25 onntagsgruß Gemeindeblatt fuͤr die evan gelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 4 Gießen, Septuagesimae, den 23. Januar 1921 10. Jahrg. Vom christlichen Religionsunterricht. 2. Mose 18, 20. Stelle ihnen Rechte und Gesetze, daß du sie lehrest den Weg, darin sie wandeln sollen. An unserer Jugenderziehung entscheidet sich unsere ganze Zukunft. Wenn wir glau— ben, wir müßten die Jugend möglichst sich ausleben lassen, müßten ihren Neigungen und Wünschen möglichst nachgeben, so sind wir auf falschem Wege. Das ist aber eine Hauptforderung der ganz modernen Er⸗ ziehungsweisheit, daß der Jugend„ihr Recht werde“. Sie auch ay die Pflichten zu erinnern und sie den harten Weg zu weisen, der zu ihrer Erfüllung als einer Selbstverständlichkeit führt, das gilt als un— modern. Und weil die Religion den Men⸗ schen zu seinen höheren und höchsten Pflich ten weist, darum ist diese Lehre den Er⸗ 48 von heute so unbequem, Darum fort mit der Religion aus der Schule! An ihrer Stelle fordert man als vermeintlichen Ersaz den Moralunterricht. Wo bisher Gottes Wort mit seinen unwandelbaren Sätzen von Pflichtgeboten und Lebens— grundwahrheiten gegolten hatte, da soll nun mehr menschliche Weisheit, die sich nach der Mode des Tages richtet und den Launen des Pöbels, den Schwächen und Leidenschaften der menschlichen Seele schmeichelt alleinige Geltung gewinnen. Wollte man nur mit ehrlichem Willen an das heilige Amt der Erziehung herantreten, wo es in erster Linie gilt, das Land der Seele zu bearbei— ten und nicht bloß im Gehirn des Schülers Wissen anzuhäufen, so würde man finden, daß das harte Pflichtgebot auch bei den weltlichen Morallehrern aller Zeiten obenan steht, daß stets unser Volk, wenn es von der Höhe herabgesunken war, durch die Be⸗ herzigung der Mahnung wieder emvporge— kommen ist, die vor mehr als 100 Jahren einer unserer Führer zum Wiederausstieg, 3 Gneisenau, in die Worte gekleidet at: „Begeistere du das menschliche Geschlecht Für seine Pflicht zuerst, dann für sein Recht!“ Die Kraft zu solcher Pflichterfüllung und Selbstbeherrschung gegenüber den Ver—⸗ suchungen des Lebens kann der Mensch und ganz besonders der junge, vielfach halt— lose Mensch nur aus Gott gewinnen, dem Urquell aller sittlichen Kräfte. Und darum ist es ein Verbrechen an unserm Volk, zumal jetzt in seiner schwersten Zeit, ihm — diesen Quell zu verschütten. Es gibt keine dringlichere Forderung als die Erhaltung der Religion für unser Volk, für unsere Jugend. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 29. Gießener Zustände im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Als die Reformation in Hessen eingeführt wurde, hat man auch Maßregeln in Sachen der Kirchenzucht erlassen.“) Die Homberger Kirchenordnung des Jahres 1526 bestimmte, daß Gemeindeglieder, die in grobe Sünde gefallen waren, exkommuniziert, d. h. von der Gemeinde getrennt werden sollten. Bei Vergehen leichterer Art erfolgte Verwar— mung. Bereute der Sünder sein Vergehen, so mußte er vor der Gemeinde sein Sünden— bekenntnis ablegen, worauf ihm die Los sprechung(Absolution) erteilt wurde. War er zu dieser„Pönitenz“ nicht zu bewegen, so wurde er exkommuniziert. Diese Zucht⸗ übung wurde den Geistlichen und den Senioren, den Vorstehern der Gemeinde, die miteinander zu dem„Seniorenkonvent“ zu- sammentraten, übertragen. Landgraf Georg der Zweite bestimmte 1629, daß die Seniorenkonvente an jedem ordentlichen Bet⸗ tage zusammentreten sollten. Zu diesen Sitz— ungen sollte stets ein weltlicher Beamter zu gezogen werden, in Gießen war dies in der Regel der Oberschultheiß. Das Verfahren be— stand zunächst darin, daß der Sünder von einem Geistlichen oder Senior ermahnt wurde. Bereute er seine Sünde, so mußte er Kirchenbuße leisten. Diese bestand darin, daß der Pönitent während eines Gottesdienstes, in der Regel während eines Abendmahls— gottesdienstes, am Altare oder unter dem Predigtstuhl stehen mußte. Hatte er dann die Frage nach seiner Sünden erkenntnis und nach seinem Vorsatz, sich zu bessern, bejaht, so sprach ihn der Geist⸗ liche los, und der Reuige durfte am heiligen Abendmahl teilnehmen. Verweigerte aber der Sünder die Kirchenbuße, so wurde die Sache den weltlichen Behörden, zunächst der Re— *) Unsere einleitenden Ausführungen gründen sich auf das Werk„Kirchenrecht der evangelischen Kirche im Großherzogtum Hes— sen“ von Karl Eger und Julius Friedrich, Darmstadt 1911. In Betracht kommt hier, was Eger in Bd. 2, 8 29 über Kirchenzucht schreibt. 9 ö 5 14 5 gierungskanzlei, sodann dem Landgrafen berichtet. Ueber die Verhandlungen der Senioren- konvente wurde genau Protokoll geführt; diese Protokolle sind heutzutage wertvolle Quellen für die Kultur- und Sittengeschichte. Das Archiv der evangelischen Kirche Gießen besitztt noch die Kirchenkonventsprotokolle von 1638 bis 1670 und von 1707 bis 1821. Leider fehlen die Protokollbücher für die Zeit vor 1638 und für die Zeit von 1671 bis 1706. Wir geben im Folgenden aus dem ältesten der noch erhaltenen Bücher einige Auszüge und zwar solche, die für die Kennt⸗ nis der alten Zeit wertvoll sind. Edles und Erfreuliches ist es gerade nicht, das wir hier kennen lernen, aber was uns diese alten Pro⸗ tokolle mitteilen, ist doch geschichtlich inter— essant. Wenn die alten Einträge mitunter recht derb und roh klingen, so bitten wir unsere Leser zu beachten, daß Worte und Bezeichnungen, die heutzutage ein gut er⸗ zogener Mensch vermeidet, in alter Zeit nicht als unanständig galten. Die Bezeichnungen, „fressen“ und„saufen“ sind von Luther in seine Bibelübersetzung herüber genommen worden und hatten in alter Zeit nichts An⸗ stößiges. Natürlich schritt der Senioren konvent nicht gegen eigentliche Verbrechen ein und gegen Vergehen, die gerichtlich bestraft wurden; er hatte es hauptsächlich zu tun mit Versäumnis des Gottesdienstes und der Abendmahlsfeier, mit Fluchen, Sonntags- entheiligung, Unmäßigkeit, mit Sünden gegen das 6. Gebot und, was für die alte Zeit sehr charakteristisch ist, mit Wahrsagen und„Zauberei“. Die in der Ueberschrift zeichnung„Im Zeitalter des Dreißigjähri— gen Krieges“ ist hier weit gefaßt, indem unsere Mitteilungen sich auf die Zeit von 1638 bis 1670 beziehen. Das in Klammern Gesetzte rührt von dem Herausgeber her. 1638. Das erste uns erhaltene Kirchenkonvents⸗ protokoll ist datiert vom 4. Mai 1638. Wir lesen da:„Hanß Rabeß von Oberweidt im Henneberger Landt ein soldat hatt mit fluchen undt unordentlichem Leben mit seiner Hausfrau Elisabethen große ärgernuß ge⸗ geben, ist eod. d.(am gleichen Tage) für⸗ gefordert und Ihm seine Sünde höchlich verwießen undt zur besserung seines Lebens angemandt worden, welcheß er zu thun versprochen.“ Ein weiterer, an dem genannten Tage verhandelter Fall betraf einen Gießener Bürger, dessen Nachkommen noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hier ge⸗ lebt haben:„Johann Rodaug Bettelvogt hatt gleicher gestalt mit seiner Hausfrauen in Zanck und Widerwillen gelebt undt böße Hendell angefangen, ist ihm untersagt undt befohlen worden, sich der Bier- und Wein⸗ k häuser zu enthalten, undt daß er seines angegebene Be⸗ Ampts warten solle, im widrigen Falle solle er seines Kirchendienstes priviert(ent⸗ setzt! werden.“ Als Bettelvogt hatte Rodaug polizeilichen Dienst zu verrichten, er hatte sein Augenmerk auf das bettelnde Gesindel, das in früheren Zeiten in dichten Scharen nach den Städten strömte, zu richten. Neben⸗ her scheint er noch Kirchendiener gewesen zu sein. Das Leben, das er führte, empfahl ihn eigentlich nicht für dieses Doppelamt. In den Protokollen des schon genannten Jahres lesen wir noch:„Den 2. November monatlich Bettages ist Hans Caspar Möl⸗ lers Kühehirts Haußfrauw vom Senioren⸗ convent citirt worden und erschienen, weil sie in 6 Jahren laut ihrem eigenen Be⸗ kenntnüß zum hl. Abentmal nicht kommen, welche sich entschuldigen wöllen wegen eines gehabten Hadders mit ihrem Schweher, hat aber verheißen sich hinfüro des Hadders zu entschlagen und das hl. Abentmal zu ge⸗ brauchen. Eodem d. ist Scheffers Berb eitirt worden, als ob sie zwischen dem Stizel⸗ fußen und seiner Hausfrau Zank erreget habe, hats aber bestendig geleugnet und ihr Gegenpart bemelten(genannten Stizelfußen und seine Frau darüber auch in praesentia zu verhören geraten und vielmehr vor⸗ gewandt, wie sie von des Stizelfußen frauen und des keysers Hausfrauen offtmal ge⸗ schendt und geschmehet worden. Darüber bemelte weiber zur reden gesezet(gestellt) werden müssen.“ In dem ersten der hier mit⸗ geteilten Fälle haben wir es mit einem ernsten Gewissensbedenken zu tun, die Frau des Hans Kaspar Möller wollte nicht am heiligen Abendmahl teilnehmen, weil sie mit einem Verwandten im Streit lebte. Offenbar schwebte der Frau die Stelle aus der Bergpredigt vor: Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfre deine Gabe. In dem zweiten Falle handelt es sich um eine ganz gewöhnliche Zänkerei. Die Kirchenvorsteher der Gegen⸗ wart können sich freuen, daß sie in solchen Sachen nicht mehr Schiedsrichter sind; denn, wenn, wie hier steht, zwei Frauen einander „geschendt“ haben, so hat der, der schlichten will, einen schweren Stand. Der Mann der einen der streitenden Frauen wird nicht mit seinem Familiennamen in das Protokoll ein⸗ getragen, sondern mit dem Namen, den er im Volksmunde hatte. Offenbar hatte er ein Holzbein. 1 5 (Fortsetzung folgt.) Am Martinsturm. Erzählung. Ihr wißt, ihr Männer— so erzählte vier oder fünf Jahre vor dem großen Welt⸗ riege an einem Herbstabend der Schreiner Martin Lorenz zu Tiefenthal in Rhein⸗ hörte einmal, daß man dort schon seit 88 hessen seinen Freunden—, daß ich bald uchtzig Jahre alt bin, ich bin im Jahre 1832 jung geworden. Das war, wie mir mein Vater⸗selig oft erzählt hat, ein unruhiges Jahr, weniger bei uns im Hessischen, als drüben in der Pfalz. Die Pfälzer Krischer haben damals viel Spektakel gemacht, und mein Vetter Christoph, der Bäcker gelernt hatte, und in Neustadt an der Haardt in Arbeit stand, hat das Hambacher Fest mit⸗ gemacht, was zur Folge hatte, daß er bei Nacht und Nebel nach Amerika gehen mußte. Ich bin aus Siefersheim gebürtig, meinem Vater sein Häuschen stand an der Weed, in der die Gänse und Enten herum⸗ plätschern. Mein Vater war Steinhauer, der schöne Sandsteinbruch zwischen Stein⸗ bockenheim und Mörsfeld, wo man über ein großes Stück der Provinz Rheinhessen hin⸗ wegsehen kann, war viele Jahre sein Eigen⸗ tum. Daheim, in seiner Werkstatt hat er die Steine fertig zugerichtet und guten Ver⸗ dienst dabei gehabt; denn, als ich ein Bub war, ist in unserer Gegend viel gebaut worden. In der französischen Zeit war das Bauen arg vernachlässigt worden, nun wur⸗ den die alten Baracken abgerissen und schöne neue Häuser gebaut. Die Kirche zu Baden⸗ heim, die Pfarrhäuser zu Freilaubersheim und Wonsheim, das Schulhaus zu Wons⸗ heim stammen alle aus dieser Zeit. In den meisten alten Schulhäusern auf den Ort⸗ schaften war früher der Schwamm, der Lehrer bekam Rheumatismus, und die Kinder husteten in einem fort, da sorgten die Herren in Mainz für bessere Schul⸗ räume. Aber mein Vater sagte immer: „Keiner von meinen Buben soll Stein⸗ hauer werden, der feine Staub setzt sich in der Lunge fest, und die Steinhauer werden nicht alt.“ So ist er auch schon mit 47 Jah- ren gestorben. Ich war kaum zehn Jahre alt, da hat mein Vater mich schon oft nach dem Stein⸗ bruch geschickt, um allerlei dort zu be⸗ sorgen. Bald mußte ich Werkzeug dorthin tragen, bald unseren Gesellen etwas aus⸗ richten. Ich machte diese Gänge gern, ob⸗ wohl ich einen Weg von einer Stunde hatte. Ich sah den Gesellen gern bei der Arbeit zu. Schon damals senkte sich der Stein⸗ bruch weit hinein in das Erdreich, ich dreihundert Jahren Sandsteine heraus⸗ geschafft hat. Ich sah zu, wie die großen Steine zu Fenstergesimsen und Grabstein⸗ platten zugehauen wurden. die feinere Aus⸗ führung erfolgte in der Werkstatt. Deshalb ging ich gern dorthin, weil unmittelbar an den Bruch der Wald angrenzt. Dort schnitt ich mir Haselstecken und ringelte sie, oder ich sammelte mir im Frühling einen Strauß Veilchen oder Maiblumen und ging wieder vergnügt nach Hause. Sonntags mußten wir Buben regelmäßig zur Kirche gehen und dem Glöckner beim Scheuerbauten el Läuten helfen. Die Siefersheimer Kirche hat bis vor wenigen Jahren den Evangeli⸗ schen und Katholiken zur gemeinsamen Be⸗ nützung gehört. Das war ärgerlich für beide Teile. Am Sonntagmorgen lauerten wir Buben, bis der katholische Gottesdienst zu Ende war. Kaum hatte der Pfarrer, der von Wöllstein kam, die Kirchtür hinter sich, so stürzten wir hinein und stellten den evan⸗ gelischen Altar auf, da die Evangelischen den Hochaltar nicht benützen durften und wollten. Wir holten in der Sakristei einen Tisch, deckten eine schwarze Decke darüber und legten die Bibel darauf. Dann ergriffen wir die Glockenstränge und läuteten„zu⸗ sammen“. Auf der Straße, vor dem Kirchhose lagen in der Regel Stämme, die zu Haus⸗ und verwendet wurden. Auf diesen Stämmen saßen am Sonntagnach⸗ mittag die alten Männer, rauchten die kurzen Pfeifen und unterhielten sich. Gern setzte ich mich zu ihnen und hörte den. interessanten Gesprächen zu. Viele waren unter den Alten, die unter dem alten Napo— leon gedient hatten: der alte Götz, der Jakob Espenschied, der Peter Sommer und der Joseph Saß. Kam der Pfarrer Böhme mit seinem kleinen weißen Spitzhund vor⸗ bei, so lüfteten sie ihre Mützen. Böhme blieb eine Weile bei ihnen stehen, sprach mit ihnen vom Wetter, von der Kornernte und von dem Stand der Wingerte und ging dann weiter. Der Pfarrer war, als er noch jünger war, als Reiter bekannt. Wenn er Sonntags auswärts Gottesdienst zu halten hatte, so legte er den Weg allemale zu Pferde zu⸗ rück; am Pfarrhaus könnt ihr heute noch den Ring sehen, an den er seinen Gaul band, wenn er nach Hause kam. Im 1846er Jahre, am zweiten Pfingst⸗ tage, bin ich mit noch sechs Buben und neun Mädchen zum Nachtmahl gegangen. Ich entsinne mich dieses Tages noch so genau, als ob es gestern gewesen wäre. Wir Konfirmanden versammelten uns im Pfarrhause, dorthin kamen auch die Kirchen— vorsteher. Diesmal konnten wir beim Läu⸗ ten natürlich nicht helfen, das besorgten die Schulknaben, die ein Jahr jünger waren. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Zu einem Familienabend, der mit vollem Recht als ein gelungener bezeichnet werden kann, hatte der Wartburgverein seine Mit⸗ glieder, die sich auch in erfreulicher Anzahl eingefunden hatten, am vorigen Sonntag in den Markussaal eingeladen. Im Mittel punkt des Abends stand der Vortrag des Herrn Pfarrers Schorlemmer-Lich:„Im Lande der Magyaren“. Der Redner, der als Feldgeistlicher in Ungarn und Rumänien tätig gewesen ist, verstand es, durch seine Darbietungen, die sich durch plastische An⸗ 16 1 9 1 —— A N schaulichkeit, lebendigen Vortrag und humor⸗ volle, liebenswürdige Einzelzüge auszeich⸗ neten, zu fesseln. Es war eine bunte, oft recht eigenartige und seltsame Welt, die da vor den Zuhörern erstand, in die sie un⸗ merklich und gleichsam wirklich eintraten, aber doch eine Welt, die ihre Besonder⸗ heiten mit gutem Recht trägt und diese auch im Nationalcharakter ihrer Bewohner wiederspiegelt. Die Pußta mit ihrem mono⸗ tonen Aussehen, der Magyare, der sie gerade darum so liebt, der überhaupt mit glühen⸗ der Verehrung an seiner Heimat hängt und auf seine 1000jährige Geschichte mit un⸗ bändigem Stolze herabsieht, der trotz allem, was jetzt über sein Vaterland gekommen, den Glauben an sein Volk und seine Lebens⸗ kraft auch in der Zukunft nicht verloren hat, die ungarische Volksseele mit ihrer selt⸗ samen Mischung von Eigenschaften, diesem kühlen Ueberlegen, diesem leidenschaftlichen Aufwallen, sobald man an ihre Worte rührt, und dann wieder mit ihren phan⸗ tastischen Träumen und ihrer Gefühlstiefe, das waren die Bilder, die der Reder mit sprechender Deutlichkeit zeichnete. Sie erweckten die Ueberzeugung, daß der Ungar mit seiner selbstlosen Gastfreundschaft, seiner ausgesuchten Höflichkeit und seinem glau— bensstarken Patriotismus manches besitzt, das wir nicht haben, das wir aber von ihm lernen können und sollen. Die Ausführungen des Vortragenden fanden eine ebenso wert⸗ volle wie zündende Illustration in einigen ungarischen Musikstücken. die das Wart⸗ burgorchester zum Vortrag brachte und die wie kein zweites Mittel die ungarische Volksseele in ihrem launigen Wechselspiel, bald leidenschaftlich bewegt, bald wehmütig zurückhaltend, erkennen ließen. Daß der Abend so schön verlief, dafür gebührt ein Hauptverdienst auch dem tüchtigen Or⸗ chester, das in Technik und Ausdruck Er⸗ staunliches bot und durch die rhythmische Sicherheit und Treue des Vortrages die Seele der Zuhörer packte. Wenn Herr Pfarrer Becker in seinen Schlußworten dem Orchester und seiner jugendlichen Leitung herzlichen Dank und Anerkennung aus⸗ sprach und wenn er vor allem Herrn Pfarrer Schorlemmer dankte, daß seine Aus⸗ führungen mehr gewesen seien als eine bloße angenehme Unterhaltung, weil unser notleidendes Volk aus ihnen manches für seine Lage brauchen könnte und um seiner selbst willen sich aneignen müßte, so sprach er damit allen Anwesenden aus der Seele. Möge sein Wunsch nach Wiederholung eines solchen Vortragsabends, an dem uns Herr Pfarrer Schorlemmer nach Rumänien füh⸗ ren will, recht bald in Erfüllung gehen! Ein mit schneidiger Eleganz vorgetragener Marsch schloß den schönen Abend ab., * Von einer Heranziehung des Grundver⸗ mögens und des gewerblichen Vermögens zur allgemeinen und voraussichtlich auch zur örtlichen Kirchensteuer soll im Rech⸗ nungsjahre 1920 abgesehen werden. Das dürfte für die interessant sein, die aus Be⸗ sorgnis, zu hohe Kirchensteuern zahlen zu müssen, sich mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten, tragen. Uebrigens ist die Zahl der Austritte aus der evangeli⸗ schen Kirche in Gießen verschwindend gering. Die wenigen, die austreten, sind fanatische Sektierer und solche, die längst schon mit dem Christentum innerlich gebrochen haben. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 23. Januar. Septuagesimge. Kollekte für das Hessische Krüppelheim. In der Stadtkirche. Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Abends 5 Uhr: Pfarrer Becker.— Montag den 24. Januax, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weib⸗ lichen Jugend der Markusgemeinde.— Don⸗ nerstag den 27. Januar, abends 8 Uhr, ver⸗ sammelt sich der Frauenverein der Markus⸗ gemeinde. In der Johanneskirche. Vorm 9,¼ Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukas⸗ gemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 5 Uhr: Pfarrassistent Müller.— Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johan⸗ nessaal: Pfarrassistent Müller.— Montag den 24. Januar, abends ½8 Uhr: Ver⸗ einigung der konfirmiertenn weiblichen Jugend der Lukasgemeinde.— Freitag den 28. Januar, abends ½6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde. Am kommenden Sonntag findet in beiden Kirchen im Abendgottesdienst Beichte und Feier des heiligen Abendmahls statt. * Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 30. Janugr, abends 8 Uhr, in der Stadtkirche: Geistliche Musik⸗ aufführung. Leitung: MusiklehrerGern⸗ hardt. Mitwirkende: Frau Landgerichtsrat Schudt, Frau Kaufmann Scholz, Herr Or⸗ ganist Görlach sowie die Herren Bahersdorf, Hertel, Junker und Währum, außerdem un⸗ sere Gesangsabteilung Karten zu 1 Mark bei den Mitgliedern Bingel, Büttner, Heß, Scholz und bei Herrn Challier, Neuenweg. Man sorge sich rechtzeitig für Karten! d Wartburg⸗Verein. Sonntag den 23. Januar, nachmittags, bei gutem Wetter: Wanderung. Abmarsch 2 Uhr vom Heim. Abends 8 Uhr im Heim: Vortrag. Verantwortlich: Pfarrer Bechtols heimer. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch⸗ und Steindruckerel N. Lange, Gießen.