onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 25 Gießen, 4. Sonnt. n. Trinitatis, den 19. Juni 1921 10. Jahrg. Kinderhilfswoche. Evang. Matth. 18, 5. Wer ein Kind auf⸗ nimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Auf einer Reise fand ich neulich am Ufer eines Flusses einen großen Trupp spielen⸗ der Kinder, die von mehreren Schwestern be⸗ hütet wurden. Die Kinder waren ärmlich ge— kleidet und sahen kränklich aus: blasse, hohl⸗ äugige Gesichter, dünne Beine, magere Arme; einige waren so krank oder schwach, daß sie geführt werden mußten. Wohl wa⸗ ren diese Kinder vergnügt, aber es war eine matte Fröhlichkeit, man merkte nichts von dem Ungestüm, mit dem sich gesunde Dorf— kinder dem Spiele hingeben; von wildem Toben und ausgelassener Lustigkeit war nichts zu sehen. Ich fragte, woher die Kin⸗ der seien. Die Antwort lautete in einem Falle: aus Gelsenkirchen, in dem anderen: aus Bochum. Da wußte ich genug, es waren Kinder aus dem westfälischen Industrie⸗ gebiete, wo die Knappheit an Lebensmitteln und die herrschende Teuerung besonders großen Schaden angerichtet haben. Aber die Not, der die Kinder jetzt ausgesetzt sind geht durch alle Gaue unseres Vaterlandes, nur die ackerbauende Bevölkerung ist davon befreit. Es ist ein Jammer, in den Zeitun⸗ gen— 8— zu lesen, wie kläglich es mit den Kleidern und der Unterwäsche der deut⸗ schen Kinder bestellt ist. Früher hat man mit großen Worten davon gesprochen, daß die Jugend sich durch Leibesübungen kräfti⸗ gen solle. Wie kann man einem Kinde, das vor Hunger beinahe umfällt, auch noch an⸗ strengende Uebungen zumuten? Wem die Augen über den Jammer, den ein unheil⸗ voller Krieg über uns gebracht hat, noch nicht aufgegangen sind, dem werden sie ge⸗ öffnet werden, wenn er jetzt die schlecht genährten und schlecht gekleideten Kinder der deutschen Städte sieht. Wir wollen mit⸗ helfen, daß dieser Not gesteuert wird, dazu bietet die jetzt beginnende„Hessische Kinder- hilfswoche“ Gelegenheit. Helfen wir den Kindern, denen die Frühzeit des Lebens unter so traurigen Umständen verfließt, so stehen wir ja im Dienste des großen Kinder freundes, der das Wort gesprochen hat: Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. H. B. 0 Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen, Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bestanden hier an höheren Lehranstalten nur das Gymnasium und die Realschule, welchen damals Vorschulen noch nicht angegliedert waren. Die erforderliche Vorbildung wurde den Jungen durch Elementarschulen beige— bracht, deren es hier drei gab: die „Schwabe“,„Franze“- und„Rahneschul“, nach deren Leitern Dr. Schwabe, Franz und Rahn so benannt. Die erstere besuchten die zukünftigen Gymnasiasten, die man damals „Klassiker“(mit dem Akzent auf dem i) nannte, die beiden letzteren die für die Real- schule bestimmten Jungen. Ich habe die Ehre, der„Franze-Schul“ angehört zu ha⸗ ben, und mit mir auch die andern gleich⸗ altrigen Kreuzer Buben. Die drei Schulen befanden sich in der„Hintergasse“, die jetzt den poetischen Namen„Wetzsteingasse“ trägt. Das Gebäude, in welchem die ehemaligen Schwabeschüler schwitzten, hat in seinem Ver- wendungszweck eine Verjüngung erfahren; denn es beherbergt jetzt das„Säuglings- heim“. Anstelle der Rahneschul ist ein Pri— vatneubau in der Wetzsteingasse getreten und die Franzeschul hat der neugebauten Schankwirtschaft„Zum Aquarium“ weichen müssen. Eine Einladung im„Gießener Anzeiger“ zum Eintritt in die Schule ging diesem damals, weil überflüssig, nicht voraus. Es hatte jede Schule unter den Bürgersleuten ihre Gönner, deren Beziehungen unterein— ander verwandtschaftliche oder freundschaft— liche waren. Auch spielten hier die Gewohn— heit und die Tradition mit. Die Lehrer galten als gleich tüchtig und gewissenhaft, und in der hier und da erforderlichen hand— greiflichen Nachhilfe stand auch keiner dem andern nach. Die Gießener Elementar- schulen machten sich somit untereinander keine fühlbare Konkurrenz, und ihre Be— sitzer ersparten sich daher die Kosten einer öfsentlichen Werbung. Es war doch so eine Sache, als der erste Schultag herankam und sich, was sonst nie geschah, schon in der Frühe die ganze Fa milie um den kleinen Kerl zu schaffen machte. Mit besonderer Gründlichkeit walteten 9 —— . n — —— 9 Schwamm und Kamm ihres Amtes. Der neue Schulanzug wurde zum soundsovielten Male bewundert und auch nicht vergessen, zu wiederholen, daß die neuen Stiefel dies⸗ mal mit Nägeln beschlagen wären; denn dann klapperten sie auf dem Pflaster und im Winter konnte man damit Kritze in das Eis machen. Diese Feststellungen er⸗ höhten das Selbstbewußtsein und den Stolz. Dazu der Ranzen! So kam denn die Stunde des Abrückens heran. Die Mutter gab ihrem Kleinen einen zärtlichen Abschiedskuß, und, geführt von einem der älteren Geschwister, trat der Bub mit doch etwas gemischten Ge⸗ fühlen den Gang nach der Schule, als einem Etwas an, über dessen Notwendigkeit und Existenzberechtigung er sich noch lange nicht im klaren war. Bei einigen ließen es sich die Mütter nicht nehmen, ihren Kleinen selbst abzuliefern und da, wo dieser im letzten Augenblick noch bockbeinig wurde, mußte die Autorität des Vaters das entscheidende Wort sprechen. Auf dem Wege durch die Straßen tauchten noch andere, meist Spielkameraden, auf, die dem gleichen Ziele zusteuerten, und so gelangte man schließlich in die Hinter⸗ findet, auf der linken Schmal⸗ und der rück⸗ wärtigen Längsseite sein Licht erhielt. Die beiden andern Seiten hatten keine Fenster. Nur die Tür befand sich am linken Ende der Längsseite. Durch die Fenster links konnte man in das kleine Schulhöfchen und in den Hof der Frau Meier Stein blicken. Das eine der in der hinteren Wand angebrachten Fenster gestattete die Aussicht auf aller⸗ hand alte Stall- und sonstige Wände, wäh⸗ rend das andere durch den angebauten Holz- schuppen zur Hälfte verdeckt wurde. Man konnte auf desselben nicht nur gucken, sondern auch klettern, wie wir später sehen werden. Die Ausstattung des Zimmers bestand aus ge⸗ wöhnlichen vierbeinigen Tischen und Bän⸗ ken, die in Hufeisenform an den beiden erwähnten Fensterseiten und der rechten Wand entlang standen. Diejenigen, welche an den Wänden saßen, genossen die Vorteile, sich mit dem Rücken an diese lehnen und den Lehrer im Auge behalten zu können. Ferner hatten sie Deckung hinter ihren ihnen gegenübersitzenden Kameraden und schließlich den sehr in die Wagschale fallenden gasse und trat in den alten Schulhausbau Vorzug, daß der Lehrer nicht so ohne wei⸗ ein, empfangen von dem Herrn Lehrer, der teres an sie heran konnte. Diesen Wand⸗ heute sein wohlwollendes Gesicht aufgesetzt plätzen haftete aber der Nachteil an, daß sie hatte und Eine Empfangsbescheinigung brauchte nicht ausgestellt zu werden; denn schon nach einer halben Stunde erhielt der solange auf der Straße wartende Bringer den Kleinen un⸗ versehrt zurück. Herr Franz war ein Freund meines Va⸗ ters und mir daher gut bekannt. Er nahm mich an der Hand und führte mich mit freundlichen Worten die steile, schmale Treppe hinauf. Diese war auf der einen Seite von der linksseitigen Lehmwand des Hauses, auf der anderen von aus zwei gehobelten, durch das häufige Anfassen glatt⸗ polierten, das Geländer markierenden Latten abgeschlossen. Vor uns stiegen einige Buben, auch ältere, empor, und hinter uns kam die Schwester des Herrn Franz, von uns Buben „Fräulein Julchen“ genannt, mit anderen Neulingen. Der Eingang des Schulzimmers befand sich dem oberen Ende der Treppe gerade gegenüber. Nur ein etwa 1 Quadrat⸗ meter großer Platz lag zwischen dieser und der fußhohen Schwelle, über die wir nun hinwegstiegen und in die Schulstube ge⸗ langten. Es scheint mir, wie wenn diese hohe Schwelle mit Vorbedacht angebracht worden wäre. Sie diente wohl, wenn sich in den Pausen und bei Schulschluß der Strom der Jungen im Drang nach Luft und Freiheit mit Ungestüm durch die Türe zwängte, als Hemmschuh, welcher einen Ab⸗ sturz die Treppe hinab verhinderte. Das Schulzimmer war ein etwa 57 Me⸗ ter großer, 2½ Meter hoher, nach hinten belegener Raum, welcher durch kleine Fen⸗ ster, wie man sie jetzt noch bei alten Bauten die Freundlichkeit selber wax. im Winter einen kalten Rücken verursachten. Außerdem mußten ihr: Inhaber, um zu ihnen zu gelangen, unter dem Tisch her⸗ schlüpfen, denn das Uebersteigen war nur erlaubt, wenn es der Lehrer nicht sah, z. B. in der Frühstücks- und Vesperpause. Aber diese Uebelstände nahm man gerne in den Kauf. Als Idealplätze galten die Rückplätze in den beiden Ecken zwischen Längs⸗ und Schmalseiten; denn die lagen vom Lehrer am weitesten entfernt und waren von ihm schwer erreichbar. Da mußte schon, wenn einmal eine Auffrischung des pädagogischen Ansehens bei einem Eckschüler demonstriert werden sollte, vorn Platz gemacht werden. Um den Eindruck der damit verbundenen Störung und den Zeitverlust möglichst zu verwischen, fielen diese Sonderunterhaltun⸗ gen zwischen Spender und Empfänger in der Regel recht schwungvoll, gediegen und nicht zu knapp aus. Ich erwähne all diese Einzelheiten, damit sich der Schüler des 20. Jahrhunderts einen Begriff davon machen kann, wie es vor 60 Jahren um die Treibhäuser bestellt war, in welchen die jungen Menschenpflänzlein den verschiedenen Methoden der Veredelung unterzogen und ihnen die Vorbedingungen für eine spätere gedeihliche Entwicklung aufgepfropft wur⸗ den. Einen eingehenden Vergleich zwischen den damaligen Privatschulen und den heuti⸗ gen palastartigen behördlichen Unterrichts⸗ anstalten anzustellen, verbietet die Pietät. Denn trotz aller Mängel, welche den alten Schulinstituten anhafteten, knüpfen sich an die ersten Schuljahre meine schönsten Ju⸗ genderinnerungen, und es beschleicht meine das schräg vorbeiziehende Dach Brust das Gefühl der Wehmut, wenn ich in stillen Stunden die Vergangenheit an meinen Sinnen vorüberziehen und dabei die 51 bei der Franze-Schul verweilen asse.——— (Fortsetzung folgt.) Etappe Langen. Erinnerungen aus den Jahren 1813 bis 1815 von Karl Friedrich Maurer, mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. (Fortsetzung. Ich schritt nach dem Markt bzw. Kirchen⸗ platz. Hier standen einige der von den Russen mitgebrachten Wagen, beladen mit Heu und Stroh. Der alte gebrechliche Pfar⸗ rer wankte mir im Schlafrock entgegen: „Sehen Sie, dieses alles auf dem Wagen haben sie mir genommen, fast nichts ist mir übrig geblieben!“ Von den Bauern, die auf meinen Zuruf mit Hurra nach allen Richtungen ausein⸗ anderstoben, waren noch sehr viele um mich her. Ich rief ihnen zu:„Abgeladen die Wagen hier!“ Fast im Blitz war dieses ge⸗ schehen. Der Rittmeister war mir nach⸗ gerannt und rief:„Halt, das, was geladen ist, werde ich wohl mitnehmen lönnen!“ „Mit meiner Zustimmung auch nicht einen Halmen! Alles rasch herunter, was noch auf den Wagen ist!“ Der Rittmeister erklärte nun, sich mit seinen Leuten schnell zurückziehen zu wollen, in vier Stunden werde er aber wieder⸗ kommen. „Das tun Sie in Gottesnamen, bis dahin wird der Bezirksbeamte längst hier sein, mit diesem mögen Sie wieder verhandeln, ich habe mit Ihnen nichts mehr zu tun.“ Ich empfahl mich ihm wiederholt mit aller Freundlichkeit. Die Russen zogen mit allen ihren Wagen ab, und es ward ganz ruhig und still im Ort. Meiner Berechnung nach konnte der Ritt⸗ meister kaum in Philippseich eingetroffen sein, so kam er vor meiner Wohnung an⸗ gesprengt auf von Schweiß triefendem Schimmel. Zufällig stand ich vor der Haus⸗ türe auf der Treppe. Er äußerte, der Ge⸗ neral verlange von mir, über den Vorfall dahier das Nähere zu vernehmen, und er habe deshalb den Auftrag, mich nach Phi⸗ lippseich zu geleiten. „Nun, Sie kennen ja den ganzen Vorgang hier ebenso genau wie ich, und ein Weiteres a 1 5 ich nicht sagen.“ „Ich habe den strengsten Befehl, ohne Sie nicht nach Philippseich zurückzukehren!“ „Ach, allen Respekt für den Befehl Ihres Herrn Generals, aber Sie werden wohl nicht verkennen, daß Ihr Herr General mir ganz und gar nichts zu befehlen hat! Wünscht Ihr Herr General absolut mit mir zu sprechen, so bin ich hier zu finden, und gerne werde ich ihm hier zur Rede stehen!“ 0 Wie hätte ich nur die mindeste Neigung verspüren können, mich nach Philippseich zu begeben, um mir dort von einem russi⸗ schen General möglicherweise nur Grob⸗ heiten sagen zu lassen! Bever ich noch Zeit dazu hatte, dem Herrn Rittmeister den Rücken zu kehren, kam der nach Mörfelden gesandte Landdragoner an— gesprengt mit der Nachricht, daß der Be⸗ amte von dort in nur wenigen Minuten eintreffen werde, er habe ihn soeben erst an der nahen Waldesgrenze verlassen. „Nun, Herr Rittmeister, bereden Sie mit diefem Beamten das Weitere. Da er mit eigenem Gefährte eintrifft, so wird er keinen Anstand nehmen, sich auch zu dem Herrn General nach Philippseich zu begeben; ich selbst werde ihn darum bitten.“ Somit emp⸗ fahl ich mich dem Herrn Rittmeister zum drittenmal. Meinem Herrn Mitbeamten erzählte ich möglichst kurz, doch ganz genau den Vorgang von seinem Beginn an bis zu den in den letzten Augenblicken stattgehabten Verhand⸗ lungen mit dem Ersuchen, sich statt meiner nach Philippseich begeben zu wollen. Dieses tat er auch, sobald von den Russen die Fou rage ordnungsmäßig in Empfang genommen war, die er ihnen verwilligen zu können glaubte. N Mein Kollege erzählte mir nach seiner Rückkehr gegen Abend, daß sich der General tadelnd über mein Verhalten erklärt habe, insbefondere auch darüber, daß ich Hilfe von dem benachbarten Ort Egelsbach hätte her beirufen lassen. Daran hatte ich auch nicht im entferntesten gedacht, aber ich erinnerte mich nun, den Ruf von Einwohnern in Langen gehört zu haben:„Wir wollen die Egelsbacher zur Hilfe auffordern.“ Der Herr General hatte dann auch meinen Mitbeamten, weil er glaubte, daß ich ihm untergeordnet sei, aufgefordert, eine strenge Untersuchung gegen mich einzuleiten, ihm das Ergebnis mitzuteilen, um es dem In⸗ haber des Regiments, dem Großfürsten Kon— stantin, zufertigen zu können, damit Be⸗ strafung gegen mich erwirkt werde.— Wohl war also meine Nase fein genug, um mich unzweifelhaften Grobheiten eines Generals nicht auszusetzen. Ich gab meinem Freund und Kollegen hierauf zu erkennen, daß ich gar nicht säu men würde, dem Herrn General ein ent— sprechendes Schreiben zugehen zu lassen. Das geschah denn auch in der Frühe des folgenden Tages, am 4. Dezember 1813. In dem Schreiben stellte ich, obgleich im allgemeinen an der Wahrheit festhaltend, doch einiges etwas anders dar, wie es sich verhielt, aus Schonung gegen die betreffen den Offiziere, die wegen ihres Verhaltens wohl strenge Rüge verdient hätten. Aber wozu konnte es nützen, ihnen eine solche auf den Nacken zu werfen durch ausdrück— liche Anklage gegen sie! Am gleichen Tage 100 erstattete ich über den Vorfall an die mir vorgesetzte Behörde zu Darmstadt Bericht unter Beischluß einer Ausfertigung meines Briefes an den General. Manche Einwohner in Langen hegten den Verdacht, daß von unsern Isenburgischen Nachbarn der Ueberfall angezettelt worden sei, den sich die Russen gegen unsern Ort erlaubten. War dieses wirklich der Fall, so ließe es sich aus der liebenswürdigen Einigkeit erklären, die benachbarte deutsche Stämme in der Regel gegeneinander hegten. Ich meinerseits kann nichts behaupten, aber erinnerlich ist mir noch, daß ich in unserm Orte an jenem Tage einige Gesichter unserer isenburgischen Nachbarn, die mir bereits be⸗ kannt geworden, gesehen, alle neugierig, wie es mir schien, unser Verhalten gegen die Russen zu erspähen. Am 4. Dezember wurde auch eine Deputa⸗ tion aus dem Orte nach Frankfurt gesendet mit der aus Vorbedacht genommenen Ab⸗ schrift der Requisitionsermächtigung, die der Generalintendant Herr von Cancrin dem Kürassierregiment Großfürst Konstantin zu dem Zweck erteilt hatte, sich die benötigte Fourage zu verschaffen, um, wo möglich, dem Herrn Generalintendanten Anzeige zu machen, in welcher Art in völligem Wider⸗ spruch gegen sie in dem Orte Langen eine Fouragierung in Vollzug gesetzt worden sei. Nach der Erklärung der Deputierten war es ihnen gelungen, die gewünschte Audienz zu erhalten und dem Generalintendanten alles ausführlich vortragen zu können, was sich bei dem Vorgang im einzelnen und ganzen ereignet hatte. Außerdem waren sie noch Zeuge gewesen, wie der General- intendant dem Rittmeister, der das Fou⸗ ragierungsdetachement zu Langen befehligte, die bittersten Verweise wegen seines Ver⸗ haltens erteilte, indem dieser vor ihrem Weg⸗ gang bei dem Generalintendanten einge- treten war. 1 1 Wenige Tage später erschien der mehr⸗ fach erwähnte Rittmeister wieder im Orte im Geleite noch anderer Offiziere, darunter, wie es mir schien, der Oberst des Kürassier⸗ regiments, um dem Ortsvorstande wegen seines Verhaltens gegen das Fouragierungs⸗ detachement den Text zu lesen. Es geschah dieses in der etwas beschränkten Geschäfts⸗ stube des Oberschultheißen, worin die Mehr⸗ zahl der Vorstandsmitglieder ziemlich ge⸗ drängt zusammenstanden. Ich erinnere mir nicht mehr genau, ob ich mich nur zufällig oder absichtlich ihnen beigesellt hatte. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Der Gottesdienst, den der Evangelische Arbeiterverein, der Wartburgverein und der Evangelische Bund am vorigen Sonntag auf dem Schif senberge veranstalteten, war vom schönsten Wetter begünstigt. Von 7 Uhr an zogen die Teilnehmer auf verschiedenen We⸗ gen der alten Deutschordenskommende zu. Die alte Klosterkirche war ganz gefüllt, viele hatten auf dem Hofe Platz genommen. Paul Gerhardts unvergängliches Sommerlied „Geb aus, mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit“ war so recht der Stimmung dieses Frühgottesdienstes an⸗ gepaßt. Die Predigt schloß sich an das Wort des 121. Psalmes an: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt, meine Hilfe kommt von dem Herrn, der 9 5 und Erde gemacht hat. Unter der Leitung des Herrn Musik⸗ lehrers Gernhardt trug der gemischte Chor des Evangelischen Arbeitervereins zwei stimmungsvolle Choräle in vollendeter Weise vor, der Bläserchor des Wartburgvereins vertrat die Stelle der Orgel, indem er den Gemeindegesang begleitete. Zu Beginn des Gottesdienstes und während des Vaterunsers läutete das alte Glöcklein, das glücklicher⸗ weise vor 4 Jahren der Beschlagnahme ent⸗ gangen ist. Eine reiche Geschichte hat der Schiffenberg. Die Gräfin Clementia von Luxemburg, die die Burg Gleiberg besaß, stiftete 1129 das Kloster und übergab es den Augustinern, 1323 kam das Anwesen in den Besitz des Deutschritterordens. Die Refor⸗ mation machte dem Kloster ein Ende, der Form nach bestand es noch bis zum Jahre 1809, als der Machtspruch Napoleons es aufhob. Seit dieser Zeit ist der Schiffen⸗ berg hessische Domäne. Die Geschichte des Klosters hat ein junger, hochbegabter Ge⸗ lehrter, Dr. Hermann Kalbfuß, geschrieben, der, wie Hunderttausende unersetzlicher deut⸗ scher Männer, für das Vaterland gefallen ist. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 19. Juni. 4. nach Trinitatis. Kollekte für die Kinderhilfe. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Johannesgemeinde: Pfarrassi⸗ stent Müller. Vormittags 9½ Uhr: Pfarrassistent Ramge.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarr⸗ assistent Müller.— Abends 8 Uhr: Bibel⸗ besprechung im Johannessaal: Pfarrassi⸗ stent Ramge.— Montag, den 20. Juni, abends 8 Uhr: Jugendvereinigung der Lu⸗ kasgemeinde(weibliche Abteilung).— Mitt⸗ woch, den 22. Juni, abends 8 Uhr: Jugend⸗ vereinigung der Lukasgemeinde(männliche Abteilung). * Wartburg⸗Verein. Sonntag, den 19. Juni, abends 8 ¼ Uhr: Vortrag im Heim. Pfarrer Becker. Perantworflich: Pfarrer Bechtolshesmer Druck und Verlag der Brühl'schen Untwersifäts⸗Buch⸗ und Steindruckere R. Lange, Gießen..