— CCC 2 onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen 1 Gießen, Neujahr, den J. Januar 1922 II. Jahrg. An die Leser des„Sonntagsgruß“. Der Bezugspreis für den„Sonntagsgruß“ ist seither unter Opfern in denkbar bescheiden⸗ ster Höhe gehalten worden. Die sehr erheb⸗ lich gestiegenen Herstellungskosten infolge erhöhter Löhne und Papierpreise machen nunmehr einen kleinen Preisaufschlag un⸗ bedingt erforderlich. Vom 1. Januar 1922 ab beträgt der Bezugspreis für das Viertel⸗ jahr Mk. 1.70, dazu kommt noch der Träger⸗ lohn von 30 Pf. Neujahr. Psalm 90, 1. Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für! Nun hat sich das alte Jahr zu Ende ge⸗ neigt, und ein neues öffnet seine Pforten. Was hinter ihnen liegt, wie gerne möchten wir es wissen, aber den Schleier der Zu⸗ kunft vermag kein Sterblicher zu heben. Und das ist gut so; denn wenn wir das, was die Zukunft in ihrem Schoße birgt, chon im voraus wüßten, die Furcht davor würde jede Lebenskraft, vollends jede Le⸗ bensfreude aufheben. Was das neue Jahr uns bringen mag, so fragen in diesen Ta⸗ gen des Jahreswechsels so viele Menschen, und die meisten beantworten diese Frage mit einem bitteren Lächeln. Das Bild un⸗ serer Zukunft, wer könnte es anders als in düstersten Farben malen? Vom alten Jahr haben die meisten schon wenig Gutes erwartet, und es hat die Befürchtungen noch überboten. Was kann da das neue an⸗ deres bringen? Unwillkürlich sammeln sich da unsere Gedanken zu einem Rückblick auf das vergangene und zu einem Ausblick auf das nun kommende Jahr. Der Rückblick bietet nichts Erfreuliches und ist geeignet, uns das Herz recht schwer zu machen. Mehr denn je haben wir im vergangenen Jahr unsere politische Ohnmacht büßen müssen, die brutale Gewalt der Sieger hat sich nicht geschämt, unser wehrloses Volk grausam zu mißhandeln. Dabei sind wir zerrissen und uneinig wie ehedem. Wahn⸗ sinnige Selbstsucht und Genußsucht träu⸗ feln nach wie vor ihr Gift in unseren tod⸗ wunden Volkskörper. Und überblickst du dein eignes Leben, so meinst du, daß auch da die Schattenseiten bedeutend überwiegen, daß das bißchen Freude, das dir gegeben war, der Riesenlast der Sorgen und Gedanken, die im vergangenen Jahr dir das Leben Der verlag. schwer machten, nicht annähernd das Gleich— gewicht hält. 5 Fällt so der Rückblick auf die Vergangen⸗ heit aus, wie dann erst der Ausblick auf die Zukunft, in der die Unheilssaat des alten Jahres zur Ernte reift, einer Ernte, vor der uns graut? Da wir auf unerhört Schweres gefaßt sind, so rüsten wir uns darauf, in⸗ dem wir unser Herz fest machen. Nicht was wir erleben werden, ist die Hauptsache, son⸗ dern wie und in welcher inneren Ver fassung wir schweren Ereignissen und Schick⸗ salsschlägen begegnen. Alles mag um uns wanken, nichts mehr Bestand zeigen, wenn nur unser Herz fest ist, wenn nur unsey Glaube nicht wankt, der uns allein die Kraft gibt, zu tragen, was die Zukunft bringen mag. Was auch kommen mag, es kommt nur mit Gottes Einwilligung; er schickt es und schickt uns gleichzeitig die Kraft, es zu tragen. Darum halten wir uns an das Wort des Psalmisten: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für! Für den Christen gibt es kein dumpfes Schicksal, vor dem er erzittern müßte. Er kann deshalb auch das neue Jahr will kommen heißen als ein Jahr, in dem er erfahren darf, was ihm Gottes Hilfe wert ist, in dem ihm Gott die Kraft des Glau⸗ bens verleihen wird. Da müssen alle Ge⸗ spenster, die auf dem Wege der Zukunft lauern und die arme Seele überfallen wollen, weichen vor der einen sieghaften Gewißheit: Herr Gott, du bist unsere Zu— flucht für und für! Beim deutschen Beskidenkorps. 3. Die Kämpfe bei Lemberg. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert 8 in Gießen. 16. Juni 15. Seit vorgestern früh sind wir 30 Kilometer vorgekommen und stehen jetzt 40 Kilometer westlich Lemberg. Nun ist die große Frage, ob sich die Russen vor Lemberg nochmals stellen oder infolge des starken Druckes der verschiedenen Ar⸗ meen gleich ganz Galizien räumen wer⸗ den. Nun, morgen werden wir schon darüber Aufschluß erhalten. Heute nacht sind die Russen aus der sehr starken Stellung bei Bonow abgerückt. Es ist bewundernswert, was sie im Aufwerfen von Schützengräben, die sie äußerst geschickt dem Gelände an⸗ passen und vor denen sie starke Draht⸗ 0 1 verhaue anlegen, leisten. Durch ganz Ga⸗ lizien haben sie starke Stellungen für den Fall des Rückzuges ausgebaut, wobei auf die Landesbewohner mithelfen mußten. Wir rückten heute um sechs Uhr ab. Nach⸗ mittags ritt ich mit den Hauptleuten Guse und Plesser nach dem Städtchen Jaworow, das unsere Division nicht berührte. Die Bevölkerung war begeistert und empfing die durchziehenden preußischen Truppen mit lautem Jubel. Sie ist sichtlich erfreut, die Russen los zu sein. Diese behaupten ja, unser jetziges Vorkommen hilfe uns nichts, in 4 Wochen wären sie wieder in Galizien. Das Empfinden der Bewohner von Ja⸗ worow, das von dem der übrigen hiesigen Bevölkerung nach unseren seitherigen Er⸗ fahrungen abweicht, wirkte auf uns recht wohltuend. Groß war die Begeisterung, als ein Reserve-Infanterie-Regiment mit klin⸗ Habilitation folgte er einem Rufe als ordent⸗ 1 licher Prosessor der Philosophie nach Gie⸗ gendem Spiel durch das Städtchen zog. Um 6 Uhr abends bezogen wir auf einer Wiese am Rand eines Waldes Biwak bei Szklo. In unserer Nähe liegen 168er, deren Kapelle fröhliche Weisen spielt, wäh⸗ rend von Norden die Geschütze der Macken⸗ senschen Armee herüberdonnern. 17. Juni 15. Heute früh um sechs Uhr Logik, durch Philosophie, Abmarsch. Hinter Szklo kamen wir einen weithin sich erstreckenden Wald, in dem der Feind, um uns etwas Widerstand leistete. Wir gingen mit⸗ tags in einer Waldlichtung bei Forsthaus Dreihaufen in Stellung; gegen Abend noch weiter vor, wo wir im Tal der Wereszyca Biwak bezogen. Wir kamen heute wieder fast 20 Kilometer vor, stecken aber noch mitten im Walde. Es scheint, daß die Russen auch die starke Grodecklinie nicht mehr halten können, somit auch Lemberg und wahrscheinlich ganz Galizien von der seit Mitte September 1914 bestehenden. Russenherrschaft bald befreit sein werden. 18. Juni 15, morgens 5 Uhr. Seit ½5 Uhr spielt die nahe bei uns liegende Kapelle der 168er: Ave Maria, Krönungs⸗ marsch aus den Folkungern, Barcarole aus Hoffmanns Erzählungen, Die Himmel rüh⸗ men usw. O, wäre das die Begrüßung des Friedens! Aber nicht weit von uns reden die Geschütze schon wieder ihre ernste Sprache.(Fortsetzung folgt.) Aus der Gießener Franzosenzeit 1790.) Von Professor Dr. Karl Ebel, Direktor der Universitäts⸗Bibliothek zu Gießen. Vor einiger Zeit erwarb das Gießener Stadtarchiv einen Brief, der mit Rücksicht ) Wir entnehmen diese interessante Ab⸗ handlung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers der von Prof. D. Dr. Diehl⸗ Friedberg herausgegebenen trefflichen„Hes⸗ sischen Chronik“, Einige Randnotizen, die lediglich wissenschaftlichen Charakter haben, haben wir weggelassen. D. Red. ch heimischer Geschichte Interesse erwecken wird. 0 aufzuhalten, noch nachdem er sein Schulamt wegen geschwäch⸗ 1 ter Gesundheit niedergelegt hatte, starb er. Johann Christian Gottlieb Schaumann auf Schreiber und Empfänger sowohl wie wegen seines Inhalts bei den Freunden Sein Verfasser ist der Professor der Philo⸗ sophie und Pädagogiarch') Schaumann, und sein Empfänger der als Professor in Halle 1817 gestorbene Jurist Gottlieb Hufeland. war am 8. Februar 1768 zu Husum in Schleswig, wo sein Vater Rektor der Latein⸗ schule war, geboren. Mit siebzehn Jahren bezog er die Universität Halle, um Mathe⸗ f malik, später Philosophie, Philologie und Pädagogik zu studieren. Schon als Zwanzig⸗ jähriger wurde er ordentlicher Lehrer am Pädagogium in Halle, wo er sich auch 1793 an der Universität habilitierte, nachdem er zwei Jahre vorher zum Doktor promoviert worden war. Schon ein Jahr nach seiner ßen. Hier heiratete er am 14. September 1 1794 Sophie Luise, die jüngste Tochter des 155 Geheimen Rates und Universitätskanzlers 1 Koch. Vom Jahre 1805 bis 1820 bekleidete. er neben seiner Professur das Amt des 1 Pädagogiarchen. An der Universität las er 1 Physiologie und Geschichte der 1 am Pädagogium lehrte er in 1 den oberen Klassen lateinischen Stil. Bald 4 am 21. Februar 1821 vorzeitig auf einer Ferienreise. Unter seinen Schriften interessiert uns hier das Buch, dessen zweiten Teil er dem Empfänger des Briefes widmet, und das den Titel führt:„Versuch eines neuen Systems des natürlichen Rechts“, Halle 1796. Es blieb unvollendet, denn das zweite Stück des dritten Teils, von dessen Inhalt f er in dem Briefe spricht, ist nicht mehr herausgekommen. Vielleicht hinderten ihn 1 andere Studien, zu denen er wohl durch die miterlebten Kriegsereignisse angeregt wor⸗ den war, an der Vollendung. Denn kaum zwei Jahre nach den in dem Brief geschil⸗ derten Ereignissen(1798) ließ er ein zwei⸗ teiliges Werk,„Geschichte der Republik Frankreichs unter der Direktorialregierung bis zum Definitivfrieden mit Oesterreich“, in Halle erscheinen. In ihm erweist er sich zwar als Bewunderer Napoleons— man lese nur die Schilderung der Schlacht von Arcole im 2. Teil, Buch 4, Kap. 2—, aber keineswegs als Franzosenfreund, wie es sein Kollege Crome war, und wie es nach einer Stelle des hier mitgeteilten Briefes vielleicht den. Anschein haben könnte. Vielmehr be⸗ fleißigt er sich in seinem historischen, Urteil einer bemerkenswerten Objektivität, die der kosmopolitischen Anschauung unserer da⸗ maligen Gelehrtenwelt nur natürlich war ) Direktor des Akademischen Päda⸗ gogiums(Gymnasiums). ——— 2 und die schließlich auch in dem Briefe zu⸗ tage tritt. Wir werden später sehen, wie er sein Urteil verbessert. Der im Brief nicht mit Namen genannte Empfänger, Gottlieb Hufeland, war ein Sohn Westpreußens, im Jahre 1760 in Danzig geboren und, als er den Brief emp⸗ fing, Professor des Lehnrechts und Beisitzer des Schöppenstuhls in Jena. Sein bewegtes Leben führte ihn 1803 als Professor der Pandekten nach Würzburg, von da 1806 nach Landshut, 1808 als Bürgermeister nach seiner Vaterstadt Danzig, die ihn ohne sein Zutun auf diesen schwierigen Posten berufen hatte. Jufolge von Mißhelligkeiten legte er schon 1812 sein Amt nieder und kehrte als Professor für römisches Recht, Polizei und Staatswirtschaft nach Landshut zurück, wandte sich aber, da sich seine feste Anstel⸗ lung jahrelang hinauszog, infolge seiner mißlichen Lage verbittert, im Jahre 1816 far Halle, wo er im folgenden Februar ar? Hufeland,„ein mit tiefer philosophischer Bildung ausgerüsteter Rechtsgelehrter“, war einer der Erneuerer der Lehre des Natur⸗ rechts. Er gab 1785 seinen„Versuch über den Grundsatz des Naturrechts“ und 1790 ein„Lehrbuch des Naturrechts“ heraus, das 1795 in zweiter Auflage erschien. Diese seine Widmung Schaumanns. (Fortsetzung folgt.) Weihnachten und Neujahr in der Heimat. Jugenderinnerungen. (Schluß.) Deshalb prägte sich uns, als wir noch Kinder waren, die Weihnachtsfeier so tief in das Gemüt, weil sie sich auf den heiligen Abend und die beiden Festtage beschränkte und nur in der Familie und in der Kirche begangen wurde. Heute gibt es in den Städten schon vor dem Feste eine solche Fülle von Weihnachtsfeiern, daß man zum eigentlichen Feste etwas ermüdet und über⸗ sättigt herankommt. Die ewigen Auffüh⸗ rungen und Verlosungen haben zur Folge, daß den Menschen der tiefe Gehalt der Weihnachtsfeier verloren geht. Am Nachmittage des zweiten und dritten Festtages war im Dorfe lebhafte Bewegung; denn die Dienstboten„wanderten“, sie wech⸗ selten ihre Stellen. Die Knechte oder, wie sie jetzt heißen, die„landwirtschaftlichen Ge⸗ hilfen“ taten das am zweiten, die Mägde— jetzt wird man sagen, die„Hausangestellten“ — am dritten Tage. Die Knechte taten das mit starkem Peilschenknallen, die Mägde hatten auf ihren Kisten, die auf dem Bord⸗ wagen standen, Platz genommen und fuhren nach der neuen Stelle. In einem Jahre war das Weihnachtsfest in der Heimat recht gestört, kurz zuvor hatten in einem Abstande von wenigem Bedeutung in der Wissenschaft erklärt die 1 Tagen zwei Brände stattgefunden, jedesmal waren Scheuern, die mit Stroh gefüllt waren, in der Nachtzeit in Flammen auf⸗ gegangen. Offenbar lag Brandstiftung vor. Die Gemüter waren erschreckt und erregt, man befürchtete weitere Untaten des Brand- stifters, der übrigens nie ermittelt wurde. Da ordnete der Ortsvorstand an, daß die Männer abwechselnd im Dorfe die Wache übernehmen sollten. Je zwei Mann pa⸗ trouillierten von abends 10 Uhr bis mor⸗ gens 5 Uhr durch die Straßen. Es war natürlich erlaubt, sich für Geld einen Ersatz⸗ mann zu beschaffen. Meine Eltern hatten hierfür schon einen Mann angenommen, als ich, damals 17 Jahre alt und in den Weihnachtsferien zu Hause verweilend, mit aller Energie erklärte, daß ich den Wach- dienst versehen wolle. Es kostete lange Unter⸗ handlungen, bis das genehmigt wurde. So zog ich denn mit einem jungen Mann, der zwei Jahre älter war als ich, auf Wache. Unsere Waffen bestanden in„Waldrevol⸗ vern“, nämlich in handfesten Stöcken; das war gut; denn damit konnten wir nicht viel Unheil anrichten. Wir durchzogen in der Nacht vom zweiten auf den dritten Festtag die in nächtlicher Ruhe liegenden Straßen, Gassen und Gäßchen. Kalt war es nicht, aber auf die Dauer wurde die Sache doch langweilig. Das Romantische des Wach⸗ dienstes, auf das ich gehofft hatte, blieb aus. Als mein Kamerad sich von mir getrennt hatte und ich am dunklen, frühen Winter⸗ morgen allein nach Hause schritt, hatte ich einen leichten Schreck. Als ich nämlich an der hohen Mauer des Kirchhofes vorüber⸗ gehen wollte, stand eine dunkle Gestalt vom Erdboden auf und veckte sich an der Mauer riesengroß in die Höhe. Einen Augenblick stutzte ich, dann wurde ich gewahr, daß es mein eigener Schatten war, der sich da auf⸗ richtete. Hinter den dünnen Schneewolken war der Mond, ohne daß ich das beobachtet hatte, erschienen und hatte den Schatten hervorgerufen. Mir ist das ganze Erlebnis deshalb interessant, weil ich sagen kann, daß ich in meinem Leben auch einmal Nacht- wächter gewesen bin. Still, in dörflicher Ruhe vergingen die Tage„zwischen den Jahren“, zwischen Weihnachten und Neujahr. Am Silvester⸗ abend knallten, alter Sitte gemäß, in den Höfen und abgelegenen Gassen die Pistolen, mit denen man das neue Jahr anschießen wollte. Kaliber aller Art kamen da zum Vorschein, sicherlich auch Pistolen, die die Urgroßväter sich angeschafft hatten, als der Räuber Schinderhannes im Lande sein We⸗ sen trieb. Um zwölf Uhr, wenn die Glocken läuteten, begann eine förmliche Kanonade. Der Polizeidiener und der Nachtwächter soll⸗ ten das Schießen nach Möglichkeit verhin— dern, zu diesem Zwecke waren ihnen Hilfs- kräfte beigegeben. Die jungen Männer, die im abgelaufenen Jahre geheiratet hatten, 2 5 f 8 wurden allemal vom Bürgermeister zum Wachdienste beordert. Man hat aher nie gehört, daß diese verstärkte Mannschaft einen der Pistolenschützen festgenommen habe. Am Neujahrstage holten wir abermals bei dem Paten ein Geschenk, es bestand in einer großen Brezel, die an den Arm ge⸗ hängt und nach Hause getragen wurde. Als ich nicht mehr dauernd im Eltern⸗ hause verweilte— dieser Zeitpunkt trat für mich schon sehr früh ein—, waren die Weihnachtsferien der Glanzpunkt des Jah⸗ res. Das war eine vergnügte Wanderung von der Stadt nach der Heimat. Das eine Mal ging es im Nebel über festgefrorenen Schnee, das andere Mal mußte man sich durch den frisch gefallenen Schnee den Weg bah⸗ nen. Im Elternhause wurde man froh und liebevoll aufgenommen. Wenn meine Brü⸗ der oder ich zu Hause erwartet wurden, so saß der Vater in der Regel im dunklen Zimmer am Fenster. Sehen konnte er uns am dunklen Abend nicht, aber er erkannte uns am Schritte, meldete unser Kommen den anderen, und alle gingen uns entgegen. Wenn man dann am Abend im Elternhause im Bette lag und der Ofen in dem sonst nicht geheizten Zimmer seinen hellen Schein auf den Fußboden warf, so hatte man das frohe Gefühl des Geborgenseins, man war eben aus der Fremde in die Heimat einge— kehrt. Unbehaglich wurde jedoch die Stim⸗ mung, wenn Neujahr vorüber war und nun das Abschiednehmen näher und näher kam. Bis nach Neujahr stand der Christbaum im Zimmer. Als die Nadeln aber mehr und mehr zu Boden fielen, wurde er seines Schmuckes entkleidet, Glaskugeln und son⸗ stiger Schmuck wurden weggepackt, und der Baum kam in den Holzschuppen. Das war immer eine trübselige Stimmung, wenn die Weihnachtsfreude auf diese Weise zu Ende ging und das harte Gebot der Pflicht uns wieder dazu veranlaßte, durch den frosthellen Tag, beim Schein der rotglühenden Winter⸗ sonne oder im Schneegestöber von der Hei⸗ mat wegzugehen. A. L. Kleine Mitteilungen. Unsere Weihnachtsgottesdienste, ebenso auch die Feiern der Kinderkirchen, waren stark besucht. Musikalische und gesangliche Darbietungen halfen diese Gottesdienste aus⸗ gestalten. Am 2. Weihnachtstage wurde in der Stadtkirche ein liturg. Gottesdienst veran⸗ staltet, bei dem der Kirchengesangverein unter Leitung des Herrn Prof. Trautmann und die Knabenchorschule unter der Leitung des Herrn Organisten Görlach mitwirkten; Fräu⸗ lein Ida Stammler und Frau Diehl wirkten als Solisten mit. Im Gottesdienst, der am heiligen Abend in der Johanneskirche statt⸗ fand, trug die Mädchenchorschule unter Lei⸗ tung des Herrn Organisten Habicht reizende Weihnachtslieder, darunter das Lied„Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein“, vor. Fräulein Ida Stammler sang mit wohltönender Altstimme zur Orgel die Lieder„Schlaf wohl, du Herzensknabe“ und„Christkindlein kommt in jedem Jahr“, Wenn man in früheren Jahrhunderten bei der Feier des Christabends gern Hirten⸗ musik, Flöte, Schalmei oder Zither, erklingen ließ, so entsprach es dieser alten Gewohn⸗ heit, wenn Herr Heinrich Wigger unter der Violinbegleitung eines Quintetts auf seiner Harfe in formvollendeter Weise Weihnachts⸗ melodien zum Vortrag brachte. Unsere Gemeindeglieder werden es dankbar begrüßen, daß Fräulein Stammler sich bereit erklärt hat, auch im Silvestergottesdienst der Johanneskirche mitzuwirken. Sie wird aus Mendelssohns„Elias“ singen:„Sei stille dem Herrn und warte auf ihn“ und das Lied Mörikes„Herr, schicke, was du willst“ in der Vertonung Hugo Wolfs vor⸗ tragen. g Mirchliche Anzeigen. Samstag, den 31. Dezember. Silvester. In der Stadtkirche. Abends 8 Uhr: Prof. D. Schian. In der Johanneskirche. Abends 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Sonntag, den 1. Januar. Neujahrstag. Kollekte für die Ortsarmen. In der Stadtkirche. Vormittags 9 Uhr: Pfarrer Becker.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfr. Becker.— Abends 5 Uhr; Pfarrassistent Becker.— Dienstag, den 3. Januar, abends 8 Uhr: Helferversammlung der Männer⸗ u. Frauenvereinigung der Matthäusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 9½ Uhr: Pfarrassistent Müller.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannes⸗ gemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Abends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde. — Donnerstag, 5. Januar, abends 8 Uhr: Kirchliche Vereinigung der Johannes⸗ gemeinde; Vortrag von Medizinalrat Dr. Walger über:„Die wahre Menschheit Jesu“— Freitag, den 6. Januar, abends 57 Uhr: Vereinigung der konfirmierten Mädchen der Johannesgemeinde. * Wartburg verein. Sonntag 1. Januar, abends 8ʃ¼ Uhr, im Heim: Vortrag(Pfarrassistent Müller). Evang. Arbeiterverein. Sonntag, 8. Januar, abends 8/ Uhr, im Vereinslokal: Lichtbildervortrag(Prof. Koob) über die Sternenwelt. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der bestellte Käse eingetroffen und, das Pfund zu 1 Mk., bei Herrn Loh zu haben ist. Verantworflich: Pfarrer Bechfolshesmer Prück und Verlag der Brüßhl'schen Unsversssäts· Buch ⸗ und Steindruchere R. Lange, Gießen —