onntagsgruß Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen Nr. 36 Sießen, 15. Sonnt. n. Trinitatis, den 4. Septbr. 1921 10. Jahrg. Gott, mensch und Sperling. Evang. Matth. 10, 29—31. Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Den⸗ noch fällt derselbigen keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. So fürchtet euch nicht! Ihr seid besser denn viele Sperlinge. Durch die Zeitungen ging letzter Tage ein Artikel über„Die Wunder des größten Fern⸗ rohres der Welt“.„Im Vergleich mit dem 60⸗Zoll⸗Fernrohr schätzt man, daß dieses neueste 100⸗Zoll⸗Fernrohr einige 100 Mil⸗ lionen Sterne(jeder Stern eine Welt!) er⸗ reichen kann, die früher zu blaß erschienen, um mit dem kleineren Fernrohr photogra⸗ phiert werden zu können Bereits ist die Ent⸗ fernung eines der entfernten Sterne im Orion mit etwa 160 Lichtjahren gemessen worden.(Unter einem Lichtjahr versteht man eine Entfernung von 9,48 Billionen Kilo⸗ meter!) Der Durchmesser dieses Sterns wird auf 215 Millionen Meilen angegeben, oder mehr als das Doppelte der Entfernung zwi⸗ schen der Sonne und der Erde.“— So heißt es u. a. in dem Artikel. Angesichts derart bodenloser Entfernungs⸗ und Raum ⸗Grö⸗ ßen im Universum, deren ständige Lenkung dem Schöpfer gleichsam ein spielendes Be⸗ dürfnis ist, kann es verzeihlich erscheinen, wenn, man, vom Schauer ihrer Unendlich⸗ keiten gepackt, sich fragt: Muß Gott es nicht für unter seiner Würde halten, darauf zu achten, daß— nach Jesu Wort ohne seinen Willen kein Sperling zur Erde falle, wie auch unsere Haare auf dem Haupte alle gezählt seien? Dieser ohnedies rein verstandesmäßigen Sorge bin ich indessen überhoben, seitdem mir eine Schrift zu Händen kam:„Die Welt des Unendlich Kleinen“, verfaßt von Prof. Dr. P. Gruner⸗Bern. Aus der Fülle des Materials nur ein paar ganz bescheidene Proben:„Das Molekül(d. h. das kleinste che⸗ misch noch zerlegbare Stoffteilchen), das in unserer Luft i i als herumirrt, mag weniger 0,000 000 000 000 000 000 01 Milligramm wägen, kaum das Hundertfache eines Qua⸗ drillionstels Gramm.“ Aber:„Das negative Elektron im Kathodenstrahl wiegt nicht ein⸗ mal den quadrillionsten Teil eines— Milli⸗ gramms“(eine 28stellige Ziffer!). Und dabei fügt Gruner dieser Feststellung hinzu: „Wann werden wir grobsinnlichen Menschen begreifen, daß gerade die unendlich kleinen, die verborgenen, unsichtbaren Faktoren den größten Einfluß auf das ganze Wesen des Universums ausüben?“ Solch Elektron legt bis über 280 000 Kilometer in der Sekunde zurück!“ Und von diesen, unser Denkvermö⸗ gen längst außer Kurs setzenden Stoffklein⸗ heiten erzählt uns Gruner gleichwohl:„Ihre Anordnung, ihre Entfernung, ihre gegensei⸗ tigen Bewegungen, bald vereinzelt, bald in Gruppen, sind durch unabänderliche Gesetze geregelt. Wild und stürmisch sind die Be⸗ wegungen derselben; bald eilen sie schnur⸗ stracks voran, bis sie durch gewaltigen An⸗ prall aus ihrer Bahn zurückgeworfen wer⸗ den; bald kreisen sie in wohlbestimmter Kurve um ein positives Uratom— alles nach unverrückbaren Gesetzen ähnlich wie der Mond unsere Erde, wie die Planeten unsere Sonne umkreisen.“ Und solch göttlicher Gesetzgeber sollte nicht mächtig genug sein, um auch am Sperling, geschweige an uns Menschen, die auf seinen Spuren bewußt wandeln dürfen, seinen Wil— len kundzutun? O, wir Kleingläubigen! F. K. Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.) Zu Hause angekommen, ging die Suche nach dem Schlitten los. Einer besonderen Sorgfalt in der Aufbewahrung hatte sich derselbe nicht zu erfreuen. Aus irgendeiner Ecke des Speichers— oder aus dem Gerüm⸗ pel des Holzstalles mußte er hervorgezogen werden. Aber was waren das damals auch für Schlitten! Zwei Seitenbretter mit unten daraufgenagelter Schleife aus schmalem Bandeisen, oben zwei Bretter als Sitz und zwei runde Holzstege zwischen ersteren, da⸗ mit das Machwerk standhielt. Keine Spur von Anstrich oder dergleichen. So sah der vom Schreiner hergestellte Schlitten aus. Wie viele zimmerten sich aber so ein Ding selbst zurecht! Die hübschen Rodelschlitten, wie sie heute allgemein im Gebrauch sind, waren damals noch unbekannt; so unbekannt, wie die Bezeichnung„rodeln“, Aber es ging auch so. Zuerst wurde die kleine Steigung der„Sonne“ bei ihrer Einmündung in das „Kreuz“ zum Rodeln benutzt; dann ging es auf die neue Anlage(Süd-Anlage) auf den — 142— bon dieser nach der Plockstraße abzweigenden, etwas abschüssigen Weg. Da wimmelte es nur so von Jungen, deren, wenn es der Schlitten aushielt, zwei oder drei mitunter auf einem derselben hockten. Die Polizei, welche dem Rodelvergnügen auf Wegen in der Stadt heute rasch ein Ende bereitet, kümmerte sich nicht um das Treiben der Jungen. Es ist Winter, und da gehört das Schlittenfahren dazu. Daß die Rodelbahn spiegelglatt wurde, genierte nicht. Jeder Gießener wußte, daß es gefährlich war, den Weg zu gehen, zumal abends, und schlug eben einen anderen ein; so passierte auch nie ein Unglück. Das Rodeln mit den primitiven und massiven Schlitten gewährte uns Buben min⸗ destens ebensoviel Vergnügen, wie der heuti⸗ gen Jugend der Sport mit den leichten und zierlichen Rodelschlitten. Es machte uns auch durchaus nichts aus, wenn unser schweres Fahrzeug ob seiner Ungelenkigkeit im Augen⸗ blick des Draufsetzens auswitschte, so und so⸗ viel Male allein den Hügel hinabsauste und sein Besitzer auf den Hosen in etwas lang⸗ samerem Tempo hinterher rutschte. Uner⸗ müdlich ging es auf und ab, und wenn die Dämmerung die Gesellschaft zur Heimkehr zwang, dann glühten die Gesichter, und die Ohren waren so rot, wie der Kamm eines Hahnes. Sie standen infolge der anhaltenden Bewegung in der kalten und frischen Luft sichtbar vom Kopfe ab, so strotzten sie von Blut. Die Hände in den Taschen, die Kordel, an der der Schlitten nachgezogen wurde, um den Arm geschlungen, ging es heimwärts, dem Abendessen entgegen. Bevor dieses aber eingenommen wurde, mußten die Kleider aus- und der Nachtkittel angezogen werden; denn die untere Hälfte des Körpers war naß bis zu den Zehen herunter. Durch das Herumtummeln im Freien durf⸗ ten die Schulaufgaben und die Weihnachts- arbeiten natürlich nicht vernachlässigt wer⸗ den, weshalb erstere vor, letztere nach dem Schlittenvergnügen vorgenommen wurden. Die sehnsüchtig erwartete Weihnachtswoche kam endlich herbei. Der Christbaum wurde im städtischen Magazin auf dem Oswalds⸗ garten zu 6 Kreuzer(18 Pf.) gekauft und vom Vater in das hölzerne Gärtchen einge⸗ paßt. Der Behang bestand um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus kleinen votbacki⸗ gen Aepfelchen,„Anismännern“ und But⸗ tergebackenem“. Durch die einzelnen Stücke dieses von der Mutter selbst hergestellten Backwerks wurden farbige Wollfäden zum Aufhängen an die Aestchen gezogen. Außer⸗ dem bildeten selbstvergoldete und selbstver⸗ silberte Nüsse noch einen weiteren Schmuck des Bäumchens. Die Wachslichtchen kaufte man in Rollen, erwärmte diese etwas, da⸗ mit sie geschmeidig wurden und sich strecken ließen und schnitt dann die einzelnen Län⸗ gen ab. Das obere Teil wurde angebrannt, das untere weich gemacht und um das Aest⸗ chen gebogen und festgedrückt. Eigentliche Lichthalter, wie überhaupt der Glas-, Flit⸗ ter⸗ und sonstige Schmuck kamen nach und nach erst später auf. Die erste Erweiterung in dieser Beziehung bildeten bronzierte Tannäpfel und dann die von dem Konditor Robert Settler auf dem Seltersweg herge⸗ stellten Figürchen aus einer Art Marzipan. Unter seinem Sortiment spielte ein Minia⸗ tur⸗Schlittschuh eine Hauptrolle, denn er fehlte an keinem Christbaum. Im Gärtchen fanden allerhand kleine Spielsachen aus dem Vorjahre Aufstellung. Hahn und Hühner, Schäfchen, Hündchen, teils aus Holz, teils aus Papiermaché, teils aus Gips. Manche dieser Figürchen waren mit der Fähigkeit behaftet, auf Druck zu piepsen, oder sonst einen undefinierbaren Ton von, sich zu geben. Zu der Ausstaffierung des Gärtchens zählte auch merkwürdigerweise ein Schornsteinfeger. Er hatte sich trotz seiner sonstigen Unbeliebt⸗ heit eingebürgert und seinen Platz behauptet. Zu allem diesem wurden in den letzten Tagen vor Weihnachten die Vorbereitungen durch die Eltern getroffen. Die eigentliche Schmückung des Bäumchens und die Aus⸗ staffierung des Gärtchens, überhaupt des Weihnachtstisches fand in der heiligen Nacht statt, nachdem der Nachwuchs zu Bett ge⸗ bracht worden war. Viele Leute bescherten frühmorgens. Erst nach und nach wurde die Bescherung am Christabend allgemein üb⸗ lich. In welcher Aufregung sich die ganze Familie befand, braucht hier nicht geschildert zu werden; jeder weiß das aus eigener Er⸗ fahrung.(Fortsetzung folgt.) Beim deutschen Beskidenkorps. 2. Die Kämpfe um Przemysl. Aus dem Kriegstagebuch des Hauptmanns der Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.) Die Sache fängt an, uns langweilig zu werden, und wir wünschen nach einen an⸗ deren Kriegsschauplatz, am liebsten gegen Italien zu kommen. Der Krieg gegen Italien ist in Oesterreich wirklich populär, und ich bin überzeugt, daß sich die k. u. k. Truppen dort vorzüglich schlagen werden. Hoffentlich kommen dort auch sehr tüchtige Führer hin. n allgemeinen finde ich mich ganz ruhig in mein derzeitiges Schicksal, nur zeitweise bricht doch der sehnsüchlige Wunsch durch, wieder zu meinen Lieben zu lommen, heraus aus dem Krieg mit all seinen Schrecken, Auf⸗ regungen und Anstrengungen. Aber was hilft alles Sehnen? Wir müssen ausharren bis zum Ende. Gegen Abend. Den ganzen Tag herrschte Ruhe. Die beiderseitige Artillerie schoß sehr wenig. Da ich nichts zu lesen habe, war es furchtbar langweilig. Ich besuchte mehr⸗ mals Hauptmann Plesser, der in demselben Graben 100 Schritte entfernt seine Beobach⸗ tungsstelle hat, um 4 Uhr ging ich dann mit en e ze t r⸗ 1 rt zu gen ien pen lich in. 99 eise . 5 1 4 1 ihm zurück, während Dahlem vorn beob⸗ achtete. 3 1. Mai 15. Um 8 Uhr erhielt ich im Schützengraben den Befehl, wieder nach einem anderen Gefechtsstreifen zu schießen. Ich mußte meine seitherige Beobachtungsstelle aufgeben und wählte die neue auf der Höhe, auf der ich am 27. war, aber etwas näher der Batterie. Ein solcher Wechsel der Be— obachtungsstelle bringt immer Arbeit, da die Telephonleitung nach der alten Stelle abge— baut und nach der neuen angelegt werden muß. Ich befinde mich hier wieder in einem verlassenen Schützengraben, habe aber kei⸗ nerlei Gesellschaft: nur ein österreichischer Major kam vorhin zufällig vorbei und un⸗ terhielt sich längere Zeit mit mir. Die österreichischen Offiziere sind durchweg sehr liebenswürdige, nette Leute. Daß hier nie⸗ mand in der Nähe ist, hat auch seinen Vor⸗ teil: denn die Beobachtungsstelle wird nicht durch umherlaufende Leute verraten. Etwas ist sche unangenehm. Der Wind bringt star⸗ ken Leichengeruch mit. Die Toten sind oft nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt. Gegen Abend. Heute mittag entdeckte ich elne feindliche feuernde Batterie, der ich auf 6900 Meter in die Flanke schoß. Die Russen werden sehr erstaunt gewesen sein, als sie plötzlich Feuer bekamen. Sie stellen ihre Bat⸗ terien so geschickt auf, daß es uns nur selten gelingt, eine Batteriestellung zu erkennen. Hoffentlich hat mein Feuer einigen Schaden in der Batterie angerichtet. Körperlich fühle ich mich jetzt wieder ganz wohl. Die Folgen der großen Anstrengungen und der beginnenden Hitze habe ich vollstän— dig überwunden. 1. Juni 15. Heute seit dreiviertel sechs Uhr an der Beobachtungsstelle. Ein öster⸗ reichischer Leutnant, der in meiner Nähe be— obachtet, hatte Zeitungen vom 25. und 26. Mai. Die Sonne stach sehr, und wir spann— ten Zeltbahnen über den Graben. Um ½12 Uhr erhielt ich den Befehl, mich mit den anderen Batterieführern an dem Regiments- gefechtsstand zu melden, der immer noch weit hinten bei Jordanowka ist. Ich ritt mit Hauptmann Plesser hin. Wir hatten schönes Wetter. Die Lage wurde uns auseinander- gesetzt und Befehl für den Angriff morgen erteilt. Wir ritten bald wieder zurück. Kurz bevor wir bei den Protzen ankamen— wir 790 8 noch einen flotten Galopp über die iesen angelegt—, platzte nicht weit von uns ein Schrapnell, und der Zünder schlug wenige Schritte vor uns in den Boden. Ich blieb den Nachmittag im Quartier und ließ Leutnant Thüre schießen. Die Bevölkerung hier ist in der Kultur weiter vor wie in den seither von uns be— rührten Gegenden; hier bauen sie nämlich Gemlüse; schade, daß es noch zu weit zurück ist. Gutwillig geben übrigens die Leute, de— ren Land wir vom Feind befreit haben, auch gegen Bezahlung nichts her. — 143— 2. Juni 15. 4½ Uhr morgens. Für heute früh 2½ Uhr war unserer rechten Nachbar division und den anschließenden österreichi schen Truppen der allgemeine Angriff be fohlen worden, den auch unsere Artillerie unterstützen sollte. Da ich wieder mal nach einer ganz anderen Stelle wirken mußte, sandte ich gestern abend Wachtmeister Dah⸗ lem mit einem Telephonisten und dem Sche— renfernrohr auf die Höhe, auf der ich am Abend des 27. Mai war. Ich selbst stand um 2 Uhr auf und war um ½3 Uhr auf meiner gestrigen Beobachtungsstelle. Als Zeichen zum Beginn des Angriffes gab eine schwere Batterie eine Rollsalve ab, d. h. 4 Schuß unmittelbar hintereinander, was weithin hör⸗ bar war. Nun begann das Schießen der ge— samten Artillerie mehrerer Divisionen; gleichzeitig sollte die Infanterie vorbrechen, den Gegner überraschen und überrennen. Ob das gelungen ist, habe ich noch nicht er⸗ fahren. Um ½3 Uhr beginnt es hell zu wer— den, aber man sieht noch jetzt genau, was am hellen Tag nicht der Fall ist, das Auf⸗ blitzen beim Zerspringen der Geschosse. Es war ein eigenartig schöner Anblick, wie am Horizont auf eine Strecke von mehreren Ki⸗ lometern die unzähligen Geschosse, teil in der Luft, teils beim Aufschlag auf die Erde aufblitzend zersprangen. Es ist noch recht frisch. Die Sonne hat noch keine wärmende Kraft. Ich bin sehr müde, da ich in der Nacht wiederholt durch das Telephon geweckt wurde, so daß ich we nig schlief. Aber um mich jetzt hier im Gra ben schlafen zu legen, dazu ist es zu kalt. Das gibt beute wieder einen arg langen Tag. Nachmittags. Wie ich mir dachte, ist der Angriff leider nicht weit vorgekommen. Die Truppen haben in den ersten Kämpfen hier starke Verluste gehabt, da gehen sie jetzt nicht mehr so toll vor. Auch haben die Russen starke Hindernisse vor ihren Gräben, und halten sehr energisch stand. Um die Zeit et⸗ was herumzubringen, hatte ich mir die Post vorbringen lassen, Briefe und Zeitungen ge⸗ lesen; die neuesten waren vom 28. Mai. So brachte ich die Zeit bis 9 Uhr hin. Dann war ich so müde, daß ich mich im Schützen graben hinlegte, bis die Mittagssuppe kam. Ich schlief zeitweise, aber ich war darnach müder wie vorher, hatte Kopfweh und ging deshalb, da auch nichts besonderes mehr los war, um 2 Uhr in unser Quartier und ruhte mich aus. Jetzt fühle ich mich wieder erholt. Bei unserer Infanterie herrschten eben in starkem Maße Darmkrankheiten, auch Cho lera und Typhus. Die 7. Batterie hat hier in der Stellung zwei Leute an Cholera ver— loren. Ich glaube, diese Krankheiten treten jetzt deshalb stärker auf, weil wir hier lange Zeit in den Schützengräben und Häusern liegen müssen, in denen die Russen vorher waren. Bei diesen sollen die Krankheiten. stark auftreten. ö 1 1 1 144 Dieser Tage verlor die 7. Batterie auch den Offizierstellvertreter Weise, der ein sehr tüchtiger Soldat und im Verkehr ein ange⸗ nehmer Mensch war. Er war als Beohachter im Schützengraben und ging, als die Russen zurückgeworfen waren, mit der Infanterie vor zum nächsten Graben. Kurz vor diesem traf ihn eine Schrapnellkugel ins Herz. 5. Juni 15. Vorgestern war ich von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends bei glü⸗ hendem Sonnenbrand an der Beobachtungs⸗ stelle. Die Batterie feuerte an dem Tag soviel, wie noch nie im Osten. Nach mehr⸗ maligen vergeblichen Anläufen gelang trotz des schweren feindlichen Artilleriefeuers ge⸗ gen Abend der Angriff unserer rechten Nach⸗ bardivision, den unsere Artillerie wieder un⸗ terstützt hatte. Gestern früh um ½3. Uhr kamen die Be⸗ fehle für den Tag; damit war die Nachtruhe zu Ende. Um 1½4 Uhr stand ich auf, um ½5 Uhr war ich an der neuen Beobachtungs- stelle weiter vorn. Es war sehr schwül, und ich war froh, daß ich mich abends vorher leicht angezogen hatte. Mit der Post war Sommerwäsche gekommen. Als ich in Schweiß gebadet vorn ankam, erfuhr ich, daß die Russen in der Nacht abgezogen, waren. Wegen starken Dunstes konnte ich nicht sehen, wie weit unsere Infanterie schon gefolgt war. Ich machte der Abteilung Mel⸗ dung und erhielt den Befehl, die Batterien marschbereit zu machen. Um ½7 Uhr ver⸗ ließen wir Horyslawice, wo wir es in dem Häuschen recht hübsch gehabt haben. Aller⸗ dings schossen die Russen, wenn sie die Gegend planlos abstreuten, auch dorthin. Wir rückten 6 Kilometer vor, wobei wir durch das große, längs eines Tals sich hin⸗ ziehende Dorf Zlotkowice kamen, wo fast alle Häuser in Asche liegen, und gingen um 11 Uhr bei Konjuki erneut in Stellung, da wir wieder auf stark ausgebaute feindliche Stellungen stießen. Ich habe eine gute Beobachtungsstelle, et⸗ was vor der Batterie in einem Hohlweg. Es war furchtbar heiß. Unsere Infanterie, die die feindliche Stellung nehmen sollte, tat mir leid. Ich hatte sehr starken Durst und trank gegen meine Gewohnheit viel Tee. Um 5 Ühr brach ein heftiges Gewitter los, oder richtiger, mehrere, rund herum mit starkem Regen. Ich flüchtete in einen nahe⸗ gelegenen Unterstand, in dem wohl russische Offiziere die letzte Nacht verbracht haben. Als der Regen nachließ, ließ ich die Batterie wieder feuern, aber nur kurze Zeit, da es von neuem in Strömen regnete. Ich setzte mich in ein Erdloch, über das eine Zeltbahn gespannt war. Da in dem schweren Boden nach dem Regen gar nicht vorwärts zu kom⸗ men war, mußte unsere Infanterie den An⸗ griff einstellen und sich eingraben. Als wir in der neuen Stellung kaum das Feuer eröffnet hatten, kamen zwei feindliche Schüsse direkt in die Batterie und ich fürch⸗ tete, die Stellung sei erkannt worden, aber es blieb bei den zwei Schüssen. Durch diese war Kanonier Eckelmann aus dem Deckungs⸗ graben herausgeschleudert worden, er blieb bewußtlos liegen, erholte sich aber bald wie⸗ der. Kanonier Speckhardt wurde am Auge verletzt, und man befürchtete zuerst dessen Verlust. Es zeigte sich aber später, daß eine besondere Verletzung gar nicht eingetreten war. Offenbar war Speckhardt ein in die Höhe geschleuderter Stein in das Auge geflogen, dessen Umgebung sofort stark anschwoll. Der Verletzte kam bald wieder zur Batterie zu⸗ rück. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Der Frankfurter Motettenchor, ein Zweig⸗ verein des Sängerchors des Frankfurter Leh⸗ rervereins, gedenkt Samstag den 10. Sep⸗ tember, abends 7 Uhr, in der Stadtkirche unter Mitwirkung des Herrn Organisten Görlach ein Kirchenkonzert zu veranstalten. Es werden Kompositionen von Johann Se⸗ bastian Bach, Haydn, Händel, Reger und anderen zum Vortrag kommen. Allen Freun⸗ den geistlicher Musik sei diese Veranstaltung angelegentlichst empfohlen. KUirchliche Anzeigen. Sonntag den 4. September, 15. n. Trin. In der Stadtkirche. Vormittags 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Matthäusgemeinde: Pfarrer Mahr.— Vormittags 9½ Uhr: Pfarrassi⸗ stent Ramge.— Vormittags 11 Uhr: Kin⸗ derkirche für die Markusgemeinde: Pfarr⸗ assistent Ramge.— Dienstag den 6. Sep⸗ tember, abends 8 Uhr: Helferversammlung der Männer- und Frauenvereinigung der Matthäusgemeinde. In der Johanneskirche. Vorm. 8 Uhr, zugleich Christenlehre für die Neukonfirmier⸗ ten aus der Lukasgemeinde: Pfarrer Bech⸗ tolsheimer.— Vormittags 9½ Uhr, zugleich Militärgottesdienst: Pfarrer Ausfeld.— Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Jo⸗ hannesgemeinde: Pfarrer Ausfeld. Am 11. September findet im Hauptgottes⸗ dienst Beichte und Feier des hl. Abendmahls für Lukas⸗ und Johannesgemeinde statt. Vorherige Anmeldung wird erbeten. * Wartburg verein. Sonntag den 4. September, nachm. 2 Uhr: Abschwimmen der Schwimmabteilung in der Militärbadeanstalt(hinter der Ederstraße). Eintritt 50 Pfennig. Wir bitten um Zahl⸗ reichen Besuch.— Abends 8 ¼ Uhr im Heim, Diezstraße: Preisverteilung. 2 Der Familienabend findet nicht morgen, sondern am 18. September im Markussaal statt. erantworklich: Pfarrer Bechlols heimer, Druck und Verlag der Brühl'schen Untverstfäts-Buch⸗ und Steindruckore R. Lange, Gießen