ym Au her Güte, tung. In r speisten 0 . keit. inger, ezwinger, cken— eid, chmücken. mann. g. stent Dr. kahr.— katthäus⸗ usfeld.— Feier des Kinder⸗ Bechtols⸗ cahr.— des heil. Bechtols⸗ feld.— ohannes⸗ asen vom ge bur 25 5—̃ ge Himmel weisen will! Dort ist die Schule tmeldung fingsttag, 22. Mai ett. Betr. Sonntag, t Schau⸗ iheres in n. einsamer tag. Fa⸗ „daselbst hr Ecke Führung: indruckerei Gewächs n Kasta⸗ onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Ir. 21 Gießen, Trinitatis, den 30. Mai 1920 9. Jahrg. Volkes! Wie Nachdruck verboten. Das Vild des Lehrers. Erinnerung von D. Karl Hesselbacher. Und wenn ich kein Prediger wäre, so weiß ich keinen Stand auf Erden, den ich lieber haben möchte als den Lehrer⸗ stand. Martin Luther, Tischreden. Erinnert ihr euch noch des Tages, an dem ihr den ersten Gang in die Schule getan habt? Ach, das Bangen! Die kahlen Zim⸗ mer in Schulhause und die vielen fremden Gesichter!— Aber unser Lehrer wußte uns all die Angst zu verscheuchen. Er setzte sich mitten unter uns und erzählte uns eine Geschichte. Mir ist, als hörte ich sie heute noch. Es war die Geschichte vom zwölf⸗ jährigen Jesuskind im Tempel zu Jeru⸗ salem. Wie der Knabe im Tempel gesessen ist und die großen Augen auf die Lehrer gerichtet! Wie er nicht genug hören konnte von all den wunderbaren Geschichten seines sie ihm vom lieben Gott sprachen, der die Vögel speist und die Lilien kleidet! Wie die Posaunen in dem Tempel bliesen und die Lieder der Frommen durch die weiten Hallen klangen! Von dieser Stunde an hatte ich den Lehrer in mein Herz geschlossen. Seine Stimme klang so herzlich, und aus seinen Augen strahlte eine Freude, die aus einem tiefen Herzen quoll. Dem spärte man es an: Er hatte die Kinder lieb. Wer so von einem Kind erzählen konnte, der hatte den Kindern in die Seele geblickt. Damals habe ich dunkel geahnt, was ich jetzt weiß: Ein rechter Lehrer ist ein Mann, der in jedem Kind, das zu ihm in 1 die Schule kommt, ein Gotteskind sieht und diesem Gotteskind den Weg zum Vater im nicht ein trockner Drillplatz, in dem den Kindern der Kopf mit tausend und aber⸗ ktausend Dingen vollgestopft wird, und nicht ein ödes Einerlei, in dem jeder Tag mit Rechnen und Schreiben und Naturkunde und allen möglichen andern Dingen ausge⸗ 5 füllt wird, sondern ein lachendes Gefild, auf dem jedes Kind mit Freuden wandert. Dort, wo Anfang und Ende aller Arbeit ein Blick in den Himmel ist. Warum klagen so viele Eltern darüber, daß die Kinder in 1 der Schule müde und unlustig werden? Warum sehnen sich Hunderte von Kindern aus den Schulbänken heraus? Weil keine edle und reine Luft darin weht! Weil sie er⸗ drückt werden von dem Vielerlei, das sie nicht bewältigen können! Das war bei uns nicht— denn unser Lehrer war einer, der bei dem seligen Seminardirektor Stern in Karlsruhe erzogen worden war. Und bei diesem gesegneten Mann hatte er etwas bekommen, das auf uns einströmte wie ein milder Himmelstau auf die Pflänzlein, die nach labender Spende lechzen; das war eine tiefe echte Frömmigkeit. Sie lachte aus seinem ganzen Wesen. Die gab ihm die Milde, mit der er sich der Allerungeschick⸗ testen mit besonderer Freude annahm. Die gab ihm die Geduld, die auch bei den Trotzigen und Harten nicht brach, die gab ihm die Freundlichkeit, die über alles Ver⸗ kehrte und Unsinnige gütig lächelnd hinweg⸗ sah, die gab ihm die Wundergabe, mit der er uns den Mut machte: Getrost! Das nächste Mal geht es besser. Es war einer, der in die Schule des Herrn Christus gegangen war und in dieser Schule feine Fin zer und ein feines Herz bekommen hatte. Er brauchte keinen Stock. Er mußte uns nur anschauen. so betrübt und schmerzvoll, wenn wir etwas Unrechtes getan hatten, und die Köpfe der Schuldigen senkten sich und die Herzen der Leidenschaftlichen pochten, und alles war gut! Da sprang das Brünnlein der Stadt Gottes auf die Lebens⸗Au der Jugend mit silberner Helle und erquickte uns für ein ganzes Leben. So gern haben wir nie mehr unsere Lieder gelernt als bei ihm. Wenn er uns vorsprach:„Wach auf mein Herz und singe!“ — da sang wirklich sein eigenes Herz mit. Es war, als sähen wir den Dichter selber, wie er am frühen Morgen an seinem ge⸗ öffneten Fenster stand und in den goldenen Morgen hinausblickte und aus allen Fluren die Perlen des Taues blitzten und über allen Gärten die Vögel ihre Jubelstimmen erschallen ließen und Gottes Güte wie die lichte Sonne über die erwachende Welt leuch⸗ tete! Das Lied ist mir lieb geblieben wie kaum ein anderes, weil ich die Herzens⸗ klänge immer noch höre, die aus des Leh⸗ rers Mund strömten. Habt ihr schon einmal das bedacht, wie⸗ viel euch mitgegeben ist ins Leben mit den Liedern, die in der Kinderzeit durch euer Leben gezogen sind? Manch einer hat ge⸗ stöhnt über das viele Lernen! Aber mir ist immer noch der alte Nettelbeck, der Retter Kolbergs, vor Augen, der in seiner Lebens⸗ beschreibung erzählt hat: Alle Sonntage mußte er ein Kirchenlied lernen, weil seine fromme Großmutter das verlangte. Er wußte nicht warum! Aber als er später in Sturm 2— 8 und Not mit seinem Schiff über den Ozean fuhr und auf der Kommandobrücke stand, während die Segel in Fetzen rissen und das Schiff sich auf die Seite legte, da quollen die alten trauten Lieder durch sein Herz und trösteten ihn, wie eine Mutter ihr Kind tröstet, und er wußte sich in des treuesten Vaters Hand mitten in der finsteren Nacht. Und in langen schlaflosen Nächten, in denen ich selber vor Jahren liegen mußte, haben die herrlichen Verse aus dem Gesangbuch mir wie ein Harfenlied im höheren Chor Sorgen und Bangen verscheucht und eine tiefe heilige Stille durch die bösesten Stun⸗ den gebreitet. Das war die Arbeit des treuen Lehrers, der uns diese Lieder ins Herz geprägt hat, einen Schatz, ohne den ich nicht leben möchte! Und wie konnte er erzählen! Eine Stunde ist mir unvergessen geblieben. Er erzählte die Geschichte von Gethsemane. Als er schil⸗ derte, wie der Herr zu seinen Jüngern kam,„könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen? da bebte seine Stimme, und in seinen Augen lag ein tiefes Schimmern, wie von einem unendlichen Leid. Da ver⸗ schwand die fröhliche bunte Welt vor meinem Auge. Ich sah nicht mehr nach dem Fenster, an dem der blühende Hollunderstrauch stand und seinen süßen Duft durch die Schul⸗ 8 fluten ließ, ich sah nur den dunkeln elgarten im fernen Jerusalem und den Schönsten aller Menschenkinder, verlassen von den Letzten, die ihm lieb waren, mutter⸗ seelenallein, auf sein Angesicht niederge— funken und mit einem qualvollen Herzen zu dem Vater emporschreiend,„nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ Als ich später einmal das gewaltige Bild von Albrecht Dürer sah, Jesus auf dem Angesicht lie⸗ gend, den Leib in furchtbarstem Weh an den Boden gekrampft, stieg die Erinnerung an jene Stunde in der einfachen Dorfschule wieder in mir auf. Dort habe ich des Hei⸗ lands tiefstes Weh,„der Menschheit ganzen Jammer“ in der Seele des Gottessohnes, mit der Kindesseele zu ahnen vermocht. „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben!“ Sie haben die Brünnlein erschlossen, die in der Gottes⸗ stadt springen. Und die Schule ward ein Gottesgarten, durch den wir gegangen sind mit beglückter Seele! Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 23. Gießener Familienleben in drei Generationen. (Fortsetzung.) Da Landau, diese alte berühmte Festung, nur zwey Stunden von hier entfernt ist, so hatte ich große Lust, an den andern Tag eine Promenade dahin zu machen, allein, meine Reisegefährten stimmten nicht zu, und so mußte ich ihr entsagen. Was mir hier auffiel, war, daß man nach dem Mittag- Essen, wenn man jemand grüßte, nicht wie bey uns„guten Tag“ sondern„guten Abend“ sagte, und so am frühen Morgen guten Tag, und dies ist in der ganzen Pfalz ziemlich allgemein. Da es gerade heut; Samstag war, und unsre Füße durch das viele Gehen etwas gelitten, so beschlossen wir, diesen Tag zum Ausruhen anzuwenden. In den Weinbergen wurde indessen nicht gefeyert, das Getümmel von den Winzerh und den Traubenkarren waren eben so groß, wie Tags vorher. Der schöne heitre Morgen lockte uns auch bald ins Freye. Wir ver⸗ folgten einen Weg, der sich zwischen Wein⸗ bergen hinschlängelte und kamen so durch ohngefähr an einem schönen Dorf, nahmens Rhodt, welches eine Viertelstunde von Edi koben liegt. Wir nahmen daselbst ein Früh⸗ stück ein, und erfuhren, daß das dasige Gewächs schon besser und theurer ist wie in Edikoben. Bey unserer Zurückkunft sagte man uns, daß in Neustadt an der Hardt heute große Festlichkeiten seyen, indem der Herbstball gefeyert würde, diese Nachricht bestimmte uns eiligst aufzubrechen und unser Hauptquartier in das 4 Stunden entfernte Neustadt zu verlegen. Der Weg war einer der angenehmsten, den man sich denken konnte. Steets am Fuß des Gebürges, zwischen Rebenland, führte er uns hin. Die Arme durfte man nur ausstrecken, um sich an den köstlichen Trauben zu laben, welche in Men⸗ gen am Wege hingen. Wie glücklich ist doch diese herrliche Gegend, dachte ich, und welche große Vorzüge hat nicht die Natur ihr gegen unser Kornland gegeben, aber in der Folge erfuhr ich, daß ich Unrecht gehabt, die Weingegend glücklicher zu preisen als unser Fruchtland. Im allgemeinen ist der reichere Gutsbesitzer blos derjenige, der sich glücklich fühlt im Weinland. Kommt ein gutes Jahr, so kann er seine Weine aufheben, und wenn sie gealtert, mit gutem Nutzen absetzen, hingegen der wenig bemittelte selbge gleich verkaufen muß. Schlägt nun gar die Wein⸗ lese fehl, so hat der Weinbauer garnichts, wohingegen in schlechten Frucht Jahren doch bey allem Mißwachs immer noch eine Frucht geräth. Und wie mühsam ist die Arbeit des Weinbauers, wenn er in der schwühlen Hitze den Mist auf dem Buckel in die steilen Wein⸗ berge tragen muß, kurz, ich dankte der gütigen Natur, daß sie alles weislich ein⸗ gerichtet. Gegen Mittag kamen wir in Mai⸗ kammer an. Das Ohngefähr brachte uns in das Wirtshaus, wo gewöhnlich die hiesigen (Gießener) Weinhändler Seipp und Asmus einkehren; wir wurden dadurch sehr freund⸗ schaftlich behandelt. Der hiesige Wein ist mittelmäßig. Da Frech hier einen Wein⸗ einkauf machen wollte, so zogen wir mit dem Weinsticher von Keller zu Keller und probten. Von hier führte man uns nach Alsterweiler einem einige hundert Schritte von hier ent⸗ sernten Ort, wo denn Frech einen Handel abschloß. Gegen 4 Uhr Abends kamen wir — in Neust liegt in Bergen, vorzüglie genießen einen ne ein altes Aussicht altes M. 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Dieses niedliche Städtchen liegt in einem tiefen Thal, eingeengt von Bergen, seine Weine sind nicht von den vorzüglichen. Um eine schöne Aussicht zu genießen, bestiegen wir noch denselben Tag einen nahen ziemlich hohen Berg, worauf ein altes Schloß hervorragte. Die herrlichste Aussicht lohnte trefflich unsere Mühe. Ein altes Mütterchen, welches hier oben im Schloß wohnt, kam uns entgegen, und erbot sich, uns umherzuführen. Wir nahmen dank⸗ bar sein Anerbiethen an. Es führte uns erst im Schloß umher, dann in den Garten, wo wir schönere Anlagen fanden, als wir ver⸗ muthet. Jetzt zeigte es uns eine Grotte, worin ein Eremit neben seinem Strohlager, an einem Tisch saß, vor sich hatte er ein großes Buch liegen, worinnen jeder Reisende der diese Einöde besucht, seinen schreibt. Während wir mit dem Einschreiben der unsrigen beschäftigt waren, zog das Mütterchen außerhalb an einem Seil, wo⸗ durch ein heftiges Getöse entstand, welches dem Rollen des Donners sehr ähnlich war. Wir erschraken nicht wenig, in dieser öden Grotte. Als das Getöse aufhörte, hatte das schalkhafte Mütterchen die Thüre hinter uns zugeschlagen, wodurch ein schauerliches Dun⸗ kel um uns her herrschte. In der Erwartung, was mit uns gemacht werde, öffnete sich auf einmal auf der entgegengesetzten Seite eine Thüre mit starkem Geklingel und Ge⸗ prassel, und ein Engel sprang herein bis bey den Eremiten. Jetzt kam das Mütterchen wieder und freute sich über den Schrecken, den es uns verursacht hatte. Auf dem äußer⸗ sten Gipfel des Berges liegt ein Pavillon, wo man die weinreichen Fluhren dieser schönen Gegend mit einem Blick übersehen kann. Be⸗ friedigt kehrten wir zurück. Der mondhelle Abend machte die Straßen äußerst lebhaft. Ueberall strömten Gruppen beyderley Ge⸗ schlechts einher, und wir fanden Ursache, die Anmuth des hiesigen schönen Geschlechts zu bewundern, dessen lebhafter Gang verbunden mit der Grazie ihres Körpers sich vorteilhaft auszeichnete. Auch hier befand sich eine Menge Weinhändler, welche das Fallen der Preise abwarten wollten, wodurch die dasige Gegend sehr lebhaft wurde. Wirklich war abends ein großer Ball hier, allein die Er⸗ müdung nöthigte uns ihm zu entsagen. (Fortsetzung folgt.) Urgroßtantens RNaritätenschrank. Von Helma Esselborn. (Fortsetzung.) Jetzt holte mein Vater die Papiere hervor, die ihm die Bäuerin gebracht hatte, und fand darin die alte Geschichte: Anitas Mut⸗ ter stammte aus guter Familie. Blutjung war sie gegen den Wunsch ihrer Eltern einem jungen Geigenkünstler, der sie 5 5 sein Spiel gewonnen hatte, heimlich nach Paris gefolgt. Dort hatten sie zusammen ge⸗ 883 1 Namen darbt, gespielt, getanzt, und dann kam das große Glück: sie wurde eine gefeierte Tän⸗ zerin. Doch als nach Jahr und Tag die kleine Anita erschien, war's mit der Mutter Ruhm vorbei. Sie blieb leidend und konnte nicht mehr auftreten. Der Vater, unwillig über das Mißgeschick, ertränkte seinen Kummer in Wein und Schnaps. Er hatte es bequem ge⸗ funden, sich von der Frau ernähren zu lassen, und sein Spiel hatte infolge davon nicht die Vollendung erlangt, die man erwartet hatte. Er sank immer tiefer und eines Tages war er weg und kam nicht wieder. Da pochte die Not an die Türe, und um einige Groschen zu erwerben, tanzte die arme Mutter kleine Tänze in den Kneipen der Vorstadt, tanzte trotz des Arztes Verbot, tanzte sich zu Tode. Sie sank eines Abends leblos zusammen. Unbekannt wurde sie begraben; denn nie⸗ mand hatte ihren Namen dort erfahren. Ihr kleines Kind, das sie stets mit sich brachte, konnte noch keine Auskunft geben. Nur ein Bündel Papiere, das sie bei sich trug, gab schließlich Aufschluß über ihre Herkunft. Der Wirt behielt die Kleine bei sich. Als diese bald darauf der Direktor einer fahren⸗ den Seiltänzertruppe gesehen hatte, wie sie in kindlichem Spiel zierlich und mit Grazie tanzte, da bat er, sie ihm zu überlassen, da⸗ mit er sie im Tanzen ausbilde. Der Wirt ließ sich nicht lange bitten und übergab die Kleine dem neuen Pflegevater mitsamt dem Päckchen Papiere, nachdem er noch das traurige Ende ihrer Mutter dazu geschrieben hatte. Dies war das einzige Vermächtnis, das die Kleine, die nach dem Taufschein Anita hieß, von ihrer armen Mutter erhielt. Die Kleider mußten zur Begleichung der Leichenkosten bleiben. Nur ein kleiner Fächer aus Elfenbein, zierlich geschnitzt, der aus der Glanzzeit der schönen Tänzerin stammte, blieb achtlos bei dem Päckchen Briefe liegen. Es war derselbe, der Anita bei ihrem Ab⸗ sturz im Gürtel stak, und der jetzt bei den Papieren in meines Vaters Schreibtisch lag. Monate waren vergangen, Anita war Hansjakobs Tochter geworden, die Schram⸗ men waren längst geheilt, und das liebliche Gesichtchen schaute jetzt mit roten Backen, die zu den schwarzen Aeuglein gar gut standen, gesund und schmuck aus. Das wider⸗ spenstige Kraushaar wurde von Mutter Margret gar säuberlich mit Bürste und Wasser behandelt, in Zöpfe geflochten, stand aber trotzdem trutzig ums Köpfchen herum. So merkte man nichts von den Folgen des schauerlichen Sturzes, den Anita getan hatte, doch wenn sie aufstand und ging, sank die eine Hüfte tiefer herunter, und der eine Fuß schleppte leicht nach. Gleichwohl ent⸗ behrte ihr Gang der Grazie nicht.„Sie schwebt, obgleich sie hinkt“, so sagte mein Vater einmal von der Kleinen. Anita war ein richtiges Dorfkind gewor⸗ den. Sie ging jetzt in die Schule, spielte mit uns allen, und jedermann hatte sie gern. Alle hatten ihr Mißgeschick miterlebt, alle hatten Mitleid mit der Kleinen gehabt, kurz, alle nahmen ein Stückchen von Anita für sich in Anspruch, sie war das Kind des Dorfes geworden. Es war nach Jahr und Tag. Anita war längst mit uns eingesegnet worden. Mein Vater hatte sie damals von ihrer Herkunft unterrichtet, doch blieb ihr nicht viel davon haften. Vater Hansjakob und Mutter Mar⸗ gret waren ihre Eltern. Sie wünschte sich keine andern und wollte von andern nichts wissen, sehr zur Befriedigung der braven Bauersleute, die somit den schönsten Lohn für das, was sie getan hatten, ernteten. Wie jedes Jahr, so war auch heuer Kir⸗ mestag, und abends wurde flott getanzt. „Still, Anita tanzt!“ so konnte man es hören, und alles blieb ruhig stehen und ließ das eine Paar sich drehen, solange es wollte. Ja, es war etwas wunderbares, sie tanzte, tanzte trotz ihres Gebrechens so wundervoll, daß man ihr allein das Feld überließ. Es tanzte aber auch alles bei Anita mit, nicht nur die Füße, der ganze Körper ging im Rhythmus auf. Von ihrem Fehler merkte man dann gar nichts, sie konnte sich dann so sehr zusammennehmen, daß es niemand geglaubt haben würde, dem man gesagt hätte, das Mädchen habe ein kürzeres Bein. Freilich sah es Mutter Margret nicht gern: denn später mußte das Mädchen das Ver⸗ gnügen schwer büßen. Sie litt tagelang Schmerzen nach solch einem Tanzen. Aber sie konnte so unwiderstehlich bitten. Es war ihr größtes Glück, tanzen zu dürfen, „tanzen bis zum Umfallen“, sagte sie mir einmal. i Was das Kind versprochen, hatte die Jungfrau gehalten. Anita war ein wunder⸗ schönes Menschenkind geworden, und ihre Pflegeeltern waren nicht wenig stolz auf sie. Daß auch die Burschen im Dorfe Augen im Kopf hatten und die vollerblühte Dirne gern sahen, mag jeder verstehen. Und wenn auch manch greiser Bauernschädel bedenklich von hergelaufenem Volk sprach, so warf des Hansjakobs Wort, daß er Anita als Hof⸗ tochter betrachte, falls sie ihm einen Schwie⸗ gersohn nach seinem Gefallen brächte, auch diese Bedenken über den Haufen. Das Mädchen hatte einen sanften, gefügi⸗ gen Charakter. Schon als Kind war sie leicht zu leiten, und ihre Erziehung hatte nicht viel Schwierigkeiten gemacht; im Gegenteil, eine gewisse Aengstlichkeit legte sie erst nach Jahren langsam ab. Daß es deshalb nicht schwer hielt, Hansjakobs Neffen Michel, der zudem einer der schmucksten Burschen im Ort war, Anita als zukünftigen Gatten hinzustellen, ist leicht zu verstehen. Die beiden jungen Leutchen galten denn auch schon als Paar, und Michel, der ernstlich verliebt in sein frisches Mädel war, drängte zur Hochzeit. Da geschah es, daß eine Gauklergesellschaft in den Ort kam. Wiederum erschienen die 8 wohlbekannten grünen Wagen mit ihrem schäbigen Glanz und Flitter. Sie blieben acht Tage da, und Abend für Abend gab's Vorstellungen mannigfacher Art: Messer⸗ werfen, Ringkämpfe, kurz allerhand Schnick⸗ schnack, wie es fahrend Volk vorzuführen liebt. Seiltänzer waren nicht dabei, weil der alte Bürgermeister seit jenem Unfall dazu 5 9 die Erlaubnis nicht mehr gab. Anita war Nachdruck wie behext von den Darbietungen. Sie fehlte keinen Abend, und Michel klagte offen, daß ihn die Sache langweile, aber gutmütig be⸗ gleitete er sein Mädel trotzdem stets wieder auf den Festplatz. Besonders eine Nummer erregte ihre Aufmerksamkeit und ihr Ent⸗ 74 zücken: ein Eiertanz, den ein junges Mäd⸗ chen mit Grazie stets als Schlußeffekt auf⸗ führte. Zwei Tage, nachdem die Gaukler den Ort verlassen hatten, war Anita verschwunden. Der Jammer der alten Bauersleute war un⸗ beschreiblich. erfolglos. Mutter Margret weinte sich bald die Augen aus. Ihr Kind blieb verschollen und verschwunden.(Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Die Volkskirchliche im Markussaal eine Versammlung ab, in der Landgerichtsrat Neuenhagen ein anschauliches Bild über die Ver⸗ handlungen des Landeskirchentags in Darmstadt gab. An den interessanten Be⸗ richt schloß sich eine sehr eingehende Aus⸗ sprache. Im weiteren Verlauf der Verhand⸗ lungen wurde zur Vorbereitung der Richt⸗ linien der„Volkskirchlichen Arbeitsgemein⸗ schaft“ eine Kommission, bestehend aus den Herren Bindewald, Kirchner, Neuenhagen, Richter, Weißgerber und Weller sowie den Damen Happel, Naumann und Schwöbel gewählt. Kirchliche Anzeigen. Trinitatissonntag, 30. Mai. Stadtkirche. Vorm. 8 Uhr, zugl. Christen⸗ lehre für die Neukonfirmierten der Markus⸗ gemeinde: Pfr. Becker.— Vorm. 9½½ Uhr: Pfr. Mahr.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfr. Mahr. Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten der Johannesgemeinde: Pfr. Ausfeld.— Vorm. 9¼ Uhr: Pfr. Römheld.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfr. Becker. g Im Johannessaal. Abends 8 Uhr: Bibel⸗ besprechung: Pfarrer Adolph. 5 * Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 30. Mai: Spaziergang nach dem Hangelstein. Abmarsch vorm. 7 Uhr Ecke Ost⸗Anlage und Marburger Straße. Führung: Herr Weller. f Verantwortlich: Pfarrer Bechtolsheimer. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange, Gießen. Alle Nochforschungen blieben 1 i Arbeits⸗ gemeinschaft hielt am 18. d. Mts. trauten Gemei Nr. 22 Vo Beim 3 die Orgel mit ihren haus. Sie Dann sal über die Raum. 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