5 el. . ut 81 be ind fin 5sU— di. mit 0 ds. 3 1 be⸗ . teil cen len 9 9 bn es 1—-̃— * N ee 9 6 99. zu den Oberhessischen Machrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Gießen, den 7. November. Künstlergewissen. Novelle von H. Schobert. (Fortsetzung.) 3 Bebend, keines Wortes mächtig, ruhte Gottliebe an Roland's Brust, nur halb bewußt fühlte sie, daß er sie sein nannte, sein auf ewig, seine Gottliebe, seine Braut! Dann eilte sie hinauf in ihr Zimmer, das sie hinter sich ver— riegelte und verschloß. Mit schnellem Griff riß sie das Oberkleid von ihren Schultern, denn ihr war es, als müsse sie ersticken, und sank neben dem Bett auf die Knie, den Kopf in die kühlen, weißen Kissen drückend. Die seit Jahren gewohnte Umgebung, die Ruhe und Stille ringsumher verfehlten ihren besänftigenden Einfluß auf das erregte Gemüth nicht. Sie hörte allmählich, daß der Frühlings⸗ wind an den kahlen Bäumen im Garten rüttelte, daß er sausend um die Ecke des Hauses strich und sein melancholisches Lied in den Schloten und Oefen wiederholte, sie blickte auf den kleinen, hellen Lichtkreis, den die einfache Lampe auf den bunten Tischteppich zeichnete und in dessen Rayon noch das aufgeschlagene Buch vom gestrigen Abend lag. Alles so still und friedlich, so altgewohnt und bescheiden, nur sie allein war eine Andere geworden, eine Andere, die sich selbst kaum mehr verstand. Gottliebe strich das wirre Haar von der erhitzten Stirn und erhob sich, bisher hatte sie nur auf das wilde Klopfen ihres Herzens zu lauschen vermocht, kaum den Gedanken folgen können, die sich regel- und fessellos durch ihr Hirn jagten, nun vermochte sie erst wieder zu denken. Leise, als beginge sie etwas Unerlaubtes, schlich sie zu ihrem kleinen Toilettentisch, stellte die Lampe auf den Schrank nebenan und setzte sich vor den Spiegel. Lange und prüfend, als hätte sie es bisher nur gleichgiltig und flüchtig betrachtet, schaute sie auf das Bild, das ihr daraus ent⸗ gegensah; aber so angstvoll sie auch forschte, es blieb häßlich. Weder Freund noch Feind würden zu einem andern Urtheil gelangt sein. Mit jähem Ruck riß sie das Häubchen herab, das ihren Scheitel bedeckte, löste das spärliche Haar und begann, es mit zitternden Händen zu einer modischen Frisur umzugestalten. Aus der obersten Schublade ihrer Kommode holte sie ein paar große goldne Ohrringe, ein Erbstück ihrer Mutter, die, bisher stets unbenutzt, von ihr nur als Reliquie betrachtet worden waren, jetzt plötzlich ihren Dienst zum Schmücken thun sollten, und zwängte sie sich in die Ohrläppchen, drapirte dann ein Stück tiefrothen Sammet, der ihr zu einer feinen Handarbeit nothwendig gewesen, um Hals und Schultern und be⸗ gann das Studium ihrer Person von Neuem. Vergebens! der Spiegel war so unbarmherzig wie die Menschen, er hatte nur immer dieselbe einfache Kritik: häßlich. 9857 5 N Gottliebe verbarg stöhnend das Gesicht in den Händen, die nie⸗ mals gelernt hatten, auch nur den Versuch zu machen, ihre kargen Reize zu heben, und die vielleicht den einzigen Schmuck ihrer Perfönlichkeit ausmachten. Wie gleichgiltig hatte sie bisher das Be— wußtsein ihrer Unscheinbarkeit gelassen! Wie ruhig war sie durch's Leben gegangen, wunsch- und hoffnungslos, völlig ausgesöhnt mit dem Schicksal, das ihr statt äußerer Vorzüge die Macht gegeben hatte, Thränen zu trocknen, Leiden zu lindern. Und nun?— Ihre Ruhe, das stille Genüge war dahin! Ein unbeschreibliches Chaos von Gefühlen durchwogte ihre Seele. Woran sie niemals auch nur mit einem Gedanken gedacht, ihr Ideal, das sie seit Jahren im Herzen getragen, dessen Anblick von Weitem, dessen Ruhm, der zu— weilen in ihre Abgeschiedenheit drang, sie entzückt und begeistert hatte, er, der ihr der Inbegriff alles Edlen und Schönen, alles Genialen und Mächtigen gewesen, ihn traf das traurigste Loos, das einem Sterblichen beschieden, er erblindete, und ihre Hand durfte es sein, die ihn gewissermaßen beschützte, ihre Stimme durfte ihn trösten, er nannte sie seinen guten Engel! Gottliebe wußte, daß alles Glück, das ihr die Erde jemals bieten würde, sich in dieser kurzen Zeit ihres Pflegerinnenamtes zusammen⸗ drängte, daß sie ihr ganzes Leben lang von der Erinnerung dieser Stunden zehren würde, aber sie fand das nur natürlich. In der Nacht seines Kummers durfte sie ihm etwas sein, sie allein! Alle die Freunde und Freundinnen, die die guten Zeiten mit ihm ge— theilt, deren er zuweilen in aufflammender Sehnsucht oder beißendem Sarkasmus gedachte, sie mußten vor der Thüre stehen bleiben, denn Dr. Armstrong hatte jede Aufregung für den Patienten untersagt. Zuerst waren sie alle gekommen! Die, welche seine Feste getheilt, die, welche sich in den Strahlen seiner Größe gesonnt, oder denen seine Großmuth geholfen hatte, aber je länger sein Zustand dauerte, je hoffnungsloser er wurde, je mehr und je schneller blieben sie fort; was sollte ihnen der erblindete Künstler in Zukunft auch noch nützen? Wäre Gottliebe Philosophin gewesen, sie hätte daraus einen bösen Rückschluß auf Welt und Menschen machen können, aber einfach wie sie im Denken und Handeln war, dachte sie nicht weiter darüber nach und nur, wenn er all' die ihm aufsteigenden Bitterkeiten ein⸗ mal vor ihr ausgoß, fühlte sie Schreck und Entsetzen in sich wach werden vor der Welt, die sie so wenig kannte. Dann tröstete sie ihn mit schlichten Worten, und wenn die es auch nicht waren, die beruhigend auf ihn wirkten, so doch der Laut der süßesten Stimme, die jemals sein Ohr berührt hatte. Und Roland Hartenstein war empfänglich für Schönheit, wo immer sie ihm begegnete. Langsam ließ das Mädchen die Hände sinken und starrte noch einmal auf ihr Spiegelbild. Seine Braut! War es denn möglich? Und woher kam die bodenlose Angst, die ihr bei dem Gedanken den Athem raubte, wo sie doch vielmehr alle Berechtigung hatte, froh und glücklich zu sein? Es ist wahr, er hatte sie ja nicht gesehn, nicht den großen Mund mit den farblosen Lippen, dem lividen Teint, den hell und schwach bewimperten, ausdrucklosen Augen, er warb nur —— 354 3 um das Geschöpf seiner Phantasie und vergötterte Schönheit. Aber sie hatte doch oft genug gehört und gelesen, daß innere Eigenschaften einer Ftau der äußeren Unschönheit erfolgreich die Waage zu halten im Stande wären. Freilich, ob gerade bei Roland Hartenstein, diesem Hohenpriester der Form und Farbe? Vielleicht bereute er später seine Wahl. O, ihre Seligkeit hätte sie in diesem Augen⸗ blick hingegeben, wenn sie dafür Schönheit erkaufen gekonnt! Und plötzlich sank sie von dem Stuhle herab auf ihre Knie; die gefalteten Hände emporgestreckt, murmelte sie halb besinnungslos: „O Gott! Mein Gott, laß ihn blind bleiben!“ Es war ein Angstschrei aus tiefster Brust, aber sie entsetzte sich davor. Ein kalter Schauer überlief sie. War das ihre Liebe? Hatte sie wirklich nichts Besseres, Edleres in ihrem Herzen, als diesen erbärmlichen, elenden Wunsch, der allein ihrer Selbstsucht Genüge that? Es war ihr plötzlich, als habe ein Fieberparoxismus sie ver⸗ lassen, und sie sei aus einem irren, wüsten Traum erwacht. Noch immer rüttelte der Sturm an den Fenstern, der rothe Sammet war zu Boden geglitten, und die nackten Schultern fröstelten sie, auch das Haar hatte sich theilweise gelöst und fiel in einzelnen Strähnen über ihr Gesicht, aber jetzt that sie keinen Blick mehr in den Spiegel. Sie nahm vielmehr die Lampe und stellte sie in das entgegengesetzte Ende des Zimmers, hing ein schwarzes Wolltuch um und ordnete die schlichten Scheitel, die sie immer trug. Dann nahm sie die Ringe aus den Ohren, die wie Feuer brannten, aber weit brennen⸗ der war ihr der Gedanke, um was sie gebetet hatte— um Blind— heit für ihn! „Gott wird und darf mich nicht erhören,“ dachte sie voll reuiger Seelenqual.„Was liegt an mir, wenn er nur genesen kann, er, den die Welt bewundert, der einer von den Auserwählten ist, während ich— nein, Gott kann und darf mich nicht erhören!“ Aber die Angst und Reue nagten in ihrem Herzen immer weiter und weiter, ohne daß sie ihnen Einhalt gebieten konnte. „Einen Augenblick, Gottliebe,“ sagte Dr. Armstrong, die Hand auf den Arm der Pflegerin legend,„ich hätte etwas mit Ihnen zu besprechen.“ Sie nahm die Hand von dem Thürgriff, den sie schon berührt hatte, um zu Roland Hartenstein zu gehen und sah mit dem ihr eignen scheuen Blick in das Gesicht des Arztes. „Es wird Sie nicht lange aufhalten, aber es betrifft Ihren Patienten, kommen Sie deshalb in mein Zimmer,“ sagte er, sich zum Gehen wendend, und sie schloß sich ihm sofort an. Auf dem langen, mit Kokos belegten Korridor, wo das Licht durch die breiten, offnen Fenster strömte, blickte er prüfend in ihr blasses Gesicht und plötzlich, den Schritt anhaltend, sagte er: „Sie sehen elend aus, Gottliebe, sind Sie krank? Ich will Ihnen gern eine kurze Ruhepause gönnen, wenn Sie dessen bedürftig sein sollten. Hartenstein ist ein schwieriger Patient, das weiß ich wohl, und keine Andere wäre auch wohl mit ihm fertig geworden. Aber es greift zweifellos die Nerven an.“ „O nein, Herr Doktor, Sie irren, mir fehlt wirklich nichts, und was den Professor anbelangt, so ist er nicht anders, wie die Andern alle.“ Ein feines Roth war in ihre Wangen gestiegen, als sie ihren Pflegling so eifrig vertheidigte, und der alte Herr lächelte freundlich. „Wann würden Sie sich jemals beklagen, Gottliebe! Aber ich wünschte, daß Sie den Professor auf eine baldige Operation vor bereiteten. Das Leiden ist meinem Dafürhalten reif genug.“ „Und wann?“ fragte sie fast tonlos. „In längstens vierzehn Tagen. Die Hauptsache ist nur die, daß Sie ihm jede Aufregung fernerhin möglichst fernhalten, Sie haben ja darin schon Wunder gewirkt. Fügen Sie sich bedingungs— los jedem seiner Wünsche, was es auch sein mag, reizen Sie ihn nicht durch Widerspruch, eine möglichst normale Gemüthsverfassung ist die einzige Gewährleistung für das Gelingen.“ „Sie haben Hoffnung, Herr Doktor? Er wird geheilt werden, nicht wahr?“ Ihre Stimme bebte, es war ihr, als halte eine Eiseshand ihr Herz fest. „Da fragen Sie mich wirklich zu viel, Gottliebe; der Ausgang steht in einer höheren Macht. Sie wissen doch: all' unser Wissen ist Stückwerk, liebes Kind. Aber wenn ich offen und ehrlich sein soll, so sage ich Ihnen: ich hoffe nicht viel. Es ist ein Verlust für die Gegenwart und die Nachwelt freilich— aber wir vermögen es nicht zu ändern. Lassen Sie indessen auf keinen Fall unsern Patienten etwas davon ahnen. Unterließen wir die Operation, wäre es immerhin eine Pflichtversäumniß, und wir wollen uns keinerlei, wenn auch nur illusorische Vorwürfe dereinst machen.“ Gottliebe wankte hinaus. Sollte ihr vermessenes Gebet so bald a schon Erhörung gefunden haben? Es war ihr, als habe sie durch jene Worte das Unheil heraufbeschworen, das sich in dunklen Wolken über dem Haupt des Geliebten ballte. heiß und schmerzlich er das Licht herbeisehnte, sie allein wußte, wie er zu Grunde ging in dieser geistigen Nacht, und ihr glühendstes Gebet hatte nicht seiner Erlösung, nein, es hatte seinem Unglück gegolten! zärtlich rief:„Komm zu mir, Liebchen!“ Sie nahm seine ausgestreckte Hand, und im Uebermaß ihres Gefühls drückte sie demüthig die Lippen darauf. Er lächelte zuerst, dann wurde er auf die Feuchtigkeit ihrer Wangen aufmerksam und ein Erschrecken durchfuhr ihn. g „Gottliebe!“ rief er gedämpft und fuhr mit der Hand nach der Brust. Hoffnung!“ Seine Stimme, heiser, kaum im Stande, die Worte heraus- zubringen, ging ihr durch Mark und Bein. Und hätte ihr Leben davon abgehangen, in diesem Augenblick mußte sie ihn trösten, selbst um den Preis einer Lüge. „Doch, doch im Gegentheil,“ sagte sie ganz athemlos und preßte seine Hände fester in ihren erkalteten,„er zweifelt nicht am Ge— lingen, und in vierzehn Tagen ist die Operation.“ Er wankte plötzlich und stöhnte auf. Mission nicht ungeschickter hätte ausführen können, daß sie Doktor Armstrongs Vertrauen, das er in ihre verständige Ruhe gesetzt, schmählich getäuscht, aber es galt ihr Alles gleich. Er litt— und sie konnte ihn nicht so leiden sehen! Sanft und schweigend führte sie ihn zu einem Sessel, in den er hineinsank, den Kopf auf die Brust gebeugt, ihre Hände noch immer in den seinen. Angstvoll suchte sie in seinen Zügen zu lesen, und leise flossen die Thränen über ihre blassen Wangen. Plötzlich sprang er auf; mit Gewalt fast riß er sie an sein Herz, die wilden Schläge desselben trafen sie gerade gegen die Schläfe. „Gottliebe! Wenn es möglich wäre!— Wenn ich wieder sehen, wieder arbeiten könnte!— Mein Gott, der Gedanke daran erstickt mich fast. Sprich Mädchen— ich muß Deine Stimme hören, damit ich weiß, daß ich nicht träume.“ „Du wachst, Du lebst, Roland!“— Der ganze unwiderstehliche Zauber ihrer süßen Stimme klang in den Worten. „Ja, ich lebe! Und Du mit mir!— Gottliebe, wie will ich Dich überschütten mit Glanz und Pracht! Wie will ich Dir das sonnige lachende Leben zeigen, das Dir bisher auch noch nicht be— kannt geworden. Alles, Alles will ich für Dich thun, für Dich nur sorgen, für Dich nur leben. War ich bis jetzt Dein Geschöpf, ab⸗ hängig von Deiner Güte und Zärtlichkeit, die allein mich meinen Zustand ertragen ließen, so sollst Du nun mein Geschöpf werden, mit meinen Augen sehen, mit meinen Ohren hören, denken wie ich denke, empfinden, wie ich empfinde, lachen und weinen mit mir— durch mich, denn ich werde wieder Mensch!“ Sie drückte statt aller Antwort ihren Kopf fester gegen seine Brust. Was auch kommen mochte, fortan war ihr Platz neben ihm!— Bleischwer schlichen die Tage für Roland Hartensteins Ungeduld dahin. Dr. Amstrong war außerordentlich unzufrieden mit dem ungeberdigen Benehmen seines Patienten. „Auch Sie Gottliebe haben alle Macht über ihn verloren,“ sagte der alte Arzt kopfschüttelnd, und diese blickte furchtsam zu ihm auf und fragte mit zitternden Lippen: „Schadet ihm das?“ „Cs vernichtet die schwache Hoffnung ganz, liebes Kind.“ „Nun denn,“ sagte sie mit tiefem Athemzuge,„in Gottes Namen!“ Der gute Dr. Armstrong hatte freilich keine Ahuung von den Scenen, die sich in dem grün verhangenen Zimmer des Professors abspielten; hätte er sie gehabt, wer weiß, für wen er mit all seiner Autorität in die Schranken getreten wäre, nachdem er das erste Ver⸗ blüfftsein überwunden. Und sie allein wußte, wie Wie eine Sünderin stand sie vor ihm und heiße Tropfen drangen in ihre Augen, als er, ihren leichten Schritt erkennend, „Du hast den Doktor gesprochen, er hat— keine— Sie wußte, daß sie ihre 1 u d e 1 ö 0 1 1 1 ö b e 1 1 1 „ 5 a . N l 0 11 . 1 4 ü 119 — 14 14 14 14 * 1 19 1 1 10 1 9 4 6 3 lt en 1 n , 9 1 0 ac; 0 U n bie bie 1 it en 10, kes 1 50 N he tot . d ile die l. en allt se 2355. Gottliebe, das taugt wahrhaftig am wenigsten. h werden die Dornen überwinden,“ f N. Roland Hartenstein verlangte seit einigen Tagen mit aller Kraft der Beredsamkeit, mit aller Superiorität seines Willens, daß Gott⸗ liebe ihm in kürzester Frist als sein Weib angehöre. Was kümmerte ihn die herkömmliche Ordnung der Dinge, er war nie gewohnt ge⸗ wesen, nach etwas außer seinen eignen Wünschen zu fragen, und daß er zum ersten Mal bei dem Mädchen auf Widerstand stieß, der er mit seiner Hand doch so viel gab, machte ihn in einer Weise hartnäckig, die jeden Andern empört haben würde. In ihrer stillen Art hatte Gottliebe immer nur eine Antwort: „Erst sieh mich, Roland, und willst Du dann, so folge ich Dir und wär's in die Hölle.“ „Phrasen! Phrasen!“ rief er ungeduldig.„Wenn Du mich liebst, wirst Du Dich mir fügen, thust Du es nicht, so liebst Du mich einfach nicht.“ „Ich sollte Dich nicht lieben!“— Ein wehmüthiges Lächeln zuckte um ihren Mund.„Kann ich Dir's mehr beweisen als da⸗ durch, daß ich Dich nicht mit gebundenen Händen an mich fesseln will?“ „Fürchtest Du Einwendungen von Seiten Deiner Eltern?“ „„Mein guter Vater hat wohl schon lange vergessen, daß er noch eine Tochter besitzt. Gelehrte sind leicht zerstreut, und meine Stief— mutter und Schwester Marion denken wohl ebenso wenig an mich.“ Sie sagte es ruhig, ohne eine Spur von Bitterkeit im Ton; wäre er nicht so völlig von seinen Wünschen beherrscht gewesen, hätte es ihn unendlich wehmüthig berühren müssen, aber für feine Herzensnüanzirungen hatte Roland Hartenstein niemals besonderes Verständniß gehabt. Deshalb nahm er auch hartnäckig den eigent⸗ lichen Faden des Gespräches wieder auf. „Frauen sollten nicht so eigensinnig sein, es nimmt ihnen ihren höchsten Reiz. Die stärkste Waffe einer Frau ist Schwäche. An uns ist es, zu sagen: ich will! Und ich will! Verstehst Du, Gott⸗ liebe? Ich will!“ Er hatte sie an sich gerissen und hielt sie fest. Dunkel er⸗ glühend barg das Mädchen das Gesicht in den Händen, denn in demselben Augenblick trat Dr. Armstrong mit dem Assistenzarzt ein und blieb augenscheinlich unangenehm überrascht an der Schwelle stehen. Er räusperte sich vernehmlich, aber Roland Hartenstein drehte nur den energisch geschnittnen Kopf über die Schulter und sagte mit der Miene eines Triumphators: „Nur näher, lieber Doktor! Endlich ist auch sie besiegt, meine spröde kleine Charitas. Wahrlich, keine römische Kaiserin hat mir mehr zu schaffen gemacht. Wie lange dauert es denn mit den nöthigen Papieren. Ich habe keine Ruhe eher, bis sie mein Weib geworden, es dünkt mich, als wäre alles Glück, alles Gute an diese kleine Hand gebannt.“— Eine Stunde später stand Gottliebe im Privatkabinet ihres väterlichen Freundes. „Ich habe widerstrebt, so viel ich vermochte,“ sagte sie in der ihr eignen furchtsamen Art,„mein eigenes Herz habe ich nieder⸗ gerungen, aber nun bin ich zu Ende.— Ich kann nicht mehr.“ Es war gewissermaßen eine Antwort auf die stumme Frage, die sie in seinem prüfenden Blick zu lesen glaubte, der ihre ganze Erscheinung umfaßte. „Und warum haben Sie das gethan.“ „Was bin ich ihm, was kann ich ihm sein, sobald er sieht,“ sagte sie bekümmert,„er, der die Schönheit vergöttert. Ich bin doch wahrlich nicht blind! Und— nicht wahr— er wird genesen!“ In den matten Augen schimmerte eine unsägliche Seelenpein. „Gottliebe, Sie waren mir stets die Liebste in meiner Klinik, und ich gebe es ja zu, der Lebensweg, der hier vor Ihnen lag, war nicht sehr reizvoll, aber Kind, Sie tauschen viele Dornen dafür ein.“ „„Was frage ich nach mir,“ stieß sie heftig heraus.„Was liegt an mir! O Doktor, Sie wissen garnicht, was für ein schlechtes egoistisches Geschöpf ich bin! Habe ich doch heiß gebetet um ewige Blindheit für ihn.“ a „Solche Bitten erhört der Himmel nicht,“ erwiderte der Arzt mit feinem Lächeln.„Nur nicht gar zu subtil im Empfinden sein, Werfen Sie in die andere Schaale all Ihre Aufopferung und Selbstverläugnung, Sie sollen sehen, welche von ihnen dann die schwerste ist.“ „Aber ich liebe ihn ja,“ sagte sie so sanft und demüthig, daß ihr der alte Herr beide Hände entgegenstreckte. i „Nun denn, diese Liebe geleite Sie durch's Leben, und Sie sagte er mit Ueberzeugung. Als sie aber schon draußen war, schüttelte er ganz sorgenvoll den Kopf und sagte laut:„Armes Kind! Armes Kind!“ Roland Hartenstein hatte seinen Willen durchgesetzt. In dem⸗ selben Zimmer, dessen Wände so oft Zeugen seiner Verzweiflung, seines Jammers gewesen, hatte er sich in Gegenwart dreier Zeugen mit Gottliebe vermählt und zwar an dem Tage, der seiner Operation voranging. Es war eine seltsame Hochzeit und ein ungleiches Paar gewesen, das Schwüre ewiger Treue getauscht hatte. Die Braut in ihrem puritanisch einfachen Anstaltskleid hatte statt des Häubchens nur den Myrthenkranz getragen, während der Professor im Frack, mit allen Orden und Ehrenzeichen, den Kontrast zwischen ihnen noch mehr hervorgehoben hatte. Gottliebe zerfloß in Thränen, die halb Kummer, halb Seligkeit waren. Roland Hartenstein lächelte, aber es war das Lächeln eines siegenden Gottes. Von Stunde an war er ruhig geworden. Doktor Armstrong konstatirte mit Be— friedigung den normalen Pulsschlag, der schon seit Wochen gewichen, die gesunde Farbe der Wangen, auf denen nicht mehr Blässe und Röthe jäh wechselten, er schlief sogar in der Nacht sorglos wie lange nicht, und als endlich die entscheidende Stunde kam, zuckte keine Muskel des ganzen Körpers. Es war, als habe sich der Sturm für immer gelegt, der bisher seine Seele durchtobt, und nur eins beunruhigte den Arzt, das war die feste Zuversicht, mit der der Patient des Erfolges gewiß schien, an dem doch er selbst im Ge— heimen zweifelte. Wie würde solch ein Rückschlag auf ihn wirken? Gottliebe hatte die Nacht in ruheloser Aufregung zugebracht und sie war so blaß und elend, daß der Doktor ihr den Vorschlag machte, sich von einer Andern vertreten zu lassen. Aber davon wollte sie nichts hören. „An seiner Seite ist mein Platz, heute mehr denn je;“ sagte sie mit leiser Stimme, aber so ängstlich ihre Augen dabei in dem Gesicht des Arztes forschten, es war ihr unmöglich, etwas darin zu lesen. Sie war ja nicht mehr die Pflegerin, sie war das Weib des Kranken. „Gieb mir Deine Hand, Liebchen,“ hatte Roland verlangt und regungs⸗ und bewegungelos stand sie neben ihm, die Augen fest auf sein marmorblasses Gesicht geheftet, das leblos gegen die Kissen lehnte; fast ohne Athem, gefühllos gegen die Außenwelt, war ihr nur eins bewußt, daß ihr die Pflicht gebot, um Gelingen zu beten, daß sie, derselben gehorchend, dazu Worte suchte und fand, während das rebellische Herz in einer ganz anderen leidenschaftlicheren Sprache aufschrie, als müsse es stürmisch kämpfen um das einzige Glück, das ihm je zu theil geworden. Ob Stunden oder Minuten so dahin⸗ gegangen, sie wußte es nicht. Wie durch einen Nebel sah sie die gebeugten Gestalten der Aerzte sich aufrichten, hörte sprechen, und dann einen Laut wie ein Stöhnen von Roland Hartensteins Lippen. Erst als Dr. Armstrong ihren Arm berührte und laut und deutlich sagte: „Er sieht! Er ist gerettet!“ sank sie mit einem tiefen Seufzer zu Boden. Aus lang anhaltender Ohnmacht erwacht, kam es ihr vor, als habe Jemand ein Todesurtheil über sie ausgesprochen; ein blei⸗ schwerer Druck lastete auf ihrem Hirn und Herzen und erst all⸗ mählich kehrten die Ereignisse der letzten Stunden in ihre Erinnerung zurück. Sie sah den Professor an ihrer Seite sitzen, aber er trug jetzt einen Verband um die Augen und das Licht im Zimmer war durch grüne Vorhänge gedämpft, er kam ihr fremd und verwandelt vor. „Roland!“ rief sie bebend. Er zuckte zusammen wie aus tiefen Gedanken herausgerissen und wandte ihr das Gesicht zu. „Gottliebe, meine Gottliebe, ich sehe wieder.“ „Ja,“ sagte sie und wunderte sich selbst, wie matt und tonlos ihre Stimme klang. „Und freust Du Dich nicht mit mir? Du, die treue Gefährtin meiner Leidenszeit? O, nun ist Alles, Alles wieder gut!“ Der Jubel, der seine Worte durchzitterte, das stürmische Heben und Senken seiner Brust machte sie ganz elend. Sie fühlte, daß sie sprechen mußte, in seine Freude einstimmen und doch schwieg; sie, senkte den Kopf und schluchzte laut auf. Er fuhr überrascht auf, dann ergriff er zärtlich ihre Hände und sagte so sanft, wie sie ihn nie sprechen gehört: „Du bist angegriffen von der Erregung, die Du für mich mit 2 2356 ◻ ——————— durchlebt hast, ich sehe es ein. Ruhe Dich, armes, kleines Geschöpf, von jetzt an wache ich über Dich.“ Aber seine Worte beruhigten sie nicht, im Gegentheil schienen sie den letzten Damm ihrer Selbstbeherrschung zu durchbrechen, fassungslos schluchzend drückte sie den Kopf in die Kissen und leicht zur Ungeduld neigend, wie er war, stand er auf und ging im Zimmer auf und ab. Seine Phantasie malte ihm die lockendsten Bilder vor. Wie wollte er wieder arbeiten und schaffen, wie das Altgewohnte, nun so lang Entbehrte doppelt und mit ganz anderem Bewußtsein genießen! Seine Freunde würden ihn auf's Neue umdrängen, die Stunden, die jetzt so oft Blei an den Füßen gehabt, ihm wie Minuten vorkommen. Er fühlte die starke Lebenskraft, die immer die Welt zwang, ein anderes Maaß an ihn zu legen, als sie sonst Menschen zu messen gewöhnt war. Wie ein Adler, der seine mächtigen Schwingen ausbreitet, um den Flug zur Sonne zu wagen, kam er sich in diesem Augenblick vor. in der Ecke des Zimmers stand und klirrend fielen Wasserflasche und Gläser mit ihm zu Boden. Roland Hartenstein hatte vergessen, daß er noch der Stütze bedurfte. Einen Moment stand er fast verwirrt und bestürzt da, die Erde und die Wirklichkeit hatte ihn wieder. Aber auch Gottliebe war erschrocken emporgefahren. Sie sah ihn, noch immer hilflos, noch immer ihrer bedürftig, und Scham wallte in ihr auf, daß sie ihre Pflicht vergessen hatte, um Thränen zu weinen, deren Ursprung in ihren Augen erbärmlich war. „Roland,“ sagte sie und schob mit jener scheu zärtlichen Be— wegung, die ihr eigen, ihren Arm unter den seinen,„vergieb, daß ich Dich allein ließ. Noch— noch bin ich Dir ja nothwendig.“ At 1. Vierzehn Tage Frist für Gottliebe, vierzehn Tage qualvollster Ungeduld für den Patienten! Jede Stunde schienen ihm Jahre! Sie stand und sah so oft mit gefalteten Händen zur Sonne empor und wünschte, daß sie still stehen möge auf ewig. Es schien ihr niemals eine Zeit mit größerer Eile dahingegangen zu sein als diese letzten Wochen in Dr. Armstrong's Klinik, und wenn Roland murrend die Tage zählte, sah sie jeder vergehenden Minute mit steigender Angst nach. Alles umsonst. Unerbittlich, in gleichem Tempo, rückten die Zeiger und der Tag kam, an dem Professor Hartenstein sein Heim wieder als Gesunder betreten sollte. Frühling war's noch. Das Laub der Bäume in dem prächtigen Park, der seine Villa umgab, obgleich sie noch im Weichbild der Residenz lag, saftig und hellgrün, der Himmel dunkelblau, die Luft weich und mild. Mit verbundenen Augen saß er im Wagen, alle Sinne thätig im Genießen und doch hatte er mit dem Eigensinn, der ihn oft auszeichnete, erklärt, daß die Binde, die so lange sein Sehen gefangen gehalten, erst in seinem Atelier inmitten seiner Schöpfungen fallen solle. Von ihnen wollte er zuerst begrüßt sein, auf sie zuerst sein trunknes Auge fallen. Reichthum und Luxus sollten ihn von dem Augenblick an umgeben, wo der Bann von ihm genommen werden würde, den er aus seiner Erinnerung ver— bannen wollte. Das einfache kahle Zimmer in der Klinik, in dem er mit so verzweiflungsvollem Jammer die trostloseste Zeit seines Lebens zugebracht, wollte er nicht zuerst vor Augen haben, nachdem ihm Farbe und Glanz wieder lachten. So hatte er denn die beiden Aerzte vermocht, ihn zu begleiten und nun saßen sie alle schweigend im Wagen, der unbeachtet durch die Straßen rollte. Gottliebe war sehr blaß und die Hand, die ihr im Schooß lag, zitterte leise. Dann führte man Roland Hartenstein über teppichbelegte Treppen in die große, nach Norden gelegene Halle, die er sein Atelier nannte. Zögernd blieb sein Weib zurück. Die Höhe und Größe der Räume, die Pracht, die überall herrschte, blendete und verwirrte sie; die Ge— stalt des Gatten, der ihr in dem kleinen beschränkten Zimmer der Klinik soft wie ein gefangener Aar erschienen war, wurde ihr fremd und imponirend in dieser Umgebung, es war ihr, als gehörten sie nicht mehr zu einander, als müsse sie bescheiden draußen stehen bleiben, während er hier gebot. Scheu und furchtsam trat sie über die Schwelle des Ateliers, scheu und furchtsam drückte sie sich hinter die Staffelei, die ein halb in seinen Adern pulsirte, mächtig anschwellen, eine Lebenskraft, die Aber da stieß sein unsicherer Fuß an ein kleines Tischchen, das und die Farrenblätter zitterten und rauschten geheimnißvoll. Plötzlich vollendetes Bild in gewaltigen Dimensionen trug. Acht hatte Keiner auf sie. Fröstelnd trotz der Sonnenwärme blickte 5 auf die kost⸗ baren Waffen und Stoffe, die schwer von den Wänden herabhingen, die mächtigen gebleichten Farren und Blätter einer exotischen Ve⸗ getation, die Eisbärfelle auf dem Boden, den schillernden Pfau in der Ecke. Von ihnen kehrte ihr Blick zurück zu der aufrechten, imponirenden Gestalt inmitten all' dieser Herrlichkeiten, die jetzt mit einem tiefen Athemzug die Arme hob und die Binde löste. Sie sank. „Licht!“ schrie er auf.„Licht!“— Er breitete die Arme aus; wie ein Trunkener schwankte er hin und her, dann ging er langsam auf das gewaltige Fenster zu, durch das eine leise Dämmerung schon hereinschlich, starrte mit weit offnen. Augen auf die wehenden, grünen Baumwipfel und sank in den tiefen Sessel, der davor stand, und der immer sein Lieblingsplatz gewesen. 1 „Licht!“ sagte er noch einmal, aber leiser, viel leiser, und dann barg er das Gesicht in den Händen und weinte. 5 Der Arzt hatte längst das Zimmer verlassen. Ganz still war es um ihn geworden. Allmählich ließ seine Erschütterung nach, mit U leuchtenden Augen schaute er sich in dem altvertrauten Raum um. Es dämmerte stärker und die brennenden oder blassen Farben er⸗ loschen nach und nach, ein leiser Wind kam durch das offne Fenster, W fuhr Roland auf. Es war ihm, als habe er noch etwas vergessen oder versäumt. Und dann stand es mit peinlicher Deutlichkeit vor seiner Seele, er war ja nicht allein gekommen. Er hatte ein Weib mitgebracht— sein Weib! Gottliebe! Etwas wie Unbehagen über- kam ihn plötzlich, war's, weil er sie vergessen, oder daß sie über⸗ 0 haupt da war, er machte sich's garnicht klar, stand nur hastig auf und rief in das dämmernde Zimmer hinein. 1 „Gottliebe!“. a Sie kauerte noch immer regungslos hinter dem gewaltigen Bild. Ihre Seele, die so ganz in der seinen aufging, wußte, daß er jetzt 1 ungestört sein mußte, um sich völlig wieder zu finden, aber als nun Raumes, da begann sie zu zittern, und sich an dem Rahmen der Leinwand haltend, kam sie aus ihrem Versteck hervor.. Er blickte flüchtig über die kleine schattenhafte Gestalt hin, an deren Erscheinen er nicht einmal einen Gedanken verschwendete und wiederholte noch einmal seinen Ruf: a 0 N „Gottliebe!“ 8 „Ich bin es,“ sagte sie leise und demüthig das Haupt neigend wie ein Verurtheilter, der den letzten Streich erwartet. 1 „Dull!“ Es war nur ein einziges kleines Wort, das er mit abwehrend ausgestreckten Armen hervorstieß, aber es barg eine Welt von Grau- samkeit in sich. Und er wußte nicht einmal, daß es so war, daß er dem armen Weibe vor sich das Letzte nahm, woran sie sich bisher mit stiller Hoffnung geklammert. Hätte er Dankbarkeit gefühlt, so wäre nie ein solcher Ruf über seine Lippen gekommen. In ihm lag Schrecken, Abscheu und wildes Auflehnen gegen das Geschehene. Sie blieb stehen, ohne sich zu regen, ihr Urtheil war gesprochen. Eigentlich hatte sie es ja niemals anders erwartet und wunderte N sich nun über das Gefühl der Kälte und Leere, das sie bis in die N Fingerspitzen durchfröstelte. Und dann kam ihm eine Ahnung, wie 0 N hart er vielleicht doch gegen sie gewesen, er ließ die Arme sinken und gab sich Mühe, ruhiger zu sprechen.. „Du, Gottliebe! Ich hatte Dich mir anders vorgestellt. Gieb mir Deine Hand, damit ich Dich erkenne.“. 1 Sie kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand.— Ein klassisches Gebilde, leblos, kalt und weiß wie Marmor. Er blickte darauf nieder und begriff in demselben Augenblick, wie machtlos die Schönheit eines Körpertheiles an sich wirkt, wenn sie nicht im Einklang mit dem Ganzen steht. 1 Die schöne Hand ließ ihn gleichgiltig, die Erscheinung der Frau stieß ihn ab. Sie fühlte deutlich, was in ihm vorging, ihre Seele hatte sich stets der seinen angeschmiegt; aber sie seufzte nicht und sagte auch nichts. 3 „Sprich zu mir, Gottliebe,“ sagte er endlich gepreßt, sank in den Sessel zurück und bedeckte die Augen mit der Hand.„Ich will Deine Stimme hören.“ i Aber auch jetzt schwieg sie. In ihr schrie etwas wild auf gegen * . 8 9——— — —— , 0 1 N 8 3 An Volksfest im 16. Jahrhundert. 1 Eu 1 3 2358. i Betrachten, ohne indeß gleich das erste Beste zu wählen! die Ungerechtigkeit des Schicksals.— Sie, die für eine Weile die Macht gehabt hatte, ihn zu beglücken, verlor diese Macht ohne eigne Schuld in dem Augenblick, wo er sie sah. Liebe und Treue waren nichts— nichts im Vergleich zur Schönheit. Endlich stammelte sie tonlos: g „Weißt Du es nun, warum ich widerstrebte?“ (Fortsetzung folgt.) Kleine Frauen-Zeitung. Die Mode. Wäbrend der September für das Leben der Mode wenig mehr be⸗ deutet als ein interessaͤntes Durcheinander, während er die Industrie mit Kombinationen, die Frau mit Spannungen und Erwartungen unterhält, bringt der Oktober wirklich die neuen Herbst⸗ und Wintermoden zur Er⸗ scheinung. Wie sich dieselben gestalten, wollen wir nun heut näher betrachten. Denn die be⸗ treffs ihrer Toilette einsichtsvolle Frau zögert, überlegt, ehe sie die neuen Moden annimmt; sie wartet, bis sie definitiv festgestellt sind, um dann das für sich auszusuchen, was sie gut kleidet, was ihrem Budget entspricht, und was weder gewöhnlich noch excentrisch ist: Klippen, welche klug zu um⸗ gehen man lernen muß. Und wenn sie die Wahl mit Vorsicht gethan, wenn die verschiedenen Toilettengegenstände für die neue Saison gekauft und angefertigt sind, so beeilt sie sich nicht, dieselben zu tragen und diejenigen zu verschmähen, welche weniger frisch, weniger neu sind. Nein, die vernünftige und sparsame Frau denkt daran, daß der Winter sich lange binziehen kann, daß sie sich nicht noch einmal in derselben Saison ein Straßenkleid, einen Hut ꝛc. an⸗ zuschaffen vermag, und hiernach handelt sie, indem sie den neuen Kleidungs⸗ stücken bis zum Frühjahr hin etwas von ihrem frischen Aussehen bewahrt. Sie trägt bei trübem oder regnerischem Wetter die Anzüge vom vergangenen Jahre und bringt nicht unter einem grauen Novemberhimmel das schmucke Kostüm zur Ach unnd welches sich erst unter der hellen Januarsonne entfalten soll. Aber wenn das Ende der Saison herannaht, wenn sie sich sagen muß, daß die kaprizißse Mode im folgenden Jahr den Anzug, welchen sie zu schonen gewußt, auf eine zweite Stufe herabsetzen wird, beeilt sie sich, ihn ohne Skrupel oft zu tragen, sehr hübsch und elegant zu erscheinen, zumal sie am Horizont der Mode die kommenden Neuheiten auftauchen sieht, für welche sie die gleiche Vorsicht walten läßt. a Diese kleine Lehre der Sparsamkeit in der Mode ist gewiß für viele meiner Leserinnen gar nicht nothwendig; aber diejenigen, welche bei be⸗ scheidenen Einkünften es kaum erwarten können, sfsich schön zu machen“, wie die frühzeitigen Blumen, die vergehen, ehe die anderen erblühen: sie werden nun vielleicht über die Toilettenfrage nachdenken und ihren neuen Gewändern vor dem richtigen Moment des Tragens den Glanz nicht mehr abstreifen. Freilich sind die Kleiderstoffe, welche sich uns für diesen Winter darbieten, wiederum so dick und haltbar, daß sie wohl schon der Strenge vieler Monate wie der Unbill des Wetters trotzen können. Ich nenne Ihnen nicht die verschiedenartigen, stolz klingenden und oft prunkenden Namen, welche man denselben beigelegt. Es sind Cheviots, Bures, Serges, Diagonals, Limousines, Foulés, Knötchengewebe, velours- und plüschartig wirkende Wollenfabrikate, Serges, mit verschnürten Reliefmustern überzogen, vor Allem aber, als der Neuheiten neueste: weiche und schmiegsame Haarstoffe, d. h. geköperter wie glatter, tuffiger Wollengrund, mit ganz feinen, seiden⸗ länzenden Wollenhaaren durchschossen. Die meisten dieser Fabrikate prä⸗ ute sich ebensowohl einfarbig wie mit Streifen- und Carreau-Mustern. Das Carreau! Was soll ich Ihnen wohl noch darüber schreiben?! Es ist, wie ich Ihnen schon letzthin mitgetheilt, sehr in die Mode gekommen und nimmt sich in seinen vielen Gestaltungen, seinen mattbunten Farben⸗ Zusammenstellungen wie in seinen ernsten und rubigen Kompositionen von ein paar Tönen einerseits sehr schön und vornehm, andererseits einfach— geschmackvoll aus. Aber da es die„Hauptmode dieses Winters“, so ist es mehr die Tracht für Diejenigen, welche sich erlauben können, ein Kleid schnell aufzutragen, vielleicht nur eine Saison hindurch„die Mode mitzu— machen.“ Diejenigen hingegen, welche den in der Einleitung angeführten Grundsätzen folgen, welche sich an ihren Toiletten einige Saisons hindurch erfreuen und nicht wünschen, daß diese datiren, thun schon besser, sich das Einfarbige! zu erwählen, allenfalls auch das Einfarbige mit Gestreiftem gemischt, oder zu dem Einfarbigen das Karrirte als Garnitur, z. B. als Quille und Plastron, Kragen, Revers und Aermelmanschetten.— Und wenn ich bei dem Karrirten als Hauptsache wieder verweile, so mache ich auf die drapirten Kleiderröcke aus Cheviot oder Haarstoff mit sehr großen, mattbunteschottischen Carreaux aufmerksam, welche, je nachdem Marineblau, Olivengrün, Myrthengrün, Braun ꝛc. mehr hervortritt, von einem Jaquette— leibchen aus marineblauem, olivengrünem, myrthengrünem oder braunem gleichen Stoff oder Tuch begleitet werden. Eine reizende Winterkracht! So ein Tuchjäckchen sieht auch ganz schmuck aus zu winzig gewürfelten Röcken in zwei Schattirungen oder zwei Farben, ein schwarzes besonders zu einem schwarz und weiß oder schwarz und blaßgrau minutiös gewürfelten Rock, ein braunes zu einem beigefarben und braun gewürfelten Rock ꝛc. Und diese kleinen Carreau-Musterchen sind nicht augenfällig, mithin nicht so der Mode unterworfen. Man hat das Tuch überhaupt wieder mit vielem u aufgenommen, 3 ebenso wie zu Jaquette- und Amazonenleibchen, durch welche man auch ein bereits getragenes Kleid vergangener Saisons auffrischen kann, zu voll⸗ ständigen Kleidern und Kostümen. Man liebt darin einen drapirten Rock, d. h. den unteren vague fallend oder in Falten gelegt, mit langen grazibs eordneten Draperien, welche eine Tunika oder einen zweiten Rock be⸗ chreiben, und dazu ein Jaquetteleibchen von besonders korrektem Schnitt, vorn mit einem ausgestattet, der über und über mit feiner Rundschnur soutachirt. Dieser Westentheil, in der Mitte geknöpft, ist mit einem übereinstimmenden, um⸗ geschlagenen Stehkragen versehen; auf den Seitentheilen des Leibchens, also auf den Hüften, befinden sich große Taschen Louis XIII., ebenfalls aus Ottoman mit Rundschnurstickerei. Enge, einfache Aermel mit ent⸗ sprechenden Ottoman-Revers. Sie kommen aber die bauschigen Aermel, welche uns bald die Gigotärmel und die Ereves(geschlitzte Puffen) früherer Zeiten zurückrufen, bald sich halbweit, oben in den Aermelausschnitt, unten in ein Bündchen eingekräuselt, zeigen. Freilich sieht man sie noch selten an den schweren Wollenkleidern, wohl aber mehr an den Toiletten aus leichten und luftigen wie aus seidenen Stoffen. Der Aermel für das praktische wie für das einfach- elegante Wollenkleid bleibt vorläufig noch eng, sehr hochschulterig und um die Achsel kraus eingesetzt. Ich habe Gefallen an solchen Aermeln und finde sie in den meisten Fällen sehr kleidsam, aber nicht immer. Es scheint mir, als ob ich mit dem Carreau heut nicht zu Ende komme, denn immer wieder fällt mir etwas darüber ein. Ich babe zu Ihnen noch nicht von den eleganten und luxuriösen Wollenstoffen gesprochen, die mit bunten Sammetcarreaux durchwebt sind und mit einfarbigem Stoff: grobe Wolle, Sammet oder Plüsch, zusammengestellt werden. 5 leicher Weise und in gleicher Stoffverbindung giebt es schöne Pekings: ollen⸗ grund mit buntschottischen oder mit einfarbigen oder abgetönten Sammet⸗ oder Plüschstreifen. Man prophezeit derartigen winterlichen Promenaden⸗ oder Besuchetoiletten große Erfolge. Was die Umhüllungen betrifft, so wird man, wie in den voran⸗ gegangenen Wintersaisons, deren lange und kurze tragen. Ich habe schon letzthin darauf hingewiesen, daß man dem Jaquette die große Gunst be⸗ wahrt, und es würde schade sein, wenn es sich anders verhielte, denn es ist bei trockenem Wetter das kann. Selbst stärkeren Damen ist dasselbe von der Mode gestattet, vor⸗ ausgesetzt, daß sie es im Schnitt richtig wählen. Es muß bei ihnen fest im Rücken anschließen, vorn jedoch lose sein: eine Form, welche übrigens allgemein angenommen wird, während die jungen Mädchen und die sehr schlanken Damen es im Ganzen knapp anliegend bevorzugen, um die Grazie ihrer Taille zur vollen Geltung zu bringen. N Dann haben wir, im Bereich der kurzen Winterhüllen, das Mantelet, das im Schnitt vielfach variirt, durchgehends aber hinten kurz und fest an⸗ schließend, vorn lang ist und sich bald Visite, bald Vétement ꝛc. nennt. Man fertigt es aus einfarbigem, dickem Tuch oder aus Phantasiestoff, ge— füttert mit hübschem, bunt schottisch karrirtem oder gestreiftem Atlas, aus seidenem und aus wollenem Velours krisé, aus Sealplüsch, jenem weichen, flaumigen Plüsch, der in seinem Gewebe an das Pelzwerk der See⸗ otter erinnert, und neuerdings aus schlichtem Sammet, je nachdem besetzt mit Perlen ⸗Passementerien, Litzenborden, neuen Maraboutrüschen, Feder⸗ streifen und mit Pelz. Der letztere, welcher in der wirklichen Otter(loutre), in dem nicht minder sammetweichen und tuffigen Biber und dem Astrachan gipfelt, zeigt sich vielfach an Sammet, weniger an dem Sealplüsch, der meist durch sich selbst wirkt und jeglicher Garnitur entbehrt. Ein derartiges Mantelet ist von einfachster, um so mehr geschätzter Distinktion. Man rühmt in gegenwärtiger Epoche so viel die Einfachheit, aber diese Einfachheit ist in der That nur Dichtung und verbirgt sich die raffinirteste Weise. Die Dame von Geschmack, von vornehmer Eleganz liebt es nicht, den Luxus zur Schau zu tragen, aber er ist bis in die eringsten Details vorhanden, und es scheint mir nicht unrichtig, wenn ich 19 8 der wahre Luxus ist heutzutage derjenige, welchen man nicht sieht. Es ist gewiß nicht zu tadeln, dieses Streben nach äußerer oder scheinbarer Einfachheit; es bewahrt vor dem falschen Luxus, jenem Symbol des Un⸗ geschmacks, es läutert und veredelt den richtigen Geschmack, und Jedermann kann nach seinen Verhältnissen und Einkünften sich das Einfache zurecht⸗ legen, ihm hier eine bescheidene, dort eine verfeinerte Folie gebend. Um auf die kurzen Umhüllungen zurückzukommen, so versteht es sich von selbst, daß dieselben vorzugsweise ein Straßenkostüm begleiten, dessen Draperien und Garnituren aufgebauscht oder von einiger Bedeutung sind, während man, im Gegentheil, zu dem langen Mantel oder dem langen Paletot(letzterer jetzt vielfach Redingote betitelt) greift, um eine mehr schlichte Robe mit Einsatztheil ꝛc. zu bedecken. Uebrigens ist der lauge 1 1 berufen, eine wichtige Rolle in der Mode comme il faut zu spielen. eine Form erfordert eine große Korrektheit im Schnitt und eine gewisse Noblesse, einerseits in den Stoffen, anderer seits in den Garnituren: Stickereien, Relief- Applikationen, Soutaches ꝛc. Zu den langen Paletots wie Mänteln finden dieselben Stoffe, dieselben Besatzartikel Verwendung, welche ich oben bei den kurzen Umhüllungen erwähnt, und unter die Phantasiestoffe mischen sich noch die Doubletuche mit hochauffliegenden Galons oder kleinen Streumustern in glänzender Mohairwolle,— mit eingewebten Litzen und mit Streifen, ebenso wie die Knötchenstoffe und die Dingonals. Die Knöpfe nehmen in der Aus⸗ schmückung oft auch einen hervorragenden Rang ein; sie sind aus schöner Passementerie, aus schwarzer Perlmutter, aus kunstvoll bearbeitetem Metall, S sie zeigen sich in Form umfangreicher Kugeln aus Perlenmasse oder Stein. An den bisher beliebten Grundstoffen zu Herbst- und Winter- hüten ändert die Mode nichts, wenngleich sie noch manches Neue in diesen Kreis bringt. Man wird viel runde Filzhüte tragen, einfarbige und solche Westentheil aus Ottoman in gleicher Farbe wie das Tuch bequemste Kleidungsstück, das man sich denken oft auf 1 . 8 5 2359 D. . lichen Religionskriege, alljährlich gefeiert wurden. mit abstechender Krämpe oder abstechender Unterkrämpe, ferner Felbelhüte, Hüte aus geflochtenen Filzstreifen, welche das Paillasson des Sommers nachahmen, Hüte aus Sammet, glatt überspannt oder faltenreich drapirt, Perlen, Straußfedern und noch mehr als diese Vogelphantasten, Schleifen aus Pikotbändern. Und dann wird man reizende Toques sehen, graziös chiffonnirt aus schwarzem Grosgrain oder Ottoman mit perlenfunkelndem Sammetrand und einer schwarzen Federphantasie, nicht minder anmuthig chiffonnirte und arrangirte Toques aus Sammet mit Federpompons ꝛc. 2c. Es ist ein zu großer Bereich, als daß eine flüchtige Umschau in demselben genügte, und so muß ich denn sagen:„bis auf das nächste Mal!“ Lose Blätter. Volksfest im 16. Jahrhundert.(Siehe Illustration.) Paula Monjs, eine der begabtesten deutschen Malerinnen, welche sich auf der Düsseldorfer Akademie zur Bildnißmalerin ausbildete, trat im Jahre 1884 auf der akade⸗ mischen Ausstellung zu Berlin mit einem größeren Gemälde hervor, welches um des kulturhistorischen Vorwurfs willen Interesse erregte, und das in Bezug auf Komposition und Farbentechnik viel Anerkennung fand. Die Malerin schilderte eines jener fröhlichen Volksfeste aus dem 16. Jahrhundert, wie sie in den blühenden deutschen Städten, kurz vor Ausbruch der schreck— Während der Adel in Deutschland sich zu Turnieren und Schwertleiten und später zum Ringel⸗ reiten zusammen fand, feierten die Bürger ihre Messen und Kirchweihen, ihre großen Innungs⸗ und Schützenfeste. Der architektonische Rahmen, welcher die fröhlich zechende und schmausende Volksmenge umgiebt, läßt uns eine jener Städte erkennen, welcher die Gothik ihr besonderes Gepräge gegeben hat. Auf der Gartenterrasse erquicken sich die Spielleute an Speise und Trank— vermuthlich fahrendes Volk, das von Ort zu Ort zieht und überall da zu finden ist, wo Messen, Kirchenweihen oder Hochzeiten ab⸗ gehalten werden. Und solch' ein lustiger Musikant, der auf stolzen Burgen und Schlössern, in niedern Dorfschenken und den Festsälen der Patrizier einkehrt, weiß tausend Schnurren und Späße. Mit einem Spaß aber scheinen Jene dem munteren hübschen Bürgermädchen aufzuwarten, das in reicher, kleidsamer Festtracht auf der Treppe anhält und erst über den Scherz lacht, bevor es zur Volksmenge niedersteigt. Bei der Treppe, im Schatten der Bäume, liegen auch die aus dem Keller hervorgerollten Weinfässer, aus denen die durstigen Kehlen getränkt werden. Leben und Bewegung herrscht auf der von Linden und Nußbäumen umschatteten Treppe und eine fröhliche Volksmenge füllt den freien Platz in der Tiefe. Nur die alten Bürger⸗ häuser mit den kleinen Erkern und Thürmchen schauen so ernst auf das fröhliche Treiben, als wären sie eher geschaffen Kriegsstürmen zu begegnen, als lustigen Volksfesten. Paula Monjé hat nicht nur in den Figuren und Trachten, sowie dem architektonischen Rahmen die Zeit trefflich charakterisirt, sondern auch die ausgelassene Stimmung der Volksfeste zum Ausdruck gebracht. 5 R. E. Die Halleschen Studenten scheinen es, wie die anderer Universitäten, zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts ziemlich arg ge⸗ trieben zu haben. Der größte Unfug, Händel untereinander und mit den Bürgern, selbst Verwundungen derselben, wüste Gelage, Zweikämpfe de. waren an der Tagesordnung, so daß sich der Senat u. A. am 3. Sep⸗ tember 1703 veranlaßt sah, folgendes„Patent“ anschlagen zu lassen: Wir Pro⸗Rector und Professores der Kgl. Preuß. Friedrichs⸗Universität allhier fügen jeder männiglich, absonderlich aber unsern Civibus Academicis all⸗ hier zu wissen:„Ob wir wohl bis anhero dahin getrachtet, daß, wie durch Göttliche Gnade diese Universität an der Anzahl derer hierselbst studirenden von hohem Stande und anderer vornehmer Eltern Söhne, vor andern zugenommen, also dieselbe auch in einem ehrbaren honeten und Gott⸗ wohlgefälligen Leben der Studirenden von andern Universitaeten hervor⸗ leuchten möchte; So hat doch die Erfahrung bisher bezeuget, wie unter⸗ schiedene von denselben den Zweck, warumb sie hierher gesandt, außer Augen gesetzet und durch allerhand unanständiges Vornehmen, in Sauffen, Schwermen, Schreyen und tumultuiren, dieser Universität eine nicht geringe blame ver⸗ ursachet, allermassen einige so wohl auff den Gassen als auch auff den Stuben gantze Nächte mik Sauffen und Schreyen unter dem Lärmen der Trompeten und Paucken zuzubringen sich unterstanden woran nicht allein viele vornehme Durchreisende sich sehr geärgert, sondern auch, bey denen Einwohnern die nächtliche Ruhe gestöhret, und gantze Gassen in Verdruß und alteration gesetzet, auch denen Patienten und Schwachen daher nicht eringe Lebens⸗Gefahr zugezogen worden, deshalb auch unterschiedene Klagen bei dem officio Kcademico eingekommen. Wann dann aber solches nächt⸗ liche tumultuiren und schreyen sowohl in legibus Academiae, Lege XIV. sub poena casceries durioris ausdrücklich verbothen, als auch denen offen⸗ bahren Göttlichen und natürlichen Gesetzen zuwider, wie nicht weniger unsere Universität durch solche Unordnungen bey Auswärtigen in üblen credit gesetzet und das fernere Auffnehmen gehindert wird; Als hat man bey versammelten Concilio auff Mittel und Wege gedacht, diesem Uebel sich auff alle Weise zu widersetzen: Und wird daher allen und jeden Civibus Academiae ernstlich anbefohlen, sich dergleichen Unordnungen allerdings zu enthalten, von allem Geschrey, so wohl auff den Gassen, als auff den Stuben abzustehen, und auch auff den Stuben insonderheit des Nachts, und zwar im Winter nach 9 Uhr, im Sommer aber nach 10 Uhr, alle starcke Musiquen, es sey mit Waldhörnern, Trompeten und Paucken oder Hautbois oder Posthörnern und dergleichen, einzustellen, oder. zu seyn, daß wider die Uebertreter mit der poena carderts. durioris e wohl wider die Halsstarrigen mit der poena relegationis unaus 5 lich verfahren werden solle. Wornach sich jedermänniglich zu achten und vor Schaden zu hüten. Uhrkundl. mit dem Universitäts Insiegel bedrucket. So geschehen Halle den 3. September 1703“.— Diese und ähnliche Ver⸗ warnungen fruchteten jedoch wenig, und namentlich auch die unbefugte Theil— nahme an Bürgerhochzeiten blieb im Schwange; in Menge drangen die Studenten in die Waage, verdrängten die geladenen Gäste vom Tanzplatze, forderten mit Ungestüm Bier und Wein und gaben zu Lärm und Streit Veranlassung. Ein großer Tumult entstand bei der Hochzeit des Waage⸗ meister Kellner am 19. September 1704; als der Rathsmeister Ochel einen der Lärmenden aus der Thür geworfen hatte, rotteten sich die übrigen zu⸗ sammen, stürmten Waage und Rathhaus, schlugen den Rathsmeister die Fenster ein und konnten nur mit Mühe zur Ruhe gebracht werden. Schon um 6 Uhr begann der Tumult, zwischen 8 und 9 Uhr wurde die Bürger⸗ glocke fünfmal geläutet, die Trommel gerührt, doch kein Bürger erschien. Endlich wurden sie mit Gewalt vom Rathskeller geholt und mit Gewehr, Spießen, Stangen und Prügeln ausgerüstet, erwarteten sie den Ausgang. Inzwischen gingen die Studenten nach Hause und die Bürger thaten um 12 Uhr Nachts, bis wohin sie vor dem Rathhause gestanden, dasselbe. Eine besondere Kommission ward zur Untersuchung der Sache eingesetzt. H. S. Das Königreich und die Spinne. König Robert Bruce, ler regierte zu Anfang des 14. Jahrhunderts) durch die Engländer aus seinem Reiche vertrieben, hatte schon oft List und Tapferkeit aufgeboten, sich wieder seines Thrones zu bemächtigen, jedoch immer vergeblich; schon verlor er den Muth zu neuen Unternehmungen und entschloß sich nach dem heiligen Lande zu ziehen. Ueber sein Schicksal nachdenkend sah er nach der Decke empor und bemerkte daselbst eine Spinne, welche sich vermittelst ihres Fadens von einem Balken des Daches zum andern schwingen wollte; aber es mißglückte ihr immer. Sechs Mal, zählte Bruce, verfehlte sie das Ziel. Jetzt fiel ihm ein, daß auch er sechs Schlachten gegen die Engländer verloren habe.— „So soll das Schicksal der Spinne mein Leitstern ein,“ beschloß er.„Wenn sie noch einen Versuch macht, ihren Faden anzuheften, und es glückt ihr, so will auch ich zum siebenten Male es wagen. Gelingt es ihr nicht, so will ich nach Palästina ziehen, und nie wieder in mein Vaterland zurück⸗ kehren.“ Die Spinne machte sich auf's Neue mit aller Kraftanstrengung an ihr Werk und befestigte glücklich den Faden. Da erwachte auch Bruce's Muth, und wie er vorher jedesmal sein Ziel verfehlt hatte, so traf ihn nunmehr kein Unfall von Bedeutung. Er gewann sich Schottlands Krone auf's Neue und ward einer der bedeutendsten Könige des Landes. Es giebt Viele in Schottland, die niemals eine Spinne tödten würden, weil sie sich erinnern, welch' Beispiel von Ausdauer, und welch' glückliche Prophezeiung von diesem fleißigen Insekt ausgegangen ist. Der erste regierende Fürst, welcher einen Luftballon bestieg, war, soweit es bekannt ist, der gelehrte Herzog Friedrich August von Braun⸗ schweig⸗Oels(geb. 1740, gest. 1805), der zweite der 1 Herzog Karl von Braunschweig(geb. 1804, gest. 1873). Schon vorher hatte sich ein Mitglied des braunschweig'schen Hauses, die Prinzessin Elisabeth Christine, geboren am 28. August 1690 zu Wolfenbüttel, seit 1708 Gemahlin Kaiser Karl's VI., sehr für die Luftschifffahrt interessirt und den portugiesischen Franziskanermönch Bartolomeo de Guyman während ihres ben in Barcelona unterstützt. Derselbe war der Erfinder eines„fliegenden Schiffs“ und stellte mit demselben im Jahre 1709 erfolgreiche Flugversuche an. H. S. Ueber die Ursachen der Ausbreitung des Islams. Unleugbar ist es wohl, daß Muhammed wenigstens in der ersten Zeit an seine göttliche Sen⸗ dung glaubte; doch hätte dies nur im kleinen Kreise wirken können. Mit größerem Rechte findet man die schnelle Ausbreitung seiner Lehre in dem Mittelpunkte und der Einfachheit seines Satzes:„Es ist nur ein Gott und Muhammed sein größter Prophet;“ doch würden ohne die glühende Sinnlich- keit, die der Koran athmet, sich wohl nur wenige Orientalen zu ihm be⸗ kannt haben. Den Hauptstoß, um den Osten für den Islam zu gewinnen, that das damalige Christenthum selber. Die christliche Kirche war durch Spaltungen geschwächt. Die Sekten zankten sich mit blödem Eifer um trinitarisch-christologische Geheimnisse, als wären die Mysterien der Kern der Lehre Jesu Christi. Die mönchische Askese, die von den indischen Büßern stammte, der an Abgötterei grenzende Heiligen- und Reliquiendienst, die sich gern als das Wesen des Christenthums geltend machten, scheuchten jedes frische Gemüth, das die Erde nicht als Jammerthal betrachtete, zurück und lähmte die Widerstandskraft, als Muhammed seine begeisterten, todes⸗ muthigen Anhänger um die Fahne sammelte, die den Erdengenuß und ein schimmerndes Paradies vertheidigte. Daß der Islam sich nicht die ganze Erde eroberte, war nur die Folge der unter Alis Herrschaft ausbrechenden politischen und religibsen Streitigkeiten. Sie allein retteten die Menschheit vor der absoluten Herrschaft des Islam. W. G. Rodney. Als Rodney, der große Seeheld, in der Schlacht bei Finisterre 1747 den„Adler“ kommandirte, brachte er ein französisches Schiff zum Streichen, und als er an Bord desselben sprang, vom feind⸗ lichen Kapitän den Degen in Empfang zu nehmen, trat ihm dieser mit den Worten entgegen:„Ich wollte lieber, der Adler wäre zu einer Taube geworden und mit dem Oelzweig zu mir gekommen!“ M. Asmi Achmet Effendi, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts lange türkischer Gesandter in Berlin war, wurde eines Tages von einer Dame gefragt, ob er mehr als eine Frau besitze.„Ich habe nur ein Herz und eine Liebe,“ lautete seine Antwort;„ist die Frau gut, so ist eine genug— ist sie böse, so ist eine schon zu viel.“ W. G. Logogriph. Dem Pilger bin ich auf der weiten Reise Willkommen oft mit B. Doch ungern sieht er's, wenn auf 1598 Gleise Ich ihn verwund' mit D. Hell tön' ich durch die Wälder und durch Fluren, Tobt laut die Jagd mit H. Verfolgt der Waidmann dann des Wildes Spuren, Gebraucht er mich mit K. Stets bin ich vorn, werd' ich mit V. genannt, Wohl dem! der ewig mich mit Z. verbannt. Magisches Quadrat. Die folgenden Buchstaben: E 0 R 8 sind so zu ordnen, daß sie, von links nach rechts und von oben nach unten gelesen, in den korrespondirenden Reihen gleiche Worte ergeben. J. Einen Hundenamen. 2. Einen Gott. 3. Eine Blume. russisches Gouvernement. 4. Ein Auflösung des Logogriph in voriger Nummer: Eid— Leid— Kleid;— des Rätbsels: Papier;— des Silben⸗ Räthsels Nicolaus Copernicus— William Shakespeare. 1. Niederlande. 2. Irvingianer. 3. Canossa. 4. Qlende⸗ 5. Lennep. 6. Aristoteles. 7. Undine. 8. Sikok. 9. Cantara. 10. Oesterreich. 11. Polybius. 12. Ephraim. 13. Riga. 14. Nicolini. 15. Isel. 16. Ceremoniel. 17. Uri. 18. Schadow. Skat-Aufgabe Ur. 4 N 5 6 55 fa der Vorsicht halber, da ihm ein As gestochen werden könnte, nur Trefle-Solo Schneider an. Er verliert aber das Spiel mit 57„Points, Wie war die Lage der Karten und der Gang des Spiels?— Im Skat lagen Carreau As und Carreau 10. Auflösung der Skat⸗Aufgabe Nr. 2. Vorhand hat: + 7* * 4 4 4 2 2 k. Mittelhand hat: 785 7 7 5 2 E U 10 d hat: * * 1 E Im Skat liegen: Trefle Bube und 10. Vorhand spielt Trefle-Sieben aus und Mittelhand wirft Carreau As ab. Zweite Lösung der Aufgabe Nr. 2.(Aus unserm Leserkreise eingesandt.) Vorhand bat: Trefle 7 und 8. Pique 7 und 8, Coeur 7 und 8, Carreau 7, 8, 9 und 10. Mittelhand hat: Trefle Bube, 10 und As, Pique Bube, 10 und As, Coeur Bube, 9, 10 und As. Hinterhand hat: 7 Dame und König, Pique Dame und König, Coeur Dame und König, Carreau Bube, Dame, König und As. Im Skat liegen: Trefle 9 und Pique 25 Problem Nr. 418 von W. Steinmann in e Hi 7 2 2 1 1 3 , 0 d g h Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge man. Partie Nr. 240, gespielt auf dem Kölner Schuchfest am 23. August d. J, von Dr. Fritz ohne unsicht des Brettes und gleichzeitig mit sieben anderen Partien. N Dr. Fritz aus 3 Schwarz: 8 Schultz 1) e2—e4 7 e5 22) Dg3—f3 Sb cs Sbs-e 23) b2—b3 8g1—13 Li7- e5 Kg1 902 II- bõ 8g8—e 7 Le3 25) 0 0 0—0 Tal—el 8.365: Scé esd: g2—g4 d2—d4 Leda: 14—5 Dd i- da: Se7-c 3—e46) Ddd—e3 d7-d 1.2-h Des—g3 Sc6-d Lha—g3 Lböo- ds Se5-g6 Tel-es Lel-es 8Sda4-c Dea da: 12—14 f7—15 Te3-e7 Lds-e Kg8 58 Te7-c 7:7) 111130 8g6—h4 17113: 113—11 15—e4: Lbs-es) Se3-e: Sh4 52) 1g3—f2 2g3—f3 h7 6 15—e6: Se4—g3 815—g3:3) e6— e771) Ls-c 513—83 Le8 15 nach einigen Zügen als Remis Lea4-b3 718 16 abgebrochen. aus Cöln. 16-6 Dds—h4 Ta8—e8“) 4-6 e818 L5- d7 116—b?2: 1866 91—g5 Db2-c Des- da Sch d: Ld7-c 8d4 137 Le6 1g: IIS ds??) 716-c: 1, Mit der Drohung, den Springer g6 zu schlagen. 2) ds wäre offenbar nutzlos gewesen, da Weiß mit Ta! geantwortet hätte. 3) Das Schlagen des Läufers war vorzuziehen. 4) Lg würde Weiß mit Des erwidert haben. 5) Mit 25) Le7 Led ꝛc konnte Weiß auf Austausch der Dame gegen zwei Thürme spielen. 6) Sowohl durch Des als Uhl wäre die Qualität erobert worden; z. B. 29) Deg 146 20) Lh4 g5 31) gé: e. p, den Turm 86 sofort zu schlagen] Sd oder 5 30) Des Let? 31) f. g6:J ꝛc. 7) Das Opfer der Qualilät ist durchaus gerechtfertigt, W als die Qualität sofort wieder gewonnen wird; Schwarz hätte daher besser 8 den Läufer ba abzutauschen, um bei ungleichen Läusern im Endspiel auf Remis zu spielen. 8) Eine weit stärkere Fortsetzung war 370 L 1.06! 38) Lua ds 39) cal ed: 40) Les: 4 f und Weiß gewinnt schon beim Abtausch aller Offiziere: 40 L 7 K g7I 42) Ldef Khs 48) Leg: bree 44) Tee ꝛc oder 37).. d5 38) Lds Kg8 39) gal Les 40) Lie: TIE: 41) Tor: ꝛc. 9) Durch Letz: nebst Tes und Les wa⸗ etzt das Remis gesichert. l 10 112 giebt keinen besseren Zug, da Weiß 77 drohte. 11) Weiß läßt sich hier den Gewinn 5— zum Siege führende Fortsetzung w 41) Ldaf K gs 4) 187 Kis 43) Tf und 44) T. Briefwechsel. C. in H. Nr. 299 Ibrer letzten Sendung ist durch 1) Scz 2) Der oder auch um⸗ bg zu lösen, die andern Stücke erweisen sich alle als co rect. N. in 1 1 wenach Matt durch hs droht; oder 29) Lhe(mit der Drohung, 14 a mit 38. Ld4f 39) 1877 40) er resp. Thr oder L. Der Vierziger W. Kdt. Sch. C43] gebt durch 1) Der oder es es 2) De 1 d5 3) Sat oder d7 ꝛc. resp. 2) 9 8 2) Dh7f 2c. 1). bel. 2) Sd7t 1c. a . B. in S. Der Dreizllger ist durch 1) 47 2) 89 zu lösen. 8. H. in R. Der Dreizllger läßt folgende Lösung zu: 1) Desf 2) Det resp. Kbes, et 3) Sds; der Dreizüger durch 1) Der Keg 2) Tds: 2c. 1 der Vierer ist in seiner letzten Jassung durch 1) Des 1 in der früheren Ausstellung 1 läßt 2 das Hauptspiel wie solgt umgehen: 2) Sda 5 3) Dg rt 2c. W. S. in P. Die Correcturen von Nr. 58 und 40 sind nicht ausreichend, erstere weg 1) deff 2) Dbs und 1) Ddrf 2) fo 3) Des Matt, letztere wegen 1) desf Kos: 2) De 1 Kba! 3) Degf 4) Dag Matt. Nr. 16. Der eine Ibrer noch unveröffentlichten Vierer, mit schwarzem Thur n al zur Beseitigung der Umgehung eines Hauptspiels, ist wohl durch die Correctur unlösbar geworden; denn 1).. Kd 2) Deéf Ke5 3) Des Kcal der zweite Vierer läßt partielle Umgehungen zu: 2) Des 3) Seff 4) 186 und 2) dsb Lds: 3) Ude zc. Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt.⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. ä D „ ee Tds es 0