or Lobd enden beim n die b der 9, bo t eil dg: 0. denten viden⸗ Schl i von S zu den Oberhessischen Nachrichten. Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. Nr. 2. Gießen, den 4. Juli. 16866. Die Erbin. Von Josephine Gräfin Schwerin. I. Es ist eines der ältesten und dunkelsten der hochgegiebelten Häuser am Markt der Stadt D., trotzdem ein echtes Patrizierhaus, das an der schweren Eichenthür auf kleinem Messingschild den Namen J. H. Heddenheim trägt. Es braucht keiner mehr in die Augen fallenden Bezeichnung, denn Jedermann weiß, daß die Firma Hedden— heim eine der bedeutendsten der Stadt ist, Jedermann kennt das Haus mit dem schweren Stockwerk über den Fenstern, der alter— thümlich geschnitzten Thür, den Wasserspeiern in Form von Drachen— köpfen am Giebel, dem steingetäfelten Vorplatz und den blankgeputzten Messingknöpfen an dem ihn abschließenden Eisengitter, das seit länger als 90 Jahren der Familie Heddenheim gehört. Heute ist das geordnete Gleichmaaß der Arbeit in den unteren, dem Geschäft zugehörigen Räumen unterbrochen; sowohl in dem weiten Vorraum, als in dem nach dem Hof zu gelegenen Komtoir herrscht eine gewisse Aufregung, die Waarenballen werden nicht so schnell expedirt als sonst, die Federn auf den Schreibpulten ruhen, man sieht nach der Thür, man flüstert und steht augenfällig unter dem Eindruck eines überraschenden Ereignisses. Der Chef des Hauses, Herr Gustav Heddenheim, der 24 Jahre abwesend war, ist heute, nachdem erst gestern ein Telegramm seine Ankunft gemeldet, plötzlich zurückgekehrt. Vor 24 Jahren verließ der damals 21jährige Mann die Heimath, um die Welt kennen zu lernen und neue Handelsver— bindungen anzuknüpfen. Er durchreiste halb Europa, war dann mehrere Jahre in Amerika, kehrte endlich nach Europa zurück und gründete ein Zweiggeschäft in London. Er hatte sich dort vollständig ansässig gemacht und auch als vor etwa zwei Jahren sein Vater starb, behielt der erste Buchhalter, der seit langen Jahren im Ver— trauen des verstorbenen Herrn Heddenheim gestanden hatte, die Lei— tung des Geschäfts und Gustav Heddenheim blieb in London. Man hatte sich längst gewundert, daß der mehr als 40 Jahr alte Mann nicht an eine Heirath gedacht; es schien unglaublich, daß die Firma Heddenheim erlöschen sollte. Dann verbreitete sich plötzlich die Nachricht, Herr Gustav Heddenheim habe sich vermählt; man sprach von einer Tänzerin, einer Kunstreiterin, einer Kellnerin aus einer Weinschänke, allerlei vage Gerüchte gingen hin und her. Herr Heddenheim selbst schwieg; er war nur in geschäftlicher Korre— spondenz mit dem Buchhalter und unterhielt im Uebrigen keinerlei Verbindung mit seiner alten Heimath, die ihm ja auch im Laufe der Jahre fremd geworden war. So waren die Gerüchte am Ende verstummt; man interessirte sich auch nicht mehr allzu sehr für den Mann, den ja Keiner recht kannte, der sich, abweichend von den Traditionen des Patrizierthums der alten Handelsstadt, so vollständig von allen Beziehungen dort losgesagt hatte. So waren über zwei Jahre nach dem Tode des Herrn Hedden— heim sen. vergangen, als urplötzlich das Telegramm eintraf, welches die Ankunft Herrn Gustav Heddenheims für den nächsten Tag an— kündigte. Und nun war er da. Er war schnellen Schrittes zwischen den sämmtlichen, im Vorraum des Hauses versammelten Mitgliedern der Handlung hindurch gegangen, hatte sie alle ernst und flüchtig gegrüßt und nur dem bisherigen ersten Leiter des Geschäfts, Herrn Kühlwetter, die Hand gedrückt, war die Treppe hinauf und in das große dreifenstrige Vorderzimmer gegangen, als ob er nur gestern das Haus verlassen habe. Dem Diener, der das Gepäck hinein⸗ gebracht, hatte er befohlen, dasselbe in das Schlafzimmer zu tragen und ihm eine Flasche Rothwein zu bringen. Beides war geschehen und nun warteten Alle gespannt seit einer Stunde auf ein weiteres Lebenszeichen des Chefs. Die Jüngeren unter der großen Zahl der Komtoristen und Ar— beiter kannten Herrn Heddenheim natürlich garnicht, den Aelteren, welche seit Jahrzehnten im Geschäft thätig waren, war er fremd geworden, sie hatten im Augenblick in dem 45jährigen Mann keinen Zug des 21jährigen Jünglings wiederzufinden vermocht. Das mit, Grau untermischte Haar fiel über eine gefurchte Stirn, die buschigen Brauen, die sich in einem kühnen Bogen über der starken Nase vereinigten, gaben den dunkeln Augen etwas Finsteres und der Mund war fest geschlossen. Herr Kühlwetter hatte seit dreißig Jahren das volle Vertrauen der Herren Heddenheim, Vater und Sohn besessen, und der Firma seit dem Tode des Ersteren nunmehr treu und tüchtig vorgestanden, er wußte, daß die Bücher in peinlichster Ordnung waren, so hatte er getrost der unerwarteten Ankunft des Handlungschefs entgegensehen können; dennoch rückte er unruhig auf dem Lederstuhl vor seinem Pult hin und her und obgleich er sonst streng auf schweigendes und emsiges Arbeiten im Komtoir hielt, schien er heute nicht zu bemerken, daß auf allen Pulten die Federn ruhten und hier und da ein leises Flüstern durch den Raum schallte. Herr Gustav Heddenheim stand unterdeß oben, in Gedanken ver— sunken, am Fenster. Wie wenig schien sich hier verändert zu haben, seit er damals, von seinem Vater begleitet, zum Thor hinausfuhr, dem Hafen zu, um dann auf dem eigenen Schiff in die Welt hin— einzusegeln. Da waren die alten schmalen Häuser mit den breiten Steintreppen, da drüben der schlanke Rathhausthurm, den er als Knabe so sehr geliebt,— eben ertönte auch das oft gehörte Glocken— spiel wieder von demselben, das den Ablauf jeder Stunde verkündete, und drunten, um den, von einem Neptun gekrönten Brunnen, das bunte Marktgewühl. Heute noch wie damals haben die Verkäu— ferinnen bunte Blumenkränze und Guirlanden auf das ihn um— schließende Eisengitter und um die Stein- und Eisenbalustraden der Vortreppen an den Häusern gehängt, darunter liegen Gemüse und Früchte in gefälligem Durcheinander, zwischen Allem das Ge— woge der sich hierhin und dorthin wendenden Käufer. Wie oft hat . 210. er als Knabe von demselben Fenster das bunte Treiben beobachtet — und jetzt ist er ein alter Mann. Warum hat er es vergessen, warum sich Rechte der Jugend anmaßen wollen. Ein Klopfen weckte ihn aus seinem Sinnen. „Herein.“ Er wandte sich um, Herr Kühlwetter trat über die Schwelle. Die Mittagsstunde sei gekommen, er habe indeß nicht gewagt, das Komtoir zu schließen, bevor er Herrn Heddenheim gefragt, ob er befehle, daß ihm das gesammte Personal vorgestellt werde. „Ich danke Ihnen, lieber Kühlwetter,“ erwiderte Herr Hedden— heim,„lassen Sie mir heute noch Zeit, mich hier im Hause einzu⸗ richten, ich bin auch ermüdet von der Reise, morgen komme ich dann in's Komtoir.“ Die freundliche Miene und der Händedruck, welche diese Worte begleiteten, ermuthigten Herrn Kühlwetter. Die Neugier war zu groß, vielleicht ließ sich doch etwas erfahren. „Ja, ja, eine solche Reise ist sehr ermüdend,“ sagte er,„wenn man so in einer Tour eine weite Strecke fährt, die ganze Nacht hindurch, das rüttelt und schüttelt, ich bedaure sehr.“ „Ich bin es gewöhnt,“ versetzte Heddenheim,„Sie wissen, ich bin weit gereist, zu Wasser und zu Lande, und die Anstrengung ist für mich nicht groß. Ich wünsche nur, mich heute zunächst in meinem alten Hause umzusehen und einzurichten.“ Herr Kühlwetter hüstelte leise, dann fragte er:„Sie sind ganz allein gekommen?“ „Natürlich.“ Es war nur ein Wort, aber der Ton, in dem es gesprochen wurde, richtete plötzlich die Scheidewand zwischen dem Herrn und seinem Untergebenen auf, Haltung und Miene Hedden— heim's belehrten Herrn Kühlwetter deutlich, daß er keine weitere Frage wagen dürfe. Er verbeugte sich, und bat um Entschuldigung, daß er gestört habe. „Sie hören morgen Weiteres von mir,“ lautete die Erwiderung, dann war Kühlwetter entlassen. Heddenheim blieb einen Augenblick nachdenklich stehen; diese Frage des alten Kühlwetter hatte ihn belehrt, daß doch etwas von Gerüchten über ihn in die Heimath gedrungen war. Sie mußten zum Schweigen gebracht werden, nichts in seinem Wesen durfte verrathen, was er erlebt. Selbstbeherrschung also, um jeden Preis. Er schellte und befahl dem eintretenden Diener, für ein Früh— stück zu sorgen. Im Hause werde wahrscheinlich nichts bereit sein, dann sollte es aus dem nächsten guten Restaurant geholt werden. „Ein Beefsteak oder dergleichen,“ sagte er,„nur schnell.“ Nachdem er gefrühstückt, ging er durch die Räume des Hauses, ließ Verschiedenes in den Zimmern ordnen und aufstellen, schrieb einige Briefe und trat dann doch am Nachmittag noch in das Komtoir, sprach mit Herrn Kühlwetter und dem ältesten Kommis und ver— hieß dann für den nächsten Vormittag seine Wiederkehr zur Durch— sicht der Bücher und Uebergabe des Geschäfts. Man sah, es han— delte sich um ein dauerndes Bleiben, nicht nur um einen zeitweiligen Besuch in der Heimath. Am Abend hatte er noch einige Briefe nach London geschrieben, er war so urplötzlich abgereist, daß die Ordnung seiner dortigen An— gelegenheiten schriftlich besorgt werden mußte. Die Briefe waren dem Diener zur Beförderung übergeben und nun lehnte er sich in den Stuhl zurück und schloß die Augen. Er hatte in dem Augen— blick, als er den Entschluß faßte, London zu verlassen, mit der Ver— gangenheit abgerechnet, nun aber, in den alten Räumen, die mit unzähligen Kindheits- und Jugenderinnerungen auf ihn eindrangen, überkam es ihn noch einmal mit Zorn und Schmerz. II Er hatte früh die Mutter verloren und unter dem Einfluß eines, nur dem Geschäft lebenden Vaters, ohne Geschwister, eine ziemlich freudlose Jugend verlebt. In den Jahren, in denen an— dere Knaben noch den Kopf voll fröhlicher Spiele haben, dachte er schon an die Pflichten, die ihm dereinst obliegen würden und war erfüllt von kaufmännischen Interessen, die sein Vater durch Mit— seiner Thätigkeit, die ihn interessirte und vergaß darüber die Freuden und Genüsse der Jugend, die er sich nur nebenher hier und da einmal gönnte. Mit 21 Jahren schickte ihn der Vater auf Reisen. Er ging nach Rußland, Frankreich, England, endlich nach Amerika; so lernte er die Welt kennen, doch sah er zumeist Alles nur mit dem Auge des Kaufmanns, benutzte die Jahre vor Allem, um als solcher neue und erweiterte Anschauungen zu gewinnen. Sein Vater war entzückt darüber und lobte den Eifer und das Talent seines Sohnes, die auch der Handlung förderlich wurden. So war er denn auch vollständig damit einverstanden, als Gustav schließlich den Wunsch äußerte, sich in London niederzulassen und dort eine mit der Handlung in D. in Verbindung stehende zweite zu gründen. Die Herren Heddenheim, Vater und Sohn, waren keine Gefühlsmenschen und so kam bei diesem Entschluß der Ge— danke einer dauernden Trennung und der Vereinsamung des all— mälig alternden Mannes nicht in Betracht. Die Einrichtung erwies sich als durchaus vortheilhaft und die Handelsverbindungen erweiterten sich in der Art, daß die Firma F. R. Heddenheim nicht nur zu den bedeutendsten D.'s zählte, son— dern einen weithin geachteten Klang in der ganzen Handelswelt ge— wann. Erst nachdem wieder eine Reihe von Jahren verflossen war, fiel es dem älteren Herrn Heddenheim ein, wie eigenthümlich es sei, daß sein Sohn noch nicht geheirathet habe. Er schrieb in diesem Sinne an ihn und machte ihn darauf aufmerksam, daß schon im Juteresse der Aufrechthaltung ihres Hauses und ihrer Firma eine Eheschließung dringend nothwendig sei. Zum ersten Mal stieß er auf eine entgegengesetzte Anschauung bei seinem Sohn.„Wenn ich auch bisher mich in meinem unverehelichten Stande durchaus wohl gefühlt habe,“ schrieb er,„so würde ich doch nicht abgeneigt sein, mich, zumal es auch Deinem Wunsche entspricht, zu vermählen, wenn ich ein Mädchen kennen lernte, für das ich Liebe empfinde. Die Ehe ist nach meiner Ansicht, ein zu wichtiger Akt, um eine bloße Convenienzheirath zu schließen und ich würde es für ein Un— glück halten, mit einem weiblichen Wesen für das ganze Leben zum innigsten Verein verbunden zu sein, wenn nicht das überwältigende Gefühl, das die Dichter Liebe nennen, mich mit demselben zusammen— geführt hätte. Bisher habe ich dasselbe noch nicht kennen gelernt, da ich hier und da einen flüchtigen Sinnenrausch nicht dafür zu nehmen vermochte und so fange ich an, daran zu zweifeln, daß ich desselben überhaupt fähig bin. Der Mangel eines Erben läßt sich ja durch die Adoption eines jungen Menschen ersetzen, deren es ja sogar in unserer Verwandtschaft geeignete geben muß. Sei ver⸗ sichert, daß auch mir die Erhaltung unseres Hauses am Herzen liegt und ich dereinst— wenn es nothwendig sein sollte— die geeig— neten Schritte nicht versäumen werde. Ich habe mich so ausführlich ausgesprochen, weil Dir die Sache wichtig zu sein scheint, und ich also meinte, Dich darüber orientiren zu müssen, daß ich eine Zweck— mäßigkeitsehe niemals schließen werde.“ So außerordentlich dieser Brief Herrn Heddenheim überraschte, da er seinen klaren, kühlen Sohn niemals idealistischer Anschauungen in diesem einen Punkt für fähig gehalten hätte, so kannte er doch Gustav's energischen Charakter zu gut, um eine weitere Beein— flussung zu versuchen, die voraussichtlich nur die entgegengesetzte Wir— kung haben würde. Er ermahnte ihn nur, sich weniger ausschließlich seinem Geschäft zu widmen und mehr die Gelegenheiten aufzusuchen, bei denen er die Bekanntschaften junger Damen machen könne. „Eine solche reiche, schöne, blondhaarige Miß würde gerade die rechte Frau für Dich sein und eine Schwiegertochter, wie ich sie mir wünsche,“ schloß er seinen Brief. Doch sie fand sich nicht; Gustav blieb unvermählt. Freilich befolgte er auch den väterlichen Rath nicht, da er im Ganzen wenig Lust verspürte, sein behagliches Junggesellenleben aufzugeben. Ohne Liebe wollte er nicht heirathen, doch sehnte er sich eben nicht nach den Emotionen dieses Gefühls und pries sich glücklich ob seiner Kaltherzigkeit, die er für unzerstörbar hielt— war er doch 42 Jahre alt geworden, was könnte ihm da die Liebe noch anhaben! Da geschah es, daß der Vertreter eines Pariser Handlungs— hauses, mit dem er seit lange in Geschäftsverbindung stand, nach theilungen und Gespräche zu wecken und zu fördern suchte. Er ver- London herüberkam. Er sah sich genöthigt, mit dem jungen, lebens— ließ früh die Schule, um in das Geschäft einzutreten; sein Vater lustigen Mann allerlei Zerstreuungen mitzumachen, denen er sonst meinte, die praktische Thätigkeit sei für einen Kaufmann nützlicher fern zu bleiben pflegte. Sie hatten eben gemeinschaftlich in Hedden— als auf der Schulbank zu sitzen, nur in Sprachen empfing er neben— her noch tüchtigen Unterricht. Er widmete sich mit glühendem Eifer heims Wohnung das lunch eingenommen und dieser fragte höflich, so überdrüssig er selbst der Dinge auch war, welche Pläne man für ig 9 0 1 855 eee n, le. die . ——— 211. heute fassen könne. Herr Renard sprach von Diesem und Jenem und sagte plötzlich:„Eines aber dürfen wir nicht versäumen, wir müssen heute Abend in den Zirkus des Mr. White, um dort Blanche, die Löwenbändigerin, zu sehen.“ „Sie scherzen, Monsieur,“ lächelte Heddenheim,„das ist ein Schauspiel für das Volk.“ „Nein, nein, ich scherze nicht,“ beharrte Herr Renard,„es handelt sich ja nicht um das Schauspiel an sich, sondern nur um Blanche; sie ist ein Engel an Schönheit und von hinreißender Kühn— heit, ich kenne sie von Paris her und freue mich, Sie nun auch meinestheils auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam machen zu können.“ So gingen sie in den Zirkus. Sie kamen eben rechtzeitig zu dem Schauspiel, das sie hergeführt. Kaum hatten sie ihre Plätze eingenommen, als auch schon Blanche mit ruhigem Schritt herein— kam. Mr. White öffnete den Käfig des Löwen und sie trat in den— selben ein. Es wiederholten sich nun die bei solchen Gelegenheiten üblichen Vorführungen, welche auf den Geschmack der Menschen an dem Grausigen berechnet sind, und der Löwe gehorchte wie ein Lamm dem Blick des Mädchens und dem Wink ihrer Hand. Herr Renard hatte nicht zu viel gesagt; sie war berückend schön, der Gluthblick der großen Augen, die leicht gebogene Nase, die weichen vollen Lippen, zwischen denen, wie sie sich unwillkürlich zu öffnen schienen, die weißen Zähne hindurchschi. merten, das nachtschwarze Haar, das sich in sanfter Wellenlinie an die weiße Stirn legte und dann im Nacken zu einem griechischen Knoten aufgebunden war, die im herr— lichsten Ebenmaaß gebildete Gestalt und die üppigen Formen, welche das enganschließende Sammetmieder mehr hervorhob als verhüllte, alles vereinigte sich zu einem Bilde von unvergleichliche Schönheit. Heddenheim fühlte sich wie gebannt; was ihm noch nie geschehen, begegnete ihm heute; er war berauscht, hingerissen von weiblicher Schoͤnheit. Er konnte den Blick nicht abwenden, und eine namen⸗ lose Angst erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß dieses herrliche Weib eine Beute des Löwen werden könne, er sah diesen weißen Arm, diesen blendenden Hals, diesen schönen Busen von Blut überströmt, er schloß einen Moment die Augen; als er sie dann, tief aufathmend, wieder öffnete, wies sie den Löwen mit einer Handbewegung von sich, er zog sich in die hintere Ecke des Käfigs zurück, Mr. White öffnete die Thür desselben und sie trat heraus. Eine Beifallssalve überschüttete das junge Mädchen, sie dankte lächelnd und schritt mit derselben königlichen Grazie, mit der sie gekommen, hinaus. „Nicht wahr, diese Blanche ist ein Götterweib,“ fragte Herr Renard Heddenheim. „Ja, sie ist schön,“ entgegnete dieser kühl, in einem ihm selbst unverständlichen Verlangen, es seinem Nachbar zu verbergen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht. „Ganz Paris sprach von ihr,“ fuhr Herr Renard fort,„und die Männer lagen zu ihren Füßen.“ „Ah!“ entschlüpfte es unwillkürlich den Lippen Heddenheims. „Wundert Sie das?“ lachte Herr Renard;„o, wir Pariser sind sehr empfänglich für Schönheit, und diese— Künstlerinnen sind nicht prüde. Wollen wir gehen? Was weiter folgt, ist ja nur der Rahmen für das schöne Bild Blanche!“ Heddenheim erhob sich stumm. „Sie sehen blaß aus,“ fuhr Herr Renard fort. „Es war ein aufregendes Schauspiel,“ sagte Heddenheim. „O, sehen Sie es erst ein Dutzend Mal wie ich,“ erwiderte der Andere,„und es läßt Sie kühl.“ Als sie in die Vorhalle des Zirkus traten, stand an einen Pfeiler gelehnt, neben Mr. Pierre, dessen Kunststücke am Trapez die Vor⸗ stellung beenden sollten, Blanche. Heddenheim meinte, sie sähe bleich und erschöpft aus und scheine auf die Worte des eifrig sprechenden Gefährten nicht zu achten. Als sie bei ihr vorüber⸗ gingen, sagte Herr Renard:„Sie sind noch reizender geworden, seit ich Sie zuletzt in Paris sah, schöne Blanche, ein Blick Ihrer schönen Augen und ich liege zu Ihren Füßen, wie die Bestie dort im Käfig.“ Blanche hob, ohne zu antworten, mit einer verächtlichen Be⸗ wegung die Schultern. „Sie wollen mir diesen Blick nicht gönnen, Schönste,“ fuhr Renard fort,„so reichen Sie mir wenigstens die Hand, zum Zeichen, daß Sie das unvergleichliche Paris nicht vergessen haben.“ Heddenheim dünkte die Scene unerträglich, er hätte fort mögen und vermochte doch das Auge nicht von der schönen Gestalt loszu— reißen. Sie hob langsam die Hand, Renard ergriff sie und drückte einen raschen Kuß auf den weißen Arm. Hatte sie Heddenheims heißen Blick oder sein momentanes Zusammenzucken bemerkt, genug, ihr Auge hing unterdeß unverwandt an dem seinen. „Wie stolz sie zu thun versteht, wahrhaft königlich,“ warf Re— nard im Weitergehen hin, ohne zu bemerken, daß Heddenheim sich noch einmal umwandte. Auch Blanche's Auge war ihm gefolgt, und noch einen Moment ruhten ihre Blicke voll in einander. Heddenheim empfand eine lebhafte Befriedigung darüber, daß Renard schon morgen London verließ und während der Abendstunden, die er noch mit ihm zusammen war, sah er fortgesetzt das Bild des schönen Weibes, den Gluthblick des dunkeln Auges, dem er be— gegnet war, vor sich. Am nächsten Morgen lächelte er über seine gestrige Erregung— er wollte Blanche nicht wiedersehen; dessen ungeachtet befand er sich am Abend im Zirkus. Dieselbe peinvolle Aufregung ergriff ihn während der Scene im Löwenkäfig und doch hätte ihre kalte Sicherheit ihn beruhigen können. Als sie unter dem stürmischen Beifall des Publikums den Raum verlassen hatte, folgte ihr Heddenheim wie gestern und wie gestern stand sie draußen an den Pfeiler gelehnt und— er täuschte sich nicht — grüßte ihn mit einem Lächeln. Er glaubte nie etwas Reizenderes gesehen zu haben als das Lächeln dieser schwellenden Lippen! Heute redete er sie an und ihm antwortete sie freundlich, mit einem un⸗ aussprechlichen Blick dieser nachtschwarzen Augen und als sie ihm zum Abschied die Hand reichte, lächelte sie wieder so schalkhaft, als wolle sie fragen: weißt Du nicht, was der Andere gestern that? Und als dann wirklich seine Lippen den schönen Arm berührten, fühlte er einen Druck ihrer Hand. Morgen kam er wieder, und dann übermorgen und am vierten und fünften Tage. Blanche's Augen suchten und grüßten ihn bereits bei ihrem Eintritt und jeden Tag fühlte er sich mehr in den Banden ihrer Schönheit! Eine Woche war so vergangen; er hatte sich bereits an das grausame Schauspiel gewöhnt und dachte, wenn er Blanche im Löwenkäfig sah, nur noch an ihre Schönheit und an die Augen— blicke nach der Vorstellung im Vorraum des Zirkus, denn noch hatte er sie nur da gesprochen. Da geschah das, was er in den ersten Tagen mit Schauder gefürchtet hatte, der Löwe gehorchte ihrem Blick nicht, vielleicht daß sie ihn einen Moment von ihm abgewandt, vielleicht auch nur in Gedanken nicht fest auf ihre Aufgabe ge— richtet, genug er stürzte auf sie zu und seine gewaltige Tatze lag auf ihrer entblößten Schulter. Mr. White, der niemals den Platz neben dem Käfig verließ, stürzte hinein, die Peitsche sauste über dem Haupt des Thieres, ein gewaltiges Brüllen, noch ein Peitschen⸗ schlag, das Thier duckte sich vor seinem Meister, er schleppte Blanche heraus, die ohnmächtig in seinen Armen lag, während das Blut langsam von der weißen Schulter herabsickerte. Alles hatte nur einen Moment gewährt, doch lange genug, um Heddenheim in wahn— sinniger Angst und leidenschaftlichem Schmerz erbeben zu lassen. Er hatte sich durch die aufgeregte Menge Bahn gemacht und noch bevor man Blanche auf ein improvisirtes Lager in der kleinen Garderobe gebettet hatte, stand er bleich und erregt neben ihr. „Sie lebt?“ fragte er stotternd M. White. „O, die Verletzung ist eine ganz unbedeutende“, versicherte dieser,„vielleicht mehr durch meine Peitsche, die sie mittreffen mußte, als durch den Löwen hervorgebracht, eine kleine Wunde, etwas Anschwellung, weiter nichts.“ „Ist nach einem Arzt geschickt?“ fragte er weiter. M. White bejahte. Noch ehe derselbe kam, schlug Blanche die Augen auf und ihr Blick fiel auf Heddenheim.„Ach Sie!“ flüsterte sie und streckte ihm die Hand entgegen. 5 Er ergriff sie und bedeckte sie mit seinen Küssen, ohne der sie Umgebenden zu achten.„Gottlob daß Sie leben, Blanche!“ Sie lächelte. Der Haarknoten in ihrem Nacken hatte sich ge— löst und als sie den Kopf bewegte, rieselte die schwarze Haarwelle über Schulter und Brust herab. Er strich leise über dies seiden— weiche Gelock und drückte es dann an seine Lippen. Der Arzt kam und erklärte, daß die Wunde ungefährlich sei, aber doch einen Verband bedürfe. Heddenheim bat Mr. White, da— für zu sorgen, daß Alles zu Blanche's Pflege und Bequemlichkeit ge— schähe, die Kosten werde er tragen. Er hatte die Nacht kaum geschlafen, war immer wieder aus wilden und blutigen Träumen aufgefahren; am Morgen ging er zu 6 — ͤ——— ..... v— . a Blanche und erfuhr, daß sie ein wenig fiebere und Niemand sehen dürfe. So ließ er nur den Strauß kostbarer Blumen zurück, den er für sie mitgenommen. Auch an den beiden folgenden Tagen brachte er ihr Blumen, aber erst am vierten durfte er sie ihr selbst geben. Wie er in ihr Zimmer trat und sie, noch ein wenig bleich, aber in dem ganzen Zauber ihrer berauschenden Schönheit vor sich sah, wie sie sich aus ihrer halb liegenden Stellung erhob und sagte: „Endlich kann ich Sie sehen und Ihnen danken, da war es um seine Besonnenheit geschehen.„Geliebte Blanche!“ war Alles, was er zu sagen vermochte, er zog sie in seine Arme und sie ruhte widerstandslos an seiner Brust und gab seine heißen und leiden— schaftlichen Küsse ebenso zurück. 5 Die nächsten Tage vergingen Heddenheim in dem Rausch eines Glückes, das er bis dahin nicht geahnt. Er verstand sich selbst nicht, er, der reiche Mann, der sich bisher mit seinen 42 Jahren „aber Deine Augen thaten es mir schon am ersten Tage an, da wußte ich, was noch nie geschehen, wird jetzt kommen, den Mann wirst du lieben.“ „So hast Du wirklich nie geliebt?“ fragte er. „Nie.“ „Renard sprach doch davon, daß in Paris—“ „Ach, die Männer haben mich immer schön gefunden, wie sollten sie nicht, ich bin's ja auch,“ entgegnete sie unbefangen,„und ich habe es mir gefallen lassen, es war das Einzige, was das erbärm— liche Leben erträglich machte, daß überall die Männer mir schmei⸗ chelten und mir schöne Geschenke machten, weiter nichts,“ sagte Blanche. Eine wilde Eifersucht flammte in ihm auf. „Blanche!“ rief er wie in Zorn und Angst. „Was ist denn— sie waren mir ja Alle, Alle, so gleichgiltig Das arme Püppchen Mit hölzernem Köpflein, für alt gehalten, dessen kühler, klarer Kopf stets über sein Herz und seine Phantasie geherrscht hatte, sah sich plötzlich von einer Leidenschaft erfaßt, die stärker war als er selbst und die, das fühlte er, nichts gemein hatte mit jenem flüchtigen Sinnenrausch, in den ihn auch wohl früher schon einmal weibliche Schönheit versetzt hatte. Und dieses Weib, das er so heiß und namenlos liebte, stand nach Geburt, nach Bildung, in Allem und Allem tief unter ihm, er mußte sogar, nicht nur nach der Umgebung, in der er sie gefunden, sondern auch nach Renards Aeußerungen, ihre sittliche Reinheit an— zweifeln— und dennoch, dennoch!! Weshalb wollte er sich selbst mit solchen Gedanken quälen, weshalb nicht dies späte Jugendglück, das sich ihm so plötzlich und so berauschend geboten, sorglos ge— nießen, es zählte ja doch nur nach Tagen, denn wie lange konnte es dauern und Mr. White verließ mit seiner Gesellschaft London. Hätte er selbst auch die Kraft zu kühlerer Ueberlegung gewonnen, Blanche hätte ihn immer wieder in den Zauberkreis zu bannen ge⸗ wußt, in den sie ihn hineingezogen. Wie beseligend klangen ihm die Worte des Glücks und der Liebe von ihren Lippen. „Bis ich Dich sah, wußte ich nicht, was Liebe heißt“, sagte sie, Gieb ihm ein Süppchen Aus irdenem Töpflein. geliebt habe ich nur Dich, heiß, brennend, über Alles!“ Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn. „Und doch, Blanche, Du kennst mich noch nicht, ich könnte ein Othello werden.“ „Das ist der wüthende Mohr, der sein Weib mordet, nicht wahr?“ fragte sie.„Ich sah einmal irgendwo das Stück. Gut, tödte mich, wenn Du mich nur liebst, besser von Deiner Hand zu sterben, als von dem Löwen zerrissen werden, was alle Tage ge— schehen kann.“ „Um Gotteswillen, meine Blanche!“ Er preßte sie an sich, als ob er sie vor der wilden Bestie schützen wolle. „Wie haben Deine Eltern Dich diesem grausamen Beruf über— lassen können, es dulden, daß dies schöne, geliebte Leben sich jeden Tag der Gefahr preisgiebt.“ „Meine Eltern?“ lachte sie.„Bei uns ist es nicht wie bei Euch vornehmen Leuten! Bei uns kümmern sich die Eltern nicht um ihre Kinder und die Kinder wissen kaum den Namen ihrer Eltern.“ „Auch Du nicht, Blanche?“ F ⏑ S 2 — 213 ng icht ul, and „Meine Mutter nannten sie die schöne Marianne, wer mein Vater war—“ sie zuckte die Achseln,„ich weiß es nicht. Ich bin Blanche, einen anderen Namen habe ich nie gehabt.“ „Und Deine Mutter?“ forschte er weiter. „Sie war Kunstreiterin; wir zogen von einer Bande zur andern, ich mußte früh mithelfen, dann wurde meine Mutter alt und häßlich, man konnte sie nicht mehr brauchen, sie blieb irgendwo zurück in einem Armenhause, ich ging mit der Truppe mit, wir haben nicht einmal Abschied von einander genommen.“ „Armes Kind,“ sagte er zärtlich. „Warum davon reden,“ fuhr sie, sich an ihn schmiegend, fort, „das ist Alles garnicht schön, Du siehst, sie hat mich nicht geliebt, ich nicht sie, Du, Du bist der erste Mensch, der mich liebt, den ich liebe, darum wohl ist es so unaussprechlich schön, darum liebe ich Dich so ohn' alle Grenzen!“(Fortsetzung folgt.) An diesen Zepfeln möcht' sich's wohl laben, Die schöne Schale zum Spielen haben. Mutter und Sohn. Novellette von Cordelia, deutsch von Konrad Telmann. J. „Wie sie eitel geworden ist, meine Herrin, das ist in ihrem Alter geradezu unglaublich!“ sagte Marietta, die Kammerzofe der Frau Klara Orlandi, während sie sich vom Fenster aus mit einer ihrer Freundinnen unterhielt, die gerade gegenüber wohnte. „Klag' doch nicht überflüssig,“ erwiderte ihr die Andre.„Ich sage es Dir ja immer, daß Du für die Zeit, wie sie jetzt ist, mit dem Hemde geboren bist und daß bei den Herrschaften, wie sie heute Mode sind, Hopfen und Malz verloren ist. immer noch eins von den besten.“ f. Man muß wissen, daß dieses Zwiegespräch zu Venedig statt. fand, in einer von jenen ganz engen Gäßchen, wo man sich mit denen, die gegenüber wohnen, die Hand reichen kann und wo man sich in aller Bequemlichkeit von einem Balkon bis zum andren zu unterhalten vermag, ohne die Stimme sonderlich anstrengen zu müssen. „Wenn Du wüßtest, welche Geduld ich mit dieser Frau Klara haben muß!“ fügte Marietta hinzu,„man muß es sehen, um es zu glauben. Stelle Dir vor, daß sie den ganzen Morgen vor dem Spiegel sich striegelt und schniegelt, und wehe, wenn das Kleid ihr nicht wie angegossen sitzt, wenn ihr ein graues Haar irgendwo herausguckt oder wenn die Unterröcke nicht gehörig gestärkt sind! Und mich läßt sie mit diesen Narretheien meine ganze Zeit verlieren, sodaß ich nicht ein einziges Mal frei aufathmen kann, um im Laufe des Tages einmal hierher zu kommen, und die Leute zu betrachten, die vorübergehen, oder mit Dir ein Dutzend Worte zu schwatzen.“ „Und über etwas so Geringfügiges beklagst Du Dich? Wenn Du doch Frau Katharina ein bischen näher kenntest! Ich kann Dir nur sagen, daß Du es da nicht einen Tag aushalten würdest. Ja, wenn ich nur erst eine bessere Stelle gefunden habe, dann laß ich sie schönstens grüßen. Nimm doch einmal an, daß sie den ganzen Haus Orlandi ist Tag nichts thut, als brummen, und daß sie niemals mit irgend Doch wenn sich's auch den Kopf zerbricht: „Die kriegt es nicht! Die kriegt es nicht!“ etwas zufrieden ist. Dabei ist sie von einem ganz außerordentlichen Geiz, sie mißt den Kaffee, sogar das Brod, das sie ißt, und dann hat sie die Dreistigkeit, ein Kleid sich selbst vier- oder fünfmal umändern zu lassen. So ist keine Gefahr vorhanden, daß sie Einem irgend einmal etwas schenkt, kurz, sie ist von einer Knickrigkeit, vor dem Einem ekeln möchte. Aber ich will jetzt gehen, liebe Marietta, also, wenn Du von irgend einer guten Familie hörst, die nach einer Kammerzofe sucht, so rede mir das Wort.“ „Sehr gern, aber heutigen Tages sind die guten Herrschaften so rar, wie weiße Fliegen. Hör' nur, hör, wie es schellt, als wär' es der jüngste Tag. Ich komme, ich komme, Signora,“ sagte sie, sich dem Innern des Zimmers zuwendend.„Auf Wiedersehen, Brigida, ich komme gleich wieder, ich sehe schon, daß es der junge Herr ist, der etwas wünscht. Wenn der im Hause ist, ist die Glocke immer in Bewegung. Wenn ich noch einmal wieder geboren werde, möcht' ich entweder Herrschaft sein oder nichts!“ Und mit diesen Worten entschlüpfte sie ins Haus. 5 FREE 1 214. II. Trotz der Behauptungen ihrer Kammerzofe war Frau Klara nicht im Geringsten eitel und hatte diesen Fehler auch niemals ge⸗ habt; und doch war ihre Schönheit die Bewunderung Aller gewesen. Als Kind erschien sie wie ein kleiner Amor mit ihren zwei schönen, dunklen, großen Augen und ihren kastanienbraunen Löckchen, die ihr über die Stirn hereinfielen; als junges Mädchen ähnelte sie einer eben erschlossenen Rose, als Frau war sie eine Göttin. Sie hatte ihre Schönheit mit der größten Gleichgültigkeit getragen, von Kind auf war sie daran gewöhnt, von sich sagen zu hören, sie sei schön; man hatte es ihr in allen Tonarten gesungen, sodaß es ihr als das Natürlichste in der ganzen Welt erschien, und für sie keine Bedeutung mehr hatte. Sie wußte, daß das Kleid ihrer Schönheit nichts geben und nichts nehmen konnte, deshalb kleidete sie sich mit der größten Einfachheit und widmete niemals lange Stunden dem Spiegel. In ihrem jungfräulichen Alter hatte sie eine Welt von Anbetern, aber sie erwärmte sich für Keinen und heirathete endlich den, der am meisten nach dem Geschmack ihrer Familie war: den Advokaten Orlandi. Sie ließ sich von ihrem Gatten lieben, wie sie sich von ihren Eltern hatte liebkosen und von ihren Freunden loben lassen, aber ohne Erregung, ohne Leidenschaft von ihrer Seite, sie war gut, folgsam, zärtlich, aber nichts mehr. Es schien, daß ihr statt des Blutes Eiswasser durch die Adern rann, aber in ihrem Herzen gab es ein verborgenes Feuer, wie zwischen den Eingeweiden eines Vulkans und wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, um mächtiger als je hervorzubrechen. Und die Gelegenheit fand sich bei der Geburt eines Sohnes. Er war wie die Lunte, welche die Mine springen läßt; Frau Klara erschien verwandelt und begann ihren Mario mit einer heißen, überschwänglichen, erhabenen Liebe zu umfassen. Zuerst wurde sie selbst zum Kinde, um mit ihrem Sohne zu spielen, sie erfand tausend Spiele, um ihn zu unterhalten, sie redete in einer halb kindischen Sprache, damit er sie nur verstand, lief, sprang auf und war ganz wieder wie ein Kind. Sie hatte sich ein Ideal der Art, wie sie ihren Sohn erziehen wollte, gebildet, sie wollte seine Freundin, seine Genossin, Alles für ihn sein. Zu ihrer Zeit lag die Frauenerziehung noch etwas im Argen; sie hatte deshalb alles Nöthige gelernt, um einen Brief ohne zuviel grammatische und orthographische Fehler schreiben zu können, sie wußte von Geschichte soviel, als sie aus den Kompendien des Herrn Lamé Fleury hatte lernen können, und schwatzte einige Brocken fran— zösisch; aber als ihr Mario nun größer wurde, begann sie wieder Grammatik, Geschichte, Literatur zu lernen, nahm Unterricht in den fremden Sprachen, kurz: wurde ein kleiner Schüler, und Alles das aus Liebe für den Sohn, um ihm bei seinen Aufgaben helfen zu können, um ihm etwas beizubringen, und endlich um nicht in seiner Gegenwart erröthen zu müssen und von ihm auch geachtet zu werden. Bis zu einem gewissen Punkte gelang ihr das zum Verwundern, aber als Mario anfing, die höheren Schulen zu besuchen, da sein Vater wollte, daß er sich der Mathematik widme, und sagte, daß dies die Wissenschaft des Fortschritts sei, stieß Frau Klara auf be— deutsame Klippen. So viele Anstrengungen sie auch machte, so ge— duldig sie auch den Unterrichtsstunden ihres Sohnes beiwohnte, es war keine Möglichkeit für sie vorhanden, um sich mitten in diesem Labyrinth von Zeichen und Ziffern zurechtzufinden, so daß sie immer die Mathematik als die schwierigste Wissenschaft betrachtete; und wenn es ihr nicht gelang, irgend etwas gut zu verstehen, so pflegte sie allezeit zu sagen: das ist gerade wie die Mathematik, davon kann man auch keinen Buchstaben begreifen! Mario war noch nicht fünfzehn Jahre alt, als sein Vater starb und man kann sagen, daß Frau Klara seit jenem Tage dem Sohn auch noch jenes Etwas von Neigung widmete, das sie für ihren Gatten gehegt hatte, und daß nunmehr eine Ueberschwänglichkeit daraus wurde. Von jetzt an lebte sie nur noch für den Sohn, sah nur noch durch seine Augen, und ihr Herz schlug nur noch für ihn. Das Wunderbarste war, daß sie ihn mit all' dieser außerordentlichen Liebe keineswegs verdarb. Sie wollte vor allem Andern nur sein Bestes, sie machte sogar übermenschliche Anstrengungen, um ihn nicht in Allem und durch Alles zu befriedigen, manches Mal weinte sie darüber, ihm irgend etwas abschlagen zu müssen, sie fühlte, daß ihr das Herz brach bei den Thränen ihres Sohnes, aber sie blieb hart. So wuchs Mario heran, gut, fleißig, gehorsam und ganz Liebe für die Mutter. ö N In dem Zeitraum unserer Erzählung war er bereits Ingenieur und er war ein schöner junger Mann mit großem Bart. Frau Klara dagegen, obgleich sie sich immer noch als schöne Frau kon⸗ servirte, begann an Frische des Aussehens zu verlieren und gewahrte bereits einige Silberhaare an den Schläfen hervorschimmern, und einige kleine Runzeln sich auf ihre Stirn zeichnen. Es kümmerte sie wenig, daß die Jahre vergingen und mit ihnen ihre Schönheit, sie bedauerte es nur um deshalb, weil sie fürchtete, daß, wenn die Entfernung zwischen ihr und ihrem Sohn zu groß erschiene, dieser sie auch nicht mehr als seine Freundin und Genossin betrachten würde und die Hochachtung und Verehrung für ihre weißen Haare der Zärtlichkeit und dem Vertrauen Eintrag thun werde. Und wären nun zum Wenigsten ihre Haare alle auf ein Mal weiß geworden, — die Empfindung, die ein weißer Kopf einflößt, hat immer etwas Erhebendes; aber bevor man dorthin gelangte, mußte man durch alle die antipathischen Färbungen von eisengrau, bleigrau und silber⸗ grau passiren, und das war's gerade, was Frau Klara zu denken gab, die sich vor ihrer Seele alle die Megären mit grauen Haaren heraufbeschwor und fürchtete, ihrem Sohn nicht mehr zu gefallen. Das war's, weshalb sie, kaum daß sie die Silberfäden gewahrte, anfing, etpas mehr auf ihre Haartracht zu geben, um sie nicht sehen zu lassen; sie wollte kein Haarfärbemittel anwenden, da sie wußte, daß dieselben häufig für die Gesundheit schädlich seien, und wenn sie ein graues Haar hervorschimmern sah, begnügte sie sich damit, über dasselbe einen Schatten von schwarzem Rauch und etwas Oel hinstreichen zu lassen; auch auf ihren Anzug verwandte sie größere Sorgfalt, seitdem sie sich mit ihrer Jugend und Schönheit nicht mehr so hervorthun konnte; ihre Zofe sagte, daß sie jeden Tag eitler werde, aber statt dessen bewirkte es nur die Liebe zu ihrem Sohne, daß sie sich in etwas übertriebener Weise mit ihrem Anzug beschäftigte. Sie wollte um jeden Preis, daß ihr Mario stolz auf sie sei, wie sie es auf ihn war, sie hatte die sichere Ueberzeugung, daß junge Leute nur die jugendlichen Gesichter, die eleganten Kleider und die lächelnden Mienen lieben; das war's, weshalb sie sich elegant, jung und lächelnd zu erhalten suchte, und mit etwas Sorgfalt gelang ihr das auch in solchem Maße, daß ihr Sohn zu sagen pflegte, die seinige sei die schönste und liebste Mama auf der ganzen Welt. (Fortsetzung folgt.) Kleine Irauen-Zeitung. Die Mode. Niemals hat die Mode sich vielseitiger gezeigt, als in diesem Sommer! Das ist ein Ausspruch, den man mit mehr oder weniger Varianten fast in jeder Saison wiederholt. Und doch hat er stets seine Berechtigung. Denn die Auswahl in sämmtlichen Gegenständen der Toilette übersteigt regel— mäßig die der vorhergehenden Jahreszeit an Reichthum. Durch diese Verschiedenartigkeit von Stoffen und Formen, welche also die moderne Kleidung mit sich bringt, ist die Mode Gemeingut aller Frauen geworden, und jede Dame kann ohne große Kosten Dasjenige für 5 aus⸗ wählen, was ihr am besten gefällt, ihr am besten steht, zumal die Moden des vergangenen Jahres mit wenig Ausnahmen diejenigen von heute sind. Denn die Veränderungen machen sich mehr in den Garnituren, überhaupt in den kleineren Details fühl- und sichtbar, aber keineswegs in dem En— semble der Toilette. Wenn wir die Moden, welche für diesen Sommer festgesetzt, überblicken, werden wir jenen Eingang gerechtfertigt finden. Sie sind einfach bescheiden, einfach elegant, luxuriös, excentrisch, ganz nach Belieben. ir sehen Dra⸗ perien und Stickereien auf mehr faltenlosen Röcken,— Draperien und abermals Draperien in Form eines oberen Rockes oder eines langen, vaguen Tunika⸗Arrangements auf flatternden Röcken mit breitem Saum oder auf lang und breit gefalteten Röcken, kurz geschürzte und bauschige Tunikas, lange Polonaisen und lange russische Blousen, knappanliegende Staatsroben, Renaissance, mit Perlen- und erhabenen Seiden⸗Stickereien bedeckt,— Kleider Directoire mit breitem Gürtel,— Schnebbentaillen, geöffnet über einem bauschigen, gefältelten oder glatten Plastron aus abstechendem Stoff, — bauschige und gefältelte Chemisetts aus weichem Surah, Foulard oder Batist mit Gürtel und darüber ein offnes Jäckchen, ziemlich lang und zu—⸗ rückweichend oder verkürzt und gerade bis zum Gürtel gehend und eckig,— drapirte und kraus gezogene Schnebbenleibchen, Blousen, hin und wieder auch Amazonen- und richtige Jaquettleibchen, und zu Abendfestlichkeiten in den Casinos oder zu Gesellschaften: herzförmig geöffnete Schnebbenleibchen mit Draperie-Fichü aus Spitzen, Seidentüll, Krepp oder Gaze, und hohe Leibchen mit sehr eleganten bauschigen Plastrons nebst Stehkragen aus 0 6 e eee fur au on. le ind erte eit, die er ide der ren en, bas lch ber⸗ en fen len. lte, icht sie und f was sie heit den iebe mit daß die fer, 8, und ihr Auma mer! st in denn gel- also auen aus⸗ oden sind. but En. ien, den, Drg⸗ und gen g auf lkas, oben, lber 5toff, oder 0 zu bn eiten chen 10 au e eee eee 215.. gesticktem Crépe lisse oder aus Krepp, überschüttet mit wogenden Perlen— gehängen und umflattert von zierlichen Schleifen. Ich will nicht noch einmal die ganze Reihenfolge der modernen Sommer— kleider-Stoffe hier aufzählen; sie werden meinen Leserinnen aus früheren Berichten bekannt sein, und so möchte ich nur deren einzelne, diejenigen, welche die meisten Erfolge haben, herausgreifen. Zu diesen gehören die Seidenfoulards und die leichten, seidig-glänzenden Spitzen- oder Guipüre— stoffe aus Mohairwolle. Freilich erfordern letztere, wenn sie, in schönem, dichtem Gewebe, ihre Eleganz bewahren sollen, ein seidenes Unterkleid und seidenes Taillenfutter: Requisiten, welche übrigens die meisten Durchbruchs— stoffe beanspruchen. Doch will ich hiermit nicht etwa den bescheidenen Geschmack stutzig machen: eine Unterlage von Satinette hilft in manchen Fällen auch aus der Verlegenheit. Jeder nach seinem Geschmack und vor Allem nach— seinem Geldbeutel! Am hübschesten und modernsten sind die Kleider aus Spitzenstoffen in Schwarz und in Tabakbraun. Der flatternde Rock erhält, wie oben bereits angeführt, am untern Rande einen handbreiten Saum und darüber lange, wogige Draperien, die durch Band-Verschlin— gungen und Bandschleifen gehalten werden. Kein weiterer Ausputz daran! Nichts von Spitzen, die den Eindruck des Spitzenstoffes stören, das Kleid überladen würden! Es giebt überhaupt keinen beliebteren Schmuck an den Sommertoiletten als Bänder, und besonders sind es die Pikotbänder aus Faille in der Breite von sechs Centimeter, welche man dazu verwendet. Nach ihnen erst kommen die gleich breiten Atlas- und Sammetbänder. Diese wie jene ver— binden die Draperien miteinander, indem sie in Schleifen geschürzt werden, oder sie dienen, in Büschelschleifen oder Rosetten geordnet, zum Aufraffen, oder als Garnitur der linken Seite des Rockes. Meist finden sich dann Schleifen oder Rosetten auf dem Leibchen und den Aermeln wieder. Im Allgemeinen werden die sommerlichen Tageskleider eines einfacheren Gepräges sehr wenig garnirt; was man sonst unter„Garnitur“ verstand, wird für die Luxustoilette reservirt, und, außer den Bändern und den in den Stoff gearbeiteten Stickereien, sieht man das, was man jetzt„Garnitur“ nennt, durch die Mischung der Stoffe vertreten. So schmückt man die einfarbigen Foulardkleider vielfach mit gemustertem Foulard aus: solchem mit kleinen Blumen, noch mehr aber mit Erbsen bedruckt, und das gleiche Genre findet seinen Ausdruck auch in Baumwollenkleidern. Zu den seidenen Foulardtoiletten bereitet man, für die Bäder, kleine Mantelets paysaune Louis XV. aus übereinstimmendem Stoff. Man besetzt sie mit dicken Rüschen aus demselben Gewebe oder mit einem krausgezogenen Volant, eingefaßt mit einfarbigem Foulard in der Nüance der Blümchen oder Erbsen. Ein niedlicher Capüchon mit einem Futter, das dem Einfaßsaum entspricht oder, bei dem Rüschenbesatz, mit einem Futter aus bedrucktem Foulard, vervollständigt das Mäntelchen.— Andere Anzüge werden aus weiß und farbig liniirtem Foulard gefertigt und mit einfarbigem Foulard verziert. Sehr begünstigt sind in Foulards: blauer oder groseille-rother Grund mit weißen Erbsen, grauer Grund mit lila Veilchen, ibisfarbener Grund(ein zartes, gelbliches Rosa) mit braun und grün schattirten Blättchen, moos— grüner und olivengrüner Grund mit ausgestreuten Erdbeeren in den ver⸗ schiedenen Tönen der Grade ihrer Reife. Die purpurrothen und mohnblumenrothen Foulardkleider werden ihre länzende Farbe am Strande oder in anderen fashionablen Badeorten zur schönsten Wirkung bringen. Diese Roben erhalten als Ausputz cremefarbene Spitzen, und dazu gedenkt man eremefarbene, durchbrochene Strohhüte „Braganza“ zu tragen, welche als Garnitur nichts weiter haben als ein Büschel großer Mohnblumen. Ueberhaupt begünstigt man das Roth, wenn auch nicht immer als so „leuchtendes Beispiel“; aber man wählt es gern(in Verbindung mit Roh- gelb und Ficelle: Etamine, Wollenspitzenstoff ꝛc.) zu Unterkleidern, von welchen ein kleines Fußplisse vorsieht, zu Chemisetts, Gürteln, Stehkragen und Aermel Garnituren. Diese Farben-Komposition ist eine sehr glückliche und solide, da weder die Sonne noch die Seeluft ihr etwas anhaben können. Wieder ein anderer Geschmack versucht, Roth und Blau zusammenzu— stellen. So wurde ein in russische Falten gelegter, rother Foulardrock von einer fayence-blauen Tunika begleitet, welche auf den Hüften kokett geschürzt und im Rücken bauschig drapirt war. Ein kurzes, fayencerblaues Jäckchen mit rothem Stehkragen und solchen Aermel-Aufschlägen öffnete sich vorn über einem gefältelten, rothen Chemisett. Das Lila, das zarte, blasse Lila(Ophelien⸗, Heliotrop⸗, Malvenfarbe) ist in Kleidern ebenfalls geschätzt, allein in seiner Einheit, wie im Verein mit Rahmgelb. Dann hat man die lebhafte Feuerfarbe wieder aufgenommen, aber um das Grelle derselben zu mindern, giebt man ihr ein blasses Blau, Créme oder Rohgelb als Geleit. 5 8 5 5 Ich erwähnte zu Anfang den breiten Gürtel Direktoire und ich denke wohl, daß es nothwendig ist, ein paar erläuternde Worte darüber nachzu— fügen. Er wird gern zu kurzen Taillen von großen, schlanken Damen ge— tragen. Man bereitet ihn aus Seidenstoff oder Band über steifer Unter— lage, schließt ihn an der Seite unsichtbar mit Haken und Oesen und ziert ihn vorn mit zwei voneinander getrennten Reihen großer Knöpfe, jede zu dreien. Er umspannt entweder ein Leibchen oder ein leicht bauschiges Chemisett. 1 a Und um keine Lücke zu lassen, will ich auch noch des Amazonenleibchens gedenken, das man gern zu Wollenkleidern einfacher Eleganz trägt. Dasselbe öffnet sich oben und zwar in Herzform über einem Serviteur: eine Art von gesteiftem Chemisett aus weißem Leinen oder Piqué, genau wie der Chemisetttheil an den Oberhemden der Herren, gauz glatt oder mit Mittel- falte, oder an beiden Seiten je mit einem weißen oder bunten Motiv be⸗ stickt, in der Mitte mil zwei kleinen Knöpfen aus Bourguignon- Perlen, schwarzer Perlmutter oder aus Gold geschlossen. Der Serviteur ist mit einem Stehkragen versehen, um welchen man eine kleine Herrenkravatte legt, weiß, schwarz oder farbig; man bindet die Kravatte vorn in eine kurze Schleife. f Das Jaquette tailleur erfreut sich nach wie vor der Triumphe, und es wird ebensowohl von den jungen Mädchen und Frauen wie von denjenigen, welche nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt sind, gewählt. Es läßt sich schwer sagen, wann man aufhören soll, das Jaquette zu tragen; das Aussehen, die Figur entscheiden.„Elle wa que Page, qu'elle parait“, sagt der Franzose so galant von der Frau. Wie dem nun sein mag, das Jaquette erhält sich bei der Damenwelt in unveränderter Gunst; es ist be— quem, distinguirt, chie; man fertigt es aus feinem Tuch oder aus Phantasie— tuch, das man durch ein Seiden- oder Atlasfutter verschönt, und giebt ihm einen sehr hohen Stehkragen, einen umgeschlagenen Stehkragen oder einen kleinen Shawlkragen. Im Allgemeinen ist es im Rücken anliegend, vorn lose. Als leichtere Umhüllung an wärmeren Sommertagen oder Abenden hat man für junge Mädchen anmuthige Kamails entstehen lassen, aus durch— brochenem Wollenstoff, aus Kanevas oder aus gleichem Gewebe wie das Kleid, welche vorn eine Pelerine bilden und im Rücken mit einem zierlichen Kapüchon ausgestattet sind; letzterer ist mit gestreiftem oder changirtem Surah gefüttert. Der große runde Hut mit breiter Krämpe wird für den Aufenthalt in den Bädern reservirt; höchstens, daß man ihn einmal im Wagen oder zu irgend einer eleganten Lustbarkeit trägt. Für die Straßen der Stadt ist der runde Hut mit hohem Kopf und mehr schmaler Krämpe, die hinten verkürzt und auf der einen Seite hochgeschlagen, oft auch zugleich hinten, die beliebteste Kopfbedeckung in runden Formen. Man begünstigt dazu be— sonders das Diamantstroh, das vielfach in zwei Farben geflochten, das Pailasson mit Knötchen, das englische Stroh, beide Arten schwarz, weiß oder farbig, und das italienische Stroh. Für junge Mädchen sieht man häufig weiße oder gelbe Strohhüte; sie werden mit Creme, Beige, Marine— blau oder Schwarz garnirt, Farben, die einerseits in Spitzen und Krepp⸗ gewinden, andererseits in umfangreichen Bandschleifen zur Geltung kommen. Je nachdem fügt man Blumen hinzu: Mohnblumen, Heckenrosen, Rosen— knospen, blaßblaue Korublumen, Marguerites, Hyaneinthen. Auch vertritt oft ein umfangreicher Blumenstrauß allein den Ausputz. Reizend sind die Capotehütchen der Damen mit ihren Guirlanden von Veilchen, Rosen, Heliotrop, gelben Kamillen ꝛc., verschleiert durch Seiden— tüll in der nämlichen Nüance. Der Fond wird durch ein leichtes Gitter— werk aus Perlen oder Stroh oder durch eine Guipürespitzen- Arbeit, aus Stroh und Roßhaar vereint, gebildet. Man trägt dazu nach Belieben Kinnbänder oder unterdrückt sie, obgleich letzteres selten elegant wirkt. Wenn man Bindebänder wählt, so schürzt man eine kurze Schleife unterhalb des Kinns, hebt Schlingen und Enden auf und steckt sie nach dem Ohre zu am Bande mit einer Ziernadel oder ein paar durch eine Kette verbundene Nadeln fest, so daß es wie elle Art Cravatte aussieht, welche das Kinn um— rahmt. Die Schleife unter dem Kinn herabfallen zu lassen, ist veraltet.— Was die Formen betrifft, so streiten sich Capoten, Bequins und Manons mit gleichem Erfolge um den Rang; sie sind insgesammt so klein wie möglich und lassen ihre Blumen- und Schleifen-Aigrette hoch emporstreben. Die ganz schmalen Bänder, cométes genannt, aus Großgrain, Faille und Atlas, zumal mit Picoträndern, kommen mehr und mehr in Aufnahme. Sie schmücken in umfangreichen Schlingenbüscheln und in Rosetten die Hüte und die Morgenhäubchen und finden sich auf den Krepp- und Spitzen⸗ Plastrons, auf den Jabots, den Schuhen, den Kleidern und den Wäsche— Gegenständen wieder. Kot ait! Giftige Spinnen. Die schwarze Spinne, die in allen sandigen und Steppengegenden Turkestans sehr häufig ist und von den Eingeborenen Kara⸗Kurt genannt wird, findet sich in der Stadt Lombano so massenhaft vor, daß diese deshalb im ganzen Lande in Verruf ist. Nicht größer als ein Fingernagel, von schwarzer nde lebt diese Spinne im Grase und auf dem Sande, soll aber mehrere Fuß weit springen können. Daß ihr Biß Pferden und Kameelen gewöhnlich tödtlich ist, steht fest; die Kirgisen des nördlichen Turkestan, die an den kleinen Gebirgsflüssen der Alexauderkette leben, sollen alljährlich viele ihrer Thiere durch den Biß der dort besonders häufig vorkommenden Spinnen verlieren. Im Allgemeinen herrscht unter dem Volke die Ansicht, daß das Gift der Kara-Kurt auch bei Menschen meist tödtliche Wirkung habe, doch ist es bisher keinem europeischen Reisenden gelungen, wirklich Authentisches darüber zu erfahren. Die Kirgisen be— haupten, daß die Spinne nicht im Stande sei, über wollenes Zeug zu kriechen, deshalb lassen sie sich nie am Boden nieder, ohne zuvor die große filzene Kaschmah unterzubreiten, eine Praxis, die von ihnen schon auf das russische Militär in Turkestan übergegangen ist. Daß man übrigens nicht allzuviel von dieser gewiß vielfach sagenhaften Spinne weiß, kann nicht wundern, geht es doch ihrer berüchtigten Genossin Europa's, der Malmi— gnatte, nicht besser. Seit 1788 im Toskanischen bekannt und wegen ihres vorzüglich zur Zeit der Hundstage giftigen Bisses gefürchtet, erschien sie erst 1830 in Spanien in größerer Menge, trat dann 1833 und 1841 wieder häufig auf, und doch giebt der gemeine Mann jener Gegenden bald dieses, bald jenes Thier für die Malmignatte aus. Auch scheint die Furcht vor diesem Thiere mehr auf Aberglauben und Unwissenheit, als auf Wahr— heit der Beobachtung zu beruhen, da in drei bis vier Tagen die Wirkungen des Giftes auf Muskel- und Nervensystem durch reichlichen Schweißausbruch beseitigt werden können. 1 Der gascognische Dichter Goudouli wankte dem Grabe zu, als ihm einer seiner Bekannten begegnete.„Wie geht es Ihnen, Goudouli?!“ war die Frage des Herrn. Goudouli schlug mit seinem Stocke auf die Erde.„Sie sehen es,“ sagte er,„ich klopfe, daß man mir öffne.“ W. d. * 2 * — 2 ——— 2 — 8 216. 1 13 1 9 * 1 Zweisilbige Charade. Gleich heil gen Hallen, d'rin die Andacht schwebt, Hebt sich die Erst, von reger Lust belebt, Die Tempelsäulen stehn mit Laub geschmückt, Duft wallt empor und Bagel entzückt. So lange noch sein Herr die Zweite trägt, Wie wird's zum Schutz, zum Angriff rasch bewegt! Hat er sie nicht mehr, schuf kunstfert ge Hand Manch Werkzeug draus, das seinen Käufer fand; Das Ganze klingt oft weich und sehnsuchtssüß, Oft schwer und rauh, wie sich der Drang erwies. e Aus folgenden sieben Sprichwörtern ist je ein Wort zu wählen. sieben erhaltenen Wörter bilden wiederum ein 5 Man muß sich nach der Decke strecken. An vielem Lachen erkennt man den Narren. „Bei den Blinden ist der Einäugige König. „Jeder Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. .Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch endlich an die Sonnen. Wer den Armen giebt, der leihet Gott. „Sich mit fremden Federn schmücken. KAreuz-Räthsel. Aus nachfolgenden Buchstaben: Die 3 I A B B 0E E EEE E EG THD HH I I LL MN NN O 0 O O OR R R R S Fr N UV v sind neun Wörter zu bilden und in derselben Weise zu ordnen, so daß die mittleren Reihen, von oben nach unten und von links nach rechts gelesen, gleiche Wörter ergeben. Die neun Reihen geben folgende Wörter: 1. Den Namen eines Komponisten. 2. Den Namen eines Papstes. 3. Ein Brennmaterial. 4. Einen altdeutschen weiblichen Vornamen. 5. Den bedeutendsten classischen Komponisten. 6. Eine Farbenbezeichnung. 7. Einen biblischen Namen. 8. Einen Wiederkäuer. 9. Ein Säugethier. Dreisilbige Charade. Wo des Siegs Drommeten schmetternd schallen, Auf des Krieges blutigem Altar, Aus den ehr'nen Schlünden Feuerdonner hallen, Tönet rings umher das erste Paar. Die Dritte gleicht dem morschen Eichenstamme, Der Jahrhunderte entschwinden sah, Ihres Lebens abgestorb'ne Flamme Glimmt nur matt noch, dem Erlöschen nah. Das Ganze zog ein seltnes Loos hienieden; In der Lieben traulich-schönem Kreis Ward ihm, was nur wenigen beschieden, Einer halben Aera gold'ner Preis. Auflösung der dreisilbigen Charade in voriger Nummer: Tagedieb;— des Arithmogriph: Eine schoene Menschenseele finden ist Gewinn;— 1. Engadin. 2. Isaurien. 3. Nicolai. 4. E— w. 5. Sambre. 6. Chirurg. 7. Orhoft. 8. Ems. 9. Naphtali. 10. Eugen. 1J. Mulde. 12. Eginhard. 13. Norwegen. 14. Salbei. 15. Cardiff. 16. Harfe. 17. Eringerthal. 18. Natalie. 19. Sardelle;— des Logogriph: Schelm, Helm;— der Königspromenade: Immerhin und immerfort Allzuschön erscheinend, Folgt sie mir von Ort zu Ort Und so hab' ich weinend Wiese sagte: geh' nach Haus, Laß dich dort bedauern; Siehst mir gar zu traurig aus, Möchte selber trauern. Ueberall umsonst gefragt, Feld und Flur durchmessen, Auch hat Fels und Berg gesagt: Kannst sie nicht vergessen. Endlich fasse dir ein Herz Und begreif's geschwinder: Lachen, Weinen, Lust und Schmerz Sind Geschwister⸗Kinder. . Nr. 397 N e , 1 1 c 8 1 I Weiß zieht an und setzt 915 11 vierten 05 Matt. Partie Nr. 227, gespielt in New-Orleans am 19. März d. J. als siebenzehnte des Wettkampfes. Weiß: J. H. Zukertort. Schwarz: W. Steinitz. 1) d2- d d7-d5 27) Sd4—-e6.4) Sd7 es: 2) 2-4 Ie 28) Se6 18.5) Seß— 4: 3) 8b1—c63 89816 29) Sts-d Le 7 ba: 4) Lel-g5 1LI8—e7 30) De2—4d3 De4—g4 5) 8g1—13 6—0 31) ba—h3 Dg4—e6 6) e2—e3 d5-c: 32) Jd1—- bl Sc4-es: 7) LfI ca: 8Sb§s—d7 33) Dd3—e3.6) De6-d7: 8) 0-0 0705 34) 1b1—b4: Dd7- dl 9) Ddl—e2 hi-—h6 35) Kg 1-02 Dd1- df 10) Lgö-h Sd-b 36) De3 147) KgS- f8ls) 11) da- cs: Le7 co: 37) Df4—- dé: Se8S- dé 12) 11-41 Sb6—d7 38) Kh2—g3 K 8- e7 13) e3—e4 Le5—e7 39) Kg3—f4 Ke7—e6 14) e4-e 816—e8 40) b3—b4 Ke6— do 15) Lha-g3 Dds—bé 41) g2—g4 b7-bõ 16) 22-23 a- a5 42) 1b4—- b! Kdõ-er 17) Tal el Sd7— 05 43) Tbl—elr Kc5— d5 18) Lg3-f4) Les-d 7 44) Kf4—e3 8d6-er 19) Lf4-es Ld 7c 45) Ke3—e2 b5—b4 20) Sf3—d4 Tas- ds 46) 161-1 Kd5-c 21) Sd4- b5 TdS—dl::“ 47) f2—14 Scd4—ag3 22) Tel d!: Le6— bs: 48) Tbl—elr Ke5- da 23) Sc3 bb: Db6-c 49) Tel- 7 b4—b3 24) b2—b4 425—b4: 50) 7J67-b7 Kd4— 63 25) 23—ba: Sc5-—d72) 51) 1b7-c7 Kc3— dd 26) Sbs-d Deé-es) 52) Je- b7 Remis. frog hätte Schwarz die gute Erwiderung 18).. Lad7 19) f Saal gehabt. 2) Durch Sbs war der nun unvermeidliche Verlust der Qualität zu verhüten. 3) Auf andere Damenzüge folgt gleichfalls Setz: 4) Schwarz hat keinen andern Zug, um den Verlust eines Offiziers abzuwenden. 15 ert Laus hätte, wie die Schachzeitung bemerkt, die Qualität ohne Bauernverlust eingebrach 5 Von verschiedenen Analytikern wird bier anf Tb: oder auch fes als stärker hin⸗ gewiesen, z. B. 33) Tbs: Sdo 34) 1br7: Deé 35) Ta7 Ses 7 36) Seb ꝛc. oder 33) Fes Le6 34) Tb7: 2c. 7) Nach diesem Zuge ist das Remis gesichert, in Betracht kommt daher noch das Vor- setzen des Thurmes, welches jedenfalls ungefährlich war, da weder g5 wegen 37) Derr 38) Df7r ꝛc. nach 816(oder&7) 37) g3 Sdö? wegen 38) Ddꝗs Des(oder e5) 39) Tdæ Sts 40) Tas Ses 41) Des[Kts 41) Da3f und 43) Def zc.] anging 8) Der einzige Zug! bei der Fortsetzung D.: 784 Kt 300 Tes! Sdé 29) Te2 ꝛc. blieb der schwarze König von der Deckung des b Bauern abgeschnitten und dieser Bauer am Vor⸗ gehen über bs hinaus verhindert. Aus der Schachwelt. Am 22, 23. und 24. August d. J. veranstaltet der Kölner Schacholub zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens ein Schachsest, bei welchem die selgenden Turniere in Aussicht genommen sind: a) ein Turnier in Gruppen für r Einsatz 5 Mk, vier Werthpreise, erster Preis im Werthe von ca. 100 Mark, b) ein Turnier in Gängen für Hauptturnierspieler und e) ein solches für Nebenturnierspieler Einsatz 4 resp. 2 Mark mit je vier Preisen, erster Preis im Werthe von etwa 80 resp. 40 Mark, d) Tombolaturniere. Ausführliche Programme werden demnächst zur Versendung gelangen und wollen Schach⸗ freunde sich dieserhalb an den Schriftführer des Klubs, Ingenieur L. Jung in Cöln, Agrippa⸗ straße 41, wenden. Im e des Mirror of American Sports haben die Preisrichter H. J. C. Andrews, J. N. Babson, H. Hülsen und G. Reichhelm folgende 1 getroffen: Erster 2 5 für Vierzüger E. Pra dig nat, zweiter Preis W. Sbinlman, ehrend er⸗ wähnt H. und E. Bettmann und H. Prott; für Dreizüger: erster Preis C. Planck, zweiter Preis A. F. Mackenzie(in Jamaica), ebrend erwäbnt W. Shinkman. Den Preis für Zweizüger erhielt A. F. Mackenzie, eine ehrende Erwähnung H. und E. Bettmann, 1, C. Frankenstein, T Taverner und der Zweizüger mit dem Motto:„Humble Pie Druck und Verlag der„Volks⸗Zeitung“, Akt. Ges. in Berlin, Lützowstr. 105.— Verantwortlicher Redakteur: R. Elcho in Berlin, Lützowstr. 105. 1) Gegen 18) Sd4 mit folgendem f2— f und Lie, was in der e empfohlen eee