* onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Fr. 33 Gießen, I2. Sonnt. u. Trinitatis, den 14. August 1021 10. Jahrg. Sommernacht. Evang. Markus 4, 26 und 27. Das Reich Gottes hat sich also, als wenn ein Mensch Samen auf das Land wirft und schläft und steht auf Nacht und Tag, und der Samen geht auf und wächst, daß er es nicht weiß. Ein rechter Sommertag liegt hinter mir, einer von denen, da man meint, erst auf⸗ zuleben, wenn die Sonne längst geschieden und Mond und Sterne still ihre Bahn am Himmel ziehn. Zu solcher Stunde weilte ich im stillen Garten. Mir zu Häupten hat ein Rosenstrauch seine Knospen geöffnet; zar⸗ ten Duft entsenden sie. Er mischt sich mit erquickendem Hauch aus dem nahen Park, dessen Wipfelgruppen im Nachtdämmer wie unwirkliche Traumbilder erscheinen, wie eine Märchenwelt. Ein Wort Wilhelm Kotzdes aus dessen Havelroman:„Frau Harke geht durchs Land“ kommt mir zu Sinn:„Mär⸗ chen sind alle wahr. Weil die Menschen aber die Wahrheit nicht erkennen, ist so viel Angst und Unruhe in der Welt. Selig sind allein die Sonntagskinder, die noch den Märchenglauben haben.“ Und inmitten die⸗ ses seltsamen Stimmungszaubers erblüht, wie eine„Königin der Nacht“, ein anderer Gedanke, geprägt von Meister Wilhelm Hein⸗ rich Riehl, in meiner Seele:„Die Nacht ist das stille, tiefe Geheimnis der Natur, dunkel und doch von Lichtfunken durchzittert. Der Glaube ist das stille, tiefe Geheimnis der Menschenseele— die Nacht der Men⸗ schenseele— mit ihrem Sternenhimmel.“ Mir ging die ganze Schönheit dieses Wortes auf. Ja, Glaube, du Geheimnis der Men⸗ schenseele! In welcher stillverborgenen Stunde mag er erstmals seine feinen Wur⸗ zelfasern in den Acker deines Herzens ge— senkt haben! Vielleicht, als die Mutter ein⸗ mal abends betend dir im kleinen Kinder⸗ bettchen die Hände gefaltet;—„Liebe ist stark wie der Tod“ singt schon König Sa⸗ lomo. Wer kann es dir künden, wenn dann Gottes Reich in dir geboren ward? Und wer, wie es wuchs? Jesus sagt:„So ist es mit dem Reiche Gottes, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Samen geht auf und wächst, wie er es nicht weiß.“ — Gottes Reich wächst aus eigner Kraft, aber selig, wer erstmals in dir den Samen streute. So viel dann dein Glaube weiter erstarkt, so viel mehr spürst du Gottes Reich, geheimnisvooll, das da wächst aus eigner Kraft! Glaube, Nacht der Menschenseele— mit ihrem Sternenhimmel!.... In jenem Augenblicke schaute ich auf zu dem gestirnten Firmament, jenem Lichtmärchen der Juli⸗ nacht.„Märchen sind alle wahr“— o ge⸗ wiß! Sie sind die von Kinderherzen ver⸗ standene Sprache einer Wahrheit, deren Wirk⸗ lichkeit noch viel herrlicher ist. Denn siehe, jeder kleine Stern dort droben, der mitwebt am Märchen dieser Nacht, ist eine große, weite Welt. Und immer neue Welten der Herrlichkeit Gottes gehen dem auf und legen sich ihm zu Füßen, dessen Glaube wächst gleich dem Samenkorn:„Zuerst der Halm, dann die Aehre, dann: voller Weizen in der Aehre“.—sch. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Plötzlich mitten in der Nacht wurde ich von einer rauhen Hand erfaßt und erhielt über meinen Freund hinweg, eine tüchtige Tracht Prügel.„Ich will dich lehren, Schei ben einzuwerfen, du Lausbub“, hörte ich den Vater meiner Freunde zwar in sehr auf⸗ gebrachtem, aber gedämpftem Tone auf mich einreden. Es war stichdunkel in dem Zim⸗ mer, und der Protest der natürlich sofort wachgewordenen Missetäter verhallte wir— kungslos. Klatsch, klatsch, klatsch, dann ver⸗ schwand der alte Herr wieder brummend und grollend, und wir hatten nun Zeit, unsere Auffassung über den nächtlichen Ueberfall zu diskutieren. Ich nahm an, daß der Stammtisch die beiden Väter zusammen⸗ geführt und der meinige dem meines Freun⸗ des den Auftrag erteilt hätte, mir die Lek— tion vertretungsweise zu verabfolgen. Dem war aber nicht so, denn wir hörten zu unserem nicht geringen Erstaunen, daß der Junge, dessen Stelle im Bette ich eben ein nahm, mit noch einem anderen vor dem Neuenwegertor in einem Neubau ebenfalls Scheiben eingeworfen hatte. Seinem Vater war dies zu Ohren gekommen und so er hielt ich die dem anderen zugedachten Prügel. Die Sache war so komisch, daß ich schließlich in das Lachen der anderen einstimmte, ob gleich mir der Kopf brummte und feurige Punkte vor den Augen herumtanzten. Als — 130— ich am Sonntagmorgen mit meinem Freunde, den ich als Urkundsperson mit⸗ genommen hatte, bei meinen Eltern wieder einrückte, fühlte sich die Luft daselbst keines⸗ wegs sonntäglich an, denn mein Vater war, ganz gegen seine Gewohnheit, diesmal ernst⸗ haft böse. Erst, als das nächtliche Erlebnis in seiner ganzen Komik von meinem kleinen Freunde erzählt worden war, löste sich die Spannung und es wurde mir verziehen. Mit dem Auftrag:„Sag' deinem Vater, er soll den heut nacht leer ausgegangenen annere Scheibeeinwerfer herschicke, damit ich em die Quittung für die Prügel, die unser Nixnutz bekommen hat, ausstelle kann,“ wurde mein Schulkamerad entlassen. Ich aber eilte später im Sonntagsstaat zu mei⸗ nem Onkel in der Neustadt, der von Beruf Glaser und von Person ein seelenguter Mann war und erwirkte für die Reparatur der Scheunenfenster in der Judengasse einen billigen Preis. Die damals eingezogenen Scheiben sind m. W. nachher nicht mehr ein⸗ geworfen, aber auch seit dieser Zeit nicht mehr geputzt worden. Woche auf Woche ging herum und es wurde allmählich rauh draußen. Die Mütter legten die wollenen Unterwämschen zurecht, denn Ueberzieher für uns Jungens gabs da⸗ mals nicht, ebenso galten Handschuhe für einen Luxus. Man steckte die Hände bis an die Ellenbogen in die Taschen, was aber vielfach nicht hinderte, daß man rot und blau gefroren heimkam. Die älteren Jungen, na⸗ mentlich die„Klassiker“(Gymnasiasten), hat⸗ ten Schals umgeschlagen. Sie hängten das viereckige, überecks zu einem Dreieck zu⸗ sammengelegte, karierte, gestreifte oder auch einsarbige, meist mit Franzen versehene Tuch einseitig um die Schultern und warfen den längeren Zipfel über die eine Achsel (die Gießener sagten damals auch mitunter zur Abwechslung„das“ Achsel) und mar⸗ schierten in diesem Aufzuge, den Pack Bücher unter dem Arm, in die Schule. Malerisch sah das nicht aus, vielmehr erinnerte diese Ko— stümierung lebhaft an die Figuren, die man zum Fernhalten der Spatzen in die Felder stellt, und es entsprach nur einer in Worte gekleideten allgemeinen Ansicht, als Frau Metzger P. damals ihrem Willemche nachrief: „Jung, du mer den einzige Gefalle und laß das Denk(Ding) ab. Du siehst ja drin aus, wie en„Bunnefeicht“!“„Bunnefeicht“ ist ein Gießener Wort für Vogelscheuche. Wel⸗ cher Sprachforscher erklärt uns das seltene Wort? Aber erstens waren die Umschlag⸗ tücher Mode, zweitens besser wie gar nichts und drittens ist es im Winter kalt. (Fortsetzung folgt.) Beim deutschen Beskidenkorps. „ aupie Kämpfe um Przemysl. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.) 12. Mai 1915, mittags. Wir sitzen im Schatten blühender Kirschbäume und röt⸗ lich schimmernder Apfelbäume an einem Tisch, den wir uns aus einem Hause geholt haben, um während der Marschpause einmal bequem unsere Feldküchensuppe essen zu kön⸗ nen. Gestern waren wir um 7 Uhr morgens aus dem 432 Meter über dem Meere gelege⸗ nen Oslawatal über einen 614 Meter hohen Höhenkamm in das Tarnowatal marschiert und hatten von 12 bis 2 Uhr in Kalnica gerastet. Es war recht warm. Nachmittags suchten wir dann auf steilen Höhen Stellun⸗ gen aus, als der Befehl zum Weitermarsch kam, da die Russen nach kurzer Schießerei über den San zurückgegangen waren. Wir biwakierten in Lukowo. Da ich seit dem Morgen Halsschmerzen hatte, suchten wir uns ein sauberes Haus, in dem wir nächtigten. Das war für mein Befinden gut, denn es fror in dieser Nacht wieder, wie auch in der letzten. Die Leute waren recht sauber, nur die Luft schlecht. Natürlich schlief die Familie in der einen Stube mit uns zusammen. Zwei Nächte vorher hatten russis che Artille⸗ risten in dem Haus gewohnt. Die Bevölkerung hier scheint größtenteils russenfreundlich gesinnt zu sein. Die Bauart der Häuser ist nicht schön. Wohnung, Stall, Scheuer sind unter einem Dach. Heute früh um 8 Uhr traten wir den Weitermarsch an. Man sah, wie auch gestern schon, in der Ferne oft dicke schwarze Rauch⸗ wolken aufsteigen. Die Russen sprengen dort die Brücken, um unseren Vormarsch aufzu⸗ halten. Aber wir fahren einfach durch die Bäche und Flüsse. Und gerade an Stellen, wo das Fehlen einer Brücke uns lange auf⸗ gehalten oder zu langen Umwegen gezwun⸗ gen hätte, war die Brücke unversehrt. Es find nur Holzbrücken, die mit Petroleum be⸗ gossen und in Brand gesteckt werden. In kurzem werden wir am San sein, Diese Sperre werden wir wohl nicht so leicht über⸗ winden, wie die beiden letzten. Schade, daß wir eben keine Post und keine Zeitungen bekommen und nichts Näheres erfahren, wie es überall steht. Aber soviel ist uns klar, daß wir überall energisch vorwärtskommen. Soviel Offensivkraft hatte ich unseren Trup⸗ pen nicht mehr zugetraut. Es ist wirklich gewaltig, was das deutsche Volk leistet und trotz alles Schweren eine große Zeit und eine Freude, an dem großen Geschehen mitzu⸗ wirken, mit Weltgeschichte zu machen! Abends. Um 2 Uhr nachmittags durchfuhr die Abteilung, da alle Brücken gesprengt waren, bei Zagorz den ziemlich breiten aber nicht sehr tiefen San, was einen schönen An⸗ 4 7 1 1 15 0 4 2 2 blick gewährte. Die Russen sollen bis Przemysl zurückgegangen sein. Wir folgen imaufhaltsam; es ist heiß und staubig. Den San überschreiten wir an einer 300 Meter über dem Meere liegenden Stelle und muß⸗ ten dann über eine Höhe von 638 Meter. Die Pferde leisten Vorzügliches. Zum Glück ist die Vormarschstraße gut. Aber infolge der Hitze und des entsetzlichen Staubes war der Marsch sehr anstrengend und wir sahen abends schlimmer aus, als Dreschmaschinen⸗ arbeiter. Um 1½7 Uhr endete der Marsch ber Tyrawa⸗Woloska, wo wir auf einer Wiese Biwak bezogen. Ich ritt noch einmal in den Ort, wo es recht übel aussieht. Wie in Zagorz sind auch hier viele Häuser zerstört, das Privateigentum vernichtet. Die Bewoh⸗ ner scheinen meist Juden zu sein, häßliche Erscheinungen in langem schmierigen Kaftan, mit struppigen Vollbärten und geringelten Locken über den Ohren. Wir sind hier wie— der auf 320 Meter Höhe heruntergekommen, haben heute 30 Km. Marsch gemacht und sind nur noch 35 Kilometer(Luftlinie) von Przemysl entfernt. Morgen wird es weiter gehen, um immer am Feind zu bleiben und ihm keine Ruhe zu gönnen. Die Vortruppen haben dauernd Gesechte mit dem Feind, und das hiesige Lazarett liegt voll von Verwun⸗ deten. Es wäre großartig, wenn jetzt in einem Lauf ganz Galizien den Russen entrissen würde. Für Menschen und Tiere sind aller⸗ dings diese Anstrengungen groß. Wie er⸗ frischend wirkte es, heute abend sich im nahen Bach waschen zu können. Heute morgen wa⸗ ren die Russen noch hier, wir sind ihnen. hart auf den Fersen. 13. Mai 1915. Himmelfahrtstag. Es hatte nachts etwas geregnet und staubte in⸗ folgedessen weniger. Wir hatten nur Marsch. Die Steigungen der Straße waren geringer. Wir kamen über 20 Kilometer vor und be⸗ zogen nachmittags in Wojtkowa Biwak: Auch bei dem friedlichen Marsch boten sich trübe Bilder: Die Wirkung einer in eine marschierende Truppe eingeschlagenen schwe⸗ ren Granate, um das tiefe Granatloch 10 bis 12 Leichen; die Stelle, wo österreichi⸗ 165 Kavallerie ein verlustreiches Gefecht mit abziehenden Russen gehabt hatte, wo die Gefallenen noch unbeerdigt lagen; ein von den Oesterreichern an der Ortsstraße auf⸗ gehängter Jude, der die Leichen österreichi— scher Soldaten ausgeplündert hatte. Hier in Wojtkowa wohnen wir bei einem wohlhabenden, aber sehr geizigen alten Bauer, der behauptete, er habe gar nichts mehr, keine Kartoffeln, keine Eier, kein Geflügel; alles hätten die Russen mitgenommen. Nachdem ich aber seine Frau und die Magd dabei erwischt hatte, wie sie in einem Nebenraum einige Enten in ein Faß verschwinden ließen, ließ ich weiter suchen, und da fand sich alles Gewünschte. Nun schrie ich die Leute einmal gehörig an, machte die Gebärden des Auf— hängens, deutete auch auf meinen Revolver, 31— da wurden sie dann entgegenkommender. Ich hatte ihnen, als wir in das Haus kamen, durch unseren Dolmetscher sagen lassen, daß alles bar bezahlt würde. Das nennt man nun Freundesland. Nach Erzählung der Bewohner sowie russi⸗ scher Gefangenen, nehmen die Russen den Kampf mit den Oesterreichern gerne auf; aber vor den Germanski haben sie eine Heiden⸗ angst. 14. Mai 1915. Wir wissen gar nicht, wie es vechts und links von uns steht; aber es geht immer tüchtig voran. Um 17 Uhr rücken wir heute von Wojtkowa ab über Kwaszenina, Michowa nach Kniazpol. Die Sonne stach, wie im Juli, auch staubte es wieder gehörig. Der Marsch führte über eine 0 566 ⸗Meter-Höhe, von wo aus wir die mit Schnee bedeckten Berge am Uszoker Paß sahen. Wir kamen durch herrliche Edeltannen⸗ wälder. Die Gegend ist sehr schön, alle Obst⸗ bäume stehen in Blüte. Etwa zwölfmal muß⸗ ten wir heute durchs Wasser fahren, da die Brücken gesprengt waren. Schon um 2 Uhr. bezogen wir nach einem l von 20 Kilo⸗ meter in Kniazpol Biwak. Wir belegen ein Häuschen neben dem Biwakplatz. Es enthält die geräumige, saubere, weißgetünchte Wohn⸗ küche und die Ställe. Die Bewohner sind zwei alleinstehende junge Mädchen. Der Hausrat ist einfach, aber nett und sauber. Eine halbe Stunde nach unserem Eintreffen gab es ein starkes Gewitter mit heftigem Regen. Nun ist der Staub gebunden und die Luft schön rein. Das eine Mädchen. weinte während des Gewitters, offenbar aus Angst. Ich verstehe nicht, wieso Galizien so verrufen ist. Es ist nicht nur landschaftlich sehr schön, sondern die Häuser sind zum min⸗ desten so sauber wie in Russisch-Polen und Ungarn und die Bewohner auch. In vielen Orten sind die Kirchen ganz aus Holz. Nachmittags krochen bei unseren Galizie⸗ rinnen 12 Hühnchen aus dem Ei, die gleich tüchtig gefüttert wurden. Für die Nacht lassen wir auf dem Boden der Küche unser Lager aufschlagen, während wir den Mäd⸗ chen natürlich ihre Betten belassen. 16. Mai 1915. Gestern früh traten wir um 6 Uhr den Weitermarsch an, der infolge des am Tag zuvor niedergegangenen Regens und der kühlen Witterung angenehmer war. Er führte über Dobromil, einem hauptsäch⸗ sich von Juden bewohnten Städtchen, Nowo⸗ Miasto, Hroszatyce auf Radochonce zu(im ganzen 20 Kilometer), wo die Division für die Nacht verbleiben sollte. Unsere Vorhut war mit dem abziehenden Feind aneinander gekommen, hatte etwa 500 Gefangene gemacht und eine Batterie weg⸗ genommen, da bei dem Auffahren unserer Vorhutartillerie Fahrer und Kanoniere der Russen Reißaus genommen hatten. Die er— beuteten Fahrzeuge, 6 Feldkanonen und 12 Munitionswagen sowie 1 Gebirgskanone, ka— men im Walde an uns vorüber. Nachmittags *— 132— wurde ich nach vorn befohlen, da unsere Truppen nordwestlich Radochonce auf starken Widerstand gestoßen waren, was nach dem Verhalten der feindlichen Nachhut am Vor⸗ mittag sehr überraschte. In Radochonce, in das feindliche schwere Artillerie lebhaft hin⸗ einschoß, traf ich den Divisions⸗, Brigade⸗ und Regimentsstab. Ich erhielt den Befehl, meine Abteilung westlich Radochonce in Stel⸗ lung zu bringen. Um 6 Uhr konnte sie noch in das Gefecht eingreifen. Meine Batterie steht auf einer kahlen Höhe, die Protzen, bei denen wir unser Zelt haben, einige hundert Meter zurück an einem kleinen Waldstück. Abends um 9 Uhr konnte erst das Essen aus⸗ gegeben werden, da am Tag keine Zeit da⸗ zu war. Heute früh stand ich um ½3 Uhr auf und war um 5 Uhr an der Beobachtungsstelle, die sich in dem vorderen Hang der Höhe, auf der die Batterie steht, befindet. Von morgens 5 Uhr bis abends gegen 8 Uhr wurde geschossen. Die Sonne brannte den ganzen Tag auf uns, da das Gebüsch, hinter dem wir uns eingegraben haben, nach Nor⸗ den zu liegt und uns daher keinen Schatten gewährt. Die Russen haben eine stark aus⸗ gebaute Stellung; in der Nacht haben sie offenbar auch noch Artillerie herangezogen, die sich namentlich heute nachmittag sehr un⸗ angenehm bemerkbar machte. Unsere Infan⸗ terie sollte nachmittags die feindliche Stel⸗ lung stürmen. Ich konnte von meiner Be⸗ obachtungsstelle aus die Entwicklung der Sturmtruppen genau verfolgen. Zur Vor⸗ bereitung des Angriffs beschoß unsere ganze Artillerie die feindlichen Schützengräben; die russische Artillerie blieb die Antwort nicht schuldig. Es war zeitweise eine tolle Schieße— rei. Zwischen den beiderseitigen Stellungen liegen im Tal Dörfer, in denen die Bewoh⸗ ner sich noch befanden, und durch die unsere Infanterie hindurch mußte. Um diese am Vorgehen zu verhindern, schoß die feindliche leichte und schwere Artillerie dauernd in die Dörfer hinein. Bald brachen an verschiedenen Stellen Brände aus, die sich bei dem star⸗ den Wind rasch weiter verbreiteten. Dicke schwarze Wolken stiegen empor, bis das Feuer Luft bekam und die mächtigen roten Flammenzungen gen Himmel loderten. Die gerzweifelten Bewohner kamen mit ihren Kindern, Pferden und Kühen auf die Höhen herauf und flüchteten in den nahen Wald. Unsere Infanterie ging durch die brennen⸗ den Dörfer trotz des wohlgezielten feind⸗ lichen Feuers hindurch und nahm die vorder⸗ ste feindliche Stellung. Es war ein inter⸗ essanter, aber sehr schwerer Schlachttag, der uns den Krieg in seiner ganzen Grausamkeit und Härte vor Augen führte. Wir sind schmutzig, hungrig und müde. Die Pferde sind sehr schlapp. Lebensmittel und Futter kommen nur langsam und in unzureichender Menge heran; die Einwohner haben ihre Vorräte versteckt. 20. Mai 1915. Die uns hier gegenüber⸗ stehende Artillerie schießt vorzüglich und ver⸗ fügt offenbar über reichlich viel Munition, was für uns hier im Osten neu ist. Unsere Infanterie hat ziemliche Verluste, trotzdem kommt sie stetig, wenn auch langsam, vor. Hier folgte Graben hinter Graben. Die letz⸗ ten drei Tage war ich stets bis zu 14 Stunden lang an der Beobachtungsstelle, den ganzen Tag schutzlos der Sonnenglut ausgesetzt. Auch erhielt ich dort unangenehmes Artille⸗ rleseuer, ebenso die Batterie in der Feuer⸗ stellung. Da die Russen auch das Hinter⸗ gelände, besonders nachts, mit leichter und schwerer Artillerie abstreuten, waren auch die Protzen und unser Nachtlager gefährdet. Ich war deshalb nicht böse, als ich heute den Be⸗ fehl zum Stellungswechsel erhielt. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Ich werde vom 15. August bis 2. Septem⸗ ber verreist sein; während dieser Zeit über⸗ nimmt Herr Pfarrassistent Müller(Wil⸗ helmstr. 361) die Amtsgeschäfte der Lukas⸗ gemeinde. Gießen, den 12. August 1921. Bechtols heimer. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 14. August. 12. n. Trinitatis. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Markusgemeinde: Pfarrer Becker.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarr⸗ assistent Ramge.— Montag den i e abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmier⸗ ten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. — Donnerstag den 18. Aug., abends 8 Uhr: Zusammenkunft des Frauenvereins der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Johannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarr⸗ assistent Müller.— Abends 8 Uhr: Bibel⸗ besprechung im Johannessaal: Pfarrassistent Ramge. * Wartburg-Verein. Sonntag den 14. Aug.: Frühwanderung mit Waldandacht. Abends: Zusammenkunft im Heim. Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 14. Aug.: Waldgottesdienst am Ludwigsbrunnen. Abmarsch 7 Uhr vor⸗ mittags vom Ludwigsplatz. Herantwortlich: Pfarrer Bechtolsheimer. 7 5 99 Verlag der Brsühl'schen Untversitãts- Buch- und Steindruckere! R. Lange, 5 Gießen —