onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 24 Gießen, 3. Sonnt. n. Trinitatis, den 2. Juni 1921 10. Jahrg. Freie Entscheidung. Evang. Luk. 14, 18. Und sie fingen an, alle nacheinander sich zu entschuldigen. Das Gleichnis vom großen Abendmahl ist der Niederschlag schmerzlicher Erfahrungen, die der Heiland gemacht hat. Er kam in die Welt, um die Menschen zu Gott zu führen, um zu werben für seines Vaters Reich. Das Herrlichste, das es nur geben kann, bot er den Menschen an, nämlich Seligkeit, Sünden vergebung, Ruhe für ihre Seelen. Viele leisteten diesem freundlichen Rufe Folge, wir denken da an Nikodemus, an Zachäus, an Maria und Martha, vor allem an die Jünger des Herrn. Aber die große Zahl des Volkes stand ihm ablehnend gegenüber. Er lud sie ein, zu Gott zu kommen, aber sie wollten nicht. Jesu Sendung ist noch nicht an ihr Ende angelangt, im Gegenteil, sie gehr fort und fort durch die Jahrhunderte. Jede Glocke, die am Sonntag läutet, jede geöffnete Kir chentür, jeder christliche Verein, jede Bibel, jede religiöse Schrift lockt, ruft und mahnt im Auftrage Jesu: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Aber es ist heute wie einst, die meisten Menschen wollen nicht kommen. Geld, Welt und Ehre locken sie weit mehr als der Ruf Gottes. Selbstverständlich kann man in solchen Fällen nicht denen die Schuld beimessen, die, wie das Eltern, Leh rer, Seelsorger und viele gereifte Christen— menschen tun, anderen zurufen: Lasset euch versöhnen mit Gott, so wenig kann man ihnen die Schuld beimessen, wie es der Hausherr im HGleichnisse verschuldet hat, daß die Geladenen nicht kommen wollen. Die Verantwortung für sein Seelenheil trägt der einzelne Mensch selber. Haben ihm andere den Weg zu Gott gewiesen, so ist es seiner freien Entscheidung anheimgestellt, ob er diesen Weg gehen will oder nicht, ob er einen festen Halt für seine Seele gewinnen oder sich der Friedlosigkeit in, die Arme wersen will. H. B. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Da geht die Türe auf und Herr Busch sen. erscheint in derselben. Es wurde ihm„blimmerant““ vor den Augen, als er die Bescherung sah. Der Aquariums-Genossenschaft bemächtigte sich, als sich das Wetter über ihr zusammenz jeg, eine Art Starrkrampf, ähnlich wie alles Lebende am Hofe Dornröschens einst in Schlaf verfiel, als es sich mit der Spindel in den Finger gestochen hatte. Nur die Frösche behielten kaltes Blut und hüpften tiefer unter die Möbel.„Ich will euch!“ fauchte Herr Busch erbost. Dann hagelte es „Hotzeln“, wie man damals statt„Ohr feigen“ sagte.„Rette sich, wer kann!“ war nun die Losung und binnen 3 Minuten war das Lokal gesäubert. Hals über Kopf kollerte einer über den 1. 5 die schmale Treppe hinunter, und als im Geschwind schrikt und in eee Entfernung am Buschschen Hause vorber über das Kreuz vol tigierten, da flog ihnen als Abschiedsgruß von oben herunter mit donnerndem Krach der Blechkasten nach, ihm folgte Otto Eber hards Vogelkäfig, der, auf dem Pflaster ausschlagend, noch einen lustigen Luftsprung machte. So endete das mit so vielen Hoffnungen begonnene, allerdings et was blechern fundierte Aquarienunternehmen mit einem kläglichen Fiaslo, Das abendliche Familienkonzert aber „derer vom Fürstenbrunnen“ draußen vor dem. Walltor klang, dünn und lückenhaft und die Leute sagten:„'s gibt anner Wetter.“ Am folgenden Tage hielt man sich von dem Herrn Busch sen., als er die Produkte seiner Blaufärberei, die in einem blaß himmelblauen Ton leuchtenden, auf Holz schablonen aufgezogenen Strümpfe, an den Häusern der„Sonne“ entlang, zum Trock nen aufstellte, in respektvoller Entsernung— Doch nach und nach kam die alte Freund schaft von selbst wieder zu Stande, denn Buschs waren weit davon entfernt, den Jungen die Froschgeschichte nachzutragen. Ten Schluß derselben bildete übrigens die Beerdigung eines der Frösche, welcher unter dem Balkon lag und alle Viere streckte. Er wurde in Seidenpapier gewickelt, in eine g Pappschachtel gelegt und in Balsers Garten in der Neuen Bäue begraben. Das Grab erhielt dabei einen Hügel, so groß, wie wenn ein ausgewachsener Mensch seine letzte Ruhestätte unter ihm gefunden hätte; außer⸗ dem auch ein Kreuz. Herr Balser sen. war, als er, wie allabendlich, seinen Garten be⸗ trat, und den Grabhügel in seinem auf⸗ dringlichen Umfange gewahr wurde, nicht wenig erschrocken und erstaunt. Erst als er von dem Photographen Stix, dessen Atelier sich in dem gleichen Grundstück be⸗ fand und der auch den Hammer nebst Nä⸗ geln für das Kreuz gestellt hatte, erfuhr, was eigentlich los war, beruhigte er sich und lachte. Seine beiden Jungen mußten aber noch selbigen Tags den Hügel wieder beseitigen.— Das von den Gießenern prophezeite„an— dere Wetter“ sollte nicht ausbleiben: Der 66er Krieg lag in der Luft. Doch bevor wir uns das Treiben der Kreuzer Jugend während dieser Zeit besehen, muß ich die verehrlichen Leser, und so leid mir dies tut, auch diejenigen, welche schwach auf den Bei⸗ nen sind, bitten, mit mir einen Sprung rückwärts zu machen. Wir sind bei un⸗ serer Beschäftigung mit den kleinen Jungen unversehens, in das Gehege der größeren geraten und dabei an den, für einen jeden Angehörigen eines kultivierten Staates den Anfang eines neuen Lebensabschnittes bil⸗ denden Markstein„die Schule“ achtlos vor⸗ übergegangen. Bei einer so wichtigen Sache, wie sie der Eintritt in die Schule und der damit dem Gefühlsleben und den Gewohn⸗ heiten eines Sechsjährigen plötzlich aufer⸗ legte Zwang, insbesondere der Eingriff in scherte den Schulranzen, bei manchem auch noch die Schiefertafel und den Griffelköcher oder Griffelkasten. Diese direkte Einwir⸗ kung auf die kindliche Eitelkeit brachte hier und da einen Umschwung zugunsten der Schule zustande. Der Ranzen wurde mit ins Bett genommen, oder so aufgehängt, daß nach dem morgendlichen Erwachen der erste Blick auf ihn fiel. Kluge Mütter ließen ihn aber, im Gegensatz zu anderen, nach den Feiertagen sofort wieder verschwinden. Da⸗ durch wurde die Sehnsucht nach ihm auf⸗ rechterhalten und die Beklommenheit vor dem ersten Schulgang durch sein Wieder⸗ erscheinen und das Bewußtsein, ihn jetzt stets mitnehmen zu dürfen, etwas gemildert. (Fortsetzung folgt.) Etappe Langen. Erinnerungen aus den Jahren 1813 bis 1815 von Karl Friedrich Maurer, mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. (Fortsetzung.) „Das hat auf meine Anordnung statt⸗ gefunden, Herr Rittmeister, und zwar nach Ihren Leuten, weil diese gegen alle Armee⸗ orders sich schon mehrmals erlaubt haben, in die Mühle plündernd einzubrechen. Der Offizier hier hat das Schießen durch seine Mannschaft vollziehen lassen und ist eben im Begriff, den Vorfall an seine höhere Be⸗ hörde zu Darmstadt zu berichten.“ „Ei, das wird nicht gerade nötig sein; nach dem, was ich soeben vernommen, habe ich weiter den Auftrag, namens des Gene⸗ rals die Versicherung zu geben, daß er zur Verhütung von Ungebühr seitens seiner J die ungebundene Freiheit, bildet, ist es rat⸗ Leute die strengsten Befehle erteilt habe:; sam, den Kandidaten schon beizeiten an den Schulgedanken zu gewöhnen. Die Eltern versäumten daher auch nicht, die Schule, welche das Söhnlein demnächst aufnehmen sollte, und ihren Leiter, bei passenden Ge⸗ legenheiten in das beste Licht zu stellen. „Da sitzen die kleinen Kreuzer Buben alle an einem Tisch, und der Herr Lehrer er⸗ zählt die schönsten Sachen. Ihr lernt dann lesen, schreiben und rechnen und seid bald viel gescheiter, wie die, welche das nicht können. Es wird auch gesungen, und der Herr Lehrer spielt die Violine dazu.“ Daß ber Herr Lehrer sich des öfteren vergriff und statt der Geige einen Jungen und an Stelle des Fidelbogens das spanische Rohr erwischte, das verschwieg man, als der Sache zur Zeit nicht dienlich. Die Wirkung dieser Vorbereitungen war verschieden. Der eine freute sich, den anderen ließ die Sache kalt, und der Dritte begegnete ihr mit ausge⸗ sprochenem Mißtrauen, zum Ausdruck ge⸗ bracht durch ein langgezogenes„Hooooi“, mit einem scheelen Blick aus den zusammen⸗ gekniffenen Aeuglein. Zu Weihnachten be⸗ kam die Schulfrage schon eine etwas greif⸗ barere Gestalt, denn das Christkindchen be⸗ man möge bei unverhofft wiederkehrendem Fall nur nicht schießen lassen, sondern so⸗ gleich Anzeige machen zur Untersuchung und schärfsten Bestrafung.“ a „Das würde für uns zu spät sein, schwer⸗ lich auch uns etwas nützen; das sicherste Mittel, uns selbst ohne weiteres gegen Plün⸗ derung zu schützen, und Ihrerseits das beste Mittel, Ihre Leute von weiterem Ungebühr abzuhalten, ist, wenn ihnen allgemein be⸗ kannt gemacht wird, was sie von unserer; Seite zu erwarten haben.“ Auf weitere Einsprache hiergegen ließ ich mich nicht ein. Der Herr Rittmeister, wie er mir sagte, ein geborner Kurländer, be⸗ nahm sich sehr fein und artig, entfernte sich höflich, die Erkenntnis mitnehmend, daß es mir, als einem ehemaligen Militär, an einschlägigen Erfahrungen nicht fehle. Aehn⸗ liche Exzesse kamen nun von Seiten der Kürassiere unmittelbar nicht mehr vor, aber nur wenige Tage nachher ereignete sich etwas in anderer Form. Eines Morgens, es war am 3. Dezember 1813, rückte in der Frühe eine sehr starke Abteilung des gedachten Kürassierregiments zu Fuß, geführt von ein paar Offizieren, im 4 8 3 5 l * Gefolge vieler leerer Bauernwagen in den Ort. Die Mannschaft zerstreute sich als— bald in die Mehrzahl der Scheunen und Fruchtböden, um darin befindliches Heu, Stroh, auch noch unausgedroschenes Hafer— stroh wegzunehmen und auf die mitgebrach— ten Wagen aufzuladen. Dies alles war schon allgemein ins Werk gesetzt worden, ehe ich etwas davon gewahr wurde. Die Straße von Philippseich zog an meiner Wohnung vorüber in den Ort. Die Truppen aber waren von der entgegengesetzten Seite her in den Ort gerückt. Ich vernahm endlich argen Lärm darin, sprang nach dem Innern vor, und nun kamen Leute auf mich zu gerannt, um mir zu sagen, daß die Russen mit allgemeiner gewaltsamer Fouragierung fast schon überall begonnen hätten. Ich suchte zunächst nach dem die Truppen kom⸗ mandierenden Offizier. Vorerst vergeblich. Endlich traf ich einen Offizier auf der Straße. Ich protestierte bei ihm aufs ernst— lichste gegen die unternommene Fouragie—⸗ rung und besonders wegen der Weise, wie solche eingeleitet worden, was nur Art und bewachen, rannte nach dem hochgelegenen Haferboden, zu dem man nur auf einer sehr schmalen Treppe gelangen konnte, die kaum Raum gab für einen Mann mit dem gefüll— Sack auf der Schulter. Ich traf auf jeder Staffel einen Russen stehend, drängte mich neben ihm hinauf bis zum obersten, faßte diesen an der Brust und stürzte ihn gegen die Treppe hinab, so daß alle Unterstehenden wie Kartenblätter aufeinander purzelten. Mit Fußtritten half ich nach, und in wenigen Augenblicken war der Zehnthof von allen Russen geräumt. Ich ließ alles bestmöglich versperren und von einigen Männern des Orts bewachen. Mein Verhalten war wohl nicht ganz ohne alle persönliche Gefahr für mich. In einen grauen Radkragen gehüllt, mit einfacher Tuchkappe bedeckt, ohne irgend⸗ ein Abzeichen zum Erkennen für den Sol⸗ daten, war ich aufgetreten. Ich achtete aber auf persönliche Gefahr gar nicht und er— kannte, daß es gegen den Russen nur eines entschlossenen Faustschlags oder Fußtritts bedurfte, um sich Respekt zu erwirken. Gleich nach dem Erzählten fand ich den heillose Unordnungen zur Folge haben könne. kommandierenden Offizier mitten im Ort. Ich beschwor ihn, dieser Unordnung zu Ich erkannte in ihm den schon früher er⸗ steuern, und verlangte Nachweisung dar⸗ wähnten Rittmeister und Adjutanten des über, wodurch der Trupp überhaupt berech⸗ tigt worden sei, eine Fouragierung im Ort zu unternehmen Er erklärte, daß er das Kommando nicht habe und irgendeine Nach— weisung gar nicht geben könne. „Wo ist der Kommandierende?“ „Wo er sich im Augenblick befinden mag, das kann ich nicht sagen.“ Bevor ich weiter schritt, kamen auf den Offizier und mich aus einer Seitenstraße einige Weiber heulend herangerannt und schrien, die Russen hätten bei ihnen Kisten und Kasten erbrochen und seien mit deren Ausplünderung begriffen. „Nun, mein Herr Offizier, alsogleich zur Hilfe!“ Ich faßte ihn ohne alle Umstände am Arm, doch folgte er willig und hatte Ge⸗ legenheit, seine Leute über der Plünderung zu ertappen. Diese wurden nun mit Fäusten und Tritten augenblicklich vertrieben, und ich wiederholte dem Offizier aufs dringendste meine Bitte, seine Leute aus Scheunen und Häusern, wo er sie finde, aufs ernstlichste zu vertreiben, da ich nicht zu verbürgen ver⸗ möge, welche Folge weitere Plünderungen haben könnten. Als ich weiterschritt, um den Kommandierenden aufzusuchen, ward mir die Nachricht, daß die Kürassiere die unter meiner Obhut stehenden fiskalischen Scheu— nen und den Haferboden gewaltsam erbrochen und mit dem Ausräumen des Inhalts be— gonnen hätten. Augenblicklich war ich an Ort und Stelle und erkannte, daß die Russen schon Heu und Hafer genommen, geladen auf einen Wagen, womit sie aus dem Ort hin— auseilten. Ich ließ das Tor zum Zehnthof, woran die Schlösser zerbrochen waren, ver⸗ sperren und durch einige Männer des Ortes Generals Arsenief. Ich erklärte ihm meinen Protest gegen die eingetretene Fouragierung im Ort, besonders gegen die Art, wie sie eingeleitet worden, und forderte Nach wei— sung über seine Berechtigung hierzu. Er zeigte mir ein Schreiben vor, das von dem russischen Armeegeneralintendanten Herrn von Cancrin, einem Hessen von Geburt und nachmaligem Finanzminister in Ruß— land ausgestellt und unterschrieben war und dahin lautete, daß das Kürassierregiment Großfürst Konstantin ermächtigt werde, sich mit Zuziehung der betreffenden Bezirks⸗ beamten die benötigte Fourage in der Um⸗ gegend zu verschaffen mit Ausnahme jedoch der Orte, die zum Departement Aschaffen- burg gehörten oder auf der Etappenstraße lagen. Ich erwiderte darauf:„Die Foura⸗ gierung soll geschehen unter Zuziehung der Bezirksbeamten; der unsrige wohnt zwei Stunden entfernt zu Mörfelden. Erlauben Sie, von der Urkunde Abschrift zu nehmen und diese dem Beamten aufs eiligste durch einen Landdragoner zuzusenden mit der drin- genden Aufforderung, sich unverweilt hier— her zu verfügen.“ Dieses wurde augenblicklich zugestanden, und ich ersuchte einen der gegenwärtigen Schullehrer, die Abschrift so schnell wie mög— lich anzufertigen, flüsterte ihm aber zu, so— gleich zwei Abschriften zu machen und dem nächst eine davon mir zuzustellen. Das ge— *) Graf Georg Cancrin, geboren am 8. Dezember 1774 in Hanau, seit 1794 in russischen Diensten, 1823 Finanzminister, gestorben am 21. September 1845 in Paw losk bei Petersburg. — 3 n SSC—:fTT———————— —— ——„— 9 schah auch. Die Abschrift wurde augenblick⸗ lich durch den schon bereiten Landdragoner nach Mörfelden befördert. Daraufhin be⸗ merkte ich dem Rittmeister, daß nach dem Ausspruch der erteilten schriftlichen Ermäch⸗ tigung eine Fouragierung in dem Ort hier, weil er auf der Etappenstraße gelegen sei, nicht stattfinden dürfe. Gleichzeitig hätte ich meinerseits nichts dagegen zu erinnern, wenn der herbeigerufene Bezirksbeamte glaube, eine Verabfolgung von Fourage aus dem Ort verwilligen zu können. Er möge dieses gefällig abwarten. Aufs dringlichste müsse ich ihn bitten, einstweilen ohne Verzug der Fouragierung in der Art, wie sie eingetreten, Einhalt zu gebieten, und alle seine Leute zurückzurufen. Der kommandierende Offi⸗ zier zeigte indessen keine Neigung, meiner Bitte Folge zu geben. Bei weiteren Ver⸗ handlungen dieserhalb waren er und ich mit einigen andern in einen nahen Hofraum eingetreten. Da die Ortseinwohner erkannten, daß ich ihnen zum Vorteil mich gegen das einge- tretene Verfahren dringend und ernstlich auf⸗ lehnte, so hatte sich schon auf der Straße eine große Anzahl Männer, alte und junge, besonders auch kräftige junge Burschen, um⸗ her gesammelt; ihre Masse wuchs immer mehr an, als ich mit dem Rittmeister in den erwähnten Hofraum eingetreten war. Diesem erklärte ich endlich, daß es sehr schlimme Folgen haben könne, wenn er mei⸗ ner Bitte nicht nachgebe. Die Verantwor⸗ tung deshalb überließ ich ihm. „Was wollen Sie damit sagen? Was be— absichtigen Sie?“ „Das sollen Sie sogleich erfahren, Herr Rittmeister. Geben Sie mir nur katego⸗ rische Antwort! Wollen Sie Ihre Leute zurückrufen und die Fouragierung einstellen oder, wie begonnen, fortfahren lassen?“ „Ich werde meine Leute nicht zurückrufen und ohne Fourage den Ort nicht verlassen!“ Daraufhin wandte ich mich gegen die Bauern, ihnen laut zurufend:„Männer von Langen, besetzt aufs schnellste alle Ausgänge des Orts, laßt keine Fourage hinaus! Wer⸗ det ihr angegriffen, so wehret euch eurer Haut, schlagt tapfer darauf los mit allem, was ihr zur Hand bekommen könnt! Herr Rittmeister, ich habe die Ehre, mich zu emp— fehlen!“ (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Sonntag den 12. Juni, vormittags 8 Uhr, veranstalten der Evangelische Arbeiterverein und der Wartburgverein auf dem Schiffen⸗ berg einen Waldgottesdienst. Es wird ge⸗ beten, daß die Teilnehmer Gesangbücher mitbringen. Gesungen sollen werden: Lied Nr. 362„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ und Nr. 152„Ach bleib mit deiner Gnade“. Der Bläserchor des Wartburg⸗ vereins wird die Lieder begleiten, der Ge⸗ mischte Chor des Evangelischen Arbeiter⸗ vereins wird einige Lieder vortragen. Im Jahre 1834 waren 300 Jahre ver⸗ flossen, daß die vollständige Bibelüber⸗ setzung Martin Luthers im Druck erschien. Wie allerwärts in Deutschland, so hat man auch in Gießen dieses Ereignis gefeiert, und zwar am Reformationsfeste, das in dem genannten Jahre am 2. November stattfand. Vormittags 9 Uhr versammelten sich auf dem Rathause der Stadt⸗, Kirchen⸗ und Schulvorstand, um gemeinsam im feierlichen Zuge, unter dem Geläute der Glocken nach der Kirche zu gehen. Zur Erinnerung an diesen Tag stiftete die Stadt der Kirche ein Prachtexemplar der Bibel, das jetzt noch vorhanden ist. Auf dem Blatte vor dem Titelblatte steht, von der Hand des Bürger⸗ meisters Karl Silbereisen geschrieben, die Widmung:„Diese Bibel wurde am Feste der dreihundertjährigen Jubelfeier der Lutheri⸗ schen Bibelübersetzung am 2. November 1834 von der Stadt Gießen in die Kirche gestiftet und an demselben Tage von mir dem unter⸗ zeichneten Bürgermeister den Geistlichen zum segensvollen Gebrauche übergeben.“ Dieses Exemplar war verhältnismäßig teuer, es kostete 9 Gulden. Die Kinder der 1. Kna⸗ ben- und der 1. Mädchenschule zogen gleich⸗ falls in feierlichem Zug mit ihrem Lehrer und trugen unter Musikbegleitung passende Lieder vor. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 12. Juni. 3. nach Trinitatis. In der stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Vormittags 9¼ Uhr, Pfarrer Baie Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde: Pfarrer Becker. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrassistent Ramge.— Vormittags 9¼ Uhr: Pfarr⸗ assistent Müller.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde: Pfarrassistent Müller. * Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 12. Juni: Frühspaziergang mit anschließendem Waldgottesdienst auf dem Schiffenberg. Abmarsch 7 Uhr Ecke Schiffen⸗ berger Weg—Gartenstraße. Wartburg⸗ Verein. Ev. Bund.. Sonntag den 12. Juni: Waldgottesdienst auf dem Schiffenberg; anschließend daran Tagestour mit Abkochen nach der Lepper⸗ mühle. Führer: Engels und Richter. Rad⸗ fahrerabteilung: Borrmann und Pfaff. Ab⸗ marsch 7 Uhr Ludwigsplatz. Freunde sind herzlich eingeladen. Merantworklich: Pfarrer Bechtolshefmer Hruck und Verlag der Brühf'schen Untversstäts⸗Buch und Steindrucke re * R. Lange, Gießen.