ner Bu 15 Best Del gi it gigen gewinn ub! lauf icht Ile Off Schwan en lang. 55- bif; n is. en. ae ee e le l eee eee — 2 Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden. zu den Oberhessischen UMachrichten. 0 Ur. 18. Gießen, den 2. Mai. Die Stiefmutter. Roman von M. Elton. (Fortsetzung.) Pobald Julia allein war und die Thüre verschlossen hatte, brach sie in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Es war zu viel gewesen für ihre Kraft, und wie konnte die Sache enden, wenn Georg wirklich einen Fremden bei ihr gesehen? Kam man auf die Vermuthung, daß es niemand Anderes sein konnte, wie der Lord, und wie konnte und durfte sie seine Bekanntschaft mit ihm er— klären? In dem Gewühle ihrer Gedanken nahm diese Möglichkeit nicht einmal einen hervorragenden Platz ein. Mit erschwerendem Gewicht traf sie die Frage: konnte sie sich bis morgen die Summe verschaffen, die sie in ihrer Seelenangst genannt? Es war eine ruhelose fieberhafte Nacht, die sie zubrachte, und der Wintermorgen schien hell und frostig in ihr müdes, trauriges Gesicht. Die Familie war schon beim Frühstück versammelt, als sie in das Eßzimmer eintrat. Julia's Gesicht färbte sich mit jäher Röthe, als Lindner sie forschend ansah und die lebhafte Unterhaltung, die sie vor der Thür gehört, plötzlich verstummt war bei ihrem Ein⸗ treten. Es kam keine Frage über die Unhöflichkeit, die sie dem geehrten Gast gegenüber begangen, indem sie sich entfernt hatte, ehe er sich verabschiedet. Georg versuchte durch seine täppischen Neckereien und Bemerkungen über die englischen Lords Unterhaltung hervorzubringen; aber Adeline schien ganz vertieft in das Anschauen ihrer niedlichen Füße, die in den elegantesten Pantöffelchen auf einem Schemel ruhten. Lindner verließ alsbald das Zimmer und Adeline folgte ihm. Wie trüb und schwül war es um die junge Frau, sie sah die drohenden Wolken, die um sie her aufzogen, sie konnte dem Un— gewitter nicht entgehen, sie mußte nun weiter gehen, mochte da kommen, was da wollte. Sie war sich ihrer Lage nicht klar be— wußt, vermochte kaum zu fassen, unter welcher schweren Anklage sie vor ihrem Manne und ihren Stiefkindern stand. Es mußte weiter gegangen werden, und wenn es auch zu ihrem Verderben war. Die Lage war ihr so neu, so unerhört, ihre Aufregung war so außerordentlich, daß sie es selbst nicht versuchen konnte, Klarheit in dieses Chaos zu bringen. Nichts durfte sie auf dem ein⸗ geschlagenen Wege aufhalten, das begriff sie in dem fieberhaften Zustand und weiter bedachte sie nichts.— Georg beobachtete sie, als sie erregt das Weißbrod verkrümelte und kaum ihre Kaffeetasse mit den Lippen berührte. Er war ein kräftiger junger Mensch geworden, die Gestalt nicht groß, aber gedrungen und breit in den Schultern. Sein Gesicht war nicht sympathischer geworden, die dunkeln Augen sahen immer noch so unsicher aus den buschigen Augenbrauen wie früher, und seine Bemühungen, freundlich und liebenswürdig zu erscheinen, zeigten erst recht, wie plump und un⸗ gelenk er war, was ehedem durch sein zurückhaltendes, störrisches Wesen eher verdeckt worden und viel weniger zu Tage getreten war. Er war hier und da seitdem auf Wochen in Mandsfelt gewesen, hatte verschiedene landwirthschaftliche Institute besucht und wollte nun noch auf einige Zeit ins Ausland gehen. Julia war ruhelos umhergeirrt, sie suchte ihren Gatten nicht auf,— was hätte sie ihm sagen können. Erst Nachmittags, als sie Toilette gemacht, ging sie mit klopfendem Herzen nach seinem Bureau, wo er nach dem Mittagsessen sein Schläfchen zu machen pflegte. „Kann ich den Wagen haben? ich möchte einige Besuche in der Stadt machen,“ sagte sie und ihre Stimme zitterte merklich. Der Gutsbesitzer wendete sich um und besann sich einen Augenblick. „Den kannst Du haben,“ antwortete er kurz und sie verließ rasch das Zimmer. Sie nahm schnell den Plüschmantel, warf ihn um ihre Schultern und zog hastig ein Etui aus der hintern Schublade des Schrankes. Sie sah es schmerzlich zögernd an und öffnete es darauf rasch; ein prachtvolles Collier in den reinsten Diamanten lag auf schwarzem Sammt, ein Prachtstück, das einem vergangenen Jahrhundert angehört und den schönen Hals mancher edeln Dame geziert hatte. Dieses Halsband war seit Jahrhunderten ein Erbstück in der Familie der Barone von Manners gewesen, und es war Julia als sechsjähriges Kind von der sterbenden Groß— mutter übergeben worden. Seitdem hatte sie den Schatz gehütet, getragen nicht mehr, er war in seiner Fassung veraltet und zu reich und blendend für ihren einfachen Geschmack. Von Zeit zu Zeit ließ sie das funkelnde Gestein mit Wohlgefallen durch ihre Finger gleiten und dachte daran, wie sie einst Ellinor das Familien— erbtheil gerade so übergeben werde, wie die Großmutter mit zitternden Händen gethan. Heiße, brennende Thränen fielen auf das Erbstück, das die lange Reihe der Baronessen von Manners ge— schmückt. Und nun war es die Letzte der Manners, die verzweifelnd das Gefunkel in den Sammet zurückwarf mit dem unumstößlichen Vorsatz, das Erbstück zu verkaufen. Die erlöschenden Augen der alten Dame, die schon erkaltenden Hände, kalt wie die Steine, die ihr das Halsband in die Kinderhände drückten, Alles stand mit niederschmetternder Lebendigkeit vor Julia's Seele, als sie mit dem Etui aus dem Zimmer eilte. Es war ein Diebstahl, den sie an ihrem Kinde beging; aber mußte es nicht sein, um Unglück und Schmach zu verhüten? Als sie in der Stadt ankam und den Wagen in der Vorstadt ließ, um ihre Schritte zu einem Juwelenhändler zu richten, da dachte sie erst an die Schwierigkeit der Ausführung. Was konnte man nicht Alles vermuthen, welches Mißtrauen mußte sie erregen, wenn sie ein Prachtstück feil bot, das wie aus einer andern Welt zu kommen schien. Sie blieb unschlüssig stehen und überlegte. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, dem Lord das Halsband 0 2 r 4 e zu übergeben; aber wie erschreckt fuhr sie vor dieser Idee zurück. In die Hände dessen, der wie zu ihrem Unglück geschaffen schien, in seine Hände das Familienkleinod, das nur reine, unbefleckte Hände berührt,— nein, nein— Geld mußte er haben, Geld! Ihre unruhig verschleierten Augen unterschieden ein bekanntes Ge⸗ sicht auf der Straße und schon war Eduard van Mossel an ihrer Seite. Wie ein Retter erschien er ihr in ihrer Verlegenheit; sie fühlte, daß sie in ihrer Noth und Herzensaugst dem Juwelenhändler gegenüber durchaus nicht geeignet sei, das Collier zu verkaufen. „Wie dankbar würde ich sein, wenn Sie mir Ihren Beistand in einem Geschäfte leihen wollten, das so ganz besonderer Natur ist, das ich kaum im Stande bin zu besorgen,“ sagte sie zu dem jungen Manne und sah ihn flehend an, so daß er ganz betreten über den Ausdruck ihres bleichen Gesichtes war. „Mit Vergnügen bin ich bereit, gnädige Frau, unterrichten Sie mich nur, um welches Anliegen es sich handelt,“ antwortete er mit Bereitwilligkeit. Zögernd, stockend, theilte sie ihm mit, um was es sich handle; sie erröthete, sie erbleichte, als sie ihm eine Erklärung geben wollte, warum sie das Geld haben müsse. Eduard erleichterte ihr die peinliche Situation, indem er schnell verständnißvoll darauf einging, als sie ihm mit bebenden Händen das Etui reichte. Er führte Julia zu einer Bank auf der nahen Promenade und versprach, das Geschäft nach besten Kräften zu besorgen. Als er bei dem Juwelier angekommen und die klaren, blitzenden Steine in der sonderbaren Fassung erblickte, entfuhr ihm selbst ein. Laut der Bewunderung. Wo hatte er nur seine Gedanken gehabt? Da stand er nun vor dem Manne, der die Augen groß aufmachte und das Halsband und auch den Ueberbringer prüfend ansah. Es war zu spät, sich schweigend zurückzuziehen, etwas mußte Eduard doch sagen. „Sehen Sie sich einmal dies Halsband an,“ begann er un— befangen;„es ist seit Jahrhunderten in seiner jetzigen Fassung ge— blieben; die Steine müssen von einem großen Werth sein.“ Der Juwelier prüfte, untersuchte und sagte dann achselzuckend: „In dieser Fassung ist es nicht mehr zu tragen; in einer neuen Fassung aber würden die Diamanten erst ihren ganzen Glanz ent— falten, sie sind wirklich von außerordentlich reinem Wasser.“ „Welchen Werth hat das Halsband?“ fragte van Mossel rasch. „Sie wollen es verkaufen?“ fragte der Juwelier mit einem sonderbaren Blick.— „Nein,“ antwortete Eduard bestimmt. „Es kann immerhin seine sechs- bis siebentausend Thaler werth sein,“ antwortete der Juwelier.„Wenn Sie die Steine ganz genau taxirt haben wollen, so müßte ich mich mit einem andern Juwelier benehmen.“ „Bemühen Sie sich nicht, es genügt mir schon Ihre Schätzung,“ sagte van Mossel und verließ schnell den Laden. Die bewegte junge Frau, die ihm so dringend ihre Bitte vorgetragen, und auch die Eigenart ihrer Bitte, ließen ihn im ersten Moment ganz über— sehen, was er hier eigentlich zu thun hatte,— nun aber eilte er zu seinem Banquier und hatte mit ihm eine kurze Besprechung: er mußte sogleich zehntausend Thaler haben für irgend einen Versuch in der Landwirthschaft. Nach einer Viertelstunde verließ er das Bureau und hatte die Summe bei sich.— Julia ging unruhig auf und ab, die Zeit dünkte ihr eine Ewigkeit. Endlich erschien Eduard mit fröhlichem Gesicht am Ende der Allee und sie eilte auf ihn zu. „Alles besorgt, gnädige Frau,“ sagte er mit einem wohlthuenden, beruhigenden Lächeln.„Es ist Alles ganz nach Wunsch gegangen; hier sind die zehntausend Thaler,— kann ich Ihnen sonst noch einen Dienst leisten—“ „Ich danke, danke herzlich,“ flüsterte sie und ergriff seine Hände, die sie warm drückte.„Es wurde mir so schwer,“ sagte sie und die Thränen stürzten ihr aus den Augen;„und nun drückt es mich zu Boden, daß ich Ihnen nicht einmal sagen darf, zu welchem Zweck ich eine so bedeutende Summe augenblicklich brauche; aber es weiß es niemand, selbst mein Mann nicht. Es giebt traurige Nothwendigkeiten im Leben, und ein falsches Licht fällt dann auf den, den eine trostlose Verpflichtung zum Handeln zwingt.“— Sie war so ergriffen und erregt, daß van Mossel sie zu der nahen Bank führte. Er setzte sich nicht neben sie; die Promenade war ganz menschenleer und Julia überließ sich nun ganz ihren Thränen, einer Erleichterung, die ihr in der nervösen Spannung, in der sie die letzten Tage zugebracht, wohlthat. N „Gnädige Frau, Sie zürnen mir nicht,“ fing van Mossel zögernd an, als Julia ihre Thränen getrocknet und dankbar zu ihm auf: blickte,—„hier ist das Halsband; es ist so schön und eigenartig und liebe, traute Erinnerungen knüpfen sich gewiß daran; es wäre unwiederbringlich verloren gewesen, wenn der Juwelier es in seine Hände bekommen hätte und ein Stein hierher der andere dorthin gewandert wäre. Es war für mich eine Kleinigkeit, die Summe beim Bankier aufzunehmen.“ 1 0 „Was haben Sie gethan?“ rief die junge Frau erschrocken. „Wie soll ich je ein solches Kapital abtragen, es nur verzinsen können; und wenn mein Mann es erführe—“ „Das Geld ist auf meinen Namen eingetragen,“ beruhigte er sie;„Sie haben mit der Angelegenheit nichts zu thun, gnädige 0 Frau; nur erlauben Sie mir, Ihnen das Kollier wieder zurück- zuerstatten.“ Sie sah ihn zweifelnd an, als hätte sie ihn nicht verstanden. Sie schüttelte langsam den Kopf und sagte:„Das ist nicht recht von Ihnen, lieber Freund; das ist zu viel, dies drückt mich ganz nieder. Das Kollier gehört selbstverständlich Ihnen. Einer solchen Handlungsweise gegenüber reichen Dankesworte nicht aus,“ flüsterte sie so leise, daß die letzten Worte kaum über ihre zitternden Lippen kamen. i All' seine Bitten, das Halsband zurückzunehmen, waren umsonst. „Nun ja,“ sagte er endlich,„so muß ich es wohl bewahren; aber nur als Ihr Eigenthum.“ N Als sie sich trennten, war bereits die Dämmerung des kurzen Wintertages angebrochen. Frau van Mossel erwartete ihren Sohn bei einer Bekannten, und als er sich von der Promenade dahin begab, folgte ihm Lindner vorsichtigen Schrittes. Sein Gesicht war bleich und verzerrt, und als er langsam durch die Straßen schlich, sah er bedauerlich alt und hinfällig aus. Er wartete, bis Frau van Mossel mit ihrem Sohne eingestiegen war und erst dann ging er ins nahe Gasthaus und ließ sich sein Pferd vorführen. Der Gutsbesitzer hatte kaum eine Stunde nach seiner Frau Mandsfelt verlassen, weil ihm ihre Fahrt nach der Stadt Verdacht einflöͤßte; 1 er glaubte schon, ihre Spur ganz verloren zu haben, als er sie plötzlich sah, wie sie sich von der Bank erhob, und auf Eduard van Mossel zustürzte. Bleich, schwerathmend blieb Lindner an den Platz gefesselt und starrte die leidenschaftliche Bewegung seiner Frau an und die ganze Innigkeit, die sie dem jungen Manne zeigte. Um was mochte es sich handeln? ihre Protestationen, ihre Bitten ihm gegenüber, was mochten sie bedeuten? Eins stand fest, er war ein unglücklicher betrogener Mann; und der kalte Schweiß stand auf seinen Schläfen und der rauhe Ostwind fuhr durch seine ergrauenden Haare. Einen Augenblick lang mußte er sich an einem Baumstamm festhalten, der Boden wankte ihm unter den Füßen.— 5 Als er in der Abenddämmerung Mandsfelt zuritt, fühlte er sich unbeschreiblich elend. Ein Duell mit seinem jugendlichen Nachbar, daran war kaum jetzt zu denken. Was würde die Welt sagen, gerade jetzt, wo er im Begriff stand, seine Tochter an den Lord zu verheirathen? Würde es nicht wie Verdruß aussehen, weil van Mossel nicht längst dem Lord zuvorgekommen war? Oder wußte man um seine Schande, war er nur allein der Unwissende geblieben? Aber das Weib mit dem unschuldigen Kinderblick, das ihn so offenkundig. betrog, das mochte er nicht mehr vor Augen sehen. So kam er nach Hause und schloß sich in sein Arbeitszimmer ein. a Julia stand unschlüssig mit der Hand voll Banknoten und über- legte, wie sie dieselben dem Lord konnte zukommen lassen. Sie mußte sie ihm selbst geben, das stand fest; der unheimliche Gang nach den Fichten mußte wieder spät Abends gemacht werden; vielleicht lag Georg auf der Lauer, und wenn Alles gelungen war, dann war sie in einer Lage ihrem Manne und ihren Stiefkindern gegenüber, die ihr nicht wohl erträglich erschien. Nein, nach dem Fichtenwald ging sie nicht wieder! Noch war vielleicht Alles gut;. Georg konnte nichts gesehen haben, nur ihren auffallenden Spazier- gang im Mondschein um 9 Uhr Abends; ihre Angst, ihre Ueber reizung hatten sie am Morgen allerlei eingebildete Gefahren sehen lassen,— ihr Mann war nicht anders gewesen als sonst.— War es nicht Eduard van Mossel, der auf der andern Seite der 0. in gernd aufe tig wire selne hin umme 3 cken. zunsen te er dige urück⸗ den. facht* n olchen lsterte ippen sonst. hren; kurzen Sohn dahin t war chlich, Frau ging Der ddefelt lößte; er sie duatd er an seiner, Janne ionen, Eins d der stwind mußte ihn er sih schbar, sagen, ord zü Mossd in un Abet fundig am el ö ibel Ele Gang erden; wal/ indem b dell 0 gut pater Uebel schel . le , eee e del e e J Straße ging? oder war es,— ja, ganz gewiß, es war Lord Graham, er selbst, der vorüberging. Freudig erregt durch ein so glückliches Zusammentreffen, nahte sich ihm Julia mit schnellen Schritten.„Hier ist das Geld,“ flüsterte sie, als sie dicht an seine Seite getreten war,„gieb mir nun schriftlich Dein Wort, daß Du unverzüglich die Gegend ver— lassen und allen Ausprüchen auf Adeline Lindner entsagen willst.“ „Ich bitte um Ihren Arm, gnädige Frau,“ sagte er laut und führte Julia, die sich tief verschleiert hatte, nach einer stillen, ent— legenen Straße. „Es sind zehntausend Thaler,“ flüsterte sie bebend,„Du wirst damit gehen, soweit Du nur kannst, um Dich und uns nicht zu verderben.“„ „Meinetwegen, Schatz,“ sagte er mit großer Ruhe.„Du wärest im Stande, mir einen Streich zu spielen. Du bist mir in die Quere gekommen, wer hätte auch die liebe Julia als Herrn Lindner's Frau vermuthet, ich glaubte Dich in guter Obhut bei dem alten verrückten Onkel. Gieb das Geld her; ich will dann die Geschichte als eine verunglückte betrachten und mich meinetwegen jenseits des Oceans resigniren.“ „Gieb mir es schriftlich, daß Du morgen sogleich die Gegend für immer verlassen wirst und gieb mir die Abschiedszeilen, die Du an meinen Gatten schreiben wirst, und wenn ich diese beiden Schriftstücke in Händen habe, dann ist die Summe Dein,“ sagte die junge Frau dringend. „Siehe nur die kleine Bourgeoise, wie sie handelt und schachert,“ lachte er.„Das ist nicht die Sprache derer von Manners, nein, gewiß nicht. Also auf einen wirklichen Handel hat es die Baronesse von Manners abgesehen? nun, in dieser heutigen glatten Welt muß sich auch ein Edelmann dem allgemeinen Strome anpassen.“ Julia hob ungeduldig die Schultern.„Hier ist ein Restaurant, gehe hinein und schreibe,“ sagte sie dringend. Nach einigen Minuten kam er zurück und reichte ihr zwei Papiere. Sie las bei dem Lichte, das ein Spielwaarenladen warf, und reichte ihm die Banknoten. „Kein Abschiedswort, Julia?“ fragte er in vorwurfsvollem Ton, als sie ihm flüchtig die Hand reichte und sich schnell entfernen wollte. „Lebe wohl, halte Dein Versprechen, sonst,— trete ich Dir in den Weg,“ sagte sie mit besonderem, fast drohenden Ausdruck und ging schnell davon. Als sie zurückfuhr, war es ganz dunkel, der Mond war noch nicht aufgegangen. In dem Schatten des Fichtenwäldchens glaubte sie eine Bewegung gesehen zu haben. Es war wohl wieder die Furcht, die sie an der unheimlichen Stelle beschlich. Sie athmete endlich erleichert auf, der Brief Lord Grahams war eigenhändig von ihr in den Briefkasten gesteckt worden, morgen war er in Mandsfelt. Als sie ankam, fand sie Adeline allein beim Abendessen; ihr Bruder war noch nicht von der Jagd zurück, wie sie sagte, und ihr Vater hatte sich wegen starken Kopfwehs zur Ruhe begeben. Sie sah, daß Julia eine Bewegung machte, das Zimmer zu verlassen. „Papa will nicht gestört sein,“ kam sie ihrer Stiefmutter zuvor; „er hat mir aufgetragen, Dir dies zu sagen.“ Heute berührte sie diese Rücksichtslosigkeit nur wenig, sie war noch zu sehr mit den letzten Ereignissen beschäftigt.— Sie hörte aber, wie ihres Mannes Zimmerthür auf und zu ging und hörte auch Adelinens Stimme, wie sie beim Eintreten mit der Köchin sprach. Herr Lindner hatte sich nicht zur Ruhe begeben, obgleich er so verstört aussah, daß er ihrer gewiß bedurft hätte. Er saß auf dem kleinen Sopha und Adeline saß neben ihm und hielt seine Hände in den ihren. „Das hat nun wieder der plumpe Georg angerichtet,“ sagte sie verdrießlich,„er erzählte es mir schon gestern Abend, daß er Mama mit einem Herrn, der in der Figur Eduard geglichen, am Fichten— wald begegnet sei. Ich verbot ihm, es irgend einem Menschen zu sagem und Dir ganz sicher nicht; da mußte er aber seine dummen Späße loslassen und es Dir sagen, ehe Du zur Stadt rittest. Ich habe ihn darüber recht ausgezankt, denn es geht ihn nichts an, und dann hat er garnichts Schlimmes dabei zu denken. Wie geht es Dir, Papachen?“ fragte sie und sah ihm besorgt in die Augen; „soll ich nicht lieber zum Arzte schicken?“ „Laß das, es ist nur der scharfe Ostwind, der mir den Kopf ein wenig krank gemacht hat; morgen ist's vorüber. Weißt Du, Adeline, wie sich auch die Sache verhalten mag, ich bin überzeugt davon, daß sich Georg geirrt hat,“ sagte Lindner fieberhaft erregt. „Ach, nun laß doch die dumme Geschichte! Ich versichere Dich, daß ich keines Trostes bedarf; ich war immer zu fest davon über— zeugt, daß Eduard nie an mich gedacht hat und konnte Dich doch nie davon überzeugen, mein allzu gläubiger Papa.“ War denn Alles gegen ihn in dieser Stunde der Verwirrung? Selbst sein Kind, seine Adeline verstand ihn nicht mehr. „Die Denkweise und die ernste solide Richtung Deiner Mama entspricht nicht einer Handlungsweise, die man infam nennen müßte,“ sagte er mit tonloser Stimme. „Die Mama ist jung und wirklich schön; erinnerst Du Dich, welches Aufsehen sie noch vor einigen Tagen auf dem Balle machte?“ versetzte das junge Mädchen und sah sinnend vor sich hin. Sie bohrte ihm das Messer nur tiefer in die Brust und er stöhnte schmerzlich. Adeline sah mit den wilden leuchtenden Augen plötzlich zu ihm auf. Sein Gesicht war bleich und entstellt und ein Laut rang sich gewaltsam aus seiner Brust, ein Schluchzen, das wie ein Schrei klang. „Papa!“ schrie Adeline auf und schlang die Arme um seinen Hals und küßte stürmisch sein eiskaltes Gesicht.„Ich bitte Dich, sei ruhig. O, wie hasse ich diese Frau, die Dir so wehe thun konnte!“ Lindner barg sein Gesicht in den Händen und weinte laut; und seine Tochter brach ebenfalls in Thränen aus und weinte so lange und heftig, daß er sie schließlich beruhigen mußte. Am folgenden Tage verließ der Gutsbesitzer sein Zimmer nicht. Julia versuchte einige Male einzutreten, die Thür blieb aber ver— schlossen. Sie begegnete Georg im Wohnzimmer, als sie, tief ge— demüthigt, bleich von dem vergeblichen Versuch, den sie nun nicht mehr erneuern wollte, zurückkam.„Er ist nicht gut gelaunt heute, der alte Herr,“ lachte Georg;„er will Niemanden sehen wie Adeline, und die scheint ihn noch nicht zur Vernunft gebracht zu haben.“ Julia sah ihm fragend ins Gesicht. „Solch einen Lärm daraus zu machen, wenn es einer schönen Frau gefällt, einen Abendspaziergang zu machen und dabei einige Worte mit einem alten Bekannten zu wechseln!“ rief er mit plumpem Humor.„Diese alten Männer sind nicht gescheidt.“ Die junge Frau war einer Ohnmacht nahe.„Lord Graham war erkannt worden; in welchem Lichte stand sie nun ihrem Manne gegenüber? Eine Betrügerin, Intrigantin und ein pflichtvergessenes Weib! Durfte sie ihm die Wahrheit entdecken? Nie und nimmer; es band sie ein heiliges Versprechen. Der Lord war nun bereits ferne; für seine nächste Zukunft war gesorgt, es konnte ihm nicht mehr einfallen, hier das Wagniß zu riskiren und eine Heirath ein— zugehen. Was nun aus ihr wurde, aus ihrem Ruf, das fühlte Julia nun plötzlich mit erschreckender Klarheit. Georg sah sie bleich, unbeweglich, wie eine Statue und sagte tröstend:„Nun, nimm Dir die Sache nicht allzu sehr zu Herzen; das geht ja bei dem Vater vorüber und eine junge schöne Frau macht doch mit solch einem alten Papa, was sie will.“ Sie hörte nicht mehr, was er sagte; sie ging, wie im Traum, die Augen starr vor sich hin gerichtet, in ihr Zimmer. Sie saß stundenlang unbeweglich, fuhr sich bisweilen langsam mit der schlanken Hand über die weiße Stirne und von Zeit zu Zeit fielen ihre Blicke mit einem unsäglich traurig trostlosen Ausdruck auf Ellinor, die neben ihr stand und ihr schmeichelnd über die kalten bleichen Wangen strich. Lindner reichte gleichgültig seiner Tochter einen offenen Brief hin und sagte nur:„von Lord Graham.“— Sie nahm ihn hastig und überflog ihn mit sprühenden Blicken:„Ein Telegramm ruft mich dringender Geschäfte wegen nach London, bedauere unendlich, nicht die Zeit zu haben, Ihnen persönlich zu sagen, wie unangenehm dieser Zwischenfall meine Hoffnungen durchkreuzt.“ „Ich bin verabschiedet!“ lachte Adeline auf. Sie war todtenbleich und ihre Augen glühten in düsterem Feuer.„Freilich kann man es einem Manne, wie Lord Graham nicht verargen, wenn er nicht wieder in ein Haus zurückkehrt, in welchem ihm die Dame des Hauses mit empörender Taktlosigkeit begegnet ist,— freilich, wenn ein rendez-vous ruft“— „Adeline!“ rief Lindner in bittendem Tone. „Ja, ja, lassen wir Alles schwinden, vergessen wir Beide; laß 2 NI 1 00 8 9 ä * 3 uns Philosophen werden, Papa, das ist das beste, was wir thun können,“ lachte sie wieder grell auf. „Der Lord ist kein junger Mann mehr, Adeline, und ich kann nicht glauben, daß Du ihn wirklich liebst,“ sagte Lindner,„und mich hat seine Werbung mehr beunruhigt als sie mir Freude gemacht hat.“ „Mit dieser Liebe, Papa, wird viel Unfug getrieben und die Männer, besonders ältere Männer, glauben so gerne an die Liebe, die ihnen ein schönes junges Mädchen gesteht,— was liegt auch eigentlich daran?“ Sollte Lindner heute denn gar keinen Trost in der Nähe seiner Adeline finden; sie sprach nur von sich, wollte sich nur wehe thun und sie bedachte nicht, daß Alles eine trostlose Anwendung auf ihn selbst zuließ. Er mußte hinaus, ins Freie.„Ich fahre nach der Stadt,“ sagte er,„willst Du mich begleiten?“ ö „Nein, Papa; es kommt mir so viel Unerwartetes zusammen, daß mir der Kopf nicht recht klar ist; ein einsamer Ritt durch die Felder wird mich am besten wieder herstellen,“ antwortete sie und blieb bei ihm, bis er in den Wagen stieg. Eine helle Kinderstimme rief oben vom offnen Fenster:„Papa!“ verstummte aber, als kein Blick sich nach dem Fenster richtete. Adeline begab sich eiligst in ihr Zimmer und überließ sich jetzt erst dem ganzen Ausbruch ihres Verdrusses.„Zum Gelächter der ganzen Umgegend, der ganzen Stadt muß ich werden; der allgemeine Klatsch hat nun einen Brennpunkt gefunden, nach welchem sich alle Zungen bewegen. Die mitleidig verächtlichen Mienen der bettelhaften Gräfinnen und Baroninnen ertrage ich nicht, und ich werde mich wohl hüten, mich in diesem Winter noch einmal zu zeigen. Nur als Braut werde ich wieder in der Gesellschaft erscheinen, ist es nicht als Milady Graham, so ist es als die Braut Herrn van Mossels. Nur darf ich keine Zeit verlieren,“ sagte sie nach einigem Nachdenken, „der gute Eduard muß glauben, daß ich seinetwegen den Lord ver— abschiedet habe; und daß er es glaubt, dafür werde ich schon sorgen. Und dann soll Papa die Wahrheit erfahren; Eduard muß rein gewaschen werden. Der alberne Georg hätte mir da beinahe wieder den dümmsten Streich gespielt; er behauptete, es sei Eduard nicht gewesen, und er mußte es doch sein, da es Lord Graham nicht sein durfte, so lange eine Heirath in Aussicht stand. Diese alten Männer haben ihre Vergangenheit, das ist nicht anders; aber wer hätte ahnen können, daß die schöͤne Baronesse von Manners mit ihrem Madonnen— gesicht eine Vergangenheit hinter sich hat, in der Lord Graham eine so verhängnißvolle Rolle gespielt. Schon während des Soupers merkte ich, wie sie bald roth, bald bleich wurde und es vermied, ihn anzusehen. Wie ich mich nun so plötzlich umwendete, als sie sich geschickt an des Lords Seite geschlichen, da sah ich deutlich, wie angstvoll sie ihn anblickte und wie ihre zitternden Lippen ihm etwas zuflüsterten. Er that, als hätte er sie garnicht bemerkt; er hat sie längst vergessen, sie jedenfalls sitzen lassen und nun hat sie ihm gedroht, dem Vater Alles mitzutheilen. Ich durchschaue das heuchlerische Weib klar. i „Wie bleich und entstellt ich aussehe,“ fluͤsterte sie, als sie einen prüfenden Blick in den Spiegel warf.„Was soll ich mich nun ärgern,“ rief sie mit einer Bewegung von Ungeduld,„ich muß in die Luft, ein rascher Ritt wird mir meinen guten Humor wiedergeben.“ Frau van Mossel empfing sie, wie immer, besprach die kleinen Ereignisse in der Nachbarschaft mit ihr, berührte aber mit keinem Worte den fremden Gast, der so große Sensation auf dem Balle erregt. Später trat auch Eduard in den Salon; er war liebens— würdig, aber auch er erwähnte den Lord nicht. Adeline wurde un— geduldig; diese nichtssagende oberflächliche Unterhaltung wurde ihr unerträglich, Frau van Mossel verließ auch nicht einen Augenblick lang den Salon. Ein Blick in den großen Spiegel über dem Pfeilertisch zeigte Adeline, daß sie besonders schön aussah; ihre Wangen glühten von dem scharfen Ritt und ihr schwarzes welliges Haar siel über ihre graziösen Schultern und unter den langen dunkeln Wimpern leuchteten die leidenschaftlichen Augen in verzehrendem Feuer auf. Es wurde dämmerig, da brach sie endlich auf.„Ich begleite Dich,“ sagte Eduard. Ein Ausdruck, siegesgewiß und übermüthig, überflog die schönen Züge. Sie ritten dahin in der Dämmerung, ein Paar, gar schoͤn und jugendfrisch. „Du bist nicht mit mir zufrieden, Eduard,“ sagte sie mit einer Stimme so weich, wie er sie nie gehört. „Das fühlt sich; wir kennen uns so gut,“ antwortete sie leis „Nein, nein, Du irrst Dich,“ rief er lebhaft;„wir wollen uns verständigen und bleiben dann„die Nachbarskinder“ wie früher.“ Sie mußte ihm zuvorkommen, nachher war ihr vielleicht der Weg abgeschnitten.„Ich bin zu Euch gekommen, weil ich mit D sprechen mußte, Eduard,“ flüsterte sie und erhob den strahlenden Blick zu ihm.„Ich bin ein wunderliches, närrisches Wesen, und das, was mir im täglichen Stillleben nicht klar war, das wurde es plötzlich, als die Stunde kam, die ich vorhergesehen mit Bangen und Un—⸗ sicherheit. Der Lord ist verabschiedet, weil mein Herz bereits sich entschieden hat.“ a „Ich glaube, liebe Adeline, Du bist da wieder im Unklaren,“ erwiderte er mit einer Ruhe, die ihr das Blut heiß zur Stir trieb.„Du liebst Lord Graham, darüber ist wohl kein Mensch im Zweifel, der Dich auf dem Balle gesehen hat, und ich am aller wenigsten. Endigen wir in gutem Einvernehmen alle Beziehungen die im Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft bestanden haben. Ich liebe die Illustonen nicht und würde nie ein Mädchen heirathen von dem ich nicht fest überzeugt wäre, daß ich seine erste und einzig Liebe sei. Siehst Du, das ist nun nicht mehr möglich, Adeline Du hast mich hingehalten, weil Du Lord Graham erwartetest und Du hattest mich und mein Werben vergessen, sobald die Dir bekannt Erscheinung sich in der Saalthüre zeigte. Das Alles liegt klar vor mir und Niemand vermag mich zu überzeugen, daß es anders ist. Ich habe eine Nacht zugebracht, wie ich sie Dir nie wünschen möchte; aber der Morgen brachte mir Klarheit und Ruhe. Ich kann Dir ja nicht darüber böse sein, daß Du einem ältern Manne Deine Neigung zugewendet, ehe Du den Jugendfreund wieder gesehen. Deine Erklärung, daß Du Dir selbst nicht klar warst, nehme ich gern als Entschuldigung hin, denn sonst wäre Dein Betragen gegen mich, nimm mir den starken Ausdruck nicht übel, ein infames gewesen.“ 5 Sie hielt ihr Pferd plötzlich an und zuckte mit der Reitgerte auf; ihre Augen sprühten und sie sah ihn einen kurzen Augenblick mit einem Ausdruck des Hasses an, daß er, ganz verloren in da bleiche entstellte Gesicht, vergaß, daß dies dasselbe Weib war, das er sich noch vor wenigen Tagen als den Engel seines Lebens gedach „Fort! Zurück!“ rief sie ihm zu und sprengte mit rasender Ei in die Nacht hinein. Er blieb, wie auf die Stelle gebannt, u murmelte traurig:„So häßlich sollte doch keine Illusion endigen (Fortsetzung folgt.) Auf den Wassern. Novelle von Konrad Telmann. (Fortsetzung.) 2 Der Lieutenant lächelte ironisch und zwinkerte mit den Augen nach seinem Kameraden hinüber.„Und das glauben Sie?“ fragte er. „Warum sollte ich nicht?“ fiel Joseph ein. Seewis schlug ihm auf die Schulter.„Wenn das wäre, würde ich allerdings auch so klug gewesen sein, meinen Vortheil zu er— greifen. Aber man hat Ihnen einen Bären aufgebunden, werther Freund. Vielleicht madame la comtesse selbst? Es sähe ihr nicht so ganz unähnlich, denn—“ Joseph war unwillkürlich erröthet. sagte er unmuthig. Seewis zuckte die Achseln.„Dann kann ich mich Ihnen s deutlich erklären, lieber Meersberg. Die vermeintlichen Hundert— tausende der Helmsteins, die allerdings in Vieler Munde sind, be- stehen— wenn sie bestehen, höchstens im Minus. Ich will jedoch gern annehmen, daß sich die Summe so hoch nicht beläuft.“ „Und woher haben Sie diese Annahme?“ fragte Joseph ver wundert. „Annahme?“ lachte Seewis,„nennen Sie es immerhin ein Thatsache, denn ich bürge Ihnen mit Offiziersparole für ihr Richtigkeit. Ich hegte bereits im verflossenen Winter den be- scheidenen Wunsch, ein paar Hunderttausende und die Gräfin Her⸗ mine zu heirathen, die man allgemein für unzertrennlich ausgab. Ehe ich mich erklärte, beschloß ich jedoch, mir als vorsichtiger a- milienvater in spe Gewißheit über die Höhe der zu erwartenden „Ich verstehe Sie nicht,“ „Warum vermuthest Du das?“ fragte er. Mitgift zu verschaffen. Die Erkundigungen, die ich an den sichersten )—̃— 0 tpunhs vi jvun g un mans 142. Quellen einzog, ergaben das betrübende Resultat, daß das ehemals bedeutende Vermögen des Grafen Helmstein von dessen einzigem Sohne, dem vor einigen Jahren im Duell erschossenen Grafen Philipp, nicht nur vollständig durchgebracht worden, sondern daß die Güter der Familie bereits jetzt derart verschuldet seien, daß es längst zum Ruin gekommen wäre, wenn nicht ein Bruder der Gräfin die ungeduldigsten Gläubiger immer wieder zu vorläufigem Schweigen brächte; über kurz oder lang müsse jedoch das künstlich aufrecht— erhaltene Geheimniß fallen und, wenn die Gräfin bis dahin nicht verstanden, mit der Schönheit ihrer Töchter ein paar reiche Schwieger⸗ söhne einzufangen, so sei es mit der Herrlichkeit zu Ende. Sie können sich vorstellen, wie niederschmetternd diese Mittheilungen für mich waren, der ich selbst eine Finanzspekulation mit dieser Liebe in Verbindung gebracht hatte. Die schönen Lustschlöͤsser sanken ein, und von einem Bewerber degradirte ich mich selbst zu einem Kur⸗ macher, der jetzt der Schönheit aus reinem, von Nebenzwecken freien, Enthusiasmus huldigt.“ f„. Joseph hatte diese Eröffnungen, die ihm gelegentlich eines Be⸗ suchs der drei Herren in dem ersten Kaffee der Stadt gemacht wurden, mit dem höchsten Erstaunen aufgenommen, in das sich ein⸗ ander kreuzende Gedanken über die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen Ernas Benehmen und diesen unerwarteten Enthüllungen mischten. Er war sekundenlang so völlig verwirrt, daß er keine Erwiderung finden konnte und Seewis, in ein lautes Lachen aus⸗ brechend, hinzusetzte:„Das regnet doch nicht auch Ihnen in die Blüthen, amico? Meine Erkundigungen über Ihre Vermögensver⸗ hältnisse haben bisher ein sehr günstiges Resultat ergeben.“ Joseph stimmte gezwungen in die Heiterkeit ein, obgleich ihn eine widrige Empfindung dabei überkam, daß er dachte, die Gräfin könne ihn deshalb so auffallend protegiren, weil sie in ihm einen von den beiden ihr nothwendigen Schwiegersöhnen entdeckt haben mochte. Der Gedanke, daß Erna selbst an dieser Hoffnung theil⸗ nehmen könne, kam ihm garnicht, aber vielleicht lag gerade hier der Schlüssel für ihr räthselhaftes Wesen. Er brach das Zusammensein mit den beiden Offizieren, sobald es möglich war, ab, um so mehr, als sie anfingen, sich in einer Reihe von cynischen Betrachtungen über die Gräfin und andre, gleich ihr operirende Damen der Wiener vornehmen Gesellschaft zu ergehen, und es ihn drängte, mit sich allein zu Rathe zu sitzen. So unangenehm es ihn berührte, sich als das Opfer einer geschickt angelegten Machination zu denken, so wenig fühlte er durch diese Entdeckung seine Empfindung gegen Erna einer Wandlung unter⸗ liegen. Im Gegentheil glaubte er niemals glühender, als in dieser Stunde, das Verlangen nach ihrem Besitz empfunden zu haben. Er sehnte sich nach einem Augenblick des Alleinseins mit ihr, der Alles erklären mußte und nahm bei dem abendlichen Zusammensein im Salon der Gräfin wahr, daß ihre Blicke wiederholentlich mit einer Art Scheu an ihm vorbeiglitten, ja, er glaubte sogar zu bemerken, daß ihre Züge sich um so mehr verfinsterten, je mehr die Gräfin gerade an diesem Tage ihm ihr Wohlgefallen zu er⸗ kennen gab. Dazu sah er hin und wieder Seewis' sarkastisches Lächeln und das Augenblinzeln, durch das er sich mit seinem Kame⸗ raden über ein zwischen ihnen obwaltendes Geheimniß verständigte. Die Situation begann ihm mit der Zeit unerträglich zu werden, jede Spur von Unbefangenheit war hier jetzt verschwunden und er mußte endlich zu einem Ziele kommen. Mit dem festen Entschluß, morgen die Entscheidung zu suchen und diese Unsicherheit zu durchbrechen, welche wie ein Alp auf ihm zu lasten begann, verließ er die Gesellschaft heute früher, als sonst seine Gewohnheit war, von der Gräfin mit besorgten Fragen über sein Befinden entlassen. Er trat, auf seinem Zimmer angelangt, noch einmal auf den Balkon hinaus und sah die sternenflimmernde Nacht sich über ihm breiten. Der Wind summte nur noch leise in den Baumkronen, und die Wellen plätscherten beruhigter am Uferdamm empor. Das Wetter schien sich ausgetobt zu haben. Es kam eine frohe Zuversicht über Joseph. In lachende Träume eingewiegt, durchschlief er die Nacht, und der breite Goldstreif der Sonne drängte sich durch einen Spalt der Jalousien in sein Zimmer, als er die Augen wieder öffnete. Er sprang auf, um den Fensterflügel aufzustoßen und sah den blauen, sonnigen Herbsttag sich über der anmuthumflossenen Land⸗ schaft und dem azurnen Spiegel des friedlichen See's lagern. Er hätte hinausjauchzen mögen in all die lachende Herrlichkeit. Von den vergangenen Tagen war keine Spur mehr in der Runde zu 1 bemerken, selbst die Regenlachen auf den Straßen hatte ein frischer Wind während der Nacht aufgetrocknet, und nur die gereinigte, wohlig zu athmende Luft deutete darauf hin, daß die Natur einen gewaltsamen Prozeß überstanden. Am Himmel war kein Wölkchen sichtbar, in klaren, scharfen Umrissen, scheinbar dem Auge näher gerückt, hoben sich die Bergkuppen in die schimmernde Luft. Die Welt war doch noch einmal schön geworden, ehe der Winter kam. Joseph blickte mit träumender Stirn und einem freudigen Lächeln um die Lippen hinaus. Heute mußte es sich entscheiden.— Er war den ganzen Vormittag in einer Aufregung, die ihn nirgends lange weilen ließ und seine Gedanken in tollem Wirbel durcheinandersagte. Als er an der Mittagstafel Erna zuerst wiedersah,. erschien auch sie ihm schöner und lieb reizender als je, und ein Nachmittags fand man sich zum gemeinsamen Spaziergange zusammen.— Man wanderte am Seeufer entlang, um dann auf Josephs Vorschlag den geschmackvollen Park aufzusuchen, der hinter einer Dependance 9 des Hötels, einer ehemaligen Villa, sich ausbreitete. Ueber eine kleine, eiserne Brücke trat man vom Garten in die dichte Wald⸗ g Lächeln lag auch auf ihren Zügen ausgeprägt. wildniß, in die hohe, epheuumrankte Cypressen den Weg wiesen. Drunten murmelte der vom Regen angeschwollene Bach, in dessen breiterem Bassin sich schwarze Schwäne tummelten, die dunklen Kastanien schatteten mit dichtem Laubdach zur Seite und verstreuten ihre zahllosen Früchte über die von welken Blättern bereits über⸗ Es war eine lauschige Waldeinsamkeit, die nichts unterbrach, als das leise Summen des Windes in den Kronen und deckten Wege. das müde Herabflattern eines bunten Blattes. Der Pfad war so schmal, daß nur zwei Personen nebeneinander gehen konnten, und Joseph hatte sich neben Erna gedrängt, die er in ein Gespräch, dessen Hauptkosten er freilich selbst trug, mit solchem Eifer ver⸗ wickelte, daß er zuweilen stehenbleiben und weitersprechen mußte, während die Uebrigen sich bereits entfernten. Es entging ihm nicht, daß Erna heute nur noch scheuer und zurückhaltender war als früher, und daß sie seine Absicht, mit ihr alleinzubleiben, mehrmals zu verhindern suchte. Aber Er wußte, daß für ihn Alles darauf ankam, heute eine Entscheidung herbei⸗ zuführen, und, sich mitten in einer Reiseschilderung der italienischen Schweiz unterbrechend, sagte er hastig, während die Uebrigen. in einiger Entfernung beieinander standen:„Ich spiele mit Ihnen, Comteß. Mein Mund spricht von Bormio und dem Monte Cevedale, während mein Herz einem anderen Ziel entgegenklopft, und meine 1 Gedanken um etwas Höheres kreisen. Ich werfe diese Maske ab, Comteß, die Sie mich so lange tragen geheißen haben, und zeige mich Ihnen endlich, wie ich bin. Ihre Versuche, mich zurück⸗ zuschrecken, sind nutzlos gewesen, Sie haben wider ihren Willen einen nur unwiderstehlicheren Zauber auf mich ausgeübt.— Lassen Sie mich kurz sein, Comteß, und Alles, was ich Ihnen sagen könnte, in die Worte zusammendrängen: Ich liebe Sie, habe Sie geliebt von dem Augenblicke an, wo mich Ihr Auge zum ersten Male traf, noch ehe ich ein gleichgültiges Wort mit Ihnen gewechselt. Ich hätte Ihnen am ersten Tage bereits gestehen mögen, was ich empfand— jetzt, wo auch Sie mich kennen gelernt haben und wissen, wer Ihre Hand fordert, darf ich es— ich habe Sie nicht über⸗ raschen können, Sie müssen lange geahnt haben, was in mir vor⸗ ging, jeder Blick, jedes Wort hat es Ihnen deuten können— geben Sie mir jetzt eine Antwort, die meinen Zweifeln ein Ende macht, Komteß, sagen Sie mir wenigstens mit einem Händedruck, daß ich hoffen darf.“ Sie stand unbeweglich neben ihm, den Kopf gesenkt und mit dem Stock ihres Sonnenschirms in das lockere Erdreich bohrend. Er sah, wie bei seinen ersten Worten bereits eine dunkle Röthe über ihr Antlitz hingeflammt war, und ein Schreck, den er sich nicht zu erklären vermochte, ihre ganze Gestalt erbeben ließ. Sie sagte auch jetzt noch nichts, da er geendet hatte. Er ergriff ihre Hand, die sie ihm nicht entzog, und wollte sie näher an sich heranziehn, aber sie bog sich hastig zurück und streckte ihm die andere Hand wie ab⸗ wehrend entgegen, und sagte mit leise zitternder Stimme, als ob es ihr schwer werde, auch nur einen Ton herauszubringen:„Sie wissen nicht, was Sie thun— man hat mit Ihnen gespielt— Sie sind getäuscht worden.“ 5 „Getäuscht? womit? Kann soviel Schönheit und Anmuth denn 1 2 n i den n erf de un. n ihn u ah, ein ad 00 de eine 0 un 2 . ald⸗ en. sen flen lten, ber⸗ cs und so und ch, ver⸗ ite, und ihr ite) bei⸗ schen igen nen, dale, leine ab, zeige rück len assen unte, liebt Male ee eee l e 143. täuschen, Komteß? Oder hätten Sie Ihr Herz nicht mehr zu ver— geben? Hab' ich umsonst gehofft?“ Sie schüttelte, immer noch ohne ihn anzusehn, das Haupt. „Nicht ich— aber Sie wissen nicht, daß wir arm, sehr arm sind und daß all dieser Schein nur dazu dienen soll— es ist nicht meine Schuld, aber meine Mutter— ich habe selbst genug darunter gelitten, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll.“ Er lachte glücklich.„Und das sagen Sie mir im Ernst, Komteß? Das sagst Du mir, Erna, die ich liebe? Dann empfindest Du also doch nichts für mich— denn Du könntest sonst doch nicht glauben, ich hätte Dich lieb gewonnen und böte Dir meine Hand an, weil ich diesem Schein geglaubt, der Dich so unglücklich macht? Liebe ich Dich denn nicht um Deiner selbst willen? Sprich mir nicht von Dingen, die unsere Liebe nichts angehn! Was kümmert es mich, ob Du die reichste Königin oder die ärmste Bettlerin bist, da ich Dich liebe und nichts von Dir verlange, als Dein Herz— hast Du mich denn ein wenig lieb, Erna, ein ganz klein wenig?“ Er hatte ihre beiden Hände ergriffen, und sie sträubte sich nun nicht mehr, als er sie näher an sich zog.„Lieber als mein Leben,“ sagte sie und ihr Kopf sank an seine Schulter. „Das ist ja eine malerische Attitüde,“ sagte der Lieutenant von Seewis mit ironischem Lächeln, und deutete nach dem Paar hin— über, das ihnen, da sie den am andren Ufer des Baches entlang— führenden Weg zurück eingeschlagen hatten, nun gerade gegenüber stand. Die alte Gräfin, neben welcher er herging, konnte ein: „Endlich!“ nicht unterdrücken, besann sich aber im gleichen Augen— blick und rief mit dem Ausdruck des Entsetzens hinüber:„Aber Erna! Herr von Meersberg.“ Inzwischen waren Pfuhlstein und Hermine herangekommen, und alle vier sahen nach den Beiden hinüber, die sich, über und über mit Röthe bedeckt, abwandten. Joseph gewann jedoch seine Fassung schnell zurück und über die Schlucht des Waldbachs hinüber bfef er; „Gnädige Frau— mit Ihrer gütigen Erlaubniß: meine Herren, ich stelle Ihnen hier Komteß Erna Helmstein vor— meine Braut.“ Die Gräfin behauptete zwar, in Ohnmacht fallen zu müssen, da aber außer ihr Niemand von der Nothwendigkeit eines derartigen Zwischenfalls überzeugt war, ließ sie es für diesmal noch dabei be⸗ wenden, erklärte aber mit großer Entschiedenheit, daß sie in die Verlobung nicht eher willigen werde, als Hermine Braut sei, da sie die getreuliche Einhaltung der Reihenfolge ihrem verstorbenen Gemahl— hierbei fuhr sie einmal über die Augen hin— an— gelobt habe. 8 Während sie mit den beiden Herren über die Unverbrüchlichkeit eines derartigen Versprechens übers Grab hinaus debattirte, kamen Erna und Joseph Arm in Arm, langsam und in lebhaftem Ge— plauder heran, um nun die Glückwünsche der Uebrigen entgegen— zunehmen, die wohl nur von Seiten der Gräfin völlig aufrichtig und von ungemischter Herzlichkeit waren, da die beiden Offiziere innerlich über das„polizeiwidrige Glück“ ihres Rivalen murrten und Hermine Anlaß genug gehabt hatte, selbst ihre Hoffnungen auf Joseph zu setzen. Weder er noch Erna schienen jedoch die Gratu⸗ lationen auf den Punkt ihrer Herzlichkeit hin zu untersuchen, das Glück, das aus ihrer Beider Augen leuchtete, war so rein und un⸗ verfälscht, daß sie darüber hinaus keiner Empfindung fähig, keines Gedankens mächtig waren. Der Spaziergang war für diesmal unterbrochen, da Alle sich nach einem Alleinsein sehnten und die Zusammengehörigkeit der kleinen Gesellschaft völlig zerstört zu sein schien. Sie schlugen den nächsten Weg zum Hotel ein, wo sie sich trennten. Die Wolken, die so lange um die Berghöhen gelagert und sich endlich zu langanhaltendem Regenwetter zusammengeballt hatten, schienen nun für lange Zeit völlig verstreut. Der Himmel breitete sich jeden Morgen auf's Neue in klarster Bläue über der Landschaft, und der Südost, der die azurnen Fluthen des Sees zu kleinen Wellen gegen die Ufer trieb, versprach beständiges Wetter für die letzten Herbsttage. So goldklar und sonnig, wie die Welt draußen, war die der beiden Liebenden im Innern. Es war, als ob der Bann, der auf Ernas ganzem Wesen gelegen, plötzlich wie mit einem Zauberschlage davon genommen sei; sie erschien so strahlend in ihrem Glück, so munter in ihren Aeußerungen und so hingebend zärtlich, wenn sie mit Joseph allein war, daß dieser sie täglich mehr wie ein ihm unverdient gewordenes Geschenk des Himmels betrachtete, und sich fragte, ob er so vieler Liebe und Hingebung werth sei. Je mehr er jetzt mit Erna allein war, desto mehr erschloß sich ihm ihr ganzes Inneres, und er ward sich dessen klar, was er in ihr an Treue und Reinheit für einen Schatz besaß und für immer erworben hatte. Der Gedanke an das, was unmittelbar vor seiner ersten Begegnung mit Erna geschehen war, kam ihm in diesen Tagen öfter als vorher, vielleicht gerade weil ihn die Erinnerung daran mit einem Gefühl von Schmerz und Scham gleicherzeit berührte. (Fortsetzung folgt.) Lose Blätter. Sturm im Kanal la Manche.(Siehe Illustration). Das befahrenste Meer des ganzen Erdballs ist jenes, welches England von Frankreich scheidet. Die Engländer nennen dasselbe einfach den Kanal, die Fran oi den „Aermel“. Der atlantische Ocean hat Jahrtausende lang gegen die eng⸗ lischen Kreidefelsen gepocht. Endlich brachen sich die schäumenden Wogen, die gewaltigen Sturmfluthen Bahn und es bildete sich jene große Wasser⸗ straße, welche den Ocean mit der Nordsee verbindet. Der schmalste Theil dieses„Aermels“ befindet sich zwischen Dover und Calais. Hier beträgt die Meeresbreite nur 37 Kilometer, und vom Schiffe aus kann man an heitern Tagen bei klarer Luft beide Ufer sehen, das englische und französische. Ist die See unbewegt, so segeln und rudern kühne Burschen in kleinen Böten, die sich auf der Fluth wie Nußschalen ausnehmen, von einem Ufer zum andern. Die Passagiere der großen Oceandampfer haben an solchen Tagen die Empfindung, als befänden sie sich auf einem breiten Strom mit schönen Ufern, den kein Sturmwind jemals stark bewegen könne. Da schimmern so hell die Kreidefelsen des Inselreichs, da wehen die britischen Fahnen von den stolzen Zinnen der Veste Dovers, da liegt der tiefblaue Wasserspiegel so glänzend und schillernd vor uns, wie ein fester Schild, da grüßen uns aus den kleinen Barken braune Fischer und junges Volk, das dem Segelsport ergeben ist— alles das muthet uns so freundlich, so behaglich und vertrauensvoll an, daß wir glauben, Neptun verzichte auf die Herrschaft dieser Meerenge. Und doch ist gerade der Kanal von furchtbaren Stürmen heim⸗ gesucht und von den Seefahrern mit Recht gefürchtet, denn Tausende von Fahrzeugen sind hier bei stürmischem Wetter gescheitert oder auf den Strand e Wetterfeste Seeleute empfinden ein geheimes Bangen, wenn im Kanal ein Sturm losbricht, und alte Schiffskapitäne versichern uns, daß sie die meisten schlaflosen Nächte im Kanal verbracht haben. Außer den Klippen und Untiefen sind die Zusammenstöße mit andern Schiffen bei „dickem“ Wetter zu fürchten und wenn dichte Nebelschleier Meer und Land umhüllen, so ertönen auf den Dampfern unaufhörlich die grausig⸗schmettern⸗ den Signale der Nebelhörner. Unsere Original-Zeichnung führt dem Leser 19 vors Auge, welche im Angesicht von Dover mit Wind und Wogen ämpfen. In welche vertrauensvolle Stimmung uns an sonnigen, windstillen Tagen der Kanal versetzen kann, dafür mag folgendes Erlebniß depnn, Im Jahre 1876 fuhr ich auf dem Bremer aner„Donau“ durch den Kanal, and wir passirten bei herrlichem Wetter auf völlig unbewegter See Dover. Ich betrachtete an der Seite eines weitbekannten Pianofabrikanten die majestätisch auf hohe Ufer gelagerte Stadt, und mein Begleiter war derart erbaut von der heiter schönen Fahrt, daß er im Dialekt seiner sächsischen Heimath in die Worte ausbrach:„Nu heeren Se, mein kuter Landsmann, eens gann ich Sie meiner Seele nich begreifen, nämlich, daß die Kuldur— Menschheit so lange gebraucht hat, um Amerika zu entdecken. Wenn mer schon Schiffe hatte, was wärsch dann so großes g'wesen, een Bischen nach Amerika nüber zu sägeln? Ich kann Sie nich begreifen, daß mer heit⸗ zudage een son Wesen aus den Columbus macht!“ In der Nacht, da die„Donau“ die Needles passirte, brach ein Sturm los und ließ uns bis zum Morgen alle Schrecken und Leiden einer Fahrt bei wildbewegter See durchkosten. Als ich nach dem Frühstück auf Deck ging, lag vor uns der weite Ocean mit seinen schäumenden tobenden Wellen— bergen ausgebreitet. Langsam kroch einer der seekranken Passagiere nach dem andern die Schiffstreppe herauf, Unter den Letzten befand sich unser sächsisch redender Klavierfabrikant. Sein Gesicht war fahl und gelb, seine Züge schlaff; wankend tastete er nach der Ballustrade und seufzte beim An— blick der rollenden Wogen tief auf. „Nun,“ rief ich ihm zu,„wie denken Sie jetzt über die Entdeckung Amerikas?“ s Der Seekranke riß weit die Augen auf und rief im Tone der Reue: „Ei Herrjeses! Allen Respekt vor den Columbus, allen Respekt!!“ Die Landratte war zur Einsicht gekommen, daß sie die Annehmlichkeiten einer Seereise überschätzt hatte. R. E. Ein Geistlicher in einer kleinen Stadt sandte seinen Ausläufer, einen halb blödsinnigen Burschen, eines Sonntags Morgens zu dem Fleischer, um einen Braten zu holen. Der Schlächter verweigerte aber das Geforderte, bis die frühere Rechnung beglichen sei. Während dessen stand der Geistliche auf der Kanzel und hielt seine pathetische Predigt. Als der Ausläufer ein⸗ trat, deklamirte der Prediger:„Was sagte aber der Ungläubige?“ Der Bursche glaubte, sein Herr redeke ihn an und antwortete:„Der Fleischer hat geschrien: Sie sollen erst Ihre Schulden bezahlen, ehe Sie neue machen.“ f W. G. 8 Rösselsprung. sinnt ter bild nem den⸗ die ju- er⸗ an hängt als mut⸗ gend⸗ last bist mut⸗ warst ihr dich ge⸗ dei⸗ bee wenn noch drückt ein blieb weißt um- aug' drum wie als al⸗ kein wahrst gen⸗ fast ter- manch' kind Du glaub' lem sei be⸗ warm dich dich schaft fromm wenn ihr fängt ein glückt dein arm N lieb' und sor⸗ du seel lind daß trost durch- hoch sonst 1775 hegt freund! em weh sie kein wenn dich herz T ber- dringt und 155 auch 1 100 al⸗ 1 8 8 5 ter thaut so ein und ob dich treu⸗ und dich bes als doch dich N 8 1 0 1 0 him⸗ er⸗ her⸗ so lein mut⸗ daß traut bend le— in höh' zur dich ster⸗ des dei-⸗ mels⸗ seg⸗ bens greist Sprichwörter-Räthsel. Aus folgenden sechs Sprichwörtern ist je ein Wort z sechs erhaltenen Wörter bilden wieder ein Sprichwort. 1. Viele Hunde sind des Hasen Tod. 2. Viele Köpfe, viele Sinne. 3. Geduldige Schafe gehen viele in einen Stall. 4. Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. 5. Auf einen Hieb fällt kein Baum. 6. Mit dem Hut in der Hand kommt man durch das Dreisilbige Charade. Die ersten Beiden beherrschen die Luft, Bald freundlich, bald mürrisch gestaltet; In Berges Tiefen, in finsterer Gruft Verderblich ihr Wesen oft waltet. u wählen. Die ganze Land. Sie scheinen zu schlummern, doch schlafen sie nicht, Sie harren, und wehe dem Armen, Der sorglos sich naht mit der Flamme Licht, Sie tödten ihn ohne Erbarmen. Der Dritten giebt es gar mancherlei Art, Sie dient zur Waffe den Thieren, Und wem zum Geschenk vom Weibchen sie ward, Der kann sie nicht wieder verlieren. Das Ganze erbebt sich zur schwindelnden Höh', Und zeigt uns verschied'ne Naturen, Sein greises Haupt ist weiß vom Schnee, Umringt von den lachendsten Fluren. Auflösung des Silben-Räthsels in voriger Nummer: Du hast Diamanten und Perlen, mein Liebchen, was willst du(noch) mehr!? 2. Utah. 3. Haase. 4. Abraham. 5. Schwertfisch. 1. Dromedar. 6. Tehuantepee. 7. Dido. 8. Indischer Ocean. 9. Aargau. 10. Martinswand. 1 J. Albert. 12. Nepos. 13. Tarantel. 14. Eringerthal. 15. Nikopoli. 16. Ustrow. 17. Neusüdwales. 18. Delta. 19. [LI GI e 6 Os K E S EI aalzow. 20. Erlangen. 21. Nose. 22. Lech. 23. Ein Nabob. 24. Niederlande. 25. Maz 5 1 5 zini. 26. Emil. 27. Irmin;— des Räthsels: Die Augen;— des Magischen Quadrates: Problem Nr. 385, 5 von G. Heinrich in Radomitz. Schwarz. 2. 2 e 5 f n 3 5 * N N N — Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge Matt. Partie Nr. 221, gespielt in New⸗Jork am 3. März d. J. als zwölfte des Wettkampfes(nach dem Mirror o American Sports mit den Anmerkungen von Mackenzie.) Weiß: W. Steinitz. Schwarz: J. H. Zukertort. 1) e2—e4 7 eh 23) 8b4—- d3: b7- b 2) 8g1 13 SbSs-c 24) Teles) KfS-f? 3) LIfI—b5 8g8—f6 25) Tal—el 1dS 4) 0—0 Sk6— ea: 26) 8Sds—b4 7—g5 5) Jf1—el Sea d 27) LfA- g3 16— 6) St3— es: LfS e 28) 2-14 C665 7) Lb5-c6: 1) d7-c: 29) Sba4-c6-d: 8) Dd!—e2 Les-e?) 31 3-d: Kf7 9) d2—43 8d6 1558) 31) Tes-es Sb5- da 10) 8b1-d29 0—05) 32) 86d: Td7- d 10 2e 78-es 33) Te5—förf K 8- g7 12) Sd2—e4 DdS- d5 34) f4—g5: Le7- c5 12) 13) Le- Tas-d 35) 75 cb: Tes elt 14) da-d4 815—d66) 36) Lg3 el: b6 cb: 15) Se4—c5 Lee 37) Lel es Kg7—g6 16) Sc5—4d3 1716 38) Le3-d:-d: 17) 8d3- b4 Dd5—b5 39) b2—b4 Kg6—5 18) De2 bs: Sd6—bö: 40) Kg 2 Kf5 ed 19) Se5— ds Le8 5 41) K 2—e2 7e 20) az a4 Sb5—d6 42) b2—b3 Ke4- eß 21) al-aß“) Sd6é6—bõ 43) Ke2—d3 Ke5—f4 22) aß a6 Lf5- ds 44) b3—b4 aufgegeben.“ — 1) Mit Rücksicht auf die Theorie, daß zwei Läufer stärker sind als zwei 8 Be 0 Steinitz dem Abtausch von Läufer gegen Springer, besonders im Anfange der Partie, Allgemeinen nicht hold. In dem nächsten Zuge, der Schwarz an der Rochade verhindert, mag indessen in diesem Falle die Erklärung für den Abtausch zu finden sein. 2) Die Rochade ging nicht an wegen 9) Set:— 3) Auch jetzt durfte Schwarz nicht rochiren wegen 10) 86. 5 4) Der nakürlichere Zug war Setz, aber vielleicht wollte Schwarz sich 2—cz frei halten. 5) Auf sda geht die Dame nach di zurück und bei der ersten Gelegenheit wird der Springer durch 02—os wieder vertrieben. 8 6) Der Versuch, den Doppelbauer durch 6—o5 abzulösen, würde an dem Nehmen d Bauern scheitern, da wegen der Entgegnung Tadt der Läufer nicht wiedernehmen darf. 2 7) Ein ausgezeichneker Zug, der a— a5 hindert und die Bauern des Gegners auf der Damenseite zu sprengen droht. 5 5 8) Die Absicht des Gegners, den o-Bauern vorzustoßen, wird hierdurch wirksam verhindern 9) Diesem Zuge darf der Verlust der Partie zugeschrieben werden; er hält den schwarze Läufer gefesselt und gestattet dem Springer, das wichtige Feld bt einzunehmen.— 10) Der Ansturm dieser Bauern scheint Weiß nicht um seine Ruhe gebracht zu haben, vielmehr sah er ihn wohl als das letzte Aufgebot der Kräfte an. 5 11) Nimmt der Springer den BDamenbauer, so folgt Schach auf ebd. 12) Der Scharssinn der Verzweiflung Nimmt Weiß aus Versehen den Thurm, f. 1920 11 durch Doppelschach[auf 35) Lesf würde Kg zu Gunsten von Schwarz ent⸗ eiden]. 5 13) Weiß nimmt nun ungehindert die Bauern auf der Damenseite, während der Bauz h4 burch g2—g3 zu decken ist; denn nimmt Schwarz den Bauern g3, so kommt durch ha nebst⸗g5—g6 ic. ein Bauer zur Dame. 5 as Getränk der Schachspieler. Eng ische Zeitungen erzählen, daß den An⸗ bängern der beiden Kämpfer des eben beendigten Matches während der ganzen Zeit eine Sorge aus der Frage erwuchs, mit welchem Getränke sie die Spielenden während der halbe Tage dauernden Partien laben sollten. Der Wein bringt zu viel Hitze, das Bier macht schläfrig, Limonade und Mandelmilch sind bei so erregtem Zustande lächerlich, Kaffee und Tbee in Massen genommen der Gesundheit schädlich. In dieser wicht gen Angelegenh wandte man sich an den bekannten amerikanischen Arzt Pr. Basly, und dieser empfahl e Drittel Champagner mit zwei Drittel Sodawasser gemengt. Diese Erfrischung, in Eis ein gehüllt, ward nun den Spielenden fleißig gereicht und dieselben ließen sich das Getränk recht gut schmecken. 5