— 1 * 4 3 onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 4J Gießen, 20. Sonnt. n. Trinitatis, den 9. Oktober 1921 10. Jahrg. 1 Harte Jugend. Klagel. Jer. 3, 27. Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage. Sehr viele von den deutschen Männern, die zu den Führern ihrer Volksgenossen ge⸗ hören, haben eine schwere Jugendzeit durch— lebt. Luther stand im Elternhause unter strenger Obhut, in Eisenach sang er um das liebe Brot vor den Türen reicher Leute, als Mönch hatte er Entbehrung und Niedrigkeit u tragen. Moltke hat in seinem späteren eben erzählt, daß er als armer Leutnant manchmal Hunger leiden mußte. Ludwig Richter hat noch als verheirateter Mann des „Künstlers Erdenwallen“ kennen gelernt. Dem großen Meister der Missionskunde Gu⸗ stav Warneck ist gleichfalls der Aufstieg sehr schwer geworden. Er war 1834 als der Sohn eines Nadlermeisters zu Naumburg a. d. S. geboren worden. Den Eltern wurde es schwer, ihre Kinder durch die Arbeit ihrer Hände zu versorgen. Der älteste Sohn Gustav hat manche schwere Kinderkrankheit überstanden. Die Zucht der Schule, die er besuchte, war nichts weniger als gelinde, freie Zeit gab es für ihn damals nicht. War der Schul- unterricht zu Ende, so mußte der Knabe dem Vater helfen, Nadeln abzählen und Pakete packen. Der Sohn, der später in kurzer Form sein Leben beschrieben hat, sagt:„Der Ernst des Lebens ging dem nachdenklichen Knaben früh auf; mancherlei Leiden, die über die Familie gingen, warfen dunkle Schatten auf seinen Weg.“ Nach der Entlassung aus der Volksschule war Gustav Warneck mehrere Jahre Lehrling bei seinem Vater, eines Tages aber kam ihm, während er gerade Stecknadelköpfe schnitt, der Gedanke, daß er studieren wolle, ein wohlwollender Onkel bahnte ihm hierzu den Weg. Als der Sech— zehnjährige nach Halle ging, um dort in das Gymnasium einzutreten, konnten ihm die Eltern nicht mehr als einen Taler mitgeben. In einer Zeit, in der die Lebensmittel nicht teuer waren, mußte er oft Hunger leiden, man wundert sich nicht, daß ihn eine Lungen— blutung auf das Krankenlager warf. Als er genesen war, gab er tagsüber Privatstunden, um sein Leben fristen zu können, nachts wid⸗ mete er 4— dem Studium. Von seinem ge⸗ ringen Verdienste mußte er, als der Vater früh gestorben war, noch die Mutter und die Geschwister unterstützen. Dieses harte Joch hat den Jüngling nicht zermürbt, ihn im Gegenteil innerlich geför⸗ dert. Trotz so mancher Krankheit ist Warneck 76 Jahre alt geworden, er war am Ende seines Lebens der beste Kenner der christ— lichen Mission. Wir leben abermals in einer Zeit, in der hochstrebende Jünglinge das Joch einer har—⸗ ten Jugend tragen müssen. Nach Gottes Rat und Willen soll das dazu dienen, den Charakter zu stärken, den Glauben zu ver— tiefen, die Kraft anzuspannen und den Blick zu erweitern, so daß das alte Gotteswort in Erfüllung geht: Es ist ein köstlich Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage. H. B. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vocigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Wie zu Weihnachten, so besuchte man auch zu Ostern die Petter und die Goten,„um emol zu sehe, was de Has gelegt hätt“. Bei diesen war schon alles vorbereitet, und wenn man bei ihnen in die feiertägig hergerich— tete Stube eingetreten, die Frage gestellt und jedem die Hand gegeben hatte, entfernte sich die Got und versteckte im Hausgärtchen oder wo ein solches nicht vorhanden war,„in de gut' Stub'“, natürlich leicht auffindbar, die Eier. Während dieser Zeit unterhielt sich der Petter mit seinem Besuch, erkundigte sich nach der Mutter und nach dem Vater, auch wenn er erst gestern abend mit ihm am Stammtisch gesessen hatte. Dann kam die Got wieder und stellt ihrerseits auch aller— hand Fragen.„Na, nu klopp emal dem Has auf de Schwanz!“ forderte sie ihren Gatten auf, denn ohne diese Prozedur war mit dem Has nichts anzufangen. Der Petter nahm dann einen Stock, ging an die Türe und schlug mehrmals auf den Fußboden, den Küchentisch oder auf sonst etwas, daß es nur so krachte.„Hörschtes?“ sagte die Got,„ewe hatt er'n!“ Unmittelbar darauf erschien der Petter wieder in der Türe und versicherte, „daß er'n awwer tüchtig getroffe hätt!“ Nun ging's auf die Suche, die natürlich keine große Mühe machte. Das mitgebrachte Hen— kelkörbchen war bald gefüllt, die guten Leute standen dabei und freuten sich über den klei nen Liebesdienst, den sie ihrem Patchen mis — 162— dem Eierverstecken erwiesen hatten. War ein Ei noch unaufgefunden, so sagte der Petter: „Ich glaub als, es fehlt noch eins; es is mer so, wie wenn er da hinne bei dem Büsch⸗ che noch eins hätt' falle lasse. Ich hawwem e paar versetzt, die für e Dutzend mindestens ausreiche!“ Und so fand dann der kleine Sucher restlos sämtliche Eier, die der Has ge⸗ legt hatte, rote, gelbe, blaue und grüne. Das war eine Freude! Dann ging man wieder in die Stube, und der Petter erzählte, daß er schon vor acht Tagen gesehen hätte, wie sich der Has in der Nachbarschaft herumge— trieben und überall ausspioniert hätte, wo er am besten die Eier verstecke. Das verfing aber nur bei den ganz Kleinen. Die größeren lächelten und faßten die Worte vom Petter als Spaß auf, dieser gefiel sich denn auch Eine Uriegsgefangenschaft im Jahre 1860. Aus den hinterlassenen Papieren des Ge⸗ heimerats Theodor Goldmann mitgeteilt von Dr. Karl Esselborn. (Fortsetzung.) Abends 11 Uhr, Erscheinen eines Offi⸗ ziers, welcher mich im Auftrag des Zivil⸗ kommissärs für verhaftet erklärte, mir jedoch bemerkte, daß ich nicht als Gefangener be⸗ handelt würde, wenn ich ehrenwörtlich er⸗ kläre, mich am folgenden Tag mit dem ersten Bahnzug in Begleitung eines Offiziers in das Hauptquartier in Frankfurt zu begeben. in der Rolle des Aufschneidens. So machte man die Runde und brachte eine Menge Eier mit nach Hause. Wo mehrere Kinder auf diese Weise den Ostertribut einheimsten, füll— ten sich die Behälter, und der Vater meinte: „es leppert sich doch zusamme!“ Die Eier wurden meist so gegessen, wie sie waren; besondere Gerichte aus ihnen her⸗ zustellen, war nicht Mode. Ueberall in der Stadt lagen die bunten Schalen umher und viele der Jungen, denen man begegnete, wa ren am Kauen oder Würgen, denn da die Eier meistens hart gesotten wurden und beim Schlucken schlecht rutschten, so machte hier und da einer die gleichen Schlingmanöver wie ein Huhn, wenn es eine Brotkruste im Hals stecken hat. Uns Buben gingen die Festtage stets viel zu rasch vorüber. Die Kuchen verschwanden, und mit ihnen die Magen- und sonstigen Be⸗ schwerden, und das war das Gute dabei. Der Lehrer konnte wieder daran denken, mit sei⸗ nen Schülern Spaziergänge zu machen. Am Himmelfahrttage früh morgens pilgerte alt und jung in den Wald, als Endziel meist der Schiffenberg. Zu Pfingsten war das Herumstreifen bei Tagesgrauen in dem in seiner ganzen Pracht prangenden Wald eine Hauptfreude für die Jungen und da, wo der Vater aus irgendeinem Grunde nicht da⸗ bei sein konnte, zogen ganze Rudel auf eigene Faust hinaus, ausgerüstet mit einem tüch⸗ tigen Frühstück und etwas zum Trinken. Mit Sträußen von Waldblumen, an der Mütze ein Eichenlaubästchen, kehrten sie dann um die Mittagszeit wieder heim. Hatten sie ein Reh gesehen, so war das ein besonderes Er⸗ eignis. An lustigen Liedern fehlte es nicht, auch nicht an sonstiger Unterhaltung, denn was der eine nicht wußte, das wußte der andere. Käfer, Schmetterlinge und sonstige Insekten wurden für die Sammlung ge⸗ fangen, und ältere Jungen nahmen aller⸗ hand Pflanzen für das Herbarium mit nach Hause. Diese Tage im Frühling in Gottes freier Natur zählten zu den schönsten der Jugendzeit. Wie weit liegt sie nun zurück! (Fortsetzung folgt.) Protest gegen die Verhaftung als einen Gewaltakt und Abgabe der ehrenwörtlichen Erklärung. 10. August, morgens 5 Uhr, Reise nach Frankfurt, mehrmalige Konferenz mit einem Generalstabsoffizier an Stelle des erkrank⸗ ten Generals. Eröffnung an mich, daß ich als Kriegsgefangener auf der Festung in Wesel retintert werden müsse, daß ich aber allein reisen könne, wenn ich ehrenwörtlich ver⸗ spreche, am folgenden Tage mit dem ersten Bahnzug auf dem nächsten Weg(über Mainz) abzureisen und in Mainz mit niemanden zu verkehren. Am 11. August, morgens 5 Uhr, Abreise. Ankunft in Wesel abends 5 Uhr, Meldung beim Kommandanten. Soweit Goldmanns Darstellung der Vor⸗ gänge vor und bei seiner Verhaftung. In Frankfurt wohnte er am 10. August bei sei⸗ nem Schwager Georg Fresenius, dessen Frau seine Schwester war. Diese schrieb noch am selben Tage über seinen Aufenthalt daselbst vor seiner Abreise nach Wesel an ihre Schwä⸗ gerin, Goldmanns Gemahlin: 15 „Ich habe Theodor versprochen, Dir einige Zeilen zu schreiben, nicht um, Dir Trost zuzu⸗ sprechen, denn dessen bedarfst Du nicht, denn wer im Besitz eines solchen Mannes ist wie Theodor, der kann stolz auf das sein, was er eben erleidet. Er ist, Gott sei tausend Dank, ganz vergnügt, das Essen hat ihm vortreff⸗ lich geschmeckt, wir haben seine, Eure und der Darmstädter Gesundheit getrunken Vor einer Stunde haben wir seine Reise⸗ tasche gepackt, etliche Paar Socken und Sack⸗ tücher habe ich ihm von Georg mitgegeben, und da er keinen Paletot bei sich hat, so muß mein großer wollener Schal mit der roten Borde einmal herhalten..„ges hat ihm wohl nicht geahnt, daß er der Ehre teilhaftig wird, preußische Kriegsgefangen⸗ schaft zu teilen...; er ist auch vortreff⸗ lich mit spanischem Pfeffer einbalsamiert ge⸗ wesen, es werden also die Motten Deinem teuren Gatten kein Leid antun. Theodor ist mit Georg noch auf eine Stunde ins Kolleg gegangen, um noch einmal Frankfurter Bier zu vertilgen, beide werden bald wieder er⸗ scheinen; denn seit wir unter Preußen stehen, rn Ae e. eee . e 8 r 8 — 163— müssen alle Bierlokale um zehn Uhr ge⸗ schlossen werden, eine Einrichtung, die den Beifall aller hiesigen Frauen hat, und die hoffentlich recht streng durchgeführt wird. Morgen werde ich zu den Eltern reisen, um ihnen Theodors Arrestation mitzuteilen, er reist allein um 588 früh ab.... Mit Geld haben wir ihn auch versehen, er muß alles aus eigenen Mitteln bezahlen, dies hat man ihm gnädigst erlaubt.“ 8 Ueber Goldmanns Erlebnisse in Wesel be— richten seine Briefe an seine Frau, seinen Vater und seine Schwester. Ihnen sind die folgenden Auszüge entnommen. Wo nichts besonderes vermerkt ist, handelt es sich um Briefe an seine Gattin. 11. August. Ich bin heute nachmittag um 4 Uhr glück⸗ lich hier angekommen. Die Eisenbahn führte mich von Mainz an dem schönen Rhein her, vorbei an Stolzenfels, Remagen mit seiner prächtigen Kapelle, an dem herrlichen Sieben- gebirg; das Gasthaus in Königswinter, wo wir vor ein paar Jahren mit Dieburger Freunden einen so schönen Abend verlebten, winkte gar freundlich herüber. All die lieb⸗ lichen Erinnerungen zogen durch meine Seele. Uebrigens, wenn auch bei meiner Fahrt als Kriegsgefangener keine wunderbare Fröh⸗ lichkeit in meiner Seele wogte, so wohnte doch eine wohltuende Ruhe und Heiterkeit in derselben nach der beständigen Aufregung der letzten Tage, nach der qualvollen Stim⸗ mung, die sich meiner bis zu dem Augen— blick bemächtigt hatte, wo ich wußte, was über mich beschlossen sei. Von diesem Augen- blick an wurde ich ruhig und heiter, ich bin mir bewüßt, meine Schuldigkeit getan zu haben, und würde, wenn es noch einmal zu geschehen hätte, in keinem Stücke anders han deln, als ich gehandelt habe... Uebrigens hat das Oberkommando in Frankfurt die Maßregel in sehr humaner Weise zur Ausführung gebracht, mich auf Ehrenwort allein reisen lassen, und ebeuso hat mich der hiesige Kommandant in wahr⸗ haft liebevoller Weise empfangen. Ich bin sehr wenig beschränkt. Daß die Briefe, die ich schreibe und empfange, dem Herrn Komman—⸗ danten vorgelegt werden, versteht sich von selbst; es ist deshalb am besten, wenn in den an mich kommenden Briefen die gegenwär⸗ tigen Vorgänge in Gießen und Oberhessen, die mich allerdings sehr interessieren, gar nicht erwähnt werden, damit nicht der Herr Kommandant wieder seinen Willen genötigt würde, mir einen Brief vorzuenthalten.... Ich kann mir nicht denken daß mein Aufenthalt hier lange dauert, da die Frie- densverhandlungen in Berlin jedenfalls Keinen raschen Verlauf nehmen, trage die Sache mit Ruhe und Ergebung; der Beamte muß für seine Ueberzeugung, seine Dienstpflicht einstehen und auch Stürmen männlich die Stirne bieten; wir sehen uns, des bin ich überzeugt, bald und vergnügt D 13. August. An seinen Vater Bei meiner Verhaftung wurde mir gesagt, ich sei Kriegsgefangener. Da aber die an den hiesigen Kommandanten gelangte Verfügung dies nicht ausdrücklich erwähnte, so muß dieser mich als Staatsgefangenen, nicht als Kriegsgefangenen behandeln, wo— durch ich mancherlei dem letzteren zukom— mender Vergünstigungen verlustig gehen muß, insbesondere darf ich nicht frei in der Stadt herumgehen. Ich habe deshalb heute in einem Schreiben an den Herrn Komman— danten nicht allein den Protest gegen meine Verhaftung überhaupt wiederholt, sondern auch dagegen protestiert, daß ich nicht als Kriegsgefangener behandelt werde. Meine Wohnung ist ein Stübchen in der Zitadelle mit einem Bett, Tisch, Schrank, drei Stühlen. Den Kaffee bekomme ich von der Frau des Hauswärters, welche auch die sonstige Bedienung besorgt. Abends esse ich ein paar Eier, die mir ebenfalls die Frau besorgt, und das Mittagessen bekomme ich aus dem Offizierslasino, ein sehr reichliches und gutes Essen(Suppe, Ochsenfleisch, Ge— müse mit Beilagen und Braten) zu 8½ Silbergroschen(30 Kreuzer). In dieser Be⸗ ziehung fehlt mir also nichts.— In dem sehr großen Hof der Zitadelle kann ich, wann und so viel ich will, ohne Aufsicht spazieren gehen, und ich mache hiervon aus— gedehnten Gebrauch. Gestern war ich, mit Erlaubnis des Kommandanten in der Kirche. Ihr werdet über die Nachricht von meiner Verhaftung sehr erschrocken sein.... Ich habe eine derartige Maßregel erwartet, nachdem mir Herr von Briesen auf meine dringende Bitte, unser Gewissen, zu schonen und den nahe bevorstehenden Friedensschluß abzuwarten, gesagt hatte, daß dies unmög— lich sei. Von seinem Standpunkt aus war nunmehr die äußerste Strenge nötig; ob dieselbe und namentlich dieses Vorschreiten gegen mich ihn bei den anderen Beamten zum Ziele führt, bezweifle ich sehr. Hof- fentlich dauert meine Haft und überhaupt der ungewisse Zustand, in welchem Oberhes—⸗ sen jetzt schwebt, nicht lange. Außer mir ist der hannöversche Kammer- herr von Bock hier; er ist schon seit dem 26. Juni in Haft. Sodann sind viele Oester⸗ reicher und Bundestruppen als Kriegsgefan— gene hier, darunter auch verschiedene Hessen— Darmstädter'). Unter anderen habe ich gestern einen Artilleristen aus Brensbach gesehen. 14. August. An seine Schwägerin. Meine Reise hierher ging gut von— statten, in Köln restaurierte ich mich tüch⸗ tig und kam um vier Uhr hier an. Das ) 108 an Zahl, außerdem neun Hessen— Homburger. — 164— Zimmer der Zitadelle, das mir zum Woh— nen angewiesen wurde, ist zwar nicht groß, aber hoch, luftig und freundlich; das Fen⸗ ster geht auf den großen Hof der Zitadelle mit schönen Lindenalleen und einem kleinen Gärtchen unmittelbar vor dem Hause, so daß das Auge doch einen wohltuenden An⸗ blick hat. Für die materiellen Bedürfnisse ist gesorgt, das Mittagessen, das ich aus dem Militärkasino bekomme, ist gut und überreichlich, so daß ich darüber nicht zu klagen habe. Auch sonst wird durch die nicht genug zu rühmende Freundlichkeit des Kom⸗ mandanten, Herrn Obersten von Bültzings⸗ löwen, dem hiesigen Aufenthalt so viel als möglich das Unangenehme benommen, das Zimmer ist nicht verschlossen und der Spa⸗ ziergang innerhalb der Zitadelle ganz frei⸗ gegeben, natürlich nach vorherigem Ver⸗ sprechen, daß man keinen Fluchtversuch machen wolle.(Fortsetzung folgt.) von den Glocken. Wenn rings die Glocken schallen, geht es mir durch den Sinn, daß wir doch alle wallen zur ew'gen Heimat hin. Wenn die Glocken läuten, sollen sie uns eine Mahnung sein, unsere Gedanken him⸗ melwärts zu richten. Mir ist es stets eine Erbauung, wenn an Sonntagen in der Stille der Morgenfrühe die Glocken über die noch ruhige Stadt ihren gleichmäßigen Ruf erschallen lassen. Besonders eindrucksvoll war mir das vor kurzem, nachdem ein wunderbar schönes Morgenrot eine ganze Weile über der Stadt geleuchtet und mein Herz andäch⸗ tig gestimmt hatte. Wie ist dann die Seele geöffnet, den himmlischen Gruß in sich auf⸗ zunehmen, und wie schön ist es, die Morgen⸗ andacht in aller Stille zu halten, alle Sor⸗ gen dem treuen Vaterherzen zu übergeben und die Lieben dem anzuvertrauen, der unser aller Geschicke leitet. Dennoch scheinen nur wenige sich dessen bewußt zu sein, wie öde unser Leben wäre ohne Glockengeläute. Ich erinnere mich noch aus meiner Jugendzeit, die, wie jedermann weiß, lange zurückliegt, daß ein Verwandter meiner Mutter, der in seiner Jugend nach Amerika ausgewandert war, in einem seiner seltenen und darum viel gelesenen Briefe schrieb, er freue sich, bei einem nun endlich in Aussicht stehenden Besuch in der Heimat wieder Kirchenglocken zu hören. Er lebte tief im Lande, fern von jedem größeren Ort, nun ersehnte er neben dem Wiedersehen mit sei⸗ nen Verwandten, die Kirchenglocke seines Hei⸗ matdorfes zu hören; auch wolle er seinen Kindern diese Freude gönnen, er habe ihnen schon so viel von dem alten Kirchlein erzählt und von der Glocke, deren tiefen Ton er nicht vergessen könne. Ich denke mir, daß wohl viele, die ihre Heimat verlassen müssen, die gleiche Sehn⸗ sucht im Herzen tragen wie einen Ruf der Heimat. So wie die Kirchturmspitze gen Himmel weist, so sollen auch die Glocken uns mahnen, der Heimat„droben im Licht“ zu gedenken und unsern Sinn aus dem Ver⸗ gänglichen in die unvergängliche Herrlichkeit zu richten, wo nach fröhlich getaner Arbeit uns ein Feierabend winkt. Vom Dorfe her ein Glöcklein klingt, das mahnt: Legt euch zur Ruh! 's ist Feierabend,'s ist Feierabend, das Tagwerk ist getan; wir ziehen unsrer Heimat zu, wir wandern himmelan! Baronin R. . Kleine Mitteilungen. Kommenden Sonntag findet in allen Gottesdiensten die feierliche Eröffnung des Konfirmandenunterrichts statt, für die Matthäus⸗ und Lukasgemeinde um 10, für die Markus⸗ und Johannesgemeinde um 6 Uhr. Hierzu sind besonders die Eltern und sonstigen Angehörigen der Konfirmanden eir⸗ geladen. 1 In der Ueberschrift des Schlußartikels in Nr. 39 muß es statt„Omina“ heißen „Omnia“. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 9. Oktober, 20. nach Trinitatis. Feier zur Eröffnung des Konfirmanden⸗ unterrichts. In der Stadtkirche. Vormittags 9¼ Uhr: Pfarrer Mahr.— Vorm. 11 Uhr: Kinder⸗ kirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Abends 6 Uhr: Pfarrer Becker. — Montag den 10. Oktober, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde.— Donners⸗ tag den 13. Oktober, abends 8 Uhr: Verei⸗ nigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 9¼ Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 6 Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Abends 8 Uhr: Bibelbesprechung im Johannessaal: Pfarrassistent Müller.— Montag den 10. Oktober, abends 7% Uhr: Jugendvereinigung der Lukasgemeinde(weib⸗ liche Abteilung).— Sonntag den 16. Oktober findet im Abendgottesdienste Feier des hl. Abendmahls für die Lukas- und Johannes⸗ gemeinde statt. Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 9. Oktober Pilzwanderung. Abmarsch 3 Uhr Ecke Schiffenberger Weg und Licher Straße. Wartburgverein. Sonntag den 9. Oktober Tagesausflug nach Dianaburg, Greifenstein. Anmeldung bei Herrn R. Richter, an den auch der Fahrpreis von 5 Mk. zu entrichten ist. Bei ungünstiger Witterung musikalischer Abend im Heim. Verantwortlich: Pfarrer Bechtols heimer. Druck und Verlag der Brühl'schen Unsversstdts-Such⸗ und Steindruckere R. Lange, Gießen