onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 23 Gießen, Pfingsten, den 4. Juni 1922 II. Jahrg. Deutsches Pfingstfest. 1. Petri 2, 9. Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigen⸗ tums, daß ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von Nich Finsternis zu seinem wunderbaren icht Unter den vielen schönen Bildern des frommen Ludwig Richter ragt eins hervor, das das deutsche Pfingstfest darstellt. Von einem Berge schaut man hinunter in das Tal, am Himmel ziehen einzelne weiße Wolken dahin, an der Berglehne liegt ein Dorf, über dem Kirchlein ragt der Kirchturm auf. Vom Turme blasen Musikanten hinaus in die Landschaft, wir wissen, was sie blasen, es ist die Choralmelodie: O, heiliger Geist, kehr bei uns ein! Still und andächtig wan⸗ deln fromme Menschen dem Gotteshause zu, um das Schwalben und Tauben langsamen Fluges gleiten. Im Vordergrund des Bildes sehen wir ein Häuschen mit einer Laube. Da sitzt eine Großmutter mit gefalteten Händen, vor ihr das Enkelkind, das die auf⸗ geschlagene Bibel vor sich hat. Wir wissen, was das Kind liest, es liest die Pfingst⸗ geschichte, die mit den Worten beginnt: Und als der Tag der Pfingsten erfüllet war, waren sie alle einmütig beieinander. Wenn man die Gestalten dieses Bildes betrachtet und auf den tiefen Frieden merkt, den der Künstler in ihre Gesichtszüge gelegt hat, so glaubt man die Erfüllung der Verheißung des Petrus, des ersten Pfingstpredigers zu erleben: Ihr aber seid das auserwählte Ge⸗ schlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, daß ihr verkünden sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Man kann nicht sagen, daß in diesem Jahre das deutsche Volk Aehnlichkeit mit den Gestalten auf diesem Bilde hat. Unser Volk ist nicht nur äußerlich gedrückt, es ist auch unruhig, friedlos, zerfahren. Viele haben die traurige Lage, in der wir uns befinden, noch bei weitem nicht begriffen, sie leben heiter und vergnügt dahin. Andere streben nach mühelosem Geldgewinn und bringen ihre Volksgenossen um Hab und Gut. Streit und Neid geht durch die Reihen unseres Volkes hindurch. Oft nimmt die Frömmigkeit, wie das bei erregten Menschen der Fall ist, phantastische Formen an und 5 1 geht seltsame Wege. Gott mache aus un⸗ serem Volke wieder ein ruhiges, frommes, friedliches Volk, das in Treue sein Tage⸗ werk schafft und den Blick nach Gottes ewigem Reiche richtet. In diesem Sinne beten wir an diesem Pfingstfeste: O heiliger Geist, kehr bei uns ein! H. Die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.) In einem schönen großen Park in Hostyne stand ein großes Schloß, das aber bis auf die Grundmauern und Kamine niedergebrannt ist. Auch die Gutsgebäude sind meist abgebrannt. Seitlich des Parks an der Chaussee brachte ich die Batterie in Stellung, die Protzen mußten weit zurück. Da es sehr naß war, waren wir froh, in einem leeren, von Pionieren erbauten. Unterstand bei der Feuerstellung für die Nacht unterzukommen. Es war spät, bis wir zum Essen und zur Ruhe kamen. Die Rus⸗ sen griffen nachts an, es war eine tolle Schießerei von Infanterie, Maschinenge⸗ wehren und Artillerie. Zum Schlafen konnte ich nicht kommen. Seit 5 Uhr früh war ich an der Beobachtungsstelle. Da die Russen aus ihrer vordersten Stellung zurückgewor⸗ fen wurden, ging ich mit der Batterie um 11 Uhr einige hundert Meter weiter vorn vor dem Dorf Hostyne in Stellung. Vorn im Schützengraben hatte ich einen Beobach- ter und blieb selbst, da ich sehr müde war, in der Feuerstellung, wo wir nachmittags heftiges Artilleriefeuer erhielten. 16. Juli 15. Für die Nacht mußte Wachtmeister Dahlem, um einen etwaigen Angriff wirksamer abwehren zu können, mit einem Geschütz vorn in den Schützengraben und heute vor Morgengrauen wieder her⸗ aus. Die Nacht verlief ruhig. Ich fühle mich wieder wohler und bin seit 5 Uhr früh in unserer vordersten Infanterielinie, in einem verlassenen russischen Schützengraben. Der Weg dorthin ist unangenehm, da er auf eine große Strecke vom Feind einzusehen ist und beschossen wird. Hier vorne pfeifen dauernd die Infanteriegeschosse über uns weg, man kann nicht ohne große Gefahr aus dem Graben heraus. Jetzt, wo wir nach 2 xwöchiger Pause wieder ins Ge—⸗ fecht gekommen sind, merkt man, daß die Zeit zu kurz war um die Nerven hihreichend 8 a zu kräftigen. Es greift mich jetzt mehr an, als wenn wir andauernd im Kampf stehen, wo es kein Besinnen gibt. Die Hauptleute Guse und Plesser erhiel⸗ ten für die Osterschlacht in den Karpathen zösterreichische Auszeichnungen, da ihre Bat⸗ terien damals am wirksamsten eingreifen konnten. Abends. Ich war heute 13 Stunden an der Beobachtungsstelle. Die Luft war recht kalt. Meine Stimmung wurde durch die An⸗ kunft von Briefen von meiner Frau etwas gehoben. Ich leide aber sehr unter der Sehnsucht nach Frau und Kindern. 18. Juli 15. Gestern und heute war es ziemlich ruhig. Ich wax den ganzen Tag an der Bebpbachtungsstelle. Heute, am Sonntag abend, hatten wir ein feines Essen: Schmorbraten mit neuen Quellkar⸗ toffeln und grünem Salat. Dazu Eis aus frischen Himbeeren. Die Himbeeren sind aus dem Pfarrgarten in Hostyne, und in dem Keller des Pfarrhauses, von dem sonst nichts mehr übrig geblieben ist, fand Wachtmeister Dahlem Eis. Zur Feier der Verleihung der Hessischen Tapferkeitsmedaille an Leutnaut Thüre und Wachtmeister Nebel tranken wir dann noch eine Flasche Sekt. Hostyne ist von den Russen vollständig niedergebrannt worden. Nur die schöne rus⸗ sische Kirche war verschont geblieben. Aber wie sah es darin aus! Die Russen hatten sie mit 12⸗Zentimeter⸗Haubitzen beschossen, wohl weil sie— ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht— eine Beobachtungsstelle da⸗ rin vermuteten. Das wirklich künstlerisch ausgestaltete Innere der Kirche bildete ein furchtbares Chaos. 20. Juli 15. In den letzten Tagen hat es öfters geregnet, der Regen scheint sich zu einem Landregen auswachsen zu wollen. Das ist nicht nur unangenehm, wenn man Tag und Nacht draußen sein muß, sondern es wäre auch für den Fortgang der Opera⸗ tionen sehr nachteilig. Die Wege würden grundlos, die vielen sumpfigen Strecken noch schwieriger passierbar und dadurch der Nach⸗ schub von Nahrungsmitteln und Munition moch schwerer. g Ich sitze in einem tiefen Erdloch, das mit zwei Zeltbahnen überdeckt ist, die bisher den sinnig niedergegangenen Regen abgehalten haben. Meine Beobachtungsstelle ist diesmal mitten in Feldern auf einer gute Fernsicht bietenden Geländeerhebung. Gestern früh war ich wieder um 5 Uhr an der Beobach⸗ tungsstelle im Schützengraben. Ich wunderte mich, daß gar kein Schuß fiel. Bald stellte die Infanterie fest, daß die Russen in aller Heimlichkeit— um 3 Uhr hatten sie noch gefeuert— ihre Stellungen geräumt hatten. Nun hieß es wieder Stellungswechsel. Da aber zunächst festgestellt werden mußte, wie weit der Feind zurückgegangen war, ging es erst nach stundenlangem Warten vor, es gab 0 dann auch immer wieder Stockungen, da die Artillerie der Vorhut die russische Nach⸗ hut nochmals unter Feuer nehmen mußte. So kamen wir langsam über Bogatycze, Molodziatycze, Maidan⸗Wielki nach Drogo⸗ jewka. Hier wurden die Batterieführer vor⸗ geholt, da die Abteilung für die Nacht in Stellung gehen sollte. Wir ritten im scharfen Trab weit vor, und ich suchte nördlich Gliniski eine Stellung und Beobachtungs⸗ stelle aus. Inzwischen war es 8 Uhr und fast dunkel geworden. Da kam der Befehl, die Batterien sollen in Drogojewka, wo sie zum Glück geblieben waren, biwakieren. Unzufrie⸗ den ritt ich zurück. Es war spät bis wir uns schlafen legten. Heute früh Befehl: Die Batterien stehen in den gestern ausgesuchten Stellungen. Also dorthin, eine Beobachtungsstelle wurde ausgehoben, die Mannschaften legten bei den Geschützen Deckungsgräben an. Da zeigt sich, daß die Russen ihre vorderen Stellun⸗ gen geräumt haben, also wiederum Stel⸗ lungswechsel. Ich komme mit meiner Bat⸗ terie südwestlich Roskoszowka(südlich Ucha⸗ nie) in Stellung. Um 12 Uhr kommt die Batterie an. Ich lasse gleich Essen ausgeben, dann geht es wieder an die Erdarbeiten. Zum Glück sind sie fertig, als der Regen beginnt. Hier scheint der Feind längeren Widerstand leisten zu wollen; denn er hat viel Artillerie zur Stelle. In das Dorf Roskoszowka schießt er mit 12⸗Ztm.⸗Hau⸗ bitzen, weshalb ich trotz des Regens vorziehe, für die Nacht das Zelt bei den Protzen auf⸗ schlagen zu lassen. Wir kamen gestern auf dem Marsch durch die verlassenen russischen Stellungen. Die Schützengräben sind geradezu wunderbar an⸗ gelegt. So sauber und exakt, dabei sehr fest eingedeckt, so daß die Feldartillerie dagegen nichts ausrichten kann. Alle 50 Schritte von der Grabensohle nach vorne Stufen, um einen Ausfall zu machen. Vor den Gräben befinden sich sehr starke Drahtverhaue, 7 bis 9 Reihen. Schöner könnten die Arbeiten nicht zu Hause zu einer Besichtigung aus⸗ geführt werden. Nachmittag sah man gestern schon rings am Horizont schwarze Rauchmassen aufsteigen; als ich abends von der ausgesuchten Stel⸗ lung zurückritt, hatte ich einen freien Blick in eine weite Ebene, wo viele Dörfer lich⸗ terloh brannten. So sah es seinerzeit in Belgien und Frankreich aus. 21. Juli 15. Da hier noch 210 Korn⸗ felder sind, mußte das Scherenfernrohr so aufgestellt werden, daß man über die Felder wegsehen konnte. Dadurch hatte der Beob⸗ achter keine Deckung, wie sonst in den Erd⸗ löchern. Ich beobachtete gerade, als von drüben ein 12⸗Ztm.⸗Geschoß ankam, das nach dem Rauschen in unserer Nähe ein⸗ schlagen mußte. Es krepierte 10 Schritte seitwärts von uns, schadete uns aber nichts, J/ùͥ ³·¹¹wu ęꝶmqꝛG!! 91 der nächste Schuß ging weit rechts von uns. Dann brach der Feind an Entfernung ab, und nun zeigte es sich, daß das Feuer einer Batterie der 13er galt, die rechts vorwärts vor uns stand. Sie erhielt so starkes seitliches Feuer, daß die Bedienungsmannschaften die Geschütze verlassen mußten. Ich sitze wieder im Erdloch. Es hat aufgehört zu regnen, aber es ist kalt und windig, und am Himmel hängen dicke graue Wolken. Gestern abend hatte sich unser Koch verlaufen; er hatte in einem Haus im Dorf gekocht. Bei dem häßlichen, kalten Wetter wäre es sehr angenehm gewesen, etwas warmes in den Magen zu bekommen, als ich um ½8 Uhr von der Beobachtungs- stelle zu den Protzen zurückkam. Wir saßen bei gelindem Regen im Freien, da man in dem Zelt nur liegen kann. Als wir lange vergeblich gewartet hatten, aßen wir ge⸗ röstete Kartoffeln und Gurkensalat, die ein anderer Kanonier gebracht hatte; kaum waren wir damit fertig, da erschien der Koch kurz vor 9 Uhr mit den Hühnern, die aber inzwischen kalt geworden waren. N aß noch ein Beinchen und legte mich dann ins Zelt. Obwohl es in der Nacht viel regnete, blieben wir doch trocken. Als der Kaiser im Juni unsere Division besuchte, soll er gesagt haben, die Division habe die dritthöchste Zahl der Gefechtstage in der deutschen Armee. Aber die Versor⸗ gung der Reserveformationen mit Unifor⸗ men und Zeltbahnen ist viel schlechter wie die der aktiven. Ueber die Hälfte meiner Leute haben noch die Waffenröcke und Hosen, mit denen sie vor einem Jahr ausgerückt sind. Die Kleidungsstücke sind sehr mit Flicken besetzt. Neuanforderungen wird nur in ganz unzureichendem Maß entsprochen. Dagegen sind die 13er, ein aktives Regi⸗ ment, sehr gut ausgerüstet, haben schon oft neue Uniformen und Geschirre erhalten. Als Ende März die 7. Batterie unseres Regi⸗ mentes aufgestellt wurde, mußten die an⸗ deren Batterien die nötigen Zeltbahnen, und zwar nur gute, an sie abgeben. Dafür haben wir bis heute noch keinen Ersatz erhalten. Wir sind infolgedessen so knapp, daß wir kein hohes Zelt, in dem man auch auf einem Stuhl sitzen kann, errichten können, son⸗ dern nur ein Schlafzelt, in dem man nur liegen kann und, wenn man groß ist wie ich, oben mit dem Kopf und unten mit den Füßen an die Zeltbahnen anstößt. Dabei waren die Zeltbahnen recht schlecht gewor⸗ den und ließen teilweise Wasser durch. Nun Hat Ackermann in seiner Findigkeit irgendwo neue Zeltbahnen erwischt. Ganz rechtmäßig wird der Erwerb nicht gewesen sein, aber die Hauptsache ist, daß wir jetzt, wo offenbar 1155 Regenzeit einsetzt, ein brauchbares Zelt n. 23. Juli 15. Am 21. mußten wir noch um ½06 Uhr nachmittags Stellungswechsel ch Wald vornehmen, und marschierten auf zum Teil sehr morastischen Wegen bis Woislawice, wo wir um 9 Uhr Biwak bezogen, während, nahe vor uns noch ein heftiges Infanterie-⸗ feuer im Gange war. Gestern früh gingen wir westlich des Ortes in Stellung und schossen den ganzen Tag über sehr viel bis nach 8 Uhr abends. Kaum hatten wir uns im Zelt zur Ruhe gelegt, da griffen die Russen an, und wir mußten tüchtig in den Wald hinein schießen, an den sich unsere Infanterie herangearbeitet hatte, in dem die Russen aber noch fest saßen. Der Angriff wurde abgeschlagen. Heute geht nun der Kampf um den Wald weiter. Abends. Heute wurde wenig geschossen, am Nachmittag war es ganz ruhig 2 4. Juli 15. Das Gelände ist hier sehr unangenehm. Vor uns haben wir einen großen Wald mit vielen Schluchten, in denen die Russen noch stecken. Unsere Infanterie ist mit ihren Gräben nahe an den Wald heran, an einer Stelle auch schon in den hineingekommen, unsere Batterien stehen etwa 3 Km. von dem Wald entfernt. Näher heranzugehen ist nicht ratsam. Die Division, die wir hier ablösten, hatte eine Batterie bis an den Waldrand heranbringen lassen. Da ging abends, als die Batterie schon zur Ruhe gegangen war, unsere in den Wald vorgeschobene Infanterie, die sich verschossen hatte, zurück, ohne die Batterie hiervon zu benachrichtigen. Die Russen stie⸗ zen gleich nach und kamen gleichzeitig mit unserer Infanterie in die Batteriestellung. (Fortsetzung folgt.) Eine Brautausstattung vor 102 Jahren. In den hinterlassenen Papieren des Ren⸗ danten Adolf Bieler, dessen Lebensgang der „Sonntagsgruß“ in Nr. 45—51 des vorigen Jahrganges erzählt hat, befindet sich ein Kostenverzeichnis der Ausstattung, welche der Landwirt Philipp Roth von Petterweil im Jahre 1820 seiner Tochter Katharina bei ihrer Verheiratung mit einem jungen Manne namens Weygand aus Homburg mitgegeben hat. Die Ausstattung an Mobi⸗ liar bestand aus einer, Kommode von Kirsch⸗ baumholz, sechs mit Rohr geflochtenen Stühlen aus Nußbaumholz, einem runden Tisch aus Nußbaumholz, einem großen und einem kleinen Tisch aus Tannenholz, einem Küchenschrank, einem Bett mit Bettzeug, einer Banklade und zwei Bänken aus Tan⸗ nenholz. Nicht bei allen Mobilien ist der Einzelpreis angegeben, doch kann man sich ein Bild von den damaligen Preisen machen, wenn man in Exwägung zieht, daß der große und der kleine Tisch mit 10 Gulden berechnet waren, der Preis des Küchen- schrankes wurde mit 5 Gulden angegeben. Die Braut bekam auch lebendes Inventar, nämlich zwei Schweine, die auf 16, zwei 9 l 1 Kühe und zwei Kälber, die auf 70 Gulden geschätzt waren. Zwei Pferde mit Kummet, Schwanz⸗ und Rückriemen waren mit 300 Gulden berechnet. Vermutlich hat der Schwiegersohn Wirtschaft betrieben; denn nur so läßt es sich verstehen, daß der Braut 10½ Ohm Branntwein mitgegeben wurden. Außerdem erhielt sie 10 Zentner Heu, 5 Zentner Grummet, 4 Malter Hafer, 4 Malter Korn, 6 Zentner Gerste, 3 Mal⸗ ter Wicken, 2 Malter Erbsen, dies alles zu 86 Gulden angesetzt. Reichlich hat sie der Vater mit Essig versorgt, nämlich mit 3 Ohm. Der Trauring kostete 9 Gulden, die Kosten für die Hochzeitsfeier betrugen 12 Gulden, 146 Gulden erhielt die Braut in bar. Alles in allem, unter Einrechnung eines ziemlichen Quantums Stroh, war mit 860 Gulden berechnet. Eine glückliche Zeit, in der ein Vater zur Ausstattung seiner Tochter mit einer Summe auskam, die nach unserem Gelde 1462 Mark betrug. Bei der Geldentwertung, unter der wir jetzt leiden, dürfte der vierzigfache Betrag zur Beschaf⸗ fung der oben näher bezeichneten Gegen⸗ stände nicht ausreichen. Man vergegen⸗ wärtige sich nur, was jetzt allein zwei Pferde kosten. Dabei war in jenen ersten Jahren nach den Befreiungskriegen in unse⸗ rem Volke keineswegs Ueberfluß vorhanden. Adolf Bieler war im Jahre 1820 Distriktseinnehmer in Vilbel, vermutlich war er dem Brautvater behilflich, als die⸗ ser die Aufstellung über die Mitgift seiner Tochter wachte. Der Protestantismus im Elsaß. Vor dem Kriege zählte man auf eine Zivilbevölkerung von rund 1800 000 in Elsaß⸗Lothringen rund 360 000 Protestan⸗ ten. Unter dem Druck der französischen Regierung mußten 100 000 Protestanten das Land verlassen. War dadurch schon der Bestand der protestantischen Kirche außer⸗ ordentlich geschwächt, so gestaltete sich die Lage um so schwieriger, als sich unter den Vertriebenen auch eine große Anzahl von Pfarrern befand. Wenn auch jetzt die Ver⸗ waltung der Kirche Augsburger Konfession von der französisch eingestellten Direktorial⸗ kommission auf ein kirchliches Direktorium übergegangen ist, dessen Präsident— ein Alt⸗Elsässer— sich mit wohlwollendem Ver⸗ ständnis um die Ausgleichung der kirch⸗ lichen und politischen Gegensätze bemüht, so trägt doch die Furcht vor der drohenden Trennung von Kirche und Staat mit dazu immer empfindlicher zu machen. An der bei, den Mangel an geistlichem Nachwuchs französischen Hochschule in Straßburg, die anstelle der von den neuen Machthabern sofort geschlossen deutschen Universität ge⸗ treten ist, befindet sich wohl neben der katho⸗ lischen auch eine evangelische theologische Fakultät mit 12 Dozenten. Sie haben aber leider nur einen Hörerkreis von 25 Stu⸗ denten gegenüber 100 vor dem Kriege. Bei dieser Not(von etwa 280 Pfarrstellen bei⸗ der Kirchen sind etwa 60 unbesetzt) hat man sich entschließen müssen, minder vorgebildete Leute in den Kirchendienst zu übernehmen und hat so einen Klerus zweiten Grades geschaffen. Wenn auch die Sorge für die Evangelischen im Elsaß uns Schwerbedräng⸗ ten als eine neue Bürde erscheint, so ist es doch Bruderpflicht, die Zustände der evangelischen Elsaßdiaspora ständig im Auge zu behalten. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 4. Juni. 1. Pfingsttag. Kollekte für die Hessische Lutherstiftung. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Mahr.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Becker. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für Matthäus⸗ und Markus⸗ gemeinde: Pfarrer Becker. In der Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer Beichte und Feier des heiligen Abendmahls für Lukas⸗ und Johannesgemeinde. Vorm. 11½½ Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer. 8 Montag den 5. Juni. 2. Pfingsttag. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Becker.— Vormittags 9/ Uhr: Pfarrer Mahr. Beichte und Feier des heil. Abendmahls für Matthäus⸗ und Markus⸗ gemeinde. Zn der Johanneskirche. Vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.— Vorm. 9½ Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld. * Wartburg⸗ Verein. 1. Pfingsttag: Wanderung nach Büdingen. Nur für männliche Teilnehmer. Führer: Schön jun und L. Schott. Abfahrt von Gießen mittags 1 Uhr 35. Treffpnukt 1 Uhr 15 Bahnhof 8 Rückkehr am 2. Pfingsttag, abends 8 1 2. Pfingsttag: Für diejenigen, die nicht nach Büdingen gehen, und für die Mädchenabteilung: Wanderung nach Lich. Arnsburg. Abmarsch 6 Uhr früh vom Ludwigsplatz. Führer die Herren: Kliff⸗ müller und Schön sen. Rückfahrt von Lich abends(Fahrpreis 3 Mk.). Ankunft in Gießen 8 Uhr. Proviant mitnehmen. Die Wanderung nach Büdingen für die Mädchenabteilung findet im Juli statt. Freitag, den 9. Juni, abends 8¼ Uhr, im Heim: Bibl. Diskussionsabend. Verantwortlich: Pfarrer Bechtolsheifmer. Pruck und Verlag der Brühsschen Unswersitäts⸗Buch⸗ und Stein druckerei R. Lange, Gießen. 1 re e S re. — 77J(.