N N . * 2 Gemeindeblatt für die evange onntagsgruß lische Kirchengemeinde Gießen Nr. 14 Gießen, Judika, den 2. April 1922 II. Jahrg. Der Sünderheiland. Psalm 23, 5. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Oel und schenkest mir voll ein. Das Evangelion sagt, daß, als die Pha⸗ riseer und Schrift⸗Gelärten, nachdem sie gesehen und gehöret, wie sich zu Christo allerley Zölner und Sünder genahet, neidisch gemurret und: Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen verächtlich ge— sprochen, Christus sich und die bußfertige Sünder gegen ihre Feinde hertzhafftig ver⸗ theidiget und geschützet habe. Aber womit? Etwa mit leiblichen Wehr und Waffen? Ach nein, sonder vielmehr mit Zubereitung eines geistlichen Tisches. Worauf er in zweyen schönen Gleichnissen, als in güldenen und silbernen Schalen seine Liebe, Gnade, Barmhertzigkeit, unverdrossenen Fleiß und hertzliche Freude über die bußfertige Sünder diesen zum Schutz, Trost und Labsal, ihren Feinden aber zur Niederlag, Schmach, Hohn und ewigem Verderben vorträget. Ach, welch ein Murren entstehet, wo sich ein Sünder zu Christo, sein wahres Wort ständiger christlicher Heldenmütigkeit: Der Herr ist mein Hirt, mir wird nichts man⸗ geln. Wenn sich schon ein Heer wider mich leget, so förchtet sich dennoch mein Hertz nicht. Wenn sich Krieg wider mich erhebet, so verlaß ich mich auf ihn. Und lasse demnach knallen Und knallende zerfallen Die fallen⸗reife Welt: Laß alle Feinde trutzen, Im Trutzen wird mich schutzen Mein Schutz, mein Schatz, mein Held. Ernst Müller, Pfarrer zu Gießen, gest. 1681. Fürst Bismarck auf der Durchreise in Gießen. Nach einer Aufzeichnung vom 6. Sept. 1890 von Wilhelm Koch. Am 4. September 1890 hatte sich die Kunde verbreitet, Fürst Bismarck werde von Bad Homburg nach Friedrichsruhe mit dem Hamburger Abendschnellzug hier durch⸗ reisen. Eine nach Hunderten zählende Menge hatte sich auf dem Bahnsteig eingefunden, zu hören und wahre Buße zu thun, hin⸗ nahet. Es murret der höllische Löw, der von Gießen und Wetzlar, die gerade zu einer darunter alte und junge Korpsstudenten, Teuffel. Der hat einen großen Zorn wider Ferienkneipe vereint waren und dem Fürsten solchen, er brüllet und suchet ihn zu per- huldigen wollten. Alle diese Verehrer des schlingen. Es murren die große höllische Altreichskanzlers wurden leider enttäuscht. Jagthunde, die epicurische Weltkinder, die hassen solchen, wann sie merken, daß er ihre Gesellschaft verlassend nicht mehr in das unordige, sündliche Leben mit fort⸗ läufft. Es murren alle die ketzerische Wölfe, die davorgeben entweder, daß einem nach dem Empfang der heiligen Tauffe wieder sündigenden Menschen keine oder daß nicht allein durch den Glauben an Christum son⸗ dern auch durch Mit⸗Hülff theils der ver⸗ storbenen Heiligen theils auch Zuthuung der eigenen guten Werke Vergebung der Sünden zu hoffen und zu erlangen seye. O des Knurrens und Murrens wodurch aller⸗ ley Widerwärtigkeit wider einen zu Christo bußfertig sich nahenden und Verhinderun⸗ gen, ihn von seinem guten Vorsatz abzu⸗ halten, erreget werden. Allein, o bußfertiges Herz, fürchte dich deswegen nicht vor ihrem Trotz, Christus ist kein Miedling. Er ist ein dich vertheidigender Hirte und zwar mittels seines geistlichen Tisches, wobey er dir voll einschencket. Deß erfreue, deß tröste dich, o christliches Hertz und sage mit be— Samstag den 6. September ward in letzter Stunde bekannt, daß die Reise an diesem Tage stattfinde. Obwohl die Nachricht so spät erst eingetroffen war, hatten sich wie⸗ derum sehr viele Leute aus allen Kreisen der Bevölkerung eingefunden. Als der Zug in die Halle einlief, er schollen begeisterte Hochrufe. Der Fürst stand am mittelsten Fenster seines Salonwagens, einen mächtigen grauen Kalabreser auf dem Haupte, im Mund die lange Pfeife, die er mur auf Augenblicke zur Seite stellte, um immer wieder den stürmischen Zurufen zu danken. Er trug schwarzen Rock und weiße, hochgeknüpfte Halsbinde. Im Innern des Wagens waren seine Gemahlin und Graf Herbert sichtbar. Salonwagen und Maschine waren mit Eichenlaub und den Reichs farben geschmückt. Ein Alter Herr der Hassia nahm Ver anlassung, dem Fürsten in kurzen Worten vorzutragen, daß zwei Tage vorher in Gießen versammelte alte und junge Korps studenten von Wetzlar und Gießen, fünfzig Der 8 an der Zahl, Seiner Durchlaucht ihre ehr⸗ furchtsvollen Grüße darbringen wollten. Fürst Bismarck erwiderte:„Daß Sie mich verfehlt haben, ist mir sehr leid. Vorgestern saß ich noch mit meiner Frau in, Homburg. Der Doktor wollte sie nicht reisen lassen, und so kommen wir erst heute daher. Ich, freue mich sehr, daß Sie mir eine Be⸗ Aaupast zugedacht hatten. Auch ich bin orpsstudent und ich denke immer mit Ver⸗ gnügen an die schöne Zeit, die ich in Göttingen verlebt habe. Grüßen Sie die Herren von mir und danken Sie ihnen in meinem Namen.“ Diese Worte waren von einem kräftigen Händedruck begleitet. Zu der Gesamtheit der Versammelten ge⸗ wendet, fuhr der alte Kanzler fort:„Schon längere Zeit bin ich in Gießen nicht durch⸗ gekommen. Früher allerdings, als ich in rankfurt stand, war dies häufiger der Fall, und dann vor etwa fünfundzwanzig Jahren sogar dreizehnmal in einem Jahr. Das habe ich noch genau im Gedächtnis. Mein hoch- seliger Herr und ich hatten damals allerlei vor. Na, ihr Hessen seid uns doch nicht mehr böse wegen 1866?“ Nach freudiger Zustimmung der Anwesenden kam der Fürst auf Stadt und Hochschule zu sprechen: „Früher war Gießen nur schwach besucht, obwohl es von alters her einen guten Ruf hatte, besonders für Mediziner. Inzwischen ist die Universität gewiß immer mehr empor⸗ geblüht; auch die Stadt hat sich wohl in den letzten Jahren sehr verändert. Wieviele Studenten mögen jetzt hiersein?“ Als der mehrgedachte Gießener die Zahl der Stu— dierenden beiläufig angegeben und die Frage nach dem Gedeihen der Stadt bejaht hatte, zeigte der Kanzler über die Einweihung neuer Kliniken sowie über die Enthüllung des Liebigdenkmals sich wohlunterrichtet und äußerte sich über Justus von Liebig, der ja lange Jahre in Gießen gelehrt habe und aus Darmstadt gewesen sei. Hierauf entließ er den Vertreter der alten Korpsstudenten mit nochmaligem Händedruck und erinnerte ihn an den Auftrag, Dank und Grüße zu vermitteln.. Eine junge Dame überreichte ihm einen schlichten Feldblumenstrauß. Auch ihr und anderen Gießenern schüttelte er mit huld⸗ vollen Worten des Dankes die Hand. Als der Zug sich in Bewegung setzte, er⸗ tönte wieder lautes Hoch und Hurra. Ein Herr rief:„Wir wünschen Eurer Durch⸗ laucht noch ein langes, glückliches Leben!“ Schlagfertig und in launigem Tone ent⸗ gegnete Bismarck:„Danke sehr, ich hab! nichts dagege'!“, wobei das„nichts“ fast wie„nix“ klang. Diese Konzession an die hessische Mundart, die dem Fürsten aus seinem vorher von ihm erwähnten Wirken als Bundesgesandter in Frankfurt vertraut . sein wird, löste erhöhten Jubel aus. ährend der Zug die Station verließ, stand der Fürst hochaufgerichtet, mit entblößtem Haupt, am offenen Fenster und erwiderte die Huldigung mit freundlichem Nicken und Winken. Wohl jedem Teilnehmer ist diese unver⸗ geßliche Viertelstunde eine besonders werte Erinnerung. Aber auch das jüngere Ge⸗ schlecht wird gern vernehmen, welch' freund⸗ liches Interesse der große Kanzler unserer lieben Vaterstadt gewidmet hat. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 36. Gießener Zustände in der ersten Hälfte des 8 Jahr; hunderts. g (Fortsetzung.) Daß schon vor 200 Jahren Söhne der Stadt Gießen manchmal weit hinaus in die Welt gingen, lehrt folgender Fall. Dem Seniorenkonvent wurde angezeigt, daß ein gewisser Schräling, der aus Gießen ge⸗ bürtig war und sich lange Jahre in Ost⸗ indien aufgehalten hatte, als er nach seiner Vaterstadt zurückgekommen war, hier ein gottloses und sittenloses Leben führe. Er war der Sohn des Hauptmanns Johann Henrich Schräling, der einen guten Ruf gehabt hatte. Man lud die, die mit dem Ostindier Verkehr gehabt hatten, vor den Konvent, und diese Zeugen sagten folgen⸗ des aus:„Sie wüßten, daß dieser Mensch, nachdem er aus Ost⸗Indien hier angekom⸗ men, sein Erbguth gesucht und heraus⸗ getrieben und daß dasselbe wol meistens wieder drauff gegangen sey, indem er gar fleißig die Musikanten um sich gehabt. Ob aber dabey besondere gottlose und solche Dinge passiret, wie sie in der Anzeige benennet worden, das sey ihnen un⸗ bewußt, es wäre denn, daß dergleichen Dinge außerhalb der Stadt, da er eine gute Zeit her sich immer draußen aufgehalten, vor⸗ gegangen seyn mögten, doch hahe er sich nun, wie man höhre, von hier wieder fort⸗ gemacht. Und weil hiebey unter andern ge⸗ dacht wurde, daß er außerhalb der Stadt ge⸗ meiniglich bey dem Peruquen-Macher Koch. der in der Gegend der großen Mühle stets mit Haar⸗Bleichen beschäftigt sey, sich be⸗ funden und bey ihm die Thurnleute mit Pfeifen um sich gehabt habe, welcher Mann. vielleicht Nachricht geben könne, ob und was für böse Dinge dabey fürgegangen wären, so ließ man diesen Peruquenmacher, der in der Nähe wohnet, sogleich in den Convent rufen. Alß dieser, nachdem er sich eingestellt, deßhalben gefragt wurde, so wollte er wissen, was denn eigentlich für Böses fürgangen seyn sollte. Man sagte ihm aber hierauff, daß er deßwegen hier gefragt würde und man es von ihm und aus seiner Aussage vernehmen wolle. Man fragte ihn, ob der Schräling bey seinem continuirlichen Lustigmachen sich etwann mit verdächtigen Leuten eingelassen — E r 8 S TF A= N * hätte. Er antwortete, daß dieses nicht sey er es auch mit Wahrheit nicht sagen könnte. Dieser Mensch, wenn er nüchtern wäre, so sey er verständig und führe sich wohl auf, wenn er sich aber mit dem Trunck überladen hätte, so wäre er wie die Leute, die dort (nehmlich aus Indien) herkümen. Worauff aber aus Bekandtschaft und Umgang mit ver⸗ schiedenen Personen, die lange Jahre in Indien gewesen, das Gegenteil bezeuget wurde. Welches denn auch von anderen bekräftiget und gesagt ward, daß wie der Schräling vormals, ehe er von hier nach Indien gezogen, nicht fromm gewesen, also sey er auch von da nicht besser wiederkom⸗ men. Uebrigens meldete der Peruquen⸗ Macher, daß mehrbesagter Schräling nächsten Dienstag vorher von hier wieder abgereyset sey. Und also ist von seiner Aufführung und von denen oben angegebenen gottlosen Din⸗ gen nichts Specielles zu Tage zu bringen gewesen.“ Wie es dieser Schräling machte, so haben es auch später noch solche, die aus fremden Ländern wieder nach der Heimat gekommen waren, gemacht, sie haben alle Tage lustig gelebt, bis das Geld aufgebraucht war, und dann sind sie wieder verschwunden, sie haben, um mit einem landläufigen Worte zu reden, alsdann„die Platte geputzt“. 1737. „Klagten die Kirchensen ors, wie der Prae⸗ ceptor Lachewitz die Schul⸗Knaben so sehr zur häuslichen Arbeit anhielte, und welche nicht wollten folgen, solche übel tractire, wie er des seligen Herrn Braumanns Sohn ohnlängst sehr übel tractiret habe, weil er einen großen Balcken häte wegtragen sollen, den er nicht habe(wegtragen) können.“ In früheren Jahrhunderten ist das oft vorge- kommen, daß die Schulknaben für den Lehrer allerhand landwirtschaftliche und häusliche Arbeiten verrichtet haben. Philipp David Lachewitz war Theologe, er starb 1741 als erster Gießener Stadtschulmeister. „Pflegen die Handwercksjungen sich des Sonntags unter der Predigt auf dem Schwalbachschen Hofe zu verstecken.“ Die Armenvögte wurden beauftragt, diese Kir⸗ chenschwänzer aufzusuchen und zu notieren. 1738. In diesem Jahre wurde abermals über eine Streitsache der Habenichtin gegen ihren Nachbarsmann Diehl verhandelt. Darüber lesen wir:„Ist die gar bekannte Habenichtin auf geschehene Citation erschienen und ihr ihre Untaten und Zenkereyen vorgehalten worden, welches alles aber sie abgeleugnet und die Schuld auf den Tiehl geworfen.“ Das half jedoch der zänkischen Frau nicht, sie mußte durch Handschlag versprechen, sich künftig ruhig zu verhalten, sonst würde sie mit Arrest bestraft werden. Im Juli wird gemeldet:„An diesem Beth⸗Tage ist nach Hochfürstlicher Verord⸗ 5 nung der Klingelbeutel von den Presbytern das erstemahl herumgetragen wor. en.“ Wie lange sich der Klingelbeutel in Gießen er⸗ halten hat, ist uns nicht bekannt. Auffallend ist hier der Ausdruck„Presbyter“, der sonst mehr in der reformierten Kirche gebräuch⸗ lich war, während die Vorsteher der luthe⸗ rischen Kirche Senioren hießen. In Gegen⸗ den, die ursprünglich reformiert waren, stehen heute noch, wenn der Gottesdienst zu Ende ist, die Kirchenvorsteher(Pres⸗ byter) an den Ausgängen und halten die ch Opferteller, im Rheinland und in Westfalen kann man das beobachten. (Fortsetzung folgt.) ö Kleine Mitteilungen. Die Betrachtung, die an der Spitze der heutigen Nummer steht, rührt von Ernst Müller her. Er war am 1. Januar 1627 in Marburg als Sohn des aus Torgau stam⸗ menden Professors der Medizin Jakob Müller geboren, studierte in Marburg und Gießen, bekleidete von 1656 bis 1658 die Stelle eines Feldpredigers in einem hessi⸗ schen Truppenteile und nahm als solcher am polnischen und dänischen Feldzuge teil. Von 1658 bis 1670 war er Burgprediger, von da bis zu seinem Tode Burg⸗ und Stadtprediger in Gießen. Er starb am 3. November 1681. Unser Kirchenbuch mel⸗ det von seinem am 8. November des ge⸗ nannten Jahres erfolgten Begräbnisse: „Herr Ernst Müller, gewesener Statt⸗ und Guarnison⸗Prediger, in seinem Ampt 24 Jahr, seines Alters 54 Jahr 10 Monat und 2 Tage.“ Ernst Müller hat sich als Sch li tste ler und Dichter be ät gt. Besonders hat er seine Exlebnisse als Feldprediger dichterisch verwertet, so gibt es von ihm ein größeres Gedicht„Von der Belägerung Rigas“. Seine Gedichte und Schauspiele sind allerdings für den Geschmack der Gegen⸗ wart ungenießbar. Müller hat sich auch als Erbauungsschriftsteller hervorgn an. Die Be⸗ trachtung, die wir heute wiedergeben, stammt aus einer Erbauungsschrift„Evangelische Seelenübung“, die 1665 erschienen ist. * Gottesdienstliche Feiern ganz eigentüm⸗ licher Art sind die Meisterbilderandachten gewesen, die Herr Richard Jordan aus Stuttgart in diesem Monat in der Jo⸗ hanneskirche veranstaltet hat. Gottes Wort, Kunst und Musik hatten sich zueinander gesellt, um unserer Gemeinde die großen Heilstatsachen Gottes vorzuführen. Sicher ist es ein sehr glücklicher Gedanke, die Ge⸗ mälde der großen Meister der religiösen Kunst durch das Lichtbild wiederzugeben. Der Veranstaltende ließ die ganze Heils⸗ geschichte des Neuen Testaments in Meister⸗ bildern an den Zuschauern vorüberziehen, von der Verkündigung der Geburt Jesu bis 56 zur Himmelfahrt, indem er jedesmal den Bericht der Bibel vortrug. Wunderbar wirk⸗ ten seine Madonnenbilder, Fräulein Ida Stammler sang dazu in vollendeter Form ein inniges Wiegenlied. Ueber der Ver⸗ sammlung ruhte eine ganz eigene Weihe, als das bekannte Abendmahlsbild des Leonardo da Vinci auf der Leinwand er⸗ schien und die Orgel das schöne Abendmahls— lied„Schmücke dich, o liebe Seele“ er⸗ klingen ließ. Tiefergreifend war es, als das Angesicht des leidenden Heilandes nach dem Gemälde Guido Renis gezeigt wurde und die Gemeinde dazu den Vers sang„O Haupt voll Blut und Wunden“. Gewaltig war die Wirkung, als die Orgel nach einer Mollmelodie, die die Trauer um den Tod des Heilandes zum Ausdruck hrachte, in das hinreißende Siegeslied„Christ ist erstanden von der Marter alle“ überging, sobald das Bild dessen erschien, der am großen Oster⸗ morgen aus dem Grabe hervorgegangen ist. Die vorgeführten Bilder waren von einer solchen lebensvollen Eigenart, daß die Gesänge der Gemeinde aus vollem Herzen kamen. Ueberhaupt waren die Licht⸗ bilder, die Herr Jordan vorführte, im Unter⸗ schied von vielem, was man sonst in dieser Art zu sehen bekommt, ganz hervorragend. Sehr stimmungsvoll wirkte es, daß diese Bilder nicht momentan auftauchten und wieder verschwanden, sondern wie aus Nacht und Nebel hervorkamen und ebenso wieder langsam in Nacht und Nebel zurückgingen. Besonderer Dank gebührt den beiden Mit⸗ wirkenden Fräulein Ida Stammler und Herrn Organisten Habicht, daß sie ihr 1 5 in den Dienst dieser Sache gestellt aben. Die ganze Veranstaltung wurde durch einen Vortrag des Herrn Jordan über die evangelischen Deutschen in Rußland ein— geleitet. Da der Vortragende nahezu zehn Jahre in Rußland gelebt hat, so war er berufen, hierüber zu berichten. Die Deutschen in Rußland teilen sich in drei Gruppen, in die Reichsdeutschen, die Balten und die in Südrußland lebenden Ansiedler. Die dritte Gruppe ist der Jabl nach die stärkste, sie umfaßt ungefähr 3¼ Millionen. Daß gerade diese Kolonisten an ihrem Deutsch⸗ tum und an ihrer deutsch-evangelischen Kirche festhalten, ist sehr erfreulich. 5 In einem Punkte freilich müssen wir Herrn Jordan widersprechen. Er sagte, die deutschen Ansiedler in Südrußland seien aus ihrer Heimat, besonders aus Südwest⸗ deutschland, weggezogen, weil sie in ihrem Glauben bedrängt worden seien, sie seien Mennoniten, Baptisten oder Glieder anderer Gemeinschaften gewesen, und man habe sie drangsaliert. Das ist ein geschichtlicher Irr⸗ tum. Vor 120 und 100 Jahren ist in Südwefldeutschland in Württemberg, Baden, Hessen und in der Pfalz niemand mehr um seines Glaubens willen verfolgt worden. Die Mennoniten hatten in der Pfalz längst Duldung erlangt, was auch gar nicht anders sein konnte; denn sie waren stets fromme und friedliche Untertanen. Baptisten hat es in dieser Zeit in den genannten Gebieten kaum gegeben, die kamen erst später von Nord⸗ amerila zu uns herüber, und es ist kein Beispiel bekannt, daß vor einem Jahrhundert moch jemand im, deutschen Südwesten genötigt war, aus Gewissensgründen sein Vaterland zu verlassen, Nein, diese Auswanderer gingen. weg, weil sie in der Heimat nicht mehr ihr Brot fanden. Im 18. Jahrhundert ging der Strom der Auswanderer nach Ungarn, vor 100 Jahren fing er an, sich nach Nord⸗ amerika zu lenken, und um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert ging er nach Südrußland. Die geschichtliche Objektivität erfordert es, daß man Menschen nicht zu Märtyrern stempelt, die keine Märtyrer waren, und daß man Regierungen, auch wenn sie längst vom Schauplatz abgetreten find, nicht mit Vorwürfen bedenkt, die sie nicht verdient haben. Tendenziöse Geschichtsdar⸗ stellung ist immer vom Uebel. Bei Herrn Jordan beruht die Darstellung allerdings lediglich auf einem Irrtum. Uirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2. April. Judika. In der Stadtkirche. Samstag, den 1. April, machmittags 2 Uhr: Beichte für die Kon⸗ firmanden aus der Matthäusgemeinde und deren Angehörige.— Sonntag, den 2. April, vormittags 9˙/ Uhr: Konfirmation der Kin⸗ der aus der Matthäusgemeinde. Feier des heiligen Abendmahls.— Die Kinderkirche für die Matthäusgemeinde fällt aus.— Abends 6 Uhr: Pfarrassistent Becker.— Montag, den 3. April, abends 8 Uhr: Ver⸗ einigung der konfirmierten männlichen Ju⸗ gend der Matthäusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 9/ Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 6 Uhr: Pfarrassistent Müller.— Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal: Pfarr⸗ assistent Becker.— Montag, den 3. April, abends 7½ Uhr: Jugendvexeinigung der Lukasgemeinde(männliche Abteilung).— Mittwoch, den 5. April, abends 6 Uhr: Passionsgottesdienst: Pfarrer Ausfeld. * In der Karwoche werden folgende Abend⸗ mahle gehalten: In der Stadtkirche. Am Gründonnerstag, abends 6 Uhr, am Karfreitag im Vor⸗ mittagsgottesdjienst. In der Johanneskirche. Am Palmsonntag im Vormittagsgottesdienst(für die Militär⸗ gemeinde) und im Abendgottesdienst. Am Gründonnerstag, abends 7/ Uhr, am Kar⸗ freitag im Vormittagsgottesdienst. erantwortlich r Pfarrer Wechalshefmer Pruck und Derfgg der Frühchen Unfversstäts⸗Buch⸗ und Stelndrückeres R. Lange, Gießen.. rr TTT 2222 0 ͤͤ.. ¼—9:g! 7 1 1 ———