7 N onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 35 Gießen, II. S. n. Trinitatis, den 27. August 1922 II. Jahrg. Der Adel der Arbeit. 1. Thess. 4, 11. Arbeitet mit euren eigenen Händen, wie wir euch geboten haben. Auf dem Bahnhofe einer deutschen Bade⸗ stadt läuft ein Schnellzug ein. Der Seiten⸗ gang ist dicht mit Menschen gefüllt, die Gepäckträger eilen herbei Ein Ruck und der Zug hält. Ueberall entsteht eine lebhafte Be⸗ wegung. Ten Wagen erster und zweiter Klasse entsteigen Männer und Frauen, alte und junge in großer Zahl, es sind durchweg Ausländer, die den schlechten Stand des deutschen Geldes benützen, um sich in un⸗ serem Lande Tage des Nichtstuns, der Er⸗ holung, des Vergnügens zu verschaffen. Fast alle diese Reisenden tragen in ihrer Kleidung großen Luxus zur Schau. Die Kleider weisen die neueste Mode auf, kostbare Pelze werden trotz der sommerlichen Wärme sichtbar, an den Fingerringen funkeln wertvolle Steine, das Reisegepäck ist von höchster Eleganz. Fremde Laute schwirren über den Bahnsteig, stolz schreiten die Fremden dahin, sie lassen es deutlich sichtbar werden, daß sie mit sehr viel Geld nach dem armen Deutschland kommen, zu der Nation, zu der sie früher mit der größten Bewunderung aufgesehen haben. Auf demselben Bahnsteig warten zwei Menschen auf einen Personenzug, der in wenigen Minuten kommen muß, es sind ein Mann und ein junges Mädchen. Der Mann trägt Arbeitskleidung und hat neben sich auf der Bank seinen Rucksack liegen. Er kommt aus einem abgelegenen Dorfe, das ihm keine Arbeitsgelegenheit gibt, und reist nach dem rheinisch⸗westfälischen Industriegebiet, wo e⸗ in einer Grube arbeitet. Ungefähr alle vier Wochen besucht er seine Familie, er hat ein mühsames Tagewerk, deshalb haupt⸗ sächlich, weil er, der schon in vorgerückten Jahren steht, den Segen der Heimat und des Familienlebens entbehren muß. Das Mäd⸗ chen neben ihm hat die Sichel in der Hand und will vom Erntefeld nach Hause fahren. Es trägt ein einfaches Arbeitskleid und grobe Schuhe. Das Tuch, das vor der Sonne schützen soll, ist tief über die Stirn gezogen, dennoch ist das Antlitz gebräunt, und die Hände weisen Risse und Sprünge auf. In aller Einfachheit kommen uns diese beiden, der Arbeiter und die Schnitterin, schöner und vornehmer vor als die fremden Menschen, die an ihnen vorübergegangen. sind. Diese erzeugen keine Werte, bringen vor allem unserem Vaterland keinen Nutzen, jene aber weisen die Schönheit und den Adel der Arbeit auf, sie schaffen, daß unsere Volksgenofsen hlen und Brot haben, sie richten sich, vielleicht unbewußt, nach den Worten des Apostels Paulus, der selber ein eifriger Handarbeiter war und den Christen mit ernsten Worten eingeschärft hat, daß sie arbeiten sollen. H. B. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der Gießener Bub vor 50 Jah ve n. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) In der„Scheppeck“ auf dem Sch.'schen Grundstück stand eine alte Pumpe, deren Stock schief, wie der Turm zu Pisa, empor⸗ ragte. Des ewigen Anpumpens müde, hatte der aus der guten alten Zeit stammende handgearbeitete, schmiedeiserne Schwengel, offenbar in der Absicht, Ruhe zu haben, die Verbindung mit dem in den Brunnen füh⸗ renden Gestänge schon längst aufgegeben, und nur die alte Anhänglichkeit an den Pumpen⸗ stock war es, die in ihm bisher den Gedanken nicht aufkommen ließ, sich von diesem zu trennen. An einem verrosteten Stift hing er seit Jahren verlassen herunter, und wenn nicht manchmal einer der Jungen im Ueber⸗ mut und, um seine Kraft zu prüfen, Pump⸗ versuche angestellt hätte, dann wäre er über⸗ haupt unberührt geblieben. Auf diesen Pumpenschwengel hatte Friedrich W. sein Augenmerk gerichtet. Er meinte, die ganze Pumpe, die nur im Wege stehe, sei für Sch.“'s, die ja eine Pumpe in der Küche hätten, wert⸗ los. Den Schwengel könne man leicht heraus⸗ machen und verkaufen und dann für das Geld Bretter anschaffen. Das leuchtete allen sofort ein, aber heimlich durfte das nicht gemacht werden, und so übernahmen es der Sohn und der Neffe des Hauses, die Sache in Ordnung zu bringen. Sie kamen eines Tages, wie zufällig, bei Frau Sch. auf die Pumpe zu sprechen, und machten dieses ausgeleierte und untaugliche Wasserversorgungsinstitut nach Kräften schlecht, an welch' löblichem Unter⸗ nehmen ich, der ich gerade dabei war, mich tüchtig beteiligte, und brachten es schließlich so weit, daß Frau Sch. die Genehmigung zur Beseitigung gab, in der Hauptsache des⸗ halb, um unseren kleinen Tummelplatz neben dem Hause von dem Hindernis zu befreien. Von dem Verkauf des Schwengels war wohl- ee. weislich keine Rede. Wir konnten an diesem Nachmittag kaum erwarten, bis Frau Sch., um, wie gewöhnlich ihre Einkäufe zu be⸗ sorgen, in die Stadt ging. Als sie weg war, machten wir uns sofort ans Werk, schlugen den Verbindungsstift oben aus der Gabel des Pumpenstocks heraus, und der schwere Schwengel fiel mit einem dumpfen Schlag zur Erde. Wir nahmen ihn zu dritt auf die Schultern, trugen ihn zu Schlossermeister Wiener, der uns nach längerem Hin und Her einen Gulden dafür gab, nicht ohne sich vorher durch ein Kreuzverhör von unserer Verkaufsbefugnis überzeugt zu haben. So ganz traute er uns ja nicht, da ich aber sein Pate war, so gab er schließlich nach. Seelenvergnügt gingen wir zum Holzhändler Geilfuß in die Neustadt und erstanden für den Erlös einige Bretter, die wir über die Schoor(Westanlage) in die„Scheppeck“ schleppten. Nachdem wir das, was wir für die Bänke brauchten, mit einer alten vorsint⸗ flutlichen Säge abgeschnitten hatten, blieben uns noch zweieinhalb Bretter übrig, für welche wir vorerst keine Verwendung wußten und die wir daher bis auf weiteres im Garten verbargen. Unsere Gartenhütte, in welcher wir regel⸗ mäßig abends saßen und uns durch Er⸗ zählen, Rätselaufgeben und ähnlichem aufs schönste unterhielten, hatte den Nachteil, ohne ein geschlossenes Dach zu sein. Nur pyra⸗ midenartig zusammengenagelte Stangen, über welche sich die Ranken von noch aus dem Wald zu holendem Geisblatt nach und nach ziehen sollten, ersetzten dasselbe. Wenn es daher regnete, gewährte die Hütte keinen Schutz. Unser Ueberschuß an Brettern reichte für ein Dach nicht aus. Wir beschlossen daher, lange Gerten zu schneiden, und diese auf die aus alten Bohnenstangenstücken be⸗ stehenden Dachsparren mit Kordel festzubin⸗ den. Darauf sollten dann große Blätter gelegt und diese dann auch wieder befestigt werden. Wie ausgedacht, so wurde das Vorhaben auch ausgeführt. Die Gerten hatten wir rasch beisammen, denn rechts und links an der Neuenweger Wieseckbrücke standen alte knor⸗ rige Weidenbäume am Wasser mit schönen, schlanken Zweigen, die, ohne daß ein Hahn danach krähte, in beliebiger Weise geplündert werden konnten. Da holten wir unser Ma⸗ terial, und die breiten Blätter lieferten die verschiedenen Krautsorten, hauptsächlich Meerrettich. So brachten wir ein tadelloses dichtes Dach zurecht, nicht ohne Mühe und viel Spektakel, der aber da hinten niemand störte. Wie eine Idee eine andere erzeugt, sah man auch hier wieder. Das Dach erinnerte an die Wigwams ber Indianer; was lag näher, als nun Indianer zu spielen! Um die Sache regelrecht zu betreiben, wurde sie eingehend besprochen, aber es wollte nichts Gescheites herauskommen. Daß Bogen und Pfeile angefertigt werden mußten, wußte jeder, aber was ein richtiger Indianer sonst noch trieb, darüber gingen die Ansichten sehr auseinander. Federkronen und ähnlichen Firlefanz wollte keiner tragen, und so wurde ich denn beauftragt, in die Leihbibliothek von Hofmann auf dem Seltersweg zu gehen und derselben ein Buch über die Sitten und Gebräuche der Indianer zu entleihen. Leider wurde mir, als ich andern Tags nach dem Buche fragte, lachend der Bescheid, daß kein solches vorhanden sei. Ich lief mun in die Leihbibliothek von Ottmann in der Schloßgasse. Dort eröffnete mir Frau Ottmann, nachdem sie sich eingehend über das Befinden meines Vaters, meiner Mutter und meiner Geschwister informiert hatte, daß zwar kein Buch über Indianer da wäre, aber sie habe eine Geschichte von Kanni⸗ balen, in welcher alle 2—3 Seiten einer um⸗ gebracht und aufgefressen wurde, die sie uns, zum Preise von einem Kreuzer pro Tag, sehr empfehlen könne. Ich nahm das Buch mit und war gespannt, was meine Freunde am andern Nachmittag nach der Schule zu meiner Erwerbung sagen würden. Ich war⸗ tete in der Scheppeck, bis alle da waren, dann setzten wir uns nach Indianerart im Kreise auf den Boden, die Pumpe ohne Schwengel in unserer Mitte. Als ich aber von den Kannibalen anfing, wurde ich fürchterlich ausgelacht und war darüber so aufgebracht, daß ich das Menschenfresserbuch dem ärgsten Höhner, einem ein paar Jahre älteren Gym⸗ nasiasten namens C. J. mit dem Erfolg ins Gesicht warf, daß mich dieser, trotz tapferer Gegenwehr, gehörig abzog. Ich raffte mein Buch auf, lief heim und nahm mir vor, nicht wiederzukommen. Ich fertigte mir zu Hause einen großen Bogen und Pfeile an, ersteren aus einem Haselnußast, letztere aus rund geschnitzten und mit einer Glasscherbe glatt geschabten Stängelchen, die ich von einem astfreien Brett abgesplittert hatte. Bei Flick und Kröll auf dem Seltersweg holte ich mir einige eiserne Pfrieme und setzte sie mit der unteren Spitze in das eine Ende der feilstöckchen, welches ich zu diesem Zwecke reuzweise gespalten hatte. Dann wurde dieses Ende mit einer Lage dünnen Bind⸗ fadens spiralförmig dicht umwickelt, und die Pfeile waren fertig. Mit diesen Pfeilen lernte ich ausgezeichnet schießen und meine Kameraden auch. Diese holten mich einige Tage nach meinem Kannibalenzwist wieder in die Scheppeck, nachdem ihnen einer ver⸗ raten hatte, daß ich eine besondere Art von Pfeilen habe.(Fortsetzung folgt.) Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.) Für den Rückmarsch war befohlen, daß die Infanterie überall in den Orten und auf den Straßen das Vorrecht habe, wir e 2 dürfen aber auf dem Marsch vorbeitraben. Ich wollte, als ich für Hauptmann von Hirschberg auf dem Marsch die Abteilung führte, an einem Bataillon R. J. R. 83, das zu langsam marschierte, als es einen kurzen Halt machte, vorbeitraben lassen. Das ver⸗ hinderte der Bataillonskommandeur, ein Major, der offenbar, wie viele Infanteristen, der Artillerie gram ist, weil sie keine so großen Verluste hat, wie die Infanterie, ab⸗ sichtlich, indem er das Bataillon sofort an⸗ treten ließ. Als ich an einer Stelle der Straße, wo drei Kolonnen nebeneinander hätten marschieren können, vorbeizutraben versuchte, verhinderte er es wieder, indem er die Kompagnien teils auf der rechten, teil auf der linken Seite des Weges marschieren ließ. Schließlich trabte ich aber doch vorbei, als der Major vorgeritten war⸗ Er pfiff dann seine Kompagnieführer kolossal an, weil sie uns vorbeigelassen hatten. Wir waren schon 1⅝ Stunden an dem Platz, wo wir Mittagsrast hielten, als das Bataillon dort eintraf. Solche Kleinigkeiten und Schikanen sollte man nicht für möglich halten. Wir marschierten heute 40 Kilometer von morgens ½8 Uhr bis abends ½7 Uhr. Ich war 8 Stunden im Sattel. Der Marsch führte über Zastrzembl, Michalki, Nowo⸗ siolki Ilosk, bis an die große Straße Horsk —Kobrin, neben der wir im Wald Biwak bezogen. War tagsüber schönes Marschwetter gewesen, wobei nur die armen Pferde sehr unter der Fliegenplage zu leiden, hatten, so bewölkte sich nachmittags der Himmel und um ½6 Uhr begann es zu gießen. Unser Zelt ist ja gut dicht, aber der Boden ist doch sehr naß. Was wird man sich einen Rheumatismus in die Knochen holen. 6. September 15. Nun haben wir schon etwas mehr Klarheit über unsere Zu⸗ kunft. Ein bedeutender Abschnitt unserer Tätigkeit ist abgeschlossen, der genau 5 Mo⸗ nate dauerte und die Kämpfe in den Ost⸗ beskiden, die Befreiung Galiziens und den Vormarsch in Rußland über den Bug bis zur Jasiolda umfaßt. Viel Interessantes haben wir in dieser Zeit gesehen und kennen gelernt, aber auch viele schwere Kämpfe mit⸗ gemacht, große Anstrengungen und Entbeh⸗ rungen ertragen. Gar viel erschütternde Bil⸗ der des Elends und Jammers haben wir ge⸗ sehen, wie sie nur der Krieg mit sich bringt. Nun kommen wir aus Rußland weg, worüber wir alle sehr froh sind. In ein trostloseres Land mit schlechterer Verbindung, noch lang⸗ samerem Postbetrieb können wir nicht kom⸗ men. Hauptmann von Hirschberg, der zehn Jahre in Afrika war, meint, der afrika⸗ nische Busch sei nicht so reizlos, wie die Gegend um Brest-Litowsk und Kobrin. Der Krieg war uns hier langweilig geworden; es fehlte zuletzt jede Lust und Liebe. In dem völlig flachen Gelände waren keine guten Batteriestellungen und Beobachtungsstellen zu finden. Nun haben wir acht Tage Marsch, mehrere Tage Bahnfahrt, vielleicht auch Donauschiffahrt, und kommen in ein anderes Land. Da bieten sich neue Eindrücke, die an⸗ regend wirken. Heute morgen um ½8 Uhr Abmarsch auf der großen Straße nach Kobrin. Strecken⸗ weise war die Straße in ganz üblem Zustand. Wir mußten über den Muchaviec. Die Brücke war von den Russen verbrannt wor⸗ den; unbegreiflicherweise ist von unseren Pionieren eine so schmale Brücke gebaut wor⸗ den, daß nur jeweils eine Kolonne darüber kann. Es bewegten sich aber auf der großen Straße zwei Divisionen zurück, während für die vorn an der Front befindlichen Truppen lange Kolonnen von Kobrin herkamen. Da gab es andauernd Stockungen, zeitweise hiel⸗ ten drei Kolonnen nebeneinander, dazwischen lange Wagenzüge der von Osten zurück- kehrenden Bewohner, die einen jammervollen Anblick boten. Da es sehr klar und wind⸗ still war, rechnete ich mit dem Besuch eines Fliegers. Ich marschierte deshalb mit meiner Batterie am Schluß der Abteilung und hielt mich immer in der Nähe des Abwehr- geschützes. Kurz nach 9 Uhr erschien auch ein Flieger vom Osten her, der Bomben auf den Wald und die große Straße, etwa da, wo wir nachts biwakiert hatten, abwarf. Ich ließ sofort wieder das Abwehrgeschütz aufbauen, das in sieben Minuten feuerbereit war. Aber der Flieger hatte nach Abwerfen von 3 bis 4 Bomben gleich wieder Kehrt gemacht, so daß er außer Schußweite war. Eine Bombe war in einen Infanterieersatz⸗ transport aus Göttingen, der kurz vorher auf dem Marsch zur Front an uns vorbei⸗ gekommen war, eingeschlagen und hatte 40 Mann verwundet. Ich holte später die Batterie wieder ein. Nach 1 Uhr fing es an zu regnen, auch wurde es stürmisch und kalt, so daß wir froh waren, als wir um 4 Uhr in Legaty(nordwestlich Kobrin) Orts⸗ unterkunft beziehen konnten. Der Marsch war über Gut Planta, Lukowice gegangen. Wir marschierten nicht über Brest⸗Litowsk, sondern nördlich davon, und da wir die große Straße verlassen haben, werden die Flieger⸗ besuche wohl aufhören. Wäre heute der Russe bis über die Notbrücke am Muchawiec ge⸗ flogen, wo sich die vielen Kolonnen stauten, dann hätte er mit seinen Bomben noch viel größeres Unheil anrichten können. 7. September 15. Die Nacht war kalt und stürmisch. Um 67⅛ Uhr Abmarsch. Der Weg führt über Androwo, Sawitschi Sha⸗ binla nach, Olisarow⸗Staw. Mittags nah- men wir bei Sonnenschein zusammen mit der Abteilung das Essen am Ufer des Muchawiez ein, der reguliert ist und voller Ho zflöße liegt. Um 4 Uhr erreichten wir unser heuti⸗ ges Marschziel. Gestern legten wir 30, heute 33 Kilometer zurück, zum Teil auf sehr sandigen Wegen. Heute war ich 7¼ Stunden — 140— im Sattel. Morgens hatten wir schon einen tüchtigen Spritzer abbekommen; nachmittags kamen wir in ein tolles Unwetter. Der Sturm jagte uns den Regen und Hagel ins Gesicht. Dank Umhang, wasserdichter Ueber⸗ ziehhose und guter Stiefel ging kein Tropfen durch. Aber unangenehm ist ein solches Wetter doch. 5 Die Orte und Güter, an denen wir heute vorüber kamen, waren fast alle bis auf das letzte Gebäude niedergebrannt, bildeten nur einen Schutthaufen. Auch hier in Olisarow⸗ Sztaro stehen nur noch wenige Gebäude und Scheuern, die aber so schmutzig sind, daß wir es vorzogen, trotz der Nässe des Bodens das Zelt aufzuschlagen. Inzwischen hat es wieder geregnet. Seit zwei Tagen habe ich wieder Schulterschmerzen, von denen ich den ganzen Sommer nichts gespürt habe. In dem tiefen Sandboden sind die außer⸗ ordentlich langen Märsche für die Pferde sehr anstrengend, leider gehen mir täglich Pferde ein. Die ganze Abteilung hat an diesen 3 Marschtagen 45 Pferde verloren. Heute wurden wir erneut gegen Cholera geimpft, da die Schutzfrist abgelaufen ist. Nun sitzen wir, während es draußen regnet und stürmt, beim Kerzenlicht im Zelt und spielen Skat, um die Zeit herumzubringen. 8. September 15. Abmarsch um 6 Uhr morgens, meist auf guter Straße über Mo- tykaly nach Gut Tscheljejewo, wo wir um 4 Uhr nachmittags ankamen. Wieder 40 Kilo⸗ meter Marsch, es war kalt und regnerisch. Unsere Pferde und Leute sind in großen Scheunen gut untergebracht. Wir Offiziere wohnen zusammen mit denen der 7. Batterie in dem einfachen Gutshaus. Aus einem Briefe an meine Frau: Wäh⸗ rend wir seither annahmen, wir kämen nach Serbien, vermuten wir seit heute, das Reise⸗ ziel sei Kurland, ohne für das eine oder andere bestimmte Anhaltspunkte zu haben. Selbst die Division weiß nicht, wo es hin⸗ geht. Ich denke an die Möglichkeit, einige Tage in Deutschland sein zu können und malte mir heute auf dem Marsch aus, wie schön es wäre, wenn Du mit Ilse, vielleicht noch begleitet mit jemand unserer Lieben, zu mir kämst. Wie herrlich wäre es, mit Euch Liebsten zusammen sein zu können, wenn es auch nur wenige Tage wären! Schade nur, daß Rosa Barbara noch so klein ist. Bin ich ein Kindskopf, daß ich wieder einmal solchen Träumen nachhänge? Es ist doch so schön. Und viel Schönes bietet uns das Leben eben nicht. Es ist viel Post an⸗ gekommen. Alle lesen eifrig. Da es schon spät ist, kann ich auf Deine vielen lieben Schreiben aus der Zeit vom 17. bis 30, August heute nicht mehr näher ein⸗ gehen. Zu leid ist es mir, daß nun auch Rosa Barbara krank war, und Du noch dazu. Ich dachte in den letzten Tagen öfter: ättest Du mich nie kennen gelernt; diese schwere Zeit, deren Ende nicht abzusehen ist, wäre Dir vielleicht erspart geblieben. Vielleicht, denn ein anderer Mann hätte möglicherweise auch in den Krieg ziehen müssen. Und Deine Briefe sagen mir, daß 5 Dir glückliche Zeiten bereitet habe, wie ich es vor 10 Jahren erhofft und Dir versprochen hatte.“ 5 9. September 15. Die Nacht in dem Häuschen war angenehm. Draußen war es recht kalt. Heute um 6 /; Uhr Abmarsch. Zu Beginn ärgerte ich mich gleich sehr. Dummerweise tue ich das jetzt öfter: die Nerven sind halt nicht mehr wie früher. Unser Gut lag etwa 10 Minuten von der großen Marschstraße ab. Als wir auf diese einbiegen wollten, war gerade eine Train⸗ kolonne auf dieser angekommen, die ich vorbei lassen mußte, da ich nicht in eine Kolonne hineinfahren darf. Nun waren wir ganz nahe beim Bug. Die Brücken waren aber ver⸗ brannt, und der Weg bis zur Notbrücke so schlecht, daß es in der Trainkolonne Stockungen gab.(Fortsetzung folgt.) Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 27. August, 11. n. Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Vormittags 91¼½ Uhr: Pfarr⸗ assistent Becker.— Jugendvereinigung der Matthäusgemeinde: Jeden Montag, abenes 8 Uhr: männliche Abteilung; jede! Diens⸗ tag, abends 8 Uhr: weibliche Abteilung. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 9 Uhr: Pfarr⸗ assistent Müller.— Abends 8 Uhr: Bibel⸗ besprechung im Johannessaal: Pfarrer Ausfeld. 1- Die Kinderkirche beginnt wieder für die Markus⸗ und Johannesgemeinde am 3. Sep⸗ tember, für die Matthäus⸗ und Lukas⸗ gemeinde am 10. September. 5 Die Anmeldung der Konfirmanden soll Dienstag, den 29. und Mittwoch, den 30. August, jedesmal von 11—1 und von 4—6. Uhr bei dem Pfarrer jeder Gemeinde stattfinden. Der Unterricht beginnt am 4. September.— Die feierliche Eröffnung des Konfirmandenunterrichts findet stalt für die Markus- und Johannesgemeinde am 3. September, für die Matthäus⸗ und Lukas⸗ gemeinde am 10. September, jedesmal im Hauptgottesdienste. Evang. Arbeiterverein. Dienstag, den 29. l. M., 8 ½ Uhr Vereins- lokal, Vorstandssitzung.— Sonntag, 3. Sep⸗ tember, nachmittags: Familienausflug nach Großen⸗Linden.— Samstag, 9. und Sonn⸗ tag, 10. September: Zweitägige Tour nach der Edertalsperre. Anmeldungen und Ein⸗ lagen zur Reisekasse bei Herrn C. Weller, Rathaus. Verantwortlich: Pfarrer Bechtolsheimer. N und Berlag der Brühlschen Undverffiäts- Buch und Stelndruckerel Lange, Gießen.