L Dbs, obern. mens fer zu nebst r auch Ueber bis zur Taille. zu den Oberhessischen UMachrichten. Jeder Nachsruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 8. August. Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. (Fortsetzung.) VII. Heddenheim hatte sich bei Frau von Hartwitz melden lassen, und als er dann in ihr Zimmer eintrat, erhob sich die Dame steif vom Sopha und begrüßte ihn mit einer altmodischen Verbeugung. „Ich muß um Entschuldigung wegen meiner Verspätung bitten, gnädige Frau,“ sagte er. „Ich habe allerdings seit einer halben Stunde auf Sie ge— wartet,“ erwiederte sie, ohne ihn vollenden zu lassen.„Pünktlichkeit ist nur eine gute Eigenschaft alter Leute. Die Jugend geht leicht— sinnig mit der Zeit um, wir wissen, daß wir nicht mehr viel davon übrig haben.“ „Im Allgemeinen glaube ich, diesen Vorwurf nicht zu verdienen,“ versetzte er lächelnd,„heute war es das unerwartete Wiedersehn mit einem Freunde, das mich nicht genau auf die Stunde achten ließ.“ „Lieber, Entschuldigungen hat man immer,“ behauptete Frau von Hartwitz,„doch genug, nehmen Sie Platz.“ Sie wies auf einen Stuhl und setzte sich selbst wieder steif und hoch aufgerichtet aufs Sopha. Sie war eine eigenthümliche Er⸗ scheinung; auf dem breitschultrigen, kräftig gebauten Körper saß ein Kopf mit männlichen Zügen. Das graue Haar legte sich, in eine feste Locke gesteckt, an die Wange und war dann mit einer sehr großen, mit vielen weißen Schleifen versehenen Haube bedeckt. Das Kleid, von einem schweren, schwarzen Stoff, war ohne jede Rücksicht auf die Mode gefertigt, und ein großer Kragen bedeckte es Obgleich Heddenheim Frau von Hartwitz ja schon früher gesehen, so waren seitdem doch mehrere Jahre vergangen, und die eigenthümliche Erscheinung frappirte ihn jetzt. „Herr Gustav Heddenheim hatte die Güte, mir bisweilen in Geschäftssachen hilfreich zu sein,“ begann sie.„Ich bedurfte nicht viel, ich verstehe mich so ziemlich allein darauf, hier und da hatte ich denn aber doch seinen Beistand nöthig. Ich glaube, Sie bei einer solchen Gelegenheit auch einmal bei Ihrem Onkel gesehen zu haben.“ n Heddenheim verneigte sich zustimmend. „Ich habe seinen Tod bedauert, er war ein rechtschaffener Mann und ein klarer Kopf, zwei seltene Eigenschaften, am seltensten vereint.“ Ihrem scharfen Auge entging nicht das kaum merkliche Lächeln um Konrads Lippen.„Ja, ja, mein Herr, sehr seltene Eigenschaften,“ wiederholte sie. Dann fuhr sie fort:„Es ist da so ein kleines Gut an meiner Grenze gelegen, das zu klein ist, um darauf zu leben und zu groß, um darauf zu verhungern. Ein ganz unpraktischer Mensch, ein Herr Berting, hatte sich, ohne irgend etwas von der Landwirthschaft zu verstehen, mit wenig Geld das Ding auf den Hals gekauft, sich dann verheirathet und natürlich in ein paar Jahren Alles verwirthschaftet. Er hat dann nichts Klügeres zu thun gewußt, als sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen und die arme Frau mit ihrem Kinde hilflos zurückzulassen. Mir würde das kleine Bresden zur Arrondirung meines Ornshagen gerade passen. Ich möchte die Sache schnell besorgen, bevor noch ein abscheulicher Wucherer, der Hauptgläubiger, zugreift, und möchte zu dem Zwecke etwas Kapital flüssig machen. Selbstverständlich darf ich mich selbst dabei nicht unvernünftig schädigen und wünsche deshalb Ihren sach— verständigen Rath wegen des Verkaufs einiger Papiere und der— gleichen. Es wäre das eigentlich Sache eines Rechtanwalts, aber diese Herren Juristen sind mir zuwider, es steckt so etwas von Blutsauger in ihnen allen, ich mag nicht gern mit ihnen zu thun haben. Ich hoffe, auch ohne sie fertig zu werden. Bitte, sehen Sie sich das einmal an.“ Sie reichte Heddenheim ein Blatt mit einigen Notizen, die sie in bündiger und klarer Weise mündlich ergänzte. Nach einer kurzen Berathung sagte er:„Da sich so schnell ohne beträchtlichen Verlust diese Summe aus Ihrem Vermögen nicht flüssig machen läßt, so erlauben Sie mir den Vorschlag, daß ich Ihnen das Geld vorstrecke auf eine ganz von Ihnen zu be— stimmende Zeit.“. Frau von Hartwitz sann einige Augenblicke nach.„Ich liebe dergleichen nicht,“ antwortete sie dann,„Schulden haben ist mir verhaßt—“ „Es ist ja ein ganz geschäftlicher Akt, gnädige Frau,“ unter⸗ brach sie Heddenheim,„wie er unzählige Male vorkommt; Sie verzinsen mir das Kapital.“ „Bah, es sind und bleiben immer Schulden; ich will es aber dennoch von Ihnen annehmen, nur um den Kerl zu ärgern, der darauf lauert, das kleine Gut sozusagen für ein Nichts zu über⸗ nehmen. Also abgemacht.“ Sie bot ihm die Hand und drückte die seine kräftig. „Ich werde morgen sofort das Nöthige aufsetzen lassen und Ihnen dann das Geld übersenden,“ versprach er;„ich darf wohl um Ihre genaue Adresse bitten.“ In diesem Augenblick wurde die Thür aufgerissen und eine junge Dame trat rasch ein. „Tantchen, ich bin lange geblieben, aber ich habe prächtige Ein— käufe gemacht,“ rief sie, dann Heddenheim bemerkend:„Nun, Gott sei Dank, Du hast noch nicht auf mich gewartet. Herr Heddenheim?“ Frau von Hartwitz nickte bejahend und stellte dann vor:„Fräulein Martina Weiß.“ 0 Heddenheim hatte sich erhoben und sah überrascht auf die reizende Erscheinung. Die große, schlanke Gestalt wurde durch ein einfaches dunkles Kleid und ein eng anschließendes Tuchjäckchen vortheilhaft PC 3 gehoben, ein dunkler Filzhut mit einem kleinen Federstutz war tief auf die Stirn gedrückt.“ „Der Koffer folgt mir auf dem Fuße,“ fuhr die junge Dame fort,„ich habe ihn schon bestellt.“ Unterdeß hatte sie den Hut abgenommen und eine Fülle leicht gekräuselten, tiefschwarzen Haares war sichtbar geworden, das, ob⸗ gleich glatt zurückgestrichen und zu einem losen Knoten im Nacken aufgesteckt, doch in einigen eigensinnigen Löckchen auf die schmale Stirn herabfiel. Die Züge waren nicht regelmäßig, aber von einer ausdrucksvollen Beweglichkeit, ein schön geformter Mund, dunkle, von langen Wimpern beschattete Augensterne, die aus dem bläulichen Weiß der Umgebung gleichsam herausstrahlten, und ein matt elfen⸗ beinfarbener Teint verliehen dem Mädchen eine eigenartige Schönheit, die etwas Frappirendes hatte. Frau von Hartwitz hatte unterdeß einige Worte auf ein Blatt aus ihrer Brieftasche geschrieben und reichte es jetzt Heddenheim. „Meine Adresse.“ Er steckte es zu sich und griff nach seinem Hut.„Ich empfehle mich den Damen.“ „Sie wollen gehen?“ rief das junge Mädchen dazwischen,„natürlich nehmen Sie doch mit uns den Kaffee. Nicht wahr, Tante?“ „Mein Kind, Herr Heddenheim theilt wahrscheinlich nicht unsere bürgerlichen Gewohnheiten,“ entgegnete sie,„wir essen nämlich pünktlich um 1 Uhr Mittag, und ich sorge dafür, daß ich auch im Hotel um diese Stunde irgend etwas zu essen bekomme. Bei Ihnen ist es wahrscheinlich noch Vormittag?“ Konrad gab lächelnd zu, daß er allerdings erst um 5 Uhr zu speisen pflege. „Dann haben Sie jedenfalls um 12 oder 1 Uhr ein lunch,“ meinte Martina,„was ebenso gut, wie unser solides Mittagessen ist und können doch mit uns jetzt eine Tasse Kaffee trinken. Eine dritte Tasse,“ ordnete sie, ohne Heddenheims Antwort abzuwarten, an, als der Kellner jetzt den Kaffee brachte;„ich finde nämlich, daß nichts anderes so erfrischend und anregend wirkt, als eben Kaffee,“ fuhr sie fort, während sie das Geräth arrangirte,„ich bilde mich rechtzeitig zu einer alten Jungfer aus und sehe mich schon als solche hinter einer mächtigen Kaffeekanne sitzen— nur ohne Strick— strumpf, denn das Stricken werde ich wohl nicht mehr lernen.“ „Martina ist gewöhnt durckzusetzen, was sie will,“ sagte Frau von Hartwitz,„Ihnen wird wohl also nichts übrig bleiben, als sich zu dem Kaffee zu bequemen.“ Martina lächelte, machte der Tante die Tasse mit Zucker und Sahne zurecht, reichte dann Heddenheim eine Tasse und schob ihm Zuckerschaale und Sahnentopf zu. „Ich weiß nicht, ob Sie das Zeug da brauchen,“ plauderte sie weiter,„ich trinke den reinen, schönen Mokka ohne den beein— trächtigenden Zusatz, die Tante habe ich nie für diesen einzig echten Genuß empfänglich machen können.“ Dabei schlürfte sie mit Behagen ihren Kaffee.„Nun, Tantchen,“ wandte sie sich dann an Frau von Hartwitz,„ist Alles abgemacht, wirst Du Bresden kaufen?“ 0 „Ja, Herr Heddenheim wird mir das Geld vorstrecken.“ „Das ist hübsch von Ihnen,“ rief sie,„wie wird die gute Anneliese sich freuen; haben Sie Dank.“ Sie bot ihm die Hand und er fühlte einen kräftigen Druck derselben.„Wenn Sie ein Opfer damit bringen, dann brauchten Sie nur die kleine, blasse Frau zu sehen, dann wäre es Ihnen keines mehr, was möchte man nicht Alles thun, um ihr einen Gefallen zu erweisen, ihr ein kleines Lächeln zu entlocken.“ „Es ist kein Opfer, gnädiges Fräulein, ein ganz einfaches Ge— schäft,“ erklärte Heddenheim. „Aber ich möchte viel lieber, daß es eines wäre,“ behauptete Martina;„ein Geschäft, das ist so schrecklich nüchtern! für gute Menschen etwas thun, was schwer ist, das hat einen andern Klang.“ „Leider kann ich darauf keinen Anspruch machen,“ beharrte Heddenheim lächelnd, und da ich auch nicht das Glück habe, die junge Dame zu kennen, so—“ „So ziehen Sie es vor, mich für ein recht exaltirtes Mädchen zu halten und Ihren nüchternen Standpunkt zu bewahren,“ ergänzte Martina und sprang, als jetzt die Thür geöffnet wurde und der Hausdiener eine Anzahl Packete hineinbrachte, auf, um sie ihm ab— zunehmen und rasch ihrer Hüllen zu entledigen. Heddenheim verabschiedete sich nun von den Damen, sah aber noch, daß sich aus den Schachteln und Päcken allerlei Kindersachen entwickelt hatten. Er erinnerte sich dunkel, von seinem Onkel gehört zu haben, daß Frau von Hartwitz ein Kind— eine Nichte— im Hause habe, ja es schwebte ihm vor, als habe er selbst einmal vor Jahren einen kleinen, häßlichen Backfisch im Wagen an ihrer Seite gesehen. Sie lebte sehr zurückgezogen, in der Gesellschaft hatte man nie von ihr gehört, jetzt war sie ein Jahr abwesend gewesen, so hatte er keine Ahnung von diesem Mädchen gehabt, das zu einer eigen— thümlichen, herben Schönheit erblüht war. Sollte Frau von Hart⸗ witz die Absicht haben, sie im nächsten Winter in die Gesellschaft einzuführen, so würde sie unfehlbar binnen Kurzem die Königin der Saison sein. WIe Heddenheim hatte, seinem Versprechen gemäß, am nächsten Tage das Nöthige veranlaßt, und konnte nun das Geld sammt dem Schuldschein Frau von Hartwitz übersenden. So war es zwischen ihnen besprochen; ihm erschien es aber plötzlich höflicher, selbst nach Ornshagen hinauszufahren, und so schnell der Entschluß gefaßt, wurde er auch zur Ausführung gebracht. 5 Es war einer jener Tage des Vorfrühlings, die Körper und Seele auch des nüchternsten Menschen wohlthuend berühren. Die Luft ist kräftig und frisch, hat noch nichts von dem Ermüdenden jener späteren, weichen Lenzeswärme, die ersten, mehr geahnten als zu schauenden Regungen neu erwachenden Lebens in der Natur erzeugen noch nicht die wehmuthsvolle Sehnsucht des gewaltigen Knospens und Grünens künftiger Zeit. Ueber den braunen Feldern lag es wie ein leichter, lichtgrüner Schleier, an den Gesträuchen und Bäumen schimmerte es hier und da grünlich auf und aus der feuchten Erde stieg ein erquickender Duft, überall Vorboten des nahen Lenzes. Heddenheim fuhr durch die breite Lindenallee, welche sich un— mittelbar vor dem Thor der Stadt bis zu den nächsten, viel be— suchten Vergnügungsorten hinzieht. Die alten Bäume streckten ihre Aeste noch kahl zum Himmel, und so hatte man freien Aus- blick nach der, sich in sanfter Linie hinziehenden Hügelkette zur linken, und dem silbernen Band des Flusses zwischen den bräunlichen Feldern zur rechten Seite. Heddenheim hatte den Wagen herunterschlagen lassen und be— trachtete, weit zurückgelehnt und den Dampf seiner Cigarre vor sich hinblasend, mit Vergnügen das sich vor ihm entfaltende landschaft— liche Bild. Bald hatte er die sich hinter jener Lindenallee er—* streckende Vorstadt mit ihren zierlichen Villen erreicht. Noch waren dieselben zum größten Theil unbewohnt, die Gitter vor den Gärten geschlossen, die Jalousieen herabgelassen, aber auf den Beeten streckten Schneeglöckchen und Crocus neugierig ihre Köpfchen heraus, und hier und dort sah man schon einen Gärtner beschäftigt. Alles deutete auf neu erwachendes, fröhliches Leben. Noch eine Viertel⸗ stunde Fahrt, dann bog der Weg links ab und man sah nun bereits das Wohnhaus von Ornshagen weiß zwischen den Bäumen hervor— leuchten. Im Sommer mußte es ganz im Grün versteckt liegen. Es war bald erreicht; ein schmuckes Haus mit einer hohen Freitreppe, über der sich ein von Säulen getragener Balkon erhob; an der Giebelseite sprang ein erkerartiger, rings von Fenstern um⸗ gebener Ausbau vor, der den Blick auf die begrünte Hügelkette frei hatte. Heddenheim fuhr längs dem von einer Tannenhecke um— schlossenen Garten, auf den sauberen, von gut im Stande gehaltenen, ziegelgedeckten Wirthschaftsgebäuden umgebenen Hof. Mehrere breite Steinstufen führten zu der großen Eingangethür, die, da man den Wagen kommen gesehen, eben von innen geöffnet wurde. Ein alter Diener in stattlicher Livre führte Heddenheim in den weiten Vor— raum, der durch zwei hohe Bogenfenster zu Seiten der Thür er— leuchtet wurde. Während derselbe dann hineinging, um ihn zu melden, hatte er Gelegenheit, sein Auge an den alten großen, mit köstlichem Schnitzwerk versehenen Nußbaumschränken, den schönen auf denselben stehenden Delfter Vasen, und einer alterthümlichen, ebenfalls mit reichem Schnitzwerk geschmückten Standuhr zu erfreuen, die eben ein helles Glockenspiel ertönen ließ. Der Diener führte ihn dann durch zwei, wie es ihm schien, ebenfalls mit gediegenem Geschmack eingerichtete Zimmer in ein drittes, zu dem jener Erker gehörte, den er schon von der Straße her gesehen hatte. Ei 3 N bi Da D 251 — 0 7 aachen 1 alben, aue uhren schen. 1 e bon lte er eigen⸗ Hart, schft nigin Age dem ichen t nach faßt, und Die denden en als Mtur ligen eldern ichen is der 1 des ch un⸗ el be⸗ takten Aus. e zur lichen d be⸗ or sch. schaft⸗ 3 lee er- waren Härten rockten „und i Alles ziettel. bereit? hewor⸗ 1 liegen. hohen aihob in Ul te frei fe Uun⸗ ltenen, e bieite an den in alter 18 1 Vor⸗ llt Au- in u, ü schönen 9 lichen, eue fc ene, . Erle 9 Cie! r—5 2 DDD 3 breite Epheuwand schloß ihn von dem Zimmer ab, das noch durch zwei, auf der andern Seite befindliche Fenster erleuchtet war; durch das üppige grüne Geranke wurde die in den Erker hineinströmende Fluth hellen Sonnenlichts gedämpft, das nun ein zauberhaftes Ge— flimmer über die dunkeln Arabesken des Teppichs, über Divan und Sessel ergoß, die zu einem einladenden Platz gruppixt waren, dem die Epheuwand als Hintergrund diente. 5 Heddenheim hatte das nur eben flüchtig überschaut, als Martina aus dem Erker heraustrat und ihm mit freundlichem Gruß die Hand bot. „Seien Sie willkommen,“ sagte sie,„vorläufig müssen Sie mit meiner Gesellschaft vorlieb nehmen, von 11— 1 Uhr ist Tante mit ihren Rechnungsbüchern und Briefen beschäftigt und man darf sie dann nicht stören, das ist strenges Gebot.“ Die Sonnenstrahlen spielten auf ihrem schwarzen Haar und hüllten die ganze Gestalt gleichsam in einen goldenen Mantel, die dadurch von einer geradezu frappirenden Schönheit schien. „Es herrscht eine sehr regelmäßige Hausordnung bei uns,“ fuhr sie fort,„Ihnen wird das vielleicht sonderbar erscheinen, aber die Tante liebt es so und die Gewohnheit hat es auch mir an— genehm gemacht.“ „Ein Kaufmann wie ich weiß solche strenge Regelmäßigkeit zu schätzen, gnädiges Fräulein,“ erwiderte er,„die den Werth der Zeit beinahe verdoppelt. Ich bedaure nur, eine unrichtige Stunde ge— wählt zu haben und dadurch Ihnen zur Last zu fallen.“ „O bewahre,“ versicherte sie,„ich plaudere gern; kommen Sie her zu mir, auf meinen speziellen Platz.“ Sie trat in den Erker zurück, in den ihr nun Heddenheim folgte. Das ziemlich große, rings von Fenstern umgebene Halbrund war mit einer Anzahl hervorragend schöner Blattpflanzen geschmückt. Die breiten Blätter der Musa, das feingefiederte Grün der Dattel, die mächtigen Fächer des Phönix vereinigten sich zu einem grünen Dach; dazwischen rankte sich feines Schlinggewächs und auf schmalen Brettern an den Fenstern blühten Hyazinthen, Azaleen und Mai— blumen. Ein Tisch, auf dem Schreibmaterial und einige Bücher lagen, ein Schaukelstuhl und zwei kleine Sessel waren mit geschickter Benutzung des Raumes hineingeschoben. „Das ist mein Wintergarten,“ sagte sie,„und ich meine, das Bild hier ist schön, auch wenn man schon viel gesehen hat.“ Sie wies mit der Hand zum Fenster hinaus und Heddenheim mußte gestehen, daß der Blick auf die sanft geschwungene Berglinie und die von Baumgruppen unterbrochenen Wiesen und Felder sehr anmuthig war. „Sehen Sie da im Hintergrunde, links von den Bergen, den silbernen Streifen aufblitzen,“ fuhr sie fort,„das ist die See, ich reite und fahre oft hinüber, im Sommer täglich, um zu baden. Wir waren beinahe ein Jahr fort, die Tante wollte mir die schöne Welt zeigen; so gingen wir nach den italienischen Seen, von dort nach der Schweiz und waren dann während der Wintermonate in München und Dresden. Ich habe Köstliches gesehen, in Kunst und Natur geschwelgt, aber zuweilen, wenn ich allein war, überfiel mich eine heiße Sehnsucht nach der geliebten See, und wenn ich die Augen schloß, glaubte ich ihr Rauschen zu hören.“ „Ich begreife das,“ entgegnete Heddenheim,„das Meer und das Gebirge haben das gemeinsam, daß sie die Herzen mit Zauberbanden fesseln, man vergißt sie nicht und empfindet etwas wie Heimweh darnach.“ Sie nickte.„Sie haben Recht, ach, das Rauschen und Brausen, dieser scheinbar so gleichmäßige Anprall der Wellen an's Ufer, wie verschieden ist es und wirkt es, bald aufregend wie Jauchzen und Jubeln, und bald tief beruhigend, wie ein Schlummerlied für Körper und Seele, darum zieht es mich auch immer an die See, gleichviel ob ich froh oder traurig bin— ich kann nämlich auch sehr traurig sein, was Sie wahrscheinlich nicht glauben.“. „O, warum nicht? Mit wem ginge das Leben so glimpflich um, ihm nicht auch in der Jugend hier und da eine trübe Stunde zu bereiten!“ 5 g Sie schüttelte eifrig den Kopf.„Nein, nein, so war es nicht gemeint; ich bin wirklich ganz glücklich, mir fehlt gar nichts; die Tante, trotz ihrer Rauheit, ist mehr als gut zu mir. Mich überfällt die Traurigkeit nur bisweilen so ganz aus dem Stegreif, ohne Ver⸗ anlassung, wie eine Krankheit; dann ist mein Heilmittel die See, sie singt allen Aufruhr in mir zur Ruhe und ich komme gesund zurück. Deshalb ist mir dieser Platz so lieb, der silberne Streif dort ist mir wie ein Gruß von ihr und wenn er von Wolken oder Nebel verhüllt ist, kann ich stundenlang sitzen und warten, bis er endlich wieder auftaucht.“ „Dies also ist Ihr buen retiro?“ fragte Heddenheim. „Ja, hier denke ich, träume ich, lese und“— ein Seufzer— „arbeite.“ Es war ein unsäglich drolliger, halb kläglicher, halb schalkhafter Ausdruck, mit dem sie fortfuhr:„Ich arbeite nämlich eigentlich nicht, denn ich habe ein Grauen vor diesen sogenannten weiblichen Beschäftigungen. Da irgendwo steht ein großer Korb mit allerlei Handarbeit— aber mein Gott, andere Leute verstehen das tausend Mal besser zu machen, denen es ein guter Erwerb ist — meine Erziehung ist in diesem Punkt total verdorben; reiten, fahren, schwimmen und dergleichen ist mir lieber als irgend eine Handarbeit.“ Sie hatte sich unterdeß ohne Unterbrechung mit ihrem Stuhl hin und her gewiegt und fügte nun ein wenig hochmüthig hinzu: „Sie finden das wahrscheinlich entsetzlich, denn die Männer halten es ja wohl für noͤthig, daß wir stricken, nähen, stopfen, flicken u. s. w.?“ „Sie irren, gnädiges Fräulein,“ versetzte Heddenheim lächelnd, „ich erkenne vollkommen das Recht der Individualität an, die über die Beschäftigung der Frau ebenso gut bestimmt, wie über die des Mannes.“ Martina richtete sich rasch auf und sah ihn mit großen Augen an.„Wirklich? Nun, das gefällt mir, ich hätte es Ihnen gar— nicht zugetraut.“ Sie bot ihm die Hand und drückte die seine kräftig.„Schade, daß Anneliese heute nicht hier ist, sie pflegt mir sonst regelmäßig um diese Stunde Gesellschaft zu leisten, da hätten Sie gleich die entgegengesetzte Individualität gesehen, deren ganzen Reiz ich anerkenne; still, sanft und so fleißig, daß die Hände nicht einen Moment ruhen.“ „Anneliese?“ fragte er. „Nun ja, Anneliese Berting; sie ist heute da im Nebenzimmer bei ihrem Kleinen, so ein armes, gebrechliches, kleines Wesen, das heute noch dazu krank ist.“ „Frau Berting ist hier? In Ornshagen?“ „Nun natürlich, seit dem unglücklichen Tode ihres Mannes; zum Glück waren wir eben zurückgekehrt und konnten sie gleich hierher nehmen, sie durfte doch nicht allein da in Bresden bleiben, wo jeder Winkel sie an das Schreckniß erinnerte. Tante fuhr gleich hinüber und Anneliese war verständig genug, sich durch ihre rauhe Art nicht abschrecken zu lassen, sondern gleich mitzukommen. Das arme kleine Geschöpf mag sich wohl auch gegrault haben, ich traue ihr etwas von Gespensterfurcht zu.“ „Nun, sie kannte ja wohl die Art Ihrer Frau Tante und war dankbar—“ „Nein, sie sah sie zum ersten Mal, wir hatten keinerlei Um— gang mit Bresden, überhaupt nicht mit der Nachbarschaft.“ (Fortsetzung folgt.) Mutter und Sohn. Novellette von Cordelia, deutsch von Konrad Telmann. (Schluß.) 158 Nach so vielen Tagen der Angst kamen die Tage der Ruhe. Dennoch lag immer noch eine große Ungewißheit über das Loos Venedigs in der Luft. Endlich verbreitete sich die Nachricht, daß Oesterreich es an Frankreich und dieses es an Italien abgetreten habe. Das war nicht die durch den Ruhm der Waffen erworbene Freiheit, aber es war immer die Freiheit, und obgleich dies durch— aus nicht nach dem Geschmacke Vieler war, fanden doch die Veneter, die so vieler Jahre der Aufopferung und der Sklaverei müde waren, daß die Mittel durch den Zweck gerechtfertigt wurden, riefen der nahen Freiheit ihren Beifall zu und bereiteten sich vor, mit Freudengeschrei den feierlichen Einzug des italienischen Heeres aufzunehmen. In der That bot am Tage des vierten November 1866 Venedig ein Schauspiel dar, das unmöglich zu vergessen wäre. Von der Frühe an herrschte eine ungewöhnliche Bewegung in der ganzen Bevölkerung, sie war wie eine einzige, große Familie; ein und 3—— ——— . ů8—̃— è——̃— s———— 60 — —— Ce 85 252. 0 Q. derselbe Gedanke lebte in Aller Seelen, die gleiche Freude ließ Aller Herzen klopfen. Die Unbekannten sprachen sich an, wie alte Freunde, die Feinde schüttelten sich die Hand und vergaßen die alte Zwietracht, die Freunde umarmten sich und weinten vor Freude; Jeder sprach mit lauter Stimme, man rief sich auf den Straßen, von den Fenstern aus an; ein Ruf ließ sich von allen Seiten echoweckend hören: Italien und Viktor Emanuel! Die Paläste schmückten sich mit glänzenden Teppichen, die dreifarbigen Banner und Wimpel flatterten aus den Fenstern und auf dem Markus⸗ platz. Die Gondeln waren festlich geziert, und die Gondeliere stimmten die munteren Lieder vom Jahre 48 an. Alles kam nach draußen, Alles wollte die Stadt unter diesem neuen Anblick sehen. Die Menge überschwemmte die Straßen, und die Gondeln konnten sich auf den Kanälen kaum fortbewegen, und so, dicht aneinander⸗ gedrängt und stillehaltend bildeten sie beinahe selbst eine schwimmende Stadt mitten in jener unbeweglichen aus Marmor. Festjubel herrschte überall, auf dem Wasser und auf dem Lande, die Brücken waren schwarz von der ungeheuren Menge von Leuten, die an ihre diese Vorstellung machte sie nervös, aufbrausend und ließ ihr keinen Frieden; sobald einmal die Truppen am Markusplatz ausgeschifft waren, mußte er auf seinem Wege zuerst an das Haus des Herrn Comelli kommen, und es schien ihr unmöglich, daß er dann nicht wenigstens Valeria einen Gruß schenken würde. Sie hatte sich entschlossen, ihn zu Hause zu erwarten, es war unnöthig, ihm entgegenzugehen, da er sich doch mitten im Re— giment befand und sich aus diesem nicht loslösen konnte. Aber um ihn zu strafen, wenn er etwa vorher doch in Valeria's Haus gehen sollte, bat sie diese, ihr Gesellschaft zu leisten. „Sieh',“ sagte sie zu ihr,„ich muß durchaus Irgend einen um mich haben, ich fürchte sonst, daß die zu große Freude mir Schaden thut.“ Valeria hatte gern zugestimmt, um ihr zu Gefallen zu sein. So waren an jenem Morgen die beiden Frauen voller Angst am Fenster gewesen, hatten die Menge in der Ferne erblickt und die Federbüschel der Bersaglieri munter in der Luft flattern sehen. Sie hatten das Geschrei gehört, das durch die ganze Stadt ge— Muskau. Brüstungen gedrängt standen; die Buben kletterten auch auf die Dächer, hielten sich an den Giebeln fest, setzten sich auf die Haupt⸗ gesimse, auf die! Balustraden der Paläste, und Keiner dachte daran, sie von dort herunterzujagen. Alle wollten unser Heer sehen und begrüßen. Als die ersten Soldaten in der Entfernung auf— tauchten, stimmten die Musikbanden die savoyische Hymne an, und die Glocken vom Markus-Dom ließen ihr Geläut hören, ein Freudenruf lief durch die ganze Stadt hin. Endlich schienen so— gar die korinthischen Rosse und die gothischen Arkaden des Dogen— palastes sich zu regen, zu beleben und zu zittern bei dem begeisterten Geschrei, das sich aus Aller Brust heraufhob. Frau Klara wußte, daß mit dem Heer auch ihr Sohn ein— ziehen sollte, und viele Tage hindurch hatte die Freude, ihn wieder— zusehen, alle anderen Gefühle in ihr erstickt. Wenn sie mit Valeria von ihm sprach, erschien sie wie närrisch, und in der That war sie fröhlich und glücklich. Dennoch verdunkelte an jenem Morgen ein Gedanke ihre Freude. Sie hatte sich's in den Kopf gesetzt, daß Mario, bevor er herbei— eilte, sie zu umarmen, zu Valeria's Begrüßung schreiten werde, und laufen war und standen nun da, den Blick fest auf einen einzigen Punkt gerichtet, nur in einen einzigen Gedanken versenkt. Endlich, endlich erscheint dort eine Gondel in der Ferne. Das Herz sagt ihnen, wer dort in jener Gondel sich befindet und der auf ihre Thür gerichtete Blick des Gondeliers bestätigt ihnen das, was ihre Herzen ihnen zurufen. Die Gondel gleitet mit der denk⸗ barsten Schnelligkeit über das Wasser hin, der Gondelier erhebt das Ruder, er nähert die Gondel den Stufen der Thür und heraus steigt ein schöner Offizier mit vergoldeten Epauletten und Knöpfen, die in den Sonnenstrahlen einen Widerglanz zurückwerfen, und hastig eilt er die Stiege hinauf, und hinter sich her schleppt er den Säbel, der bei jedem seiner Schritte laut erklirrt. „Verbirg' Dich,“ sagte Frau Klara mit zitternder Stimme zu Valeria,„ich möchte, daß er mich allein findet. Du aber komm' herein, sobald ich auf die Glocke drücke. Bei diesen Worten ließ sie diese in ihr Schlafzimmer gehen und eilte Mario entgegen. Mutter und Sohn fielen einander in die Arme, ohne Worte t e eee i migen Dab id del n das, denk erhebt fernt söpfen, ö und pt el me u bonn n 5 Noll , 0 — — ee eee zu finden. Auch dann murmelten sie nur unterbrochene Sätze; sie hatten sich so viel zu sagen und konnten sich garnichts sagen. Frau Klara ließ ihn sich auf einen Divan neben sie nieder⸗ setzen und wurde niemals müde, ihn anzusehen. Nun berührte sie seine Knöpfe, nun die Epauletten, liebkoste ihn, küßte ihn und fand ihn in dieser Tracht hundertmal schöner, als früher. Sie hätte ihn so am liebsten festgehalten, um ihn mit ihren Blicken zu verschlingen; aber in! einem gewissens Augenblick sagte Mario zu ihr: „Entschuldige mich, Mama, aber ich muß Dich für kurze Augen— blicke verlassen, ich muß zu Arrigo gehn, ich habe ihn vorher so brüsk verlassen und in aller Eile meine Sachen fortgebracht. Und dann schulde ich ihm so viel, er ist mein einziger Trost in der ganzen Zeit gewesen, wo ich fern von Dir war. „Wie! Bist Du denn noch nicht in Arrigo's Haus gewesen? Bist Du geraden Weges hierher gekommen?“ fragte Frau Klara. „Vorwärts, umarmt Euch und seid glücklich,“ sagte Frau Klara, die den Einen an den Andern drängte,„das ist eine Ueberraschung, die ich Dir habe machen wollen, Mario; dies ist das Mädchen, das mich in meiner Einsamkeit getröstet hat.“ Mario konnte vor Freude nicht sprechen und stotterte nur zu— sammenhanglose Sätze. „Wie! Du, Mama?“ und Du, Valeria?“ Und bei diesen Worten drückte er ihr die Hände und sah ihr fest in's Gesicht mit einem Blick, der ihr eine Welt von Dingen sagte. Und Alle Beide vergaßen, in ihr Glück vertieft, die ganze Welt um sich her, während hinter ihnen Frau Klara sich die Thränen trocknete, die ihr wider Willen über die Wangen herabrannen. „Ihr seid also zufrieden?“ sagte sie zu den jungen Leuten, als ihre Erregung ihr gestattete, zu sprechen. „Wie gut Du bist, Mama!“ sagte Mario. fte er; vie Du gut big O berstein. „Und das fragst Du?“ sagte Mario,„nichts ist doch natürlicher als das, Du weißt sehr gut, daß Du für immer die erste Stelle in meinem Herzen einnimmst. Diese Worte ließen Frau Klara's Antlitz sich aufhellen, und sie stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus; dann aber sagte sie: „Warte, vorher will ich Dir noch etwas sagen; Du hast mich so ganz allein gelassen, daß ich mir eine Tochter angenommen habe und die will ich erst mit Dir bekannt machen, bevor Du fort⸗ gehst. Das ist Dir nicht unlieb, nicht wahr? Du weißt ja recht gut, daß auch in meinem Herzen der erste Platz immer für Dich sein wird.“ Bei diesen Worten zog sie die Klingel. 5 Mario sah sie ganz überrascht an und vermochte nichts zu be⸗ greifen; inzwischen lauschte das blonde Köpfchen, das er immer vor den Augen gehabt hatte, und das ihm früher das Herz so laut hatte schlagen lassen, das gute, heitere Antlitz Valeria's, schon unter der Thür, aber ihre Beine zitterten, und sie hatte den Muth nicht, weiter vorzukommen. 1 Mario erschien dieses Antlitz wie eine schöne Vision, und er „Dank, Mama,“ fügte Valeria mit Thränen in den Augen hinzu, indem sie dieselbe umarmte und zum ersten Male mit diesem holden Namen benannte. „Aber Du, Mario, mußtest Du denn nicht zu Arrigo gehen?“ fragte Frau Klara. „Nun denke ich garnicht mehr daran,“ erwiderte Mario. Er konnte kein Ende finden, Valeria zu betrachten. „Aber auch ich muß Arrigo doch wohl begrüßen,“ sagte Valeria, „gehen wir denn Alle!“ „Gewiß,“ sagte Frau Klara,„auch Herr Comelli muß ja etwas davon erfahren, und statt dessen steht Ihr hier und schwatzt, als ob Ihr nicht in Zukunft noch alle nur erdenkbare Zeit dazu hättet, und zum Ueberfluß vergeßt Ihr auch mich.“ „Nein, Mama,“ sagten die beiden jungen Leute gleichzeitig, „von jetzt an wirst Du zwei Kinder haben statt des einen, und am letzten Ende wirst Du es noch sein, die gewonnen hat.“ „Ganz sicherlich.“ Und als sie ging, um ihren Hut zum Ausfahren zu holen, hatte nicht die Kraft, auch nur einen Schritt zu machen. — 2 — . 4. sagte Frau Klara kopfschüttelnd vor sich hin:„Es ist umsonst! Man hört eben auf, Alles für seine Söhne thun zu können!“ Die Gondel erwartete sie auf dem Kanal. Sie bestiegen die— selbe alle Drei mit den Zeichen hoher Befriedigung, die sich in ihren Mienen ausprägten, und während die Gondel über das Wasser glitt, hielten sie sich eng aneinander gedrängt und hörten nicht auf, sich wechselseitig auszufragen, indeß sie auf ihrer Vorüberfahrt von den Rufen begrüßt wurden:„Es lebe Italien! Es lebe Venedig! Es lebe unser Heer!“ Kleine Frauen-Zeitung. Die Mode. Man bedarf wirklich eines weisen und klugen Führers, ui den ka⸗ priziösen Sprüngen und Mäander-⸗Windungen der Mode zu folgen. An jedem Tage hat sie eine neue Pbantasie. Sie verwirft heut das, von dem sie gestern entzückt war und wird vielleicht morgen von dem ent⸗ zückt sein, was sie gestern verschmähte. Wie soll man sich da zurecht finden? Was annehmen? Es ist ein gefährliches Spiel, das die Mode mit ihren Anhängerinnen treibt, und wohl Denen, welche sich nicht blindlings von ihr leiten lassen, sondern die Einsicht haben, zu sichten, zu prüfen, hierbei unterstützt von einem richtigen Geschmack— dem sichersten Führer. Wie aus dem Eingange erhellt, sind viele Phantasieen der Mode von nicht langer Dauer. Andere hingegen entstehen, verschwinden und tauchen dann nach einem Zeitraum wieder auf, um allgemein zu werden. Dies hat seine Begründung. Zuweilen ist eine Mode zu ercentrisch, 1 sehr entgegen der momentanen Strömung, als daß man sich öffentlich ür sie erklärke; zuweilen erscheint sie unter ungünstigen Verhältnissen: sei es, daß Diejenige, welche sie trägt, sie nicht zur richtigen Wirkung bringt, sei es, daß man auf eine glänzende Versammlung, auf schönes Wetter ce. gerechnet, und daß diese Berechnungen fehl geschlagen. Wieder auf anderer Seite machen sich Sparsamkeits⸗Rücksichten geltend, welche die Verbreitung einer Neuheit hindern. Man will das aufbrauchen, was man hat, daraus Nutzen ziehen, und trotzdem man gern die Form seiner Kleider, seiner Hüte ändern möchte, legt Einem doch die Klugheit auf, sich mit dem zu begnügen, was man hat und es, so gut es geht, umzumodeln. Aber der Wunsch, die neue Mode anzunehmen, bleibt, und bei der ersten besten Gelegenheit giebt man ihm nach. Hieraus folgt, daß manche Mode, welche vor einigen Monaten, ja, vor einem Jahre auftauchte, erst nach Verlauf dieser Zeit eine allgemeine wird. So ist es mit den hohen Hüten, mit den weiten, drapirten und falten⸗ reichen Kleidern und mit vielen anderen Toilettengegenständen ergangen. Die hohen Hüte! Sie haben wirklich Proportionen angenommen, deren geringste Uebertreibung sie„lächerlich“ machen würde. an kann nicht vorsichtig en bei der Wahl eines modernen Hutes sein, und be⸗ sonders müssen die kleinen Damen sich vor den zu hohen Kopfbedeckungen hüten, da eine solche den Mangel der Analogie, welcher sich durch ihre Statur und die Höhe ihres Kopfes ergiebt, hervortreten läßt. Seghr beliebt sind die verschleierten Strohhüte, sowohl in Kapote— wie in runder Form. Man verwendet dazu vornehmlich den Tüll point d'esprit, den glatten, seidenen Malinestüll und ein weitmaschiges, luftiges, seidenes Guipüre⸗Gewebe, tulle russe genannt, am meisten in Schwarz und Weiß, hin und wieder auch in anderer Farbe. Ein runder Hut mit hohem Kopf aus weißem englischen Stroh und mit geschweifter Krämpe aus ganz grobem, schwarzem Zackenpaillasson zeigte z. B. den Kopf mit schwarzem tulte russe verschleiert, unter dessen Falten sich vorn ein kleiner goldgelber Papagei barg; nur in der vorderen Mitte theilte sich das Spitzengewebe auseinander und ließ die gelbe Brust des Vögelchens hervorleuchten. An einem runden Hut aus schwarzem Zacken-Paillasson wiederum bildete weißer tulle russe sehr schöne Draperieen, deren Wogen vorn zwei reizende Jet⸗ Libellen umflatterten. Hieraus erhellt, wie sehr die Verbindung von Schwarz und Weiß gesucht. a „Im Uebrigen— und ich habe dies bereits zu Anfang der Saison an⸗ geführt— werden die Blumen in verschwenderischer Fülle auf den Hüten angebracht, und alles Schöne, was wir in unseren Gärten und Wäldern, auf unseren Wiesen und Feldern blühen und emporschießen sehen, findet sich in lieblichen und anmuthigen Nachahmungen auf unseren Kopfbedeckungen wieder. Die Blumen in Dolden, Trauben und Büscheln sind sehr been Sie fallen auf graziöse Weise vom Fond der runden Hüte herab und bilden ebenso elegante wie hübsche Garnituren. Aber auch die Blumen und Blüthen, zu einem Bündel oder mehr vereinzelt zusammengerafft und als Aigrette montirt, erhalten sich in Gunst, und in gleicher Anordnung wird man Früchte tragen. Die rothen und die weißen Johannisbeeren, die schwarzen und die rothen Kirschen sind vielfach gesucht, und als besondere Neuheit füge ich die Schoten vom rothen Piment(spanischer Pfeffer) an, welche man auf eine originelle Weise zu einer Aigrette, einem Piquet oder einem Kränzchen arrangirt. Also— was man auch für andere geschmackvolle Garnituren zu Hüten in Schleifen, Perlen, Federn, in Tüll⸗ und Spitzen⸗Draperieen ersinnen mag:— die Blumen haben die Herrschaft für diesen Sommer erobert, und die Hütchen, bestimmt, zur Tanztoilette im Kursaal oder im Kasino ge⸗ tragen zu werden, zeigen insgesammt den Ausputz von Blumen. Zu einer solchen Toilette ist dann der übereinstimmende Vorsteckstrauß, der in legerer Unordnung„natürlich“ gebunden, unerläßlich. Die gelben Kamillen haben zu schwarzen und weißen Kleidern noch immer den Vorrang vor den anderen Kindern Floras. Für die Bäder, den ländlichen Aufenthalt, für die Gärten, die Spazier⸗ gänge am Strande hat man immense runde Hüte aus Phantasie⸗ Paillasson entstehen lassen, so leicht, daß sie fast gar nichts wiegen. Die Krämpe ist niedergesenkt, hochgeschlagen, auf hundert Arten gebogen, hinten und an der Seite aufgestülpt, um vorn ein Visir zu bilden e. Man garnirt diese Hüte mit sehr wenig: mit einer großen Schleife aus brochirter aze, die zu auseinander gezogenen Schlingen geformt ist und in ihrer Mitte eine kleine Schmetterlingsschleife aus Band birgt, oder mit gefälteltem oder muschelartig gewundenem Tüll point d'esprit, mit einem Chiffonne aus rahm⸗ oder en Spitzen nebst einem Bündel Wald-, Feld- oder Wiesenblumen, mit einem seidenen Taschentuch lebhafter Farbe, welches originell geknüpft. Das ist das Genre des Ausputzes, das Jeder nach seinem Belieben wählt und modificirt. Die Krämpe ist immer gefüttert, entweder glatt mit Sammet, oder krausgezogen mit Tüll wie ein weißer Meeres- schaum oder wie rohgelbes oder andersfarbiges Moos. Sie fragen mich betreffs der Schleier um Rath. Man trägt dieselben immer noch kurz, bis zur Hälfte des Gesichts, oder etwas tiefer bis über die Näse, aber nicht ganz bis zum Mund, und arrangirt sie stets unter dem Hut, sei letzterer klein oder groß. Der Seidentüll, glatt, mit großen oder mit kleinen Erbsen, bleibt dazu immer beliebt. Einige Damen wählen farbige Schleier, welche nicht im Einklang mit dem Hut sind. Das ist häßlich. Die rothen Schleier werden von den Aerzten als ganz unzulässig erklärt, da sie den Augen schaden sollen. Am hübschesten und kleidsamsten sind die schwarzen Schleier, welche auch am meisten begehrt werden, doch eignen sie sich allein für schwarze oder schwarz garnirte Hüte. Zu einem Hut, an welchem sich nichts Schwarzes geltend macht, will mir der zu ihm passende farbige Schleier besser gefallen.— Die Kostüme aus Seiden- wie Baumwollen⸗Foulard, aus Satinett und Wollenmuslin werden neuerdings vielfach mit Sammetband garnirt, das als Abschlußrand sich um den hohen gekräuselten Volant wie um die Tunika zieht. Dasselbe wiederholt sich dann um die Revers, Achselbänder, die Passe oder den Matrosenkragen des Leibchens, das einerseits als Blouse mit Gürtel, andererseits mit Schooß oder Schnebbe und mit Falten ar— rangirt wird. Man wählt das Sammetband in der dunkelsten Farbe des Stoffes, je nachdem der Grund oder das darauf gedruckte Muster so erscheint. Nach wie vor erhält sich das Schottisch-Karrirte in der Mode, wenn⸗ gleich es nicht allgemein angenommen wird. Für die Seebäder bereitet man Zephyr⸗Kostüme, einfarbig und schottisch karrirt, den Rock z V. ein⸗ farbig dunkelblau oder rohgelb, abwechselnd in Hohlfalten und flache Falten geordnet, oder mit einem sehr hohen, gekräuselten Volant Louis XV. aus⸗ gestattet. Dazu eine Tunika„laitiere“, im Rücken in zwei Zipfel gebunden, 555 aus roth, maronenbraun und rahmgelb karrirtem Zephyr, dort, d. h. zu dem dunkelblauen Rock, aus roth, rohgelb und in mehreren Nüancen blau karrirtem Zephyr. Das Leibchen ist einfarbig, erhält aber vorn einen karrirten Einsatztheil, in Form eines zugespitzen Plastrons, einer schmalen und geraden Weste, glatt und dann schräg genommen, oder es erhält eine gebauschte Chemise Moliere. Lange, karrirte Manschetten begrenzen die einfarbigen Aermel. Die weißen Toiletten sind für die Strandpromenade wie für die sommerlichen Reéunions wieder sehr gesucht, einerseits in groben Wollenstoffen: Serge, Etamine c., andererseits in leichten Geweben: Voile, Spitzen, Gaze, Crepon, Surah ꝛc. Man trägt sie entweder ganz weiß und dazu weiße Strohhuͤte mit weißer Garnirung, oder man belebt sie durch kapriziöse Schleifen aus farbigem Pikot⸗Failleband oder aus schwarzem Sammetband. Ju den Sommerfesten erhalten die weißen Kleider der jungen Mädchen einen herzförmigen Ausschnitt, zu welchem vorzugsweise ein, schwarzes, vorn einfach in eine Schleife gebundenes Sammetband um den Hals gelegt wird. Aber nicht allein junge Mädchen, sondern auch Damen reiferen Alters haben zu dem herzförmigen Kleiderausschnitt das schwarze Sammetband, ohne weiteren Zierrath als die gebundene Schleife vorn am Halse, lan⸗ genommen. Größeren Beifalls als je erfreut sich bei der Jugend das Mieder, ebensowohl zur alltäglichen wie zur geputzten Toilette. Es zeigt sich in verschiedenen Formen, verschiedenen Ausstattungen. Hier ist es 11 ge⸗ schnürt, dort vorn geknöpft, hier mit Epaulettes, dort mit Achselbändern versehen, nach oben rund, eckig, in eine Schnebbe geschnitten und im letzten Falle ausgehöhlt. Das Mieder erscheint immer in Sammet, gleichviel ob zu Kleidern aus Baumwolle oder zu solchen aus leichter Wolle, Spitzen oder Seide. Man wählt es vorzugsweise zu kraus gezogenen Blousen oder Guimpes, welche dann um den Halsausschnitt mit dem schon erwähnten Sammetband nebst Schleife abschließen. Nicht minder vielseitig wie das Mieder gestaltet sich der Gürtel, welchen man einfach und von mittlerer Höhe,— mit Schnebbe vorn nebst Schleife, als„oeinture offlcier“, d. h. ein wenig an der linken Seite auf die Hüfte niedergehend und hier in eine Schleife geschlungen, und als vor— deren Halbgürtel trägt. N Es scheint sich eine kleine Umwälzung in den Kleiderärmeln vor⸗ bereiten zu wollen. Seitdem die Röcke einfacher in ihrer Ausstattung ge⸗ worden, fängt man an, dem Leibchen eine reichere und mannigfaltigere An— ordnung zu geben, kurz, mehr daran zu künsteln, und dies will man auch auf die Aermel übertragen. Schon bereitet man Aermel, deren Obertheil zackenförmig ausgeschnitten und einen anderen Aermeltheil aus Spitzen oder abstechendem Stoff sichtbar werden läßt,— ferner den sogenannten englischen Aermel, welcher von der Schulter bis zum Ellbogen weit ist und unterhalb desselben durch ein Bündchen geschlossen wird, und endlich den oben leicht gebauschten Aermel, welcher sich vom Ellbogen ab in eine enge und lange, plissirte Manschette verliert. Man stellt diese Aermel in allen möglichen Geweben her, vorausgesetzt, daß sie leicht sind.— Unter den Sonnenschirmen, welche nützlich, praktisch, 1 A einfach und N 2.——— 7 a 7 ..— Den S r Sen r e 0 — 255 C T N eren zer. N sie⸗ ö Die uten N nn N iter hrer ten ne. oder c lem eder ere ben über iter chen ihlen it isig sten, doch inem ihm inett mirt, die nder, louse n at⸗ e des eint. denn eite! ein⸗ alten aus- den, d. h. cen einen nalen ine die r die fen: Gaze, weiße iziöse band. 'ochen bonn gelest( ten band. „Len eder, ich in n ge⸗ dern leßten iel ab pitzen cd ihnen, n r irtel, 13 nebst 1 i al J bor 1 n von 1 i f N 0 ale . del 1 lichen 1 1h leicht“ fange glichen 0 0 0 2 doch von elegantem Gepräge sind, nenne ich Ihnen diejenigen aus rother, rahmgelber oder schwarzer Seide, verschleiert mit übereinstimmend farbigem tulle russe, oben am Bezug wie unten am Griff von einer entsprechenden Bandschleife gehalten. Die Form bleibt immer die große, diejenige des Encas, welche in diesem Sommer allgemein, selbst für die luxuribsesten Schirme, angenommen. Unter all den Phantasieen erhält sich aber stets auf der Höhe der Gunst der solide schwarze Schirm, den man auch gern in schönem, großgemustertem Damast, mit schwarzem Seidenfutter, einem Stock aus brasiliani chem Tannenholz mit enormer silberner Kugel in getriebener Arbeit und mit Silberbeschlägen an den Stahlstäben und dem oberen Ende des Stockes trägt. Lose Blätter. Touristen, welche es nicht lieben, dem internationalen Strom der Rei— senden zu folgen und grandiose Naturscenerien 3000 Meter über dem Meeres- spiegel zu suchen, wollen wir auf zwei schöne Punkte im welligen Flußthal aufmerksam machen— auf Muskau und Ob erstein. Im Jahre 1811 gelangte die Standesherrschaft Muskau in den Besitz des letzten Grafen von Pückler, welcher nachmals in den Fürstenstand erhoben wurde. Fürst Pückler⸗Muskau zählte 26 Jahre, als er in den Vollgenuß seines väterlichen Erbes trat, und da er viel Geschmack und die innigste Freude an der schönen Natur besaß, so faßte er sofort den Plan, das durch die Callenbergs zur Zeit des dreißigjährigen Kriegs erbaute Schloß von Muskau mit Parkanlagen zu umgeben, wie man sie in Schlesien so wenig als im ganzen Norden Deutschlands bis dahin kannte. Mit einem ungeheuren Aufwand von Geld und Arbeit rief er auf dem ziemlich flachen und öden Terrain an der Neisse Parkanlagen hervor, welche als ein Meisterwerk der Landschaftsgärtnerei be— trachtet werden müssen und die allmählig einen Weltruf erlangten. Er schuf Seen und Hügel, weite Alleen und lauschige Pergolas, eine Baumschule und riesiges Arboretum, eine Fasanerie und ein Bad. Der Park breitet sich über ein Terrain von 604 Hektaren aus und bietet Promenaden wie sie herrlicher kaum ein anderer aufzuweisen hat. In den Schattengängen dieses wundervollen Schloßparkes fühlte sich der in Muskau lebende Dichter Scheffer zu poetischen Träumereien und lyrischen Ergüssen angeregt, hier plante der „internirte“ Dichter Heinrich Laube seine Erstlingsdramen und der Fürst Pückler⸗Muskau selbst schrieb hier seine„Briefe eines Verstorbenen,“ seinen „Semilasso,“ seine„Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ und andere Werke, welche seinen Ruf als geistvoller Schriftsteller begründeten. Hier liegt auch die Asche des ruhelosen Fürsten und eine Pyramide bezeichnet innerhalb seiner Schöpfung die Stelle, wo derselbe sein Grab fand. Im Jahre 1845 ging bekanntlich Schloß Muskau mit allen Ländereien in den Besitz des Grafen Nostiz über und Fürst Pückler⸗Muskau umgab seinen neuen Wohnsitz Schloß Branitz im Kreise Kottbus mit herrlichen Parkanlagen. Das Städtchen Muskau wird gegenwärtig um seines Schloßparks willen von Fremden aus allen Weltgegenden besucht. Ja, es giebt Amerikaner und Eng⸗ länder, welche hier dauernd ihren Wohnsitz aufschlagen, weil die Reize der Parkanlagen sie fesselnn. Im Sommer wird Muskau auch von Badegästen besucht, welche in den Stahlquellen des Hermannsbades und den schönen Parkanlagen Erfrischung und Kräftigung ihrer Gesundheit finden. Was nun Oberstein, die Perle des Nahethals betrifft, so bildet dieses Städtchen den Hauptort des oldenburgischen Fürstenthums Birkenfeld. Die Nahe hat sich hier gewaltsam ein Bett durch die Felsen des Hundsrück ge⸗ sprengt und die Stadt klammert sich an die steil aufragenden Melaphyr⸗ wände und Staffeln der Felsen an. Die evangelische Pfarrkirche ist sogar zur Hälfte in den Felsen eingehauen und ihre Fagade erhebt sich kühn auf vorspringendem Felsensockel. Diese Kirche soll dem zwölften Jahrhundert entstammen. Zwei Bergkuppen sind von Burgruinen gekrönt. Hier hausten einst streitbare Rittergeschlechter, aber ihre Schlösser wurden im 17. Jahrhundert zerstört und ihr Mannsstamm starb aus. Auf dem rechten Felsufer der Nahe erhebt sich der stolze gothische Bau der katholischen Kirche, der ganz in Melaphyr ausgeführt ist. Oberstein und das nahgelegene Idar haben einer Industrie zur Blüthe verholfen, welche einen Weltruf erlangt hat. Hier befinden sich jene Steinschleifereien, aus welchen die farbenreichen Achate, die Amethyste, Jaspissteine und Quarze in aumuthigen Formen und Fassungen hervorgehen. Ringe, Armbänder, Brustnadeln, Stockknöpfe, Pet⸗ schafte und Briefbeschwerer werden hier geschnitten, geschliffen, gefaßt und in alle Welt verschickt. Das waldreiche Birkenfelder Ländchen besitzt lieb⸗ liche Thäler, die von breiten krystallhellen Bächen durchfluthet sind. Diese Bäche setzen hunderte von Schleifsteinen in Bewegung, über welche sich fleißige Schleifer bücken, um jenen Achaten glänzende Flächen und gefällige Formen zu geben, deren Fundorte in Brasilien liegen. Leider ist durch die Massenproduktion der Erwerb der Schleifer sehr geschmälert worden, was umsomehr zu bedauern ist, da der feine Achatstaub die Lungen der Schleifer angreift und in wenigen Jahren ihre Gesundheit zerstört. Für den Tou⸗ risten bietet das kleine Waldland an der Nahe eine Fülle des Sehenswerthen. R. E. rynn's Histriomastik oder Geißel der Possenreißer, ein in London ee deen von 1000 Seiten, ist das erste Buch, das in Eng⸗ land verbrannt wurde. Der Verfasser, ein Jurist, wollte in seinem zelotischen Werke darthun, daß Bälle, Maskenfeste, Theatervorstellungen dem Christen⸗ thume zuwider liefen. Da er Hof und Geistlichkeit dadurch angriff, wurde Prynn im Februar 1634 vor Gericht gestellt, der Lästerung des Königs angeklagt, aus dem Advokatenstande gestoßen, an den Pranger geschlossen, zu ewiger Gefangenschaft und Zahlung von 5000 Pfund an die Krone ver⸗ urtheilt. Sein Werk ward durch den Henker verbrannt. Im Jahre 1640 wurde Prynn aus dem Kerker entlassen und Mitglied des Parlaments. W. G. Uebelangewandte Geduld und Arbeit. Ein englischer Gelehrter will 1786 einen Kirschkern gesehen haben, worauf 120 verschiedene Köpfe ganz deutlich geschnitten waren, als Päpste, Kaiser ꝛc. Dieses Kunstwerk soll ein Preuße verfertigt haben und von einem Engländer für 300 Pfund Sterling gekauft und nach England gebracht worden sein, wo man auf den Besitz desselben so hohen Werth legte, daß darüber ein langwieriger und kost— spieliger Prozeß entstand.— Dies erinnert an den von Marmeeides ver— fertigten elfenbeinernen Wagen, der so klein war, daß ihn eine Fliege mit ihrem Flügel ganz bedecken konnte, und ein Schiff aus gleichem Stoffe, welches eine Biene mit einem Theil ihres Körpers bedeckte.— Plinius er⸗ ählt, die 15,000 Verse der Iliade Homers seien von einem Schreiber auf 0 dünne kleine Blätter geschrieben worden, daß sie alle in einer Nuß— schale Raum hatten.— Zur Zeit der Königin Elisabeth von England be⸗ schäftigte sich ein frommer Schreiber Jahre lang damit, die Bibel in ein so kleines Büchlein zu schreiben, daß es in eine große Nuß hineinging, dabei hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, seiner Zwergbibel ebensoviel Blätter zu geben, als die gewöhnliche Ausgabe enthielt, und auf eine Seite gerade soviel Worte zu bringen, als auf der entsprechenden der Riesenaus⸗ gabe standen. M. Fürst Alexei Menzikow, den Czar Peter der Große vom Pasteten⸗ bäckerlehrling zum russischen Minister gemacht hatte und der in Sibirien als Verbannter sterben sollte, schenkte dem Kalmückenfürsten Chiam⸗Khan eine in London erbaute Equipage, die großen Jubel unter dem Volke des Empfängers hervorrief. Chiam⸗Khan versäumte keine Gelegenheit, sie zu zeigen. Selbst Audienz ertheilte er in ihr, wie er auch seine Hauptmahl⸗ zeit in ihr einnahm. Da ereignete sich das Unglück, daß ein Rad brach; leider war unter den Kalmücken kein Stellmacher, der die Reparatur unter⸗ nehmen konnte. Man sandte somit eine Gesandtschaft nach St. Petersburg, die dem Fürsten die Ueberbleibsel des Rades überbringen mußte, und die Bitte um ein neues aussprach. W. G. Der Ausdruck„Schwein haben“ für„glücklich sein“ schreibt sich von einem Glücksspiele her, das selbst in diesem Jahrhunderte noch nicht auf dem Lande vergessen war. Es hieß Schweingreifen und bestand darin, daß ein Ferkel mit Schmierseife angestrichen und so aufgehängt wurde, daß der Schwanz mit der Hand ergriffen werden konnte. Die Spieler wurden nun im Trab unter dem Thiere fortgeführt und mußten darnach greifen. Wem es gelang, das Schwein festzuhalten, war Sieger und Besitzer des grunzenden oder quikenden Viehs. W. G. Lord Thurlow und der Herzog von Richmond. Thurlow, der Sohn eines armen Landpredigers in Norfolk und seines Zeichens Jurist, kam 1768 für Tamworth in's Unterhaus und stach hervor durch die Unterstützung, die er dem im Kampfe mit dem Whig-⸗Adel begriffenen Könige zu Theil werden ließ. Dieser sorgte dafür, daß er 1770 sogleich, nachdem Lord North Premier geworden, als Attorney-General(General-Anwalt) berufen wurde. In den heftigen Parteikämpfen während des amerikanischen Krieges kam seine mächtige Persönlichkeit zur vollen Geltung. Von ihr sagte Fox, daß Niemand so weise sei, als Thurlow aussähe. Man verglich ihn mit dem Jupiter. Seine Stimme war dauernd, seine Fähigkeit zum Disputiren und Debattiren und seine classische Bildung so groß, daß Johnson meinte: „Ich würde mich auf keines Mannes Besuch vorbereiten, außer auf Thurlow's. Wenn ich ihn sehen soll, möchte ich es den Tag vorher wissen.“ Durch eine einzige Antwort, die er dem Herzoge von Richmond gab, ward er Zeit seines Lebens populär. 1778 zum Lord⸗Kanzler ernannt, wurde er bald darauf in einer Sitzung des Oberhauses vom Herzog, wegen seiner niedrigen Geburt verspottet, worauf er sich erhob und rief: Ich bin erstaunt ob der Rede Ihrer Gnaden. Der edle Herzog kann nicht vor sich, hinter sich oder zu beiden Seiten sehen, ohne einen edlen Pair zu erblicken, der seinen Sitz in diesem Hause erfolgreichen Anstrengungen in dem Berufe verdankt, dem ich angehöre. Fühlt er nicht, daß es ebenso ehrenvoll ist, diesen Sitz solchen Umständen zu verdanken, als aceidens eines aceidens? Auf alle jene edlen Lords ist die Sprache des edlen Herzogs anwendbar und ebenso beleidigend, wie für mich. Aber ich fürchte mich nicht, ihr auch ganz allein entgegenzutreten. Niemand verehrt die Pairie mehr, als ich thue; aber ich muß sagen, daß die Pairie mich nicht, sondern ich die Pairie suchte. Ja noch mehr: ich kann und will sagen, daß als ein Pair des Parlaments, als Sprecher dieses sehr ehrenwerthen Hauses, als Hüter des großen Siegels, als Wächter des Gewissens Seiner Mafestät, als Lord⸗ Großkanzler von Großbritannien, ja in dem Charakter allein, in dem be⸗ achtet zu werden der edle Herzog für einen Affront halten würde— als ein Mann— bin ich in diesem Augenblicke ebenso achtenswerth, ja ich bitte hinzufügen zu dürfen, ebenso geachtet, als der stolzeste Pair, auf den ich jetzt niedersehe!“ A. B. ö Ein Speisezettel aus den mittleren Jahren der römischen Republik. 1. Gang: Seeigel und frische Austern in beliebiger Quantität zu verzehren; palorische Gienmuscheln; Lazarusklappen; Weindrossel auf Spargel; eine fette Henne; eine Schüssel mit zugerichteten Austern und Gienmuscheln unter⸗ einander; schwarze und weiße Meertulpen. 2. Gang: Lazarusklappen, süß; Gienmuscheln; Meerdrosseln; Feigenschnepfen, Kotelette von Reh- und Schweinswildpret; Hühnerpasteten; Feigenschnepfen; Stachel- und Purpur⸗ schnecken. Eigentliche Mahlzeit: Schweinseuter; wilder Schweinskopf; Fisch⸗Ragout; gebratene Entenbrüste; wilde Ente, frikassirt; Hasenbraten; gebratene Hühner; Créme aus Kraftmehl und pikomatische Brötchen. u. 8. 5 3253—. N 1 9 4 1 1 1 N 256.. Königspromenade. in noth de zen her⸗ len 100 11 175 die rend näh dr ed — 3 ber⸗ rei⸗ che am ße sü der brod nen E be 10 5 wee bene pflicht in won der schö—⸗ 108 die wem e 925 welt lie⸗ 7 i. schö⸗ das iN g die leid be N 1 1 die ist das herz hen oe ge⸗ 1091 N einer] der um und seel' be 1 8 schah lie- bes ih⸗(ren dig 8 gä⸗ 72 9 5 leb. auch 15 15 freu⸗ Cikaten-Räthsel. Aus jedem der folgenden acht Citate ist ein Wort zu wählen. Die acht erhaltenen Wörter bilden ein Citat aus einer Tragödie von Schiller. 1. Wenn die Rose selbst sich schmückt, Schmückt sie auch den Garten. 2. Raum ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar. 3. Durch diese hohle Gasse muß er kommen, Es führt kein and'rer Weg nach Küßnacht. 4. Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp', Zu tauchen in diesen Schlund? 5. In diesem starren Boden EE Blüht keine meiner Rosen mehr. 6. Wie eure Kniee sonst vor mir sich beugten, So lieg' ich jetzt im Staub vor euch. 7. Drum soll der Sänger mit dem König gehen, Sie Beide wohnen auf der Menschheit Höhen. 8. Er hat auf Erden kein bleibend Quartier, Kann treue Lieb' nicht bewahren. Viersilbige Charade. Zwei Tugenden enthält das eine Wort;— Nimmst du die erste der vier Silben fort, Wird eine Tugend gleich dir offenbar. Zu deinem eignen Ersten— das ist klar— Wird sie von dir geübt mit frohem Muth,— Und schafft dir heitern Sinn und Geld und Gut, Damit zum Ersten Andrer du nun auch Das ganze üb'st nach edler Herzen Brauch. Auflösung des Logogryph in voriger Nummer: Schlamm— Lamm;— des Silben-Räthsels: Es ist eine alte ee doch bleibt sie immer neu. 1 Eberhard. 2. Sappho. 3. Ic. 4. Sarah. 5. Trab 6. Esel. 13 Ilse. 8. Ngami. 9. Eigelb. 10. Anhalt. 11. Lucullus. 12. Tahiti. Eurydice. 14. Gardafui. 15. Ephraim. 16. Selim. 17. Charade. 18 Iller 19. Chamäleon. 20. Theorbe. 21. Edfu;— der dreisilbigen Charade: Brieftasche;— des Quadrat- Räthsels: i L 6* 0 1 ne E S FFCCCU»»ilIi * e eren „%%%%%;;́ ͤ E e eee. 1 ö * o m 2 n 2e Schach. Problem Nr. 405 von F. Dubbe in Rostock. Schwarz. 2 2 N 2 n eee 3 . 10. 2 2 1 8*. 8 2* 102 2 1 Weib. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten 85 Matt. Partie Nr. 231, gespielt am 12. Juli d. J. im Meisterturnier zu London. Weiß: J. H. Zukertort.— Schwarz: S. Lipschütz. 1) e2—e4 1 e5 28) d3—d4 J+dS es 2) Sbl—es SbS-c 29) Dg3—h3 9) Kcs—bs 3) LfI—c4 LfS 30) DLb3 62 g7-e7 4) d2—d3 d7-d 31) Dh3—f3 h—h5 5) Sega Le5—b6 32) Le2 ds Jes- g8 6) 2-63 DdS 6 33) Ld3-c 1798-7 7) Sa4—bs6: a7 bb: 34) Ld2- g5 1e7—e8 8) 8g1—e2 8gS-e? 35) Lgö—h4 10) Dg6—b6 9) 0-0 g1-g5 36) 15—14 Kbs- a7 10) 2141) 85 fl. 37) LIha—el 7e 11) Se2-f4: e514: 38) Lei- d Dh6—g5 11) 12) Jf1—f4: D6—g52) 39) L412) Dgö—h4 13) 17415 Dg5—g7s3) 40) Df3—h3 Dh 4-53: 14) 115—17: Dg7—g4 41) g2-—3: Sg4—f6 15) Dd1—f1 Sc- e5 42) Kg1—2 St6— ea: 16) 117-14 Dg4- hb5 43) Ld2—el de- do 17) Le4—b3 Se7—g6 44) Lel— ba Se4— d 18) Lb3-d! Les—-g4“) 45) LI ds Tes es 19) T4—g4.5) Se5—g4: 46) Lh4 16 197-3 20) b2—b3 1h88 47) Ld3—f5 19313 21) PDfl— el) 8g6- eõ 48) If6—g5 1Je3—e2“ 22) 534.7 Se5—g4: 49) Tha-hI 113—f4: 23) Del g356) 71898 50) Lg3—f4: 122 24) Le- d 6—0—0 51 LA d: 112-d: 25) LdI—b3 198-7 52) bah 1d2—bꝰ: 26) Tall 55-6 53) Lt5—g6 1b2—f21 13) 27) 11-15 hy-h6 Weiß giebt die Partie auf. 1) Dieser Zug scheint gewagt, doch dürfte der nachhaltige Angriff, den Weiß durch das Opfer des Springers gegen zwei Bauern hier erlangt, die Kühnheit rechtfertigen. 2) Nicht besser als sofort Dg7. 3) Nun ist Pg erzwungen, da Phs wegen 14) Lgs nicht stattbaft ist. 4) Bis zu diesem Zuge bat sich Schwarz musterhaft vertheidigt, hier mußte jedoch Dhs oder wohl besser 8g mit der Fortsetzung 19) h3 Sts: 2c. geschehen. Wenn auch in letzterem Falle zwei Springer gegen Thurm und Bauer ausgetauscht wurden, so war dafür auch der Abtausch des Läufers di erzwungen und Gelegenheit gegeben, das Uebergewicht der Qualität geltend zu machen. 5) Weiß verfehlt hier die stärkste Fortsetzung, die in 19, T5 Dh4 20) Lg5 Dh bestand; das Remis war alsdann gesichert und Weiß konnte mit Lté oder dada auf Gewinn Wire; z. B. 21) Letz Dhé 22) Lhs: Shs: 23) Ted des 24) Lg4: ꝛc. resp. 20 Pest Ki 23) L. Leb: ꝛc.[falls 23) Ld!: so Leb: 24) Le2 Ldal ꝛc.] oder 21) da Ld I: 22) Tad Seth!(als Sg, so folgt 23) La Dh4 24) ug Sh 25) g3 ꝛc. resp. 20).. Sts: 25) Tia. 2c.] 23) LG Dhé 23) Lus: She: 25) Te Des 26) Khi 0-0-0 27) Do Kbs 25) Tis mit gutem Spiele. 6) be war nicht besser; denn 21).. Sta 22) Lia: Tis: 23) hig Dg5 24) g3 Tié ꝛc. oder 23) Dgâ: Dg: 23) Lga: Sd: ꝛc. 7) Auf Dgs oder 3—d4 wäre Sdz gefolgt. 8) Merkwürdiger Weise überseben beide Spieler die zweizügige Mattführung 23) Dhir 24) Khl: T1 Matt. Weiß hatte daber nichts Besseres als den Springer zu nehmen, worauf Schwarz nach der Rochade oder mit Tad bald einen unwiderstehlichen Angriff 4 5 9) Warum nicht gleich Df? um so mebr als nicht recht zu ersehen ist, was auf geschehen soll, da 30) Its durch Tes zu pariren war. 10) Pl ging nicht wegen Sbs, von hier an nimmt Schwarz den Angriff wieder auf. 11) Weiß ist mit der Fortsetzung 39).. Dh und eventuell 40).. Dhzf 41) Kfi DbIT 42) Ken Sb nebst Tg: bedroht und der Damentausch ist schwer zu verhindern. 12) Lei hätte zur Folge gehabt Ses 40) LI 8g2: 41) Lg: Te—g8 2c. resp. 41) Dg: Dh 42) Lg3 Te—g8 43) Kh2 Dgöl 44) Tig ha 2c. am besten für Weiß scheint noch das Spiel 39) Ter Dez(nicht T7 wegen 40) Lg5: Tig: 41) gifs und der Springer geht ver⸗ loren] 40) Tg7 Delf 41) LI gal Di so solgt Dez 42) KbI Dga 43) TgA.] hig und gewinnt] Dha4 2) Dfs Tits 1 48) Tg: T4. 44) Tha: Tha: 45) Lds ꝛc. 0 13) T4 nebst Tha: ist nicht zu hindern. * N Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt-Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elch so in Berlin, Lützowstr. 105. r l e —— e