———— ee „ eee eee eee e eee eee e 7 N 0 N onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 22 Gießen, I. Sonnt. n. Trinitatis, den 29. Mai 1921 10. Jahrg. Freundlichkeit. Kinder aus dem Schlafe gerissen werden, um die Weiterreise, auf den Knien des 1. Cor. 13, 4. Die Liebe ist freundlich. Es gab eine Zeit in Deutschland, da hielt man es für eine Schwäche und einen Fehler, Fremden gegenüber freundlich zu sein. Sehr viele glaubten, sich etwas zu vergeben, wenn sie sich den Unbekannten zuvorkommend und gefällig zeigten. Fuhr man mit der Eisen⸗ bahn, so traf man viele, namentlich jüngere Männer, die den Mitreisenden gegenüber eine sehr kühle Haltung einnahmen. „Schneidig“ forsch, sogar grob wollte man sein, aber ja nicht freundlich. Wenn man auch, was Arbeitsleistungen betraf, wenig oder nichts bedeutete, so glaubte man es sich doch schuldig zu sein, den„vornehmen“ Mann zu spielen, der in den anderen nur untergeordnete Wesen sieht und der ihnen in knappem Befehlstone Rede und Antwort steht. Man sagt, daß dieses Wesen haupt⸗ sächlich in Norddeutschland heimisch sei. Ganz unbegründet ist diese Feststellung nicht. Die schroffe Art, mit anderen zu sprechen, ist wesentlich ein Charakterzug der Men⸗ schen, die im deutschen Nordosten wohnen, und im deutschen Norden kann man stunden⸗ lang im Eisenbahnabteil sitzen, ohne daß man von dem vielleicht einzigen Mitreisen⸗ den eines Blickes, eines Wortes und beim Auseinandergehen eines Grußes gewürdigt wird. Die häßliche Unsitte, Mitreisenden das Einsteigen in das noch lange nicht ge⸗ füllte Abteil unmöglich zu machen, hat sich während des Krieges bei uns mehr und mehr verbreitet. Im Kriegsjahre 1916 hatte ich ein sehr unerfreuliches Erlebnis. Mit einem Schnellzug fuhr ich abends von Frankfurt a. M. nach Gießen. Ein Ehe⸗ paar, das von Mannheim nach Kiel über⸗ siedelte— der Mann schien Werkmeister eines industriellen Unternehmens zu sein—, fuhr mit, die beiden Eltern hatten ihre vier kleinen Mädchen bei sich. Vater und Mutter machten den Kindern, die todmüde waren, mit Decken auf den harten Sitzen ein Lager zurecht. Es waren gut erzogene, sehr rein⸗ lich gekleidete Kinder, die so müde waren, daß sie kein Wort sprachen. Nun geschah das Unglaubliche, daß sich Mitreisende dar⸗ über beklagten, daß die Kinder auf den Sitzen lagen und schliefen, und in Gießen kam der Schaffner, um die Eltern aufzu⸗ fordern, die Kinder aufzunehmen, da es verboten sei, Kinder zum Schlafen auf den Sitzen niederzulegen. Da mußten die armen Vaters und der Mutter sitzend, zu ver bringen. Das geschah in einer Zeit, in der man in Zeitungen sehr viel davon schrieb, daß die kinderreichen Familien Deutsch⸗ lands Hoffnung seien und deshalb mit allen Mitteln gefördert werden müßten. Während des Krieges wurde auch viel darüber geklagt, daß Hilfesuchende, namentlich Ehefrauen von Kriegsteilnehmern, wenn sie bei Behörden vorsprachen, schroff behandelt wurden, nicht von alten und wirklich vornehmen Beamten, sondern von jungen, nur für die Kriegs⸗ dauer beschäftigten Angestellten beiderlei Ge⸗ schlechtes. Wir wollen dahingestellt sein lassen, ob es in dieser Beziehung jetzt besser geworden ist, das steht fest, daß wir uns mit dieser Art im Auslande viele Gegner gemacht haben. Im deutschen Süden hat man seither im Allgemeinen den schroffen, unfreundlichen Ton nicht gekannt, auch nicht die strenge verletzende Scheidung der ein⸗ zelnen Stände voneinander. Daß die staat liche Umwälzung in den Landen südlich des Mains nicht von den furchtbaren Folge⸗ erscheinungen begleitet war, wie man sie in Berlin, Hamburg, Thüringen und im rheinisch⸗westfälischen Industriegebiet gesehen hat, mag darauf zurückzuführen sein, daß dort die Menschen seit alter Zeit gewohnt sind, sich auf freundliche Art miteinander zu verständigen. b Es ist eines Christen unwürdig, seine Nebenmenschen schroff und unfreundlich zu behandeln. Die Bibel redet an vielen Orten der Freundlichkeit und Zuvorkommenheit das Wort Paulus mahnt uns:„Die Liebe sei freundlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Fleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann. Seid unterein⸗ ander freundlich.“ Im Alten Testamente lesen wir:„Ein freundliches Wort erfreuet. Höre den Armen gern und antworte ihm freundlich.“ Deshalb sollen wir freundlich sein, weil Gott uns so freundlich entgegen⸗ gekommen ist und immerdar entgegenkommt. Paulus schreibt von der Menschwerdung Christi:„Da aber erschien die Freundlich⸗ keit und Leutseligkeit Gottes, unseres Hei— landes.“ Das ist, der höchste Erweis der göttlichen Freundlichkeit, daß Gott uns sei⸗ nen Sohn gegeben hat, daß wir durch ihn selig werden sollen. Dieser Freundlichkeit gedenken wir namentlich am Weihnachts⸗ seste mit Dank und Freude. Unfreundlichkeit 86 ist das Kennzeichen eines unreifen, schlecht erzogenen Menschen, Freundli chkeit aber ent⸗ springt der Herzensfrömmigkeit und Herzens⸗ güte und gibt Zeugnis von einem sittlich ge⸗ läuterten Takte. Sie wirkt im Zusammen⸗ leben der Menschen wie der helle Sonnen⸗ schein am Frühlingstage. H. B. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen, Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) In der Maikäferzeit hatten die Spatzen gute Tage, die sie auch tüchtig ausnützten. Was sich von ihnen bei der luftigen Fütte⸗ rung auf dem Kreuz satt gefressen hatte, flog fort und schickte andere. Eines schönen Tages mußten sie aber selbst herhalten, und da half ihnen weder ihr angeborenes Miß⸗ trauen, noch ihre Geriebenheit; denn ein gedeckter Tisch ging ihnen über alles. Auf dem Hofe des ehemaligen Spitals hinter der Lotz'schen Wirtschaft auf dem Seltersweg steht ein früher als städtisches Pfandhaus, später als Getreidelager und heute als Auto⸗ schuppen benutztes einstöckiges Haus, in wel⸗ ches sich, als noch die Frucht darin unter⸗ gebracht war, die Spatzen in Scharen nieder⸗ ließen und die he e e Körner auf⸗ pickten. Es war ein leichtes, sie durch Schlie⸗ Ur der Türe zu fangen. die Seltersweger, ließen sich diese Gelegen⸗ heit nicht entgehen und da sich der Spatz weder durch sein Gefieder, noch durch seinen Gesang dazu eignete, als Zier- oder Sing⸗ vogel, schönern, so mußte eben etwas anderes mit ihm angefangen werden. Mit angewärmtem Wachs wurden ihnen aus goldgelben Gockel⸗ und sonstigen Federn wunderbare Büschel⸗ chen auf die Köpfe und lange Schwänze angeklebt, so daß die merkwürdigsten Para⸗ diesvöglein entstanden, die, als sie losge⸗ lassen, durch ihre exotischen Formen und Farben die Aufmerksamkeit von ganz Gießen auf sich zogen. Ueberall saßen sie auf den. Dachkandeln und machten die putzigsten An⸗ strengungen, sich ihres Prachtgefieders zu entledigen. Auch auf den Flug übte das bunte Kleid seinen verfeinernden Einfluß aus, denn aus dem ganz dem gewöhnlichen, Charakter des Sperlings entsprechenden flatterhaften Herumvagabundieren wurde ein sanftes Schweben durch die Lüfte. Die Leute zerbrachen sich die Köpfe, wem wohl die Vögel durchgegangen sein möchten, während diese selbst ihres Prunkgefieders nicht froh wurden und über die Täter weidlich ge⸗ schimpft haben werden; denn dies sollen sie meisterlich verstehen, wenn man Fritz Reu⸗ ter glauben darf. Doch alles hat einmal ein Ende, und so fielen denn auch nach ein paar Tagen die aufgeklebten Federn wieder ab das Heim irgend jemandes zu ver und die Spatzen taten, wie wenn nichts passiert wäre. Daß bei der ganzen Ge⸗ schichte die Buben, die natürlich nichts mer⸗ ken ließen und die Unbefangenen spielten, den größten Spaß hatten, konnte man abends aus ihrer Unterhaltung im Junkers Gar⸗ ten und auf Buschs Treppe entnehmen. Welche Bewandtnis es mit dem ver⸗ schiedentlich erwähnten Junkers Garten hatte, werden wohl nur noch wenige un⸗ serer Mitbürger aus eigener Anschauung wissen. Zwischen dem Julius Bach'schen und dem ehemalig Blödner'schen, früher Labroisse'schen Hause auf dem Seltersweg stand bis in die 60er Jahre ein zweistöckiger alter Bau mit hohem Giebeldach und kleinen Fenstern. Der untere Stock war ein Hoch⸗ parterre, in welchem der Eigentümer, der ehrbare Schuhmachermeister Emil Junker, sein Handwerk betrieb. Der Eingang be⸗ fand sich auf der Rückseite, auf welcher auch die Werkstätte lag. Die Fensterchen reihten sich dicht aneinander, damit genügend Licht in den niedrigen Raum fiel. Hinten im Hofe fristete ein alter Stall sein Dasein und den übrigen Teil des Grundstücks bil⸗ dete der Garten, welcher sich bis zum Schor⸗ graben hinzog; das ist da, wo jetzt die Plock⸗ straße an die Johannesstraße stößt. Wegen Baufälligkeit mußten das Haus und der Stall abgebrochen werden. Von da ab be⸗ nutzte man den Garten als Durchgang nach der Schor, die jenseits des Schorgrabens an Unsere Freunde, diesem entlang 1 5 Ein über letzteren ge⸗ legtes Brett stellte die Verbindung her. Die Stadt erstand das Grundstück und legte eine Straße mit auf beiden Seiten von Zier⸗ büschen bepflanzten, etwa 1¼ Meter breiten Rabatten an, hinter welchem rechts die Gartenmauer des Labroisse'schen, links das Spalier des Bach'schen, früher Rumpf'schen Grundstücks herlief. Außerdem befand sich dicht an der Mauer der in den Schor⸗ graben mündende Flutgraben. Als die Neue(jetzt Süd⸗) Anlage entstand (1863-1865) wurde der Schorgraben über⸗ brückt und zur Verhinderung der Durchfuhr zwei Steinsockel mit dazwischenhängender Kette aufgestellt. Noch lange, nachdem die Straße zu Ehren des Stifters des vor⸗ erwähnten Spitals, des Bürgers und e Johann Balthasar Plock,— die Stiftungsurkunde datiert vom 23. Sep⸗ tember 1771— den Namen„Plockstraße“ erhalten hatte, wurde dies„Junkers Gar⸗ ten“ weiter genannt, und noch heute ist den alten Gießemern diese letztere Bezeichnung geläufiger, wie die erstere. Der Junkers Garten war also der Tummelplatz der Seltersweger, aber auch die Kreuzer kannten ihn inwendig und auswendig. Nur einmal blüht im Jahr der Mai und dann kommt der Juni, und mit ihm der kleine unter dem Namen Junikäfer bekannte, dem Maikäfer in vieler Beziehung ähnliche gelbbraune Geselle, welcher sich tagsüber im e 8 Gras verborgen hält und daher nicht, wie sein größerer Vetter, einfach von den Bäumen geschüttelt werden konnte. Wer also auf den Fang ausgehen wollte, und das waren so ziemlich alle größeren Buben, mußte dies abends tun, denn da schwärmten die Tierchen über den Grasflächen im Zwie⸗ licht und waren dabei leicht zu haschen. Also zog man, nachdem die Dämmerung eingesetzt hatte, in Rudeln nach den nächsten Wiesen, und diese lagen jenseits der Wieseckbrücke, links der Grünberger Straße, jetzt Kaiser⸗ Allee. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts war weder von dem Ludwigs⸗ platz als solchen, noch von den jetzt dastehen⸗ den Häusern etwas zu sehen. Auch die untere Grünberger Straße war häuserlos. Sie wurde rechts von Gärten begleitet, wäh⸗ rend sich auf ihrer anderen Seite, soweit das Auge reichte, Wiesen ausbreiteten. Auch bei der Garten- und Bergstraße, dem Stein⸗ und Schiffenberger Weg, der Licher, Moltke⸗ und Roonstraße lagen zu beiden Seiten teils Gärten, durch Hecken oder Spaliere vonein⸗ ander getrennt, teils offene Aecker und Wie⸗ sen. Einige dieser Straßen waren damals nur Feldwege. Die jüngere Generation kann sich hiernach einen Begriff machen, welch ein Wandel sich im Osten und Südosten un⸗ serer Vaterstadt in den verflossenen 50 bis 60 Jahren vollzogen hat. (Fortsetzung folgt.) Etappe Langen. Erinnerungen aus den Jahren 1813 bis 1815 von Karl Friedrich Maurer, mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. (Fortsetzung. Er fragte nun nach gar mancherlei, stets bestrebt, unsere Unterhaltung in der spani⸗ schen Sprache festzuhalten. Auch hierin folgte ich recht gerne, soweit ich es vermochte, und fand hierbei Ursache, mich darüber zu wun⸗ dern, daß mir noch so gar viele Worte und Redensarten der spanischen Sprache in dem Gedächtnis wieder auftauten. Wo ich fehlte, half mir der junge Mann freundlich nach. So dauerte unsere Unterhaltung ziemlich lebhaft bis spät in die Nacht und wurde folgenden Morgens bis zum Augenblick fort⸗ gesetzt, da mein lieber Gast mich höflich dankend verließ mit dem Ausspruch:„Viva Usted mui bien, muchos mil anos!“(Leben Sie sehr wohl viel tausend Jahre!), was ich in gleicher Weise erwiderte mit dem Zusatz: „Vaja Usted von Dios!“(Reisen Sie mit Gott!) „Ein nicht so freundliches Abkommen fand ich etwas später mit einem andern öster⸗ reichischen Offizier. Es wurde mir zur Ein⸗ quartierung angesagt ein Kapitän und ein Leutnant von den Bianchigrenadieren. Der Kapitän erschien ohne den Leutnant, weil dieser, wie jener erklärte, unterwegs eine Bestimmung anderswohin erhalten hatte. Der Kapitän wurde von mir nach meiner Art höflich und freundlich empfangen und völlig anständig bewirtet, wobei ich ihm Gesellschaft leistete. Er verhielt sich mürrisch und verdrossen gegen mich Den Grund hier⸗ von erkannte ich aus seinen Aeußerungen über die Leere des Hauses und den Mangel an Hausgeräten. Ich erklärte ihm höllich, daß dies ohne mein Verschulden und nichts weniger als absichtlich so sei Als das keine Aenderung in seinem Verhalten gegen mich bewirkte es vielmehr den Anschein gewann, daß er geneigt sei, in weitere Ungebührlich⸗ keiten überzugehen so erklärte ich sogleich ernst und fest, daß ich recht gut wisse, wie sich das Militär, besonders der Offizier, gegen seine Quartierträger zu benehmen habe, an dessen Seite keine Spur von bösem Willen zu finden; das habe mich lang- jährige Erfahrung gelehrt; denn auch ich hätte nahehin zwei Jahrzehnte beim Militär gedient und wäre seinerzeit auch das ge— wesen, was er sei! Hierauf erwies er sich allerdings sehr höflich und geschmeidig. Ich erachtete es aber für überflüssig, mich weiter mit ihm zu befassen und verschmähte es, nach seinem Namen mich zu erkundigen. Am fol⸗ Senden Morgen zog er ab. Veoöllig entgegengesetzt benahm sich kurze Zeit nachher in meinem Hause der Haupt⸗ mann von Bülow von der preußischen Garde als ein sehr feingebildeter und überaus artiger Mann. Besonders belobte er meine Frau mehrmals wegen der schmackhaften Speisen, die sie ihm hatte vorsetzen lassen. Mit der Sorge für Bequartierung und Verpflegung der fortdauernd durchziehenden Truppen hatte ich nach meiner Stellung un⸗ mittelbar nichts zu tun, weder an meinem Wohnort, noch in dem Bezirk. Dieses war Obliegenheit des Beamten, der zu Mörfelden wohnte. Indessen hatte ich mich auf den Wunsch meines Amtskollegen gerne bereit erklärt, nach Möglichkeit in der Zeit seiner Abwesenheit seine Stelle zu vertreten. Die Truppen erschienen meistens in be⸗ sonderen Abteilungen unter eigenem Kom— mando, also unabhängig voneinander, nicht selten mehrere zu gleicher Zeit. Jede Abtei— lung verlangte, mit ihren Anforderungen auf der Stelle befriedigt zu werden. Da dieses von seiten der Ortsbehörde unmöglich war, so hatte es die Folge, daß sich die Truppen ihre Bedürfnisse, besonders an Fou⸗ rage eigenmächtig, teilweise gewaltsam, an— eigneten, wo sie solche finden konnten. Solchen Unordnungen suchte ich, soviel als möglich, entgegenzuwirken, indem ich mich an die höheren Offiziere, die sich mit ihren Abteilungen jezeitig im Orte befanden, mit der Bitte wandte, es möchte sich der eine oder der andere nach gegenseitigem Einver— nehmen dafür entscheiden, das Kommando in dem Orte insoweit zu übernehmen, daß ohne sein Vorwissen und seine Genehmigung unmittelbar an die Ortsbehörden keine An— forderung, welcher Art sie auch sein möge, — 88 Etappenplatz bestimmt werden 1 war von irgendeiner zur alliierten Armee gehöri⸗ gen Truppenabteilung gemacht werden dürfe. Ich erinnere mich, daß ich eine solche Bitte an einen bayerischen Major, der sich mit einem Bataillon, und einen österreichi⸗ schen Hauptmann, der mit einer bedeuten Abteilung von Pontonsequipage mit ent⸗ sprechender Mannschaft sich gleichzeitig im rte befand, unter Darstellung der Dring⸗ lichkeit der Sache zu richten erlaubte. Beide Herren zeigten sich gerne bereit, mir alle mögliche Unterstützung zu gewähren, um weitern Unordnungen zu steuern. Beide nah⸗ men aber Anstand, ein Kommando dieser Art sich anzueignen. Es kam mir dieses keines⸗ wegs unerwartet, da ich wohl wußte, in⸗ wieweit Einigkeit bestehe in der zu einem und demselben Zweck zur Zeit vereinigten deutschen Armee, die sich aus allerlei deut⸗ schen Stämmen zusammensetzte, deren jeder unter besonderer Regierung stand. Seit Anfang November 1813 war die Gemeinde Langen ohne Unterbrechung mit sehr starker Einquartierung belegt. Täglich rückten neue Truppen zur Einquartierung ein, die teils nach genommenem Nachtlager und erhaltener Verpflegung wieder abzogen, teils aber auch und das war die Regel, bis auf weitere Order liegen blieben. Zeitweise befanden sich in Langen nach einem un⸗ gefähren Ueberschlag an 2000 Pferde und 3000 Mann, Truppen von verschiedenen alliierten Mächten und fast von allen Waffen, vorzüglich aber Artillerie, Train, Pontonsequipage und Kavallerie. Jede Truppengattung hatte ihren eigenen, von jedem andern unabhängigen Kommandanten. Keine Militärbehörde war da, die das ganze leitete und allgemeine Ordnung aufrecht er⸗ hielt. Alle machten ihre Forderungen auf ziemlich tumultuarische Weise und willkür⸗ lich, und da sie meistens von allen Seiten auf einen Zeitpunkt zusammentrafen, so war es bei den der Gemeinde zu Gebote stehenden Hilfsmitteln nicht möglich, jede Forderung alsbald zu befriedigen. Dieses verursachte tausende von Unordnungen und Ausschrei⸗ tungen, die soweit gediehen, daß ohne Um⸗ stände in die Scheunen und Wohnungen ein⸗ gedrungen wurde, um die dort vorhandene Fourage und Lebensmittel wegzunehmen. Am 6. November wurden die unter meiner Obhut stehenden Zehntscheuern zu Langen und Egelsbach von den Truppen gewaltsam erbrochen und ihrer Vorräte an Fourage beraubt. Ich habe, wie ich es für meine Pflicht hielt, so viel als an mir war, getan, um Ordnung zu erhalten. Ich machte bei mehreren Kom⸗ mandanten die bescheidensten Vorstellungen und bat sie, auf die bedrängte Lage des Orts Rücksicht zu nehmen, und ersuchte sie um Hilfe und Unterstützung. Im Falle aber die Truppenmärsche fortdauern sollten und Langen, wie zu vermuten war, zum Orte d schnelle Hilfe erforderlich. Ich gab daher der mir vorgesetzten Behörde, der Hof⸗ kammer in Darmstadt, Nachricht von dem Zustande der Gemeinde und schlug als vor⸗ züglich ine Mittel zur Handhabung der Ordnung und zur Begegnung der Will⸗ kürlichkeiten der einrückenden Truppen vor, einen geeigneten Offizier von dem hessischen Militär als Kommandat von Langen zu bestellen und ihm ein, wenn auch nur gerin⸗ ges Detachement beizugeben und zu be⸗ stimmen, daß ohne sein Vorwissen und vor⸗ herige Legitimierung bei ihm kein Trupp aufgenommen und verpflegt würde. Am Abend des 8. November kam ein De⸗ tachement von zwölf Mann und einem Offi⸗ zier in Langen an. Es war nicht das, was ich erbeten und erhofft. Indessen machte ich davon den bestmöglichen Gebrauch. Die zum Bezirk gehörigen Orte außer Langen konnte ich damit nicht schützen. Gewalt⸗ same Einbrüche in die fiskalischen Scheunen und Magazine der Orte Egelsbach, Kelster⸗ bach und Ginsheim konnten daher nicht ver⸗ hütet werden. Im Laufe des meist sehr regnerischen No⸗ vembers wurde am späten Nachmittag eines Tages, da es fast andauernd geregnet hatte, das Einrücken eines sehr zahlreichen Regi⸗ ments ungarischer Husaren durch einen vor⸗ ausgekommenen Rittmeister angekündigt. Einige dabei anwesende Mitglieder des Orts⸗ vorstandes waren, in der Meinung, dem die Einquartierung abwenden zu kön⸗ nen, so unklug, zu äußern, daß an dem Platze gar viele Einwohner an ansteckender Krankheit darnieder lägen. In der Tat waren damals, wie fast in ganz Deutschland, . bei uns ansteckende Krankheiten durch die Ende 1812 aus Rußland heimkehrenden Truppen ziemlich verbreitet worden, und man suchte sich durch sogenannten Pestessig und sonstige Mittel zu schülben Darum ent⸗ schied sich der Rittmeister sogleich dafür, daß das Regiment biwakieren müsse. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Anzeigen. Sonntag, 29. Mai, 1. nach Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich e für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Becker.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfarrer Becker. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Vormittags 9 Uhr, zugleich Militärgottesdienst: Pfarrer Aus⸗ feld.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld. Verantwortlich: Pfarrer Bechtolshesmer. Druck und Verlag der Brühl'schen Unsversitäts⸗Buch⸗ und Steindruckere R. Lange, Gießen.