* 1 Sonntags gruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nx. IJ Gießen, Reminiszere, den J2. März 1922 II. Jahrg. Wider die versuchung. Hebr. 12, 1 und 2. Lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht, und aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, da er wohl hätte mögen Freude haben, erduldete Das Kreuz. Das Passionslied, das mit den Worten „Jesu, deine tiefen Wunden“ beginnt— — der vielgeplagte Johann Heermann hat es uns gegeben—, ist eins der tiefsten Lieder, die wir in unserem Gesangbuche finden. Man hat es treffend eine„Arzenei gegen Sündenangst, Leidensverbitterung und Todesfurcht“ genannt, es macht aber auch in sehr wirkungsvoller Weise darauf auf⸗ merksam, wo der Christ Kraft in der Stunde der Versuchung findet. Diese Kraft findet er bei dem leidenden und sterbenden Hei⸗ land. Der Dichter singt: Jesu, deine tiefen Wunden, Deine Qual und bittrer Tod Geben mir zu allen Stunden Trost in Liebs⸗ und Seelennot, Fällt mir etwas Arges ein, Denk ich bald an deine Pein, Die verleidet meinem Herzen Mit der Sünde je zu scherzen. Wenn ein junger Mensch fern vom Eltern⸗ hause weilt und nichtswürdige Menschen suchen, ihn durch allerhand Vorspiegelungen zur Sünde zu verführen, und das Bild seiner treuen, gottesfürchtigen Eltern, die in ihrem Leben manchem Sturme getrotzt ha⸗ ben, taucht vor ihm auf, so ist als sicher anzunehmen, daß er entschlossen gegen die Versuchung ankämpft und sich seine Her⸗ zensreinheit bewahrt. Um wieviel mehr wird der Gedanke an den leidenden Heiland diese Wirkung haben. Wer sich sagt, daß der Heiland für ihn alle Not am Kreuze ge⸗ tragen hat, daß er durch Jesu Blut so teuer erkauft ist, der wird sich für viel zu gut halten, als daß er sich in den Sklavendienst der Sünde begibt und sein Herz mit Schuld belastet. Eltern, die ihre Kinder hinaus in die Fremde gehen lassen, sollten sie beim Abschied daran erinnern, nie in etwas ein⸗ zuwilligen, mit dem sie vor dem großen Dulder am Kreuze nicht bestehen können. Der geht sicher und getrost seinen Weg, der zu dem Heiland sagen kann: Will der Welt mein Herz verführen Auf die breite Sündenbahn, Wo so viele sich verlieren, Alsdann schau ich emsig an Deiner Marter Zentnerlast, Die du ausgestanden hast, f So kann ich in Andacht bleiben, Alle böse Lust vertreiben. B Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 36. Gießener Zustände in der ersten Hälfte des 18. Jahr- hunderts. (Fortsetzung.) „Ist erinnert worden, denen Thurmleuten anzuweisen, daß sie nicht die gantze Nacht mit Music also herumschwermen sollen.“ Bekanntlich hat von alten Tagen an bis hinein in die neueste Zeit stets ein Turm⸗ wächter mit seiner Familie auf dem Stadt⸗ lirchenturm gewohnt. Das Amt des Turm⸗ wächters war recht mühselig. Er hatte bei Tag und Nacht zu wachen, die Schlaguhr richtig zu stellen und nachts die Stunden auf allen vier Seiten des Turmes mit seinem Horn zu verkünden. Eine alte In⸗ struktion, die mir Herr Ferdinand Bauer in freundlicher Weise mitgeteilt hat, bestimmt: „Soll er jederzeit auf Feuersbrunst und ander Ungemach auch Verrätherey wohl Ach⸗ tung geben, und wenn er etwas vermerken würde, solches sogleich anzeigen. Da auch etwa ein Feuer in der Stadt auskäme, soll er solches bey Nacht mit etlichen Feuer⸗ schlägen auf der grosen Glocke anzeigen, und da solches bey Nacht geschehe, eine Leuchte mit einem brennendem Licht gegen den Ort, wo das Feuer ist, an einer Stange aus⸗ hangen, des Tags aber die Feuerfahn nach dem Ort des Feuers ausstecken.“ Alle Turm⸗ wächter waren zugleich Stadtmusikanten und hatten als solche recht erhebliche Privilegien (Vorrechte). Der, Turmwächter hatte das Recht, eine Kapelle zusammenzustellen und mit ihr zu spielen. Bei Hochzeiten und an⸗ deren Festlichkeiten hatten diese Stadtmusi⸗ kanten vor anderen Musikanten das Vor⸗ recht, andere durften also nur herangezogen. werden, wenn sie verhindert waren. Damals, im Jahre 1720, scheinen die Turmmusi⸗ kanten ihr Vorrecht etwas ausgiebig aus⸗ genützt zu haben. In den ältesten Kirchen⸗ büchern wird der Turmwächter allemale als„Tornmann“ bezeichnet, so erscheint im 17. Jahrhundert östers der„Tornmann“ Ghur(Gorr), gebürksg aus Münzenberg. Wir hoffen, später Ausführliches über die 2700 TT Dee eee 2 e 4 Gießener„Tornmänner“ mitteilen zu können. 1721. „Was den 2ten Feyertag(Weihnachts⸗ feiertag) auff dem Seltzersweg für erger⸗ liches Fluchen und Schelten vorgegangen, 1 schon vorm Herrn Oberschultheißen ge⸗ klagt.“ „Auff die Sontage gehen Leute vom Land unter der Morgen-Predigt umbher und ver⸗ kaufen ein und anders, soll den armen Vögten(Armenvögten) gesagt werden, auf solche Leut acht zu geben und anzuzeigen.“ „Bey der kleinen Mühl und Pulvermühl soll Sonntags widerum mit Spiehlen, Ke⸗ geln und dergleichen viel übels getrieben werden.“ „Ist erinnert worden, daß die Soldaten, welche an den Thoren die Wacht haben, mit denen aus⸗ und eingehenden Mägden ein schändliches Geschwätz pflegen zu treiben, soll dem Herrn Commandanten angezeigt werden.“ „Soll die sogenannte taube Ließ und des Schneiders Lorenzen Wittwe wegen des Wahrsagens im künftigen Kirchen⸗Convent erscheinen.“ Wir lesen jedoch in den folgen⸗ Protokollen nichts davon, daß die taube Lies und die Witwe des Schneiders Lorenz erschienen sind. Es könnte auch heute nichts schaden, wenn man die Kartenschlägerinnen, die in den letzten Jahren in Gießen aus den Kreisen der Frauenwelt großen Zu⸗ spruch hatten, zur Verantwortung vor eine mit richterlichen Funktionen ausgestattete Behörde laden würde. 1722. „Die Knaben, welche am verwichenen Osterfest sind confirmirt worden, stellen sich gar unfleißig bey der Kinder⸗Lehr ein, sollen deswegen vor dem Herrn Oberschultheiß erscheinen und unter Bedrohung des Ge— 5 zum Gehorsam vermahnt wer⸗ 170 „Der Kuhhirt Sack soll des Viehs halber bey einem Wahrsager oder sogenandten wei⸗ sen Man gewesen und mit abergläubischen Dingen umbgangen seyn, weßhalben er vor⸗ gefordert und unter Verordnung gesetzet werden soll.“ Der Schlag, den man gegen Sack zu führen gedachte, scheint ein Schlag in das Wasser gewesen zu sein; denn es ist nichts davon zu lesen, daß der Beklagte sich vor dem Konvente eingestellt hat, sein Ver⸗ gehen war auch wirklich nicht schwer. 5 „Auf die Sontage soll wiederum im Schützenhauß geschossen, gespiehlt und ge⸗ kegelt werden wie auch auf der Pulvermühl, soll untersucht und gesteuert werden.“ Wir haben schon früher aus diesen Proto⸗ kollen herausgelesen, daß die Schuhmacher⸗ gesellen oder, wie man damals sagte, die Schuhknechte, lustige Gesellen waren, die oft von sich reden machten. So lesen wir:„Auf der Schumacher-Herberg sitzen die Schuh⸗ knechte auf die Sontag unter den Predigten beysammen, spielen und saufen. Derjenige Schuhmacher, welcher die Herberg fc soll deswegen vor dem Herrn Oberschultheiß erscheinen und ihm ernstlich verbotten wer⸗ den.“ Kurz darauf heißt es:„Die Schuh⸗ knechte haben öffentlich durch die Stadt mit Musikanten einen Aufzug gehalten und her⸗ nach durch die gantze Nacht bey dem Fried⸗ rich Hoch getanzt und Bürgerstöchter dazu gezogen, welches bey dem Consistorium soll erinnert werden.“ 1723. „Die Beckerknechte fangen auch einige Jahre her an, alle Weihnacht herumzu⸗ ziehen, soll auch dem Consistorium erinnert werden.“ Demnach hat das Beispiel der Schuhmachergesellen auf die Bäckergesellen eingewirkt. Der Ausdruck„Bäckerknecht“, den man heute natürlich nicht mehr dulden würde, hat man noch vor ungefähr 60 Jahren in Hessen gebraucht. Am längsten hat sich wohl die Berufsbezeichnung„Post⸗ knecht“ gehalten; wenigstens hat man sie noch vor 20 Jahren gebraucht. „Corporal Franck zapft Bier und Brandt⸗ wein und hegt die Gäste Tag und Nacht, Sonn⸗ und Wercktag, soll ihm untersagt werden.“ „In der Kleinen Mühl sollen viele Un⸗ thaten verübet werden, worüber zwar der Müller vom Herrn Oberschultheiß abgehöret worden, weil aber dennoch immer von Sol⸗ daten, Studenten und anderem liederlichem Volck ein geläuff hinein, soll besser darauf inquirirt werden.“ 5 „Der Schlosser Simon Bechtold und sein Weib auf dem Asterwege, welche den Vater und Mutter schröcklich gescholten, auch bey dem Herrn Pfarrer Schenck nicht erscheinen wollen, ingleichen wol in 8 Jahren nicht zum Abendmahl gegangen, sollen insgesamt sowol die bösen Kinder als die Eltern auf künftigen Convent citieret werden.“ Proto⸗ kolle, die später folgen, bekunden, daß der Simon Bechtold der Aufforderung des Kir⸗ chenkonventes, sich vor ihm zu verantworten, nicht gefolgt ist, er hat lediglich im Pfarr⸗ hause angegeben,„er habe sich mit dem Vatter wieder versöhnet, welches aber der Vatter vorm Kirchen⸗Convent geläugnet.“ 1724. „Der Schmitt auf dem Lindenplatz hat den Himmelfahrtstag an einem Rad öffentlich geschmiedet. Soll nachgefragt werden, obs ein Nothfall gewesen.“ „Es ist angezeigt worden, daß viel in der Gemeind seind, die in etlichen Jahren nicht seind zum Tisch des Herrn gegangen, ist also abgeredt worden, daß die Herren Seni⸗ oren, und zwar ein jeder in seinem Quar⸗ tier(Bezirk) sich solcher Unchristen sollen erkundigen und dieselbe hiernächst anzei⸗ gen.“ Die Stadt war für die Kirchensenioren — — Christoph Ruths, ein fiebzigjähriger F n in fünf Bezirke eingeteilt, in das„Wall⸗ pförter“, das„Neuenweg“, das„Sältzer“ und das„Neustädter“ Quartier. Die Mäus⸗ burg bildete einen besonderen Bezirk. (Fortsetzung folgt.) hessischer dichter und Forscher. Von Dr. zur. et phil. Karl Esselborn. Mit Adam Karrillon im Bunde wird oft ein anderer Odenwalddichter genannt, Chri⸗ stoph Ruths. Seinem Odenwaldroman„Her⸗ tha Ruland“, der etwa ein Jahr nach der bei Grote in Berlin erschienenen Ausgabe des „Michael Hely“ herauskam, verdankt er diese Einreihung. Ruths, wie Karrillon, Odenwälder, ist zwar Odenwalddichter, aber in anderem Sinn als jener. Karrillons ge⸗ samtes dichterisches Schaffen hat viel engere Beziehungen zum Odenwalde als wir sie bei Ruths finden, abgesehen von seinen Reise⸗ beschreibungen durchweht alle seine Erzäh⸗ lungen und Romane die Odenwälder Höhen⸗ luft, was bei Ruths nicht der Fall ist. In der Wahl seiner Stoffe ist er vielseitiger als Karrillon, er ist nicht bloß Erzähler, sondern auch Dramatiker, er ist nicht nur Dichter, sondern auch Forscher, und die Anfänge seiner Schriftstellerei liegen auf wissenschaftlichem Gebiete. Sowohl hier als auf dem Gebiete der schönen Literatur hat er die beachtenswertesten Erfolge aufzu⸗ weisen, und doch ist er in weiteren Kreisen so gut wie unbekannt. Bis jetzt hat sich noch niemand der Mühe unterzogen, sein Le und Schaffen in seiner Gefamtheit darzu⸗ stellen. Der siebzigste Geburtstag, den er vor kurzem gefeiert hat, mag der Anlaß hierzu sein. Christoph Ruths ist am 30. Dezem⸗ ber 1851 zu Neutsch geboren. Sein Vater, Peter Adam Ruths, war damals Schulvikar in dem benachbarten Herchenrode. Bald nach Christophs Geburt wurde er nach Obernhausen am Südabhange und Fuße des Lichtenbergs versetzt. Das damals ein⸗ same Schloß und die von der Mutter er⸗ zählten Volksmärchen regten seine Phanta⸗ sie an und gaben ihr einen romantischen Einschlag, und zwar wirkten sie um so nach⸗ haltiger auf ihn ein, als ihn ein chronisches Augenleiden in mancher Hinsicht von der Außenwelt abschloß. Ende 1858 siedelte sein Vater nach Roßdorf über, wo ihm im fol⸗ genden Jahre die dritte Schulstelle über⸗ tragen wurde. Dort empfing der glänzend begabte Knabe außer dem sorgfältigen Un⸗ terricht seines Vaters Unterweisungen im Lateinischen und Französischen durch den als Privatmann in Roßdorf lebenden Hofrat Georg Wilhelm Justin Wager, den bekannten hessischen Geschichtsforscher. Ein besonderes Gefallen fand er an der Ge⸗ schichte und der Mythologie des Altertums. Es war daher für ihn sehr schmerzlich, als er auf Ostern 1864 nicht, wie er gehofft hatte, in das Gymnasium, sondern auf die Real⸗ schule in Darmstadt kam. Spielend bewäl⸗ tigte er das Arbeitsgebiet der Schule und benutzte die ihm reichlich verbleibende freie Zeit dazu, um sich selbst weiterzubilden. Mit Vorliebe las er Schillers Werke und die Odyssee und Ilias in der Uebersetzung von Johann Heinrich Voß. Schon mit fünfzehn Jahren befaßte er sich mit den Anfangs⸗ gründen der Differential⸗ und Integral⸗ rechnung. In seinem Lehrer, Dr. Ludwig Külp(1835—1891), fand er einen För⸗ derer und einen väterlichen Freund, der ihn nicht nur zu physikalischen Versuchen heran⸗ zog, sondern ihm auch in seiner reichhaltigen Bibliothek die Klassiker der Mathematik und Naturwissenschaften zugänglich machte. Im Jahre 1869 bestand er auf der Vorschule des neugegründeten Polytechnikums, in das er im Jahre vorher übergetreten war, die Reifeprüfung und widmete sich dann dem Studium der Ingenieurwissenschaften, doch vertauschte er dieses Studium bald mit dem seinen Neigungen mehr entsprechenden der Mathematik und Naturwissenschaften. Nach⸗ dem er im Jahre 1872 beide Eltern ver⸗ loren hatte, siedelte er nach Würzburg über, um dort seine Studien mit der Erwerbung der Doktorwürde abzuschließen, die ihm auf Grund der ausgezeichneten Arbeit„Ueber die Beziehung zwischen Härte und Magnetismus des Stahles“ erteilt wurde. Darauf wurde er als Assi⸗ stent seines Lehrers, des Physikers Georg ben Hermann Quincke, angestellt. Als dieser im Frühjahr 1875 einem Rufe nach Heidelberg folgte, nahm Ruths eine Lehr⸗ stelle an der Gewerbeschule, schlog i Real⸗ schule, in Dortmund an. Er schloß 17 Sep⸗ tember 1875 die Ehe mit AÜguste Darmstädter, der Tochter des Mühlen⸗ besitzers Jakob Darmstädter in Reichels⸗ heim i. O. Nachdem er im April 1876 eine auf eingehenden Versuchen beruhende Schrift „Ueber den Magnetismus wei⸗ cher Eisenteile“ veröffentlicht hatte, traf ihn im August der schwerste Schlag seines Lebens: bei einem Versuch verletzte ihn eine explodierende Retorte so schwer an beiden Augen, daß er im Frühjahr 1878 die Morrensche Augenklinik in Düsseldorf, wo er Heilung gesucht hatte, nach andert⸗ halbjährigem Aufenthalt völlig erblindet verließ. Ruths nahm nun seinen Wohnsitz in Darmstadt. Es galt für ihn, sein Leben von Grund aus anders einzustellen. Zunächst hielt er in einer ganzen Reihe westdeutscher und insbesondere westfälischer Städte öffent⸗ liche Vorträge, naturwissenschaftliche, all⸗ gemein⸗wissenschaftliche und Fragen des öffentlichen und sozialen Lebens. Aus Vor⸗ trägen, die er in Köln und Dortmund frei hielt, ging die kleine Schrift„Sonnen strahl und Arbeitskraft der 1 ö ö 44 Menschheit“(Dortmund 1879) hervor. Bald zwang ihn aber ein ausbrechendes Lungen⸗ und Nervenleiden, das chronisch ward, dazu, der Vortragstätigkeit sowie überhaupt jeder Wirksamkeit in der Oeffent⸗ lichkeit zu entsagen. Damit blieb Ruths als einziges Feld des Wirkens die wissenschaftliche und belle⸗ tristische Schriftstellerei. In bewunderns⸗ würdiger Weise verstand es nun seine Frau, sich in ihr ganz fremde Arbeits⸗ und Wissensgebiete einzuarbeiten, und ihrem schwergeprüften Manne das Augenlicht, so⸗ weit es nur irgend möglich war, zu ersetzen und ihm die Entfaltung einer ausgedehnten schriftstellerischen Tätigkeit zu ermöglichen. (Schluß folgt.) Das Kohlrabimännchen aus Heuchelheim. In den Vorkriegsjahren, da die Bauern noch nicht so viel Geld hatten, wie jetzt, kamen jeden Freitag von den benachbarten Dörfern Münchholzhausen, Heuchelheim usw. ganze Scharen von Hausierern mit ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Sie be⸗ suchten jedes Haus von unten bis oben, so daß man sich schließlich an eine bestimmte Person hielt, um nicht von den vielen be— lästigt zu werden. So kam denn auch zu uns jeden Sams⸗ tag ein altes Männchen von Heuchelheim, es sah sehr ärmlich aus. Es paßte eben alles bei ihm zusammen. Die Schiebkarre, auf der er einen alten Korb und ein paar zer⸗ rissene Säcke hatte, war ganz gichtbrüchig, er selbst sah ziemlich verwahrlost aus, seine Erzeugnisse waren minderwertig, und doch hatte der Mann mehr Wissen wie vielleicht mancher reiche Bauer. Immer kündigte er sich an, indem er den Korridor aufmachte und hekeinrief:„Kohlrab“, wobei er auf beide Silben die Betonung legte, so daß unser Mädchen stets kichernd in die Küche lief. Eines Samstags bemerkte ich dem Manne, daß er sicher viel mehr aus seiner Ware lösen könnte, wenn er sein Land besser bearbeiten und düngen würde. Da erwiderte er mir, er hätte für die Agrikultur eigent⸗ lich nicht viel übrig und wäre am liebsten Pfarrer geworden, aber sein Vater hätte ihn durchaus zum Bauer gedrängt. Ich fragte ihn, ob er denn eine bessere Schule besucht hätte, da er doch lateinische Wörter kenne, da sagte er mir, er bekäme mitunter von Leuten ein abgelegtes Schulbuch ge⸗ schenkt, da lerne er für sich daraus. In Heuchelheim hatte ihn die Dorfjugend meist zum Spaß. Eines Tages haben sie ihm aus seinem armseligen Gärtchen die Zwet⸗ schen geholt. Zwetschenkuchen gebacken, und ihn zum Kaffee dazu eingeladen. Er hat auch mitgetrunken und sich dann verabschiedet mit den Worten: Ich danke euch, auch für den guten Kuchen, ich hätte nicht gedacht, daß meine Zwetschen schon so süß wären. In der Geographie hatte er sich gut ausgebildet, man durfte ihn fragen nach irgendeinem Fluß oder Gebirge in Spanien und Italien, er wußte alles genau. Jedenfalls war er besser unterrichtet wie meine Butterfrau. Als nämlich mein Sohn nach München kam und ich es ihr sagte, da meinte sie: „Ach Gottche, wie lang muß er dann do mit dem Schiff fahre?“ Jetzt ruht das Kohlrabimännchen schon lange in der kühlen Erde, und die Dorf⸗ jugend kann ihn nicht mehr zum Besten halten. A. F Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 12. März. Reminiszere. Kollekte für die Anstalt für Epileptische. In der Stadtkirche. Vormittags 9/ Uhr: Pfarrassistent Becker.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfarrassistent Becker.— Abends 6 Uhr: Pfarrer Mahr.— Montag, den 13. März, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmier⸗ ten männlichen Jugend der Matthäus⸗ gemeinde.— Montag, den 13. März, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmier⸗ ten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. — Dienstag, den 14. März, nachm. 4 Uhr: Frauenmissionsverein.— Mittwoch, den 15. März, abends 6 Uhr: Passionsgottes⸗ dienst: Pfarrer Becker. In der Johanneskirche. Vorm. 9½ Uhr. zugleich Militärgottesdienst; Pfarrer Aus⸗ feld.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde: Pfarrer Aus⸗ feld.— Abends 6 Uhr: Pfarrassistent Mül⸗ ler.— Abends 7½ Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Jo⸗ hannesgemeinde.— Montag, den 13. März, abends 7½ Uhr: Jugendvexeinigung der Lukasgemeinde(weibliche Abteilung).— Freitag, den 17. März, abends 5½ Uhr: Vereinigung der konfirmierten Mädchen der Johannesgemeinde. Am kommenden Sonntag findet in beiden Kirchen im Abendgottesdienst Beichte und Feier des heiligen Abendmahls statt. An⸗ meldungen werden vorher von den Ge— meindepfarrern erbeten. Im Konfirmandensaal(Liebigstraße 56): Nachm. 2 Uhr: Taubstummengottesdienst u. Feier des heiligen Abendmahls: Pfarrer Bechtolsheimer. Evang. Arbeiterverein. Ev. Bund. Wartburgverein. Sonntag, den 12. März: Gemein⸗ schaftliche Lutherfeier in der Stadtkirche. Musikalische Darbietungen eines Quartetts mit Orgelbegleitung, Gesang. Redner: Professor Kauer aus Wetzlar. Ein⸗ tritt frei. Am Ausgang wird zur Deckung der Unkosten und für den Evang. Bund eine Kollekte erhoben. Verantwortlich: Pfarrer Bechtolshelmer Druck und Berfag der Brühschen Untpersitäts⸗ Buch ⸗ und Steindrucker e R. Lange, Gießen 0