e Sonntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 5 Gießen, Sexagesimae, den 30. Januar 1921 10. Jahrg. Der feste Grund. Jahre hindurch aufgebaut hat, verflüchtigt Hebr. 13, 8. Jesus Christus gestern und beute 1 1 Was in da übrig? Entweder Ver⸗ und derselbe auch in Ewigkeit. bitterung und Weltschmerz, schließlich die 5 25 n Verzweiflung— oder aber das Bekenntnis Unlängst fiel mir ein gelehrtes Buch in die zu dem einzigen festen Anker, den auch der die Hand mit einer sehr bemerkenswerten eingangs erwähnte Gelehrte gefunden hat, Vorrede Ein dänischer Professor, S. Her⸗ Gott, der uns in den letzten Jahren be⸗ aurd, der früher im Ruf eines ausge- sonders sltreng heimgesucht hat) hat sich rochenen Gottesleugners gestanden hatte, uns doch wiederum dadurch als gnädiger legt in der 2. Auflage seines Buches folgen⸗ Führer zum ewigen Licht gezeigt, daß er uns des Bekenntnis ab:„Nur mit dem Gefühl in dem allgemeinen Zu ammenbruch die Er⸗ tiefster Wehmut gedenke ich der Tage, da ich kenntnis von der Nichtigkeit alles Irdischen dieses Buch zu schreiben begann, denn ich so leicht gemacht hat. Ungezählte Dinge und ahnte damals noch nicht, welche Sorgen mir Einrichtungen, an denen unser Herz ge— das Schicksal bereiten werde. Durch die Er⸗ hangen hatte, als an etwas Festgegründetem, fahrungen des Lebens in seinen Liden und Unwandelbarem, sind über Nachk wie hin⸗ Schmerzen ist meine Seele erschüttert, und weggefegt, vieles versinkt in die Tiefe. Da der Grund, auf dent ich früher glaubte drängt sich dem nachdenklichen Menschen die bauen zu können, zertrümmert worden. In Wahrheit des Wortes auf:„Jesus Christus aufrichtigem Glauben an die Herrlichkeit der— gestern und heute und derselbe in alle Wissenschaft glaubte ich, für alle Fälle in Ewigkeit!“ ieh 3 3 7 gefunden zu g aben; diese Einbildung ist mir vergangen; 5 denn als das Gewitter kam, und mein Ge⸗ Geschichten und Buder aus Alt; Sieden. wissen in Trauer gehüllt wurde, zerrissen die 1 a 71 2 8 5 Seile der Wissenschaft wie Fäden. Da ergriff Gir 5 mer Zu st än de im 381 ta! ter ich die Hilfe, die viele vor mir ergrissen des Dreißigjährigen Krieges. haben, ich suchte und fand den Frieden im(Fortsetzung.) Glauben an Gott. Seitdem habe ich zwar 1639. die Wissenschaft nicht aufgegeben, wohl aber Von zwei üblen Nummern der damaligen ihr einen anderen Platz im Leben ange⸗ Gießener Frauenwelt, die sich einen Fast⸗ wiesen. Wenn es vor dem inneren Blick nachtsscherz eigentümlicher Art geleistet finster wird, und jede Hoffnung zu erlöschen haben, erzählt uns das Protokoll:„Lorenz scheint, dann hat man nach meiner festen Lauben tochter, nahmens Ann⸗-Elisi, so Ueberzeugung nur einen Ankerplatz: den nechsthin vorgestanden( Kirchenbuße ge⸗ einfält gen, aber lobendigen Christeng auben. leistet! und Verbesserung versprach, item Glücklich der, der es nicht zum äußersten Lauben Melchior Hfr.(Hausfrau) haben kommen läßt, sondern seinen Anker beizeiten sich in mannskleid, wie angebracht worden, auf festen Grund auswirft!“ verstellet und ins(Wort hier unleserlich) Wie sehr sich der Mensch in der Zeit seines Haus gelauffen, die äußerste üppigkeit ge⸗ Kraftgefühls auch gegen den Gedanlen weh⸗ trieben, sind vor dem Seniorenconvent zu ren mag, daß über aller irdischen Herrlich⸗ Rede gesezt(gestellt) und ernstlich gestrafft keit die Mahnung steßt:„Eins ist not“, wie worden, haben aber alles verneinet.“ sehr er sich auch weigern mag, zuzugeben, Wie es mitunter unter zärtlichen Ver⸗ daß alles eitel ist— es kommen doch für wandten in Alt-Gießens Mauern zuging, jeden blitzartige Erleuchtungen, in denen er lehrt eine andere Niederschrift.„Johannes sich fragt:„Wozu das alles?“ Das Ent⸗ Kangieser hat nach seinem Vatter mit einem scheidende ist nur, daß er solche Regungen Bierkrug geworfen, seint Zeugen abgehört, seiner inneren Stimme nicht überhört, daß er nemblich Johann Georg Stoll, welcher zwar ihnen nachgeht und sich an den Ausgangs⸗ selber nit darbey gewesen, aber doch den punkt seiner Zweifel führen läßt. Wenn er verlauff, wie er ihn von seinem Schwager, den Dingen ehrlich auf den Grund geht, Niclaß Textorn, so selber darbey gewesen, wird bald eine Stütze seines weltlich gerich- gehört, referiret. Niclaß Textor erzehlet teten Strebens nach der anderen hinsinken selber, daß der Schwigervatter der Löwern und nichts als dauerhaft sich erweisen. Das(Zusammenhang hier etwas unverständlich) ganze Weltbild, das er sich mühsam die Häute verkaufft, darbey sei Bier getrunken, 4 1 114 — 1 g zu hüten verheißen.“ als die Löwer voneinander geschieden, seyen Vatter und Sohn uneins worden. Da habe der Sohn Johannes mit dem Krug nach Nb Vatter geworffen, item sich vermessen, er wolle sich rechen. Ist Vatter Sohn und Zeuge von dem Ampt nochmal abgehöret worden. Da der Sohn solches wissentlich nit hat wöllen gethan haben, sondern vor⸗ gegeben, er sey ganz trunken gewesen, hat auch um Verzeihung gebeten und sich hin⸗ füro für dergleichen zu hüten versprochen. Sein Vatter und Schwager aber haben ge⸗ zeiget, sie wüsten nit gewiß, ob er mit dem Krug nach dem Vatter geworffen oder ob er im Zorn den Krug nach der wand geworffen, deswegen gemelter(genannter) Johannes Kangieser nach zweyen Tagen nach der Ver⸗ hörung aus dem Carcer wieder liberirt(ent- lassen) worden.“ Der Hergang diefer Sache ist ganz klar. Die Löwer(auch Löber ge⸗ schrieben, alter Ausdruck für Gerber) haben geben, er sey truncken gewesen, ist ihm starck verwießen worden, daß er Sonntags ein Gefräß und Gesöff in seinem Haus halte, darauff er sich entschuldiget mit Fürwendung, daß neulich einmal ausschus vom Land hineinkommen und getruncken tten, es sey weiter nichts vorgegangen, olte auch hinfüro dergleichen nit von ihm vergonnen(erlaubt) und gehöret werden.“ Oft entnimmt man den alten Protokollen, daß die Geladenen nicht erschienen sind und daß sie sich vor dem Konvente renitent verhalten haben, offenbar verstanden es die geistlichen Gerichte damals nicht, sich mit der nötigen Autorität durchzusetzen. Aber auch später scheint es damit nicht besser geworden zu sein. So lesen wir:„Den 13. Martii (März) ist vorm Seniorenconvent gewesen Johannes Ager wegen seines bösen fluchens, gotteslestern und unnützlich führens des theuren Blutes Jesu Christi, welcher vor— wisse umb Häute verkauft, dabei wurde getrunken, und das fluchen nichts, es möchte aber mal sein, die beiden Kanngießer, Vater und Sohn, daß, ers getan, ob er schon nichts darumb gerieten in Streit. Heute würde eine solche wüßte, ist vom Convent, weil es erstmahl Sache nur dann von Amts wegen verhandelt gewesen, in die Kirchenbuß ein Kopfstück zu werden, wenn der Verletzte Strafantrag gestellt hätte. f a Johann Georg Stoll, der hierbei Zeuge auftrat, scheint selber Tadel gewesen zu sein; lichen Jahre hören wir läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig von ihm:„Ist Johaun Georg Stoll wegen seines stetig fressen und sauffens — dieses Protokoll nicht ohne selbigen, weil er ihn anbracht, denn in dem näm⸗ ernstlich ermant worden, welcher Besser: ung versprochen und also dimittiert worden.“ Wegen der hier angegebenen Untugenden wird heute niemand mehr verklagt. Viele der vor den Seniorenkonvent Ge⸗ ladenen scheinen sich auf das Leugnen ver⸗ legt zu haben, so lesen wir:„Ist Heurich Dicks Frau vorgewesen, weil in ihrem Hauß ein Convent vieler manns- und weibs⸗ personen gehalten und viel unziemlichs und üppiges wesen darin getrieben worden hats aber verneinet und sich vor allem argernuß 25st am monatlichen Senioribus Eydam Bettag vor Herren worden, Friz Stahlen Laster, als Fressen, Sauffen, Fluchen, Gotteslestern und Zenkereyen, so er in ihrer gassen anstiftet. Ist vom Seniorenconvent gehört und gestrafft worden, hats aber nit gestehen wollen.“ In dieser Zeit wurde der Sountag in weit höherem Maße entheiligt, als das heute ge⸗ schieht. Ein Protokoll vom 28. Juli lautet: „Ist angezeiget worden, daß etliche mit ihren pferdten und Ochsen unter der Sonn⸗ tags Morgen und Mittagspredigt hinaus reiten großen e und dergleichen ver⸗ ursachen.“ Viel wird über einen Gießener Bürger, der augenscheinlich Gastwirt war, geklagt. „Es ist Philipps Scherer vorgefordert und 8 0 8 Henrich Völcker wegen vieler von ihm begangener alsobalt geben erkannt worden. Eben dieser Johannes-⸗ Ager ist Henrich Schmidt, als nach des nachts vors Hauß gelauffen und Senioren, her⸗ gescholten.“ Von ausgelassener Jugend berichtet der Eintrag:„Ist beim Seniorenconvent ge⸗ klagt worden über der Konngießern auffm Kreuz Sohn und Adam Helden Sohn, welche nachts sich immer auff der gassen finden lassen und allerhand muthwillen üben, sint dem Herrn Rentmeister zur Straff übergeben worden.“ 5 N Häufig sind Klagen über Unordnung beim Gottesdienste. Wir lesen:„D. 5. Martii am monatlichen Bettag ist beim Senioren⸗ convent nichts angezeigt worden, als daß man wol sehen möchte, daß adelich Frauen⸗ zimmer samt ihren Mägden aus dem Chor bleiben und sonsten wohin in der Kirche stehen möchten. Darnach daß in Betstunden auff den Oberbünen von den Knaben großer Muthwillen verübet werde.“ Auf die Juden, ihr Tun und Treiben, hat der Konvent beständig sein Augenmerk ge⸗ richtet. Am 30. April wird niedergeschrieben: „Ist beim Seniorenconvent geklagt, daß so viele Juden in der Neustatt wohnen und den Leuten ärgerlich seien.“ Es hat den Anschein auch weitere Einträge weisen darauf hin— daß die Juden sich in der Neu⸗ stadt zusammengefunden hatten, daß diese Straße mithin eine Art von Judengasse war. Bekannt ist, daß die Rittergasse früher Judengasse hieß. Mithin scheinen die Juden sich in dem nordwestlichen Teile der Stadt angesiedelt und dort eine Zeitlang gewohnt zu haben. 1642. Den Bettag mense(im Monat) April ist Johannes Erbach mit seiner Hausfrauen ee ee ee 9 vorm Senioreuconvent gewesen, weil er auf öffentlicher Gassen seine Hausfrau nider⸗ geschlagen und übel gefluchet, welches ihm stark verwiesen und zur Besserung ange⸗ wiesen worden.“ g Im Grunde ist die Kirchenpönitenz recht entehrend gewesen und würde sich mit un⸗ seren heutigen Anschauungen nicht mehr vertragen. Das lehrt uns folgender Eintrag: „Den 2. Dezember ist Johannes König wegen seines greulichen Fluchens und Gotts lestern vorn Seniorenconvent citiert, seine Sünde ihm vorgehalten und vermög seines Urtheils am öffentlichen Halsgericht zur Kirchenpönitenz angewiesen worden, welche ermelter König den 4. Dezember auff den 2. Advent ein brennend Kerz in der Hand haltend stehend gethan.“ Der Mann mußte somit während des Gottesdienstes mit bren— nender Kerze in der Kirche stehen. (Fortsetzung folgt.) Am Martinsturm. Erzählung. (Fortsetzung.) Wir Konfirmanden ordneten uns zu zweien, voraus ging der Pfarrer und hinter uns kamen die Männer vom Kirchenvorstand, die die Gefäße für das heilige Abendmahl sowie das Brot und den Wein trugen, alles sauber in weiße Tücher eingeschlagen. Die Mädchen hatten feine weiße Spitzentaschentücher über das Gesangbuch gelegt und trugen dieses mit beiden Händen, wir Buben hielten das Buch weniger feierlich in der linken Hand und waren stolz auf die neuen Kappen, die wir an diesem Tage zum erstenmal trugen. Als wir Konfirmanden nach der Einsegnung das Lied sangen„Gott, welche heilige Stunde, laß sie gesegnet sein“, da lauschten alle Leute, die in der Kirche waren, und ich sah, wie einige Frauen in den vordersten Stühlen das Taschentuch zogen und ein paar Tränen wegwischten. Da mein Vater mit nichten wollte, daß ich ein Steinhauer werden sollte, so hatte er mit dem Schreiner Langgässer in Wöll— stein gesprochen, daß der mich gleich, nach— dem ich aus der Schule wäre, in die Lehre nehmen solle. Meiner Mutter war das zhuerst nicht recht gewesen. — „Ach, Philipp, hatte sie zum Vater ge— sagt,„dann müssen wir den Bub ja aus dem Haus geben, und ich kann ihn abends, wenn er im Bett liegt, nicht mehr zudecken. Und wer soll ihm, wenn er zwischen den Imsen Hunger kriegt, ein Stück Brot mit weichem Käse oder mit Butter geben?“ Da hatte der Vater gelacht und gesagt: „Jakobine, du kannst doch den Bub nicht dein Lebtag bei dir behalten, so ein groß gewachsener Schlingel, der muß einmal von der Schürze der Mutter los, damit er selb— ständig wird. Und dann bedenke, nach Wöll⸗ stein hat er nicht einmal eine halbe Stunde a weit zu gehen, da kann er jeden Sonntag und, wenn er Lust hat, auch am Werktag, nach Feierabend heimkommen.“ So kam ich denn zum Meister Langgässer- Er wohnte im Hintergewaly, am linken Ufer des Appelbaches, da, wo im Oktober immer der Jahrmarkt gehalten wird. Die Werkstatt, ein ziemlich dunkler Raum, war hinten im Hofe. Außer mir war noch ein Lehrling, aus Pleitersheim gebürtig, da und ein aus Württemberg zugereister Gesell. Der Gesell hieß mit Vornamen David, seinen Familiennamen weiß ich nicht mehr. Jeden Abend, wenn wir mit der Arbeit fertig waren, steckte er sein Ulmer Glöbchen an und ging, solange es Sommer war, mit uns Lehrbuben spazieren. Meist gingen wir den Appelbach entlang in das schöne Tal, das nach Neubamberg führt, am Höllberg vorbei und kamen oft bis zur Katzensteiger Mühle. Dann setzten wir uns an den Rand einer Wiese, und der David erzählte. Nein, was der David ein Held war und was er schon alles erlebt hatte! Ein ganzes Jahr lang war er auf der Walze gewesen, er kannte Heidelberg und Mannheim und war in Heilbronn und in Stuttgart gewesen. Fürchten tat sich der David gar nicht, das mußte man ihm lassen. In Heidelberg hatten Studenten mit ihm ihren Scherz treiben wollen und ihm spöttisch nachgesungen: „Und der Schreiner mit dem Hobel, der stellt sich so nobel“, da war David wie ein wilder Stier unter sie gefahren und hatte ihnen solche Stöße gegeben, daß sie umfielen und die Beine in die Luft streckten. In Hirsch horn war ihm der Meister grob geworden, als er an einem Montagmorgen zu lange geschlafen hatte; da hatte ihm David die Leimpfanne auf den Kopf geschlagen, daß ihm drei Tage lang die Haare aneinander klebten. Dabei hatte es der mutige Schwabe gar nicht nötig, als Schreinergesell durch die Welt zu ziehen, er hatte von seiner Großmutter ein Vermögen von 20000 Gul— den geerbt, das auf einer Bank in Ludwigs⸗ burg stand. Auch seine Braut, eines Ober— amtmanns Tochter, war schwerreich. Mit— unter bekam er Briefe von ihr, die er immer sorgsam wegsteckte. Ich war ganz weg, vor Bewunderung, wenn ich diesen Berichten lauschte. Erst später ging mir ein Licht darüber auf, und heute weiß ich, daß der David ein ganz unverschämter Lügner und Ausschneider war, dem wir zwei dumme Lehrbuben gut genug waren, seine Prahlereien anzubringen. In der Werkstatt, wenn der Meister dabei war, konnte David seine Lügen nicht anbringen. Da hieß es fest zugegriffen und schnell herumgedreht, damit die Arbeit vom Fleck. kam. Wir machten vorzugsweise Bau— arbeiten, legten Fußböden, schlugen Türen an, das Herstellen von Möbeln kam erst in zweiter Linie. Sonntags nachmittags he⸗ suchte ich die Zeichenschule, zu der die Lehr- N l 1 . 3 alles in der Welt vorübergeht. Der David * A 5 1 e 0 zbuben aus der ganzen Nachbarschaft zu⸗ sammenströmten. Ich hatte Freude am Ge⸗ schäft und wurde zuweilen vom Meister i 1 8 »Die drei Lehrjahre gingen vorüber, wie 12 5 längst das Weite gesucht; vermutlich ebte er irgendwo im Schwabenlande von seinen Zinsen. Da mein Meister mich gut behandelte, so blieb ich noch vier Jahre bei ihm. Das tat ich auch deshalb, weil meine Mutter sich nicht entschließen konnte, mich in die Ferne gehen zu lassen. Meine drei jüngeren Geschwister waren Mädchen, und die Mutter hielt auf mich, den ein⸗ zigen Sohn, große Stücke, ohne jedoch die Töchter zu benachteiligen. Mittlerweile war ich 21 Jahre alt ge⸗ worden und hatte mich vom Militärdienste losgekauft. Es war damals noch die gute alte Zeit, da die Völker noch nicht in Waffen starrten und jederzeit bereit waren, wie die Tiger aufeinander loszustürzen, in unserem Hessenländchen brauchte man nur sehr wenig Soldaten. Freilich, das war ein schreiner, kolossales Geld dachte nach Chicago oder St. Louis zu gehen, und hatte schon mit einem Agenten aus Bingen, der die Schiffsrhederei Lüdering u. Komp. aus Bremen vertrat, Verhand⸗ lungen angeknüpft. Der Mann schickte mir einen Prospekt nach dem andern. 1 ersah ich, daß alle vierzehn Tage Schiffe nach Neuyork und Baltimore und alle vier Wochen Schiffe nach Philadelphig ab⸗ gingen. Ich kaunte die Schiffe der Rhederei mit Namen: Scotia, City of Baltimore, Benjamin Franklin, und wie sie alle hießen, in Gedanken machte ich schon die Ueberfahrt auf einem Schnellsegler. Da bekam ich un⸗ erwartet von dem Schreinermeister Daniel Gesell einzutreten, es wurde mir ein guter Lohn versprochen. Mein seitheriger Meister hatte mich dem Mainzer Meister empfohlen. Da nahm ich, ohne mich viel zu besinnen, an, und niemand war darüber froher als meine Mutter, da sie mich nun in der Nähe behielt. (Fortsetzung folgt.) großer Mißstand, daß man für Geld sich vom Soldatenleben loskaufen konnte. Mein Vater gab 500 Gulden in die Kasse, und ich wurde frei. Meine ärmeren Kame⸗ raden mußten ihre sechs Jahre dienen, allerdings mit vielfachen Beurlaubungen, die oft ein Jahr und noch länger dauer⸗ ten. Mein Kollege aus Pleitersheim, der mit mir gelernt hatte, war in Darmstadt bei den weißen Dragonern; nach der Aus⸗ bildung brachte er den größten Teil seiner Zeit in einer Werkstatt zu. Wer irgendwie das Geld aufbringen konnte, der kaufte sich frei. Man sah es damals noch nicht als eine Ehre an, dem Vaterlande zu dienen. Es gab auch noch kein deutsches Vaterland, es gab nur Preußen, Bayern, Hessen und Reuß⸗Greiz⸗Schleiz⸗Lobenstein. Das war eigentlich das letzte, was mein Vater für mich tat, daß er mich vom Militär los⸗ kaufte, kurz darauf ist er gestorben. Obwohl mir die Mutter immer in den Ohren lag, ich möchte in Siefersheim mein Geschäft anfangen, so konnte ich ihr nicht willfahren. Ich war zum Meister noch zu jung, zu Hause war ich auch nicht nötig; denn meine älteste Schwester hatte einen Steinhauer aus Alsenz geheiratet, der un⸗ seren Steinbruch übernahm. Mich trieb der Drang in die Ferne, ich wollte die Welt sehen. Lange überlegte ich, ob ich nicht nach Amerika gehen solle. Damals in den fünf⸗ ziger Jahren ging ein wahrer Strom von Menschen aus Hessen hinüber über die „große Bach“. Es waren eben bei uns schlechte Zeiten, viele Leute hatten keinen Verdienst und kamen nicht vorwärts, zu seinem Vergnügen ging keiner hinüber in die neue Welt. Ich hatte von Schreinern aus unserer Gegend gehört, die verdienten Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 30. Januar, Sexagesimä. Stadtkirche. Vorm. 9½: Pfarrassistent Ramge.— 11: Kinderkirche für die Markus⸗ gemeinde. Pfarrassistent Ramge.— Nachm. 5: Pfr. Mahr. Beichte und Feier des hl. Abendmahls für die Matthäus⸗ und Markus⸗ gemeinde.— Montag den 31. Januar, abends 8: Vereinigung der konf. männl. Jugend der Matthäusgemeinde.— Dienstag den 1. Februar, nachm. 4: Frauenmissions⸗ verein.— Abends 8: Helfervereinigung der Männer⸗ und Frauenvereinigung der Mat⸗ thäusgemeinde.— Donnerstag den 3. Fe⸗ bruar, abends 8: Vereinigung der konf. weibl. Jugend der Matthäusgemeinde.— Donnerstag den 3. Februar, abends 8: Helferversammlung der Markusgemeinde. Johanneskirche. Vorm. 9½(zugl. Militär⸗ gottesdienst): Pfr. Ausfeld.— 11: Kinder⸗ kirche für die Johannesgemeinde: Pfr. Aus⸗ feld.— 5: Pfr. Bechtolsheimer. Beichte und Feier des hl. Abendmahls für die Lukas⸗ und Johannesgemeinde.— Abends ½8: Vereinigung der konf. männl. Jugend der Johannesgemeinde.— Montag den 31. Ja⸗ nuar, abends ½8: Vereinigung der männl. Jugend der Lukasgemeinde * Evang. Arbeiterverein. „Sonntag den 30. Januar, abends 8 in der Stadtkirche: Geistl. Musikauffüh⸗ rung. Das Nähere s. vorige Nummer. Wakrtburg⸗Verein. Nachm. 2 bei gutem Wetter Wandung Treffpunkt: Heim. Es wird auf die geistl. drüben als cabinet-makers, als Kunst⸗ Musikaufführung des Evang. Arbeiter⸗ vereins hingewiesen.. R. Lange, Gießen. ich auch, Daraus Wocker in Mainz ein Angebot, bei ihm als e 212 1