„, . er 2 r * 2 4 5 onntags gruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 37 Gießen, I3. S. n. Trinitatis, den Jo. September 1922 JI. Jahrg. Leben. Evang. Joh. 10, 28. Ich gebe ihnen das ewige Leben. In seiner 1788 erschienenen„Vaterlands⸗ chronik“ teilt der Dichter Schubart ein be⸗ merkenswertes Wort eines griechischen Weisen mit. Dieses Wort lautet: „Ein Schauplatz ist die Welt, Das Leben Vorübergang. Du kamst, sahst, gingst. Welt ist Wechsel, Leben Wahn.“ Das ist ohne Zweifel ein eindrucksvolles Wort, es enthält auch viel Wahres.„Ein Schauplatz ist die Welt.“ Buntes, Mannig⸗ faltiges, Vielgestaltiges spielt sich hier ab, wie es so wechselvoll und farbenprächtig auf keiner Schaubühne dargestellt werden kann.„Das Leben Vorübergang“. Ein Ge⸗ schlecht löst das andere ab. Wenn man nach einem langen Zeitraume an einen Ort zurückkehrt, an dem man früher geweilt hat, so entdeckt man mit großer Verwunde⸗ rung, daß man sich kaum noch zurecht⸗ findet. Alte Häuser sind dahingesunken, neue Straßenzüge sind entstanden, Menschen, denen man einst nahestand, die man in voller Kraft gekannt hat, ruhen auf dem Fried⸗ hofe.„Du kamst, sahst, gingst.“ Diese Wahr⸗ heit lernt jeder an seinem eigenen Dasein kennen, sie wird ihm um so eindrucksvoller ein⸗ geprägt, je älter er wird.„Welt ist Wechsel.“ Das versteht der, der die Geschichte kennt. Er weiß, wie auf Erden die Herrscher und die Verfassungen einander ablösen, wie Staaten aufsteigen und niedersinken, Fa⸗ milien reich werden und wieder verarmen. Alle diese Wahrheiten werden auch in der heiligen Schrift sehr oft zum Ausdruck ge⸗ bracht. In einer Aussage aber tritt die heid⸗ nische Lebensanschauung des griechischen Denkers zutage. Er sagte:„Leben ist Wahn.“ Das ist eine trostlose, pessimistische Weis⸗ heit. Ist das Leben nur Wahn, so lohnt es sich nicht, daß man nach dem Guten, nach Herzensreinheit, nach innerem rieden strebt, der Endsatz alles Denkens muß dann der sein, den Paulus einmal erwähnt: „Lasset uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!“ Nein, das Leben ist kein Wahn, durch Jesus wird es mit tiefem, un⸗ vergänglichem Inhalte gefüllt, er gibt uns 4 das ewige Leben, das Leben in Gott, er richtet unser Streben nach einem überwelt⸗ lichen Ziel, mit ihm werden wir einmal ewig leben. 5 Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Mit meinen Kreuzer Freunden kam ich nur in der Schule zusammen und hörte da mancherlei von ihnen, was mir die Tren⸗ nung von ihnen leid machte. Sie vergnügten sich, wie früher, mit den alle Jahre wieder⸗ kehrenden Spielen und trieben nebenher allerlei Allotria, deren Vater in den meisten Fällen Dachs Klein war. So erfuhr ich eines Tages von ihnen, daß sie manchmal abends, wenn es dunkel war,„Besuche machten“, ich solle doch mal mit dabei sein. Also erschien ich kurz darauf, als der Tag zur Neige ging, an Buschs Treppe, mit Freuden allseitig begrüßt. Alles, was es an Erlebtem zu erzählen gab, wurde aufgetischt und belacht, und auch ich schilderte mein und meiner Freunde Treiben droben am Selterstor und vergaß natürlich auch nicht die Jagd auf Wittichs Minka, die jetzt wohl bald an der Lahnmündung angelangt sein müsse. Da erschien auf einmal Dachs Klein, er stand plötzlich unter uns, die beiden Hände in den Taschen, sagte aber nichts, um mich in meiner Erzählung nicht zu stören. Als diese zu Ende war, fing er ohne weiteres unter den anwesenden Jungen zu sortieren an. Die Kleineren schob er bei⸗ seite. Jeder fügte sich willig; denn man wußte, daß wieder ein„Unternehmen“ im Anzug war. Obgleich wir unserer achtzehn waren, schien dies dennoch Klein nicht genug. Es kamen aber nach und nach noch einige angerückt: Karl Balser, Ferdinand Gail, Karl Rudolph, Wilhelm Hanstein, und wie sie alle hießen. Und nun erging etwa folgende Ansprache an uns:„Ihr kennt doch alle den Schröbel, den Aff? Der will beim Wingolf einspringe, leugnets awwer, un ich weiß ganz bestimmt, daß er jeden Abend bei'en herumhockt un dabei die schwarz Kapp auf hat, der Ligefitch. Heut awend is er bei eim, der ganz owe beim Schuster Berg wohnt, acht Treppe hoch, da gehn mer jetz hin!“ Die Karawane setzte sich hierauf 0 — 146— in Bewegung. Vor dem Bergschen Hause auf der Mäusburg empfahl er allen größte Ruhe und Vorsicht an.„Es darf uns niemand im Haus merke, sonst sin mer verratzt, das merkt euch!“ Wir schlichen nun die schmalen, steilen Treppen, eine nach der anderen, wie Diebe empor. Flurbeleuchtung galt als Luxus, so auch im Bergschen Hause, und so war's denn auch richtig so dunkel darin wie in einer Kuh. Dachs Klein zündete ein paarmal Streichhölzer an, damit jeder in diesem Augenblick sehen konnte, wo er eigent⸗ lich war und wo es hinaus ging. Endlich langten wir ganz oben an. Es roch nach Tabaksrauch, und durch die Ritzen einer Tür schimmerte Licht. Hinter derselben hörte man das Durcheinander vieler Stimmen.„Seid ihr alle da?“ zischelte Klein gedämpft.„Ja,“ hieß es leise. Eine ganze Anzahl von uns stand allerdings wegen Platzmangels noch auf der Treppe. Das war eben nicht zu ändern. Dachs Klein klopfte kräftig an. „Herein!“ riefen drinnen mehrere, und nun machte unser Anführer die Türe sperrweit auf. Wir sahen in dem dicken Pfeifen⸗ qualm etwa 8 bis 10 Wingolfiten sitzen, auf deren Gesichtern sich Erstaunen und Ueberraschung zeigte. Eine Batterie Bier⸗ flaschen und gefüllte Gläser zierten den Tisch. Diejenigen der Insassen, die beim Oeffnen der Türe mit ihren Stühlen im Wege waren, schob er einfach mit dieser gewaltsam zurück. Dann sagte er:„Seht emal da! Schönen guten Abend, meine Herren! Darf ich mir vielleicht die Frage erlauben, ob Herr Schröbel hier ist?“ Dieser, der gerade der Türe gegenüber saß, sprang auf und rief:„Jawohl!“„Ach ja,“ höhnte Klein,„da ist er ja, der Herr Schröbel!“ Dann rief er uns mit entsprechender Geste zu:„Seht einmal, da steht er, der garstige Lügenpeter!“ Das war nun auch den Freun⸗ den Schröbels zu viel. Sie sprangen auf, und es jah aus, als ob ein Gewitter im Anzug wäre. Unsererseits übertriebenes Gelächter, dann Zuschlagen der Türe und einer über den anderen die Treppe hinunter, zum Ent⸗ setzen der Hausbewohner, die, offenbar in dem Glauben, das Haus breche zusammen, mit verängstigten Gesichtern, die Petroleum⸗ lampe hoch emporhaltend, in jedem Stockwerk auf den Flur stürzten. Wie beim Roden⸗ steiner, wenn er mit seinem wilden Heer auf dem Kriegszug seinen Weg durch ein Haus nimmt, rumpelte, krachte und donnerte es die Treppen hinunter, an deren unterem Ende der Menschenstrom, in seiner Rutsch⸗ partie aufgehalten, einen zappelnden Knäuel bildete.„Nichts, wie weiter,“ hieß es, „einerlei, wie!“ Ich glaube, es waren welche dabei, die mitgerissen hinuntersausten, ohne die Stufen zu berühren. So langten wir innerhalb fünf Minuten zerschunden, ver⸗ beult und außer Atem, aber sehr vergnügt auf den Steinfliesen des engen Hausgangs unten an, stellten uns auf die Beine und stürmten nach dem Kreuz. Dort war unsere erste Sorge, beim Schein der Straßen⸗ laterne zu untersuchen, ob die Kleider nicht notgelitten hatten; denn lieber drei Löcher im Knie, wie eins in den Hosen. Mir selbst war nichts passiert, und bei denn Blessierten ging die Sorge im Vergnügen unter, welches auch auf dem Kreuz noch in a geräuschvoller Weise zum Ausdruck kam ö Jeder wollte seinen Absturz in möglichst drastischer Weise schildern, und so entstand f ein lebhaftes, wirres Durcheinander, dem Dachs Klein mit den Worten„Jetz macht, daß'r heimkommt“ ein Ziel setzte. Es folgte dann auch allgemeine Verabschiedung, haupt⸗ sächlich auch von Klein, dem man die inner⸗ liche Zufriedenheit über den gelungenen Streich vom Gesicht ablesen konnte. Und nun wird man fragen, warum Klein den Schröbel, der eigentlich anders hieß, auf das Korn genommen hatte. Es war für jeden Schüler des Gymnasiums oder der Realschule, welcher ein forscher Kerl sein wollte, etwas Selbstverständliches, daß er sich für eins der drei Gießener Korps er⸗ klärte, auch dann, wenn alles andere mehr vorhanden war, wie die Aussicht, Korps⸗ student zu werden. Dieser Sinn für das Studententum lag in der Universitätsluft, und wer nicht ein Teutonen⸗, Starken⸗ burger⸗ oder Hessen⸗„Bembes“ war, konnte keinen Anspruch auf Vollgültigkeit erheben. Klein schwärmte für die Teutonia, der er ja auch später als einer der besten damaligen Fechter angehörte. Den ortsfremden Schrö⸗ bel, welcher, wenn es geriet, studieren sollte, hatte er für die Teutonen gekeilt, wie man das naunte und noch nennt; dieser war aber auf Abwege, d. h. in die Hände ihm befreundeter Wingolfiten geraten, hatte also nicht Wort gehalten, und das wurde als ein grober Verstoß gegen Treu und Glauben empfunden und mußte in irgendeiner Weise gerächt werden. Wie das geschah, haben wir gesehen. t 1 (JFortsetzung folgt.) Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.) e 14. September 15. Auf die Eisen⸗ bahnfahrt freuen wir uns wie die Kinder, besonders weil sie 4 Tage und Nächte dauern soll, und daheim wurden einem 4 Stunden im D-Zug fast schon zu lang. 4 Tage liegen wir hier in Ruhe, aber es kommt mir vor, als wären es Wochen. So lang erscheinen uns jetzt die Tage, da wir nichts leisten und nichts erleben. g 5 Zum Nachmittagskaffee war Schmitt bei uns, mit dem ich dann noch einen schönen zweistündigen Spazierritt nach einem nahe⸗ gelegenen großen Gestüt machte, das noch wohlerhalten ist und in dem 500 Hengste del en. en⸗ el, A r P77 gewesen sein sollen, die die Russen leider mitgenommen haben. Auf dem Rückweg be⸗ suchten wir noch den Schloßpark in Janow, der recht gut erhalten ist und in dem herrliche alte Bäume stehen. Wie wünschen wir, unsere lieben Frauen könnten hier ein⸗ mal bei uns sein und einen so angenehmen Teil des Kriegslebens mitgenießen. Aller⸗ dings müßten sie ja auf Stroh schlafen und auch sonst die eine oder andere Bequem⸗ lichkeit entbehren. 15. September 15. Soeben komme ich mit meinen drei Herren von einem zweistündigen Spaziergang zurück, der uns durch schönen Mischwald führte. Der Be⸗ sitzer, wohl auch Graf Plater von Konstan⸗ tinow, hat offenbar viel für die Jagd getan. Nun schießt alles, was sich für einen Jäger hält, und es war in dem Wald ganz lebensgefährlich. Bei dem Herrenhaus in Konstantinow ist ein großes, neuerbautes Gut, ebenso sind Mittagszeit ein großer noch mehrere Vorwerke in der Nähe mit schönen Arbeiterwohnungen. Auf dem Haupt⸗ gut ist die Brennerei niedergebrannt, sonst ist alles wohlerhalten, sauber und ordentlich. Abends. Ich war tagsüber viel mit Schmitt zusammen. Gegen Abend ritten wir zur Jagd. Schmitts Bursche und ich trie⸗ ben zu Pferd die Hasen zu, und Schmitt— fehlte sie. Ich gedenke heute viel des 15. September des vorigen Jahres. Wenn mir dasselbe heute zustieße, ich würde den Aufenthalt daheim mehr genießen wie damals, wo ich infolge der noch zu neuen und ungewohnten Kriegseindrücke in großer Nervenbewegung mich befand und unter der Zwangsvorstel⸗ lung stand, ich müsse draußen im Felde sein. Ich empfand den Aufenthalt zu Hause wie ein Unrecht gegen die Draußenstehenden. 16. September 15. Heute ritt ich um 6 Uhr mit meinem Burschen Matthes nach Biala, wo ich zum Zahnarzt ging. Dieser ist im Gerichtsgebäude untergebracht, so daß ich auf diese Art auch in ein russi⸗ sches Landgericht kam. Die Räume ind nüchtern wie bei uns. Ich habe an dem üblen Zahn Wurzelhaut⸗ übermorgen muß ich wieder hin. In Biala, wo das Armeeoberkommando der Armee Mackensen liegt, war ein ungeheuerer Betrieb von Autos, Offizieren, Beamten, Soldaten. Die Stadt hat durch den Krieg nicht ge⸗ litten und ist leidlich sauber. In der Offiziersspeiseanstalt war um die Andrang. Ich sah dort einen Feldpostinspektor, der nicht nur das Eiserne Kreuz, sondern auch die Hessische Tapferkeitsmedaille hatte, die gar viele vorn. an der Front noch nicht erhalten haben. Dabei hatte der Postinspektor wohl keine Gelegenheit gehabt, besonderen Mut an den Tag zu legen. entzündung und bekam eine Einlage gemacht, G — 147— „Den über 20 Kilometer langen Weg ritt ich bei schönem Wetter in etwas über zwei Stunden zurück. Kurz vor Pawlow⸗Nowy kam mir ein Wagen laut singender Leute entgegen, darunter auch drei unserer Offi⸗ ziere, die auf 3 Wochen in Urlaub fahren. 17. September 15. Heute früh um 6¼ Uhr Weitermarsch. Die achttägige Ruhe im Pawlow-Nowy hat Menschen und Pferde sehr gut getan. Des Wetter war meist schön, unser Häuschen gemütlich, wenn nur nicht die vielen Fliegen gewesen wären. Es waren mehr in dem einen Zimmer, wie bei uns zu Hause in einem Kuhstall. Die Biester fielen über einen her, wie wenn sie einen auffressen wollten. (Fortsetzung folgt.) Wenn du nur treu verbleibst. Man kann der Provinz Rheinhessen, so fruchtbar sie ist, nicht nachrühmen, sie besondere landschaftliche Reize auf⸗ weise. Ein eintöniges, welliges Gelände, ohne Wald und Wiese, so bietet sich das Land dem dar, der es mit der Eisenbahn durchfährt oder zu Fuß durchwandert. Landschaftlich schön ist die Provinz nur an ihren Rändern. Das Rheinufer von Worms bis Bingen ist hochberühmt, auch an der Westgrenze, und zwar an der Nahe zwischen Kreuznach und Bingen, findet der, der deutsches Land liebt, mehr als ein erfreuliches Bild. Durch eine fruchtbare Ebene, auf die von Osten her der Wiesberg, von Westen her die Ausläufer des Huns⸗ rücks herniederschauen, wandert er nach Norden, bis die Rheinberge ihn grüßen, bis Rochusberg, Scharlachkopf und Niederwald majestätisch vor ihm aufsteigen. Aber auch die Südwestecke der Provinz, die glücklicherweise von Menschen im Ge⸗ birgskostüm noch nicht begangen wird, weist manchen Punkt auf, auf dem das Auge gern ruht. Das ist namentlich da der Fall, wo der Appelbach aus dem pfälzisch⸗bayerischen Gebiete herausritt und von Tiefenthal bis nach Wöllstein durch ein enges Wald- und Wiesental fließt. Auch geschichtlich merkwürdig ist die egend. Der Wandersmann, der von der Pfalz herkommt, stößt, nachdem er das kleine Dorf Tiefenthal verlassen hat, zu⸗ nächst auf den Ibener Hof, in dessen Mitte eine alte, in gotischen Formen Ae und aus der Zeit der Tempelherren stammende Kapelle sich erhebt. Dann gelangt er durch das Tal nach Neu⸗Bamberg. Auf rundem Bergkegel erhebt sich die Ruine der im Jahre 1668 von dem Kur⸗ fürsten Karl Ludwig von der Pfalz zer⸗ störten Burg. Das Dorf selber liegt am Fuße des Berges oder schmiegt sich bis hinauf zur Ruine an diesen an. An der Ostseite des Bergkegels fließt der Appelbach der Nahe zu. e Ein fruchtbares Stück deutschen Landes ist auch der Bezirk, in dessen Mitte die Neu⸗Bamberger Ruine liegt. Man sieht vom Berge aus, namentlich in der Rich⸗ tung nach Kreuznach, gesegnete Ackerfelder, auf den benachbarten steilen Höhen gedeiht ein guter Wein, im Tale grünen die Wiesen, hier und da dehnt sich ein Streifen Waldes aus, aus dem die Be⸗ wohner dieses Bezirkes ihr Brennholz gewinnen. In der Zeit jedoch, von der ich hier erzaͤhlen will, herrschten dort, wie allerwärts in Deutschland, Hunger, Jam⸗ mer und Not. Das war im Jahre 1847. Es ist merkwürdig, wie nach gewissen Zeiträumen dieselben Witterungserscheinun⸗ gen und Ernteergebnisse genau wieder⸗ kehren. Im Jahre 1846 war es genau wie im Jahre 1921, also gerade 75 Jahre später. Ter Sommer 1846 war ungemein trocken gewesen, im Juni, als Gras und Getreide wachsen sollten, war kein Tropfen Regen gefallen. Mit großen Erwartungen hatte man der Kornernte entgegengesehen. Als sie vorüber war und man mit, dem Ausdreschen begonnen hatte, stellte sich her⸗ aus, daß die Aehren nur sehr wenig Körner enthielten und daß die Ernte weniger als mittelmäßig war. Die Kar⸗ toffeln waren ganz mißraten. Als man die wenigen Kartoffeln, die das Land getragen hatte, im Keller hatte, zeigte sich, daß sie von einer Krankheit befallen waren. Sie wurden schwarz und faulten; es blieb den verzweifelten Menschen nichts übrig, als sie möglichst schnell aus dem Keller herauszuschaffen. Man warf sie im Felde in Löcher und Gruben oder lagerte sie in den Wagengeleisen ab, damit sie hier von den Rädern zermalmt würden. Mancher Hausvater hat bekümmerten Her⸗ zens Weihnachten 1846 oder Neujahr 1847 die letzten brauchbaren Kartoffeln aus seinem Keller herausgeholt. Rapid stiegen die Brot⸗ preise, und hohläugig ging in jenem Winter der Hunger durch das Land. Die älteren Leute sagten: Es ist wie im sechzehner Jahr, da alles durch den Regen verdorben ist. Deshalb waren die Menschen hauptsäch⸗ lich in so großer Not, weil sie nirgendswo Arbeit fanden. Gelehrte Männer dachten darüber nach, wie man Ersatz für die feh⸗ lenden Nahrungsmittel schaffen könne. Einer schlug vor, man solle die in allen deutschen Gebirgen vorkommende Isländische Flechte sammeln, trocknen und zermahlen, das gäbe einen guten Zusatz zum Brotmehl. Man hat nichts davon erfahren, daß Versuche dieser Art den Erfolg hatten, die hungrigen Leute satt zu machen. Wie ein Unglück selten allein kommt, so hatten sich damals zum Hunger auch noch ein schwerer Winter und eine verderbliche Seuche gesellt. In den hochgele⸗ genen Gebieten des südwestdeutschen Gebietes war es so kalt, daß man nicht einmal im Walde Bäume fällen konnte, viele Brunnen froren zu, Schneeverwehungen hinderten den Verkehr. Schon vor Weihnachten war das Nervenfieber, wie man damals den Typhus nannte— es wird wohl der Hungertyphus gewesen sein— aufgetreten, und die Sterb⸗ lichkeit war groß.(Fortsetzung folgt.) Uirchliche Anzeigen. Sonntag, den 10. Septbr., 13. n. Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr: Festgottesdienst zum Jahresfest des Wart⸗ burgvereins, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Vormittags 9 Uhr: Feier zur Eröffnung des Konfirmanden⸗ unterrichts in der Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Jugendvereinigung der Matthäusgemeinde: Jeden Montag, abends 8 Uhr: männliche Abteilung; jeden Diens⸗ tag, abends 8 Uhr: weibliche Abteilung(fällt für diese Woche aus).— Dienstag, den 12. September, abends 8 Uhr: Helferver⸗ sammlung der Männer⸗ und Frauenver⸗ einigung der Matthäusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 9/ Uhr: Feier zur 55 des Konfirmandenunterrichts in der Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und Feier des heiligen Abendmahls für Lukas⸗ und Johannesgemeinde.— Vor⸗ mittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Jo⸗ hannessaal: Pfarrer Mahr.— Freitag, den 15. Septbr., abends 1/26/88 Uhr: Konfir⸗ mandenvereinigung für die Mädchen aus der Johannesgemeinde Evang. Arbeiterverein. Samstag, g. und Sonntag, 10. Sept.: Ausflug nach der Edertalsperre. Im übrigen s. Wartburgverein.— Der für den 17. vor⸗ gesehene Waldgottesdienst wird auf den 24. Sepkember verlegt. Wartburg verein. Samstag, 9. Sept., 8/ Uhr, im Markus⸗ saal: Feier des 35. Jahresfestes. Sonntag, 10. Sept., 8 Uhr: Gottesdienst in der Stadt⸗ kirche. Nachm. 4¼ Uhr: Familienfeier in der Turnhalle an Oswaldsgarten. Samstag, den 9. Sept., abends 8) Uhr, im Markussaal, Kirchstr. 9: Vorfeier des Stiftungsfestes für die männliche Abteilung. — Sonntag, den 10. Sept.: Feier des 35⸗ jährigen Stiftungsfestes. Morgens 8 Uhr: Festgottesdienst in der Stadtkirche Nachm. 4 Uhr in der Turnhalle: Familienfeier. Konzert, Aufführung eines Märchenspiels, Ernennung von Ehrenmitgliedern. An⸗ sprachen. Eintrittskarten bei Frl. Weller, Rathaus und im Heim, Diezstr. 15. An der. Abendkasse erhöhte Preise. Perantwortlsch: Pfarrer Bechlolshesmer. Druck und Berlag der Brühl'schen Untderstidts-Buch⸗ und Stein druckerel R. Lange, Gießen.