserin von Ruß⸗ land, Katharina II., beherzt und kühn in Gefahren, konnte doch den Ge⸗ danken des Todes nicht ertragen. Sie vermied Alles, was sie daran er⸗ innern konnte, sie haßte die e Farbe, und bei der Hoftrauer trug man entweder Uniform, oder sie wich der tiefen Trauer gänzlich aus, indem sie sich auf eines ihrer Lustschlösser begab. Alle Leichen mußten in St. Petersburg Morgens vor sechs Uhr(ehe sie aufstand) aus der Stadt geschafft werden.— f 1 9 5 8 a Auch der Fürst Kaunitz, österreichischer Staatskanzler, theilte diese un⸗ beschreibliche Furcht. Starben Leute in seinem Hause, so durfte er nichts davon erfahren. Als im Jahre 1792 der Kaiser Leopold II. gestorben war, wagte Niemand, dem Fürsten diesen Trauerfall zu melden. Endlich faßte sich der Freiherr von Spielmann ein Herz und indem er dem Fürsten einige Papiere vorlegte, sagte er:„Der Kaiser unterschreibt nicht mehr.“— Fürst Kaunitz erwiderte kein Wort und unterschrieb. NM. Die Zaporoger Kosaken. Wer das Wort„Kosak“ aus dem Tatarischen ableitet 5 6 15 Arier oder Räuber übersetzt, hat 2 die Geschichte für sich; denn die wilden Zaporoger, die ältesten Kosaken, deren Erwähnung geschieht(urkundlich besaßen sie 1304 einen Ataman Kritikin), 4 bildeten am südlichen Ufer des Dnjepr einen mächtigen Räuberstaat. Man hätte glauben sollen, daß derselbe keinen Bestand haben könnte, da er auf kommunistisch-demokratischen Grundsätzen beruhte. Ungeachtet ihrer Ehelosigkeit— ein Gesetz verbannte die Weiber aus ihrer Republik— nahm deren Bevölkerung zu. Sie schleppten nämlich aus ihren Raubzügen alle Knaben unter zwölf Jahren mit sich, um sie ihrem Staate einzuverleiben. Auch erhielten sie durch Flüchtlinge aller Nachbarländer reichen Zuwachs; außerdem bewog die Aussicht auf Raub verwegene Abenteurer aller Nationen sich ihnen anzuschließen. Wie bei den späteren Flibustiern der Antillen mußten die Fremdlinge ihre Namen, Kleidungen und Gewohnheiten ablegen, um nur ein Zaporoger zu sein. Ja, dies genügte nicht einmal; sie mußten auch Proben ihres Muthes und ihrer Geschicklichkeit in der Waffenführung beibringen. Man hat die Zaporoger oft mit den ungarischen Haidemaken zusammengeworfen; die letzteren haben jedoch nie einen Staat gebildet, wie jene, die stets dreißig⸗ bis vierzigtausend gut bewehrte Krieger in das Feld stellen konnten. Die Beutezüge dieser unbeweibten Räuber waren so erfolg⸗ reich, daß sie den Boden ihres Landes nicht zu bebauen brauchten und ge⸗ wissermaßen nur Pferdezucht trieben; denn Pferde und Waffen bilden ihr einziges persönliches Eigenthum, alles Andere war gemeinsam. Der Jagd lagen sie mit Leidenschaft ob, doch durfte diese sie nicht mit ihren Pflichten gegen den Staat in Kolliston bringen. Außer vierzig Kriegsburgen zu je tausend Winterwohnungen, deren jede sechs Meter in der Länge und fünf in der Breite besaß, bewohnten sie nur Zelte. Ihr Bett bildete ein Bärenfell. Aehnlich wie bei den Flibustiern herrschte bei ihnen Waffenbrüderschaft; bei den Zaporogen wurde Jedem bei seiner Aufnahme ein Waffenbruder zu⸗ ertheilt. Sie mußten schwören, ihn nie in Gefahren zu verlassen, ihn bis zum Tode zu vertheidigen. Ihre Oberhäupter wurden von ihnen selbst ge⸗ wählt; doch waren sie gezwungen, denselben unbedingt zu gehorchen. Eine Auflehnung wurde mit dem Tode(dem Lebendig-Begrabenwerden) gebüßt. Furchtbar war auch die Strafe der Untreue, des Diebstahls in der Krieger⸗ burg. Der Ueberführte wurde halb nackt an den Schandpfahl gebunden, ein Kantschu lag daneben, mit dem jeder vorübergehende Zaporoge ihm drei Hiebe geben mußte. Selten überlebte einer diese Strafe. Dem Staat stand der Ataman vor, der die Raubzüge entwarf und das Heer führte. Als die Russen sich zivilisatorisch ihren Grenzen nabten, war ein Zu⸗ sammenstoß nicht mehr zu vermeiden. Die Zaporogen zogen ihren Feinden entgegen; aber Potemkin hatten ihren Untergang beschlossen, und die Heer⸗ schaaren, die Pugatschen's Aufstand niedergeschlagen, wurden nicht durch die Reiterschwärme erschreckt, die mit wildem Geschrei heranstürmten. Vergebens kämpften die Zaporogen mit verzweifelter Kraft; Kartätschen schmetterten ihre Reihen nieder. An der Taktik der Russen brach sich die wilde Tapferkeit der Herren der Steppe, wie sich die Zaporogen genannt hatten. Sie wichen und erneuerten am folgenden Tage wieder den Kampf— mit demselben Mißerfolg. Nachdem die Hälfte ihrer Streiter gefallen war, zogen sie sich auf türkisches Gebiet. Der Ataman Sider Bialy mochte nicht weichen. Als Potemkin 1788 Oszakow belagerte, verrieth man Bialy's Aufenthaltsort, eine Insel im Dnsepr. Man hob den Ataman auf und brachte ihn zu dem Günstling Katharina's II. Der listige Alte wußte indessen Potemkin so für sich ein— zunehmen, daß dieser ihm die Freiheit schenkte. W. G. Ein Duell in Versen. In betreff der geistigen Bildung stehen die grönländischen Eskimos beirächtlich höher als ihre Stammverwandten im übrigen Nordamerika und die Polarvölker von Nordasien. Ihre natürliche Munterkeit spricht sich oft in Tänzen und Gesängen aus; vorzugsweise be⸗ grüßen sie damit die Rückkehr der Sonne nach der langen Winternacht. Kann somit dieser Tag als ein religiöses Fest angesehn werden, so wählen ihn die Eskimos auch gern, um poetische Zweikämpfe auszufechten, durch welche nach einer nur ihnen eigenthümlichen Sitte Beleidigungen unter ihnen ausgeglichen werden. Der Verletzte fordert nämlich in einer eigens dafür angesetzten öffentlichen Versammlung seinen Widersacher durch einen Gesang heraus, in welchem er denselben möglichst herabzusetzen und lächerlich zu machen sucht. Der Angegriffene bleibt die Antwort nicht schuldig und beide singen so lange hin und her, bis Einer von ihnen nach dem Urtheil der Anwesenden überwunden ist. Der Sieger erhält dadurch das Recht, sich von dem Eigenthum des Widersachers das Beste zu anneckiren und der Besiegte wird von Allen verlacht und verspottet. Th. Bd. Ein Jäger von einem Fisch erschossen. Dieser anscheinend unmögliche Fall ereignete sich kürzlich in County Comanche in Teras. John Franklin — so hieß der Jägersmann— hatte einen Fisch gefangen und hing den⸗ selben an sein Gewehr. Die Bewegungen des Fisches bewirkten das Nieder⸗ schlagen des Hahnes, wodurch das Gewehr losging. Der Schuß ging dem unglücklichen Fäger durch den Leib und tödtet ihn auf der Stelle. Th. B. Eine Schachpartie. Ehrenfried, dritter Pfalzgraf am Rhein(regierte von 989— 1035), wurde vom kaiserlichen Prinzen Otto III. zu einer Partie Schach aufgefordert. Man wurde einig, daß derjenige, welcher drei Partien hintereinander gewinne, von dem Verlierer etwas nach seinem Gefallen fordern dürfe, und ihm solches gewährt werden solle.— Ehrenfried gewann drei Spiele hintereinander, und im Scherz verlangte er dafür Otto's schöne Schwester, Mathilde, zur Gemahlin. Aus diesem Scherz wurde Ernst, denn Otto bot Alles auf, um die Heirath zu Stande zu bringen; und sowohl er, (nachdem er Kaiser geworden war) wie auch der Kaiser Heinrich II. ver⸗ mehrten die Einkünfte und vergrößerten das Land Ehrenfried's ansehnlich. N. 5 —— e . . . 9 400. Logogriph. Wir Alle sind, was uns das Ganze nennt; Ob fern, wo unter glüh'ndem Firmament Der schwarze Sklave baut die ersten Vier, Ob in dem ungeselligen Revier, Wo Zwei, Drei, Vier auf Land- und Wasserwegen, Dem Fortschritt oft die en Fallen legen. Ob wir von Zwei, Drei, Vi Mit Windeseile durch die Länder jagen, Ob wir den Schutz des heimischen Verstecks Noch nie verlassen um die ersten Sechs— Doch mag das Ganze Aller Titel sein, Denn Alle haben wir ein Ziel gemein. Buchstaben-Räthsel. Aus folgenden Buchstaben: a 2. 2 b e e ie e eee e d ed k N nn nen e e e e o e d d db ene VV Su Set ee e U e 2 ier, Fünf, Sechs getragen soll ein auf die Spitze gestelltes Quadrat gebildet werden, dessen Diagonalen den Namen einer Hauptstadt ergeben. Die 13 Reihen ergeben folgende Wörter: 1. Einen Buchstaben.— 2. Einen Fluß im südlichen Rußland.— 3. Einen Planeten.— 4. Eine Stadt am Bodensee.— 5. Eine bedeutende Handelsstadt in Ostasien.— 6. Ein weitverbreitetes Familien⸗Journal.— 7. Die Hauptstadt selbst.— 8. Eine Rückerinnerung.— 9. Einen bekannten Ort am Vierwaldstätter See.— 10. Den Namen eines verstorbenen deut⸗ schen Komponisten.— 11. Einen unabhängigen Staat in Ostindien.— 12. Ein Geschlechtswort.— 13. Einen Buchstaben. Dreisilbige Charade. Zehn Brüder gleich an Farb und Namen zwar, Doch— ungleich ihrer Größe nach Benennen dir mein erstes Silbenpaar.— Geschäftig sind sie Tag für Tag; Hier wüfsen sie die schwerste Arbeit thun, Dort ist ihr Tagewerk ein Spiel— Doch, wenn ihr Herr befiehlt, sich auszuruhn, So folgen sie auch diesem Ziel. Die Dritte— einst der freien Männer Schmuck, Was ist sie jetzt?— Nur eine Qual Der Mode unterthänig, oft ein Druck Bei einer übereilten Wahl. Der eine von den Brüdern hat das Recht, Daß ihn mein Ganzes schirmt und schützt, Wenn ihn mit seinen Brüdern im Gefecht Ein blankgeschliffener Stahl umblitzt. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Kind! es wäre dein Verderben, Nur daß mir's so leicht gelinget, Und ich geb' mir selber Mühe, Will mich dennoch fast betrüben; Daß dein liebend Herz in Liebe Und ich denke manchmal dennoch: Nimmermehr für mich erglühe. Möchtest du mich dennoch lieben! — der dreisilbigen Charade: Wörterbuch. Skat-Aufgabe Ur. 3. N„ 8 * 0 E e Pique⸗Solo und wird Schneider, ehe sie zum Stich kommt. Lage der Karten und der Gang des Spiels? Wie war die lichkeit beider Kompositionen eine außerordentlich große nicht nur ist der ganze Lösungs⸗ Original und Nachbildung. Das folgende Problem von M. Kürschner in Nülrnberg: Weiß: Kbs. Dgé, Lha, Ses. da, Bed, h2 Schwarz: Ka5, Lis, Sas, ds, Bag, aß ot, g7. Matt in drei Zügen, wird uns von Herrn G. Chocholous mitgelbeilt, indem er uns auf die auffallende Uebereinstimmung desselben mit Problem Nr. 414 dieses Blattes aufmerksam macht. In der That ist die Aehn⸗ 1 1 4 5 inhalt derselben identisch, sondern auch die Aufstellung von 11 Steinen ist in beiden Stellungen lunter Vertauschung von rechts und links] genau die nämliche. Nur der Einleitungszug ist bei Herrn Scheuler ein anderer, nach unserer Ansicht die Idee etwas mehr verhüllender, als bei Kllrschner, und wir hätten es für nölbig gehalten, das Problem Nr. 414 mit der Ueberschrift „Variation eines Problems von M. Kürschner“ zu verseben, wenn das letztere uns früher bekannt gewesen wäre. Herr Scheuler möge indessen das Kürschner'sche Problem gekannt haben oder nicht, in keinem Falle würden wir seine Stellung als ein Plagiat be⸗ zeichnen, denn es steckt in derselben ohne Zweifel ein eigener Gedanke und eigene Kompositions⸗ arbeit[Untersuchung auf Correctheit mit Bezug auf den 1. Zug] wenngleich beide als ziemlich unbedeutend anzusehen sind. 2 ee e 2 ö ö N 0 ö 1 Herr Chocholous hat im Laufe seiner Problem Nr. 423 Ibn 10 f 5 8 ildung“, welche er in der ach ⸗ J. Brown of Bridport. zeitung erscheinen läßt, einige sehr auf⸗ Schwarz. fallende Beispiele derartiger Ueberein⸗ stimmung gebracht, und auch in früberer Zeit sind solche Fälle bekannt geworden Man kann aber nicht vorsichtig genug sein mit der Bezeichnung des Plaglats, denn es ist sehr wohl möglich, daß zwei vollständig identische Composttionen don ganz verschiedenen Autoren selbstständig dargestellt werden Das schlagendste Bei⸗ spiel für diese Bebauptung, welches wir noch nirgends erwähnt fanden, ist sol⸗ gendes. Etwa im Jahre 1882— es mag wohl . . e i „ D S b 5 en JJ ,,,. studirt— und das Studium derselben ist ein äußerst lohnendes— wird finden, 24 2 2 2 auf welchem Wege John Brown zu der Weiß. 1 1 7 9 5 5 Bee m 4 5 7 elangt ist; für uns besteht ni er Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. eiseste Zweifel, daß er diefelbe ganz selbst⸗ 1 Probe 14 1285 5 75 wir 5 roblem früheren Datums kennen, wel⸗ Problem Nr. 424. ches auch nur eine Spur dieser Idee Schwarz. 0 55 ser Ert FR=( m so größer war unser aunen, ,... e, als wir in der 1878 erschienenen Pro⸗ 2 2 2 2 blemsammlung eines anderen Autors , e. 9 das nebeustehende Diagramm erblickten, ., N. von welchem wir mit nihezu absoluter ,. e, Sicherheit nachweisen können, daß seine ,,,, Entstebung nach dem Jabre 1868 er⸗ ,, v. ., 7 2, giat bezeichnen? Die Verführung dazu ,, 4. war groß genug, denn die eine Position 2 2 2 2 ist das treue Spiegelbild der anderen 2, e,[die kleine Abweichung in der Stellung .,,.. 1 bi 95 85 ga ber 5 1 5 eutungslos] und die Lösungen beider 2,, stimmen bis in die kleinsten Details. ,. ,.. Wenn dieses Stück in einem Problem⸗ 9,., turnier concurrirt hätte, und die Preis. ,,,, richter durch ibre Kenntniß der Brown'⸗ , 2, 2 schen Composition sich verleiten ließen, , e g, dasselbe kurzweg mit der Bemerkung: 2,,.„Plagiat nach J. B. of Bridport“ zu —— 1 den Todten zu werfen, so wäre ihnen Weiß eine 190 a enn de e Wei i i untergelaufen. Denn der Componist des⸗ Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt. selben it— Samuel Lob Ohe 5 Strategy No. 46,] der ersindungsreichste Kopf auf dem Gebiete der 64 Felder, und keinem Menschen wird es in den Sinn kommen, daß Loyd die Erfindung eines Anderen sich aneignen, und gar noch in solch plumper Verhüllung als sein eigenes Opus auslügen werde.— Was man aber bei einem Loyd für unmöglich hält, sehe man bei einem weniger bedeutenden Componisten oder bei einem Anfänger nicht gleich als zweifellos an; es ist sehr wohl möglich, daß auch dieser ein erfindungsreicher Kopf ist und ebenso grausam wie ungerecht ist es, ohne die zuverlässigsten Beweise den Vorwurf des literarischen Diebstahls auszusprechen. Es giebt Problemideen, die man nie vergißt, wie flüchtig man sie auch kennen gelernt habe, und die unbewußte Reproduction einer solchen mag wobl sehr Vielen schon passirt sein. Dieser Fall, sowie der, daß mehrere Componisten ganz unabhängig von einander auf die gleiche Idee verfallen, ist so häufig dagewesen, daß wir es für schwierig halten, auch nur 100 Probleme nachzuweisen, denen kein Bendant zur Selte gestellt werden könnte, und wir sind der Meinung, daß das Kapitel„Original und Nachbildung“, so wie es in den Artikeln der Schachzeitung aufgefaßt wird, nahezu die ge⸗ sammte Problemliteratuc umsaßt. Eine große Zahl von zierlichen Schlußwendungen, die zugleich das Gepräge origineller Erfindung tragen, befindet sich bereits in den alten und ziemlich seltenen Problemsammlungen von d' Orville und Kling, welche wir erst im vorigen Jahre kennen gelernt und studirt haben; alle diese Schlußwendungen waren uns län jst be⸗ kannt, und zwar aus Compositionen viel späteren Datums. Sollen wir die letzteren deshalb Plagiate oder auch nur Nachbildungen nennen? 5 Wir meinen, daß es viele Componisten giebt, deren Erfindungsgabe mit der von d'Orville und Kling wetteifern kann; die Erfindung einer hübschen Problemidee ist etwas besonders Großes eben nicht. Mindestens ebenso wichtig wie die Idee, ist die Ausarbeitung derselben, welche sogar das Beste der unbestreitbar eigenen Erfindung enthalten wird, denn jeder Componist darf darauf gefaßt sein, daß die Idee, welche ihm die ursprüngliche Anregung zu seiner Composition geboten hat, von der Kritik als eine längst dagewesene bezeichnet wird. Wir wollen hiermit weder von der selbstßänd'gen Erfindung abschrecken, noch zu dem schonungslosen Plündern fremder Ideen ermuthigen; nur warnen möchten wir vor dem vor⸗ eiligen Gebrauch der Worte„Nachbildung“ und„Plagiat“. Nicht bei der Idee, sondern bei der Ausarbeitung derselben muß der Vergleich gemacht werden, sobald es sich um die Frage handelt:„Original oder Nachbildung?“ und bei diesem Vergleiche ist festzustellen, worin das unbestreitbare Eigentbum des Componisten besteht. Nur dann, wenn ein solcher Ver⸗ leich gar keine charakteristische Unterscheidung ergiebt, nur dann darf die rage aufgeworfen werden:„Original oder Nachbildung?“ Die Beantwortung dieser Frage aber muß dem Componisten Überlassen bleiben. denn die Möglichkeit, daß man ihm mit dem * Nachbildung oder des Plagiats ein schweres Unrecht zuflige, ist in keinem Falle ausgeschlossen. Aus der Schachwelt. Die„Brüderschaft“ erscheint von Neujahr ab als wöchentliche Schachzeitung, heraus ⸗ Pas d von E. Schallopp und A. Heyde in größerem Format, acht Druckseiten stark— Preis des Jahrganges(f. Deutschland und Oesterreich) 9 Mark.— Bestellungen an die Buch⸗ 8 Hacker, Nieper und Comp. in Braunschweig, Beiträge an A. Heyde in Berlin, ilhelmstraße 54, III zu richten. Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105.