Goethes unvergeßlicher Mutter.„Man ge— onntagsgruß Gemeindeblatt fur die evan gelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 6 Gießen, Estomihi, den 6. Februar 1921 10. Jahrg wo setzen wir den Hebel an? Josua 20, 15. Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen. Wir alle stehen gegenwärtig unter schwerem Druck. Im großen wie im kleinen; am allermeisten aber doch im eigenen Herzen. Man spricht zur Zeit viel über die all⸗ gemeine Vergnügungssucht, von der Tanz⸗ wut, dem wahllosen Kinogelaufe und der⸗ gleichen mehr. Ich glaube, die dem huldigen, wollen sich wenigstens für Stunden von dem Druck, der auf Herz und Gemüt lagert, befreien. Sie haben etwas verloren, das sie suchen und nicht finden können. Sie fühlen, es müßte wenn nicht alles, so doch das Meiste— anders werden; aber: wo setzen joir den Hebel an?— Dieser Tage habe ich in einem kleinen Büchlein geblättert. Sein Titel lautet: „Meine Heimat, du!“ Sprüche und Ge⸗ danken großer, liebender, suchender, aber auch viel Gutes findender Menschen aus 1 0 Gegenwart und Vergangenheit. Drei Worte aus dem Büchlein seien hier ganz schlicht aneinander gereiht. Das erste bon Friedrich Paulsen, dem bedeutenden, noch nicht lange verstorbenen Berliner Pädagogen und Ethiker:„Keine Feinheit der geselligen Bildung, keine Höhe der literarischen und künstlerischen Erschei— nungen wird daran etwas ändern, daß eine Kultur zum Untergang gezeichnet ist, welcher die Reinheit des häuslichen Lebens verloren gegangen ist.“ Das zweite von Adalbert Stifter, dem bekannten österreichischen Dichter(7 1868). „Die Familie ist es, die unsern Zeiten not⸗ tut. Sie tut mehr als Kunst und Wissen⸗ schaft, als Verkehr, Handel, Aufschwung, Fortschritt oder wie alles heißt, was be⸗ gehrenswert erscheint.“ Das dritte endlich von„Frau Rat“, nieße kleine Freuden und prätendiere(be⸗ anspruch keine großen.. Ich suche keine ornen, hasche die kleinen Freuden; sind die Türen niedrig, so bücke ich mich; kann ich den Stein aus dem Wege tun, so tue ich's; ist er zu schwer, so gehe ich um ihn herum, und so finde ich alle Tage etwas, das mich freut; und der Schlußstein,— der Glaube an Gott, der macht mein Herz froh und mein Angesicht fröhlich.“ e) D Ob nicht vieles besser würde, wenn wir bei dem den Hebel ansetzten, was diese drei liebenswerten Menschen uns eben zu sagen wußten? Denn das bleibt ewig wahr: Soll die Welt gesunden, muß das Familien leben gesunden, müssen wir selber gesunden. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Sießen. 29. Gießener Zustände im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges. Fortsetzung.) 1643. „Ist wegen ihres langsamen Kirchgehens und Abendmahlsgebrauchs angezeiget wor⸗ den Wilhelm Eckels Wittib, Niklas Kann⸗ gießer, Johann Caspar Möllers Wittib, Hans Balzar Dech.“ Später wurde die Wittib Eckel noch einmal vorgeladen, sie entschuldigte sich mit mangelnder Kleidung. Die Verwilderung der Sitten, die im Laufe des langen Krieges Platz ergriffen hatte, lernt man aus folgendem Vorfall kennen. In Gießen hielt sich damals ein fremde Pfarrerswitwe auf. Nachdem sie schon vorher bösen Verdacht erregt hatte, mußte ihr Name in der Sitzung vom 4. Dezember noch einmal genannt werden. Es heißt da: „Ist die frembte Pfarrherin, deren droben gedacht worden, wegen einer Zenk- und Schlägerey mit einem Soldatenweib vor: gewesen, hat sich aber entschuldiget, daß das Soldatenweib ohne alle Ursach über sie gefallen und sie zerschlagen, da sie sich wehren müssen, ist also dimittirt worden.“ Daß die Pfarrerswitwe sich so tatbereit und schlagfertig zur Wehr gesetzt hat, spricht für die Entschiedenheit ihres Cha⸗ rakters. Ein schöner Anblick ist es auch da⸗ mals nicht gewesen, wenn sich zwei Weiber auf, der Straße geprügelt haben. 1644. Johann Georg Stoll, dem der Konvent schon früher sein„Fressen“ und„Saufen“ vorhalten mußte, scheint andauernd den Konvent beschäftigt zu haben. Am 5. Ja nuar wurde er wieder vorgeladen„und wegen seines ärgerlichen Lebens gepürend reprehendiert(getadelt) worden, hat Besse rung zugesagt und mit Handgebung gelobt. Gott gebs ihm zu halten.“ Diese Art, seelsorgerlich auf einen Fehlenden einzu wirken, berührt sehr sympathisch. 1646. 5 Von diesem Jahre an führte auf lange Zeit hinaus der Pfarrer, Professor und Superintendent Peter Haberkorn, dessen lebensgroßes Bild man in der Alten Fried⸗ hofskapelle sehen kann, das Protokoll, leider schrieb der gelehrte Mann sehr undeutlich, so daß das Lesen der von ihm abgefaßten Protokolle etwas Schwierigkeit macht. Am 30. Oktober trägt er ein,„daß die Knaben nicht ein geläuft umb die Kirchen under der Predigt halten, soll Stützelfuß und Casten⸗ knecht solches währen“. Stützelfuß, den wir schon früher kennen lernten, scheint also ein Amt gehabt zu haben, vermutlich war er Bettelvogt. Das Protokoll fährt dann fort: „desgleichen auch sonsten in der Statt sollen die Senioren herumbgehen und solches Ge⸗ läuff steuren.“ 15 Das Seniorenamt brachte mancherlei Un⸗ annehmlichkeiten mit sich; so heißt es:„die Quartiermeister seyen den Senioren gar zu⸗ wider mit einlogierung der Soldaten. Sollen fürgefordert werden, sollen fast immer voll und doll seyn.“ g Aus diesem Jahre geben wir noch fol⸗ gende Einträge wieder:„Die Buben laufen noch immer umb die Kirche.“„Wird nicht sauber gehalten umb die Kirchen.“„Dem Kirschner verwiesen worden, daß er aufn Sonntag Fressen und Saufen in seinem Hause gehalten sampt der Sackpfeifen(Dudel⸗ sack).“„Wegen Juden daß sie gestolene Häut einkaufen.“„Müller auf den Sonntag fahren immer in die Stadt. Sonderlich der von Kinzebach und Heuchelheim.“„Aufn. Sonntag Spielen der Bürger beym Schiesen angeklagt worden. Soll verbotten werden das Kägeln und Spielen, als welches sich aufn Sonntag nicht sckicket, gehet da zu viel Fluchen für.“ „Hermann Eckels Hausfrau hat ein Ge⸗ läuff der Soldaten in ihrem Hauß gehalten und als die Nachbarn abgemahnet, hat ein Reuter einen aus der Nachbarschaft erschiesen wöllen. Soll von dem Regiment⸗ schultheißen vorgenommen werden.“ Zeit⸗ und kulturgeschichtlich sehr interessant ist die Notiz„Kühehirt Niclas habe sich ver⸗ nehmen lassen, daß er zaubern könne. Soll für den Rentmeister gewiesen/ werden.“ Der Kirchenkonvent scheint das„Zaubern“ als ein schweres Vergehen angesehen haben, weil er die Sache ohne weiteres an die weltliche Obrigkeit wies. 1648. Scharf paßte man damals auf die Juden, ihr Tun und Treiben auf. So ist zu lesen: „Ist geklaget worden über den Jüden ge⸗ nannt Dickschenkel, weil er am Buß⸗, Fast⸗ N und Bettage unter der Predigt pferd sol gehüth 8 allgemeinen Buß⸗, folgte im der Pest, haben.“ Die Anordnung von sechs Fast⸗ und Bettagen er⸗ Jahre 1629, sie geschah wegen aber auch wegen des Krieges. . Erinnerung gethan, Bekanntlich Von einem sehr ungefügen. Ehemann be⸗ richtet der Eintrag:„Joh. Henrich Scheu⸗ rer ist vorgefordert und ihm verwiesen wor⸗ den, daß er seine Hausfrau schmehet, frißt sund sauft, führt ein gottloses Leben, tumul⸗ tuieret im Hauß, gehet nicht zum h. Abend⸗ mahl. Hat Verbesserung zugesagt oder es soll der Obrigkeit geklagt werden.“ Von der durch den Krieg entstandenen Verwilderung schreibt Haberkorn nieder „Dieberey nimpt sehr überhandt abermahl und die Soldaten treiben nachmahlen aller⸗ ley Muthwillen und Gespött, wann sie gestraffet werden. Das nächtliche Ein⸗ brechen geschieht nit aus Hungersnoth son⸗ dern aus Muthwillen von denen. die gern fressen und saufen. Muß Ihrer Fürstlichen Gnaden selbst vorgebracht werden, da es gar überhandt nehme. Die Bürger, die solche Leut hegen und befördern, sollen billig zur Straff auch gezogen werden. Man klagt, daß nirgend keine Hülf sey. Die Soldaten berauben die Leut öffentlich auf den Gassen und niemandt straffet sie.“ Einen Monat später heißt es von einem Gießener Bürger:„Balthasar Steckenradt hat in seinem Hauß auf Mariä Verkündi⸗ gung und folgend durch die gantze Nacht fressen und sauffen auch Spielleut gehabt.“ Ein kulturgeschichtlich interessanter Fall wurde in der Sitzung vom 14. April ver⸗ handelt.„Ist auch frage furgefallen, ob Meister Hanß, der Scharfrichter, mitten unter den Bürgern zum h. Abendmahl gehen solle. Stehet zu fernerem Bedencken.“ ist der Scharfrichter in früherer Zeit als unehrlich angesehen worden. Das dedeutet nicht, daß man ihn als einen unredlichen Menschen ansah, sondern er durfte mit den anderen Menschen keine Gemeinschaft pflegen. Ob die Frage be⸗ friedigend gelöst worden ist, geht aus un⸗ seren Kirchenkonventsprotokollen nicht her⸗ vor, vermutlich ist es bei dem seitherigen Brauch geblieben. Weitere Einträge aus diesem Jahre lau⸗ ten:„Die Thor sollen auf die monatliche Bettag gantz zugehalten werden.“„Aufm Reichensand zancken sich die Weiber under⸗ einander darvon den besten Bericht geben könne Weigands Crols Frau, welche dem nach vorzufordern ist.“ Der Reichensand. lag, wie die alten Gießener noch wissen, am unteren Teile der Bahnhofstraße. 1649. „Wird geklaget, daß die Juden ihren Convent in schwartz Löbers Hauß halten. Ist erinnert worden, daß sie sollen abge⸗ schaffet werden. Schwartz Löber soll des⸗ wegen zur Red gesetzet werden.“ Damals war die Familie Löber hier so verbreitet, daß man augenscheinlich den einen von ihnen nach seiner Haarfarbe bezeichnete und ihn den„schwarzen“ Löber nannte Dr. Pe⸗ trus Haberkorn trug kein Bedenken, diese ———— A . volkstümliche Bezeichnung in das Buch ein⸗ zutragen. f 5 a „Die Mägde gehen mit Hauffen aufn Sonntag hinaus in den Sandt, desgleichen auch die Knechte. Soll dem Wachtmeister gesagt werden, aufn Sonntag solche Leut nicht hinaus zu lassen, sonderlich des Mor⸗ gens.“„Aufs Fest der Himmelfahrt ist ein Dantz gehalten worden von Knechten und Mägden durch Anstalt der Soldaten, draußen aufm Platz.“„Johann Ludwig Steitz gehet langsam zur Kirchen, gehet anderswohin under der Predigten.“„Die Müller kommen alle Sonntag mit Mehl gefahren.“„Ist aufn Sonntag zu Nacht ein Geschrey und tumultieren aufn Gassen. Wär nötig, daß umb 8 Uhr niemand kein Ge⸗ tränck soll gefolget werden und die Bürger⸗ schaft herumginge, die Wacht zu halten. Die Spielleute finden sich auch dabey.“ (Fortsetzung folgt.) Am Martins turm. Erzählung. (Fortsetzung.) Das war bei Meister Wocker, der seine Werkstatt in der Löwenhofgasse hatte, doch ein anderer Betrieb, als bei meinem Lehr meister. Neun Gesellen und vier Lehrbuben waren dort beschäftigt, und der Altgesell Vitus Becker aus Gonsenheim hielt strenge Ordnung. Wir hatten viele Arbeiten für die Militärbehörden auszuführen, und so kam ich oft in die Kasernen, sowohl zu den Preußen wie zu den Oesterreichern. Da konnte man einen durchgreifenden Unter⸗ schied beobachten. Die Oesterreicher waren zumeist gutmütige, nicht allzu pfiffige und sehr phlegmatische Leute. Ihre ständige Rede war„mocht nix“ oder„es is halter so“. Die Mainzer, die sonst gut mit ihnen standen, hatten ihren Spott mit den Weißröcken. Es lag einmal österreichische Landwehr im 7 Hauptstein, die Leute trugen an ihrer pfbedeckung die Bezeichnung„L. W.“. Da hörte ich im Synagogengäßchen, wie zwei Mainzer Bürger sich über diese Be⸗ zeichnung unterhielten. Der eine sagte:„Das häßt Lewerworscht“, der andere erwiderte: „Nä, Schambes. ich les das: Laaf weiter!“ Von ganz anderem Schlage waren die Preu⸗ ßen, es waren lauter Leute aus Branden⸗ burg, Pommern, mitunter auch aus dem Rheinlande. Sie waren alle sehr stolz, gaben sich mit den Bürgern nicht viel ab, ließen sich auch nicht verspotten. Beliebt waren sie in Mainz nicht, aber sie machten sich nichts daraus. Oft gab es große Schlägereien zwi⸗ schen Preußen und Oesterreichern oder zwi⸗ schen Preußen und Zivilisten. Ich ging in der großen Stadt ruhig meine Wege Ein Geldvertuer war ich nicht Sonntagnachmittags machte ich gern einen Spaziergang in die Umgebung, nach Bieb⸗ rich, nach dem Oberolmer Forsthaus oder nach dem Lenneberg. Unter den Gesellen in meiner Werkstatt waren immer ordent⸗ liche Leute, an die ich mich anschließen konnte. Wir tranken auch manchmal einen Schoppen Wein, der damals sehr billig war, aber wir blieben nie so lange im Wirts⸗ hause sitzen, daß wir uns nicht mehr in der Gewalt hatten. Mein Absehen war darauf gerichtet, zu sparen, um später ein eigenes Geschäft anfangen zu können. Großes Ver⸗ mögen hatte ich, obwohl mein Vater fleißig und sparsam gewesen war, ja nicht zu er⸗ warten. So lebte ich mehrere Jahre in der Festungsstadt am Rheine, besuchte oft meine Mutter und meine Schwestern und war mit meinem Lose zufrieden. In Mainz vergehen allemale die Fast⸗ nachtstage in großer Narrheit und Lustig⸗ keit. Das hat mich stets mit Widerwillen erfüllt, weil ich von Jugend auf an dieses Treiben nicht gewöhnt war. In Siefers⸗ heim kam es am Fastnachtsdienstag höch⸗ stens vor, daß ein Bub am Nachmittag, wenn die Kreppel gebacken wurden, sich eine Larve vor das Gesicht band und über die Straße lief. In Mainz aber feierte alles, was nur Beine hatte, den Karneval, vom siebzigjährigen Mann bis zum vierjährigen kleinen Hosenmatz. So ist es dort schon seit Jahrhunderten gewesen, und es müßten. schon schwere Zeiten kommen, wenn man dort vom Karneval ließe“). Vom Fast⸗ nachtssonntag bis zum Aschermittwoch ist dort alles toll, und die Menschen kommen sich sehr wichtig vor, wenn sie ihre albernen Witze machen. Ich habe gesehen, daß sechzig— jährige Frauen maskiert über die Straßen hüpften und sehr witzig taten. Schon die kleinen Kinder steckt man in das Masken⸗ kostüm, daß sie sich vor ihrer Verkleidung fürchten, die größeren Kinder tragen eine Pritsche in der rechten Hand, schlagen damit auf die linke Hand und halten sich für große Komiker. Wieviele junge Männer sich an fremdem Gut vergreifen, um diese Ver⸗ gnügungen mitmachen zu können, wieviele Menschen in den Karnevalstagen Schiffbruch für ihr ganzes Leben leiden, das wird der Oeffentlichleit nie bekannt. N Wenn ich konnte, so bin ich in diesen Tagen stets nach Siefersheim gereist, um erst am Aschermittwoch zurückzukehren; denn auch in der Werkstatt des Herrn Wocker regte sich der Karneval. Als ich das erste Jahr in Mainz war, trat ich am Montag wie immer zur Arbeit an, aber niemand außer dem Meister war da. Um 10 Uhr kamen einige Gesellen, denen vom Tage zuvor der Kopf noch schwer war. Da hatte der eine eine Larve vorgebunden, der andere schlug auf eine Kindertrommel ein, der dritte blies eine kleine Trompete. Ehe es sich der Meister versah, hatten sie eine Kette um ihn ge— ) Diese Zeiten sind nun gekommen, der Mainzer Karneval ist tot. 1 7 bildet und führten unter Geschrei und Spek⸗ takel einen Tanz auf, daß der Meister schließlich sagte:„Geht nach Hause, ihr Leute, ihr könnt heute blaumachen, ich sehe, daß mit euch doch nichts anzufangen ist.“ Ich wollte an diesem Tage weiterarbeiten, da hättet ihr einmal die Reden hören sollen, die mir entgegenflogen:„Dickkopf, alter Leimsieder, Brummelbär, willst du uns den Karneval verderben?“ Und sie hüpften um mich herum und machten einen Höllenlärm, daß ich meine grüne Schürze auszog und die Werkstatt verließ. Im Jahre 1856 war jedoch so viel zu tun, daß wir am Vormittag des Rosenmontages so nennen die Mainzer den Fastnachts— montag— arbeiteten, wenn die Gesellen auch schimpften und knurrten. Als mir am' Nachmittag die Zeit lang wurde, ging ich ein wenig auf die Straße. Hei! was war das für ein Hin- und Herrennen! Durch die Straßen der Altstadt, in der Nähe des Domes konnte man kaum hindurch. Von allen Seiten schoben sich die Menschen— mengen einander entgegen. Das Wetter war ungewöhnlich milde, beinahe frühlings— mäßig, so daß die ganze Stadt auf den Beinen war. Alle paar Schritte stieß man auf eine Maskengruppe. Die einen hatten sich als Handwerksburschen verkleidet, tru⸗ gen Felleisen und dicke Knotenstöcke, die anderen zogen als Fuhrleute im blauen Kittel und in weißen Gamaschen umher und knallten mit den Peitschen. Junge Männer von riesiger Größe hatten Frauen tracht angelegt, trugen lange, gelbe Locken und hatten bunte Sonnenschirme aufge— spannt. Die Fenster der Wirtshäuser stan⸗ den offen, die drinnen saßen, riefen den draußen Vorübergehenden zu und hielten ihnen die vollen Gläser entgegen. Ich kam an die preußische Hauptwache. Mit geschultertem Gewehr marschierte der Posten vor den an die Stützen gelehnten Gewehren auf und ab, mitten im tobenden Lärmen und sinnlosen Treiben ein schlichtes Bild der Treue und der Pflicht. Ich ließ mich von der Menschenmenge über das Höfchen, die Schöfferstraße und den Bischofs⸗ platz fortschieben und befand mich auf ein⸗ mal im Weihergarten. Dort herrschte vor einer Wirtschaft großer Tumult. Gerade war ein Trupp junger Leute, die Masken⸗ lostüme, aber keine Larven trugen, heraus- gekommen und hatten um ein junges Mäd⸗ chen, das eilig vorübergehen wollte, eine Kette gebildet. Das Mädchen war äußerst erschrocken, als es sich auf einmal inmitten dieser wilden Burschen befand, Scham und Verlegenheit waren an seinem Gesichte deut⸗ lich wahrzunehmen. Das machte auf die Karnevalsbrüder, die ihr Treiben für äußerst witzig ansahen, keinen Eindruck. Sie tanzten um das Mädchen herum, brüllten und johl⸗ ten, redeten es unaufhörlich„schönes Fräu— lein“ an, und ein kleiner Dicker unter ihnen, e der offenbar der frechste war, fuhr dem Mädchen mit einer Pfauenfeder in das Ge⸗ sicht. Das konnte ich nicht mitansehen, ich drängte mich in die Gruppe hinein und rief:„Laßt das Mädchen in Ruhe!“ Natür⸗ lich wurde die Gesellschaft gegen mich un⸗ gemein frech. Der kleine Dicke schlug mir mit der Pritsche heftig auf den Kopf. Da packte mich der Zorn, und mit meiner harten Schreinerfaust versetzte ich ihm eins auf die Nase, daß das Blut floß. Nun fiel die ganze Gesellschaft über mich her. Ich bin kein Lügner, wie der David aus Württemberg, und es liegt mir fern, euch zu erzählen, daß ich mit meinen Gegnern fertig gewor— den wäre; ich wehrte mich so gut, als ich konnte, aber die Hiebe sausten hageldicht auf mich herab, und es wäre mir schlecht er⸗ gangen, wenn nicht plötzlich eine der preußi⸗ schen Militärpatrouillen aufgetaucht wäre, die in den Karnevalstagen die Stadt durch⸗ zogen, um Schlägereien zwischen Soldaten und Zivilisten zu verhindern. (Fortsetzung folgt.) Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 6. Februar. Estomihi. In der Stadtkirche. Vormittags 9½ Uhr: Pfarrer Mahr.— Vormittags 11 Uhr: Kin⸗ derkirche für die Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr. Abends 5 Uhr: Pfarrassistent Ramge.— Montag den 7. Februar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weib⸗ lichen Jugend der Markusgemeinde.— Donnerstag den 10. Februar, abends 8 Uhr: Zusammenkunft des Frauenvereins der Markusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 91½ Uhr. Pfarrassistent Müller.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Abends 8 Uhr: Bibel⸗ besprechung im Johannessaal.: Pfarrer Ausfeld.— Montag den 7. Februar, abends ½8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde.— Mittwoch den 9. Februar, abends 6 Uhr: Passionsgottesdienst: Pfarrer Bechtols— heimer.— Freitag den 11. Februar, abends ½6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten Von Sonntag den 13. Februar an be⸗ ginnen die Abendgottesdienste um 6 Uhr. * Evang. Arbeiterverein. Sonntag den 6. Februar: Teilnahme am Familienabend des Evang. Bundes. Montag den 7., abends 8: Vorstandssitzung bei Loh. Samstag den 13, abends 8¼ im Gewerbehaus: Hauptversammlung. Karten zum Volksunterhaltungsabend(27.) in den bekannten Geschäften. Wartburg ⸗ Verein. Abends 8: Vortrag im Heim. Verantwortlich: Pfarrer Bechtols heimer. Druck und Verlag der Brühl'ischen Undversttäts-Wucß⸗ und Steindruckerei R. Lange, Gießen. weiblichen Jugend der Johannesgemeinde.“