A onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr 32 Gießen, II. Sonnt. u. Trinitatis, den 7. August 1921 Jo. Jahrg. Sonnenbrand und dürre. Psalm 90, 13 u. 15. Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Erfreue uns nun wieder, nach⸗ dem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden! Seit sieben Jahren steht das deutsche Volk unter hartem Drucke. Krieg, Seuche und Teuerung haben uns großes Unheil ge⸗ bracht. Als ob es damit noch nicht genug wäre, ist in diesem Sommer eine so entsetz⸗ liche Dürre und Trockenheit über alles Naturleben gekommen, daß wir mit den größten Sorgen den kommenden Monaten entgegensehen. Seit vielen Wochen brennt die Sonne erbarmungslos auf uns nieder, wie eine blaue Glocke liegt der Himmel über uns, mitunter bilden sich Wolken, aber sie bringen keinen Regen und gehen wieder dahin. Gern haben wir alle schon in stiller Nacht zum Sternenhimmel aufgesehen, wir freuten uns, wenn wir die Gestirne in ihren Bahnen wandeln sahen und erkannten an ihrem Glänzen die Schöpfermacht Gottes. Wenn wir nun aber Nacht für Nacht die Sterne flimmern sehen, so ergreift banges Jagen unser Herz; denn der glänzende Sternenhimmel verheißt uns immer wieder einen heißen Tag. Eine Luft, so glühend wie Wüstenwind, geht durch das Land, Flüsse und Bäche trocknen aus, Quellen versiegen, allenthalben mangelt es an Wasser. Das Gras auf der Wiese verbrennt, und die Feld⸗ früchte können nicht gedeihen. In Rußland ist durch die anhaltende Trockenheit schon Hungersnot entstanden, und die Befürchtung wird rege, daß diese Not auch zu uns, die wir ohnedies seit Jahren an Lebensmittel- knappheit leiden, herüberschlage. Wir wissen nicht, was unser Gott mit uns will, indem er uns so sehr plagt und ängstigt. Vielleicht will er uns sagen, daß die Lob⸗ reden, die wir früher unserer Technik, unserer Organisation, unserer Tätigkeit für das Ge⸗ meinwohl gesungen haben, nicht am Platze waren, da alles menschliche Wissen und Können uns nicht zu helfen vermag, wenn er, der Herr, die Hand von uns abzieht. Vielleicht will Gott auch vielen in unserem Volke sagen, daß das noch kein Segen ist, wenn man Hundertmarkscheine ansammelt. Unsere bäuerliche Bevölkerung ist durch die Not. unter der die Städte und Industrie⸗ bezirke zu leiden haben, unermeßlich reich geworden. In der Stadt herrscht große Wohnungsnot, nur da kann gebaut werden, wo Staat und Gemeinde sich helfend betei⸗ ligen, in Bauerngemeinden erstehen jetzt viele stattliche neue Hofreiten. Im Gemeindeblatt einer hessischen Dorfgemeinde stand vor we⸗ nigen Tagen zu lesen:„Kommt jetzt ein aus⸗ wärtiger Leser unseres Gemeindeblattes heim und geht durch die heimatlichen Dorfstraßen, so fällt ihm auch allerlei Neues in die Augen. Manches alte Häuslein hat sich ge⸗ streckt und einen neuen Hut aufgesetzt und sieht nun gar stolz darein. Die Kinder sind groß geworden und verlangen mehr Räume, also hieß es bauen, und Geld war ja da. Den neugierigen auswärtigen Lesern wollen wir die Namen nennen, die den Mut hatten, in diesen teuren Zeiten ein Neues zu bauen.“ (Hier folgen die Namen.) Ja, Geld ist jetzt im Dorfe vorhanden, aber wenn nun die Kartoffeln, die übrigen Hackfrüchte und das Wiesengras nicht geraten, so hilft auch das Geld nichts. Ein Hilfsmittel bleibt uns in dieser schwe⸗ ren Zeit, das ist das Gebet. Wir wollen zu Gott rufen Tag und Nacht, daß er uns nicht ganz und gar verlasse und uns nicht dem völligen Untergang preisgebe. Wir wollen ihn bitten um einen milden, erquickenden Regen,“) damit die Feldfrüchte gedeihen und wir vor der Hungersnot bewahrt bleiben. Wir wollen zu ihm rufen: Herr, kehre dich doch wieder zu uns und sei deinen Knechten gnädig! Erfreue uns nun wieder, nachdem do uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden! H. B. ) Anmerkung. Diese Betrachtung wurde am Nachmittag des vorigen Sonntags geschrieben, unterdessen ist der ersehnte Regen gekommen. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Diese abendlichen Unterhaltungen machten uns vielen Spaß. Zwischendurch ließen wir den Drachen auch wieder mittags steigen, und bei einer solchen Gelegenheit brachte einer ein Päckchen mit, mit welchem er sehr geheimnisvoll tat. Auch in der Stadt hatte er bei den Kreuzer Buben allerhand An⸗ deutungen über etwas Besonderes fallen lassen, welches mit dem Drachen von Karl Spruck ausgeführt werden solle. Er rief sich denn auch letzteren beiseite, unterhielt sich leise mit ihm, wobei er nach uns herüber⸗ schielte, und zeigte ihm den Inhalt seines kleinen Päckchens. Spruck nickte Beifall, gab dem Geheimniskrämer den Drachen, der sich mit ihm auf den üblichen Abstand entfernte und dann wie wir von weitem sahen, eine Blechbüchse ein Viertel so groß wie ein Zi⸗ garrenkistchen, an dem Schweif befestigte und sich dann noch dabei allerhand zu schaffen machte. Dann stieg der Drachen. Alle guckten gespannt nach oben, denn es sollte etwas geben. Und es gab etwas! Nach einer Weile explodierte die Büchse mit einem weithin hallenden Donnerschlag und riß dem Drachen den Schwanz ab. So etwas hält kein wirklicher Drache, geschweige denn ein papierener, auf die Dauer aus. Der unfrige machte denn auch augenblicklich Kehrt und schoß schnurstracks, hast du nicht gesehen, zur Erde nieder, während sich der Schweif mehr Zeit dazu nah und gemächlich in der Richtung nach dem Nahrungsberg abzog. Das war ein Fall, den weder Karl Spruck noch der Bombenmacher vorausgesehen hatten. Das Bubenpublikum lachte, einige darunter mehr, wie angebracht war, und Karl Spruck juckte es in den Fingern, aber er bezwang sich; denn er hatte die Buben nötig. Er bat einige, mit dem Wägelchen längs der nun auf dem Boden liegenden Kordel nach der Grünberger Straße zu bis zur Wieseck zu fahren und dabei, ohne Gewalt anzuwenden aufzuwickeln. Er ent⸗ fernte sich dann, begleitet von einigen, in der gleichen Richtung watete durch die Wieseck lief durch die Eichgärten über die Grünberger und Licher Straße und fand seinen Drachen hinter dem alten, damals noch nicht halb so großen Friedhof auf dem Lotzschen Acker, aus dem schon lange ein Gottesacker geworden ist. Spruck hatte Glück, denn der Drache war bei dem Kopf⸗ sturz mit ein paar Rissen, die leicht über⸗ klebt werden konnten, davongekommen. Auf den beiden erwähnten Straßen wurde die Kordel durchschnitten und nun ging an vier Stellen die Wickelei in beschleunigtem Tempo los. Trotzdem dauerte es zwei Stun⸗ den. bis alle bei dem Wägelchen wieder beisammen waren. Ein Teil der Jungen lief an dem einen die übrigen an dem anderen Ufer der Wieseck entlang bis zur Brücke an der Gasfabrik, kletterte die Böschung hinauf, und nun konnte der ge⸗ meinsame kurze Heimweg beginnen. Vor der Verabschiedung sagte Spruck zu dem Feuerwerker:„Es war ja mal etwas anneres, awwer das nächstemal kannste die Bomb an en annern Drach hänge.“ Schweif zierte aber noch längere Zeit wie ein aus der Walpurgisnacht verlorener Irr⸗ wisch die Bäume des hinteren Nahrungs- berges. — 126— Das Drachensteigen war eine beliebte Unterhaltung, an welcher auch ältere Leute ihren Spaß hatten und mit ihren kleinen Söhnen auf die Gänsäcker hinauszogen, um ersteren, wenn sie es noch nicht selbständig fertig brachten, behilflich zu sein. Im Herbst wiegten sich damals, wie das ja auch heute noch der Fall ist, Dutzende von Drachen in der klaren Herbstluft, nur war früher die Mannigfaltigkeit in den Formen keine große denn man beschränkte sich auf die bekannte rhomboidische. Mit dem Steigenlassen der Drachen war das offizielle Jahresprogramm der Gießener Buben so gut wie beendet. Es wurde all⸗ mählich rauh draußen, und der Wind pfiff über die nach und nach eine graugelbe Farbe annehmenden Wiesen, über die Stoppel⸗ felder, Wege und Chausseen, mächtige Staub⸗ wolken vor sich herwirbelnd. Die Bäume verloren ihr Laub, und von den an der Grünberger und Licher Straße stehenden Kastanienbäumen fielen die Früchte her⸗ unter. Die Gießener Gärtner heimsten die abgefallenen Blätter, die Buben die Kasta⸗ nien ein; erstere verwendeten die Blätter zur Errichtung von Komposthaufen, letztere die Kastanien, um sie auf Bindfäden zu reihen und auf diese Art Ketten herzustellen, mit welchen aber nichts weiter anzufangen war, als daß man sie zu Hause als Dekora⸗ tion über das Bett hing. Da„verhutzelten“ sie und wurden knochenhart. In den meisten Fällen verschwanden sie bald im Feuer des Zimmerofens, beim Verbrennen zischend und knallend, wie wenn sie gegen eine solche Behandlung Protest einlegen wollten. Ein⸗ mal, eines Spätnachmittags, fanden die Kastanien eine andere Verwendung. Fried Noll hatte eine große Kastanienkette mit aufs Kreuz gebracht. Wahrscheinlich war sie zu Hause im Wege. Was damit anfangen? Einer nahm sie am Ende und schleuderte sie mahe am Boden im Kreise um sich herum, die anderen sprangen dabei drüber hinweg. Das dauerte eine Zeitlang, dann zog sich die Ver⸗ sammlung auf Buschs Treppe und die Kreuzer Mauer zurück. Von da warfen sie mit ein⸗ zelnen Kastanien flach über das Pflaster und freuten sich über die hohen Sprünge, welche diese machten. Da aber bei dieser Spielerei eine der Kastanien dem zufällig vorüber⸗ gehenden Handelsmann Elias Meier an den Kopf sprang, riß die ganze Gesellschaft in die Judengasse aus, noch ehe der Getroffene wußte, was eigentlich los war. Bedauer⸗ licherweise zeitigte nun der Wunsch, die Kasta⸗ nien möglichst ausgiebig und wirkungsvoll zu verwenden, die Idee, in einem alten, an⸗ scheinend unbenutzten Haus in der Juden⸗ gasse die Fenster einzuwerfen. Einzelne der Scheiben waren schon entzwei, und in der Annahme, daß kein Hahn darnach krähe, fing das Bombardement an und dauerte so lange, bis keine einzige Scheibe mehr ganz war. Ein Nachbar kam und schimpfte. Wir liefen infolgedessen wieder alle nach dem Kreuz. Die Stimmung war etwas gedrückt, denn dem Dummsten mußte es einleuchten, daß das, was wir getan hatten, nicht recht war. Durch Prahlerei suchte jeder sein Ge⸗ wissen zu beschwichtigen, und wenn es auch anfänglich denen, welche die meisten Schei⸗ ben eingeworfen hatten, schmeichelte, von den anderen zu hören, daß sie die meisten Treffer zu verzeichnen hätten, so wollten sie dieses Ruhmes doch nicht so recht froh wer⸗ den und suchten ihr Verdienst bei der wie ein Alp auf ihnen lastenden Sache abzuf chwächen. Am meisten„Ehme“(Angst) hatte Fried Noll, weil er die Kastanien gestellt hatte, und es schwante ihm, daß er sie nun auch für die anderen aus dem Feuer holen müsse. Er drückte sich deshalb etwas früher. Als ich, der ich im gleichen Hause, im„Stern“ auf der Mäusburg, wohnte, zur Haustür herein⸗ trat, hörte ich, wie im Hintergrunde unaus⸗ gezogene Kleider ausgeklopft wurden, und überlegte mir ernsthaft, ob ich mir nicht einen Pappdeckel verschaffen und unterlegen sollte. Aber woher nehmen? Meine ganze Kreuzer Kameradschaft war bei der Werferei beteiligt, und jeder hatte zweifellos augen⸗ blicklich mit sich selbst zu tun. Als ich noch unschlüssig im Hausgang stand, kam Fried Nolls älterer Bruder aus dem Hintergrund und sagte zu mir im Vorbeigehen:„Mach', daß du enauf kömmst; dein Vater wart' auf dich!“ Das war für mich ausschlaggebend. Ich lief zu einer in einem anderen Stadt⸗ viertel wohnenden, mit der unsrigen befreun⸗ deten Familie, deren Jüngster mit mir in die Franzeschul' ging. Ich klagte mein Leid und fand dafür Verständnis. Die Mutter meines Freundes hielt mir zwar eine Vor⸗ lesung über das Unrechtmäßige meiner Handlungsweise; ich durfte aber dableiben. Der eine der beiden Brüder— der andere war noch nicht eingetroffen— lief zu meinen Eltern, um sich die Erlaubnis für meine Uebernachtung zu erbitten, und meine Mutter setzte sie durch trotz des Protestes meines Vaters, jedenfalls in dem Gedanken: kommt Zeit, kommt Rat. Meine gedrückte Stim⸗ mung schwand allmählich, zumal der Vater meines Schulkollegen bei meiner Ankunft bereits ausgerückt war, denn wir schrieben Samstagabend, und da geht der Gießener Bürger zum Stammtisch, und wenn es Mühlsteine regnet. Ich hatte etwas Angst vor diesem Herrn, denn in der Bestrafung von Ungezogenheiten waren die Gießener Väter solidarisch. Wir unterhielten uns noch eine Zeitlang durch Lottospiel und gingen dann in die Mansarde hinauf, um uns schlafen zu legen. Jetzt erschien auch der zweite Bruder meines Freundes, dem die Sachlage auseinandergesetzt wurde und der damit einverstanden war, daß ich das Bett mit meinem Freunde teilte, also seinen Platz — 127— einnahm, denn er schlief sonst bei diesem. Er legte sich dann zu seinem älteren Bruder, und so schliefen wir bald ein. (Fortsetzung folgt.) Beim deutschen Beskidenkorps. 2. Die Kämpfe um Przemysl. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. 9. Mai 1915. Gestern nachmittag um 1/6 Uhr setzte sich die Abteilung in Richtung auf Lupkow in Marsch. Zwischen Lupkow und Neu⸗Lupkow fuhren wir ein großes Stück auf dem Eisenbahndamm. In beiden Orten hatten die Russen die Bahnhöfe und Lager angezündet. Unsere Truppen waren damit beschäftigt, Hafer, große Fässer mit Fischkonserven usw. noch zu retten. Es war Nacht geworden, und es ging nur langsam vorwärts, da wir uns in einem schmalen Tal auf sehr schlechten Wegen befanden. Unser Beobachtungswagen fiel in einen Bach, und unsere Schlafdecken wurden durchnäßt. Um ½10 Uhr bezogen wir bei Smolnik Biwak, kamen aber erst um 12 Uhr zum Schlafen. Um 3 Uhr wurde geweckt, und dal es gestern kein warmes Essen gegeben hatte, gab es heute früh um 4 Uhr Suppe und Rindfleisch. Um 6 Uhr begann der Vormarsch in dem sehr schönen Oslawatal. Es war etwas neblig, regnete auch zeitweise, was aber zum Marschieren angenehmer war wie die Hitze und der Staub am gestrigen Tage. Hinter Preluki stießen unsere Vortruppen wieder auf den Feind, und es entwickelte sich ein Gefecht. Ta das Tal sehr schmal ist, können wir aber nicht viel Artillexie entwickeln. Vielleicht geht der Feind auch in der Nacht wieder zurück. Seit gestern früh sind wir etwa 25 Kilometer vorgekommen, und vieles, was wir sahen, deutet darauf hin, daß der Aufbruch des Feindes rasch und in Hast erfolgte. Am Nachmittag bestieg ich mit meinem Adjutanten die über unserem Parkplatz sich erhebende steile Höhe 636. Von hier aus übersahen wir das Gelände weithin. Der Feind steht bei Szezawne. Kurz vor diesem Ort stoßen die Täler der Oslawika und Oslawa zusammen. In letzterem ist unsere Division vorgegangen, im Tal der Osla⸗ wika, links von uns, die 35. Reserve⸗Divi⸗ sion und davon links die 4. Division. Hier hat uns nun der Feind einen Riegel vorge- choben und nimmt aus seiner Stellung bei Szezawne die dort zusammenstoßenden Täler unter Feuer. Er kann mit wenigen Geschützen große Heeresteile aufhalten. Wir hatten von der Höhe das Panorama einer neuzeitlichen Schlacht vor uns. Man sah die feindlichen Schützengräben, auch eine feindliche feuernde Batterie, hörte ringsum, Kanonendonner, Maschinengewehrseuer und Gewehrgeknatter. Die Höhen und Wälder — 128— ringsum staken voll von unserer Infanterie, die sich langsam vorarbeitete. Die 5. Bat⸗ terie, die in Stellung gegangen war, wurde von der feindlichen schweren Artillerie derart eingedeckt, daß die Bedienungsmannschaft die Geschütze verlassen mußte. Nach Eintritt der Dunkelheit wurden die Geschütze dann weiter nach rückwärts in Stellung gebracht. Auch zwei Geschütze meiner Batterie kamen abends am Hang der Höhe 636 in Stellung. Wir schlafen wieder im Zelt bei den Protzen, es ist sehr naß, dazu sind auch die Decken immer noch feucht. 10. Mai 1915. Um 4 Uhr aufgestanden und dann wieder auf Höhe 636 geklettert. Infolge des Regens glitt man auf dem kurzen Gras leicht aus. Im Schweiß ge⸗ badet kam ich um 5 Uhr oben an. Es war neblig und regnete. Schon seit 4 Uhr don⸗ nerten die Geschütze, oft setzte heftiges In⸗ fanteriefeuer in den Wäldern ein. Aus den russischen Schützengräben hier oben suchten wir uns Zeltbahnen und wollene Decken zusammen und schlugen ein einfaches Zelt auf, das uns gegen den Regen schützte, es wehte ein kalter Wind. Etwa um 9 Uhr wurde es hell, die Sonne beschien die schöne Landschaft. Von meiner hochgelegenen Beobachtungsstelle aus konnte ich sehr weit sehen und wichtige Meldungen über Artilleriestellungen und rückwärtige Be⸗ wegungen des Feindes machen. Nach Nor⸗ den, wohin unser Vormarsch geht, kommen wieder sehr hohe Gebirgsketten, die wir auch nehmen müssen. Ich sah geschlossene Truppen abmarschieren und Trains zurück⸗ fahren. Nachmittags sollte unsere Infanterie die feindliche Stellung nehmen. Ich sah hinter den Wäldern unsere Infanterie sich sammeln. Während sie sich dann während vieler Stunden an den Feind mühsam heran⸗ arbeitete, beschoß unsere gesamte Artillerie die stark ausgebauten feindlichen Stellun⸗ gen. Kurz nach 6 Uhr sahen wir unsere Infanterie auf dem 759 Meter hohen Su⸗ lita erscheinen, schon mit vielen Gefangenen. Da schwenkten die Russen in den nächsten Gräben weiße Tücher, kamen zu Hunderten heraus und ergaben sich. Die Teile der Gräben, in denen der Feind noch Stand hielt, wurden bis zum Dunkelwerden weiter von uns beschossen. Dann hörte man noch längere Zeit Infanteriefeuer. Es war ein außerordentlich interessanter Tag für mich gewesen, und wie schön schloß er ab. Der Feind war aus seiner starken Stellung zurückgeworfen, der Sieg Tausende Gefangene gemacht worden. Da⸗ bei waren die Verluste unserer Infanterie ganz gering. In froher Stimmung saßen wir abends um das Lagerfeuer. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. In Tierschutzzeitschriften liest man jetzt die Mahnung, daß man Zugtiere nicht un⸗ errungen und nützerweise dem Sonnenbrande aussetzen soll. Diese Mahnung ist natürlich durchaus am Platze. Man sollte aber auch nicht vergessen, daß man jetzt kleine Kinder vor dem Glut⸗ hauch der Sonne behüten soll. Aber wie oft nimmt man wahr, daß größere Geschwister den Kinderwagen mit dem kleinen Bruder oder der kleinen Schwester lange Zeit auf der Straße stehen lassen, wobei das zarte g in schwer zu leiden hat. Auch pflichtvergessene Kindermädchen und leider auch Mütter, denen es an der erforderlichen Einsicht fehlt, tun das gleiche. Vorübergehende, die darauf aufmerksam werden, wagen oft aus Furcht vor unhöflicher Erwiderung nichts zu sagen. * Auf dem alten Gießener Friedhofe ist ein Grabdenkmal zu sehen, das gewiß schon vielen Besuchern des Gottesackers aufgefallen ist; man findet es, wenn man vom Haupt⸗ eingang den Weg geradeaus geht, in ziem⸗ licher Nähe der Kapelle. Der Grabstein ist eine stumpfe, mit Ornamenten verzierte Säule, auf die ein Würfel mit der Ecke auf⸗ gesetzt ist. Die Grabinschrift lautet: Christian Theodor Groß Vergebens kämpften Jugendkraft und Ge⸗ sundheit mit den Wellen der Lahn. Bruderliebe und Freundschaft errichteten dieses Denkmal. Sanft schlummre des Vaterlandes Sohn nach kurzer Wallfahrt. Wie unser Kirchenbuch ausweist und auch die Grabinschrift erkennen läßt, so liegt hier ein Jüngling bestattet, der beim Baden in der Lahn ertrunken ist. Es war der sieb⸗ zehnjährige Gymnasiast Christian Theodor Groß, Sohn des Pfarrers Groß zu Specks⸗ winkel bei Marburg. Er ertrank am 29. Juli 1819, nachmittags 3 Uhr und wurde am 30. Juli, abends 6 Uhr, zu Grabe gebracht. Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 7. August. 11. nach Trinitatis. Kollekte für die Innere Mission. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarr⸗ assistent Ramge.— Vormittags 9¼ Uhr: Pfarrer Becker.— Montag den 8. August, abends 8/ Uhr: Helferversammlung der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrer Bech⸗ tolsheimer.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Ausfeld. Wartburg⸗ Verein. Sonntag den 7. August, Tagestour nach Waldesruh! Abmarsch 6 Uhr Lahnbrücke; abends 8½¼ Uhr: Vortrag im Heim. Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 7. August: Familienspazier⸗ gang nach der Rindsmühle. Abmarsch 3 Uhr Ecke Frankfurter und Liebigstraße. Nerantwortlich: Pfarrer Bechtols heimer. Druck und Verlag der Brühl'schen nwersttäts⸗Buch⸗ und Steindruckere R. Lange, Gießen