onntagsgru Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 51 Gießen, 3. Advent, den 17. Dezember 1922 Jahrg. II. Wegbereiter Christi. Jesaia 40, 3. Bereitet dem Herrn den Weg. Am 3. und 4. Adreyt denkt die Chri“ e- heit an Johannes den Täufer, den großen Weg⸗ bereiter des Heilandes. Ernst und streng, schlicht und bedürfnislos, unerschrocken und wahrheitsliebend ist er einhergegangen, er hat nur das eine Ziel verfol yt, den Hei⸗ land vorauszuverkündi den, ihm Eingang in die Herzen der Menschen zu verschafsen. Wegbereiter Christi, Herolde, die sei en Namen ausrufen und sein Reich ausbreiten, gibt es viele in der Welt. Wer kann die Schar der Apostel und Mssionare der Pre⸗ diger und Lehrer, der Väter und Mütter überblicken, die anderen Wegzweiser zur ewigen Seligkeit gewor en sind? Wegbereiter Christi sind auch unsere Bücher und Zeit⸗ schriften mit christlchem Inhalte, vor allem unsere Sonntags⸗ und Gemeindeblättec. Dieser Zweig des deutschen Schrift ums ist jetzt auf das schwerste bedroht. Es ist keine Uebertreibung, wenn man sagt, daß die Papierpreise und Druckkosten eine katastro⸗ phale Höhe erveicht haben. Während an⸗ geblich Papier aus DTeutschland nach dem Auslande gebracht wird, während die Papier⸗ fabriken ständig ihre Dividende erhöhen, geht ein gutes Blatt nach dem andern unter, gute Bücher kann man kaum noch kaufen. Das deutsche Schrifttum edler Art stirbt in die en Wintertagen. Gleichzeitig wird festgestellt, daß Schriften seelenverderbenden Inhalts noch in großer Menge bei uns gedruckt werden. Auf der Tagung der reformierten Kiuchensynode des Kantons Zürich wurde vor kurzem gesagt, daß„aus Deutschland eine enorme Einfuhr schlechter Literatur“ komme. Wahrlich, durch nichts könnte unser Volk mehr gebrandmarkt werden als durch Feststellun gen dieser Art. Warum stehen nicht alle, Regierungen und Abgeordnete ohne Unterschied der Partei, deutsche Männer und deutsche Frauen ohne Unterschied der Kon⸗ fession auf wie ein Mann, um zu erklären: Diesem Unwesen muß ein Ende gemacht werden. An die evangelischen Christen geht die Mahnung: Laßt das gute Buch, laßt eure Sonntags- und Gemeindeblätter nicht unter⸗ gehen! Spart lieber an Genußgegenständen, als daß ihr aufhört, gute Bücher zu kaufen, und eure christlichen B ätter abbestel t. Fol en alle, die es mit unserem Volke gut meinen, dieser Mahnung, so sind sie in Wahrheit Herolde Gottes und Wegbereiter des Hei⸗ landes. H. B. Gberhessisches Volksleben vor 60 Jahren. Von einem Siebzigjährigen. (Schluß.) Die Waren wurden vielfach auf den Märkten abgesetzt, sie wurden in Kisten verpackt und durch den Fuhrmann befördert. Die Ge⸗ schäftsleute mußten dann den Weg um 2 Uhr nachts durch Wald und Feld gehen; denn die Fahrstraße machte viele Umwe e. Auf solchen Wegen sind auch die Geschäftsleute zum Einkauf nach der Frankfurter Oster⸗ und Herbstmesse gekommen. Die enigen, welche nicht gut zu Fuß waren, haben den Post⸗ wagen benützt, weil noch keine Eisenbahn war. Die Waren der Fabrikanten und die Stückgüter wurden mit einem großen, mit 6—8 Pferden bespannten Wagen jeden Samstag nach Frankfurt gefahren. Briese und Pakete wurden durch die Thurn⸗ und Taxische Post befördert. Die Geschältsreisen⸗ den sind mit dem Postwagen gefahren, ebenso die jungen Kaufleute, welche auswärts eine Stelle angenommen hatten. Dagegen die ausgelernten Handwerker, welche eine Stelle suchten, haben mitun er bis ins Ausland den Weg zu Fuß machen müssen. Die Ver⸗ pflegung unterpegs, sowie das Nachtquartier waren sehr schlecht, und die Kleiser wurhen stark mitgenommen. Nur die Freude an der Natur und die Freude, etwas zu lernen und etwas anderes zu sehen, brachte auf der Wanderschaft Abwechstung. Wenn ein Handwerker zu einem Meister kam, war der Gruß:„Ein Geselle auf der Rei e.“ Von dem Meister wurde er gefragt:„Wie lange sind Sie auf der Reise, wo haben Sie zuletzt gearbeitet und was für eine Arbeit?“ Konnte der Geselle zur Beschäftigung nicht angenommen werden, so erhielt er ein kleines Zehrgeld für die Weiterreise. Bekam der Geselle Stellung, so konnte er auf größeren Lohn nicht rechnen; denn der Meister hatte selbst kein größeres Einkommen; es mußte alles mit der Hand hergestel t werden, wobei nicht viel fertig wurde. Bei vielen Geschälts⸗ leuten war auch die Ernährung mangelhaft. Die Kinder bekamen zum Frühstück mit in die Schule ein Stück trockenes Brot mit — Kümmel und Salz und beim Abendessen eee r und Käse darnach. Die Gesellen hatten beim Wurst, Schinken und Räucherwaren her⸗ — 202 Kartoffeln und Salz, Matte oder Zwiebeln, in Lein⸗ oder Sam möl gedämpft, auch Gurkensalat, sowie Milch⸗ und Mehlsuppe Meister vollstänbige Kost und Schlafstelle. Die Bürgersleute waren darauf angewiesen, Landwirtschaft zu treiben, Milch war nicht viel zu haben, oder man mußte sie bei den Viehhaltern, die das Land bestellte!, kaufen. Viele Leute hielten eine Kuh oder Ziege, die Milch wurde zu Butter, Käse und allerhand Speisen verwendet; Dickmilch gab es mit Vorliebe zum Abendessen. Im Winter wurde bei den Wohlhabenden geschlachtet und soviel gestellt, daß es bis zum nächsten Schlachten hinxeichte. Der Schlacht ag spielte eine große Rolle. Verwandte und Bekannte wurden eingeladen und der Tag in bester Stim⸗ mung verbracht. Auch ungebetene Gäste, die gern etwas Gutes aßen, nahmen daran teil. Mancher Schabernack wurde dabei ge⸗ trieben, so lud einmal ein Dritter angeblich im Auftrage des Schlachtenden wildfreme Gäste ein, und es gab lange und erstaunte Gesichter, als einer nach dem andern von den Fremden sich zum Essen einstellte. Ins⸗ besondere die Nachbar, die die Sache an⸗ stellten, freuten sich, denn es galt schon damals das Sprichwort: Schadenfreude ist die reinste Freude! Die oberhessischen Metzger besuchten die Frankfurter und Kasseler Messe und setzten dort ihre Wurst⸗ und Fleischvaren ab. Zu dieser Zeit kostete 1 Pfund Ochsenfleisch 10 Kreuzer, Rindfleisch 9 Kr., geräucherter Speck 21 Kr., Kalb leisch 9 Kr., Schwei ie⸗ fleisch 14 Kr., ferner 4 Pfund Roggen⸗ brot 15 Kr., ein Brötchen von 4 Lot 1 Kr. Ein Kreuzer war gleich 4 Hellern oder 3 Pfennigen. Ein Gulden war gleich 1,70 Mark. Frisches Fleisch gab es nur in der Mitte der Woche und am Sonntage. Bröt⸗ chen gab es mitunter zum Sonntagnach⸗ mittagskaffee. Es war bei den Bäckern so eingeführt, daß abwechselnd ein Meister Sonntags frische Brötchen auf den Markt brachte. Nachdem 1866 die Zünfte aufgehoben waren und die Gewerbefreiheit kam, fing es an, besser zu werden. Zu gleicher Zeit kamen auch die Maschinen auf, und die schweren Handarbeiten wurden durch die Ma⸗ schinen geleistet. Beim Eintreffen der ersten Nähmaschine waren die Geschiftsleute sehr ungehalten und glaubten, es würde dadurch viel Arbeitslose geben, was aber nicht der Fall war. Nach dem Jahre 1870 gab es eine Aenderung. Da fingen die Geschälte an, sich zu heben, es wurde außerdem viel ge⸗ baut, besonders viele Villen, es war die Gründerzeit. Di: Unternehmer bekamen von den Banken Geld; dies dauerte aber nur so lange, bis sie ihren Pflichten nicht mehr nachkommen konnten und von den Banken zur Abzahlung gedrängt wurden. Jetzt kamen die Schwierigkeiten. Zuerst kamen die Unter⸗ nehmer zum Konkurs, anschließend die ll inen Banken und 1873 die große Wiener Bank. Dies war ein Schlag für die Geschäitswelt, alle Geschäfte lagen darnieder. Dies hielt ungefähr 1 Jahre an, dann haben sich die Verhältnisse wieder gebessert. Ueberall standen die Zünfte unter der Stadtobrigkeit. Bei dem Zunstzwang und dem Zunftwesen war der von der Zunft gewählte Zunftmeister an der Spitze der Zunft. Es wurden bestimmt die vor eschriebene Lehr⸗ und Gesellenzeit, Wanderz wanz und Wan er⸗ zeit, sowie Meislerstück. Die Beschlüsse wur⸗ den stets in den Zunftbriesen nie er eschrie⸗ ben und in die Zunftlade gelegt. Das Meisterrecht wurde nach Ab ee ung des Meisterstückes zuerkannt. Um Mei er zu wer⸗ den, mußte der Nachweis der Befähi zung durch Anfertigung einer Probearbeit(Meister⸗ stück) geliefert werben. Die Zahl der Gesellen und Lehrlinge, die der Meister halten durfte, war festgesetzt. Der Zunftzwang bestand darin, daß nur die Zunftmitglieder die den einzelnen Gewerben zugewie enen Arbeiten ausführen und innerhalb des Stadt eb ietes absetzen durften. Sehr ot ecstreckte sich dieses Recht auch über die nächste Umgebung der Stadt. Der Grundgedanke des Zunftwesens war, jedem Genossen ein gesichertes Dasein zu verschaffen. Jedes Mitglied besaß ein anerkanntes Recht auf Arbeit. Wenn der Lehrling die Lehre zurückgelegt, war eine Gesellenprüfung vorg'schrieben. Erst wenn der Lehrling diese Prüfung bestan en hatte, wurde er zum Gesellen gesprochen. Er hatte dann eine Zeitlang zu wandern. Um Meister zu werden, hatte er sich der Meisterprüfung zu unterziehen. Diese Beschränkungen sind nach der Einführung der Gewerbefreiheit fortgefallen, in Deutschland al gemein erst nach der Gewerbeordnung von 1839. Heschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren. Von Louis Frech. (Schluß.) Viele meiner Schulkollegen waren von der 5. Klasse nicht sehr erbaut; sie fühlten, instinktiv, daß es an dem flotten Zug fellte, der unter den Schülern vorhanden sein muß, wenn man von einer guten, Klasse in ihrer Gesamtheit reden wollte. Diese Rückständig⸗ keit blieb auch dem Klassenführer Dr. G. nicht verborgen, und er suchte aufzu⸗ bessern und nachzuhelfen, soviel er konnte. Daher die unendliche Mühe, die er sich mit einigen gab, die er noch in die 4. Klasse hinüberretten zu können glaubte. Ich ge⸗ hörte auch zu diesen und mußte manche Extratour und Tortur durchmachen. Trotz des kalten Winters herrschte eine schwüle Luft in dem Eckzimmer des Erdgeschosses, und wenn es auch unausgesprochen blieb, es schwante doch manchem, daß sich bis zu Ostern ein Gewitter über ihm zusammen⸗ ziehen würde. Einige Lichtblicke in diese, mir heute noch deutlich bewußte Periode des Hangens und Bangens in schwebender Pein brachten die Weihnachten, die alle Sorgen vergessen ließen. Wie immer hatten Eltern und Geschwister in liebevoller Weise für mich gesorgt, und auch ich konnte allen mit teilweise selbstgefertigten Geschenken auf⸗ warten. Den Weihnachtsbaum durfte ich da⸗ mals zum erstenmal selbst auswählen und gegen einen Sechser(= 18 Pf.) erstehen. Die Stadt sorgte alljährlich für die Bäum⸗ chen und verkaufte sie in ihrem Magazin am Oswaldsgarten, an dessen Stelle sich jetzt der eingezäunte Raum für die Gießfässer u. dgl. befindet. Schon für einen Groschen (E 3 Kreuzer= 9 Pf.) bekam man ein ein Meter hohes Bäumchen. Heute zahlt man 300 Mark dafür, und manche Familie wird diesmal ihr Weihnachtsfest ohne ein solches feiern müssen. Unvergeßlich wird es mir bleiben, wie mich meine Mutter am ersten Weihnachtsfeiertag, unser Alleinsein benutzend, an sich heranzog und mich mit ernstem Gesicht fragte, ob ich mich über die Geschenke gefreut und dabei auch daran ge⸗ dacht habe, wie der Vater und sie immer darauf bedacht gewesen seien, mir das Leben so schön, wie es in ihrer Macht gestanden hätte, zu gestalten. Bestürzt über den eigenen Ton, den ich bei meiner Mutter gar nicht gewohnt war, schaute ich sie befremdlich an und sagte:„Warum fragst du so seierlich, du hast es ja doch gesehen, wie sehr ich mich gefreut habe, mein allerliebstes Mütterchen.“ Da nahm sie meinen Kopf zwischen ihre Hände, sah mir in die Augen und sprach: „Freilich habe ich es gesehen, nicht nur ge⸗ sehen, auch gefühlt, aber ich möchte es auch noch einmal aus deinem Munde hören, weil du mir nun noch eine ganz besondere Freude bereiten sollst.“ Dabei sah sie mich mit ihren lieben, treuen Augen unverwandt an, so daß ich über das gänzlich Ungewohnte dieser Zwiesprache befan zen, ihr um den Hals fiel und keine Antwort zu geben vermochte. Im selben Augenblick überkam mich eine Ahnung, und mein Herz fing an zu klopfen.—„Die Schule!“ entfuhr es mir beklommen und meine Mutter wiederholte:„Ja, die Schule!“ Dann erzählte sie mir, daß Herr Professor Buchner beim Vater gewesen sei und ihm eröffnet habe, ich würde zu Ostern nicht versetzt werden, wenn ich mich nicht ganz gewaltig anstrenge Di! ganze Klasse tauge nicht viel, und es sei eine Blamage, nicht nur für die Klasse, sondern auch für die Lehrer, wenn die Hälfte der Schüler sitzen bleibe. „Der Vater,“ fuhr meine Mutter fort, „wollte dich vornehmen; da es aber dabei ohne Schelte und vielleicht noch mehr nicht abgegangen wäre, so bat ich ihn, mir die Angelegenheit überlassen zu wollen. Ich habe — 203— nun gewartet bis heute; denn ich sagte mir, daß, wenn du all die unter dem Christbaum aufe peicherten sichtba en Zeichen der Liebe und Treue deiner Eltern und Schwestern fähest und dich freutest, dein Herz für eine Mahnung besonders empfäng⸗ lich sei. Ich sehe, du weinst! Komm her, mein Junge, und gib mir einen Kuß!— So, nun versprichst du mir, uns und besonders auch dir, das Herzeleid des Sitzenbleibens zu Ostern nicht anzutun!“— Für mich gab es nichts Höheres und Lieberes wie meine Mutter. Mein Leben, meine Seligkeit, alles hätte ich für sie hingegeben. Heiß stieg es in mir auf bei ihren Worten, die so weich und doch so eindrucksvoll klangen. Von Herzen gern und mit dem festen Vorsatz, das Verbummelte nach Möolichkeit nachzu⸗ holen, legte ich mein Versprechen ab, und von nun an war die Erledi zung der Schul⸗ aufgaben meine erste und wichtigste Auf⸗ gabe. Mein alter treuer Freund Wilhelm Nauheimer, der zur Zeit als Dr. med. dent. in Hersfeld den Leuten die Zähne auszieht, stak damals in den gleichen Schuhen. Er nahm sich meine an ihn weitergegebene ernste Mahnung ad not m, und so arbeiteten wir tagtäglich gemeinsam unser Pen um durch, mit dem Erfolge, uns zu Ostern zu den Glücklichen zählen zu dürfen, die in die 4. Klasse aufrückten. Mit der Zensur in dem Schulranzen und einem mächtigen Stolz in der Brust ging es im Geschwindschritt nach Hause, wo ich von den Lippen meiner Eltern, beim Vater theoretisch, beim Mütter⸗ chen praktisch, den Dank erwartete. Aber ein sogenannter„braver“ Schul⸗ junge bin ich darum doch nicht geworden. Diese korrekten Musterschüler waren mir un⸗ sympathisch. Der Mutwille und die Bereit⸗ schaft zu losen Streichen lagen mir und einer ganzen Reihe meiner Kollegen im Bute und zeitigten manche Frucht, wie wir später noch sehen werden. Somit auf Wiedersehen in der 4. Klasse! Ein Bruchstück einer Selbstbiographie des Hofpredigers Ernst Zimmermann. Mitgeteilt von Professor Dr. zur. et phil. Karl Esselborn. Der Darmstädter Hofprediger Dr. Ernst Christoph Philipp Zimmermann— geboren am 18. September 1786 zu Darmstadt als Sohn des damaligen Subrektors und spätern Direktors Johann Georg Zimmermann, eines der vortref lichsten hessschen Päda ogen, ge⸗ storben daselbst am 24. Mai 1832— hat wiederholt Ansätze dazu gemacht, eine Selbst⸗ biographie zu schreiben, nie aber den Plan ausgeführt. Sein Bruder Karl hat in dem Buche„Ernst Zimmermann, nach seinem Leben, Wirken und Charakter geschildert“ (Darmstadt 1833) ein Bruchstück einer sol⸗ chen mitgeteilt, die auf Bitten schwedischer Amtsgenossen begonnen worden sind. Dieses — 204— Bruchstück, das ganze, was Karl Zimmer⸗ mann davon vorfand, lautete:„Die Keime alles dessen, was der Mensch wird und leistet, liegen in seiner Kindheit, und wäre es möglich, jede Biographie mit ausführlichen Nachrichten über die Erscheinun gen der Kin⸗ derwelt, über die erste Entwicklung der schlummernden Kraft, über die früheslen Re⸗ gungen und Neigungen zu beginnen, es würde darin der Schlüssel für das Kane nachfolgende Leben zu finden sein. Leider aber reicht die Beobachtunzsgabe des Men⸗ schen nicht bis in die gehrimnisvolle Werk⸗ stätte des kindlichen Gemüts, und am we⸗ nigsten vermag der Autobiograph dorther Aufklärungen zu geben, da er ohne Re ler ion, anfangs sogar ohne klares Selb bewußt ein durch die unbefangene und harmlose Jugend⸗ zeit dahin zegangen ist, beim Genusse der stets heiteren Gegenwart weder vor- noch rück⸗ wärts schaute und daher für das spätere Leben höchstens einige dunkle Erinnerungen rettet, welche er wie das Erbteil aus einem verlorene n Paradiese in sih trägt, welche aber in nichts zerrinnen, sobald das kalte Wort sie fassen und festhalten oder wohl gar der toten Schrift anvertrauen will. Tarum kann denn auch ich nur weniges aus dem eden Abschnitte meines Lebens andeuten.“ Diese Aufzeichnung scheint in den ersten Anfängen steckengeblieben zu sein, jed zenfall? hat sie sich nicht erhalten. Zimmermann hat sich aber ernstlich mit dem Plane getragen, sein Leben selbst zu beschreiben. Von einem andern Ansatz, den er dazu genommen, hat sich ein Bruchstück erhalten, das neuerlich zum Vorschein gekommen ist. Die Gedanken über eigne Lebensbeschreibungen und Jugend⸗ erinnerungen, die Zimmermann in dem Fragment entwickelt, sind so schön, daß sie festgehalten zu werden verdienen. Was er über Goethes„Dichtung und Wahrh: it“ sagt ist, trotz der Widersinnigk⸗ il dieses Urteils, 3 5 chtlich auch bemerkenswert, zumal es von einem Manne von Zimmermanns Bedeutung ausgeht. Wer weise ist, beginnt in Zeiten sich ein sicheres Kapital anzulegen, von dessen Zinsen er im Alter zehren kann, und von welchem er so viel, als nötig und nützlich ist, auch noch auf seine Kinder zu vererben wünscht⸗ Aber ein Tor ist, wer bloß für das leibliche Leben im Alter sorgt. Frühzeitig an Spar⸗ samkeit und Genügsamleit gewöhnt, ist der Körper auch in späteren Lebenstagen noch mit wenigem zufrieden. Dagegen wachsen die Forderungen des Geistes in Demel Grade, in welchem die Außenwelt ihm zu genügen aufhört; sein Leben, sein Wohlsein und Gedeihen, auch im hohen Alter noch, hängt von dem Reichtum ab, welcher in früheren Jahren in ihm niedergelegt ist, und heischt und verdient also eine ungleich 1 sorgfältigere Pflege als der hinfällige Kör⸗ per. Gleichwohl versäumen es Unzählige, sich diesen. Schatz im Gedächtnis niederzulegen und aufzubewahren. Je älter der Mensch wird— das sagt mir schon jetzo im 37. Lebensjahr: meine Er⸗ fahrung— und ie mannichfachere, zum Teil schmerzliche oder wenigstens der Ver⸗ änderlichkeit unterworfene Schicksale er er⸗ lebt hat, desto weniger vermag ihn wie in den heiteren Tagen der Jugend die Gegen⸗ wart zu befriedisgen. Di? auf Erden noch vor ihm liegende Zukunft ist völlig ungewiß; oft getäuscht, unterläßt er es endlich, den Traumgebilden der am Sinnlichen hängen⸗ den Phantasie nachzuhängen; er gewöhnt sich, für dieses Leben nicht vieles mehr zu hoffen oder zu fürchten. So muß er denn immer mehr in sich selhst zurückkehren, und da in seinem Geiste, in seinem Glauben, das suchen, was er außer sich nicht mehr findet. Mit höherem Interesse umfaßt er daher jetzo die rein geistigen An gele zenheiten der Menschheit und nimmt mit ste igender Sehnsucht die Bilder der Ewigkeit in sich auf, welche sein frommer Glaube ihm vorhält. .(Schluß folgt.) Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 17. Dezember, 3. Advent. Stadtkirche. Vormitta ns 91/ Uhr: Plarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäus sem inde: Pfarrer Mahr. — Abends 5 Uhr: Pfarrer Becker. Abend⸗ mahl für die Markus gem inde.— Jus end⸗ vereinigung der Matthäusgemeinde: Jed en Montag, abends 8 Uhr: männliche Abtei⸗ lung; jeden Donnerstag, abends 8 Uhr: weibliche Abteilung.— Montag, den 18. De⸗ zember, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirm'erten weiblichen Judend den Markus⸗ gemeinde. Mittwoch, den 20. Dezember, abends 8 Uhr: Aufführung 815 Weihnachts⸗ oratoriums von n Schütz. Johannesbirche. 2 8 9½ Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Inkas demeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld. Abendmahl für die Johannes⸗ gemeinde. Abends 8 Uhr: Bibel⸗ besprechung im Johannessaal. Pfarrer Becker. — Montag, den 18. Dezember, abends 728 Uhr: Konfirmandenverei gi ung der Lukas⸗ gemeinde, männliche Abteilung.— Freitag, den 22. Dezember, abends/ Uhr: Kon⸗ fürmandenverei inigung für Mädchen aus der Johannesgemeinde. Wartburgverein. Sonntag, den 17. Dezember, abends 8 Uhr in der Turnhalle am Oswa'dsgarten(Stein⸗ 5„ Weihnachtsfeier. Karten für den 8 2. Platz bei Frl. Weller(Rathaus), im 1 5(Diezstr. 150 und Musckhaus Busch (Kirchenplatzm). Herantwortssch⸗ N Lange, Afarrer Bechtolsdelmer Pruck und Perlag der Brühlschen Unwwerssinte- Buch- und Steinpruckeres. Gießen