Kel Leb el in . 80 Hb und Lab wird. e teiu⸗ e ee eee zu den Oaouovrrhessischen Nachrichten. Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 23. Gießen, den 6. Juni. 1886. Ihr schönes dunkellockiges Kind durchflog den blühenden Garten und die Reihe der Zimmer und sagte mit leuchtenden Augen: „Gerade so hat Mandsfelt Nachts in meinen Träumen gelebt.“ Julia lehnte den Kopf müde an die Schulter ihres Gatten und sah mit überströmenden Augen hinunter auf das herrliche Land und in die bekannten Gesichter der Dienstboten und Arbeiter, welche ihr treuherzig die schwieligen Hände entgegen streckten. Nichts war verändert und doch wieder Alles für die glückliche Frau.* „Es ist zu viel“, flüsterte sie und sah Lindner, der selbst mächtig bewegt war, verklärt in's Gesicht; dann schloß sie die milden Augen und das Abendroth verschwand allmälich in den dunkeln Schatten der Nacht. „Wir sind heute Alle, als hätten wir unsere fünf Sinne nicht beisammen,“ sagte Marie, die ehemalige Kammerjungfer, die nach dem Weggang der Damen des Hauses zum Hausmädchen geworden war, als sie wieder ins Zimmer der gnädigen Frau kam und sich schlechterdings nicht besinnen konnte, was sie eigent— lich dort gewollt hatte; denn Alles war schon seit dem Morgen zum Empfang hergerichtet. „Ei, siehe da, Du bist's, Klas?“ fragte sie befremdet und trat einen Schritt zurück.„Um des Himmels willen, mache daß Du fortkommst; ich verrathe Dich nicht; aber es könnte Dich sonst jemand sehen.“ „Warum sollten wir draußen in Lengen nicht auch unser Theil an der allgemeinen Freude haben?“ sagte jener und hob den Kopf stolz in die Höhe. „Du verstehst es, den Leuten etwas aufzubinden“, kicherte Marie,„Du bist im Stande, mir im Vertrauen mitzutheilen, daß der Herrscher von Lengen Dich extra geschickt hat, seine Glück— wünsche darzubringen.“ „Warum sollte er es nicht?“ fragte Klas;„Herr Georg hegt die friedlichsten Gesinnungen gegen Mandsfelt und hat mit seiner schönen Stiefmutter immer auf dem besten Fuße gestanden.“— „Nun schweige aber still“, flüsterte Marie eifrig und bewegte lebhaft abwehrend die Hand gegen Klas.„Ich will garnicht hier mit Dir gesehen sein,“ fügte sie hinzu und eilte an ihm vor⸗ über;„wüßte es der Herr, so könnte ich noch den Abend abziehen und meine Freude, der gnädigen Frau wieder zu dienen, wäre umsonst gewesen.“ Klas trat rasch auf sie zu.„Um Dir die Wahrheit zu sagen, Marie, ich bin hierher gekommen, um Dich zu fragen, ob Die Stiefmutter. Roman von M. Elton. (Fortsetzung.) 5 Du die Frau Verwalterin in Lengen werden willst? Du weißt's Julia war bald nach des guten Onkels Tode an der Seite[und Jedermann weiß es, daß ich eine Stellung habe, wie es keine ihres Gatten in Mandsfelt eingezogen— zum zweiten Male. zweite giebt; ja, warte einen Augenblick, ich will Dir den Brief zeigen, den ich gestern auf der Reise von Herrn Georg erhalten habe. Du wirst sehen, ob ich eine gute Partie bin.“ Er zog eine gestickte Brieftasche aus seinem Sommerrock und nahm einen Brief heraus. „Ei, wie fein,“ sagte das Kammermädchen spöttisch.„Freilich, wenn man Dich und Deinen Herrn zusammen sieht, so denkt man, er sei der Knecht und Du der Herr. O ja, mit der Frau Verwalterin, damit ist es Dir auch so recht ernst; Du gehest ja überall herum freien und machst alle Mädchen in der Umgegend froh.“ Ein siegreiches Lächeln ging über Klas Gesicht. Er war ein dunkler schlanker Mann und gefiel den Frauenzimmern, und sein Ruf als früherer Taugenichts steigerte nur das Wohlgefallen. „Komm', tritt an meine Seite, Frau Verwalterin, und lies mit mir, was Herr Georg geschrieben hat; Du kennst ja seine Hand— schrift so gut wie ich. Hier fangen wir an, das Andere sind Ge⸗ schäftssachen.„Wenn ich in diesem Fall auf Dich rechnen kann, mein Freund Klas, wie ich schon manchmal auf Dich rechnete, so wirst Du mein Compagnon und nach meinem Tode mein Erbe, ja wahrhaftig das wirst Du.“— „Wie lautet denn das, Jungfer Marie?“ fragte Klas und sah ihr in die Augen, während er den Brief wieder sorgfältig ver— wahrte und in die Seitentasche steckte. Marie war einen Augenblick überrascht, dann lachte sie laut auf.„Du bist noch ein Jahr älter wie Dein Herr, der kann Dich leicht zum Erben einsetzen.“ „Wem käme es denn zu gute, wenn ich vor ihm stürbe; doch Dir und unsern Kindern,“ flüsterte er und legte den Arm um ihre Taille. Sie erröthete stark, machte sich von ihm los und eilte über den langen Hausgang davon. „Da werde ich heute schlecht ankommen“, sagte er und strich sich den schwarzen Schnurrbart.„Er will doch Nachrichten von hier haben, ganz genaue Nachrichten und die Frauenzimmer geben heute kein vernünftiges Wort von sich. Wäre ich nur eine Stunde früher gekommen, so hätte ich die Ankunft der Gnädigen und den Spektakel mit eigenen Augen angesehen. Wenn nicht der Marie und der Köchin beizukommen wäre, die Andern, die Knechte jagten mich vom Hofe. Georg ist nicht recht klug; was kann man da noch verhindern; der alte Herr hat seine Frau wieder und Kinder können sie auch noch bekommen, die wohl dann die Erben von Da soll denn der Klas dies Alles unmöglich Alles, was Du Mandsfelt werden. machen. Ein Verbrechen, Klas, rief er mir zu. ——— W ee ee 5 W 2 178 willst, nur daß mir der Rücken frei bleibt und ich nicht mit der Gerechtigkeit in Schwulitäten gerathe.“— Klas lachte höhnisch auf.„O, der liebe Herr! er ist unschuldig wie ein Kind. Immer nur er, immer sein Interesse und dafür soll der Klas nur allein leben und sich an den Galgen arbeiten?“ Er wendete sich nach dem Anbau und schlich sich an die Küchenfenster. Die Köchin war allein in der Küche und er trat vorsichtig ein.„Da bin ich, Lieschen, erschrick nicht; laß es gehen, wie es; mag, wiedersehen aber mußte ich Dich einmal.“ Er drückte einen derben Kuß auf die Wange der Köchin. „Wie Du mich erschreckt hast, Klas“, sagte das Mädchen ängstlich und doch strahlten ihm ihre Augen glücklich entgegen. „Ach Gott, wenn man Dich hier sähe!“ „Sie sollen mich hier sehen. Wer kann es mir verwehren, meine Braut zu sehen,“ rief er mit einem Ausdruck kühner Heraus- forderung, der Lieschen in den siebenten Himmel versetzte.„Das Verwaltershaus wird jetzt gebaut und dann steht uns nichts mehr im Wege,“ fügte er mit vielsagendem Blick hinzu.„Die gnädige Frau mit der Tochter sind wiedergekommen, wie hat sich das nur gefügt?“ fragte er. „Ei nun, der Herr Onkel in Ostpreußen ist gestorben, und da hat der Herr die gnädige Frau zurückgeholt. Des Schneiders Jakob aus dem Dorfe hat in Jastrow, keine Stunde von des Herrn Onkels Gute, als Schneidergeselle gearbeitet; der ist vor acht Tagen wieder gekommen und hat erzählt, der Herr Onkel habe Millionen und Millionen hinterlassen und Alles der gnädigen Frau und dem gnädigen Fräulein vermacht. Das wird nun hier in Mandsfelt was geben; ich koche seit vier Jahren in Mands— felt; aber eine Schloßköchin bin ich nicht,“ sagte Lieschen mit be— sorgter Miene. Klas stand in tiefem Nachsinnen, den Blick auf den mächtigen Herd gerichtet, auf dem es kochte und brodelte.„Der Teufel muß in Herrn Georg gefahren sein,“ dachte er;„im Giftmischen haben wir uns noch nicht versucht. Das wäre freilich keine Hexerei, da in die kochenden Brühen ein Pülverchen zu werfen; aber würde es nicht der Unrechte verschlucken? Ach, was da! es paßt mir nicht, es behagt mir nicht; wenn ich mich dem Teufel verschreiben soll, so muß es wenigstens ein anständiger Teusel sein,— der da in Lengen ist ein gar zu armseliger knauseriger; den muß man über's Ohr hauen, sonst bringt man nichts aus ihm heraus. Die Herrschaften werden bald zu Abend speisen?“ fragte Klas. „Ei gewiß, ich warte nur auf die Marie; sie soll mir beim Anrichten ein wenig behilflich sein; es ist mir heute daran ge— legen,“ antwortete Lieschen. g Marie trat in dem Augenblick in die Küche; sie sah Klas nicht, der sich bei den nahenden Fußtritten in einen dunkeln Winkel geschlichen hatte. 1 „O, Liese,“ sagte Marie und näherte das Taschentuch den Augen; das sollte heute ein Freudentag für mich sein; Du weißt, wie manchmal ich zu Dir gesagt habe, ich wünsche nichts mehr weiter auf der Welt, als daß die gnädige Frau mit dem kleinen Dingelchen wiederkäme, das nichts so sehr auf der Welt fürchtete, wie die Adeline. Das ist nun der Freudentag, o Herr Je! Du hast sie nicht gekannt,— wir Andern aber sind erschrocken, als sie ausstieg,— die arme gnädige Frau ist kaum der Schatten von dem, was sie einst war.— O, Liese! sie meinen Alle, sie sei nur hierher gekommen, um hier zu sterben; Du wirst es mir nachsagen, sie lebt kein Jahr mehr.“ Marie weinte in ihr Taschentuch hinein. „Das sagen sie Alle, daß die gnädige Frau krank sein müsse,“ gab Liese zur Antwort und sah verstohlen nach der dunkeln Ecke. „Nun hat sie den Herrn Onkel so lange gepflegt, bis sie selbst nicht mehr konnte und von den Millionen kann sie nichts mehr genießen.“ „So schön, so blühend kam sie her,“ jammerte Marie,„und nun hat sie die Schwindsucht, darüber kann sich niemand täuschen. Mit dem Abendessen hat es noch gute Wege; die gnädige Frau liegt auf dem Sopha und fühlt sich von der Reise so schwach und angegriffen, daß der Herr in seiner Herzensangst sogleich den Johann zum Doktor gesandt hat.“ Die Augen von Klas leuchteten in unheimlichem Feuer auf; er näherte sich geräuschlos der Thüre und schlüpfte hinaus. Sein Pferd graste in einiger Entfernung von dem Gute; er stieg auf und ritt langsam davon. Es eilte ihm nicht, nach Lengen zu kommen, denn er hatte viel zu denken. Nach mehrstündigem Ritt durch die blühenden Fluren und den Wald von Obstbäumen lichtete es sich, der Boden wurde härter und steiniger und die üppigen Fruchtfelder verschwanden allmälich. Dünne armselige Halme deckten kaum das unfruchtbare Land.— Das Reich des Herrschers von Lengen kündigte sich an, Klas gab seinem Pferde die Sporen und jagte eiligst durch die Ebene dem dunkel und düster daliegenden Gasthaus zu. Es lag wie ein graues Ge⸗ fängniß da mit seinen vielen kleinen Fenstern, die in den tiefen Steinhöhlungen wie unheimliche Löcher aussahen. Der Verwalter warf einen prüfenden Blick auf das Gebäude und stieg vom Pferde. Von der sehnsüchtig erwarteten Unterbrechung der nächtlichen Stille aus seinem dumpfen Brüten aufgeweckt, stand der Gutsbesitzer von Lengen schon in der Hausthüre und erwartete Klas. Ein tückisches geringschätzendes Lächeln ging über des Verwalters Gesicht und er beeilte sich nicht seinem Herrn näher zu treten, sondern machte sich an dem Pferde zu schaffen. KR „Wie geht's, mein Junge, wirst recht müde sein,“ rief ihm Georg freundlich zu.„Oeffne nur dem Pferde die Stallthüre und komme zu mir herein, wir trinken ein gutes Glas Wein zusammen.“ Er zitterte vor Ungeduld und Verdruß, Klas schaffte noch immer am Pferde herum.„Er muß wichtige Nachrichten bringen,“ knirschte Georg zwischen den Zähnen,„vielleicht hat er schon etwas in der Sache thun können; das ist immer seine Art, wenn er weiß, daß ich ihm zu Dank verpflichtet bin,“ und er wartete, bis sein Verwalter es angemessen fand, der Einladung Folge zu leisten. „So tritt ein, alter Kamerad,“ sagte er endlich und machte Klas geschäftig Platz, der ohne Rücksicht zuerst in die Stube trat. „Setze Dich und restaurire Dich erst durch ein Glas Wein.“ Klas stürzte ein Glas hinunter und dann noch eins, und sein Jugendfreund rieb sich vergnügt die Hände und wußte, daß der grobe mürrische Klas viel besser zu gebrauchen war, wie der höfliche, der die Rücksichten seinem Herrn gegenüber im Auge be⸗ hielt. Klas saß mit breitem Rücken am Tische und sah vor sich hin. Er nahm jetzt erst die Mütze vom Kopfe und warf sie auf einen Stuhl; sie fiel auf den Boden, und der Herr von Lengen bückte sich demüthig und hob sie auf. Darauf unterbrach er, er— muthigt durch diesen Akt, der Klas wohlgefällig sein mußte, das Schweigen:„Wir waren so ruhig und so sicher hier und dachten nicht mehr an die Frau, da muß sie uns noch einmal in den Weg kommen und diesmal lästiger, wie das erste Mal. Die Nach— richt von der Versöhnung traf mich wie ein Donnerschlag, und Du bliebst so lange aus, Klas.“ „Man kauft nicht ein halbes Dutzend Stück Rindvieh von einem Tag zum andern,“ gab er verdrießlich zur Antwort.„Wie lange war ich denn fort? nicht vierzehn Tage. Es ist nun eine ver⸗ pfuschte Geschichte; ich habe noch nichts gekauft, Ihr Brief fiel mir mitten in den Handel hinein, und da war's natürlich aus mit den Geschäften.“ „Wenn nur etwas geschehen kann, wenn nur Mandsfelt für mich gerettet werden kann,“ sagte Georg in höchster Erregung. „Es kann etwas geschehen,“ antwortete Klas und haftete langsam, durchdringend die tiefliegenden Augen auf seinen Herrn. „Klas, alter Freund!“ rief Georg tief erbleichend und trat einen Schritt auf den Jugendfreund zu. Klas wendete langsam den Kopf mit unwirscher Miene nach ihm und legte breit die Arme auf den Tisch.„Das sage ich Ihnen, Herr Georg, bei leeren Versprechungen bleibt es diesmal nicht,“ sagte er drohend.„Was habe ich bisher für alle die Schinderei gehabt? Versprechungen, nichts als Versprechungen.“ „Was habe ich denn auf der Welt?“ fragte Georg demüthig. „Haben wir nicht gelebt wie Brüder, hattest Du nicht auch, was ich hatte?“ a a „Ja, und werde hintendrein noch Ihr Erbe, wenn Sie meinet— wegen im achtzigsten Jahre sterben,“ lachte Klas laut auf.„Ver⸗ schreiben Sie mir die große Wiese, dann will ich in Ihrem Interesse arbeiten; bedenken Sie wohl, daß ein armer Teufel, wie ich, mit dem Gewissen kurzen Prozeß machen muß, und bedenken Sie Ihren Vortheil; was nachher das Hängen oder Köpfen angeht, so bringe ich Ihnen das garnicht in Anschlag.“ „Die große Wiese giebt allein dem Gute noch einigen Werth;, 2 0 eee ee eee 179.. ohne sie ist Lengen garnicht zu brauchen,“ sagte Georg in peinlichem Nachdenken. „Ei, seien Sie doch gescheit und lernen Sie einmal rechnen,“ rief Klas und sprang ungeduldig auf.„Wenn ich den Weg frei gemacht habe, wer soll denn nach des alten Herrn Tode Mandsfelt bekommen, wie Sie? Doch wohl nicht Ihre Stiefschwester, die Millionen von dem Onkel in Ostpreußen geerbt hat! Mag Ihr Vater wüthend über Sie sein, er läßt Sie doch nicht in Lengen Hungers sterben und macht Mandsfelt zu keiner milden Stiftung. Gehen Sie doch, Sie langweilen mich mit. allen Ihren Bedenken. Soll ich die Wiese haben?“ „Wir können das ja morgen überlegen, lieber Klas,“ sagte Georg begütigend.„Wir sind Beide sehr erregt, es ist auf beiden Seiten, das Eine und das Andere, eine so gewichtige Frage—“ „Ja, das Eine wenigstens ist eine Frage, die bei Nacht abgemacht werden muß,— morgen soll mir Niemand mehr von der trüben Geschichte sprechen,“ erwiderte Klas entschlossen.„Wollen Sie sich niedersetzen und schreiben?“ a „Schreiben?“ fragte Georg erschrocken.„Denke doch an die Gefahr, die ein solches Dokument über uns Beide bringen könnte; es müßte doch annähernd erwähnt werden, für welchen Dienst Du die Wiese forderst.“ Klas lächelte mitleidig und zuckte die Achseln. „Schreiben Sie,“ sagte er und deutete gebieterisch nach dem Tische. „Ich schenke meinem Gefährten Nicolaus Back die große Wiese in Lengen; er wird an dem Tage Eigenthümer derselben, an dem er mir beweisen kann, daß er strikt ausgeführt hat, was ich ihn geheißen.“ Georg horchte auf, eine solche Zusage band ihn nicht; das konnte er getrost niederschreiben. Er setzte sich nieder und reichte Klas triumphirend das Blatt Papier. Klas faltete es sorgfältig zusammen; ihre Betrachtungen begegneten sich in demselben Ge— danken:„Wie dumm er doch ist! Er wird sich hüten, mich auf dieses Papier hin zu verklagen,“ frohlockte der Herr von Lengen, „und sich dessen nicht rühmen, was er in Mandsfelt ausgeführt hat, das käme auf seine Rechnung allein und würde ihn den Kopf kosten.“ „Mit dem Brief hier in meiner Brieftasche, worin er deutlich ausspricht, welchen Dienst er von mir verlangt und diesem Papier hier, kann ich ihn gefügig machen,“ dachte der Verwalter. „Was geschehen soll, muß rasch geschehen,“ sagte Georg.„Wie viel Zeit brauchst Du?“ 5 „Lassen Sie sehen,“ antwortete der Andere phlegmatisch.„Dazu gehört Zeit, dieser Ansicht bin ich;— sagen wir zwei Jahre.“ „Ei, wie viel Erben würden denn während dieser Zeit in Mandsfelt angekommen sein?“ fuhr Georg auf.„Gehe, mache keine schlechten Späße, Klas. Zwei Jahre! Da brauchen keine Mittelchen verabreicht zu werden, in zwei Jahren kann man ohne Deine Hilfe sterben.“ „So sagen wir: ein Jahr und drei Monate,“ entgegnete Klas überlegend,„und dabei bleibt's. Ich mag keine Ueberstürzung und verbiete Ihnen jegliche Einmischung. Sie versprechen mir, mit Niemanden von Mandsfelt zu sprechen, dem Gute ganz fern zu bleiben; und höre ich, daß Sie nur im Geringsten gegen unser Uebereinkommen gefehlt haben, so thue ich keinen Schritt mehr. Das sage ich Ihnen noch: ich komme eben von Mandsfelt, die gnädige Frau und das Fräulein sind in blühender Gesundheit an⸗ gekommen und es ist Freude und Jubel überall; Ihr Vater hat sich um zwanzig Jahre verjüngt. Die beiden Frauenzimmer, die Köchin und das Hausmädchen, sind mir gewogen, die Erstere besonders, ich habe freien Eintritt in die Küche, das heißt, so lange die Knechte abwesend sind, das ist mir genug.“ „Aber, mein bester Klas, warum willst Du Dir ein so langes Ziel stecken, warum willst Du den Erfolg, der gewiß sein muß, so zweifelhaft machen?“ rief Georg, bleich vor Aufregung und Un⸗ eduld. a f„Es ist zu nehmen oder zu lassen,“ erwiderte Georg mit hochmüthiger Miene.„Ich muß Zeit haben, ich muß meine Vor⸗ bereitungen treffen, ich bin nicht der Mann der Ueberstürzung. Dafür verspreche ich Ihnen, daß in fünfzehn Monaten Mandsfelt verödet ist, daß kein junger Erbe dort in den Tag hineinschreit, und daß die gnädige Frau gegangen ist, um nie mehr wiederzu— kehren.“ a 88 „Ich verlasse mich auf Dich, thue nach Deiner Einsicht,“ flüsterte Georg athemlos und sah sich ängstlich in dem Zimmer um, dessen Winkel die erlöschende Lampe in tiefem Dunkel ließ. Durch die Spalten der geschlossenen Läden zeigte sich dämmernd der Sommertag. Georgs Zähne schlugen zusammen, er bebte an allen Gliedern, Klas verließ, den Kopf hoch erhoben, das Zimmer.— Am andern Tage gegen Mittag erwachte Georg aus einem unerquicklichen Schlafe. Er sann und sann und fühlte, daß der gestrige Tag sein Verhältniß zu seinem Verwalter auf eine unheil— volle Art gefährdet habe. Wie sollte er denn das Leben in Lengen ertragen, wenn der Mensch, den er früher schlechter wie seinen Hund behandelt, ihm nun in seiner frechen anmaßenden Weise begegnete. Er hatte sich in den letzten Jahren viel von ihm gefallen lassen; die letzte Nacht aber hatte seine Geduld er— schöpft und ihm gezeigt, wohin es noch mit ihm und Klas kommen werde, wenn er da nicht Einhalt thue. Er kleidete sich rasch an und machte selbst Toilette, was selten bei ihm vorkam, darauf rief er einem Knechte zu, er sollte das Pferd satteln. Als er sein Zimmer verlassen wollte, trat ihm Klas mit überlegener Miene entgegen.„Wohin wollen Sie denn, Herr Lindner?“ fragte jener nachlässig.„Ich brauche das Pferd heute, ich muß in die Stadt, da ist heute Viehmarkt.“— „Ach was, Du bist seit vierzehn Tagen unterwegs und hast kein Vieh gekauft, bleibe nun einmal hier und sorge, daß das Korn in die Scheunen kommt. Ich habe geschafft wie ein Tagelöhner alle die Tage; Du kümmerst Dich so wenig um die Landwirthschaft, es müßte ja Alles besser stehen, wenn Du nur einmal anfangen wolltest, Interesse an den Arbeiten zu bekommen,“ sagte Georg unwirsch. Statt einer Antwort warf ihm der Verwalter einen langen Blick zu, den Georg plötzlich verstand. Der Brief, der unglück— selige Brief, den er in der Tollheit, in der Wuth des ersten Augen⸗ blicks geschrieben! Er war Klas gegenüber entwaffnet! Er stürmte aus dem Hause und ritt im rasenden Galopp davon. Was sollte aus ihm werden, er befand sich ganz in den Händen seines Knechtes. Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn; was hatte er gethan? Betrunken war er nicht gewesen, als er den Brief ge⸗ schrieben, einige Gläser Wein, die er in dem ersten Schrecken bei der Nachricht von der Versöhnung und Wiederkehr seiner Stief— mutter hinunter gestürzt, hatten ihm den Kopf verwirrt und ließen ihn keine andere Rettung sehen, als bei Klas. Nun wurde ihm die drohende Haltung und Sprache seines Jugendgefährten klar. Er wüthete gegen sich, verfluchte sein Dasein. Nach einer Weile kam ihm der Gedanke, er müsse nach Hause zurückkehren und jedes Mittel versuchen, um aus der Gewalt des Klas zu kommen. Er band sein Pferd an einen einzelstehenden Baum und lief wie ein Wahnsinniger seinem Gute zu. Sein Gesicht war fast blau, die Schweißtropfen rieselten ihm von der Stirne. In einiger Ent⸗ fernung blieb er stehen und holte tief Athem; auf dem Gute war Alles ruhig, man pflegte der Mittagsruhe; er schlich leise durch die Hinterthüre ins Haus, niemand hatte ihn gesehen. In seinem Wohnzimmer zu ebener Erde war ein ganz kleines Fenster, das nach der Küche ging und durch das die Speisen her⸗ eingereicht wurden. Er warf einen flüchtigen Blick durch das Fensterchen und gewahrte Klas auf dem Sopha liegen, seine Cigarren und eine Tasse Kaffee vor sich auf dem Tische.„Der Betteljunge“, knirschte Georg;„zerrissen und zerlumpt kam er in der tiefen Nacht hier an, und ich durfte ihn erst auf dem Gute zeigen, als ich ihn in meine eigenen Kleider gesteckt hatte. Wie das sich vergißt und den großen Herrn spielt. Aber es ist meine Schuld, ich bin nur ein Tölpel, der von Jugend auf kein Maaß zu halten wußte.— Er schlich sich die Treppe hinauf und ver⸗ schwand in dem zwei Treppen hoch gelegenen Zimmer seines Ver⸗ walters. Hier stürzte er auf den an der Wand hängenden Sonntags⸗ rock zu und holte aus der Seitentasche die gestickte Brieftasche hervor. Sorgfältig waren sein Brief und die Verschreibung in ein grünes Papier gewickelt und das große Siegel mit Klas Namen: N. B. mehrmals darauf gedrückt. Georg öffnete behutsam mit zitternden Händen. Da war das Unglücksblatt,— es war sein, er war wieder ein freier Mann! Mochte Klas nun kommen! Der Brief flammte unter einem Streichholz auf und die schwarzen Ueberreste trug die leise bewegte Luft durch das Fenster davon. Aber Klas kam nicht; der gehörte zu den Männern, die auch ihre Mittagsruhe hielten, das wußte sein Herr; er zitterte auch 2 nun nicht mehr vor Klas, er fürchtete ihn nicht mehr.„Er ist doch immer nur ein dummer Kerl, so sehr er auch den Klugen spielen will,“ lachte Georg in sich hinein und fuchte nach dem Petschaft und nach Siegellack. Er fand Alles in der Tischschublade. „Das machen wir so geschickt und gut,“ sagte Georg, indem er das Talglicht auf dem Tische anzündete,„daß Klas eine feine Nase haben müßte, wenn er spürte, daß der Brief nicht mehr in dem grünen Papier stecke.“ Sorgsam legte er zwei Papierstücke in die Brieftasche und steckte diese wieder in Klas Sommerrock. Hierauf verließ er leichten glücklichen Herzens das Zimmer.„Schlafe Dich nur aus, dummer Teufel,“ lachte er, als er durch die Küche der Hinterthüre zuging,„Du sollst nun wieder merken, wer hier der Herr ist. Halte nun Deine albernen Versprechungen in fünfzehn Monaten, oder halte sie nicht; ohne den Brief kannst Du mir ja doch nicht bange machen und mit der großen Wiese hat es nun gute Wege.“ Es lag ihm nichts daran, ob er nun gesehen wurde, Im Neste. Photographisch aufgenommen nach der Natur. als er an den dürftigen Getreidefeldern vorüber ging; aber Niemand sah ihn und Niemand war im Stande, dem Verwalter zu sagen: der Herr ist zurückgekommen. Georg schwang sich auf sein Pferd und sprengte seelenvergnügt davon. Als er in die Nähe der Stadt kam, ließ die Freude all— mälich nach. Er wollte Geld borgen gehen, wieder Geld borgen, und er war erst vor vierzehn Tagen zu seinem Freunde gekommen und hatte sich eine schöne Summe geben lassen, um Rindvieh ein⸗ zukaufen. Der Freund hatte schon den Kopf geschüttelt und davon gesprochen, die kleinen Summen alle zusammen zu rechnen und Lengen mit einer Hypothekenschuld zu belasten. Dieser Gedanke war Georg höchlichst zuwider. Unter Umständen wäre er ein guter Bauer geworden, wenn er Gedeihen und Ermuthigung in Lengen gefunden hätte. Das Gut war nun seit Jahren in seinem Besitz und alle Verheißungen von Klas, der ohne Unterkunft war und Verwalter werden wollte, hatten bis jetzt harten Widerstand in den unfruchtbaren Boden von Lengen gefunden. Es hätten sich Ver⸗ besserungen bei klarer Einsicht und unermüdlichem Fleiße machen lassen; aber Georg besaß weder das Eine noch das Andere. Er arbeitete Tage lang wie ein Neger mitten unter seinen Knechten und Tagelöhnern, und wenn er dann zur Einsicht kam, daß doch nicht viel zu ernten war, wenn diesem Boden nicht gründlich auf— geholfen würde, dann verlor er den Muth, dachte an die uner⸗ schwinglichen Kosten und fand in der Unergiebigkeit seines Eigen⸗ thums keinen anderen Trost, als sich die herrlichen Gefilde von Mandsfelt zu betrachten und sich zu sagen:„Wem kann es denn je anders gehören, wie mir?“ Als er in der Stadt ankam, fühlte er, daß er diesen Glauben nöthig habe, um die Verdrießlichkeiten, die ihm das unergiebige Gut täglich bereitete, noch weiter zu ertragen. Klas durfte ihm nicht über den Kopf wachsen, aber er mußte bei guter Laune er⸗ halten werden,— vielleicht waren die fünfzehn Monate eine Frist, die er sich ruhig mußte gefallen lassen, da so viel auf dem Spiele stand. Das waren die Erwägungen, die ihn bis vor das Landhaus des Herrn von Berschau geführt hatten. Er warf einen mißtrauischen Blick nach den Fenstern der hübschen Villa und gewahrte auf dem Balkon hinter den Bäumchen und Blumen ein helles Kleid. Sein Freund war der beste Junge von der Welt; aber er hatte das Loos aller Menschenkinder: er war abhängig, er war beeinflußt. Das helle Kleid auf dem Balkon umgab eine schöne stattliche Persönlich— keit mit gebieterischer Haltung und schönen glänzenden Augen. Vor zehn Jahren hatte sich Herr von Berschau eines verlassenen eltern⸗ losen Mädchens angenommen. Dasselbe war ihm dann eines Tags in die Villa gefolgt und sträubte sich hartnäckig dagegen, sie wieder zu verlassen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich in dem be⸗ scheidenen Mädchen allerlei Eigenschaften, die Herrn von Berschau ganz kleinlaut machten.„Der Drache“ nannte sie kurz Herr von Lengen, und daß sie ihn nicht mit freundlichem Gesicht kommen sah, war gewiß. Vielleicht wäre ohne diesen„Drachen“ Georgs Freund längst ein armer Mann geworden. Fanny führte eine genaue Kontrole über Berschau's Ausgaben. Wenn er bei Jagden und Trinkgelagen seinem Freunde Lindner wieder ein Darlehen ver⸗ sprochen hatte, so sagte jenem das Gesicht der imponirenden Frau, daß sie seine Widersacherin war. Der Freund kam ihm schon ent⸗ gegen, er wußte genau, was Georg in sein Haus führte.„Ich weiß schon,“ sagte er,„aber diesmal ist es mir ganz unmöglich; einige hundert Thaler kann ich Dir geben, aber dann muß die Sache hypothekarisch geordnet werden. Sprich im Salon nichts darüber, wir machen das heute Abend ab,“ sagte er schnell und PPP 181 führte ihn in das Balkonzimmer. Fanny grüßte steif und fuhr fort zu sticken; es war nicht ihre Gewohnheit, sich in die Unter⸗ haltung zu mischen. Sie besorgte mit ihrer ruhigen Majestät Wein und Gläser und verließ dann das Zimmer. 5 „Wie bedauere ich Dich, alter Junge,“ flüsterte Georg, sobald Fanny das Zimmer verlassen hatte.„Wie soll denn das mit der Herrschsucht dieser Dame enden?“ „Laß es gut sein, Beherrscher von Lengen,“ lachte Berschau munter und blies den Rauch seiner Cigarre in die Luft;„zwischen meiner Fanny und Deinem Klas würde mir gerade die Wahl noch nicht schwer.“ 8 Georg schüttelte mürrisch den Kopf; „mit dem Klas aber bist Du ganz im Irr⸗ thum, der marschirt, wie ich es haben will.“ Berschau lachte laut auf. Er war ein schö⸗ ner Mann, einige Jahre älter als Georg; aber sein Ruf und sein Ansehen waren un⸗ wiederbringlich verlo⸗ ren; er verkehrte mit Leuten wie Georg, hielt mit ihnen Trink⸗ gelage, die Tage und Nächte hindurch dau⸗ erten, und im Winter war Fanny der einzige Insasse der Villa, denn Berschau nahm an allen Jagden zehn; Meilen in der Runde Theil und blieb da, wo ihn eben die Jagd hin verschlug. Georg hatte stets einen Wi⸗ derwillen gegen bessere Gesellschaft empfun⸗ den und schloß sich mit Freuden diesem Ausgestoßenen an, dem er zuerst auf der Jagd begegnet war. Sie waren schon manches Jahr gute Kameraden, die sich mit Vergnü⸗ gen bei den Trink⸗ gelagen begegneten. (Fortsetzung folgt.) Lilli Lehmann. Gegenwärtig giebt es in Deutschland keine zweite Künstlerin, mit der sich die Presse so lebhaft beschäftigt, als Lilli Lehmann. Durch ihren Vertragsbruch hat sie nicht nur die Künstlerwelt, sondern auch die Berliner Hofkreise in eine tiefe Erregung versetzt. Die Geschicke dieser ausgezeichneten Koloratursängerin sind so eigen⸗ thümlicher Natur und so bezeichnend für die Leitung deutscher, Hof⸗ bühnen, daß es wohl der Mühe verlohnt, sich eingehender mit ihrem Lebensgang zu beschäftigen. b Die Sängerin entstammt einer Künstlerfamilie und verlebte ihre Jugend zu Prag in sehr dürftigen Verhältnissen. Den Vater hatte sie früh verloren und ihre Mutter gehörte zu jenen Sängerinnen, welche durch den Verlust ihrer Stimme in eine traurige Noth⸗ lage gebracht wurden, und deren ganze Lebenshoffnung auf der Zukunft der Kinder beruht. Frau Lehmann in Prag suchte ihre Töchter Lilli und Marie unter schweren Opfern und Entbehrungen für die Oper heranzubilden und es gelang ihr, den beiden Mädchen Lilli Lehmann. Nach einer Photographie von J. C. Schaarwächter in Berlin. die Wege zu einer glänzenden Bühnenlaufbahn zu ebnen, allein sie starb, bevor sie die Früchte ihrer opfermuthigen Bemühungen ernten konnte. Lilli Lehmann trat am 31. August 1869 als ganz junge Sängerin an der Berliner Hofbühne in der Rolle der Königin Margot(Meyerbeer's„Hugenotten“) auf. Dies Debut fiel sehr günstig aus. Die junge Sängerin besaß eine hohe, schlanke Ge⸗ stalt, große ausdrucksvolle Augen und eine wohlgebildete, glockenhelle Sopranstimme, welche nach der altitalienischen Methode in edelster Weise ausgebildet war. Sie wurde als Vertreterin des Koloratur⸗ faches engagiert und trat im Jahre 1870 in den Verband der Berliner Hofoper ein. Leider sah sie sich in ihren Hoffnungen, eine erste Stellung erringen zu können, vorläufig betrogen. Sie selber schildert in einer Rechtfertigung des neuerdings erfolg⸗ ten Vertragsbruches ihre Enttäuschungen zu Beginn ihrer Bühnen⸗ laufbahn wie folgt: „Als ganz junge Sängerin gastirte ich in Berlin für das da⸗ mals unbesetzte Kolo— raturfach. Ein Jahr später trat ich ein, da hatte sich Fräulein Grossi mittlerweile in dies Fach hineingesun⸗ gen und ich bekam Scoubrettenrollen. Nur die Königin in den Hugenotten erhielt ich als einzige kolorirte Rolle. Frau Lucca ging, und ich sang mehrere ihrer Partien. Zu thun hatte ich ge— nug und da ich jung war und mich nicht zu sehr anstrengen durfte, so befriedigte mich meine Stellung durchaus. Fräulein Grossi war so klug, die schlechten Rollen im Koloraturfache, wie die Prinzessin in der Jüdin, jedesmal ab⸗ sagen zu lassen, die Prinzessin in der Stummen aber zurück⸗ zuweisen; und ich war so wenig klug, sie zu übernehmen. Wer nahm sie mir wieder ab? Keine! Immer und überall war ich sangeslustig und spielfroh eingesprungen und wurde, was man beim Theater»utilité« nennt. Ach, welch ein geringes Interesse nimmt das Publikum an einer utilite! Es interessirt sich für die, welche viel Wesens mit sich machen, recht oft absagen und der Direktion Verlegenheiten bereiten. In den 15 Jahren, wo ich als Mitglied der Berliner Oper wirkte, habe ich wohl nur drei Mal absagen lassen, als es durchaus nicht anders ging, sonst habe ich stets, ohne Rücksicht auf Gesundheit oder ein sonstiges Interesse, nur aus Pflichtgefühl und um der Direktion Verlegenheiten zu ersparen, gesungen. Wenn dieselbe das nicht vergessen haben sollte, so wird sie wenigstens diese eine gute Seite an mir anerkennen müssen. Nach fünf Jahren bot man mir höhere Gage oder einen Lebens⸗ kontrakt mit Pension. Auf Bitten meiner seligen Mutter unter⸗ schrieb ich den lebenslänglichen Kontrakt. Er war in Anbetracht meiner Jugend und der damaligen Verhältnisse gewiß sehr günstig, aber ich hatte von seinen Konsequenzen keine Ahnung. Durcheinander sang ich zu jener Zeit jugendliche kolorirte und Soubrettenrollen. 0e 0 8 EW 9 8 N 28 182 Kam eine Soubrette, so erhielt sie meine Soubrettenrollen, weil ich Koloratursängerin sei; kam eine Koloratursängerin, so nahm sie meine Koloraturrollen, weil ich Soubrette sei ꝛe.— Als Fräulein Grossi fortging, schickte man das Blondchen in der Entführung und die Dolores in»Cosi fan tutte« an Fräulein Tagliana, noch ehe diese hier war, mir forderte man die Partien einfach ab, ohne irgend eine Erklärung, und das that mir sehr weh, denn ich hing mit ganzer Seele an den beiden Rollen. Aber ich war nach Ab— gang der Grossi wieder Koloratursängerin und bekam die Constanze. Als die Koloraturpartie der Dinora bald darauf zu vergeben war, wurde ich wieder Soubrette. Nun, Fräulein Taglianga kam mit meinem Blondchen gar nicht zu Stande und die„Entführung“ konnte nicht gegeben werden!— Vorbei!— So ging es mir oft, und ich habe manche bittere Pille ver⸗ schlucken müssen. Längst wäre ich untergegangen, hätte wenigstens den Muth verloren, wenn mich nicht mein rastloses Streben nach Können und Wissen aufrecht und thatkräftig erhalten hätte.“ Wir sind außer Stande, die Berechtigung dieser Klagen in allen Einzelheiten zu prüfen, allein, wer mit den einschlägigen Ver⸗ hältnissen nur einigermaßen vertraut ist, der wird Fräulein Lehmann darin Recht geben, daß die Leitung der Berliner Hofoper wiederholt die besten Rollen ihres Fachs an Damen vergab, die für diesen Vorzug kaum etwas Andres geltend machen konnten, als die warme Empfehlung hochstehender Persönlichkeiten. Es muß außerdem freudig anerkannt werden, daß Lilli Lehmann sich in ihrer Künstlerlaufbahn die volle Unabhängigkeit des Charakters zu wahren verstand. Nie— mals suchte sie ihre Ziele auf Umwegen zu erreichen, niemals wollte sie etwas anderes, als ihre künstlerische Leistung für sich sprechen lassen. Trotzdem sie von einem glühenden Ehrgeiz beseelt ist, ordnete sie ihre persönlichen Interessen den künstlerischen gern unter. Einen Beweis dafür lieferten die Bayreuther Festspiele im Jahre 1876, wo Lilli Lehmann und ihre Schwester Marie sich mit den Rollen der Rheinniren in Wagners„Rheingold“ begnügten. Die Berliner Hoftheaterleitung hatte vor 10 Jahren einen Vertrag auf Lebensdauer mit der Sängerin abgeschlossen, allein sie that wenig für die künstlerische Förderung der Sängerin. Da die⸗ selbe zumeist in Rollen beschäftigt wurde, die weder eine große Entfaltung der Leidenschaft zuließen, noch in gesanglicher Beziehung sehr ergiebig waren, so traten gerade die höchsten Vorzüge ihres künstlerischen Vermögens nicht zu Tage und man hielt die Sängerin für eine kühle, temperamentlose Natur, welche zur Wiedergabe dramatischer Partieen ungeeignet sei. Und doch ging ihr künst⸗ lerisches Streben von frühester Jugend an auf dieses Ziel hinaus; in dramatischen Partieen hoffte sie die höchste Stufe ihrer Kunst zu erreichen und durch unermüdlichen Fleiß und unbeugsame Energie gelangte sie auch dahin. Lilli Lehmann hatte schon in früheren Jahren durch Gast— spiele ihr Repertoire zu erweitern gesucht. Wo sich irgend die Ge— legenheit bot und ihre Beschäftigung es zuließ, suchte sie an aus— wärtigen Bühnen in großen Rollen aufzutreten. Der künstlerische Uebereifer brachte sie einmal in eine drollige Situation. Sie war wiederholt in Dresden für erkrankte Kolleginnen eingesprungen, während Herr Marcks daselbst technischer Leiter der Dresdener Oper war. Als Pollini die Leitung des Hamburger Stadttheaters übernahm, siedelte Marcks auf kurze Zeit von Dresden nach Ham— burg über und als dort eine Sängerin erkrankte, sandte er an die allzeit hülfsbereite Lilli Lehmann eine Depesche mit der kurzen An— frage, ob sie an zwei Abenden singen könne. Fräulein Lehmann machte sich nach Erhalt der Depesche sofort reisefertig und vergaß den Umstand, daß Marcks sich nicht mehr in Dresden, sondern in Hamburg befand. Nur mit dem Gedanken an die zu erringenden Erfolge beschäftigt, fuhr sie mit dem Kourierzug nach Dresden und trat dort mit der Frage vor den Intendanten, ob vor der Vor⸗ stellung noch eine Scenenprobe stattfinde? Der Graf von Platen war wie aus den Wolken gefallen und fragte die Sängerin, was sie nach Dresden führe. Jene erklärte im Ton der Ueberraschung und Entrüstung, daß Herr Oberregisseur Marcks sie zum Gastspiel geladen habe und zog als Beweis für ihre Behauptung die De⸗ pesche aus der Tasche. Der Intendant lächelte und machte die Künstlerin darauf aufmerksam, daß das Telegramm nicht aus Dresden, sondern aus Hamburg an sie abgesandt worden sei, wo Herr Marcks gegenwärtig die Regie führe. Die Sängerin war erst vollständig verblüfft über den Irrthum, dann brach sie in ein herzliches Lachen aus und da sie sich doch einmal in Dresden befand, be— nutzte sie ihre freie Zeit, um die Kunstschätze der Stadt einmal recht eingehend zu besichtigen. Im Winter des vorigen Jahres erhielt die Sängerin einen großen Urlaub, den sie zu einem Gastspiel in Wien benützte und hier wurde sie vom Publikum und der Kritik zum ersten Male nach ihrem vollen Verdienst gewürdigt. An der Seite ihrer Schwester, welche ständiges Mitglied der Wiener Hofoper ist, trat sie in großen dramatischen Partien auf und errang als Norma, als Fidelio, als Isolde und Donna Anna wahrhaft sensationelle Erfolge. Die Kritik war einstimmig im Lob der Sängerin und erklärte sie für eine der berufensten Vertreterinnen des dramatischen Faches. Ein Gastspiel an der Dresdener Hofoper, welches bald darauf folgte, hatte den— selben Erfolg. Nun erst kam man in Berlin zu der Erkenntniß des vollen Werthes der Sängerin und betraute sie mit jenen Partieen, die in Wien und Dresden ein völliges Furore hervorgerufen hatten. Gleichwohl fühlte sich die Sängerin noch immer bei der Rollenver— theilung zurückgesetzt. Trotzdem sie als Norma und Fidelio das Berliner Publikum zu gleicher Bewunderung hingerissen hatte, wie jenes in Wien, trug die Direktion doch Bedenken, ihr die Sieglinde in Wagners„Walküre“ dauernd zu überlassen. Während sie nun den lebenslänglichen Vertrag mit der Berliner Hofoper mehr denn je zuvor als eine drückende Fessel empfand, wurde ihr ein überaus verlockender Gastspielantrag für New. Bork gemacht. Es war nicht der materielle Gewinn allein, welcher sie bestimmte, diesem Anerbieten Folge zu leisten. Von Jugend auf hatte sich die Sängerin von dem Drange beseelt gefühlt, die weite Welt kennen zu lernen und ihre Sommerferien wurden stets zu Ausflügen benutzt. Nun war die Gelegenheit da, eine neue Welt kennen zu lernen, in dieser Kränze und Gold in Hülle und Fülle zu ernten und sie vermochte nicht, diesen Lockungen zu widerstehen. Der gewünschte Urlaub wurde ihr bewilligt. In Amerika erfüllten sich ihre Hoffnungen nicht nur, sondern wurden noch weit übertroffen. Ihre Erfolge an der Deutschen Oper waren so glänzender Art, daß sich ihr Ruhm rasch über ganz Nordamerika verbreitete und daß ihr die glänzendsten Anerbietungen für verschiedene Konzert-Unter— nehmungen zutheil wurden. Lilli Lehmann wandte sich an Herrn von Hülsen mit der Bitte, betreffs der Verlängerung des Urlaubs ein gutes Wort beim Kaiser einzulegen. Sie versprach dagegen, im August, September und Oktober nächsten Herbstes und selbst während ihres Winterurlaubs in Berlin umsonst zu singen. Ihr Bittgesuch blieb vorläufig unbeantwortet, und da die Sängerin— wie sie wenigstens versichert— noch auf einen günstigen Bescheid wartete, so überschritt sie die Grenze ihres Urlaubs und wurde in Berlin für kontraktbrüchig erklärt. Wir sind weit entfernt davon, den Vertragsbruch der Künstlerin rechtfertigen zu wollen, müssen aber gestehen, daß das Unrecht durch verschiedene Umstände gemildert wird. Es ist ein hartes Verlangen, daß eine Künstlerin, welche sich auf der Höhe ihrer Leistungsfähig— keit befindet, und die einen Weltruf erlangt hat, unter Bedingungen an der heimischen Oper weiterwirken soll, die vor zehn Jahren Geltung hatten, und die in keinem Verhältniß stehen zu dem Werth ihrer Leistungen. Lilli Lehmann verdient in Amerika zum Mindesten das Zehnfache ihrer Berliner Gage, und ihre Stellung bei der deutschen Oper ist ihr auf mehrere Jahre hinaus gesichert. Da die Sängerin mit ihren erworbenen Schätzen vortrefflich hauszuhalten versteht, so besitzt sie voraussichtlich jetzt schon eine Rente, welche ihr die volle materielle Unabhängigkeit garantirt. Außerdem sagen ihr die Verhältnisse an der deutschen Oper zu New-Nork und das amerikanische Publikum allem Anscheine sehr zu. Für die deutsche Kunst bedeutet die transatlantische Fahrt der Sängerin einen schweren Verlust, denn selten wird eine Künstlerin gefunden, welche alle Vorzüge der Koloratursängerin und der dramatischen Sängerin in so hohem Grade vereint, als dies bei Lilli Lehmann der Fall ist. Diese Vorzüge bethätigt sie am glänzendsten in Bellini's Norma. In der Koloraturarie zeigt sie durch den Goldklang der Stimme, durch die reizvollste Ausführung der Fiorituren, daß sie eine souveräne Beherrscherin im Reiche des bel canto ist und in den dramatisch bewegten Scenen gewinnt sie durch die Gluth der Leidenschaft und die warme Beseelung der Töne alle Herzen. In Bizet's„Carmen“ überrascht ihre originelle Auffassung. Im Gegensatz zu allen anderen Darstellerinnen betont sie das Dämonische im Wesen der spanischen Zigeunerin sehr stark. Mag man über die Berechtigung 4 — . — —— 183= „„ e e e 1 5 ihrer Auffassung streiten, jedenfalls beweist ihre Carmen, daß sie eine selbstständig schaffende Künstlerin ist, die es verschmäht, aus— gefahrenen Geleisen zu folgen. Einer der hervorragendsten Züge in ihrem Wesen ist eine kühne, fast männliche Entschlossenheit. Wie sie die Beleidigung eines Journalisten mit Ohrfeigen beantwortete, so ist sie im Stande, mit lieben Gewohnheiten zu brechen und sich ohne Zaudern den weitgehendsten Unternehmungen anzuschließen. Als Kuriosum wollen wir noch ihre Zärtlichkeit für gewisse Haus— thiere erwähnen. Die Sängerin hat in Berlin fast jedem herren— losen, verlaufenen Hunde, den sie auf ihrem Wege fand, ein Asyl in ihrem Hause geboten und sie stellt alljährlich dem Thierschutzverein eine beträchtliche Summe zur Verfügung, damit schutzlose Hunde und Katzen von der Straße aufgelesen und verpflegt werden. Lilli Lehmann gehört zu jenen Künstlerinnen, welche spät erst zur vollen Blüthe gelangen. Heute, da sie auf der Scheitelhöhe des Lebens steht, hat sie auch die höchste Stufe der Kunst erreicht. Ihre schöne, elastische Gestalt, ihr edel profilirtes Gesicht, ihre kraft— volle und völlig intakte Stimme und ihre lebendige Darstellungs— weise scheinen dafür zu bürgen, daß sie die Früchte ihrer Studien ganz und voll ernten und ihre glänzende Stellung in der Kunst— welt noch lange behaupten wird. R. E. Lose Blätter. Sigtung. Die alten Könige von Dänemark bewohnten Leire, die von Schweden Sigtuna. Die Söhne Odin's, des Gründers beider Monarchieen, hatten eine und dieselbe Wohnung, eine Burg neben einem Tempel. Die Werke des Heidenthums sind mit ihm selbst untergegangen. Man sucht Leire, und nicht einmal eine Ruine findet sich, welche die Spur desselben bezeichnet. Man sucht Sigtuna, und sieht kaum mehr als Gräber. Auf einer keck in einem Busen des Mälar hinausstrebenden Landzunge einst belegen, zeigt Letzteres heute nur noch vier Thürme, die als tausendjährige Riesen Wache halten, auf daß der Sturm der Zeit nicht die Erinnerung wegstäube, wie er bis auf wenige Trümmer den Ort selbst verweht hat, wo ein tiefernster Kultus jene nordischen Götterbilde errichtete, die endlich auch ihre Häupter vor dem mächtigen, die Erde strahlend überschwebenden Erlöserkreuze beugen mußten. Daß hier in Siggis-Tuna, d. h. Siegeehof, gewiß schon in vor⸗ christlicher Zeit die Gesittung in beachtenswerther, früher oft bezweifelter Ausdehnung Wurzel geschlageg, vermögen freilich die unscheinbaren Ruinen alter allerdings herrlicher Bauwerke nicht anzudeuten, wohl aber zeugt da⸗ für Manches, was der Schooß der Mutter Erde länger als ein Jahrtausend schützend verborgen und in den neuesten Tagen aus den zerstreuten Grab— hügeln eines entschwundenen Geschlechtes durch Forscher zu Tage gefördert wird. Schmuck, Luxusgeräthe. Waffen von ausgezeichneter Arbeit, oft in wunderbar schöner Gold- und Silberverzierung, beweisen, daß das Volk, das hier gelebt, mit der Tapferkeit auch den milderen Sinn für Kunstfleiß vereinte, und die Auffindung arabischer und griechischer Münzen deutet auf die Verbindung, die der Handel zwischen Skandinavien und weit entlegenen, in höchster Kultur stehenden Ländern geknüpft hatte. Der, Barbarismus zerstörte die hier unter rauhem Himmel emporgeschossene Blüthe. Es war im Jahre 1008, als Olaf der Heilige, Norwegens König, die Stadt Sigtung plünderte und in Asche legte. Doch erstand sie wieder und nahm ansehnlich zu, bis finnische Völker, Esten, Karelen, Ingrer, wüste, in Ver— heerung Befriedigung findende Seeräuberhorden, Skandinaviens älteste Haupt⸗ stadt zum letzten Male und auf immer zerstörten. Das geschah im Jahre 1189. Aber gleichsam, als wollte man sich nicht trennen von der Stätte erhabener Erinnerung, vegetirt Sigtuna jetzt als kleines, armseliges, zu Stock— holm's Lehn gehöriges Städtchen mit wenigen Einwohnern, die in größter Mehrzahl das kümmerliche Gewerbe der Töpferei betreiben. A. B. Edmund Spenser, der bochberühmte Dichter des Epos:„The Fairy Queen“(geb. 1553, gest. 1599) kam zu Lord Sidney, um diesem, dem er gänzlich unbekannt war, ein Werk mit der Bitte anzubieten, es ihm widmen zu dürfen.„Wartet, mein Freund,“ sagte herablassend der Haushofmeister Sr. Herrlichkeit:„Wenn Eure Verse gut sind, wird es Mylord nicht auf 10 Pfund ankommen.“ Er trug das Manuscript in das Arbeitszimmer seines Herrn. Dieser schlug den Band auf und stieß auf eine Stelle, die seine Bewunderung erregte. Schon nach wenigen Minuten; blickte er auf und rief den Haushofmeister zu:„Gieb dem Dichter fünfzig Pfund!“— „Wie?“ fragte der Hausmeister, der glaubte, sein Herr habe sich versprochen: „Fünfzig Pfund dem armen Schlucker?“„Du hast Recht.“ erwiderte Sidney,„einen solchen Genius darf man die Kleinigkeit nicht anbieten. Gieb ihm hundert, nein zweihundert Pfund.“—„Eure Herrlichkeit pflegen zu scherzen; für eine Dedikation zweihundert Pfund!“—„Für die Dedikation eines solchen Dichters wäre das Zehnfache nicht zu viel; aber ich bin kein Krösus. Nein, das Letztere sage ihm nicht; denn ich werde es ihm selbst sagen, wenn er mir morgen Mittag die Ehre schenkt, mein Gast zu sein. Dem Koch aber befiehl, daß er das Mittagessen so bereite, als ob Ihre Masestät die Königin mich besuchte.“— Am folgenden Tage erschien Spenser bei dem Lord, der ihn umarmte, worüber der Haushofmeister den Kopf schüttelte. Sidney blieb der Freund des Dichters, bis dieser starb. W. G. Schlecht berathen hat Manchen gereut.(Aus dem Türkischen.) „Glaube nicht Alles, was man Dir räth“, sprach der Vater zu seinem Sohne,„daß Du nicht wie jener Dieb auf dem Dache Schaden leidest; denn schlecht berathen hat Manchen gereut.“„Was ist das für eine Ge— schichte mit dem Dieb auf dem Dache?“ fragte der Sohn, und der Vater erzählte:„Es war in Stambul ein schlauer Dieb, dessen Niemand habhaft werden konnte. Der war auf das Dach eines Hauses gestiegen, um von dort in dasselbe zu dringen. Er lauschte nur noch, ob Alles drinnen ruhig sei. Es war gerade Mondschein, und der zeichnete Alman⸗ surs Gestalt auf einer Mauer des Hofes ab. So gewahrte der Besitzer des Hauses, der mit seiner Gattin schon zur Ruhe gegangen war, den lauschen⸗ den Dieb und sprach flüsternd;„Fatme, Licht meiner Seele, frage mich doch recht laut, wie ich zu meinem Hab und Gut gekommen bin.“ Sie that, wie er gewollt und drang in ihn, als er sich Anfangs sträubte. Da begann er:„Ich bin einst Dieb gewesen, und alle meine Unternehmungen waren glücklich, da mein Zauberspruch mich stets beschirmte.“—„Ein Zauberspruch?“ fragte Fatme.—„Er ist sehr einfach. Spreche ich ihn dreimal aus, kann ich mich ruhig den Mondesstrahlen überlassen; die tragen mich sicher in jedes Haus und aus jedem Hause.“—„Wie das, Mann meines Herzens?“—„Ich rufe dreimal;„Muhammed ist Allah's Prophet und Ali sein Schwiegersohn, seid gerecht!“ Dann springe ich von dem Dach in die Luft.“—„Und die Mondesstrahlen tragen Dich?“— „Wohin ich will!“— Bald darauf vernahm der Dieb auf dem Dache lautes Schnarchen. Er trat zu dem Rande des Daches und dachte den Zauberspruch anzuwenden. Als er jedoch in die Luft sprang, fiel er auf die Straße und brach ein Bein. Hierauf ward er ergriffen, und der Kadi verurtheilte ihn zum Galgen“ Als der Vater die Geschichte beendet hatte, meinte der Sohn:„Du sollst nicht vergebens erzählt haben; ich werde jetzt jeden Rath prüfen, den man mir giebt; denn schlecht berathen und darnach gethan, hat Manchen gereuet; All' glauben ist Wahn.“ W. G. Garderobe⸗Luxus. Die Königin Elisabeth von England und ihre Namensschwester, die Kaiserin von Rußland, zeichneten sich durch den Luxus ihrer Garderobe aus. Elisabeth von England hatte für jeden Tag im Jahre einen anderen Anzug. Das Verzeichniß der Garderobe der Kaiserin Elisabeth füllte einen dicken Band.— Sir John Arrundel, unter der Re— gierung Richards II. von England, litt auf einer Ueberfahrt nach dem Continente Schiffbruch. Er büßte hierbei seine Garderobe ein, welche aus 250 vollständigen Anzügen bestand, darunter viele von Gold- und Silber⸗ stoff.— Als Dresden den Preußen unter Friedrich II. seine Thore öffnen mußte, fand man in der Garderobe des sächsischen Ministers von Brühl 800 Paar Schuhe und Stiefel, 1200 Perrücken von verschiedener Form und Farbe und im Verhältniß dazu eine reiche Auswahl von Röcken, Westen, Strümpfen, Kravatten und dergleichen. London zur Zeit Elisabeths. In den Tagen der Königin Elisabeth wurde das Dorf Holborn oder Oldbourn, jetzt zu dem bevölkertsten Mittel- punkt der Hauptskadt gehörend, zuerst mit der eigentlichen Stadt London vereinigt. High-Holborn existirte damals noch gar nicht und Saint⸗Giles war damals ein Dorf, das man aber noch nicht als zu London gehörend betrachtete. Westminster war nichts als ein kleiner Flecken, südwestlich von dem Saint-Jamespark. Auf den beiden Seiten des Strandes befanden sich Gärten und Haymarket hatte an der einen Seite eine Hecke und an der andern ein verwildertes Dickicht von Gesträuch. Im Jahre 1606 wurden die ersten Sterbelisten gedruckt und es ergiebt sich daraus, daß in den folgenden sechsundzwanzig Jahren die Bevölkerung nur wenig zunahm, denn in den Jahren 1606 und 1607 starben jährlich zwischen 6- bis 7000 Menschen und in den Jahren 1632 und 1633 nur 8 bis 9000. M. Schnelle Multiplikation. Die Kaiserin Katharina von Rußland, welche ihren Haushalt selbst übersah, fand einmal 28 000 Rubel für Talglichter angesetzt. Diese Summe fiel ihr um so mehr auf, da sie den strengsten Befehl gegeben hatte, daß an ihrem Hofe kein Talglicht gebrannt werden sollte. Sie stellte Untersuchungen an, und da fand sich, daß der junge Großfürst, nachmals Kaiser Alexander, sich ein Talglicht hatte kommen lassen, um seine aufgesprungenen Lippen damit zu bestreichen. Der Lakai, der das Licht brachte, stellte vier Pfund in Rechnung. Sein Vorgesetzter machte 300 Rubel daraus und von Diener zu Diener ansteigend, schwoll die Summe immer höher, bis sie endlich an der höchsten Spitze bis zu 28,000 Rubel gestiegen war. M. Essence d' Orient. Die silberglänzenden Schuppen vom Weißfische und vom Karpfen dienen zur Anfertigung künstlicher Perlen. Die Schuppen, auf dem Bauche dieser Fische silbern, auf deren Rücken dunkelblau gefärbt, sind sehr dünn und nur leicht anhaftend. Die perlenartig glänzende Sub⸗ stanz, welche die Wurzeln der Schuppen umgiebt, ist das einzig Nutzbare und dient zur Herstellung der sogenannten Essence d' Orient, der Grund— lage für die künstlichen Perlen. Zu diesem Zwecke werden die Fische über einem Gefäß mit reinem Wasser vermittelst scharfer Messer geschuppt— da das erste Wasser mit blutigem Schleim vermengt ist, so wird dieses weggegossen — die Schuppen werden in Wasser in einem Siebe, durch welches die Essenz hindurchgeht, gewaschen; in einem untenstehenden Gefäße, in welchem sie sich zu Boden setzt, wird sie gesammelt. Das Waschen wird zwei bis drei Mal wiederholt. Die Fischerei findet, hauptsächlich in der Seine, das ganze Jahr hindurch, am besten aber im Frühling, wenn es kühl ist, statt. Die Essenz wird leicht schwarz in Folge Zersetzung; um sie zu konserviren, setzt man ihr Ammoniak zu. 8 1 ee ee 9 e r eee eee eee eee eee eee 8 33 R 8 Rösselsprung. dir roth be dich es herz nimmt die und fun⸗ stimmt Citaten-Räthsel. Aus folgenden sechs Citaten ist je ein Wort zu, wählen. Die sechs er⸗ haltenen Wörter bilden ein Citat aus einer Goethe'schen Tragödie. 1. O daß sie ewig grünen bliebe, Die schöne Zeit der jungen Liebe. 2. Wie er räuspert und wie er spuckt, Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt. 3. Der Mensch erfährt, er sei auch wer er mag, Ein letztes Glück und einen letzten Tag. „Noch ist es Tag; da rühre sich der Mann; Die Nacht tritt ein, wo Niemand wirken kann Etwas fürchten und hoffen und sorgen Muß der Mensch für den kommenden Morgen. .Das Aergste weiß die Welt von mir, und ich Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf. Räthsel. Von einer Mutter zwei Töchter stammen, Doch gebar sie die Kinder zu mächt' gem Streit, Denn es kamen die Schwest tern noch niemals zusammen, Und nahet die Ein', ist die Andere weit. Der Mond und die Sonne, so flüstern Gelehrte, Sind Pathen den Kindern, und ähnlich dem Paar, Denn wechselnd geh'n beide die nämliche Fährte, So ist's heut zu Tage, so immer es war. Doch fragt ihr noch: sind es der Töchter denn Zweie? Nein, Eine nur ist es, so leuchtet mir's ein, Und nicht einmal Eine, schon nahet die Reue, Wie könnt' es denn Eine, nur Eine auch sein? Die Mutter ist's selber, die Mutter, sonst keine Die Töchter nur Namen, und Namen zum Scheine. Auflösung des Kapsel⸗Räthsels in voriger Nummer: 1. Land. 2. Ehe. 3. Rinde. 4. Sau. 5. Eden;— des Buchstaben-Räthsels: Beben, Weben, Geben, Reben, Leben;— des Kreuz-Räthsels: 5 11 A 8 0 5 2 err Problem Nr. 393 von F. Dubbe in Rostock. Schwarz. 5 12 e 125 1 5 4 2 2 . N 2, 28 2* Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten 15 Matt. N Auflösungen. Problem Nr. 382 von W. Kron in Beeck. 1) a2—a4 Ke 1 d5 2) Scel—22 K4d5—04:(c6, ea) 3) Lese(Sba, 03) f Angegeben von Dr. Wehrmeister in M. F. Osten in G., W. Steinmann in P, W̃ Scheuler in S, H. Hundt in A. und K. Rohe in H. Problem Nr. 383 von A. 8 in Braunschweig. 1) 802d Td7-c: 2) LI2— el Kdz2—el: 3) Sh4-f37 Varianten: 1).. erf? 2) Das Keg 3) Sb f5 Matt. 1).. Kc 2) Das f Keg 3) Sba th Matt. 1).. Ke 2) Darf Kada: 3) 8fg Matt. 1). bl D oder 8 2) Das f oder Leif und 3) entsprechend Matt.— Angegeben von W. Kron in B. und sämmtlichen Lösern der vorhergehenden Aufgabe und vom Schachklub in Landeck. Problem Nr. 384 von J. Bayersdorfer in München. Wie die Herren W. Kron in B., H. Hundt in A und W. Scheuler in S. nach⸗ gewiesen bahen, läßt dieses Problem“ die folgende Nebenlösung zu: 1) Kd7-es Khę—g3! 2) De7 Ktz ch2) 3) Des 4) Ot3 5) D 2(ez) Matt oder 2).. Kg ba) 3) Se? Khtl 4) Lig ꝛc Durch Hinzufügung eines weißen Bauern auf b und eines schwarzen auf b4 dürfte sich eine correcte Aufstellung ergeben, die wir hier nochmals felgen lassen und dem Studium unserer Löser angelegent ich empfehlen, in der Ueberzeugung, daß alle aufgewandte Mühe durch Auffindung 15 e Auterlösung belohnt wird.— Zügel. Kd7, Dh7, Lhi, Sfü, Bb, es, f5, 95, hé6. Schwarz: Kh2, Bb Matt in fünf gen.— Aus der Schachwelt. In den Pfingsttagen d. J. hält der böhmische Schachklub in Prag den zweiten böhmischen Schachkongreß ab und verbindet mit demselben eine Ausstellung aller Zeitschriften und Zeitungen, welche ausschließlich oder theilweise das Schachspiel pflegen, zu welchem Zwecke die Schachredakteure um Zusendung zweier Exemplare ibres Blattes ersucht werden. In dem gleichzeitig ausgeschriebenen ersten böhmischen internatienalen Problemturnier sind drei Preise für Vierzüger: 80, 60 und 40 Francs, und drei für 5 60, 40 und 20 Fres. ausgesetzt. Der Einsatz beträgt für jedes Problem einen Gulden ö. W. Man con- currirt mit höchstens zwei Problemen in jeder Abtheilung. Die Probleme sind im Diagramm, mit ausführlicher Lösung und Motto nebst versiegelter Adresse des, Autors bis zum 1. Aug. d. J an Herrn H. Fr. Moucka, Prag— Banck„Slavia“, Böhmen 11 48 an welch: Adresse auch der Einsatz zu entsenden ist. Als Preisrichter fungiren J. Dobrusky, A. König und V. Pilnacek in Prag. Ueber das Meisterturnier des britischen Schachklubs, dessen Ausgang die nach⸗ stehende Tabelle zeigt, ist im„Chess Monthly“ zu lesen: Blackburne geht als erster Sieger aus dem Kampfe hervor, ohne eine einzige Partie verloren zu haben. Bird und Gunsberg theilen den zweiten und dritten Preis. Ven besonderem Interesse für die Zu⸗ schauer war ein Endspiel, welches Bird vergebens gegen Guest zu gewinnen bemüht war, und ein glänzender Sieg von Reeves über Gunsberg. Masons Mißerfolg ist vermuthlich dem Umstande zuzuschreiben, daß er nur Abends nach den Geschäften des Tages spielte und 5 eee mehr machte, als seine Chance auf den 2 verloren war.“ . 7 203 7 5 1 8 E. Bird. J. H. Blackburne. 1 N e 8 J. Gunsberg 92 85 Rev. Nac Donnell Jas. Mason. 8 W. Pi 0 A. Mee 0 0 Im Winterturnier der„Berliner Schachglesellschaft“ sielen die Preise an 1) H. Caro, 2) H. Specht und 3) E. Schallopp. 0 1 0 1 m ATA Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt⸗Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. P—— 2