ücke tis. Ihr, ier⸗ rler arr⸗ n.8 ens⸗ ihr, ler⸗ rer arr⸗ bel⸗ rrer onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 36 Gießen, 12. S. n. Trinitatis, den 3. September 1922 II. Jahrg. Der deutsche Wald. Jes. 44, 23. Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und seine Bäume darin! 5 In diesen Sommertagen offenbart der deutsche Wald seine ganze Herrlichkeit. Im dunkelgrünen Gewande steht er vor uns, in den Tannen singt der Wind sein uraltes Lied, an den steinigen Abhängen reifen die Brombeeren, zwischen dem Gesträuch wächst das Heidekraut, ein Wohlgeruch ohnegleichen durchzieht das grüne Revier, nach den Regengüssen der letzten Wochen strömen überall die Wasser rauschend und brausend u Tal, durch das Dickicht bricht das Wild, Vogelstimmen ertönen von den Bäumen. Wer diesen Wald in seiner Schönheit kennen lernen will, der darf nicht dahin gehen, wo⸗ hin sich in der Regel der Strom der Men⸗ schen ergießt, wo sie mit Musik und Stim⸗ mengewirr Lärm machen, er muß vielmehr weit wandern, bis ihn die Waldesstille um⸗ gibt bis er keinen Laut mehr hört als den des Hähers, der über die Wipfel fliegt, keinen Ruf mehr als den des Kuckucks, bis er völlig weltabgeschieden und mit der Natur allein ist. Unter allen deutschen Dichtern hat keiner den deutschen Wald so formvollendet und in so inniger Weise gepriesen als Joseph Frei⸗ herr von Eichendorff. Ihm war der Wald eine Offenbarung der Herrlichkeit Gottes. „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben? Wohl den Meister muß ich loben, so lang noch mein Stimm' er⸗ schallt. Schirm dich Gott, du deutscher Wald!“ In der Tat sehen wir im Walde Gottes ewiges Wirken. Die Zeiten ändern sich, die Menschen kommen und gehen, eine Regierung löst die andere ab, der Wald bleibt sich immer gleich. Die Eiche breitet ihre Zweige aus, die Birke leuchtet im Sonnen⸗ licht und im Schein des Mondes, Ahorn, Buche und Linde streben aus dem Boden empor, die Drossel singt, und die Insekten summen, heute wie vor Jahrhunderten. Es ist kein Zufall, daß die Menschen in alter Zeit Gott im Walde und in heiligen Hainen angebetet haben, die Fülle der Natur und die feierliche Stille, die sie im Walde fanden, mögen sie dazu getrieben haben. Wir haben kein Wort des Heilandes, das vom Walde redet. Das liegt daran, daß Jesus in einem Lande lebte, das Wälder in unserem Sinne kaum kannte, aber er, der am Getreide⸗ felde, an den Lilien und an den Sperlingen Gottes Walten erkannte, gibt uns das Recht, den Wald als eine Offenbarung Gottes an⸗ zusehen. Von Franz von Assisi wird erzählt, er habe eines Abends, als er gerade im Psalter las, den Ruf der Grille vernommen, da habe er das Buch auf die Knie sinken lassen, um der Stimme Gottes in der Natur zu lauschen. Waldesstille macht die Seele, die dem wild erregten Meere gleicht, wieder ruhig, auf einsamer Waldwanderung löst sich mancher Zweifel, und die Natur trägt Frieden hinein in das gequälte Herz. Der treffliche Kenner des deutschen Volks⸗ tums, Wilhelm Heinrich Riehl, hat einmal gesagt, daß eines Volkes Kraft ungebrochen bleibe, solange es noch viel Wald besitze. Das ist wahr. In der Waldeinsamkeit herrschen noch einfache Sitten, dort ist zumeist noch Gottesfurcht und Glaube zu finden, die gute Art der Urväter kann dort nicht unter⸗ gehen.„Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet und alles, was gebrestenhaft, aus Leib und Seele scheidet.“ Noch hat Deutschland einen großen Wald⸗ besitz. Das ist ein Trost in dieser schweren Zeit. Möge der deutsche Wald mit dazu beitragen, daß unser Volk wieder gesundet und sich gegenüber dem Vernichtungswillen der Gegner behauptet.„Schirm dich Gott, du deutscher Wald!“ H. B. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Ich zeigte ihnen, wie diese hergestellt werden mußten, und so fertigte sich jeder einige an. Für die Bogen holten wir uns aus den inzwischen verschwundenen Erlen⸗ büschen des Bruchbachs in der Stephans⸗ mark die Bügel, die wir an der Sonne trockneten, nachdem wir sie von den Aest⸗ chen und Knoten befreit hatten. Nach einigen Tagen war alles in Ordnung, und nun wurde mit Kreide ein Vogel an die Holz⸗ tür des verschließbaren, einem mächtigen Kleiderschrank als Unterkunftsraum dienen⸗ den Gartenhäuschen in Sch.'s Garten gemalt und darauf geschossen. Anfänglich geschah dies aus der Nähe, dann vergrößerten wir die Abstände, und so erlgngten wir schließlich eine beachtenswerte Schußsicherheit. Die — 142— Pfeile, welche bei jedem Schuß im Holze stecken blieben, mußten vorn an der eisernen Spitze angefaßt und herausgezogen werden, sonst brachen sie ab. An jagdbarem Wild war die Scheppeck arm. Nach Singvögeln schossen wir nicht, und die Spatzen hatten den. „Schnuppen“ bald heraus. Wenn wir nach der Schule im Garten erschienen, verschwan⸗ den sie, und so blieb nur noch Nachbar Wittichs Katze übrig, die Minka, die eine eifrige Vogelstellerin war und manchem Singvögelchen den Garaus gemacht hat. Aber die paßte wohl auf, denn sie war, wenn sie sich auf ihren Streifzügen sehen ließ, stets durch Steinwürfe verscheucht worden. Ihr Geschick erreichte sie dennoch eines Tages. Hinter dem vorerwähnten Gartenhäus⸗ chen lag ein ehemaliges Hoftor aus Latten. Diese durften wir auf unser Betteln dazu verwenden, einen Kaninchenstall zu bauen. Wir nahmen die Latten vom Hoftor ab und nagelten ein etwa 1 Meter hohes, ebenso langes und/ Meter breites Lattenhäuschen zusammen, zu dessen vechter Seite die Wand des Gartenhäuschens benutzt wurde. Das Dach dieses Bauwerks erhielt eine Schiefer⸗ auflage, um deren Zustandekommen sich ein Junge verdient gemacht hat, der jetzt Ge⸗ heimer Oberbaurat ist. Man sieht die Ver⸗ anlagung zu seinem Beruf steckte schon als Bub in ihm. Nun war alles in der Reihe bis auf die Stallhasen. Kaninchen, wie man, sie heute züchtet, gab es damals noch nicht in Gießen. Wenn übrigens der Ehemann seiner Haus⸗ frau zugemutet hätte, ein Kaninchen zu einem Braten herzurichten, so wäre sie ent⸗ weder in Ohnmacht gefallen oder hätte die Scheidungsklage eingereicht, je nach der Ver⸗ anlagung. Der Stallhase war ein Spiel⸗ zeug der Kinder und bei den Landwirten ein althergebrachter Gesellschafter des Rindviehs, dem er im Stall zwischen den Beinen herumlief. Er ernährte sich von dem, was das Vieh beim Fressen herumstreute. Welche Gründe zum Halten von Stallhasen für den Viehbesitzer maßgebend waren, ist mir nicht bekannt. Vielleicht wurden diese Tiere des⸗ halb gehalten, weil sie keinerlei Unkosten verursachen und mit einer geradezu ver⸗ blüffenden Unermüdlichkeit und Ausdauer an der Produktion des Mistes teilnehmen, von dem der waschechte Landwirt damals ja nie genug haben konnte. Unser Lieferant war ein Gießener Kernhürger namens Braun in der Mühlgasse, dessen Frau uns für 12 Kreuzer(35 Pf.) vier Hasen verabfolgte. Es war ziemlich umständlich, diese zu fangen; denn im Stall herrschte Dunkelheit, und der Bildungsgrad der Kühe und Ochsen war da⸗ mals wie heute sehr gering. Das Vieh benahm sich während unsexer Karnickeljagd ausgesprochen unmanierlich. Es kam uns dies erst recht zum Bewußtsein, als wir uns beim Tageslicht unsere Kleider besahen. Wir hatten für die 12 Kreuzer außer den vier Hasen auch noch den Dung für eine kleine Landwirtschaft unfreiwillig mitgenommen. Dadurch war die Freude an unseren Tier⸗ chen getrübt. Im Laufschritt und den Leuten ausweichend, stürmten wir in die Scheppeck, wo uns Frau Sch., als wir 15 von weitem unsere Kaufobjekte zeigten, freundlich ent⸗ gegenlächelte. Aber als wir näher, kamen! Die gute Frau schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Gretchen, das Dienst⸗ mädchen, wollte sich totlachen. Mit Schwamm, warmem Wasser und Seife wurde an mir herumgewaschen, denn so durfte ich nicht. nach Hause kommen. Meine beiden Freunde mußten ihre beschmutzten Kleider mit dem Sonntaganzug vertauschen. Dann bewunderten wir unsere Hasen, holten ihnen Krautblätter und freuten uns an ihrem Appetit. Als ich abends nach Hause kam, merkten meine Angehörigen sofort, daß ich nach Stallparfüm roch. Ich erzählte den ganzen Sachverhalt, und so wanderten meine Kleider unverzüglich in den Waschzuber. In den nächsten Tagen wurde unsere freie Zeit fast ausschließlich den Kaninchen ge⸗ widmet, und die Indianerei nur nebenher betrieben. Als ich kurze Zeit darauf eines Sonntagsmorgens zu meinen Freunden kam, herrschte daselbst große Betrübnis. Wittichs Minka hatte in der Nacht, mit ihren Pfoten durch das Lattengitter unseres Hasenstalles fassend, zwei der Insassen umgebracht, Das Holz war blutig, und man sah deutlich, daß sie versucht hatte, die Tierchen stückweise herauszuziehen. Wir hielten einen Kriegsrat ab und verurteilten das gelbweiße Ungetüm zum Tode. Unseren Vorstellungen bei der Familie Wittich wurde zwar freundliches Gehör geschenkt und das Mißgeschick be⸗ dauert, auch hielt Frau Wittich der gerade anwesenden Minka eine Pvedigt, aber diese, wie auch unsere Anspielungen, daß zwei Hasen 8 Kreuzer gekostet hätten(2 Kreuzer hatten wir vorsorglich drauf A981 waren im wahrsten Sinne des Wortes für die Katze. Wir zogen unverrichteter Sache ab, und Minka schlich, wenn sie sich un⸗ beobachtet wähnte, nach wie vor um den Hasenstall herum. Eines Tages, als wir von einem Spaziergang zurückkehrend, den Hasenstall in Sicht bekamen, sahen wir die Katze zusammengekauert vor diesem sitzen. Ein Steinwurf scheuchte sie auf, und da Nel ihr den Weg versperrten und sie weiter bombardierten, flüchtete sie, in die Enge ge⸗ trieben, auf einen hohen Holunderbaum. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Einer hielt Wache, wir beiden andern holten unsere Bogen und Pfeile und durch ihr falsches Katzenherz getroffen fiel sie vom Baum herunter. Wir zogen die Pfeile heraus und warfen die Räuberin in die Wieseck. Wittichs wissen bis heute noch nicht, wo ihre Minka hingekommen ist. (Fortsetzung folgt.) . SS . — — SAS AAS — Halt machen zu müssen, von 8 Uh — 143— die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.) kamen hinten auf der Truppen und Ko⸗ der Trainkolonne Inzwischen Straße immer neue lonnen an, die sich vor der Stelle, wo ich auf die Straße wollte, anhingen, so daß sie alle mich am Hineinfahren hinderten: 1¼ Stunden mußte ich so warten, die ich mir hätte ersparen können, wenn ich nur 2 Minuten(! früher abmarschiert wäre. Hinter meiner Batterie hatten sich allmählich unsere übrigen Bat⸗ terien und die leichten Kolonnen eingefunden. Kurz nach 8 Uhr ging es endlich weiter, hinter dem Bug dauernd auf einer guten Straße, über Satchopki nach Janow, einem schmutzigen Judenstädtchen, nur aus Holz⸗ häusern bestehend. Hier bogen wir von der großen Straße ab und erreichten bald unser heutiges Marschziel Pawlow⸗Nowy, wo wir um ½2 Uhr ankamen. Wir waren, um nicht moch einmal einen so unfreiwilligen langen an ohne Aufenthalt marschiert, im ganzen 29 Kilometer. Der Himmel war bedeckt, die Luft kühl, die Straße sehr gut und meist eben, so daß ich es den Pferden zumuten konnte. Nun haben sie ja Ruhe bis morgen früh 6 Uhr. Heute blieben wir glücklicher⸗ weise vom Regen verschont. Auf dem Marsch fuhr ein Bekannter in einem dreispännigen Russenwägelchen an mir vorüber und rief mir zu, er fahre in, Urlaub nach Frankfurt. Da eben Postsperxve ist, setzte ich mich an den Straßenrand, schrieb einen kurzen Gruß an meine Frau und eilte dem Herrn nach, den ich auch noch einholte. So hoffe ich, daß sie in 4 Tagen die Nach⸗ richt hat, daß es mir noch gut geht. Dar⸗ über freute ich mich so, daß mein Aerger vom Morgen verflogen war. Die Gegend, durch die wir heute kamen, ist etwas hügelig und landschaftlich schöner, wie jenseits des Bug. Wir sind hier wieder in Polen. Die Gegend ist auch ziemlich unberührt vom Krieg. Die Russen müssen sehr schnell hindurchgeflüchtet sein. Man sieht kaum Schützengräben und Artillerie⸗ stellungen, auch ist wenig niedergebrannt. Unser Dorf ist wohlerhalten und enthält viel Futter für die Pferde, die alle in Scheuern eingestellt werden konnten. i Wir wohnen in einem sauberen, ziemlich neuen Häuschen, in dem nur die vielen Fliegen stören. Die nächsten drei Tage haben wir kürzere Märsche. Unser Ziel ist Siedlee, wo wir am 12. eintreffen sollen. Es ist sehr — 845 einmal keinen Geschützdonner zu ören. 10. September 15. Wir sollten heute um 6 Ühr weitermarschieren, aber in der Nacht kam Gegenbefehl, da die. Straße zu sehr belastet ist. Es werden hier offenbar sehr viele Truppen herausgezogen. So bleiben wir heute noch hier. Da es in unserem Zimmer ungewohnt warm war, wachte ich früh auf, da begann auch schon die Fliegenplage und ich konnte trotz Fliegen⸗ schleiers nicht mehr einschlafen. Ich stand deshalb um 5 Uhr auf und las in Ruhe noch einmal alle die lieben Briefe, die ich am 6. und 8. nach I14tägiger Pause er⸗ halten hatte. Hauptmann Guse erhielt vor kurzem das Eiserne Kreuz 1. Kl. Er hat mit seiner Haubitzenbatterie, der einzigen in der Di⸗ vision, überall einspringen, ja sogar bei anderen Divisionen aushelfen müssen. Er hat viel mehr zu leisten, als die Kanonen⸗ batterien. In unserer Division gibt es wenig Eiserne Kreuze 1. Kl. und besonders wenig für die Artillerie, die nicht gut 97 ist, obwohl doch die Artillerie hier im Osten sehr entscheidend mitwirkte und der Infanterie gut vorarbeitete. Bei der Ver⸗ leihung werden die aktiven Offiziere auch bevorzugt. Mein Freund Schmidt, der seiner⸗ zeit bei Mouzon verwundet wurde, seit Januar eine Kompagnie führt, während der harten Kämpfe in Galizien auch längere Zeit ein Bataillon führte, hat das Eiserne Kreuz 1. Kl. noch nicht erhalten, was sehr un⸗ recht ist. Wegen Verzögerung beim Abtransport anderer Truppen, erging der Befehl, daß die Truppen der Division in den derzeitigen Unterkunftsorten„bis auf weiteres“ bleiben sollten. Ob da noch irgendetwas dahinter steckt? Ich denke eben oft, wir sind wie Schachfiguren, die auf dem Riesenschachbrett des Weltkrieges hin und her geschoben wer⸗ den, bis wir fallen oder der Gegner matt gesetzt ist. 11. September 15. Da mich die unverschämten Fliegen heute schon kurz nach 4 Uhr weckten, stand ich auf, ging nach einem Platz, der schöne Fernsicht bietet und genoß den Frieden der Natur. Alles schlief hier noch, während vorn an der Front um diese Zeit schon immer Gewehrgeknatter und Geschützfeuer zu hören waren. Wie schön ist doch der Friede! 5 5 Als zweites Pferd habe ich seit März den „Höfling“. Ich ritt es im Frühjahr und im Anfang des Sommers fast täglich, da Höf⸗ ling noch leistungsfähiger war, wie mein tüchtiger Hans, nur sehr hart im Maul. Im Juli verletzte Höfling sich durch Ketten⸗ hang in der Fessel und davon hat er sich leider noch nicht ganz erholt. Er ist leicht matt. Deshalb reite ich seither wieder meist den Hans. Vormittags ritt ich fort, um meinen Freund Schmitt zu besuchen, der 13 Kilo⸗ meter von hier entfernt lag. Als ich durch Janow geritten war, kam mir das Regi- ment 168 mit klingendem Spiel entgegen. Schmitt kommt auch hier ins Quartier und ich ritt mit ihm zurück. In Janow erfuhr e ich, daß wir noch drei Tage hier blieben, und als wichtigste Neuigkeit, daß Großfürst Nikolai Nikolajewitsch des Oberbefehls an der russischen Westfront enthoben und zum Gouverneur im Kaukasus ernannt worden ist. Die Revolution sollte auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Bestätigt sich dies, dann wären wir hier im Osten wohl am Anfang vom Ende. Gott gebe es! Abends. Heute nachmittag war ich Bei⸗ sitzer bei einer Standgerichtssitzung. Dar⸗ mach tranken wir bei Hauptmann von Hirsch⸗ berg Kaffee und unterhielten uns über die wahrscheinlichen Folgen der Kaltstellung Nikolajewitschs. Wir haben schon manchmal gedacht, dem Frieden nahe zu sein, und es war immer nichts. Ich hüte mich deshalb davor, solchen Gedanken zu sehr nachzu⸗ hängen. Aber ich sage mir doch, einmal muß ja ein Ende kommen, und wie schön wäre es, wenn Gott es mich erleben ließe! 12. September 15. Da ich morgens immer so früh aufwache, versuchte ich es mit längerem Aufbleiben, gewöhnlich gehen wir um 1½9 oder 9 Uhr ins Stroh, schon um Kerzen zu sparen. Zu dem seitherigen Un⸗ geziefer sind hier noch Flöhe hinzugekommen. Jeden Morgen halte ich erfolgreiche Jagd. Heute vor einem Jahre begann der ver⸗ hängnisvolle Rückzug an der Marne. Nie⸗ mand von uns sah damals den Grund dazu ein. Angeblich war Frankreich damals zum Nachgeben bereit. General Joffre soll für denselben Tag den Befehl zum Rückzug ge⸗ geben haben. Aber besser war es doch wohl so, trotz all der schweren Verluste der spä⸗ teren Kämpfe, daß uns damals kein zu rascher und leichter Sieg in den Schoß fiel. Wir hätten sonst wohl in einigen Jahren unter wesentlich ungünstigeren Verhältnissen einen neuen Krieg gehabt. Jetzt kam eine Karte von Hauptmann Plesser aus dem Lazarett in Krasnostaw, mit der linken Hand gekritzelt. Er ist jetzt fieberfrei, aber es scheint die Gefahr zu bestehen, daß sein rechter Arm steif wird. Nachmittags: Heute vormittag war Feldgottesdienst. Vorhin erfuhren wir, daß die Verladung in Siedlee frühestens am Abend des 1. beginnt. Es ist mit 4 Tagen Bahnfahrt und darnach mit mindestens einem Tag Marsch zu rechnen. Wo kann das hin⸗ gehen? Nach Kurland wohl nicht, dafür ist die vorgesehene Bahnfahrt zu lang. Nach dem Westen, das könnte gerade reichen. Aber man kann eine Truppe, die seit fünf Mo⸗ naten dauernd gekämpft, in dieser Zeit 100 Gefechtstage gehabt und in vier Monaten 7 800 Kilometer zurückgelegt hat, nicht gleich zu einem Durchbruch in Frankreich einsetzen. Da bliebe Serbien als wahrschein⸗ lichstes und uns allen erwünschtes Reiseziel. Oder Aegypten, wovon man zu Hause mun⸗ kelt? Aber wie dorthin kommen? Den Weg durch Serbien müssen wir erst erkämpfen. 13. September 15. Zum Mittagessen war ich gestern bei Schmitt. Er hat keinen Offizier in der Kampagnie und ist viel allein, während ich mit meinen drei Herren doch immer Anregung und Aussprache habe, da wir uns gut verstehen. Von 5—7 Uhr machte ich mit Schmitt einen Spazierritt nach Konstantinow, wo in einem sehr schön gepflegten englisch angelegten Park ein neu⸗ erbautes, schloßartiges Landhaus eines pol⸗ nischen. Grafen Plater liegt. Architektonisch ist es ja etwas mißlungen, aber das Ganze wirkt doch schön, zumal wir seither nur seit Jahren verwahrloste Herrensitze und häß⸗ liche Städte gesehen haben. Schmitt blieb zum Abendessen bei uns, zu dem wir. auch Leutnant Thüre eingeladen hatten. Schmitt ist außerordentlich frisch, lebhaft und unter⸗ haltend und allgemein beliebt. Er hat eine glücklichere Natur für den Krieg, wie ich, wohl überhaupt für das Leben, dem er, wie seine Frau, die schönen Seiten vollauf abzu⸗ gewinnen versteht. Da keine Zeitungen ankommen, wissen wir nicht, was in den letzten 14 Tagen in der Welt vorgegangen ist. Heute hielt ich Pferdebesichtigung ab. Schön ist der Anblick nicht, aber die Ruhe⸗ tage haben den armen Tieren doch gut getan. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 3. Septbr., 12. n. Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Vormittags 9½ Uhr: Feier zur Eröffnung des Konfirmandenunterrichts in der Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— gendvereinigung der Matthäusgemeinde: Jeden Montag, abends 8 Uhr: männliche Abteilung: jeden Dienstag, abends 8 Uhr: weibliche Abteilung.— Montag, den 4. Sep⸗ tember, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markus⸗ gemeinde.— Donnerstag, den 7. Sep⸗ tember, abends 8 Uhr: Zusammenkunft des Frauenvereins der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrer Bech⸗ tolsheimer.— Vormittags 9½ Uhr: Feier zur Eröffnung des Konfirmandenunterrichts in der Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld. — Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Donnerstag, den 7. Septbr. abends 8 Uhr, im Johannessaal: Kirchliche Vereinigung der Johannesgemeinde. Vortrag über Luthers deutsche Bibelübersetzung. N Evang. Arbeiterverein. Sonntag, 3. Septbr. nachmittags: Fa⸗ milienausflug nach Großen⸗Linden.— Samstag, 9. und Sonntag, 10. Sept.: Zweitägige Tour nach der Edertalsperre. Perantworilsch: Pfarrer Bechtols heimer, Druck und Verlag der Brühl'schen Undversttäts- Buch- und Steindruckerel R. Lange, Gießen. JJ TT.