4 . 9 6* 0 2 Nr. 43 Gießen, 22. Sonnt. n. Trinitatis, den 23. Oktober 921 * 7 onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen 10. Jahrg. Der herbst. Jes. 40, 8. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. Milde Oktobersonne lagerte über dem Park, den ich durchschritt, und spielte mit seinem Buntblätterschmuck. Vor einem Ro⸗ senstrauch stehend kam mir ein Lied Karl Gerocks in den Sinn: „Müder Glanz der Sonne! Blasses Him⸗ melblau! Von verklungner Wonne n still die Au. An der letzten Rose löset lebenssatt Sich das letzte, lose, bleiche Blumenblatt. Güldenes Entfärben schleicht sich durch den Hain; Auch Vergehn und Sterben deucht mir süß zu sein.“ Die Erfahrung bestätigt, daß viele Men⸗ schen im Herbst tiefe Wehmut beschleicht, bei manchem steigert sie sich zur Melan⸗ cholie. Ich gehöre nicht zu ihnen. Den Herbst liebe ich, wie ich den Frühling liebe. Aber wenn der Lenz mein Herz aufjubeln läßt, weissagt der Herbst meiner Seele von einem ewigen Lenz, denn alles Irdische ist nur ein Gleichnis. Während ich das be⸗ dachte und rote Blätter vom Baum nieder⸗ fielen, haftete mein Auge an einem Rho⸗ dodendronstrauch. Aus seinem Laubgezweig streckten sich schon junge grüne Blumen- knospen der Sonne entgegen. Ueber ihnen neigte sich eine Haselnußstaude mit ent⸗ blätterten Zweigen. Aber siehe, sie waren schon mit zarten Kätzchenknospen übersät. Wenn der Schnee geschmolzen, in wenig Monden, werden sie ihre feinen kleinen Kelche öffnen, der reifen Frucht entgegen⸗ harrend. Die Frucht entscheidet, so lautet des Herbstes Lehre. Sorgen wir Menschen nur dafür, daß während des Daseins Som⸗ mer das Ewige in uns Samenkörner heran⸗ reifen lasse für ein Leben in Ewigkeit. Das ist doch unsere eigentliche Sehnsucht und darauf kommt es doch einzig an in allem Sturm und Drang der Zeit. Während frischer Herbsthauch meine Stirn umwehte, gedachte ich eines anderen Herbst⸗ liedes, das Martin Boelitz gesungen, und das mit den Worten schließt: „Ich weiß, ich finde meinen Ort, und läg' er noch so weit; Und wogte zwischen hier und dort das Meer der Ewigkeit, Mein dunkler Nachen trüg' mich doch bis vor die fremde Stadt, Wo alles Ruhe hat.“ at- Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vocigen, Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) So gesund und empfehlenswert auch das Baden für uns war, einen Fehler hatte es doch. Trotz eines mächtigen Stückes Brot, welches jeder von uns mit in die Badranstalt nahm, kamen wir jedesmal mit einem Jäh⸗ hunger heim und da es nicht Sitte war, wenigstens in unserer Familie nicht, zu jeder Zeit den Küchenschrank revidieren zu dürfen, so war es eine harte Geduldsprobe, bis zum Abendessen warten zu müssen, bei dem man auch noch obendrein langsam tun mußte, wenn man nicht unangenehm auffallen und als ein„Allmein“ erscheinen wollte. Im Schwimmen wurden wir mit der Zeit tüchtige Kerle, auch der Sprung ins Wasser vervollkommnete sich. Fast jeder von uns konnte auf den Händen laufen, und diesem Vorzug, bei dem ich mancherlei, nament⸗ lich eine Anzahl Taschenmesser, einbüßte, benutzten wir, um„unnerscht de owerscht“ über das Sprungbrett zu marschieren, und uns an dessen Ende im Ueberschlag ins Wasser plumpsen zu lassen. Dabei blieb es aber nicht. Wir lernten auch den Salto vorwärts und rückwärts, und es gewährte einen hübschen Anblick, wenn ein halbes Dutzend von uns, einer nach dem anderen, sich in der Luft überschlagend, ins Wasser sprang. Die alten Herren sahen diesem Trei⸗ ben behaglich schmunzelnd zu.„Ja,“ sagten sie,„mir Gießer sin nu eimal gelenkiger wie annere!“ So unrecht hatten sie damit nicht, denn die Gießener Turner beispiels⸗ weise haben damals, man kann sagen tot⸗ sicher, viele Jahre hindurch regelmäßig die ersten Preise auf den Turnfesten geholt. Es gab aber auch nichts von mit der Gymna⸗ stik in Verbindung stehenden Institutionen oder Schaustellungen, die nicht im Spiel nachgeahmt wurden. Wir spielten„Feuer- wehr“ und kletterten dabei, wer weiß, wo überall hinauf, wir kopierten die Jong leure und Schlangenmenschen von den Jahr — 170— märkten, und als der Seiltänzer Franz Knie im Jahre 1866 auf dem hohen Seil, wel⸗ ches an einem der kleinen jetzt verschwun⸗ denen Häuschen auf dem Brand nach dem Gauploch in der Giebelwand des Zeughauses (Alte Kaserne) gespannt war, seine Groß⸗ mutter, eine lebensgroße Puppe, einmal auf dem Rücken, ein andermal auf einem Schub⸗ karren hinauf- und zurückschleppte, da war der junge Seiltänzer nicht nur der Held des Tages, sondern auch unser Ideal. Wir belagerten seinen Wohnwagen, und die gro⸗ ßen Buben schlossen Freundschaft mit ihm. Es stand fest, daß die meisten von uns der⸗ einst Seiltänzer werden wollten, darum ta⸗ ten wir uns zusammen und begannen daheim im Höfchen auf einer Stange einstweilen mit den Vorübungen, allerdings mit einem un⸗ beabsichtigten Erfolg, denn als mein um zwei Jahre älterer Freund Christian Reiber an die Reihe kam, fiel er herunter und brach den Arm. Das war unangenehm, aber nicht zu ändern. Daß er aber, als zwei Tage später die preußischen Husaren morgens um 8 Uhr einrückten und die Straßen besetzten, um den bis nachmittags 2 Uhr währenden Durchmarsch anderer preußischer Truppen⸗ teile zu sichern, nicht dabei sein und zwi⸗ schen ihnen herumlaufen konnte, das war für ihn bitter, sehr bitter. Dieses Unglück hat er, wie er mir kürzlich sagte, heute noch nicht verschmerzt. Franz Knie, fast selbst noch ein Junge, war nochmals in Gießen, und es schien, als ob er gern hierher käme. Das erste Mal pro⸗ duzierte er sich— man denke!— auf dem Kreuz. Das Seil lief von dem ehemals Käßschen(jetzt Hornschen) Hause hinauf nach dem hohen Mettenheimerschen(früher Münchschen) Giebelhause. Als der schon ein⸗ mal in diesem Aufsatz erwähnte Makler Elias Maier das Seil sah, war es ihm an⸗ scheinend nicht hoch genug, denn er sagte geringschätzig:„Iwwer dem Sail laaf ich aach!“ Diesen Ausspruch hat er noch manch⸗ mal hören müssen, denn, wenn der gut⸗ mütige, behäbige Mann mit seinem immer freundlichen Gesichte für uns Buben auf dem Kreuz in Sicht kam, verschwanden wir hin⸗ ter der Mauer und warteten, bis er am Käßschen Hause angelangt war. Dann zähl⸗ ten wir eins, zwei, drei, und die ganze Ge⸗ sellschaft schrie unisono:„Eli—aaaas!“ Blieb er dann stehen, so riefen wir:„Iw⸗ wer dem Sail laaf ich aach!“„Schmus,“ sagte er,„soll ich mer ärjern; es leit mer uff!“ und ging weiter Das Jahr 1866 hat den Gießenern man⸗ cherlei Aufregung, Lasten und Unannehm⸗ lichkeiten gebracht; durch den Durchzug von dick Freund und Feind auch tagtäglich Abwechs⸗ lungen aller Art. Darauf näher einzugehen, erübrigt sich, denn Herr Georg Todt hat vor zwei Jahren in anschaulicher Weise das Kriegstreiben in unserer Stadt im„Sonn⸗ tagsgruß“ geschildert. Wir Buben sahen die Sache an, wie eine angenehme Unter⸗ haltung, wenngleich der Tritt, mit dem mich einmal ein preußischer Infanterist in der Kühgasse(jetzt Wettergasse) traktierte⸗ nicht gerade als eine solche bezeichnet werden kann. Wie das wohl überall, wo der Säbel rasselt, der Fall ist, so spielte auch hier in Gießen die Jugend„Soldätches“. Der alte Eisner, derselbe, welcher mir den Abzug in seinem Kellerloch verabreicht hatte, hatte den Kreuzer Buben schön gehobelte Stangen als Gewehre, hübsche hölzerne Säbel und auch einen kleinen vierräderigen Munitions⸗ wagen, den sein Pudel, der„Lattusch“, ziehen mußte, anfertigen lassen. Unsere Burg war in der Nähe des Wetzlarer Wegs, über den Bahnhöfen. Diese war ein kleiner Erd⸗ hügel, der wie eine Schanze aussah. Dorthin zogen wir tagtäglich in Reih und Glied, hackten und schippten, exerzierten, standen Posten oder lagerten uns zusammen und aßen und tranken. Die Fahne wehte auf der „Burg“ und die Sappeure paßten acht, daß mit ihren hölzernen Aexten nicht gearbeitet wurde, denn diese waren nur zum Staate da. Eine richtige Trommel hatten wir auch, und mehrere Pfeifer, zu deren Verstärkung, wenn wir draußen vor der Stadt waren, die Kompagnie mitpfiff. Unser Hauptmann war Fritz Eisner. Wir vergnügten uns groß⸗ artig und bildeten uns nicht wenig darauf ein, daß wir eine wohleingerichtete Truppe waren. In dem Munitionswagen befanden sich einige überschüssige Säbel und die Fou⸗ unter dem„Hauptmann“ Bergsträßer, die rage, natürlich nur auf dem Hinweg. Auf dem Seltersweg bestand eine andere Truppe aber in ihrer Ausrüstung an die unsrige nicht heranreichte. Wir standen aber mit ihr, wie dies unter den Truppenteilen einer Nation selbstverständlich war, in einem ach⸗ tungsvollen Verhältnis. Marschierten wir auf der Frankfurter Straße zufällig anein⸗ ander vorbei, dann wurden beiderseitig die Gewehre geschultert, und die Hauptleute machten„Honneur“. Stand die eine Truppe, während die andere vorbeizog, dann präsen⸗ tierte die erstere. Sonst machten wir aber nichts miteinander. Für die Preußen hatten wir natürlich nichts übrig. Das beruhte in einer traditionellen Gegenseitigkeit. Wie wir Jun unser Verhältnis zu allem, was preußisch hieß, auffaßten, ging aus den nichts weniger wie schmeichelhaften Adjek⸗ tiven hervor, mit welchen das Wort„Preuß“ in Verbindung gebracht wurde. In der Franzeschul hatten wir einmal Eigenschafts⸗ wörter aufzuschreiben, die in einem Gegen⸗ satz zueinander standen, z. B. groß— klein, i dünn. Da hatten auch einige „preußisch— hessisch“ dabei angeführt. Von den Preußen wollten wir also nichts wissen, und es gewährte uns daher eine große Ge⸗ nugtuung, als eines Tages ein mit preußi⸗ schem Militär besetzter Eisenbahnzug an unserer Burg vorbeifuhr und wir ein über a 4 17 ie it ell, e⸗ hi⸗ alt hel n n 8 — 171— das andere Mal, natürlich auf Kommando, Salven aus unseren Holzgewehren auf den ug abgaben, zum großen Gaudium der 11. 5 die mit lachenden Gesichtern, die Pfeifen im Munde, dem mörderischen Feuer standhielten und belustigt nach uns zurück⸗ blickten, solange sie uns sehen konnten. Unser Hauptmann Fritz Eisner sagte, als sie vor⸗ beigefahren waren:„Das hat ihr gut ge⸗ macht, Leute; es is keiner davongekommen!“ (Fortsetzung folgt.) Eine Uriegsgefangenschaft im Jahre 1866. Aus den hinterlassenen Papieren des Ge⸗ heimerats Theodor Goldmann mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. (Fortsetzung.) 27. August. Ich habe mich so gefreut, als ich wieder einen Brief von Deiner Hand er⸗ hielt, aber ach, wie traurig ist sein Inhalt. Ist es denn wahr, daß unser guter, treuer Rudolph“) nicht mehr ist? Wie schrecklich *) Oberstaatsanwalt Dr. Rudolf Dietz, gestorben in Gießen am 25. August 1866, Bruder von Goldmanns Frau. für Lina und die armen Kinder, wie furcht⸗ bar hart für die alten Eltern! Und daß ich, Euer aller natürlicher Schutz, nicht bei Euch sein kann. ist mir doppelt schmerz⸗ lich.... Ich kann dermalen nicht von hier fort; jeden Tag ist meine Entlassung zu erwarten, und da kann ich nicht vorher erst noch um Beurlaubung bitten. Das Jahr 1866 ist ein hartes Jahr für uns alle; möge kein weiterer Schicksals⸗ schlag nachkommen. Seit zwei Tagen hatte ich eine trübe Ahnung und gestern, am Sonntag, war ich in einer so traurigen Stimmung, daß ich mich nicht entschließen konnte, an Dich zu schreiben, da ich Dir meinen Trübsinn nicht mitteilen wollte. Welche Teilnahme wird Rudolphs Tod in Gießen gefunden haben! 27. August. Die Sorge um Dich, um Euch alle läßt mir keine Ruhe, daß ich, nachdem kaum der in der ersten Aufregung geschriebene Brief abgeschickt ist, noch einige Zeilen schreiben muß. Der Schlag ist hart für Lina und die armen Kinder, zu hart für die Eltern, zu hart für Dich, die Du mit rührender Schwesterliebe an dem Bruder gehängt hast.... Und auch ich verliere den treuen Freund meiner Jugend, den lieben Schwager, der mit seinen Gefühlen nicht viel Worte machte, der mich aber sehr lieb hatte und mir sein Vertrauen schenkte. 29. August. Heute sind es drei Wochen, daß ich von. Dir Abschied nahm, wie wir glaubten, auf 55 Tage, und jetzt sind einundzwanzig age daraus geworden, und die neueste „Kölner Zeitung“ läßt annehmen, daß meine Rückkehr nicht so nahe ist, wie ich noch vor wenigen Tagen hoffte. Die Verhandlungen zwischen Preußen und Hessen sind noch nicht zu Ende, neue Einquartierung, welche von Baden in die Provinz Starkenburg gelegt wird, soll eine weitere Pression auf den Großherzog ausüben; was aus Sache noch werden und wie lange es dauern soll, ist nicht abzusehen.. Was liegt in den wenigen einundzwanzig Tagen für Sorgen, Alterationen, Kummer und Jammer, wie hart sind wir alle in der kurzen Zeit geprüft worden!.. 31. August. .. Den Herren Kekule und von Burk danke ich sehr für ihr freundliches Aner- bieten, in meinem Interesse zu Herrn von Patow zu gehen, allein ich muß bitten, dies zu unterlassen. Ich kann weder an den Zivil⸗ kommissär, noch an Herrn von Patow, noch an das preußische Ministerium eine Bitte richten lassen oder selbst richten, da ich deren Befugnis, über meine Person zu verfügen, nicht anerkennen darf. Zudem ist es eine Ehrensache für mich, nur dann nach Gießen zurückzukehren, wenn die Tätigkeit des Zivil⸗ kommissärs in Oberhessen eingestellt ist und ich meinen Dienst wieder übernehmen kann. Als ein durch einen Gewaltakt des Kom⸗ missärs suspendierter großherzoglich hessi⸗ scher Beamter kann ich nicht in Gießen herumgehen. Ueberdies ist ja glücklicherweise meine Anwesenheit in Gießen nicht so drin⸗ gend nötig, daß wir nicht die Entwicklung der Sache ruhig abwarten könnten... Wenn ich auch meine, ich müßte zu Dir fliegen, so bleibt doch kein anderer Weg, als still⸗ halten. Was dem gedeihlichen Fortgang der Friedensunterhandlungen im Wege steht, kann man nicht wissen; was darüber die preußischen Zeitungen, insbesondere die „Kölner“, berichten, hat wohl nicht unbe⸗ dingten Anspruch auf Glaubwürdigkeit; ich denke, der Großherzog und Herr von Dal⸗ wigk wissen, wie weit sie zu gehen haben, und daß weder von Rußland noch von Eng⸗ land Hilfe zu erwarten ist.... Heute morgen sechs Uhr sind die bayeri⸗ schen Kriegsgefangenen unter Jubel und Gesang zur Eisenbahn, um in die Heimat transportiert zu werden. Hätte ich doch auch fortreisen dürfen. 1. September. Heute ist so herrliches Wetter, ich habe schon einen zweistündigen Spaziergang ge— macht, kurze Zeit am Rhein gesessen und das Dampfboot und die Wolken, die Vögel be⸗ neidet; sie konnten rheinaufwärts ziehen, und ich muß einsam da sitzen, kann nicht fort dahin, wohin mein Herz mich zieht, wo ich als Beamter wirken, als Mann glücklich — 172— sein müßte. Geduld, mein Herz, die Stunde der Erlösung muß bald schlagen, Ich habe mich gestern fürchterlich geärgert, als ich las, daß aus Gießen eine Adresse an den König von Preußen gekommen sei, worin um Annexion von Oberhessen oder mindestens von Gießen gebeten wird. Die Schufte, die so wenig Anhänglichkeit an ihren Regenten haben, daß sie so etwas unterschreiben konnten, sind zugleich dumme Esel, die nicht einsehen, daß das Interesse von Gießen entschieden für ein Verbleiben bei dem Großherzogtum spricht. Die Men⸗ schen sind schrecklich charakterlos. 5. September. Gestern abend erhielt ich einen Brief von dem Vater, worin dieser schreibt, daß nach sicheren Nachrichten der Friedensvertrag am 1. September(Samstag) unterschrieben wor⸗ den sei. Ich glaube es noch nicht, bis ich die Nachricht offiziell in den Zeitungen lese.— Wenn es übrigens wahr ist, so könnte die Ratifikation des Großherzogs wohl bis mor- gen oder übermorgen in Berlin eintreffen; ehe diese Ratifikation eingetroffen ist, gibt man mich sicherlich nicht frei, meine Ent⸗ lassung kann also vor Sonntag oder Montag kaum hier einlangen, und es wäre sonach, vorausgesetzt, daß die Nachricht vom Ab⸗ schluß des Friedensvertrags wirklich be⸗ gründet ist, meine Ankunft in Gießen etwa am Dienstag zu erwarten.... Seit Sonntag nachmittag ist das Wetter wieder sehr schlecht so daß man kaum eine halbe Stunde zu einem Spaziergang heraus⸗ stehlen kann.(Schluß folgt.) vom Leiden. Das Beste nächst Gott ist das Leid, weil es dich am nächsten zu Gott hinbringt. (Meister Eckhart.) Sehen wir um uns mit Augen, die durch den Ernst des Lebens zum Schauen gelangt sind, die gelernt haben, nicht über vieles gleichgültig hinweg zu sehen, sondern in die Tiefe zu dringen, so wird uns klar werden, wie viel Ursache wir haben, täglich und stündlich Gott Dank zu sagen, selbst für manches Schwere. Denn das, was wir sehen an anderen, und was in weiter Ferne ge⸗ schieht, also nur von unserem geistigen Auge geschaut werden kann, zeigt oftmals ein solches Uebermaß von Leiden, von Ent⸗ behrungen und Trübsal, daß wir gern möch⸗ ten unsere Augen schließen und uns ab⸗ wenden von einem Elend, das wir doch nicht zu beheben oder nur zu mildern im⸗ stande sind! Aber wir wissen und sind zu der Ueber⸗ zeugung gelangt, daß unser Leben nur dann von Wert ist, wenn wir es so viel wie möglich in den Dienst unserer Nebenmen⸗ schen zu stellen bemüht sind, wenn wir ver⸗ suchen, Liebe zu üben. Dabei müssen wir im Kleinen anfangen, wir brauchen gar nicht gleich mit großen Taten zu beginnen, wir könnten leicht dadurch in Gefahr kom⸗ men das Nächstliegende zu übersehen, und gerade dies ist so wichtig. Sehen wir nicht oft hungernde, einsame Kinder in den Stra⸗ ßen? Ich glaube, daß deren Leiden oft größer sind, als wir es uns vorstellen können. Können wir nicht versuchen, ihnen eine frohe Stunde zu machen, nur mit Wenigem? Ich glaube, wir können das unendlich große Maß der Leiden, das auf der Erdenwelt ruht, etwas erleichtern, wenn wir streben, an jedem Tage irgend jemand eine kleine Freude zu machen. Gewiß sind dies nur Atome, aber eines reiht sich an das andere, und es kann daraus ein Segen wer⸗ den, reicher und tiefer, weil es in der Stille geschieht. Unser eigenes Leid erscheint uns leichter zu tragen, wenn wir das anderer mittragen helfen, und unsre Seele wird stiller, freier, 155 oftmals fröhlicher werden, sicherlich dank⸗ arer. Ein gläubiger Mann sagt: Frei, innerlich frei und glücklich kann heute nur der sein, der alles zu tragen bereit ist und still und fröhlich das, was bleibt, aus Vaterhänden empfängt. Baronin R. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 23. Okt., 22. nach Trinitatis. Kollekte für Oppau. In der Stadtkirche. Vormittags 9⅛ Uhr Pfarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Abends 6 Uhr: Pfarrer Becker.— Montag den 24. Okt., abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. — Donnerstag, den 27. Okt., abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 9½ Uhr, Pfarrassistent Müller.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 6 Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Abends 8 Uhr: Büibelbespre⸗ chung im Johannessaal: Pfarrer Adolph.— Montag, den 24. Okt., abends 7 Uhr: Jugendvereinigung der Lukasgemeinde (weibliche Abteilung).— Freitag, den 28. Oktober, abends 6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten Mädchen der Johannes⸗ gemeinde. 5 Wartburgverein. Sonntag, den 23. Oktober: Stiftungsfest. 9¼ Uhr Kirchgang(Stadtkirche), Abends 7 Uhr in der Turnhalle: Familienabend. Konzert-, Theater- und Turnaufführungen. Kartenausgabe nur an Mitglieder und ihre Angehörige. Eintrittspreis pro Person 3 M. Evang. Arbeiter verein. Siehe Wartburgverein. Berantwortlich: Pfarrer Bechtols heimer Fruck und Verlag der Brühl'schen Unsversitäts⸗Buch⸗ und Steindruckere N. Lange, Gießen