* onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 30 Gießen, 9. Sonnt. n. Trinitatis, den 24. Juli 1921 Jo. Jahrg. Die Ernte. Joel 3, 18. Schlaget die Sichel an; denn die Ernte ist reif. Die Ernte hat wieder begonnen. Tas ist nun ein fröhliches, regsames Leben da drau⸗ ßen auf den Kornfeldern. Da stehen sonn⸗ verbrannte Männer, die den Leibgurt fest angezogen haben, und schneiden mit wuch⸗ tigen Sensenhieben das reife Getreide. Frauen gehen ihnen nach und ordnen die geschnittenen Halme zu Bündeln. Dann wer⸗ den die Garben gebunden und zu Haufen aufgeschichtet. Leiterwagen fahren über die Stoppeln, und die Garben werden aufgela⸗ den. Das ist keine leichte Arbeit; denn die Garben sind schwer. Der, der ungeübt ist, glaubt unter ihrer Last beinahe zu erliegen. Leichtfüßig springen Kinder über das Feld und sammeln die zerstreuten Halme. Knar⸗ rend fahren die schwer beladenen Wagen nach dem Dorfe, abermals kommt eine schwere Arbeit; denn die Garben müssen. in der Scheuer an den rechten Ort, oft hoch hinauf bis zum obersten Balken, gebracht werden. Ueberall sieht man die Spuren dieser Arbeit: Halme liegen auf der stau⸗ bigen Straße, volle Aehren hängen an den Aesten der dichtbelaubten Bäume. Es ist ein schönes Bild, wenn man jetzt mit der Eisen⸗ bahn durch das Land fährt, überall gewahrt man ein lebhaftes Gewimmel. Männer, Frauen und Kinder helfen mit bei der Erntearbeit; sogar ganz kleine Kinder wer⸗ den mit hinaus auf das Feld genommen, sie spielen, wenn die Erwachsenen arbeiten, am Rande des Ackers mit Blumen und Steinen. Auch der Großvater, der sich längst auf sein Altenteil zurückgezogen hat, geht mit, um wenigstens die Seile zu legen. Und während es Stadtmenschen gibt, die in den Sommertagen schier vor Hitze umkommen wollen, stehen die Landleute in Sonne und Wind und klagen nicht über die Witterung. Am Abend erklingt im Dorfe der Schlag des Dengelhammers, und vom Felde her zirpt die Grille. In der Erntezeit geht auch der Stadt⸗ bewohner, der sich sonst um die Feldarbeit nicht viel kümmert, gern einmal in das Freie. Er freut sich über das rege Leben und über den Segen, den Gott spendet, eine Seele wird aber zugleich auch von. ehmut erfaßt; denn der sinkende Halm spricht vom Abschiednehmen des Sommers, spricht vom Sterben. Der viel zu früh, im Alter von 46 Jahren, dahingeschiedene Dich⸗ ter Karl Busse— er ist im November 1918 in Berlin der Grippe erlegen— hat das in ergreifender Weise zum Ausdruck gebracht. Er singt: „Meine Väter sind alle mit schwerem Tritt Ueber den Acker gegangen. Die Halme rauschten, die Sense schnitt, Feldlerchen stiegen und sangen, Dazwischen klang immer der Hammer einmal Pinkpank.. hin über den Sensenstahl.“ Die Vorfahren hatten schwere Arbeit, aber sie saßen auf der eigenen Scholle, und das tägliche Brot mangelte ihnen nicht. „Nun schlafen die Väter im Bauernwams Jahrhunderte schon und schweigen, Ich bin der Letzte des alten Stamms Ich hab' keine Scholle zu eigen, Und lehn' ich mich por und horch' ich hinaus: Nur Großstadtleben und Gassenbraus. Doch steht der Roggen in Reifedrang, Dann reißt es mich jäh aus den Toren: Dann sitz' ich dämmernd oft stundenlang Am Rain, in Dumpfheit verloren. Ich lausch' meiner Seele, die raunt und spricht, Als dränge versunkenes Leben zum Licht.“ Da ist es dem Dichter zumute, als ob die Väter ihn zur Erntearbeit riefen, aber: „Sie locken und werben. Mein Herz wird mir schwer. Fast daß ich mich schäme—„ich kann's nicht mehr!“— Der Anblick der Kornfelder treibt uns zum Danke. Das tägliche Brot ist uns wieder ge, chert, Gott hat es uns abermals be⸗ schuet, nun werden die Dreschmaschinen sum⸗ men, die Mühlen werden klappern, und die Bäcker werden backen können. Es heißt zwar, daß der Brotpreis demnächst sehr steigen werde. Angesichts der reichen diesjährigen Ernte ist das wohl eine Befürchtung, zu der kein Grund vorliegt. Gott wolle uns weiter leiblich wie seelisch erhalten, er wolle die Teuerung, unter der wir schon so lange leiden, nicht übergroß werden laser H. B. — ——— ö— 118— Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. che 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Für Obst zeigte der Gießener Bub ein ausgeprägtes Interesse. Es fanden daher im Herbst des öfteren Inspektionsgänge in die Gärten statt, d. h. in solche, die keine Einfriedigung besaßen, oder nach den. Chausseen, die mit Obstbäumen bepflanzt waren. Was an reifen Früchten am Boden lag, nahm man mit; das war erlaubt. Ich erinnere mich, daß damals nach einem nächt⸗ lichen Sturme der Feldschütz uns Jungen sogar aufforderte, mit einem Kinderwagen nach der Klein-Lindener Chaussee zu fahren und die heruntergefallenen Aepfel zu holen, was wir uns natürlich nicht zweimal sagen ließen. Im Handumdrehen war das Jahr⸗ zeug beschafft. Einige setzten sich hinein, und die anderen wurden vorgespannt, und mit Hussa ging's den Seltersweg und die Frankfurter Straße hinauf. Bei einem der infolge des Appetits nach frischem Obst unternommenen Gänge, dies⸗ mal nach der Luthereiche, fanden wir den Hüter der Gärten und Felder, den Flur⸗ schützen Völker, unter einem Apfelbaume auf dem Boden sitzend, in tiefem Schlafe vor. Die Müdigkeit, der Sonnenbrand und was sonst noch, hatten ihn übermannt. Er lehnte mit dem Rücken an den Baumstamm, und der Kopf hing auf der Brust. Die verwitterte grüne Mütze und die Pfeife lagen neben dem Schläfer im Gras, die Hände hatte er über seinen Stock gefaltet. Unser Entschluß, ein⸗ mal nach den Aepfeln bei der Luthereiche zu sehen, war auf dem Elefantenplätzchen ge⸗ faßt worden, woselbst wir, jeder mit einem Seilchen ausgerüstet, an dem bereits mehr⸗ fach erwähnten Mauerüberrest des abgebro⸗ chenen alten Schlachthofes„Feuerwehr“ ge⸗ spielt hatten. Die Seilchen stammten vom Kaufmann Bieler, dessen Zuckerhüte damit umwunden waren, damit das blaue Papier. welches diese umgab, einen Halt hatte. Wir hätten uns nun Ungestört die herumliegenden Aepfel auflesen können, aber dem, bei den Buben in keinem guten Geruch stehenden Feldschützen mußte ein Schabernack gespielt werden. Wir banden unsere Seilchen eins an das andere, so daß eine lange Leine ent⸗ stand und wickelten diese zu einem Knäuel zusammen. Das Ende wurde an ein in der Nähe stehendes Bäumchen befestigt, dann schlich einer mit dem Knäuel vorsichtig und in respektvoller Entfernung um den friedlich und hörbar Schlummernden herum, ihn und den Baumstamm lose einwickelnd. Die ganze Ge⸗ sellschaft sah aus der Nähe dem gewagten Treiben zu und platzte bald vor Vergnügen. Das ganze Seil gelangte zur Verwendung. Das Ende wurde dann an das gleiche Bäum⸗ a* n gebunden, an welchem das andere Ende befestigt war. Nun zogen sich die Jungen auf einige Entfernung zurück und warfen mit Aepfeln nach dem Angebundenen, der an⸗ fangs schlaftrunken auf die Geschosse nicht besonders reagierte. Erst als diese salven⸗ weise auf ihn prasselten, sperrte er erschrocken die Augen auf und sah die Bescherung. Er riß und zerrte an seinen Fesseln, aber sie hielten stand. Da zog er das Messer heraus und fing zu säbeln an, was aber, da er min⸗ destens zwanzigmal schneiden mußte, bis er Luft bekam, nicht so rasch von dem gewünsch⸗ ten Erfolg begleitet war. Dabei fluchte und drohte er. Wir sahen so lange zu, als es rät⸗ lich schien, schnitten Fratzen und streckten die Zunge heraus. Aber nun war es Zeit, daß wir uns aus den Aesten machten. Wir liefen, als ob der Leibhaftige hinter uns her wäre, der kleine Feldschütz 50 Meter hinterdrein; er warf seine Beine durcheinander wie ein Jongleur und rief uns drohend zu, stehen zu bleiben, sonst gehe es uns schlecht. Aber damit kam er gerade bei uns an die rechten; so verbohrt waren wir nun doch nicht, einer sol⸗ chen Aufforderung Folge zu leisten und so sausten wir die Grünberger Straße hinunter. Die Leute blieben stehen und lachten Schließ⸗ lich warf unser Verfolger seinen Stock noch nach uns, und das war unsere Rettung. Einer hob ihn schnell auf und schleuderte ihn über die Böschung auf, die Wiesen hinunter, so weit er konnte. Völker brach seinen Lauf ab und holte sich seinen Stock wieder, denn die⸗ sen konnte er nicht entbehren. Wir brauchten nun nicht mehr zu laufen. Wir gingen daher im Schritt weiter und gaben dabei unserer Freude Ausdruck, so fein durchgekommen zu sein, denn mit Völker war nicht gut Kirschen essen. Er hätte uns gehörig verprügelt, wenn wir ihm in die Hände gefallen wären. Da, wo sich jetzt der Ludwigsplatz befindet, machten wir Halt und warteten, bis er wieder, weit unten, die Böschung heraufgekrochen und auf der Chaussee erschienen war. Er drohte noch einmal mit geschwungenem Stock, wir ant⸗ worteten mit einem höhnischen Geheul, mach⸗ ten uns aber nun doch so schnell wie möglich unsichtbar. Von Folgen war dieses Erlebnis glücklicherweise nicht begleitet. Mit dieser kleinen Episode bin ich den Er⸗ eignissen etwas vorausgeeilt, denn sie fiel in eine etwas spätere Zeit. Das gleiche gilt auch von dem folgenden Erlebnis: Eines Nachmittags begegnete ich den um einige Jahre älteren Gießener Jungen E. N. und Chr. V. auf dem Wege, welcher nach der Lahn führt und an dessen Ende heute sich das Elektrizitätswerk befindet. Sie kamen vom Baden und waren damit beschäftigt, sich von einem in der Gartenhecke stehenden nicht sehr dicken, aber ziemlich hohen Birn⸗ baum durch Steinwürfe Birnen herunter⸗ zuholen, aber ohne greifbaren Erfolg. Da kam ich in Sicht.„Du,“ sagte N. zu mir, „du kannst emal auf den Baum klettern und zissele; dein Teil hewe mer der auf, bis du widder hunne bist!“ Da ich mich weigerte, sagten sie, der Baum sei herrenlos, denn er stände ja in der Hecke auf der Grenze und gehöre daher niemandem. Das genügte, um mein Bedenken zu beseitigen. Sie hoben mich über die Hecke, und ich kletterte hoch. Plötzlich sah ich auf dem nach dem Hamm führenden Wege einen Einjährig-Freiwilli⸗ gen winken und nach einer bestimmten Stelle deuten. Als ich dorthin blickte, bemerkte ich den Feldschützen Noll, welcher sich in die Hecke gedrückt hatte und die beiden Jungen beim Vorübergehen abfangen wollte Ich teilte diesen meine Beobachtung— 7 mit, infolgedessen sie wieder dahin liefen, woher sie gekommen waren, während ich, da mir die Sache nun auch nicht ganz geheuer vor- kam, möglichst rasch an dem hohen Stamme wieder herabzuklettern begann. Aber da war auch schon der Schütz da!„Was machst du da? Wie heißt du?“ fragte er mich barsch. „Mach' emal, daß du sofort herunner kömmst!“ Das tat ich nun nicht, kletterte vielmehr empor und setzte mich auf einen der Aeste. Mir war's natürlich gar nicht geheuer zu Mute.„Soll' ich dir vielleicht helfe?!“ schrie er und drohte mit dem Stock. Ich rief herunter, der Baum gehöre doch niemandem, was er denn mit mir wolle.„Ich werd' der's weise, wem der Baum gehört, du Birnstripper, du!“ rief er, immer fuchtiger werdend, weil ich keine Anstalten machte, herunterzukommen. Ich entschuldigte mich damit, daß meine beiden Kameraden gesagt hätten, der Baum stehe auf der Grenze und gehöre daher nieman⸗ dem.„Wer sind die zwei, die fortgelaufen sind?“ tönte es nach oben.„Das sag' ich net“, gab ich zur Antwort.„Wenn du 4 nennst schreib' ich dich net auf“, fing Noll nun zu unterhandeln an. Der Einjährige war mitt⸗ lerweile herbeigekommen und sagte:„Wie können Sie sich unterstehen, den Bub zu, einem Verrat an seinen Kameraden zu ver⸗ leiten.“ Mir rief er zu:„Sage nichts, Klei⸗ ner; das tut man nicht!“„Nein“, sagte ich und saß bekümmert auf meinem Ast. Nach und nach waren noch mehr Leute gekommen, die zum Teil ein gutes Wort für mich einlegten. Aber keiner verriet mich, obgleich sicher einer oder der andere dabei war, der mich kannte, besonders unter den dabei stehenden Buben. Es imponierte ihnen allen, daß ich meine Freunde nicht verriet, trotzdem ich frei ausgehen sollte. Ich sah ganz deutlich, daß der Einjährige bemüht war, den Schütz im Wortwechsel von der Stelle wegzulocken. Es gelang auch anschei⸗ nend, und ich fing wieder an, von dem Ast an dem Stamm herunter zu rutschen. Da sah sich aber Noll um, kam schnell wieder her⸗ beigelaufen, und ich kletterte natürlich wieder hoch. Ich hätte mich ja wohl rasch an dem Stamm heruntergleiten lassen und fortlaufen können, aber die Hecke! In dieser wäre ich — 119— zweifellos stecken geblieben. Also hieß es, sich in Geduld fassen. Der Einjährige gab mir durch Zeichen zu verstehen, ich möge nur sitzen bleiben, er halte sich in der Nähe auf. So saß ich eine volle Stunde da oben. Alle Versuche, die Namen herauszulocken, scheiterten. Plötzlich hörte die Belagerung auf. Schütz Noll hatte etwas Verdächtiges vorn in einem der Gärten bemerkt und schlich, sich hinter der Hecke bückend, den Weg entlang. Im Nu war ich vom Baume heruntergerutscht, arbeitete mich aus der Hecke heraus und lief, was ich laufen konnte. nach der Lahn zu. Wie ich später hörte, waren es N. und V., die auf Veranlassung des Einjährigen eine fingierte Gartenattacke inszeniert hatten, um den Schütz von mir wegzulocken. Als dieser am Wegeck erschien, nahmen sie Reißaus. Noll wird ein ent⸗ täuschtes Gesicht gemacht haben, als er, zurückkehrend, den Vogel ausgeflogen fand. Uebrigens ereilte meine Befreier später, fast an der gleichen Stelle, doch die Hand der Nemesis. Zufällig war ich auch dabei. Sie hatten nämlich irgendwo eine Pistole auf⸗ gegabelt, sich Pulver verschafft und schossen nun damit in die Luft. Mir reichten sie sie auch, aber ich wollte nichts davon wissen, denn ich hatte noch sie zuvor so ein Ding in Händen gehabt. Sie höhnten mich, weil ich mich so zimperlich anstellte.„Mer mache kein' Stoppe drauf; da merkste gar nix, wenn de losdrickst. Wenn de Angst vorm Knall hast, guck doch en annern Weg.“ Aber ich blieb standhaft, und so schossen sie allein. vielleicht drei- bis viermal und stets an der gleichen Stelle, denn da schien es ihnen am sichersten. Aber das alles hatte Schütz Noll, der wie damals und vielleicht auch heute noch üblich, in der Hecke verborgen stand und die Sache an sich herankommen ließ, gehört und beobachtet. Als wir nichts⸗ ahnend an ihm vorüberschlenderten, sprang er zu unserem heillosen Schrecken hervor und faßte die beiden. Ich lief fort. Er rief mir aber nach, ich brauche nicht durch⸗ zugehen, ich habe ja nichts gemacht. Ich dachte aber„gut ist gut und besser ist besser“ und sah mir lieber die Sache aus der Ferne an. (Fortsetzung folgt.) Uirchenfrevel in Riga. Von den Evangelischen Rigas geht uns folgender, von uns etwas gekürzter Hilferuf mit der Bitte um möglichste Verbreitung zu: An die evangelischen Glaubens- genossen! „In Riga, dem alten Wetterwinkel Nord⸗ osteuropas, hat ein neuer Kampf begonnen, von dem wir allen Evangelischen der Welt Kunde bringen wollen. Unsere Geschichte ist eine Kette harter Kämpfe gewesen. Jesuitische Unduldsamkeit, — 120— orthodoxe(griechisch-katholischeh Verfol⸗ gungswut haben uns schwer bedrängt. Das größte Opfer forderte Gott von uns, als er unter bolschewistischem 1 unsere Kirche mit Märthyrerherrlichkeit schmückte. Nun ist, nach allem Wechsel historischer Geschicke, Riga die Hauptstadt des neuen Staates Latwija(Lettland), einer demo⸗ kratischen Republik, geworden. Zu diesem Staat ist, außer dem evangelischen Süd⸗ livbland und evangelischen Kurland, auch das katholische Lettgallen gekommen. Die Regierung des Landes, die in der Volks⸗ vertretung nur über eine schwache Majorität verfügte, brauchte die Unterstützung der katholischen Lettgaller. Diese zu gewähren, erklärten sich aber die Lettgaller nur be⸗ reit, wenn ihnen für ihr neugegründetes katholisches Erzbistum eine Kathedralkirche in Riga gegeben würde. Hierzu will ihnen die Regierung unsere evangelisch⸗lutherische St. Jakobikirche überantworten. Die St. Jakobikirche, im 13 Jahrhundert erbaut, hat, als eine der ersten, schon im Jahre 1522 ihre Tore dem Evangelium nach Luthers Lehre geöffnet. Zeitweilig unter der polnischen Gewaltherrschaft, mußte sie zwar den Jesuiten ausgeliefert werden. Aber als König Gustav Adolf im Jahre 1621 Riga befreite, hat er auch die St. Jakobi⸗ kirche uns Lutheranern zurückgegeben. Und seitdem ist sie nun dret Jahrhunderte hin⸗ durch unangetastet der Verkündigung des Evangeliums nach Luthers Lehre geweiht gewesen. Als Riga aus der schwedischen in russische Herrschaft überging, ist in der Kapi⸗ tulationsakte von 1710 und im Nystädter Frieden von 1721 von Zar Peter dem Großen das unverbrüchliche Versprechen ge— geben worden, daß, gleich den andern evan⸗ gelischen Kirchen Rigas, auch die St. Ja⸗ kobikirche nie der evangelisch-lutherischen Be⸗ völkerung entzogen werden dürfe. Diese völkerrechtlichen Verträge sind in die russi⸗ schen Staatsgesetze aufgenommen, welche nach einem vom lettländischen Volks rate 1919 erlassenen Gesetze, auch jetzt noch in Kraft sind. Das Recht der St. Jakobi⸗ Gemeinde auf ihre Kirche steht daher un⸗ zweifelhaft fest. Und wenn jetzt die lettlän⸗ dische Regierung, um sich die politischen Stimmen der Katholiken zu erkaufen, daran denkt, uns unser Gotteshaus zu entreißen, so wäre dies der schwerste Rechtsbruch und Gewaltakt. Wie ein Mann hat sich unsere Jakobi⸗ Gemeinde dagegen erhoben. Bei dem jetzigen Kabinettswechsel ist dennoch den Lettgallern die Uebergabe der St. Jakobikirche wiederum zugesagt worden. Unsere Gemeinde hat ihren Protest dagegen aufs allerentschiesenste wiederholt, aber ebenso erfolglos. So wendet sich nun die deutsche evan⸗ gelisch⸗lutherische St. Jakobi⸗Gemeinde zu Riga an alle Glaubensgenossen. Wir wollen uns getragen wissen von der evangelischen Kirche aller Völker, denn mit uns wiro die ganze evangelische Kirche angegriffen und verhöhnt. Und wenn wir das nicht dulden, o dürft auch ihr, Evangelische aller Län⸗ r, es nicht dulden. Der Schlag gegen uns ist auch ein Schlag Hebes euch, denn wir sind Glieder eines Leibes. Laßt uns in unsrem Kampfe nicht allein! Tut was ihr könnt! Stärkt uns, stützt uns, erhebt mit uns und für uns eure Stimme, damit sie erschalle als die eine Stimme unserer gan⸗ zen evangelischen Kirche! Protestiert mit uns, daß sich ein weltlich Regiment findet, daß eine evangelische Gemeinde mitten im Frieden rechtlos und heimatlos machen mill, seine Hand an fremdes Eigentum und noch dazu an ein christliches Gotteshaus legt, um es zum Objekt eines politischen Schacher⸗ handels zu entwürdigen!“ Max von Radecki, Präsident des Kirchenrats der St. Jakobi⸗ Gemeinde. Riga, den 17. Juni 1921. Uleine Mitteilungen. Zur Erinnerung an die Einweihung der Stadtkirche wird Sonntag, 31. Juli, nicht etwa nur in der Stadtkirche, sondern auch in der Johanneskirche ein Festgottes⸗ dienst gehalten werden; denn die Stadtkirche hat selbstverständlich auch für die Glieder der Lukas⸗ und Johannesgemeinde Be⸗ deutung. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 24. Juli, 9. nach Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarr⸗ assistent Ramge.— Pormittags 9½ Uhr: Pfarrer Becker.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfarrer Becker. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrer Bech⸗ tolsheimer.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 11 Uhr: Kinder⸗ kirche für die Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld. a * Wartburg⸗ Verein. Sonntag den 24. Juli: Frühwanderung der Mädchenabteilung mit Waldandacht. Nachmittags 2 Uhr: Spielen der männlichen Abteilung auf dem Trieb. Abends 8 Uhr: Vortrag über die Geschichte des Gleibergs. (Pfarrer Becker.) Musikalische Darbietungen. Verantwortlich: Pfarrer Bechtolsheimer. Druck und Verlag der Brühfschen Unwersitäts⸗Buch⸗ und Steindruckeres R. Lange, Gießen