e 9 1 * =. 1 1 6 Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 38 Gießen, 14. S. n. Trinitatis, den 17. September 1922 Jahrg. II. Die Lutherbibel. Psalm 119, 105. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Im September des Jahres 1522 erschien in Deutschland ein Buch, das von allen jemals in unserem Lande gedruckten Büchern die weiteste Verbreitung gefunden und sicher auch den reichsten Segen gestiftet hat. Es trug in der Schreibweise der alten Zeit den Titel:„Das neue Testament, Deutzsch, Vuittenberg“. Der Verfasser hatte sich in edler Bescheidenheit nicht genannt, wir wissen, daß es Luther war, der das Neue Testament während seines Aufenthaltes auf der Wartburg übersetzt hatte und nun herausgab. Bibelübersetzungen in deutscher Sprache hat es schon vor Luther gegeben, diese alten Uebersetzungen gründeten sich jedoch auf die in der damaligen christlichen Kirche gebrauchte lateinische Uebersetzung, die sogenannte Vulgata. Luther ging mit seiner Arbeit auf den griechischen Urtext zurück, das ermöglichte ihm, den Sinn des Wortes Gottes genau wiederzugeben. Waren die früheren Uebersetzungen oft schwerfällig — dies gilt auch von der durch die Züricher Reformatoren 1530 herausgegebenen Ueber⸗ setzung—, so hat der Volksmann Luther in edler, anschaulicher und echt volkstüm⸗ licher Sprache, in einem Satzbau, der des großen Gegenstandes würdig ist, die Heilige Schrift verdeutscht. Was er dadurch zugleich für die deutsche Sprache getan hat, wird von allen Geschichtsforschern anerkannt. In der Vorrede zu seiner Uebersetzung des Neuen Testamentes sagt Luther, daß das Neue Testament sei„eine gute Mähre und Geschrei, in alle Welt erschollen durch die Apostel, von einem rechten David, der mit Sünde, Tod und Teufel gestritten und über⸗ wunden und alle die Gefangenen ohn' ihr Verdienst erlöst habe“. Mit diesen Worten ist deutlich wiedergegeben, was die Heilige Schrift sonderlich in Luthers Uebersetzung, für den Christen ist. Dankbar wollen wir Spätgeborenen am Jubiläumstage der deut⸗ schen Bibel und des Verdienstes des großen Mannes erinnern und zugleich geloben, von Gottes Wort nimmermehr zu 8 5 9 Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung und Schluß.) Sehr schön war es, daß ich mit meinem Freund Schmitt soviel zusammen sein konnte. Wir marschierten über Konstantinow, ein großes Dorf, in dem die Russen nur wieder die Häuser der eigenen Landsleute nieder⸗ gebrannt hatten, an einer neuzeitlichen Zie⸗ gelei vorbei, wo Backsteine, Ziegel und Drai⸗ nageröhren gebrannt werden, durch Kornica. Dies ist ein 3 Kilometer langes Dorf, in dem rechts und links der Dorfstraße nur je eine Häuserreihe steht, wie wir es in der Bzuragegend gesehen hatten. Um die Mit⸗ tagszeit waren wir schon in Poplany, wo Menschen und Pferde gut unterkamen. In unserem Quartier verspürt man das Walten eines jungen Mädchens, auf Tischen und Truhen liegen Decken und Deckchen. Auch an den Wänden findet sich allerhand Schmuck, an den Fenstern sind Vorhänge angebracht. Man könnte glauben, in einem oberhessischen Bauernhaus zu sein. Abends waren wir zu den Offizieren der Batterie eingeladen, wo wir gemütliche Stunden verbrachten. 18. September 15. Da wir uns von Biala weiter entfernt hatten, in Siedlcee aber auch ein Zahnarzt ist, ich dort auch nötigenfalls bis zu unserer Verladung, die frühestens am 21. September erfolgt, bleiben kann, gab ich Biala auf. Ich fuhr heute früh um ½6 Uhr von Poplany mit einem unserer Panjewägelchen ab und nahm Stabsarzt Dr. Busch mit, der 3 Wochen Urlaub er⸗ halten hat. Wir fuhren auf der großen Straße über Losice, Mordy, und kamen um 3011 Uhr in Siedlee an. Die Fahrt ging durch eine landschaftlich schöne, vom Krieg fast unberührte Gegend. Aber wir kamen in ein übles Hagelwetter, nachher trocknete uns der scharfe Wind wieder. Fünf Stunden, meist im Trab, in einem federlosen Wagen auf einer Chaussee zu fahren, ist keine Kleinigkeit. Siedlee ist ein ganz nettes Städtchen. 19. September 15. In Siedlcee hat es mir gestern gut gefallen. Es ist die sauberste und ansehnlichste russische Stadt, die ich bisher kennen gelernt habe. Ich besah mir dieselbe trotz Regen und Sturm. Die Stadt hatte eine starke russische Garnison. Auch ein Zuchthaus ist da, das ich besichtigte. Es 5 onntagsgruß — 150— ist ganz neuzeitlich eingerichtet, wie die Butzbacher Zellenstrafanstalt, hat aber nicht mehrere Flügel, sondern besteht nur aus einem langen Gebäude. Das monumentale Bahnhofsgebäude ist völlig ausgebrannt. Der Zahnarzt— ein Darmstädter— plom⸗ bierte mir zwei Zähne. Der schlimme tut immer noch weh, und ich fürchte, ich muß ihn schließlich doch noch ausziehen lassen. Es war jetzt der sechste Zahnarzt, der an diesem Unglückszahn sein Heil versuchte; er meinte:„Viele Hunde sind des Hasen Tod.“ Nachdem ich einige Besorgungen gemacht, besuchte ich„das“ Café, wo es vorzüglichen Kaffee, Schokolade und sehr gutes Gebäck gab. Das Geschäft geht glänzend. Die Sol⸗ daten haben alle viel Geld, aber selten Ge⸗ legenheit, es auszugeben. Um 4 Uhr machte ich mich auf die Rückfahrt. Auf der großen Straße arbeiteten Landstürmer, dabei viel junge Leute, an Ausbesserung schlechter Stellen. Telegraphenleitungen werden ge⸗ legt; was unsere Feldposttruppen im Osten und Westen längs der Etappenstraßen an solchen Leitungen gebaut haben, ist un⸗ geheuer. Dabei wird alles so ordentlich und gründlich gemacht wie zu Hause. Kurz nach ¼7 Uhr war es Nacht, mond⸗ und sternenhell und recht kalt, weshalb ich die letzte halbe Stunde zu Fuß ging. Ich fand die Batterie hier in Skolimow⸗Cierpi⸗ gorz, wo wir heute bleiben, da Ruhetag ist. Wir liegen in einem hübschen großen Zim⸗ mer. Die Bewohner sind sehr freundlich. Hier herrscht offenbar Wohlstand. Heute kamen die durch die Fliegerbomben am 30. August verwundeten Kanoniere Eckel⸗ mann und Scheeder nach langen Irrfahrten über Biala, Cholm, Wlodawa, Lublin, Biala, Siedle zur Batterie zurück. Den dritten, Kanonier Helspe, haben sie in Brest-Litowsk verloren. Am 31. August, am Tage nach ihrer Ankunft dort, fand in Brest-Litowsk eine furchtbare Explosion von Artilleriemunition in einem Fort statt, wodurch in der Zita⸗ delle, der Stadt und den Forts 130 Men⸗ schen getötet und 1300 verwundet wurden. Eine Trainkolonne unserer Division, die in der Nähe biwakierte, wurde fast völlig auf⸗ gerieben. „Die Ursache der Explosion, ob Unvor⸗ sichtigkeit oder etwa eine von den Russen zurückgelassene Zeitzündung, konnte nicht festgestellt werden. Unsere Division war zuerst als Besatzung der Festung komman⸗ diert, wie gut, daß wir nicht mehr dort waren. Von Helsper haben die beiden nach der Explosion nichts mehr gesehen. Hoffent⸗ lich ist ihm nichts zugestoßen. Wie ich später zu meiner Freude hörte, kam Kanonier Helsper wohlbehalten aus Brest-Litowsk weg und nach Deutschland. Abends. Da ich allein war und im Zim⸗ mer fror, machte ich nach 5 Uhr bei schönem Weller eisen finpierrelkündigen Spe gang in den nahegelegenen schönen Wald. Auf der Bahn fuhr pfeifend eine deutsche Lokomotive vorüber. Als ich gestern zum erstenmal seit fast 6 Monaten wieder das Pfeifen einer Lokomotive hörte, berührte es mich ganz eigentümlich, heimatlich. Unter⸗ wegs traf ich einen freundlichen Polen, der sich mir anschloß. Unsere Verständigungs⸗ versuche mußten wir bald aufgeben Es ist zu schade, daß man sich mit den Bewohnern hier nicht unterhalten kann. Ich würde gern erfahren, was sie über den Krieg, über die Russen und die Deutschen denken, und wie sie sich die Zukunft Polens vorstellen. Als ich zurückging, dunkelte es: der Mond schien friedlich über der schönen Landschaft und ich dachte: wie schön wäre jetzt eine Dämmerstunde mit meinen Lieben daheim! Einen kleinen Ersatz dafür kann ich mir doch schaffen. Ich sitze, von dem Spazier⸗ gang gut durchwärmt, bei mattem Kerzen⸗ licht im Quartier und habe Post vor mir, leibhaftige Post, die erste seit 11 Tagen! 20. September 15. Bei klarem Wetter, aber kaltem Wind marschierte die Batterie heute früh um 6 Uhr ab. Ich ritt bald voraus, da ich nochmals zum Zahnarzt mußte. Bei dem schönen Wetter war es in Siedlce wirklich hübsch. Nachdem ich noch Besorgungen erledigt hatte, ritt ich um halb drei Uhr nach Stok-Laki, wo die Batterie bis zur Ver⸗ ladung bleibt. Die Division wird in Siedlee und an zwei benachbarten Bahnhöfen innerhalb 1 bis 2 Tagen in über 80 In den letzten 10 Tagen sind hier schon viel Truppen abtransportiert worden. 21. September 15. Wir wohnen hier in Stok-Laki in einem geräumigen Schloß, das im Innern ganz neu hergerichtet ist. Die Handwerker sind noch nicht ganz fertig. Möbel sind keine vorhanden. Die Zimmer sind teils sehr hübsch tapeziert, teils, wie unseres, mit Oelfarbe gestrichen. Türen und Fensterrahmen sind weiß, wie bei uns zu Haus, sogar ein Badezimmer ist vorhanden. Das ganze Schloß ist belegt, die Besitzer sind nicht anwesend. In Siedlee bekamen wir endlich neue Zeitungen. Unsere Verladung soll morgen früh um ½5 Uhr erfolgen. Wir müßten dann um 3¼ Uhr hier abrücken und kämen bei Tag durch Warschau und wohl auch an Kozlow⸗Biscupi vorüber, dem wir von Dezember bis Mitte März gegenüber lagen, und das nun von der anderen Seite aus zu sehen, für uns äußerst interessant wäre.“ Ich habe den von unserer Division inner⸗ halb 6 Mongten zurückgelegten Weg auf der Karte 1: 1000 000 nachgemessen. Wir haben rund 2000 Kilometer zurückgelegt, davon Zügen verladen. 900 mit der Bahn, schon bis westlich War⸗ nem schau, wo sich der Ring schließt, mitein⸗ gerechnet, 1100 mittels Marsches. In fünf ald. Monaten des Halbjahres hatten wir 100 Ge⸗ sche fechtstage. 1 Könnte ich doch bald meinen Lieben daheim 1 meine Erinnerungen und Erlebnisse aus 5 dieser interessanten Zeit in gemütlichen Abendstunden erzählen! . 110 wenn du nur treu verbleibst. ird(Fortsetzung.) An einem Februarabend dieses verhäng⸗ nisvollen Jahres saß der Maurer Christoph Rusch zu Neu-Bamberg in schwerer Sorge in seiner Wohnstube. Wenn wir hier seine Wohnstube erwähnen, so soll damit nicht gesagt werden, daß er daneben noch andere Stuben gehabt habe. Das Häuschen, das er bewohnte, stand hoch oben auf dem Berge, nicht weit von der Ruine. Es war so niedrig, daß ein mittelgroßer Mann, auf der Straße stehend, mit der Hand nach den Dachziegeln langen konnte. Trat man durch die Haustür ein, so kam man in den Flur, der zugleich als Küche diente, links lag die Stube. Eine steile Treppe führte vom Flur aus nier⸗ 1 — 151— stein beim Georg Faubel. Alle wiesen ihn ab; denn sie hatten nichts zu tun. Nicht nur die Winterkälte hinderte das Bauen, die Leute hatten auch kein Geld, um auch nur einen Schuppen oder einen Stall ausführen zu lassen. Da war Christoph nach Kreuznach gegangen, hatte in den Ger⸗ bereien und in der Glasfabrik nachgefragt, niemand wollte ihn nehmen. Endlich war er zu reichen Bauern gegangen, um als Taglöhner Beschäftigung zu finden, aber auch die Wohlhabenden in den Gegend hatten. nichts mehr zu dreschen. Zuletzt war es in der Weidenmühle gewesen. Dort fand er auch keine Beschäftigung, aber die Frau des Besitzers hatte dem Mann die Not angemerkt und hatte ihm, da sie eine gute Frau war, einen Korb Kartoffeln geschenkt. Von diesen Kartoffeln lebte nun die Familie, etwas Zichorie war auch noch da, aber Christoph dachte mit Schrecken, wie das werden solle, wenn ihm in wenigen Tagen nicht geholfen würde. Den Tag über war es empfindlich kalt gewesen, am Nachmittag hatte Schneefall eingesetzt. In der Abenddämmerung war der Wind erwacht und war allmählich zum Sturm geworden. Mächtig brauste er über den Berg, Türen und Fenster klapperten, Ziegeln flogen von den Dächern herunter. Manchmal setzte der Wind einige Augenblicke aus, um dann mit erneuter Wucht vom Tale her in nördlicher Richtung wieder heranzustürmen. Im Plattofen, der in einem Winkel der Stube stand, brannte ein Holz⸗ feuer, die kleineren Kinder drängten sich um das Feuer zusammen und wärmten sich die blaugefrorenen Hände. Begierig sahen sie nach der Pfanne, in der Magdalena Kartoffelkrüstchen briet. Vom Braten konnte allerdings nicht recht die Rede sein; denn das Fett fehlte. Das Kind hatte, wie es das von der Mutter gesehen hatte, die rohen Kartoffeln in Streifen geschnitten, um sie, mit Salz bestreut, in der Pfanne zu rösten. Das sollte mit Cichorienkaffee die Abendmahlzeit werden. Nicht eine Brot⸗ krume war im Hause. Und hätte man den Christoph auch auf den Kopf gestellt, es wäre kein einziger Kreuzer aus seinen Taschen herausgefallen. Nicht einmal das Lämp⸗ chen konnte er anzünden, weil er kein Oel hatte. Nur das Feuer im Ofen gab etwas Licht her. Wenn man, solange die Dämme⸗ rung währte, an eins der beiden Fenster trat, so wurde man gewahr, daß sich der Schnee draußen auf der Fensterbank immer mehr anhäufte. Man konnte die lange Nacht nicht ohne jede Beleuchtung sein, darum stand Christoph, ehe noch die Kartoffelkrüstchen fertig geworden waren, auf, um bei seinem Nachbar, dem Taglöhner Kaspar Sand, etwas Rüböl zu leihen. Kaspar war auch Ich nach dem Dachstock, der noch eine Kammer zum enthielt. War das Häuschen auch mehr als getter bescheiden, so brauchte es sich doch vor seinen Nachbarn nicht zu schämen; denn die ledigt waren allesamt in derselben Bauart auf⸗ nach gebaut. Unten im Tale, da, wo man durch Ver⸗ einen alten Torturm das Dorf betritt, stehen stattliche Bauernhäuser. Ein stolzer, aus⸗ d an gedehnter Bau ist das Schulhaus, das in 1 früherer Zeit kurmainzisches Amtsgebäude laden. war; je höher man aber den Berg hinauf⸗ schon steigt, um so kleiner werden die Häuser. Neben der Ruine hat sich die Armut ange⸗ n liel siedelt, sie hat wenigstens den Wind aus clof, erster Hand. et is. Hinter Christoph Rusch lagen schwere fertig Monate. Im November war seine brave, immer fleißige und fromme Frau, die so gern am „ pie Sonntage ihre Schritte nach dem weit vor n und dem Dorfe, dicht an der Weidenmühle lie⸗ 15 zu enden Kirchlein gelenkt hatte, am Nerven⸗ anden. keber erkrankt und nach vier qualvollen site Wochen aus dem Leben geschieden, ihrem Manne fünf unversorgte Kinder hinter⸗ e lassend. Zwar war das älteste Kind, die 127 fünfzehnjaͤhrige Magdalena, beim Tode der 1 Mutter schon konfirmiert, auch war das 155 Kind recht fleißig und anstellig, aber doch 9 noch zu jung, um unter so schwierigen * Umständen den Haushalt zu führen. Seit . mehreren Wochen herrschte bittere Armut im lng Haufe. Christoph Rusch war ganz ohne *. Arbeit. Als Maurer konnte er gar nichts wal verdienen. Ueberall in der Nachbarschaft iner hatte er um Arbeit nachgefragt, in Wons⸗ f del heim beim Maurermeister Adam Löffel, in — Siefersheim beim Jakob Götz, in Wöll— 1 sein Gevattermann, er hatte ihm das jüngste — 152— Kind über die Taufe gehoben. Als Christoph seine Haustür aufstieß, fand er, daß die Treppe schon ganz mit Schnee überdeckt war. Der Schnee schlug ihm in das Ge⸗ sicht, der Sturm hinderte ihn fast am Weiter⸗ gehen, es war ganz dunkel geworden. Das Häuschen des Kaspar stand ganz vereinzelt am Ende der Gasse. Christoph drückte auf die Tücklinke, die war verschlossen, aber an dem Lichte, das durch die Ritzen der Fenster⸗ läden schimmerte, konnte man sehen, daß die Bewohner zu Hause waren. Man hatte drinnen gehört, daß jemand Einlaß be⸗ gehrte, ein Fenster wurde geöffnet, und ein Fensterladen, wie Christoph zu beobachten meinte, etwas vorsichtig geöffnet. „Wer ist an der Tür?“ fragte eine tiefe Stimme. „Ich bins, der Christoph. Kaspar, mach auf, ich wollte etwas Rüböl bei euch lehnen.“ Man hörte im Innern einige schwere Tritte, dann wurde der Riegel der Haus⸗ tür zurückgeschoben. „Gewitterkeil, du kommst aber spät!“ sagte der Kaspar, ein großer, langbärtiger Mann. In der Stube befanden sich noch die Frau und der zwanzigjährige Sohn des Kaspar. Auch hier stand auf dem Plattofen ein Topf, aber Kartoffelkrüstchen wurden nicht geröstet; denn es stieg ein angenehmer Duft von dem Topfe auf. Als Christoph eintrat, deckte die Frau rasch einen Deckel über den Topf und begab sich nach der im Dach⸗ stock gelegenen Kammer. Christoph brachte sein Anliegen vor. Sein Gevattermann, der bei aller Rauheit doch ein gutmütiger Mensch war, nahm, ohne ein Wort zu sagen, das Blechkännchen, das sein Nachbar mitgebracht hatte, und füllte es aus der Kanne, die in der Ecke stand, mit Rüböl. Dann gab er seinem Sohne einen Wink, daß er verschwinden solle und wandte sich dann an Christoph. „Christoph,“ sagte er,„ich merke, es geht dir schlecht, du hast mit deinen Kindern nichts zu reißen und zu beißen. Schenken kann ich dir nichts, ich bin selbst ein armer Teufel. Für Arbeit kann ich dir auch nicht sorgen, aber wenn du willst und mir folgst, so brauchst du mit deinen Kindern keinen Hunger mehr zu leiden.“ „Kaspar, ich werd' doch nicht stehlen sollen!“ „Stehlen, du Narr, ist das gestohlen, wenn ich im Ibener Walde einen Rehbock schieße oder mir am Höllberg einen Has in der Schlinge fange? Meinst du, das, was hier auf dem Ofen steht, hätte ich beim Metzger in Wöllstein gekauft.“ Mit diesen Worten ging Kaspar an eine Kiste, die hinter dem Ofen stand, und holte einen alten Karabiner, der wohl aus der Zeit der Befreiungskriege stammte, hervor. „Mit dem Ding da,“ fuhr er fort,„hab ich heint nacht am Ibener Walde gestanden. Es war verdammt kalt, die Füße wurden mir rein zu Eisklumpen, ich wollt' schon wieder heimgehen, da schien der Mond durch die Wolken hindurch, und wie es hell wurde, sah ich, daß ein Rehbock langsam aus den Sträuchern herauskam. Ich lege das Ding an den Backen und bauf! mein Rehbock streckte die Beine in die Luft. Ich sage dir, Christoph, wenn ich auch ein Bettelmann bin, so habe ich noch nie so gut gelebt wie in diesem Winter Wenn ich die Rehe, die ich schieße, oder die Hasen, die ich fange, nicht selber essen kann, so bringe ich sie nach Kreuznach. Dort wohnt einer im Wassersümpfchen, der bezahlt alles gut, und ich habe Geld für Brot, auch manchmal für Branntwein und Tabak. Auf, Christoph, du gehst morgen mit nach Iben! Du brauchst keine Angst zu haben, den Karabiner lassen wir daheim, wir wollen lieber Schlingen legen. Du sollst einmal sehen, wie die Hasen sich abstrampeln, wenn sich ihnen die Draht⸗ schlinge um den Hals zusammenzieht.“ (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Die Fortsetzung des Artikels„Der Gießener Bub“ erscheint in der nächsten Nummer. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 17. Septbr. 14. n. Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Becker. Beichte und Feier des heiligen Abend⸗ mahls für Matthäus⸗ und Markusgemeinde. — Vormittags 11 ¼ Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Jugendvereinigung der Matthäusgemeinde: Jeden Montag, abends 8 Uhr: männliche Abteilung; jeden Dienstag, abends 8 Uhr: weibliche Abteilung.— Montag, den 18. September, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markus⸗ gemeinde.— Donnerstag, den 21. Seplember, abends 8 Uhr: Zusammenkunft des Frauen- vereins der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrer Bech⸗ tolsheimer.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 11 Uhr: Kinder⸗ kirche für die Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Abends 8—) 10 Uhr: Ver⸗ einigung der konfirmierten männlichen Ju⸗ faul. der Johannesgemeinde im Johannes⸗ aal. Im Vonfirmandensaal(Liebigstraße 56): Nachm. 2 Uhr: Taubstummengottesdienst. Pfarrer Bechtolsheimer. Perantworissch: Pfarrer Bechfolsbesmer. Druck und Verlag der Brihlschen Undperfiidts-Buch⸗ und Stelndtuckerel R. Lange, Gleßen. r / Tc// V——•—ùm!.,. ˙§⏑⅜pͥP¼Ümsau