D e F!— PP zu den Oberhessischen Uuchrichten. 8 5 5 Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden Ur. 10. Gießen, den 7. März. 1886. 0 München,d. 18 Liebste Brüder, Freunde und Genossen! Da ich den Preis für meine schlanke Hebe— mein Reise⸗ stivendium nach Italien— mit der mir eigenen schönen Gründ⸗ lichkeit ausnützen, also vor Ablauf zweier Jahre schwerlich in Eure Mitte heimkehren werde, so will ich Euch schon jetzt schriftlich über etwas Auskunft geben, das Euch Allen am Herzen liegen wird. Träte ich jetzt in unser Zunftlokal im„Walfisch“, wo Ihr, ehrwürdige Gemeinde, versammelt seid, so würdet Ihr mich im Chor bestürmen:„Warst Du in München? Sahst Du Gerhard? Was treibt er? Ist er glücklich?“ Les't Nachfolgendes im„Walfisch“ vor, wenn Ihr Alle vereint seid; ich will es Euch künden, ehe mir andere Eindrücke die warme, tiefe Erregung verflachen, in die mich das, was ich mit Gerhard erlebte, versetzt hat. Als ich vor acht Tagen hier ankam, war mein erster Weg zu ihm. Ich freute mich mehr auf sein gutes Gesicht, als auf die Götter- und Heldensäle der Glyptothek,— sei es Euch ehrlich ge— standen! Sein Haus in der Vorstadt benahm mir die Freude auf das Wiedersehen etwas durch seinen glänzenden Luxus; diese Teppiche auf den Treppen und Fluren, diese Blattpflanzen und Büsten, diese freien, großen, luftigen Räume— wie verschieden war das Alles von dem Dachstübchen in der Brückengasse, wo er vor Jahren hauste, wo er mit so goldenem Humor den Wirth machte, wenn wir des Abends zuweilen zehn Mann hoch bei ihm einfielen und Tische und Stühle, ja das Feldbett des Freundes, in Ermangelung anderen Platzes, im Sturm besetzten!— Er, der Riese mit dem schönen, ausdrucksvollen Künstlerkopf, saß dann mitten unter uns; und ob er schwieg und unseren Neuigkeiten lauschte oder ob er seine eigenen launigen und sinnigen Einfälle zum Besten gab,— wir hatten ihn immer gern. Es gab eben keine andere Abwehr gegen das Ueber— wältigende seiner Vorzüge und Schwächen, als herzliche Liebe! Ja, auch seine Unarten gefielen uns, gesteht es nur! Sein lautes Lachen, seine Rücksichtslosigkeiten, selbst sein Eigensinn, dem die besten seiner Entwürfe zum Opfer fielen, weil sie seinen hoch— gespannten Ansprüchen nicht entsprachen,— das Alles hätten wir kaum an ihm missen mögen;— sein Genie und seine einzige Gut⸗ herzigkeit wogen ja auch Alles so reichlich auf. „Wirst Du diesen Gerhard hier wiederfinden?“ fragte ich mich, als ich den langen, mit werthvollen Statuen geschmückten Korridor entlang schritt, der seine Wohnung mit dem Atelier verbindet. Vor der Thür seines Musentempels saß, in ein Zeitungsblatt vertieft, ein alter Bekannter, den ich in der feinen, dunklen Diener⸗ livree kaum zu erkennen vermochte: Xaver, der Einarmige, mit Der Trotzkopf. Novelle von Frida Schanz. dem Gerhard jahrelang seine schmale Kost und seine enge Wohnung theilte, weil er meinte, keinen zuverlässigeren Diener finden zu können als den alten Streichholzverkäufer, den er einst halb erfroren und verhungert am Wege gefunden. Damals, im Dachstübchen, ließ sich über den Nutzen des dienenden Geistes streiten, der seinem Herrn nicht einmal die Stiefel putzen konnte; jetzt aber, im neuen, glänzenden Heim, schien der Alte ganz am Platze.— Es lag ihm offenbar das Amt eines Cerberus ob, das er prächtig versah, denn ehe er mich erkannte, knurrte er mich so feindselig grimmig an, als habe ich zu einem beabsichtigten Raub⸗ mord die Hand auf den Drücker gelegt. Als ich ihm aber in's Gesicht sah, hinter den finsteren Falten den alten, gutmüthigen Taver erkannte und unwillkürlich bei der Entdeckung laut auflachte, erkannte auch er mich und ließ die drohende Miene dem gemüth⸗ lichsten Lachen weichen. „Ist Dein Herr nicht zu Hause?“ fragte ich den alten Knaben. „Ja,“ sagte er schmunzelnd,„aber, abe; „Du sollst Niemanden einlassen, ich ahne den Sachverhalt; ver⸗ stehst es übrigens herrlich, zudringliche Anbeter durch Deine Grimassen abzuschrecken!— Wie lange pflegt der Herr denn mit seiner Muse allein zu sein?“ „Bis es dämmert; lange kann's heut nicht mehr dauern. Es ist ein Zimmer neben dem Atelier, wenn Sie dort warten wollen!“ Lachend ergab ich mich drein. Ein schmales, mit goldbraunen Brokatmöbeln ausgestattetes Empfangsgemach nahm mich auf. Der schwere Vorhang, der es vom Atelier trennte, gestattete mir durch eine Spalte den Einblick in das Sanktuarium, den ich dankbar wahrnahm, da ich mich in diesem Augenblick, wo das Herz dem Herzen mächtig entgegenschlug, hoch erhaben über alle Konvenienz⸗ rücksichten fühlte. Gerhard wandte mir den Rücken zu und ich sah nur die Um⸗ risse seiner mächtigen Gestalt, sein lockiges Haar und die markige Hand, unter deren feinen, sicheren Pinselstrichen eben das rosige, lachende Gesicht eines Kindes den letzten Schmelz der Vollendung erhielt. Nach dem Bilde zu urtheilen, das mir fast vollendet von der Leinwand entgegenstrahlte, war die Muse des Mannes, der so leidenschaftlich und heiß empfinden konnte, noch immer zart und keusch wie einst; an dem Stamm einer herbstlich entblätterten Ulme lehnte ein blasses, junges Bettelweib im tiefrothen Abendschein; ihr müdes, mädchenhaft holdes Gesicht sprach ergreifend von Gram und Entsagung, während der Knabe, den sie im Schoße hielt, die Händchen selig nach dem fallenden Laube ausstreckte. Die Stimmung der kahlen, sonnenbestrahlten Landschaft, die Poesie des Gedankens und die Vornehmheit der Ausführung war unseres Gerhard würdig! Während der Maler emsig, ohne aufzuschauen, Strich an Strich fügte, glitt der Tagesschein langsam aus dem Gemach. 2 74 D. Noch einmal maßen Gerhard's Blicke prüfend das Werk, dann athmete er auf, legte den Pinsel zur Seite und sagte ein tönendes „Amen!“, als habe er eben ein Gebet oder eine Predigt zu Ende gesprochen. „Nun wag's, mein Herz,“ murmelte ich in meinem Versteck. Eben wollte ich hervortreten, da erscholl aus der Fensternische, die Gerhard's Staffelei meinen Blicken entzog, ein zweiter Seufzer und ein zweites„Amen“, beides leis, halb im Scherze, wie von Kindermund. „Nun, Kamerad, zeig her. Warst Du fleißig?“ sagte Gerhard, indem er sein Gesicht, in das ich nur einen Augenblick lang zu schauen vermochte, nach dem Winkel zuwandte, aus dem das Echo erklungen war. Ein reizendes, glückliches Lachen antwortete ihm, dann trat ein kleiner, dunkellockiger, etwa fünfjähriger Knabe aus der Nische her⸗ vor, reichte Gerhard eine mit großen Buchstaben bedeckte Schiefer— tafel hin und sah erwartungsvoll und klug zu ihm empor.„Ist's gut?“ fragte er endlich, da Gerhard das Werk so lange nachdenk⸗ lich und stumm musterte, als sei es eine Handzeichnung Dürer's oder Rafagel's. Statt aller Antwort legte unser Pittore die Tafel weg, hob das feingliederige Kerlchen zu sich empor und küßte ihm so innig die freie, weiße Kinderstirne, wie er wohl nie die Lippen seiner Irene küßte! Der braune Männerkopf, an den sich das zarte, schmale Kindergesichtchen schmiegte, gab ein über alle Maßen schönes Motiv. „Bravo, Gerhard! Das ist Dein bestes Bild!“ rief ich jubelnd, indem ich durch die goldigen Vorhangswolken aus dem Heiligthum in der Gottheit Allerheiligstes trat. Im Nu hatte er mich erkannt. Er setzte den Knaben zu Boden und lag mit einem Freudenruf an meiner Brust. Alles, Alles fand ich in ihm wieder, was ich vergebens zu suchen gefürchtet! Auch sein Aeußeres war kaum verändert, nur die Falte zwischen seinen Brauen hatte sich vertieft, seit er von D. geschieden war, und aus den festen, bedeutenden Linien seines Gesichtes sprach ein gedanken— voller Ernst, den auch die helle Wiedersehensfreude nicht ganz ver— wischen konnte. f Auf den Jungen zeigte er mit einer Art von Stolz, was ihm gar drollig stand. „Mein Aeltester und Einziger,“ sagte er,„das Erbe Irenens.“ Bei der Nennung jenes Namens flog ein Schatten über sein Gesicht. Ich blickte von seinen umdüsterten Zügen nach der Wand hinüber, wo das Bild der Verstorbenen hing. Es war jenes Mädchenbild, zu dem die Tochter des Consul Römer dem jungen Maler gesessen hatte, um ihrem Vater zu seinem letzten Geburtstag eine Freude zu bereiten, jenes Bild, welches ihm die Freundschaft des alten Herrn, später die Vormundschaft über dessen einzige Erbin und schließlich diese selbst zur Gattin verschaffte,— kurzum, welches sein Erdenglück begründete, wenn Reichthum, Luxus, Selbstständig— keit„Erdenglück“ genannt werden darf. Wenn wir, die wir Gerhard kennen, es nicht so genau wüßten, daß er das Bild einer Anderen im Herzen trug, als er die strengen, geistvollen Züge Irene Römer's auf die Leinwand bannte, so hätte ich es jetzt herausgefunden, da ich das Porträt nach sechs Jahren zum ersten Mal wieder sah. Ein Hauch von Lieblichkeit und Poesie, der der vornehm ernsten Gattin Gerhard's nie eigen gewesen war, umschwebte ihr Bild.— Dies Alles waren Linien, welche der Maler unbewußt einer Anderen entlehnt hatte, die er in wachem Traum vor sich gesehen hatte, während er das Konterfei der reichen Kaufmannstochter malte. Unwillkürlich hatte er die kalte Schönheit Irenens mit dem süßen, wechselnden Frühlingsreiz der kleinen Komtesse Cornelia ge— schmückt, des schönen, jungen Kindes, deren strahlende, graublaue Augen wir von Gerhard's„erwachender Psyche“, jener entzückenden Studie kannten, ehe einer von uns das liebliche Original gesehen hatte. „Findest Du, daß das Kind der Todten gleicht?“ fragte mich Gerhard. „Es hat ihr dunkles Haar und ihre weiße, durchsichtige Haut. Die Augen aber und den Mund, der so trotzig aussieht, wenn er geschlossen ist, hat es von Dir geerbt.— Ist vielleicht damit auch ein Theilchen von des Herrn Vaters Eigensinn auf das Bürschchen übergegangen. i „Ich erziehe ihn sehr gut und veredle seine Anlagen,“ sagte Gerhard stolz. f So komisch mir dies Wort klang, so rührend war's anzusehen, wie die Blicke des Meisters dabei gleichsam kosend über das Kind glitten, das sich inzwischen wieder an das kleine Pult in der Nische gesetzt hatte und mit andachtsvollem Ernst unter den gold und silberüberklebten Schieferstiften seines Schreibkästchens Ordnung schuf. „Bist Du heute Abend frei und kommst Du mit mir?“ fragte ich Gerhard, als ich seine stürmischen Fragen nach Euch, nach Eurem Treiben und Ergehen, so gut es in der Eile ging, beantwortet hatte. „Ich habe mich mit meinem Reisegenossen, einem jungen Engländer, im„Bairischen Hof“ zusammenbestellt und freute mich, wenn ich Dich ihm zuführen könnte!“ Gerhard's Mienen hatten meiner Bitte Anfangs Gewährung verhießen, dann aber schien er sich auf etwas zu besinnen, sah nach seinem Jungen hinüber, lächelte, schüttelte den Kopf und sagte: „Nein Rolf, heute geht es nicht, oder sehr spät erst,— wenn der Junge da schläft,“ fügte er leiser hinzu. „Oho, hat der kleine Junker hier die Zügel in den Händen?“ „Für heute: ja, und zwar durch die freieste und friedlichste Uebereinkunft. Montag und Donnerstag bleibe ich bei ihm; dafür läßt er mich an anderen Tagen thun, was ich will und begnügt sich mit seiner Kinderfrau und dem Xaver. Gelt Fritz?“ „Aber Gerhard,“ rief ich, halb belustigt, halb empört,„eine Ausnahme——“ „Nein, nein,“ erwiderte er schnell, ehe noch ein Thränlein aus den ängstlich fragenden Augen des Knaben den Weg über dessen Bäckchen gefunden hatte.„Liegt Dir etwas an meiner Gesellschaft, so schenke Du mir Deinen Abend. Deinem Engländer können wir ja ein Billet schreiben, daß wir erst morgen, oder, wenn Du willst, heute nach zehn Uhr, mit ihm zusammentreffen wollen.“ Ihr, die Ihr Gerhard kennt und mich dazu,— Ihr errathet, daß ich blieb. Das Billet für Mr. Lee brachte Xaver an seine Adresse und ich verbrachte ein paar Stunden im traulichsten tete-Ar-téte mit Gerhard und seinem niedlichen Haustyrannen. Der Einarmige servirte uns ein lukullisches Abendmahl und wir vertieften uns bei Hochheimer und Cliquot in alte Exrinne— rungen, während Fritzchen mit zufriedenem Gesicht sein Weißbrod in den zierlichen, silbernen Milchbecher tauchte und dann auf seines Vaters Knieen friedlich entschlief. Arm in Arm wanderten wir, nachdem der Kleine von seiner runzlichen Wärterin zu Bett gebracht worden war, nach dem „Baierischen Hof,“ wo unser Engländer treulich unserer harrte. Wir verplauderten ein paar genußreiche Stunden und ich freute mich im Stillen, daß Gerhard durch seine glänzende Laune das Lob, das ich ihm gezollt hatte, so reichlich rechtfertigte. Als ich in später Nacht allein mit ihm durch die mondhellen Straßen nach Hause wanderte, sagte er, indem er ein Gespräch über den Realismus unserer heutigen Kunst plötzlich abbrach: „A propos, was sagst Du eigentlich zu meinem Jungen, Rolf?“ Ich lachte.„Daß Du das hübsche Kerlchen unverantwortlich verdirbst und es bald zu einem unausstehlichen Eigensinn erzogen haben wirst.“ „Das kannst Du wirklich nicht beurtheilen, Rolf, weil Du es einfach nicht verstehst; ich dagegen habe mich lange und angelegent— lich mit Erziehungsmaximen beschäftigt,“ sagte er mit ehrwürdiger Ueberlegenheit. Wie belächelte ich ihn im Stillen, den großen Thoren! Derselbe glaubte, durch minutenlanges Schweigen seinen Worten einen wirkungsvollen Nachdruck geben zu müssen, und so standen wir, ohne weitere Ansichten über Erziehung ausgetauscht zu haben, vor dem Eingangsthor seines Gartens. „Gute Nacht, erhabener Mentor!“ sagte ich. „Nein, nein, Rolf, geh noch nicht. Der Tag ist einmal an⸗ gebrochen und die Luft so schwül, daß uns ein Plauderstündchen dort unter der Esche im Garten nichts schaden kann.“ Ich widerstrebte nicht. „Wovon sprachen wir doch, Rolf?— Ach ja, über den Jungen. Weißt Du, daß ich mich ernstlich mit dem Heil seiner kleinen Seele beschäftige und ihn nach den besten Grundsätzen leite?“ „Bäckst Du ihm philantropische Buchstabenbretzeln à la Basedow?“ „Nein, Rolf, laß den Scherz. Du weißt nicht, wie seltsam es mir mit dem Kinde ging. Vier Jahre lang kannte ich es kaum. . r e *r n n * . ee, eee eee eee CEC 1 7 1 Irene verstand nicht, es mir näher zu bringen. Sie war ein zu starrer, strenger Sinn, um weiche Gefühle erwecken zu können. Die ganze Art, wie wir unsere Ehe schlossen, war zu nüchtern, als daß mehr als kühle Achtung in ihr hätte erwachsen können. Du weißt ja, wie alles kam: In einer Stunde der Verzweiflung über den Treubruch einer Andern, die mir Alles, Alles war, schüttete ich dem ernsten, klugen Mädchen, zu deren Freund und Vormund mich der Wille ihres sterbenden Vaters bestimmt hatte, mein übervolles Herz aus.— Ich wollte sterben und konnte mir vor'm Schlafengehen die bittere Wollust nicht versagen, mit dem leidenschaftslosen, geist— vollen Wesen, das mir schwesterlich nahe stand, darüber zu reden: „was in dem Schlaf für Träume kommen mögen?“ Statt ihrer Ansichten über den Tod gab sie mir in ihrer ruhigen Weise ein Mittel an die Hand, um„trotz Allem“ weiter zu leben. „Ein leidliches Dasein kann man sich bei allen gebrochenen Hoffnungen noch einrichten. Muß es denn das höchste Glück sein? Ist nicht Gold, Ruhm, Behagen auch etwas werth?“ Kurzum, die Retterin vergaß angesichts des Ertrinkenden die Regeln des Herkommens und bot mir ihre Hand an.„Auch ich habe auf Glück verzichtet und will nur eben leidlich leben!“ sagte sie, als ich von Opfern sprach. Ich ergab mich und fühlte eine Art trotzigen Glückes, einer Andern zeigen zu können, wie gut ich ohne sie leben könne. Daß meine Braut ein fürstliches Vermögen besaß und ich nur ein Häufchen Schulden, beschämte mich kaum, da mir der Werth des Geldes, den ich nicht kannte, als ein zu nichtiges Ding erschien. So ward Irene mein. Jetzt, da sie todt ist, ergreift es mich manchmal wie Scham, daß ich so viel von ihr empfangen und ihr nichts zu entgelten gewußt habe. Sie war ein ungewöhnlicher, mit festen, großen Linien gezeichneter Charakter, aber mein Frauenideal war eben ein anderes: ein zartes, süßes, bewegliches Ding, voll Treuherzigkeit und Trotz, voll Thränen und sonniger Glückseligkeit, genug, genug— Du weißt ja Alles, Rolf!“— Heiß und bebend lag seine Hand auf der meinen; der Seufzer, in dem seine Worte verhallten, klang wie ein zitterndes Schluchzen, wie ein mühsam unterdrückter Schmerzensschrei. „Sahst Du Cornelie nie wieder?“ fragte ich leise. „Nein, aber sie ist hier.— Ihr Mann ist todt. Sie ist allein und frei. Dr. Schiffner, mein Arzt, erzählte mir neulich von ihr und bot mir an, mich einzuführen.“ e, e,, „Fragst Du noch, Rolf? Kennst Du mich so wenig? Nichts in der Welt brächte mich zu ihr. Die Wunde, die sie mir schlug, blutet noch immer, wie am ersten Tage. Nein, nein, ich kann sie nicht wiedersehen! Ich habe sie zu heiß geliebt und hasse sie nun e Mühsam beschwor ich ihn zur Ruhe. „Wohin sind wir gerathen, Gerhard? Du wolltest mir von Deinem Jungen, von Erziehung reden.“ „Ja so,“ sagte er lächelnd, indem er die Locken aus der heißen Stirn strich.„Was sagte ich doch zuletzt?— Ach, ich kannte Fritzchen kaum, als Irene starb. Das ist uns Männern eigen: Wir lieben in den Kindern die Frau.— Und da mein Weib mir fern stand, blieb mir auch der Knabe fremd.— Ich fühlte mein Herz eigentlich zum ersten Mal für ihn schlagen, als ich in der Nacht nach Frenen's Tod an dem blumenüberdeckten Sterbelager Wache hielt und das herzbrechende:„Mama, Mama!“ des Kleinen durch das stille Haus tönte. Ich schlich zu ihn, um ihn zu trösten; da ich aber die alte Käte an seinem Bettchen fand, kehrte ich um und kniete auf's Neue zur Seite des Sarges nieder. Allmälich ver⸗ stummte das heiße Weinen des Kindes, das einen seltsamen Sturm von Gefühlen in mir erregt hatte. Eine herzbewegende Ahnung that sich mir auf. Sollte durch den Tod, der im Grunde eine Kette zwischen Mann und Weib gebrochen, ein zartes, liebliches Band zwischen Mutter und Kind zerrissen sein?— So klagt ein Kind nur um ein Wesen, das sein kleines Herz ganz erfüllt, das Abends an seinem Bettchen weilt, mit ihm lacht und kos't, ihm Märchen erzählt und es schmeichelnd in den Schlummer singt.„Du blasse Todte, Du kühle, strenge Genossin meines Lebens,— ist's möglich, warst Du eine solche Mutter?“ rief ich unwillkürlich, indem ich meine Lippen auf die lichten Blüthen in ihren Locken preßte.“ „Mutter!“ klang es da, wie ein Echo, gellend und klagend. Entsetzt sah ich empor. 75 W.. Die Thür war halb geöffnet und im Rahmen stand Fritz im Nachtkleidchen, seine rothe Decke, in die er sich gehüllt hatte, schleifte hinter ihm drein; seine verwunderten Augen schimmerten in Thränen und auf den Bäckchen glänzten zwei brennende Fieberflecke. Im Nu war ich bei ihm, hob ihn zu mir empor und trug ihn hinaus. Sein Herz klopfte so laut gegen das meine, daß ich jeden Schlag zu hören vermeinte. „Schläft sie?“ war sein erstes, furchtsames Wort, als ich ihn zwischen die Kißchen gebettet und so gut es gehen wollte, be⸗ ruhigt hatte. N „Ja, Fritzchen. Und Du darfst sie nicht wecken. Schlafe auch Du.“ Folgsam schloß er die Augen. Ich hielt seine kleine Hand in der meinen und sah, wie der Schlaf ihn allmälich umfing. Dieser Kindesschlummer hatte für mich etwas so Heiliges, daß ich nicht wagte, meine Finger, die der Schläfer fest umklammert hielt, zu befreien, um ihn nicht zu stören. So wachte ich die ganze Nacht hindurch bei dem Kinde, statt bei der Todten. Sein Schlaf war bang und unruhig, und die kleine Hand brannte und zuckte in der meinen. 5 Du weißt, daß Irene an einem Scharlachfieber gestorben ist, dessen Keim sie sich an Fritzckens Krankenbett geholt hatte, der kurz zuvor, während ich in Oberitalien umherschwärmte, von derselben Krankheit heimgesucht worden war. Nun ahnte ich an den pochen⸗ den Schläfen und den rothbrennenden Wangen mit Schrecken die Wiederkehr des heimtückischen Fiebers. Am nächsten Tage kam es wirklich zum Ausbruch. Trauriger als das körperliche Leiden des armen Kindes war seine heiße, zärt⸗ liche Sehnsucht nach der todten Mutter;— während seiner Fieber— träume suchte er sie in allen Ecken, in Wäldern und verzauberten Schlössern; er kämpfte um sie mit Löwen und Drachen und mit unseres Nachbars, des Majors, zottigem Bernhardinerhund, vor dem er sich so unsagbar fürchtete. Bei alledem gab es nur eins, was ihn besänftigte und beruhigte; das war— lache nicht!— meine Nähe, meine Stimme, das Streicheln meiner Hand. Sobald ich bei ihm saß, ward er gut und still. Anfangs war ich fast unwillig über den Zwang. Dann empfand ich eine Art stolzer Genugthuung, und zuletzt, da ich in den langen, einsamen Nachtstunden viel nachdachte, kam eine tiefe Rührung und Beschämung über mich, weil ich fühlte, wie wenig ich das große, wunderbare Glück verdiente, diesem lieblichen Geschöpf über den Abgrund des Todes hinweghelfen zu dürfen, ihm wohlthuend, theuer, unentbehrlich zu sein. Dr. Schiffner, der Arzt, scherzte über die Zaubergewalt, die ich über den Knaben ausübte, während ich im Stillen Gott dafür dankte. Nach und nach kam dem kleinen blassen Seelchen das Bewußt⸗ sein wieder. „Sagen Sie ihm, seine Mutter sei verreist, halten Sie ihn, trösten Sie ihn von Tag zu Tag“, sagte der Arzt. Ich zitterte vor des Kindes Fragen und umgab ihn mit so viel Spielwerk, als ich nur herbeischaffen konnte, um die Erinnerung an die Gestorbene in ihm zu ertödten. Einmal, als er über einem neuen Bilderbuch freundlich lächelnd eingeschlafen zu sein schien, betrachtete ich sinnend das kleine Gesicht, das so fein und mädchenhaft aussah, wenn die mächtigen, glänzenden Augen geschlossen waren. Da hob er auf einmal die dunklen Wimpern, sah mich groß und voll an und sagte:„Bleibst Du nun immer bei mir, weil die Mama im Himmel ist?“ „Wer sagt Dir denn das?“ entgegnete ich. „Sie selbst hat mir's gesagt, daß Du mich lieb haben und gern bei mir sein würdest, wenn sie im Himmel wäre.“ „Willst Du mich denn bei Dir haben? Willst Du mich lieben?“ fragte ich. „Ich habe Dich lieb,“ entgegnete er, schloß die Augen und schlief nun wirklich ein. Das war unser Herzensbund.—— Wochenlang waren wir unzertrennlich. Während das Kind genas, begann auch ich zu gesunden. Neue Hoffnungen, neue Lebenspläne regten sich in mir; selbst die alte Arbeitslust erwachte, die so lange unter dem Dornengestrüpp der Gleichgiltigkeit und des Ueberdrusses geschlafen hatte. 8 —— r 1 165 S 76 D 1 1 1 Eines Tages blieb ich aus, ohne dem Jungen vorher etwas„Nicht im mindesten,“ gab ich lächelnd zur Antwort. 3 davon zu sagen. Stunde um Stunde stand ich vor meiner Staffelei„So gebe ich's auf, Du Heide. Vielleicht lehrt Dich der Ex— 1 U und skizzirte mit einer Herzenslust, die mich wunderbar erwärmte. folg noch glauben.“ 1 0 Jeder Pinselstrich schien mir ein Ruderschlag in eine neue, bessere„Vielleicht.“—— Warm drückten wir uns die Hände zum 1 N Zukunft zu sein. Abschied; inniger hatte ich ihn nie geliebt, als in diesem Augen⸗ ö * Als ich am Abend zu meinem Liebling zurückkehrte, sah er mich blick,— trotz seiner urffinnigen Philosophie! 1 9 vorwurfsvoll und traurig an, schloß dann die Augen und sprach(Fortsetzung folgt.) 1 19 kein Wort. 44 0 Was war da zu thun?—„Der Junge hat Deinen harten Kopf F. 5 55 —— und will mit Billigkeit und Vernunft behandelt sein,“ sagte ich mir. Ich stellte ihm also fest und freundlich vor, daß ich arbeiten müsse und nicht den ganzen Tag mit ihm spielen und spazieren gehen könne, wie seine Mama. „Dafür bin ich ein Mann. Du wirst auch einmal einer werden und es dann ebenso machen.“ Das sah er ein, und die Freundschaft war auf's Neue geschlossen, nur mußte ich ihm versprechen, Mittags und Abends bei ihm zu sein. Seit er völlig genesen ist, haben wir unseren Vertrag ein wenig geändert. Ich ließ ihm ein kleines Pult machen, an dem er, so lange er will, sitzt und Buchstaben malt, während ich arbeite; da⸗ für habe ich das Recht erhandelt, an fünf Abenden auszugehen; denn daß ich außer seiner Gesellschaft noch zuweilen der meiner Freunde bedarf, deren Umgang mir wieder ein liebes Bedürfniß geworden ist, wußte ich dem Schlingel ganz leicht begreiflich zu machen. Während ich male, darf er mich mit keinem Worte stören. Es ist reizend, wie treu er seinen Kontrakt hält.“ „Treuer wohl nicht als Du!“ sagte ich lachend. Trotz aller Sympathie für den Freund hatte der Gedanke, daß der willensstarke Mann sich von so winzigen Kinderhändchen zügeln und gängeln ließ, etwas unendlich Komisches für mich. „Weit wirst Du mit Deiner Erziehungsmethode keinesfalls kommen,“ konnte ich mich nicht zu bemerken enthalten.„Sollte die Natur Deinem Liebling etwas von Deinem trotzigen, hartnäckigen Wollen verleihen, sollte dann das Leben, wie so oft, sich der Er⸗ füllung seiner Wünsche entgegenstemmen, so wird er Dir's vielleicht später nicht danken, daß Du ihm eine Nachgiebigkeit gezeigt hast, die das Schicksal schwerlich nachahmen wird.“ „Du irrst, Rolf,“ entgegnete er.„Freilich ist das Leben hart und unbeugsam. Aber nur der empfindet's, der heftig und un⸗ gestüm begehrt, der sein Lebensglück trotzig kühn auf einen Wurf setzt, wie ich's gethan habe.— Durch Billigkeit und Milde will ich das leidenschaftliche Wollen in dem Knaben dämpfen, will ich jenem Eigensinn die Spitze brechen, der so leicht alles Glück zer— stört, und den nur Härte, Widerstand und Gewalt im Menschen groß zieht.— Wer, wie ich, eine Kindheit ohne Mutterliebe, voll stoth und Entbehrungen verbringt, und unter Drangsal und Noth den Flügelschlag des Genius in sich spürt, der muß im Kampfe mit Strenge und Engberzigkeit allmälich starr und schroff werden. „Ich habe Stunden durchlebt, in denen entweder weichmüthiges Verzagen oder eiserner Trotz die Oberhand gewinnt. Als ich am Grabe meines Vaters kniete und tausend Stimmen mir zuraunten, daß Groll und Gram über die eigenmächtige Wahl meines Berufes den Alten so früh in den Tod getrieben habe, da erwachte inmitten aller Vorwurfsqual jener Muth im Herzen des sechszehnjährigen Knaben, der rückhaltlos seine Stimme erhob: Es war trotz Allem und Allem recht gethan, daß Du das Vaterhaus verlassen hast, in dem man Dich zu verhaßter Arbeit zwang und den Götterfunken in Deiner Brust ertödtete! „Mit heißen, trockenen Augen schwor ich mir, nun erst recht, mit starker, treuer Beharrlichkeit, dem Genius zu dienen, der mich durch so furchtbare Kämpfe zu seinem Jünger stählte. „Von jener Zeit an scheute ich keinen Widerstand mehr; kühn und keck forderte ich vom Leben und fürchtete seine Feindseligkeiten nicht, da ich nichts mehr zu verlieren und Alles zu gewinnen hatte. „Und in seltsamer Gefügigkeit unterwarf sich mir das Schicksal, bis ich in tollem Uebermuth meine Wünsche zu einem Stern erhob, den ein Sterblicher nicht ungestraft begehren darf; da wurden meine Uebergriffe durch einen Schlag gerächt, der mich zu Boden warf. „Daß ich den Knaben nicht vor Schmerz behüten kann, weiß ich wohl. Aber so lange ich's vermag, will ich jede Ungerechtigkeit von ihm fernhalten; denn sie ist die Wurzel, aus der Trotz und Schroff— heit wächst. Und nun,— habe ich Dich bekehrt, Rolf?“ 9 D Kd Eine Vision Rönig Karls XI. von Schweden. Von G. O. Hilder. Es ist schon recht lange her, ich war noch ein Kind und saß auf einem Fußschemel dicht am Knie der alten Tante, die aus dem fernen Schweden zum Besuch gekommen war und uns allerlei Geschichten und Begebenheiten aus ihrem Heimathslande erzählte. Ihre Erzählungen galten eigentlich nicht mir, sondern einem Kreise erwachsener Zuhörer, aber ich war doch nun einmal auch da und lauschte ebenso aufmerksam, wenn nicht aufmerksamer, als die „Großen“. Von allen ihren Erzählungen war es besonders eine, welche meine jugendliche Phantasie auf das Lebhafteste in Erregung versetzte und zugleich eine heillose Verwirrung in meinem armen Denkvermögen anrichtete, da der Inhalt derselben im grellsten Widerspruch stand zu Allem, was mir bis dahin zu glauben und nicht zu glauben gelehrt worden war. In mancher schlaflosen Nacht habe ich damals Wort für Wort jener merkwürdigen Erzählung repetirt, so daß ich heut noch im Stande bin, dieselbe genau, wie die Tante sie vortrug, wiederzugeben.— Vor Jahrhunderten lebte einmal ein König von Schweden, der es mit seinem Volke aufrichtig gut meinte und darum auch der Herrschsucht des die Bürger und Bauern schwer bedrückenden Adels mit starker Faust entgegentrat. Aber der Adel war mächtig und darum so leicht nicht zu bezwingen, und so hatte denn der König mit seinen Räthen bei Tage und bei Nacht unausgesetzt darüber nachzudenken, wie er doch endlich seinen Willen siegreich durchzu⸗ führen im Stande sei. So saß er einst mit drei der ihm meist ergebenen Stadträthen in seinem Gemach im Schloß zu Stockholm; es war, wie gewöhnlich, spät geworden und vom Thurm„zu den drei Kronen“ dröhnte der erste Schlag der Mitternachtsstunde dumpf hernieder.— Der König trat ans Fenster, um frische Luft zu schöpfen, ihm war warm geworden bei den wichtigen Berathungen. Da fuhr er erstaunt zurück; in dem gegenüberliegenden Flügel des Schlosses, in dem der Saal für die außerordentlichen Zusammen⸗ künfte der Stände gelegen, schimmerte helles Licht durch die linnenen Fenstervorhänge. Im ersten Augenblick glaubte der König an eine Feuersbrunst, aber dazu leuchtete der Schein zu gleichmäßig, im Reichstagssaal mußten Kerzen angezündet worden sein.— Aber eine Ständesitzung jetzt mitten in der Nacht und, ohne daß der König davon Kenntniß hatte, das war undenkbar oder— Hoch⸗ verrath.—„Was bedeutet das Licht im Reichstagssaal?“ rief der König vorwurfevoll seinen Räthen zu, welche, überrascht wie dieser, ja erschrocken, keine Antwort zu geben vermochten.—„Darüber müssen wir Gewißheit haben,“ fügte der König schnell entschlossen hinzu und begab sich sogleich zu dem alten Bücherschrank, in welchem die Schlüssel zu den Gemächern des Schlosses aufbewahrt wurden. Der Schlüssel zum Reichssaal befand sich unberührt darin und be⸗ zeugte noch durch eine dicke Rostschicht, daß er seit langer Zeit nicht in Gebrauch gewesen.—„Es existirt nur dieser eine Schlüssel und doch ist der Saal geöffnet worden,“ sprach der König mehr zu sich selbst, als zu den Räthen, und laut setzte er hinzu:„Es begiebt sich etwas Gesetzwidriges, Unstatthaftes, ich bitte Sie, meine Herren, mir zu folgen.“ Aber die Räthe, eingedenk der Intriguen des regierenden Adels, zauderten, zu gehorchen.—— Doch mit festen Schritten ging der König furchtlos voran. Da mußten die Räthe folgen; dies geschah, nachdem ein Jeder eine Wachskerze in die Hand genommen.— Duupf hallten die Tritte der vier Männer durch die öden Wölbungen der Korridore. Dann mußte Saal nach Saal durchschritten werden, schauerlich knirschten die Schlüssel in den schweren Schlössern und knarrten die sich öffnenden hohen Flügelthüren, bis endlich der König mit seinen Begleitern vor der Thür des Reichstagssaales stand. Noch einmal wagten es die Räthe dem Könige vorzustellen, daß jedenfalls der unzufriedene Adel hier . W eee. *— —— rr e 2 — iel gel en 11 he iel* —— Ein unerwarteter Besuch. 8 O2 EFT R 78 in geheimer Sitzung versammelt und diesem das Schlimmste zuzu⸗ trauen sei. Darum baten die Räthe, der König möge sein Leben nicht nutzlos solcher Gefahr aussetzen. Aber ohne eine Miene zu verziehen, bohrte der König den Schlüssel in das Loch, welches auch erst den gemeinsamen Anstrengungen der vier Männer wich. Jetzt aber schwenkten sich die Thürflügel mit furchtbarem Getöse um ihre Angeln und ein Strom von Licht überfluthete die in der Thür⸗ öffnung Befindlichen. Von zahlreichen Kronen, Kandelabern und Wandleuchtern strahlten die Flammen schimmernder Kerzen und be— leuchteten ein wunderbares Schauspiel. Männer in fremdartigen, weder der Landessitte, noch der damalige Zeit entsprechenden Trachten. In den Mienen dieser Männe spiegelte sich düstrer, drohender Ernst. hangenen Mienen wie die Uebrigen. auf diesem leuchtete ein Henkerbeil. Alsbald öffnete sich eine Thür und geleitet von zwei Bewaffneten erschien ein schwarz gekleideter Mann mit kurzgeschorenem Bart und Haupthaar. Der Mann wollte sprechen, aber man bedeutete ihn, zu schweigen und führte ihn an den Block, wo ihm erst die rechte Hand abgehauen und dann der Kopf vom Rumpf getrennt wurde.— Inzwischen hatte sich der König nach der ersten eee gesammelt und rief jetzt mit kraftvoller Stimme durch 11 5 Saal:„Was geht hier vor? Wer hat es gewagt, ohne mein Wissen diese V Versammlung zu be⸗ rufen?“ Da erhob sich einer der am Tisch sitzenden Männer und gab mit wie Donner durch die Hallen dröhnender Stimme zur Antwort:„Was Du hier gesehen, das wird sich über hundert Jahre zutragen; aber Dich trifft die Schuld 1, Alsbald ver— schwand Alles, und tiefes Dunkel herrschte rings umher, so daß die Flammen der drei von den Räthen getragenen Kerzen wirkungslos ihre Strahlen in dem Raum verschwendeten. Im selben Augen— blicke verkündete ein mächtiger Glockenschlag die erste Stunde.— Schweigend begaben sich der König und seine Räthe zurück in das Gemach, von dem sie ausgegangen, und saßen dort lange, über⸗ wältigt von dem Eindruck der nächtlichen Erscheinung. Endlich raffte sich der König auf und befahl dem jüngsten der Räthe, so— gleich ein Protokoll aufzusetzen, welches wahrheitsgetreu über das soeben gemeinsam Erlebte Bericht erstatten sollte. Dieses Schrift— stück wurde sodann von den Anwesenden unterzeichnet und außerdem noch mit dem königlichen Siegel versehen.— Sobald der Morgen graute, ließ der König von sachkundigen Personen eine gewissen⸗ hafte Untersuchung des Reichstagssaales wie des zugehörigen Schloß— flügels vornehmen, um zu erfahren, in wie weit hier menschliche Kräfte ein natürliches Gaukelspiel in Szene gesetzt haben konnten. Aber auch nicht das unbedeutendste Zeichen bot hierfür einen An— halt. Unverrückt standen die alten Eichenstühle längs der Wände und dicker auf denselben wie auch rings umher auf dem Fußboden lagernder Staub bezeugte, daß hier seit langer Zeit keine irdische Versammlung getagt haben konnte.— Auch dieses Ergebniß wurde dem erwähnten Protokoll zugefügt und dieses dann als Dokument für 1 Zeiten in die Fächer des Staatsarchivs niedergelegt.— 1 soll es sich moch befinden. Jahre nach diesem Vor— fall,“ so erzählte die Tante weiter 11 ein Königemörder, genau i wie dies die Erscheinung dargestellt, gerichtet, und ging somit die Voraussagung des Gespenstes in Erfüllung. Damit schloß die brave Tante ihre Erzählung. Mit den historischen Kenntuissen 1 mag es wohl im Uebrigen nicht sonderlich glänzend bestellt gewesen sein, sie hätte sonst gewiß durch Begeignunge ganz bestimmter Namen und Daten ihren Mittheilungen den Charakter des Sagen- und Märchenhaften abzustreifen vermocht. Vielleicht jedoch wirkte dies gerade vortheilhaft 1 mich, das arme Kind, dessen Geist sonst leicht unter dem verwirrenden Eindruck der übernatürlichen Begebenheiten hätte erliegen können. Als ich nach Jahren Hamlet's Worte las und erfuhr, daß „wischen Himmel und Erde sich Dinge begeben sollen, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt“, mußte ich lebhaft wieder der Erzählung der Tante gedenken, zugleich wurde der Wunsch in mir rege, Näheres 1 8 die Vision zu erfahren, um den bezüg— lichen Thatsachen auf den Grund gehen zu können. Erst mehrere Jahre nachher wurde mir dieser! Wunsch erfüllt: In einer großen Privatbibliothek fand ich eines Tages ein ver— staubtes Buch aus alter Zeit,„Unerklärte Geschichten“ enthaltend, In langen Reihen saßen Im Hintergrunde des, Saales erhob sich ein Podium, auf welchem um einen schwarz ber Tisch Männer in langen Gewändern saßen mit ernsten! Vor dem Tisch stand ein Block und und unter diesen nebst einer Reihe unglaublichen Unsinns auch die Erzählung meiner Tante; nur war dieselbe hier an ganz bestimmte historische Persönlichkeiten und Begebenheiten geknüpft. mochte ich für meine Untersuchungen einen klar vorgezeichneten Weg einzuschlagen. Ehe ich aber das Resultat derselben hier beifüge, muß ich einige historische Erläuterungen voraussenden. Wir wissen, daß dem großen Gustav Adolf dessen bizarre Tochter Christine und sodann eine Reihe Könige auf Schwedens Thron folgten, denen es zwar nicht an gutem Willen, wohl aber an Kraft und an dem erforderlichen Regentengeschick fehlte, so daß der in Schweden stets zur Herrschsucht geneigte Adel sich eine Macht aneignete, durch welche ebenso wohl die übrigen Stände in ihren Rechten be— schränkt, als auch dem Könige selbst unwürdige Fesseln auferlegt wurden. Erst Karl XI. vermochte es, sich mehr und mehr dieser Fesseln zu ent⸗ ledigen und das klägliche Scheinkönigthum wieder in eine selbstständige, das Volkswohl befestigende Regentenmacht umzuwandeln. Naturgemäß suchte der in seinen Interessen angegriffene Adel mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gegen diese Aenderung anzukämpfen, und zwar geschah dies mit zunehmender Wuth in der Zeit kurz vor dem 1693 zu berufenden hochwichtigen Reichstage, in welchem dem Adel der letzte Rest der ihm noch zustehenden Vorrechte genommen werden sollte. Es ist also historisch durchaus berechtigt, die Vision Karl XI. etwa in die Herbstmonate des Jahres 1692 zu verlegen. In dieser Zeit mag der König mit seinen Räthen, unter denen Gyllenstierna, Flemming und Piper als die einflußreichsten und freisinnigsten be— zeichnet werden, manche Nacht in sorgenschwerer und nervenerregender Arbeit zugebracht haben. Wohl ist auch dem unzufriedenen, er— bitterten Adel zuzutrauen, daß derselbe, um den König zu schrecken, ein Gaukelspiel in Szene gesetzt haben kann, aber in Anbetracht der stattgehabten Untersuchungen erscheint dies nicht annehmbar, während kein Grund vorliegt, eine natürlich erklärbare Vision ab⸗ zuleugnen. Wie nämlich jeder beleuchtete Gegenstand auf der Netz— haut des Auges ein Bild erzeugt und dieses dann mittels der Nerven— fäden dem geistigen Fassungsvermögen übermittelt wird, ebenso ver— mag auch nachweislich ein in lebhafter Erregung gefaßter Gedanke umgekehrt ein Bild auf der Netzhaut Hervorztrufen, so daß die Vor⸗ stellung wirklichen Sehens erzeugt wird. Im verliegenden Falle liegt die Vermuthung nahe, daß Drohungen des Adels den Gedanken an Meuchelmord bei dem Könige erregt und dessen Phantasie erhitzt haben. Der Monarch mag eine Vision gehabt haben und es ist möglich, daß die Räthe der Krone dem aufgeregten und nervösen König nicht zu widersprechen wagten. Vielleicht glaubten sie, als der König das erzählte, was er gesehen, an eine momentane Geistes⸗ störung und gingen als geschulte Höflinge auf dessen Vorstellungen ein. Karl XI. ließ sich jedoch durch kein Schreckmittel abhalten, im Reichstage von 1693 die absolute Regierungsform wieder einzu— führen, welche der heldenmüthige aber eigensinnige Nachfolger des— selben, Karl XII., noch aufrecht erhielt; aber schon unter Ulrike Eleonore und mehr noch unter dem auf diese folgenden schwachen Könige gewann der Adel alle verlorenen Rechte wieder und gelangte somit zu einer Macht wie kaum je zuvor.— So standen die Dinge, als Gustav III. zur Regierung gelangte, und dieser, wie einst dessen Ahn Karl XI. dem Uebermuth und der Anmaßung des Adels energisch entgegen trat. So sehr das aufathmende Volk demzufolge diesem Fürsten zujauchzte, verstand es derselbe doch nicht, sich die Liebe und Achtung seiner Unterthanen auch dauernd zu erhalten, denn eitel, prachtliebend und verschwenderisch, ruinirte Gustav III. die Finanzen des Reichs und e schließlich durch ganz zwecklose und unglücklich geführte 1 die Unzufriedenheit aller Stände. Was also zu Karl Xl. Zeit nicht geschehen war, gelang jetzt, nämlich der Adel verschwor sich gegen das Leben des Königs und am 15. März 1792 vollführte Ankorström auf dem Maskenball zu Stockholm die bekannte grauenvolle That. 0 Jahre nach der Vision Karl XI. fiel das Haupt des Königsmörders unter dem Beil Henkers. Die in der Vision geschehene Voraussagung war also pünktlich in Erfüllung gegangen. Haben wir es aber vermocht, die Vision selbst auf Grund physikal 1 8 zu erklären, so stehen wir jetzt vor einer zweiten Frage, nämlich: Ist es nicht wunderbar, daß die in der Vision ent— haltene Weisahnng sich so genau erfüllen konnte, und in der That würden wir ein nicht zu lösendes Räthsel vor uns haben, wenn alle Thatsachen sich genau so begeben, wie sie erzählt worden, ins— besondere wenn das die Weissagung enthaltene Dokument in un— des Jetzt ver⸗ b ren RRR ö rr eee e e e N 79. fährten folgten seinem Beispiele. antastbarer Echtheit wirklich vorhanden ist. Diese Frage zu ent— scheiden, bat ich bei einem längeren Besuch in Stockholm um die Erlaubniß, in den Staatsarchiven zum Zweck der Feststellung des Inhalts, Einsicht in das Dokument nehmen zu dürfen. Das Vor⸗ handensein desselben nahm ich als sicher an.— Da ward mir an maßgebender Stelle die überraschende Antwort, daß zwar die Sage von der Vision Karl XI. allgemein bekannt in Schweden sei und auch stellenweise geglaubt würde, daß aber das Vorhandensein des erwähnten Dokuments in den Staatsarchiven nicht nachgewiesen werden könne. Hieraus scheint also hervorzugehen, daß, wie dies in ähnlichen Fällen zu geschehen pflegt, die ganze Sage erst ent— standen ist, nachdem das in der Voraussagung angedeutete Ereigniß sich erfüllt hatte. Bei der thatsächlich eigenthümlichen Aehnlichkeit der politischen Verhältnisse der um hundert Jahre, 1692 und 1792, von einander getrennten Zeitperioden lag es gewiß ziemlich nahe, eine Sage wie die erzählte zu— erfinden und auch an dieselbe zu glauben. b Aber auch, wenn wir den noch immer denkbaren Fall annehmen, dieses oder ein ähnliches Dokument sei wirklich vorhanden, so liefert darum diese Thatsache noch immer keinen Beitrag zum Wunder— glauben. Die Möglichkeit einer ganz natürlich sich ergebenden Vision haben wir nachgewiesen, es läßt sich nun wohl denken, daß— in den Zustand normaler Ruhe und Ueberlegung zurückgekehrt, wohl von irgend einer Seite, vielleicht von König Karl XI. selbst, das beruhigende Wort gefallen ist:„Solches kann sich wohl zutragen, aber nicht jetzt— später einmal— vielleicht nach hundert Jahren“ — wie dieses Wort denn auch der Nachwelt überliefert wurde. Da nun diese Betrachtung, denn nur um eine solche handelt es sich alsdann— sich wirklich nach hundert Jahren erfüllte, was in jenen Zeiten, in denen Mord und grausame Hinrichtungen noch zur Tages— ordnung gehörten, weiter nicht Wunder zu nehmen hat, so wurde der Aufzeichnung die Bedeutung einer politischen Weissagung nach— träglich noch aufgestempelt; während, wenn sich kein Ereigniß solcher Art begeben hätte, dieselbe einfach der Vergessenheit anheimgefallen wäre und man nur über die Thoren gelächelt haben würde, die derselben Glauben schenken konnten. ue lölter⸗ Unerwarteter Besuch.(Siehe Illustration). Kein Spielzeug macht Kindern mehr Freude als junge Katzen oder Hunde. Kleine Mädchen nehmen mit Vorliebe das zarte, possierliche und geschmeidige Kätzchen unter ihren Schutz, während Knaben sich in dem jungen Hunde einen Freund heranzuziehen bemüht sind. Unser Bild zeigt drei kleine Mädchen, welche in der Scheune eine Katzenfamilie pflegen. Plötzlich ist ein Zicklein herein— getrabt. Sein Erscheinen ruft keine geringe Aufregung bei den Katzen und bei den Kindern Verwunderung hervor. Das Zicklein selber stutzt beim Anblick der Gruppe, doch ist kaum anzunehmen, daß ein Konflikt zwischen dem unerwarteten Gast und der Katzenfamilie entstehen wird, da die kleinen Mädchen durch das Zusammentreffen belustigt zu sein scheinen. Die an⸗ muthige Gruppe hat der Genremaler W. Schütze gezeichnet. Dem Bild ist ein idyllischer Reiz nicht abzusprechen. R. E. Ein Goldfund. Vor einem Zelte, das auf einer Waldblöße der Gold— felder von Viktoria errichtet war, saßen am 10. Juni 1858 vier Männer, die mehrere Monate in demselben Bezirke gearbeitet hatten, ohne mehr, als ihre täglichen Bedürfnisse betrugen, zu erwerben. Die letzten Wochen hin⸗ durch batten sie sogar ohne jedes Ergebniß gearbeitet, und nicht ein Korn des edlen Metalls gesehen. Bis jetzt hatten sie jedoch gehofft, sie würden am folgenden Tage einen Fund thun. Nun hatten sie die trügerische Hoffnung aufgegeben; der Händler hatte jeden weiteren Kredit versagt, und sie faßen selbst ohne Tabak und Brot.„Es geht nicht länger,“ sagte der Eine—„Du hast Recht,“ meinte der Andere,„wir können nicht mit leeren Pfeifen arbeiten“.„Ich bin der Meinung“, bemerkte der Dritte,„wir holen uns morgen unsere Werkzeuge herauf und versuchen es auf einer anderen Stelle.— Am folgenden Morgen, ehe noch ein anderer Goldsucher sich von seinem Lager erhoben hatte, stiegen drei von den Männern in den alten Schacht, der vierte blieb oben an der Winde. Als sie unten ange⸗ kommen waren, schauten sie sich betrübt um; es wurde ihnen schwer, von der Mine zu scheiden, ob sie auch viele nutzlose Arbeit hier verschwendet hatten.„Leb wohl!“ rief einer und schlug wie 111 Abschiede auf den Quarz, daß die Splitter in allen Richtungen umherflogen. Da sah er einen glitzernden Fleck in einem Stücke zu seinen Füßen. Er blickte dann auf die Stelle, die er getroffen und 115 110 auf; n e 15 egen. arauf fing er seine Pike tüchtig zu gebrauchen an. Seine Ge⸗ r g 15 Nach 119 5 Viertelstunde tönte ein froher Ruf in das Ohr desjenigen, der an der Winde stehen geblieben war.„Was giebt es?“ rief er herunter.„Winde auf!“ scholl es zurück. Das Ergebniß war ein Goldklumpen, für den ihnen die Bank von Viktoria 11 390 Pfd. Sterl. zahlte. Zwei Tage darauf gelang ihnen noch ein Fund, der gegen fünftaufend Pfund ihnen einbrachte. Auf diese Nachricht hin strömten Tausende von Goldsuchern der alten Mine zu. In wenigen Wochen waren der Wald und das Gestrüpp beseitigt, wo sich die Waldblöße befand, erhob sich eine schöne Stadt mit ungeheuren Magazinen und Läden. Der alte Schacht gab jedoch nur so viele Ausbeute, um die Hoffnung der herbei— geeilten Goldgräberschaaren nicht sogleich zu Schanden werden zu lassen. Unter ihnen befanden sich aber die vier glücklichen Finder nicht; ö sich in der Stadt niedergelassen, um als Kaufleute dort zu leben. Jetzt sind ihre Geschäfte die größten auf den Goldfeldern und verleihen der gadt Cassel hauptsächlich ihren Glanz. N e Schauspieler und Musiker. Thomas Pinto war nach dem Ausspruche Pach's und Abel's der größte Violinspieler der damaligen Zeit. In seinen Nagios entwickelte er eine so große Empfindung, daß alle Herzen davon ergriffen wurden, während seine Capriccios den Scherz in unverhülltester Form zeigten.„Was Andere durch monatelange Uebung erst erreichen, scheint ihm zuzufliegen,“ sagte Bach von ihm,„er überfliegt ein Konzert und spielt es fehlerlos, meisterhaft aber, wenn er es wiederholt.“ Bei 7 5 großen musikalischen Talent, das sich auch im Dirigiren der Oper zeigte, besaß er jedoch kein Gefühl für andere Künste. Die schönsten Gemälde ließen ihn kalt und zu Milton's verlorenem Paradiese sagte er, er lang— weile sich daran. Als er im Drurylane-Theater die Orchesterdirektion besaß, schlief er selbst während des Spieles des großen David Garrick. Dieser fühlte sich davon beleidigt und fragte ihn:„Kann Sie der Lear oder Hamlet oder Macbeth nicht wach erhalten?“—„Nein, Sir,“ war die Antwort.—„Werden Sie von dem Schicksal Romeo's und Julia's nicht schmerzlich berührt?“—„Nein, Sir!“—„Es schreckt Sie auch nicht Othello's Eifersucht??—„Nein, Herr!“—„Sie sind also ein für die Kunst der Bühne abgestorbener Mann.“—„Ja, Sir!“—„Dann gehen Sie zum Teufel.“—„Seien Sie nicht unwillig, Sir; ich werde mich munter zu sein bemühen.“—„Wir wollen sehen.“ Am nächsten Tage wird der Konten von Venedig gegeben. Pinto leitet die zum Eingang ge— spielte Musik meisterhaft; kaum jedoch beginnt das Drama, so wird er müde. Er reißt die Augen auf— es hilft nichts; er kneift sich in die Schenkel— es hilft auch nichts. In der Gerichtsszene kann er sich nicht mehr halten, er gähnt einmal, zweimal. Garrick sieht es, unwillkürlich theilt sich ihm die krampfhafte Bewegung der Backenknochen mit. Er kämpft da⸗ gegen an; aber da gähnt Pinto wieder, und im tragischsten Moment kann der größte Schauspieler der Erde nicht widerstehen— er gähnt auch. Das hieß dem Faß den Boden einschlagen; der gewaltige Tragöde läßt Pinto kommen.„Sir, was haben Sie gethan?“ fährt er ihn zornig an.„Sie haben mich zum Gähnen hingerissen, Sie haben mir die Szene verdorben.“ Pinto seufzte:„Ich glaube es wohl, aber ich bin nicht schuld.“—„Und wer denn sonste—„Sie selbst! Sie verboten mir, zu schlafen, und ich kämpfte gegen das Schlafen an; gegen das Gähnen vermag die Menschheit nichts. Sie haben das an sich selbst erfahren.“ Garrick schwankte zwischen Zorn und Heiterkeit; endlich rief er aus:„Zum Teufel! dann schlafen Sie lieber, Sir.“—„Werde nicht verfehlen, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen,“ erwiderte Pinto und kam dem auch richtig nach. W. G. Der Laufsport. Nach den Berichten der Alten konnten die sogenannten Hemerodromen, die Läufer von Profession bei den Griechen, einen ganzen Tag ohne ermüdet zu werden, laufen. Antistius von Lacedämon und Philonides, die Läufer Alexander des Großen, sollen, wie Plinius schreibt, in 24 Stunden einen Weg von 1200 Stadien(45 Stadien= 1ü geo⸗ graphische Meile) zurückgelegt haben(2). Plutarch erzählt in seinem Leben des Aristides, daß der Läufer Euchidas, welcher in einem Tage die Strecke von Platää nach Delphi hin und zurück gelaufen sei(eine Entfernung von über 22 Meilen), einige Minuten nach seiner Rückkehr den Geist aufgegeben habe. Plinius und Martial erwähnen ferner eines jugendlichen, neun Jahre alten Läufers Athas, der unter dem Consulate des Fontejus und Vipsianus lebte und von Mittag bis Abend einen Weg von beinahe zwölf Meilen ablief. Ein Läufer der Hensehse von Weimar Namens Focke lief im Jabre 1776 neununddreißig Meilen in 24 Stunden und hielt dabei nur einstündige Rast in Karlsbad, wo er seine Depeschen abgab und die Be⸗ antwortung derselben abwartete. Der Läufer des Intendanten d'Etigny legte die Strecke von Bayonne nach Paris(223 Lieues) in 42 Stunden zurück. Wo bleibt da Fritz Käpernick? R. F. Ein Wort Friedrichs des Großen. Der oft wiederholte Ausspruch des großen Preußenkönigs:„In meinen Staaten kann Jeder nach seiner Fagon selig werden“, gewinnt für unsere Tage eine um so größere Bedeutung, da der Ursprung derselben auf eine Thatsache zurückzuführen ist, die mit dem gegenwärtigen Streit über Simultanschulen in sehr naher Verbindung steht. Am 22. Juni 1740 ward dem jungen Könige von dem Staatsminister von Brand und dem Konsistorialpräsidenten von Reichenbach berichtet, daß in den katholischen Schulen, welche für die Kinder der katholischen Soldaten in Berlin angelegt worden, allerlei Gelegenheit zur Proselytenmacherei ge⸗ geben sei. Es habe dies der Generalfiskal Uhden am 12. d. Mts. an⸗ gezeigt und sie fragten nunmehr also an, ob die römisch⸗katholischen Schulen bleiben, oder welchen anderen Bescheid sie Uhden geben sollten. Der König schrieb darauf an den Rand wörtlich: „Die Religionen müssen alle toleriret werden, und muß der Fiskal das Auge nur darauf haben, daß keine der andern Abbruch thue; denn hier muß ein Jeder nach seiner Fagon selig werden.“ R. F. 4 5 . ie hatten 8 0 f 8 9 * * * 8 1 2ͤãðVLL!-“.;½: N 1 0 1 — e 3 r r —————5 N e eee— l g 2 80 Kreuz⸗Räthsel. Schach. Aus nachfolgenden Buchstaben: Problem Nr. 375 15) Leids Skö—h4 AA von J. Obermann in Leipzig. 9 1 1 Schwarz.* 8 e 5 5 18) Se4-c Le- e e 2. 9) Del—es bib DD E 7.... 50 5050 85 N 3— 6— IITE E AIHHII IL 15 1. 7 1 ee 3) Des—. 7 Un n i e d eee n 2 2 7 2.—0 8 eee 3992 e a 31) 8Sd2- 3 105 sind neun Worte zu 1 85 und in derselben Weise zu ordnen, so 1 die 1.*. 32 11 5: 56 88 gleiche W 1 15 oben nach unten und von links nach rechts ge esen,,.,, 16 a 5 f j j Aer Weiß. 0. 8— Die neun Een Fach n n Weiß setzt mit den vnn Zuge Matt 10 9240 9 0 e Dear le blen dar Bagaser dn ben dee. 36 Di a8. esa: „Eine Himmelsgegend. „Eine Person aus Shakespeare's„Othello“. Einen dramatischen Dichter. Eine norwegische Stadt. Einen Raubvogel. Einen Sohn Jakobs. Einen Nebenfluß des Rhein. D D D= Räthsel. f Nimmst du das letzte Zeichen fort Und giebst ihm vorne seine Stelle, So findest du auf alle Fälle Sofort ein neues, andres Wort. 1. Ein Stück Land. 2. Eine Hülsenfrucht. Viersilbige Charade. Ein König liebte einst die Ersten Und gab, so sparsam sonst sein Sinn, Damit sie stets recht schön und stattlich, Gar große Summen für sie hin. Die Königin war Glanz und Festen, 8 Des Lebens Lust und Freuden hold, Sie liebte deshalb sehr die Letzten. Und brauchte immer vieles Gold. Da sprach sie seufzend oft zum König: „Die Ersten kosten so viel Geld, Hätt ich das Zehntel für die Letzten, Wär's Ganze prächtiger bestellt.“ Auflösung des Logogriph in voriger Nummer: Streben, sterben, erben; — des Rösselsprangs: Auf einem Grab ein Blümchen stand, Ich schaute an es un verwandt; Es sprach aus seinem Augenlicht: „Der drunten liegt, vergiß ihn nicht! Sein Herz schlug einst in warmer Gluth, Er nahm dich sanft in seine Hut, Warst seines Lebens Schmuck und Zier— Nun ruht er einsam, einsam hier.“ — des Silbenräthsels: Ba g n e s t h a L e F E Sie nn en ee e R u en FE r be N i e ee e eee e R% e d e ee en neee r N Auflösung des Homonym in Nr. 5: Flügel. Dts—e2 SdS-es Weiß giebt die Partie auf. Stellung nach dem 36. Zuge von Schwarz. Partie Nr. 213, Schwarz. blemturnier des Mirror o merilcan Sports von 39 1084 concurrirte; den ersten brachten wir unter Nr. 365[Nr. 52 d. Bl. vom vorigen Jahre!]. 1) Eine Abweichung von der jetzt allgemein beliebten Fortsetzung 5) d2— ds. 2) Weiß hat bis zu diesem Zuge ein mindestens g eiches Splel behauptet; wollte Schwarz versuchen den 5 mit 7 6 zu vertreiben, so könnte 36) Sea erwidert werden; denn 5 dc 37) Idref sds: 38) Des Lis 39) Das: Dbz: 40) ha Dbl T 41) Kh2 Ddg lauf Dis wilrde 42) Ldé folgen] 42) Des: 20. 4. f 3) Dieser Zug verhindert zwar die Vertreibung des Springers durch 17 fc, weil zugleich Sed droht, nötbigt indessen den Gegner nur du dem guten Vertbeidigungszuge Les; es war daher vielleich stärker zuerst b2— h au spielen. 55 0 3) Ein grobes und für emen Meister wie Steinitz auffälliges Uebersehen, das einen Offizier und damit die Partie kostet. 5 Auflösungen. Problem Nr. 366 von J. Wainwright in Stoneham. 1) Ta- c 15—14 2c. 2) Te6-c5f Ke5- dé 3) Teö5—döf Dieses Drohspiel, in welchem der Einleitungszug seine Motivirung findet, vertritt die Stelle eines besonderen Houptspelß; einige gute Nebenspiele ergeben sich aus verschiedenen Deckungszügen: 1. Kea 2) Feé f„ds 3) Was Matt. 1). ds 2) Tod Kde 3 as: Matt, zu diesen beiden Varianten, der einzigen, in welchem die weiße Dame nicht lediglich als Laufer zur Geltung gelangt, kommt als dritte noch hinzu: 1) Las(be) 2)(bel Cds, da- ds oder beliebig 3) Lad, os resp. Ibs Matt.— Die Lösung wurde angegeben von F. Werther in D. W. Kron in B. F. Osten in G., Schactlub Tbun, R Keller in B., be Michaelis in Th., R. Blümel in S., G Schnitzler in L., W. Scheuler in S., J. Seiden⸗ erg in K., Dr. Wehrmeister in M., Dr. Voelkel in S. und O. Skalsky in R. Problem Nr. 367 von H. Meyer in London 1) Les-b De-d 6655535 7 e 2) Sk3— 5 1b2—b3! 2) F f3— 44: ese 3) Lb4- 3 Ibs-es: 3) De2—e4f Kd5—e4! 4) T0454 K, D ꝛc. u. T. 4) Lh5—13 Kel— ds 5) Db5, e6, LIZ, De⸗ resp. Sd4 5) TJe4—e3f oder e7f Die Erledigung der bier nicht erwähnten, schwächern Vertbeidigungszüge bietet keine be⸗ fneven Schwierigkeit mehr. Das Thurmopfer mit sechs Schlagfällen und jedesmal ver⸗ iedenem Matt bildet die eigenartige Idee des Problems und war offenbar mit den ge⸗ von Weiß in den Mattstellungen unvereinbar; auch mußte der Verfasser wohl auf mehr⸗ zügige Drohungen in Verbindun mit den an sich hübschen und ideegemäßen Läuferzlülgen in der Einleitung verzichten.— Richtig angegeben von W. Kron in Beeck. Problem Nr. 368 von J. Kohtz und C. Kockelkorn. 1) Dg6— es Kd! 2) Des-c 3) Lb4 resp. e3f gegeben von sämmtlichen Lösern von Nr. 367. raf nende e, ee, 0 8 5 e*. 1 2 4 3 11—b5 SSS. i 2 9 9 5 9 5.... 9 1 F 4 1. 7. l e,. 25, i ee, ee eee e e ee wöhnlichen Anforderungen der Martreinheit und ökonomischen Verwendung der Offiziere Varianten: 1).. Lis 2) Dfir 8) Db Matt. 1).. Les 2) Def 3) Dos Matt. An⸗ Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt⸗Ges in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützewftr. 105.