Loet 5 Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volksseitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhosstraße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Juserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 231 Gießen, Samstag, den 2. Oktober 1915 10. Jahrgang Frankreich und das Balkanproblem. Unser französischer Korrespondent schreibt uns vom 25. Sept.: Seit einem Jahre nährt die französische Presse ihre Leser mit allerlei Hoffnungen: Wenn Italien interveniert, dann... Wenn Rumänien interveniert, dann... Wenn Bulgarien interveniert, dann... Wenn Griechenland interveniert, dann... Wenn Japan 500 000 Mann schickt, dann.... Aus allen diesen Wenns wurde ganz natürlich die Schlußfolgerung gezogen, daß Italien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Japan und, vielleicht, wahrscheinlich, die Vereinigten Staaten, Spanien, Portugal, Hol⸗ land und Dänemark— demnächst, in einem Monat, in acht Tagen, Deutschland und Oesterreich den Krieg erklären werden. Daß diese Mächte alles Interesse hätten, an der Massenschlächterei teilzu⸗ nehmen, schien jedermann offenkundig, Gilt es nicht die„Beute⸗ lung mächte⸗ niederzuschlagen und die„Freiheit der Nationen“ zu mg sichern? Der Franzose, der einen angeborenen Sinn für architek⸗ konische Schönheit hat, liebt es, die kompliziertesten Probleme auf einfache, dekorative Formeln zu reduzieren: Hier Ausbund der Niederträchtigkeit, da die Verkörperung des Guten. Als Italien den Krieg erklärte, war es allen selbstverständlich, daß die Balkanstaaten unmittelbar dem guten Beispiel folgen wür- den. Wochen und Monate verstrichen, und immer noch rührte sich nichts. Gewiß die Depeschen aus Rom, aus Genf, aus Amsterdam und Kopenhagen ließen die Intervention der Balkanmächte täglich als„unmittelbar bevorstehend“ erscheinen. Bald warteten sie nur auf den Fall der Dardanellen, der„nur mehr eine Frage von Tagen ist“, bald wollten sie die Ernte erst hereinbringen; aber an ihrer Absicht, an dem„Befreiungskrieg der Nationen“ teilzunehmen, pqpweifelte kein Mensch. Im übrigen sorgte die französische Zensur Jafür, daß die Zeitungsleser in dem glücklichen Traum der Un⸗ bvissenheit nicht gestört würden. . Man hatte Herrn Delcassé nach der Kriegserklärung Italiens beweihräuchert. Welch schlauer Kopf! Welches Genie! Oester⸗ eich hatte seinem ehemaligen Verbündeten ungefähr das gesamte ebiet mit italienischer Bevölkerung angeboten, und das für nichts, für die Aufrechterhaltung seiner Neutralität. Das diplomatische 0 Genie des Herrn Delcassé hat es zustande gebracht, daß Italien gieses Angebot ausschlug und Oesterreich den Krieg erklärte. Wie⸗ 2„Ganz einfach, indem er Italien versprach, aus der Adria ein geschlossenes italienisches Meer zu machen. Einige Politiker, die davon gehört hatten, daß die Westküste der Adria von Slaven bewohnt sei, schüttelten etwas nachdenklich s Haupt. Die Italienisierung der istrischen, kroatischen, dalmati⸗ chen Küste stimmte wenig mit der„Befreiung der Nationen“ über⸗ in. Aber bah! Der Erfolg war da. Im übrigen sorgte die fran⸗ ösische Zensur dafür, daß diese Skrupeln nicht noch andere als ihre Träger beunruhigten. Und nun auf einmal der Donnerschlag der Mobilmachung Bul⸗ kariens gegen Serbien! Natürlich wird an der Diplomatie der ier Mächte jetzt kein gutes Haar gelassen, und Delcassé ist ein Idiot. Ah, wenn wir hätten reden dürfen, stöhnen die Auslands⸗ ö akteure. Und die Frauzosen, die die Dinge manchmal naiv be⸗ nachten, aber nichts weniger als dumm sind, sahen sich die Be⸗ 7 mit kritischen Augen an. Man kritisiert die gesamte Dar⸗ ganellen⸗Expedition, die ungeheure Opfer erfordert, die Opera⸗ ionen in Frankreich lähmt und jetzt, statt den Russen zu helfen, eine neue Komplikation gebracht hat. Auf die Art wird der ab⸗ esetzte General Sarrail, der zum Befehlshaber der Streitkräfte im 1 — — ö och zu tun bekommen. Man kritisiert die gesamte Balkanpolitik, ie eine Verleugnung der gesamten traditionellen Politik Frank⸗ kichs ist und darauf hinausläuft, für Rußland die gebratenen Lastanien aus dem Feuer zu holen. Man begreift, daß die„geniale“ Folitik Delcasses die Serben bockbeinig gemacht hat, was sie wenig sisponierte, ihre Eroberung von 1913 gegen fragwürdige Ver⸗ rechungen herauszugeben. Die unentwegten Verteidiger Del⸗ asses in der Presse, wie Herve, reden von nichts anderem als von ber Vernichtung Bulgariens— oder wenigstens seiner politischen Inabhängigkeit. Alles im Namen des„Befreiungskrieges der ban 5 ationen“. g Frankreich steht jetzt vor dem Scheidewege. Entweder wird es 10 se bisherige Kriegspolitik weiter verfolgen und seine Interessen enen Rußlands opfern, oder es wird zu seiner eigenen Balkan⸗ litik zurückkehren. Enttäuscht von der einen, kann es jedoch kaum loch zur anderen zurück. 0 0 Die russische Geldnot. 5 Hoek van Holland, 30. Sept. Der russische Finanzminister Lark, der eigentlich schon am ettag abend hätte London verlassen püssen, befindet sich immer noch in London. Seine Sendung sher völlig erfolglos verlaufen. Er hat überall taube Ohren gor inden. Bark, der bereits am Freitag vom König empfangen zurde, hat jetzt um eine zweite Audienz nachgesucht. Der russische zinanzminister hat täglich mehrere Unterredungen mit dem eng⸗ lschen Schatzkanzler, über deren Ergehnis jedoch stets derselbe taurige Bericht veröffentlicht wird, daß die ungewöhnlichen echwierigkeiten der zu lösenden Aufgaben die Minister zur. Forte ung ihrer Verhandlungen zwingen. In seiner Not hat sich der ssische Finanzminister auch an den englischen Premierminister guith gewandt: auch mit verschiedenen anderen Ministern hat er Unterhandlungen gepflogen, die ihn jedoch stets an den Kanzler ver⸗ ziesen. Es ist sehr bezeichnend, daß Rothschild London auf einige inge verlassen hat, offenbar, weil er um jeden Preis einer neuen zussprache mit Bark aus dem Wege gehen will. Rußland find g den ohne Sicherheit keinen Geldgeber. In der Not gehen ice Freunde auf ein Lot. Bark wird wohl ohne Geld, aber um eine ute Weisheit reicher nach Petersburg zurückkehren. Mohammedauer⸗Unruhen in Rußlanr., g Zürich, 30. Sept. Der Neuen Züricher Zeitung wird aus tersburg berichtet, daß 1 5 10 1 55 große Mohammedaner⸗ buruhen entstanzen sind. Nach der Verhaftung einiger unter Vor der Verständigung mit Spionageverdacht stehender Mohammedauer legten plötzlich die mohammedbanischen Industriearbeiter die Arbeit nieder und be⸗ drohten die Gendarmerie. Als Militär gegen die Aufständischen zur Hilfeleistung herangezogen wurde, errichteten diese Barrikaden und feuerten auf die Truppen. Auf beiden Seiten gab es Tote und Verwundete. Die Erregung unter der Eingeborenenbevölker⸗ ung ist groß und das Bandenwesen scheint täglich an Umfang zu ge⸗ winnen. Utro Rossij führt die wachsende Unsicherheit auf die wühlerische Tätigkeit mohammedanischer Derwische zurück. Auch die Explosion mehrerer Oeltanks am Bahnhofe wird den mohamme⸗ danischen Banden zur Last gelegt. Truppenlaudungen der Entente in Griechenland? München, 30. Sept. Nach einer Meldung der Daily News sejen englische und französische Truppen bereits nach dem griechi⸗ schen Hafen Catrin bei Saloniki unterwegs. Man nimmt allge⸗ 11 5 an, daß Griechenland gegen ihre Landung nichts einwenden wird. Der bulgarische Ministerpräsident kommt nach Berlin. Wien, 30. Sept. Das Neue Wiener Journal erhält aus Sofia die Meldung, daß Ministerpräsident Radoslawow heabsichtige, in der nächsten Zeit nach Berlin zu fahren. Diese Nachricht wird halbamtlich bestätigt. Als Zweck der Reise werde ein Besuch eines Sohnes des Ministerpräsidenten hingestellt, der bei der bulgarischen Gesandtschaft die Stellung eines Attachés bekleidet. Das Publikum mißt jedoch der Neise politische Beweggründe und große Bedeu⸗ tung bei. Die bulgarischen Blätter schreiben mit Sympathie und Begeisterung über diese Reise, die Bulgarien den Mittelmächten noch näherbringen werde. Blockierung der bulgarischen Küste? Berlin, 30. Sept.(Priv.⸗Tel.) Die Bukarester Seara meldet aus Salonik, daß die Flotte der Alliierten im Aaogäischen Meer die Blockade der bulgarischen Küste vorbereite. Japan lehnt ab. T. U. Stockholm, 30. Sept. Die japanischen Zeitungen bringen die Antwort der japanischen Regierung auf das Hilfe⸗ gesuch des Vierverbandes. Okuma lehnt das Gesuch, gestützt auf das Testament des verstorbenen Mikado, ab. Dieser hatte befohlen, Heere nur dann über das Meer zu senden, wenn Japan unmittelbar bedroht sei. Sie unterstreicht jedoch die Bereitwilligkeit Japans zur anderweitigen Unter stützung. Vor der Verständigung mit Nordamerika. Drient ernannt wurde, aber immer noch in Paris sitzt, vielleicht doch ist London, 30. Sept.(Priv.⸗Tel. der Frkft. Ztg.) Ein Telegramm aus Washington an die Evening Mail besagt: Seit Jago, wie die amerikanischen Zeitungen berichten, dem Grafen Bernstorff unbeschränkte Vollmacht gegeben habe, um mit den Vereinigten Staaten in der Unterseeboot⸗ frage zu einer Uebereinstimmung zu kommen, ist in ameri⸗ kanischen Regierungskreisen nicht mehr die Rede davon, daß ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten wahrscheinlich sei. Präsident Wilson und Staats⸗ sekretär Lansing haben unbegrenztes Vertrauen in die Auf⸗ richtigkeit und die freundschaftliche Gesinnung des deutschen Gesandten, und in amerikanischen Regierungskreisen herrscht vollkommene Sicherheit, daß Bernstorff die Vollmacht, die ihm gegeben ist. zu gegenseitigem Nutzen ausüben wird. Bernstorff wird hier als ein treuer Diener seiner Regierung betrachtet, doch zu gleicher Zeit als ein Mann, der die ameri⸗ kanische Denkungsart begreift und achtet. Niemand hat sich so viel Mühe gegeben wie Bernstorff und so eifrig wie er danach gestrebt, eine befriedigende Lösung der Schwierig⸗ keiten zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten anläßlich des Unterseebootskrieges und des„Lusitanja“-Vor⸗ falls zustande zu bringen. Die optimistische Auffassung und das Vertrauen, daß eine befriedigende Lösung in der An⸗ gelegenheit des Unterseebootskrieges herbeigeführt wird, werde noch gestützt durch das Streben der neuen deutschen Politik in der Frage der Unterseebootangriffe auf Kauffahrtei⸗ schiffe. Die Politik ist bereits bei dem Ingrundbohren des englischen Schiffes„Anglo Columbia“, das für den Pferde⸗ transport benutzt wurde, in Kraft getreten. Dieses Schiff erhielt zuerst eine Warnung und wurde erst dann in den Grund gebohrt. Der Bericht über diesen Vorfall und die Umstände, unter denen das Schiff torpediert wurde, wurde durch den amerikanischen Konsul in Queenstown gemacht. Das Vorgehen hat in Washington einen ausgezeichneten Ein⸗ druck hervorgerufen. 0 Amsterdam, 30. Sept.(Priv.⸗Tel. der Fr. Ztg.) Der Nieuwe orte anche Courant meldet aus New⸗Nork: Die Staats⸗ regierung dementiert das Gerücht über Schwierigkeiten in den Unterhandlungen über die„Arabi c“⸗Angelegenheit. Bezüglich des zukünftigen deutsch-amerikanischen Verhältnisses ist man eben⸗ falls beruhigt. F zashington. 12101 Millionen. W. B. Berlin, 30. Sept.(Amtlich.) Für die Zeichnungen auf die dritte Kriegsanleihe ist nunmehr das Ergebnis mit 12 101 Mil⸗ lionen Mark sestgestellt, darunter 2169 Mill. Mark Schuldbuchzeich⸗ nungen. In welcher Weise die Zeichnungen sich auf die verschte⸗ denen Arten von Anmeldestellen verteilen, ergibt sich aus der nach⸗ stehenden Uebersicht, die zum Vergleich die Ergebnisse der ersten und zweiten Kriegsanleihe heranzieht. Es wurden gezeichnet auf die dritte, zweite und erste Kr nleihe in Millionen Mark: bei der Reichsbank 569 bei ber dritten, 565 bei der zweiten und 479 bei der ersten Anleihe; von Banken und Bankiers 7676 resp. 5664 resp. 2895; von Sparkassen 2592 resp. 1978 resp. 883: von Lebensver⸗ sicherungsgesellschaften 417 resp. 384 resp. 203; von Kreditgenossen⸗ schaften 680 resp. 358 resp. Null; von den Postanstalten 167 resp. 112 resp. Null. Zusammen bei der dritten Anleihe 12 101, bei der zwei⸗ ten 9061 und bei der ersten 4460 Millionen. Die Feldzeichuungen sind in der vorstehenden Uebersicht nicht enthalten. Die Lage in Persien. London, 30. Sept. Im Unterhause besprach Lord Cecil dig Lage in Persien. Er sagte:„Die Lage in Persien hat den Gegen stand sorglicher Erwägun und Beratungen zwischen dem Indi⸗ schen Amt und dem 9 irtigen Amt gebildet. In Buschir hat ein ungesetzlicher An f, der offenbar durch deutsche und öster⸗ reichische Ränke angestiftet worden war, den Tod zweier tapferer Offiziere veranlaßt. Buschir ist nun von britischen Trup⸗ pen besetzt. Die vpersische Regierung hat ihr Bedauern über diesen Vorfall ausgedrückt und die nötigen Schritte eingeleitet. Ich hoffe, daß Aehnliches in Zukunft vermieden wird.“ Lord Cecil gab zu, daß die persische Regierung in schwieriger Lage sei, aber er denkt nicht, daß irgendwelcher Grund vorliege, daran zu zweifeln, daß die persische Regierung ihrer Pflicht nachkommen wolle, Gesetz und Ord⸗ nung aufrecht zu erhalten. In Ispahan sei ein Angriff auf den britischen Generalkonsul gemacht worden. Die britischen und rus⸗ sischen Kolonsen sesen von Ispahan zurückgezogen worden Bei der persischen Regierung seien energische Vorstellun⸗ gen erhoben. In Schiras sei der britische Vizekonsul tödli verwundet worden. Es sei außerordentlich schwierig, während dies. gigantischen Krieges eine irreguläre Streitmacht zu organisteren und zu unterhalten. Aber Cecil hofft, daß sich die Lage dennoch bessern werde. England habe seine Bereitschaft gezeigt, Persien finanziell zu Hilfe zu kommen, und er glaube, daß dies von großer Wirksamkeit sein könne. Der britische Gesandte führe Verhaudlun⸗ gen mit dem persischen Minister des Aeußeren auf dieser Basis, und England sei bereit, beträchtliche Konzessionen zu machen. Unterstaatssekretär Zimmermann über Holland und Belgien. Der Berliner Vertreter des Nieuwe Rotterdamsche Courant hatte eine Unterredung mit dem Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amts, Herrn Zimmermann. Er berichtet seinem Blatt darüber:„Herr Zimmermann erinnerte zu⸗ nächst an die falsche Auslegung seiner Unterredung mit dem Holländer Troelstra. Der Unterstaatssekretär erklärte wiederum, daß Deutschland nicht daran denke, Hollands Neu⸗ tralität oder politische oder wirtschaftliche Freiheit zu ver⸗ letzen. Zum Glück dringe in Holland die Ueberzeugung immer mehr durch, daß Holland von Deutschland nichts zu fürchten habe. Wir wollen gute Freunde und Nachbarn bleiben. Leute, die in Deutschland dann und wann anders sprachen, seien politisch bedeutungslos. In Deutschland er⸗ kennt man dankbar die strikte Art und Weise an, in der Holland seine Neutralität beobachtet. Der Vertreter des Nieuwe Rotterdamsche Courant berührte die belgische Frage, Er bemerkte, daß das Schicksal Belgiens Holland sehr zu Herzen gehe.„Es ist,“ erwiderte Unterstaatssekretär Zimmer⸗ mann,„im Augenblick nicht möglich, zu sagen, wie nach dem Kriege das Verhältnis zwischen Deutschland und Belgien sich gestalten wird. Das ist eine sehr schwierige Angelegen⸗ heit. Eine Lösung muß gefunden werden. Aber eines steht fest: Deutschland muß Sicherheit haben, daß Belgien nicht ein Vorposten Englands werde. Dies werden wir verhüten.“ —„Sie sind somit überzeugt, daß die Bestimmung des Schicksals Belgiens von Deutschland abhängig wird?“ fragte der Vertreter des Nieuwe Rotterdamscho Courant.—„Ge⸗ wiß,“ antwortete der Unterstaatssekretär,„davon sind wir in Deutschland alle fest überzeugt. Wir werden uns keine Bedingungen auferlegen lassen. Wir werden dafür sorgen, daß, was sich jetzt ereignete, sich nicht wiederholt. Wir haben unsere Friedensliebe reichlich bekundet. Wir sind ein fried⸗ liches Volk. Es ging uns gut. Was konnten wir bei einem Kriege gewinnen? Aber jetzt wollen wir einen Frieden durch- setzen, der uns gegen die Wiederholung eines derartigen Krieges schützt. Wir werden durchhalten, bis dieser Zweck erreicht ist.“ Was aus Polen werden wird, sei, so sagt der Unterstaatssekretär, noch ebensowenig sicher wie das Schicksal 8 7 Belgiens. Tagung des banerischen Landtags. Die Zweite Kammer des bayerischen Landtages wurde an. Donnerstag mit eine Ansprache des Präsidenten v. Orterex eröffnet. Dann ergriff der Ministerpräsident Graf v. Hertling das Wort. E⸗ pries die Einigkeit des deutschen Volkes und die Tapferkeit der mit Deutschland Verbündeten. Die Rechnung unserer Feinde werde sich 3 nicht zweckmäßig gewesen, den Landtag zu einer besonderen Not⸗ der Frage land, eine Preisbewegung bemerkbar, die Wucherpreise für gezogen fühlte in diese tauige und blumendufterfüllte Mond— als falsch erweisen. Dank gebühre der Landwirtschaft, dem Handel und dem Handwerk: dem gewerblichen Arbeiter müsse eine besonders dankbare Anerkennung gesagt werden. Auch das patriotische Ver⸗ halten der Arbeiterverbände werde der bayerlschen Regierung un⸗ vergeßlich bleiben.— Es sei verfassungsgemäß unnötig und auch tagung außer der Zeit einzuberufen. Von den Aufgaben der Zu⸗ kunft wolle er heute nicht reden; die Probleme, die sie in ihrem Schoße trägt, selen noch zu wenig geklärt, ja, ihrer Lösung sehlte vielfach die 1atsächliche Unterlage. der Einmütigkeit auch über den Verhandlungen des Landtages walten und daß alles Trennende zurücktreten möge, sowie mit dem Versprechen der Bereitschaft der Regierung, ihren Teil hierzu bei⸗ zutragen, schloß der Ministerpräsident seine Ausführungen. Aus ber Budgetrede des Finanzministers v. Bräuning sei mit⸗ geteilt, daß der voraussichtliche Fehlbetrag des Jahres 1014 sich auf etwa 16—17 Millionen Mark stellen werde. Zentrum und Lebensmitteltenerung. Dr. Julius Bachem beschäftigt sich im Tag erneut mit der Lebensmittelteuerung. Die Kartoffelfrage nehme zurzeit, besonders bei den breiten Volksmassen in Westdeutschland, den ersten Platz ein. Man sei keineswegs damit einverstanden, daß der Bundesrat beschlossen habe, für Kartoffeln vorläufig keine Höchstpreise festzusetzen. Den in Regierungskreisen herrschenden Optimismus könne man nicht teilen, denn jetzt schon mache sich, besonders in Westdeutsch— die Kartoffeln befürchten ließe. Bei der diesjährigen großen Kartoffelernte müßten Preise von 5—6 Mark für den Zentner als Wucherpreise betrachtet werden, die nicht nur bei den Industriearbeitern, sondern eben so sehr bei den Handwerkern, Beamten und vor allem in den Kriegerfamilien eine wahre Erbitterung auslösen müßten, deren Anfänge man schon jet deutlich wahrnehmen könne. Diese Erbitterung kehre sich in erster Linie gegen die Agrarier; Bachem hält es nicht für berechtigt, obwohl er zugibt, daß einzelne Landwirte sich zu Beginn des Krieges an der Preistreiberei beteiligt hätten. Wichtiger erscheint ihm die Rückwirkung der Mißstimmung des Volkes auf das politische Leben: „Man wird nicht nur die Regierung, sondern auch die politischen Parteien und deren Führer, von denen man eine wirksame Einwirkung auf die Re⸗ gierung erwartet, für die eingetretenen Mißstände verant⸗ wortlich machen und daraus politische Folgerungen ziehen.“ Aus Furcht vor diesem zu erwartenden Volksgericht haben die Provinzialausschüsse der Zentrumspartei in Rhein— land und Westfalen in den letzten Tagen beschlossen, bei der Reichsregierung auf durchgreifende Maßnahmen gegen eine Kartoffelteuerung zu dringen. Bachem macht noch darauf aufmerksam, daß diesen Provinzialausschüssen Mitglieder der verschiedensten Berufsstände angehören, daß auch hervor— ragende Vertreter der Landwirtschaft wie zahlreiche Mit⸗ glieder der Zentrumsfraktion des Reichstags und des preußi— schen Landtags darunter seien. Die Regierung möge das bei der Würdigung der gefaßten Beschlüsse wohl bedenken. An„die konservativen politischen Vertreter der Landwirt— schaft des Ostens“ aber richtet Bachem die Aufforderung, ja micht den Forderungen auf billigere Lebensmittel entgegen— zutreten und„sich nicht mit einer Verantwortlichkeit zu be⸗ lasten, welche voraussichtlich schon bald, jedenfalls in der weiteren innerpolitischen Entwicklung die konservative Partei schwer treffen und ihre Position bei der demnächstigen politi⸗ schen Neuorientierung aufs äußerste erschweren müßte.“ Bulgarische Vorsichtsmaßregeln. Berlin, 1. Oktober. Die Pariser Nachrichten-Agentur Agence Fournier meldet aus Athen, daß die von bulgarischer Seite vorgenommenen Befestigungsarbeiten zum Schutze von Dedeagatsch und Umgegend jetzt beendet seien. Der Hafen werde durch eine dreifache Linie von Minen abge— sperrt. Die Batterien weittragender Geschütze auf den Höhen sollten die Stadt und längs der ganzen Küste aufge— stellt, das bulgarische Dedeagatsch und die Küste gegen die Landung feindlicher Truppen decken. Diese Befestigungen seien übrigens in Paris vorausgesehen worden. Deshalb Mit dem Wunsche, daß der Geist V spricht auch die französische Presse auf die Nachricht von der Entsendung eines englisch⸗französischen Expeditionskorps gegen Bulgarien nur von Saloniki als Landungspunkt sich nicht im geringsten; sie wird nicht einmal erwähnt. Vertagung des englischen Parlaments. London, 1. Okt. Die Regierung hat gestern den Beschluf gefaßt, die Parlamentssitzungen bis auf den 12. Oktober auszu⸗ setzen. Dieser Schritt stellt eine vollständige Ueberrumpelung der Mitglieder des Parlaments dar. Daly Telegraph meldet hierzu: Der Anlaß zu diesem Schritt der Regierung war die Notwendigkeit, zu verhindern, daß die Debatten wegen der Einführung der allge⸗ meinen Wehrpflicht sich wiederholten, namentlich angesichts der schwierigen Sitnation auf dem Balkan und um das Finanggesetz, die augenblicklich wichtigste Gesetzgebungsfrage in Ruhe fertig⸗ stellen zu können. Bevorstehender Wechsel im italienischen Oberkommando. Ueber einen Wechsel im italienischen Ober— Mlinchen⸗Augsburger Abend⸗Zta. von be⸗ sonderer Seite folgendes gemeldet: In informierten Kreisen, die dem italsenischen Botschafter in Petersburg Charlotti nahestehen, wird erklärt, daß in nächster Zeit mit der Uebernahme des italieni⸗ schen Oberbefehls durch den General Porro zu rechnen sei. Kriegsnolizen. Die Tätigkeit der deutschen U⸗Booteim Mitlel⸗ meer. Wie nach Konstantinopel berichtet wird, ist ein französischer Passagierdampfer aus Sydney bei Kap Malta torpediert worden. Ein aus Mudros in Athen angelangter Herr versichert, daß täglich englische und französische Schiffe im Mittelmeer versenkt würden, Die Zahl der Opfer der deutschen Unterseeboote sei enorm, doch werde darüber streugstes Stillschweigen beobachtet. 5 Italienische Truppen am Suezkanal? Die Köl⸗ nische Volksztg, meldet aus Athen: Graf Bos dari, der italieni⸗ sche Gefandte in Athen, stellt der griechischen Presse eine Mittefsung zu, wonach keine italienischen Truppen gegen die asiatische Türke! e eingesetzt seien. Das Mißtrauen eines Teiles der griechi⸗ schen Presse sei also nicht gerechtfertigt. Embros erblickt aber in dleser Mitteilung lediglich die Bestätigung dafür, daß italieni⸗ sche Truppen am Suezkanal dem Vierverband helfen sollen. 5 Deritalienische Weberstreik. Wie der Secolo mit⸗ teilt, nimmt an dem Streik die gesamte Arbeiterschaft ber Webereien von Legnano, Callarate, Busto Arsizio, sowie mehrere Nachbargemeinden teil. Ungefähr 50 Fabriken sind geschlossen. Die Lage ist ziemlich schwierig. Die Arbeiter fordern eine Erhöhung des Lohnes um 10 Prozent, was die Bisanz der bedeutend⸗ sten Webereien bis zu 100 000 Lire mehr belasten würde. Wie der Corriere della Sera meldet, wurde der Genueser Großverband der Steinkohlenhändler bei der Regierung wegen herrschenden Wagen⸗ mangels vorstellig, da durch die gegenwärtige Lage die Löschungs⸗ arbeiten im Hafen von Genua schwer beeinträchtigt werden. München. 1. Okt. kommando wird der Ein senglischer Bericht aus Mesopotamien. Der Befehlshaber der englischen Truppen in Mesopotamien berichtet drahtlich, daß die tsirkischen Stellungen bei Kutalamara erobert, viele Gefangene gemacht und Kanonen erbeutet worden sejen. Der Feind lief, von den Engländern verfolgt, nach Bagdad. Der Erzbischof von Bamberg gegen die zu⸗ nehmende Unsittlichkeit. Der Erzbischof von Bamberg, Exzellenz von Hauck, hat in einer Rede mit ungehemmter Schärfe gegen die zunehmende Unsittlichkeit. gegen die moderne Literatur und Kunst, die Putzsucht und den Lebensmittelwucher Stellung ge⸗ nommen.— Also keine große Zeit voll sittlichen Ernstes? Arbeiterbewegung. Arbeitsregelung im Buchbindergewerbe. Eine gemeinsame Sitzung der Vorstände des Verbandes Deuk⸗ scher Buchbindereibesitzer und des Deutschen Buchbinderverbandes fand am 16. September in Leipzig statt. Sie befaßte sich in der Hauptsache mit folgenden Fragen: Unter welchen Umständen können beim Fehlen männlicher Arbeiter auch Arbeiterinnen mit Gehilfen⸗ arbeiten beschäftigt werden? Antrag auf Gewährung von Teue⸗ e Arbeitsbeschaffung und Entlohnung für Kriegs⸗ inpalide. Die erste Frage häugt mit dem sogenannten Dreistädtetarif für Berlin, Leipzig und Stuttgart zusammen, wonach, mit einigen ge⸗ ringen Ausnahmen für Leipzig, Arbeiterinnen nicht mit Gehilfen⸗ arbeiten beschäftigt werden dürfen, um die Untergrabung des Akkorbtarifes und die weitere Verdrängung der männlichen Ar⸗ beiter aus dem Berufe zu verhüten. Da in Berlin infolge des Krieges Mangel an männlichen Arbeitskräften zu verzeichnen war, so verlangten die Unternehmer Freigabe der betreffenden Arbeiten auch für Arbeiterinnen, womit sich die Gehilfen einverstanden er⸗ dieser Truppen. Um die griechische Neutralität kümmert sie! klärten, wenn sich über di lasse. Man einigte sich daß Arbeiterinnen mit Teuerungszulogen betonten Lage des Gewerbes, die es den den Wünschen der Ar Mitgliedern des Buchbindereibesitzer⸗Verbandes zn em a jenen Wünschen en, weil ihnen die Weichen au sich. infolge der allgemeinen Verteuerung der gesamten Lebenshaltung, nicht abgesprochen werden könnte. f In 1 Unterbringung und Entlohnung der Kriegs invaliden einigten sich beide Panteien auf ein Halldinhandg mofür allerdings die Einzelheiten noch bestimmt werden misßte die sich durch die Praxis ergeben würden. l Vereinigung der Gärtnerverbände. 0 Für die Angestellten und Gehilfen in den Gärtnereien be⸗ stehen in Deutschland drei Organisationen, nämlich der freigewerke schaftliche Allgemeine Deutsche Gärtnerverein, der Deutschnationale Gärtnerverband und der Verband deutscher Privatgärtner. Re⸗ dakteur Albrecht vom Allgemeinen Deutschen Gärtnerverein hat kürzlich im Vereinsorgan angeregt, ein Bündnis dieser drei Ver⸗ einigungen, die sich vor dem Kriege oftmals feindlich, immer aber als Konkurrenten gegensiberstanden, herbeizuführen. Albrecht wies auf den erfolgten Zusammenschluß der Unternehmer⸗ organisationen hin und ist der festen Ueberzeugung, daß trotz all Gegensätzlichkeie der drei Arbeitnehmerverbände ein breiter Bod vorhanden sel für eine auf gegenseitigem Vertrauen beruhenden Gemeinschaftsarbeit. Es gelte jetzt diejenigen Punkte hervorzu⸗ heben, über welche unter den Organisationen Meinungsverschieden⸗ heiten nicht bestehen. Die Berufsverbände sollen zur erde und unerschöpflichen Quelle der Volkswohlfahrt werden, 1 starkes Bündnis der bisher getrennten Gärtnerorganisatsonen mürde dazu beitragen, die Berufsangehörigen diesem Ziele näher zu bringen. Der Wunsch nach einem solchen Zusammenarbeiten set in allen Organisationen vorhanden, von einer Seite aber milsse der Anfang gemacht, der Weg zur Verständigung angebahnt wer⸗ den. Man wird nun abwarten müssen, wie sich die beiden anderen Verbände zu dem von der freigemzerkschaftlichen Organisation ge⸗ machten Annäherungsvorschlag u stellen werden. Ant Ae. fe d Arbeitnehmer wäre es zu begrüßen, wenn der. 7 schlag aus Ziel führen würde. Parteinachrichten Grabdentmal für den Genossen Noll we Unter stafler Teilyahme der nossen wurd in Augsburg guf dein dorligen protestantischen Friedhof ei dem vor drei Jahren auf einer Bergtoux tödlich verum i e bayerischen Landtagsabgeordneten Haus Rollwagen gewidmetes nd von den Parteigenossen gestiftetes Grabdenkmal der Fa milie des Verstorbenen übergeben. Die Ehrengabe ist ein künstlerisch hervo ragendes, in edlen, schlichten Formen gehaltenes Werk. 0 Aus der Schutzhaft entlassen. Genosse Peter Winnen in Düsseldorf befindet sich seit San tag wieder in Freiheit. Die Verhaftung, die bekauntlich, erfo⸗ war, weil Winnen an Zusammenküuften russischer(freier) Arbe teilgenommen hatte, ließ sich nach erfolgter Zeug mvernehmung inehr aufrechterhalten. Die endgültigen polizeilichen Feststell ergaben, daß sich Genosse Winnen keinerlei Unkorrektheit 4 Schulden kommen lassen. Darauf wurde die Aufhebung der S haft verfügt. Die Haft währte zehn Tage. 0 Kundgebung rumänischer Sozialisten für Aufrechterhaltung der Neutralität. Am Sonntag fand in Bukarest eine große sozialistischs sammlung statt. Es wurde folgender Beschluß gefaßt: a 0 Die versammelten Arbeiter und Bürger legen Verwahrum einiger Zei heutigen Umständen eine ehrliche und endgültige Neut machen mülsse. Pulver und Gold. Roman aus dem Kriege 18701871. Von Levin Schücking. „Verzeihung, Mademoiselle,“ sagte ich, mich verbeugend, „wir fanden ihn in einer Weise, die uns Verdacht einflößen mußte, wenigstens verbarg er sich vor uns und weigerte sich, uns zu führen.“ „Beides war sehr natürlich,“ fiel sie mit einer mich eigentümlich berührenden metallhellen und doch weichen Stimme ein, die ein wenig wie von innerer Aufregung vibrierte,„ich hatte ihm befohlen, dort zu bleiben— ich wollte, während ich im Garten spazieren ging, ihn zu meinem Schutze da wissen.“ „Dann,“ versetzte ich,„müssen wir abermals um Ver⸗ zeihung wegen dieser Störung bitten; wir konnten das nicht ahnen— es tut uns in der Tat leid, Sie hier in Ihren Gartenanlagen— denn ich darf voraussetzen, daß ich mit der Herrin dieser schönen Besitzung rede— belästigt zu haben—“ „O, Sie verzeihen uns das gewiß,“ fiel hier der unaus— stehliche Glauroth mit seiner Suada ein,„Sie selbst haben sich ja von dieser schönen Mondscheinnacht herauslocken lassen — wir dürfen deshalb hoffen, daß Sie Nachsicht mit der deut⸗ schen Sentimentalität haben, die sich unwiderstehlich hinaus⸗ 0 scheinnacht, einen Feenreigen, nicht aber der.. Ich fühlte, daß er im Begriff stand, ein taktloses Kompli⸗ ment vorzubringen und darum unterbrach ich ihn rasch „Und als ein Zeichen Ihrer Verzeihung würden wir es be— trachten, Fräulein, wenn Sie uns gestatten, Sie durch den Garten zu Ihrem Schlosse heimzubegleiten.“ Es war jedenfalls ein wenig zuzdringlich, auch antwor⸗ tete die junge Dame nicht darauf; doch wandte sie sich zum Gehen und darin lag denn freilich eine Art Erlaubnis, sie zu begleiten. in welcher wir wohl erwarten konnten, 15 bei,„während Sie uns den Krieg und alle seine Schrecken bringen— jetzt, wo der Krieg gar keinen Zweck mehr hat. Ist das deutsches Gemüt?“ Sie sprach das Wort mit einer äußerst bitteren, spötti⸗ schen Betonung, die mich sehr lebhaft erwidern ließ:„Gewiß, Fräulein; nie war ein Krieg mehr eine Gemütssache, als just der, den wir mit Frankreich führen. Ist die brausende Be⸗ geisterung, mit der sich ganz Deutschland in diesen Krieg ge— stürzt hat, nicht eine Sache des Gemüts? Ist das stürmische Verlangen jedes deutschen Mannes, die alten geraubten Reichslande mit dem tüchtigen deutschen Bruderstamme, dem reinen deutschen Blute darin, wieder zu erobern, sie zu ihrem Mutterlande zurückzuführen, nicht Sache des Gemüts?“ „Und ist es nicht äußerst gemütlich,“ unterbrach mich Glauroth,„in dieser mondbeglänzten Zaubernacht, in dieser uns fremden Welt, an der Seite einer schönen jungen Dame durch abendliche Gärten zu wandeln? In dem abendlichen Garten Wandelt des Alkalden Tochter.. Sie wandte sich mit einer ausdrucksvollen, für ihn nicht sehr schmeichelhaften Kopfbewegung von ihm ab und sagte, zu mir gewendet:„Sie wollen erobern, das ist's! Ein zivili⸗ siertes Volk will nie erobern. Aus Deutschland sind immer 77 die Eroberer gekommen— die Hunnen, die Goten, die Franken—“ „Die Ulanen!“ fiel der ehemalige Primaner lächelnd ein,„das unzivilisierteste Volk von ihnen allen!“ „Und Frankreich,“ fuhr sie, ohne auf ihn zu hören, fort, „hat immer die traurige Aufgabe gehabt, sich dieser erobe⸗ rungssüchtigen Nation zu erwehren, und sein bestes Herzblut dabei vergossen. Es ist kein Jahrhundert in unserer Ge⸗ schichte, in welchem wir Frieden gehabt und nicht zu schweren Kriegen gegen Deutschland gezwungen gewesen wären. Welche Zeit wäre für die Welt die Ludwigs des Vierzehnten gewesen, wenn er sich nicht durch die Kriege mit Deutschland in seiner besten Kraft, in seinen hochfliegendsten Plänen gelähmt ge⸗ sehen! Doch ich kann nicht voraussetzen, daß sie die Geschichle „Sie reden von deutscher Sentimentalität,“ sagte sie da ⸗ Frankreichs kennen, um 8 „Ihnen folgen zu können, Fräulein? In diese Ansch ung freilich nicht; die Idee, den armen Ludwig den zehnten bedauern zu sollen, weil er genötigt war, dem verheeren, die herrlichen Rheinlande zu verwüsten, un Schlösser und Dome niederzubrennen, uns die alte Reichs stadt Straßburg fortzunehmen— in diese Idee kann Ihnen nicht folgen. Bedauern Sie auch den armen Kard Richelieu, daß er in Deutschland den unseligen dreißig rigen Bürgerkrieg schüren und hetzen mußte?“ a „O sicherlich— er tat es mit schwerem Herzen; daß kein Freund der Protestanten, hat er bei La Rochelle geze er hat sie da schwer genug getroffen; wie schmerzlich und ha mußte es für ihn, den Mann der Kirche, sein, durch die litik, durch die ewige Drohung, welche Deutschland für unk enthielt, gezwungen zu sein, die Ketzer dort zu unterstützen! Ja, mein Herr, ich bedauere den Kardinal Richelieu, der gro genug war, seine Sympathien zu verleugnen und eine Schund gegen sein religiöses Gewissen auf sich zu nehmen, um seinel Vaterlandes willen!“ g Mein Begleiter brach hier in ein leiches Lachen „Es scheint,“ sagte er,„die Geschichte wird in Frankreich nach ganz eigentümlichen Heften gelesen.“ 1 „Möglich,“ fiel ich ein,„daß man die Geschichte iberell wie ein Adpokatenplaidoyer für die eigene Sache vorkr ..„Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ soll vielleicht heißen: sie ist das große Tribunal, vor dem die Advokaten der Völker, die Geschichtsschreiber, ihre Vorträge für rk Safe balten. Der eigentliche Richter ist dann— die eit!“ 9 „Wir sind am Hause angekommen,“ unterbrach die zunge Dame unsere gelehrte Unterhaltung.„Ich danke Ihnen, meine Herren!“ Sie machte eine kurze Verbeugung ging rasch über die Terrasse davon, um in einer, wie es schi nur angelehnt stehenden Seitentür zu ebener Erde zu ere schwinden. f (Fortsetzung folgt.) Auch während der Kriegszeit, wo die Gedanken von den furchtbaren, aller Vernunft und aller Kultur hohnsprechenden Ereignissen in Anspruch ge⸗ nommen werden, die sich täglich abspielen, dürfen unsere Parteigenossen ihre Sache nicht aus dem Auge verlieren Die Grundsätze der Freiheit und Menschlichkeit, für die wir jederzeit gekämpft haben, können durch den Waffenlärm und das Massen⸗Menschenmorden nicht erschüttert werden. Für unsere großen Ziele müssen wir wefter mit allen uns Gebote stehenden Kräften eintreten und immer neue An. hänger für unsere Sache werben. In erster Linie müssen wir zu diesem Zwecke für Veubreitung Presse sorgen. Obwohl Tausende unserer Leser ins Feld gezogen sind, gibt es noch sehr viele zur arbeitenden Klasse Gehörige, welche als Leser der Oberhessischen Volks. zeitung gewonnen und unserer Bewegung zugeführt wer— den können. Unsere c allerorts erfuchen wir, in diesem Sinne tätig zu sein. Mit Eintritt des Winterhalb⸗ jahres pflegt das Lesebedürfnis zu steigen; benutze jeder diese Zeit, unserem Parteiblatte, dem einzigen Arbeiterblatte in Oberhessen und den Nachbargebieten, in seinen Bekannten⸗ kreisen weitere Verbreitung zu verschaffen! 37 Preisermäßigung für Schweinefleisch. In Darmstadt sind, wie bereits vorher schon in Heidelberg, die Preise für Schweinefleisch um 10 Pfennige fürs Pfund herabgesetzt worden. Damit bleiben zwar die Preise immer noch so hoch, das nur recht wohlhabende Leute sich den Genuß don Schweinefleisch ohne Einbuße leisten können, aber die Metzger haben doch ihren guten Willen gezeigt. Sollte das nicht auch in Gießen möglich sein? Sicherlich, wenn es einzelne— sehr wenige allerdings— fertig brachten, die Spannung zwischen Ein⸗ und Verkaufspreis zugunsten der Verbraucher in dieser schweren Zeit den Ernährungsinteressen der All— gemeinheit unterzuordnen und anzupassen, so sollten die anderen wenigstens jetzt einen Abschlag eintreten lassen, wo die Schweinepreise anscheinend ein klein wenig wenigstens zu sinken anfangen. Ein gleiches möchten wir auch den Rindermetzgern empfehlen, umsomehr, als auch von ihnen einige ganz wenige bisher schon bei den alten niedrigeren Preisen geblieben sind. Einen städtischen Butter- und Käseverkuuf wird Stadt Kassel dieser Tage eröffnen. Angesichts der immer unerschwinglicher werdenden Preise für Butter und leider auch für alle Butterersatzmittel und angesichts der Tatsache, daß auch alle Käsesorten bis zum Handkäse bald nicht mehr zu bezahlen sein werden, wäre kommunales Eingreifen auch dei uns in Gießen geboten. Ebenso bei der Milch muß von der Stadt alles daran gesetzt werden, wenigstens die für die Säuglings⸗ und Krankenkost erforderlichen Mengen hin— veichend und zu erschwinglichen Preisen unbedingt sicherzu— stellen. — Steuerfreiheit für geringe Einkommen. Wiederholt haben unsere Genossen in der Gießener Stadtvertretung be— antragt, die unter 900 Mark betragenden Einkommen von der Gemeindesteuer frei zu lassen. Diese Anträge haben bei den übrigen Stadtverordneten nie Gegenliebe gefunden, bei der letzten Voranschlagsberatung stimmten nur die drei sozialdemokratischen Vertreter dafür, nicht ein einziger der übrigen gab seine Stimme daflür her. Wie uns mitgeteilt wurde, haben sich auch einige Bürger über den Antrag ent— rüstet. Diese fanden es„unerhört“, daß in einer Zeit, wo Steuererhöhungen notwendig wurden, ein Verlangen auf Steuerbefreiung gestellt werde. Die Herren berücksichtigen dabei nicht, daß es sich hier um Einkommen handelt, die zur Bestreitung der notwendigsten Lebensbedürfnisse nicht aus⸗ reichen, die unter dem Betrage stehen, den man als das Existenzminimum zu bezeichnen pflegt. Bei den ungeheuer gestiegenen Lebensmittelpreisen ist natürlich der für den notwendigsten Lebensunterhalt aufzuwendende Betrag noch ganz bedeutend höher. Was bleibt von einem Wochenlohn von 19 Mark— 900 Mark jährliches Einkommen— noch zum Leben übrig, wenn Wohnung, Kleidung, Schuhwerk und andere notwendige Ausgaben noch abgezogen werden? Und davon müssen Familien leben! Da sollen auch noch Steuern bezahlt werden!— Steuerpflichtige mit Einkommen unter 900 Mark waren 1912 knapp 2600 vorhanden; der ganze Betrag, den sie an Steuern zusammen aufbringen, macht reichlich 17000 Mark aus. Ein erheblicher Teil dieser Summe würde schon an den Kosten erspart, die für Einziehung der kleinen Steuerbeträge aufgewendet werden müssen. Man hat auch anderwärts längst eingesehen, daß die Einziehung dieser kleinen Steuerbeträge unverhältnismäßige Kosten bderursacht; in Preußen z. B. werden die Staatssteuern erst von Einkommen über 900 Mark ab erhoben, Familien mit mehr als 2 Kindern werden zur nächst niedrigen Steuerstufe beranlagt; Familien mit 5 Kindern zahlen bei Einkommen bis zu 1350 Markkeine Steuern!— Noch viel weiter gehen die neuen englischen Einkommensteuergesetze. Danach werden dort erst Einkommen von über 2620 Mark zur Steuer herangezogen; bisher war die unterste Steuergrenze sogar 3000 Mark. Dafür zieht man dort aber auch die größeren Einkommen ganz anders heran. Zum Beispiel müssen solche von 18000 Mark zehn Prozent abladen, Einkommen von 60 000 Mark sogar bald ein Fünftel: 18,5 Prozent! Da⸗ dei wird zwischen ganz verdienten und nicht verdienten Ein⸗ kommen unterschieden; ein Rentner mit 16000 Mark Ein⸗ kommen muß 2800 Mark Steuern blechen!— Dieser Steuer- tarif entspricht aber weit mehr der Gerechtigkeit als derjenige der Gießener Gemeindesteuer! 5 — Pakete, die ihren Bestimmungsort nicht erreichten. Recht törichte Streiche hat der beim Gießener Postamt tätig gewesene Postschaffner Weber verübt. Er ist schon 23 Jahre bei der Post, unterlag aber trotzdem der Versuchung, sich mehrere Feldpostpakete anzueignen. Es wurden ihm zwei Fälle des Diebstahls und zwei Unterschlagungen nachgewiesen, für welche Straftaten die Gießener Strafkammer wegen Ver⸗ brechen im Amt gestern 9 Monate Gefängnis zu diktierte. unserer die 4.* 5 1 3 — Die Fremdwörter im Geschaftsverkehr. Zu den Land⸗ kagsverhandlungen— siehe gestrigen Bericht—, bei welchen der Landtag einen ganzen kostbaren Tag mit den Anträgen des Bauerubündlers Dorsch vertrödelte, dessen Patriotismus Anstoß an Theaterstücken ausländischer Verfasser nimmt, auch wenn sich's um klünstlerische Meisterwerke handelt und der die Fremdwörter mit Polizeigewalt unterdrücken will, schreibt uns ein Leser: Männerstreit im Landtag. Der Abgeordnete Dorsch:„Jeder Sentimentalitätsdusel süfse jetzt ganz entschieden ausgeschaltet werden.“ Staats⸗ minister von Hombergk:„Die eigentliche Reform müsse hier aus der Volksseele herauskommen.“ Aber meine Herren: Unentbehrliche Fremdwörter? Sentimentalität ist Gefühl, Empfindlichkeit. Reform ist Umgestaltung, Besserung. Auf⸗ richtig kondolieren wir den beiden Kontrahenten zu dem Fiasko in ihrem Duell. Auf deutsch: Wir sind allzumal Sünder! — Gefallene Wehrmann Ludwig Kreiling, Wieseck, Landw.⸗Inf.⸗Reg. 116.— Landsturmmann Kar Dickel aus Brauerschwend, Inf.-Reg. 118.. Gegen die Uebertreibungen bei der Ueberwindung des Krüppel⸗ tums. Auf der diesjährigen Tagung der D ütschen Gartenbau⸗ gesellschaft in Köln hielt der Chefarzt des Reservefazaretts Renn⸗ bahn⸗Grunewald, Geheimrat Prof. Salomon, einen bemerkens⸗ werten Vortrag über die Kriegsbeschädigtenfürsorge, und ihre jetzigen Formen, wobei der Redner vor herbe, Krftiß nicht zurück⸗ schreckte. Er wandte sich, gestützt auf seine Hei, gegen die Uebertreibungen des bekannten Geheimrats Biesalski und seiner Freunde von der Ueberwindung des Krüppeltums, die Arbeit der Orthopädie dürfe nicht zu sehr überschätzt werden. Bei allem Ver⸗ ständuis für die Wiedergewöhnung der Kriegsbeschädigten an regelrechte und befrseß e nde Arbeit müßten solche Redensarten doch als Irreführungen des Publikums schlimmster Art bezeichnet werden. Professor Salomon sprach sich daun gegen die mannig⸗ faltigen Versuche aus, die Verwundeten„seelisch aufzurichten“ und gegen ständiges Anpredigen der Verletzten, die zuerst einmal un— endliches Ruhebedürfnis hätten. Die Stimmung derer, die von draußen zurückkämen, sei mit den Worten gekennzeichnet:„Hurra, wir leben noch!“ Ferner müsse bedacht werden, daß bei den Kriegsbeschädigten aus dem Arbeiterstande immer das Mißtrauen vorhanden sei, man wolle ihnen die Rente drücken. Urlauberverkehr in den Schnell⸗(Dj⸗Zügen. Ueber die BVe— nutzung von Schnell-(D)-gügen seitens der Soldaten herrscht be! diesen immer noch viel Unklarheit. Zu den Militärfahrkarten dürfen Schnellzugzuschlagkarten nur ausgegeben werden, wenn auf den Urlaubsscheinen die Berechtigung zur Benutzung von Schnell⸗ zügen von den Truppenteilen, Militärbehörden oder dergl. be⸗ scheinigt ist. Die Beamten an den Fahrkartenschaltern haben die Urlaubsscheine daraufhin zu prüfen und bei dem Fehlen des Ver⸗ merks bezw. der Bescheinigung die Verabfolgung von Schnellzug⸗ zuschlagkarten abzulehnen. Bei dem Vorhandensein der Bescheini⸗ gung wird die Fahrkarte entsprechend auf der Rückseite abgestempelt. Zu Militärfahrscheinen dagegen dürfen Schnellzugzuschlagkarten in keinem Falle ausgegeben werden. An den Sperren sind Militär⸗ Urlauber zu den D-Zügen nur noch zuzulassen, 1. auf Militär⸗ fahrkarten, wenn diese auf der Rückfeite den Stempel oder Ver— merk„Schnellzug“ tragen und gleichzeitig die Schnellzugzuschlag⸗ karte vorgezeigt wird. 2. Auf Militärfahrkarten ohne Juschlag⸗ karte, wenn der Urlaubsschein den Vermerk der Schnellzugberechti⸗ gung trägt und der Inhaber sich zur Nachlösung bereit erklärt. J. Auf Militärfahrscheine, wenn die Berechtigung zur Benutzung von Schnellzügen auf dem Militärfahrschein bescheinigt ist. Die— jenigen Urlauber, welche im Besitz von Militärfahrscheinen sind, die micht zur Fahrt mit Schnellzügen berechtigen, die aber zur Ver— meidung von Urlaubsüberschreitungen auf Beförderung mit den Schnellzügen bestehen, wollen sich an den nächsten Bahnhofs⸗ kommandanten bezw. Bahnhofsvorsteher wenden, die das weitere veranlassen werden. Keine Soldatengamaschen. Gegen Gamaschen zum Anzug der Soldaten wendet sich eine bemerkenswerte Verfügung des Kriegs⸗ ministeriums. Leder- wie Wickelgamaschen sieht man jetzt viel bei unsern Kriegern. Die Ledergamaschen werden von der Industrie meist Alarmgamaschen genannt, weil sie schneller angelegt werden können. H Der Die Heeresverwaltung und die vorgesetzten Dienststellen mußten aber das Tragen dieser Gamaschen für Mannschasten ver⸗ bieten. Wickelgamaschen find überhaupt nicht in der preußischen Armee eingeführt. Es ist dies auch zunächst nicht beabsichtigt. Die Nachteile überwiegen die scheinbaren Vorteile recht erheblich. Bei Nässe und Frost sind die Wickelgamaschen sogar gefährlich; die naß⸗ gewordene Binde zieht sich zusammen und hemmt den Umlauf des Blutes. Bei Frost kommt dazu die sogenaunte Fußgangräne, und das Bein ist verloren. Wickelgamaschen verhindern auch jede Lüftung des Fußes, besonders bei warmer Witterung. Schon die Bezeichnung der Ledergamaschen als Alarmqamaschen zeigt, daß die Wickelgamaschen nur mit großem Aufwand von Zeit und Mühe anzulegen sind. Aber auch die Ledergamaschen empfehlen sich nicht zu den Schnürstiefeln. Sie sind nur schwer anzuziehen, besonders im Dunkeln und mit frierenden Fingern. Sie bieten auch geringen Schutz gegen das Eindringen von Rässe und Schmutz. Diese Er— wägung allein schon zeigt die Ueberlegenheit unserer altbewährten Soldatenstiefeln. Auch in diesem Kriege hat sich wieder unser Infanteriestiefel glänzend bewährt. Es liegt nicht die geringste Veranlassung vor, ihn aufzugeben, um so weniger, weil er weit billiger herzustellen ist, als Gamaschen. 5 aus Oberhessen und Nachbargebseten.]! Landgemeinden den bed Alle diese, es sind in diesem Falle aber nicht etwa aus schließlich Kriegsfreiwillige, haben in den 200 Tagen, die wir jetzt im Osten stehen, bereits über 100 Paketchen erhalten, die Zahl der empfange⸗ nen Briefe, Zeitungen sowie der abgesandten Postsachen könnte und würde ich nicht neunen, ich miißte mich für meine Kameraden schämen. Ein Mädchen erzählte mir während meines jetzigen Ur⸗ lanbs, daß es seinem„Schatz“ täglich mindestens einen Brief, ost aber deren zwei schreibe und auch er jeden Tag einen Brief an es abgehen ließe. Als ich dieses Benehmen als große Anmaßungen hnete, bekam ich erstaunte Augen zu sehen und geriet mit dem Mädchen in gelinden Krach! Und der„Schatz“ ist Apotheker, also auch ein gebildeter Mann. Ein anderer Kamerad vor mir jammert und heult, wenu nicht tagtäglich, aber sagte und schreibe tagtäglich, von seiner Katharina ein Paket und ein Brief kommt. Er selbst schreibt seiner lieben Katharina selbstverständlich gleichfalls jeden Tag. Und was glauben denn derartige Menschen? Sind sie denn alle des Kuckucks und glauben, daß der Krieg nur geführt wird um Mut hen, blöden Verliebten und unreifen Jungen tagtäglich, 4 mindestens zwei Postsendungen, eine aus und eine nach e zu befördern?“— Diese Kritik ist durchaus berechtj 5 0 Wahlverein Gießen. Zu der am Donser sta abgehaltenen, gut besuchten Mitgliederversammlung sprach Genosse atzen ⸗ stein⸗ Berlin über die gegenwärtige politische Lage. Ex schilderte die gegensätzlichen Jutereffen der Großmächte, die zust Kriege Steinhauermeister alls führten; an dessen Ausbruch Rußland die Hauptschuld trage. Die Haltung dex sozsaldemokratischen Fraktion sei durchaus richtig ge⸗ wesen und sie war eine Stütze für die parteigenössischen Kriegsteil⸗ nehmer. Trotz allen Gegensätzen, die die Arbeiterschaft von der herrschenden Klasse trennt, haben guch die Arbeiter ein großes Zuteresse an der Erhaltung der Kultur, des Geisteslebens, wie es sich in Deutschland entwickelt hat. Hauptsache sei, daß wir dafür sorgen, unser möglichstes zu tun, damit die Einheit und Geschlossen⸗ heit der Partei erhalten bleibe.— Damit erklärte sich hen. Vetters, der in der Diskussion das Wort ergriff, einverstanden, doch in vielen anderen Punkten müsse er Katzenstein widersprechen. Be⸗ sonders wies er darauf hin, daß dieser im vorigen Jahre in un⸗ serer Protestversammlung ganz anders über die österreichische Politik und die Ursachen des Krieges gesprochen habe. Nach einem kurzen Schlußwort Katzensteins schloß der Vorsitzende mit Dank an den Vortragenden die Versammlung. — Unterstützung bedürftiger Kriegersamilien. Wir haben öfter darauf hingewiesen, daß es mit der Unterstützung der Kriegs⸗ teilnehmerfamilien auf dem Lande vielsach höchst trübe aussieht. vereinzelt gibt hier und da eine Gemeinde noch etwas, die t leinen Pfennig. Und viele könnten es fehr wohl. „„ daß die Gemeinden nichts bezahlen, oft genug be⸗ Ur Familien noch nicht mal die Reichsunterstützung. rung zu schaffen, haben unsere Genossen im Land⸗ tage, Ulrich und Raab, folgenden Antrag gestellt:„Die Regierung zu ersuchen, durch die Kreisämter dahin zu wirken, daß in den ürftigen Kriegerfamilien eine einigermaßen hinreichende Kriegshilfe als Zuschuß zur Reichskriegs⸗ unter stütz unng gewährt wird, wobei jusbesondere der Begriff der Bedürftigkeit nicht zu eng gezogen werden darf.“ Der Ausschuf empfiehlt dem Landtage Annahme des Antrages. Noch immer Päckchensperre nach dem Osten. Eine 9 5 Bekannt⸗ machn etärs des Reichspostamts besagt: Die durch die un Beförderungsverhältnisse herbeigeführte Anhäuf⸗ ung von chen auf dem östlichen Kriegsschauplatz, konnte leider noch nicht behoben werden. Im Einvernehmen mit der Heexesver⸗ waltung wird dahe Verbot der Annahme und Beförderung privater Feldpostbriefe über 30 Gramm und Päckchen an die Trup⸗ penangehörigen der Ostarmeen bis einschließlich 5. Oktober ver⸗ längert. Hiernach unzulässige Sendungen werden den Absenderr zursickgegeben. is jetzt schon 77 ihrer Mitarbeiter, Rech⸗ er leute im Kriege verloren und dadurch en Verlust für ihre Organisation zu beklagen. nungsf einen Teilweif in den einzelnen Rechnungsstellen die Personen der Rechnungsführer schon dreimal ersetzt und die Ersatzleute new eingearbeitet wer Bezirke der einzelnen Vertrauensseute In 51 ach ganz peu org rt werden. Alle können nur durch tatkräftige Unterstützung müberwunden werden. Daß trotz alledem sorge ohne besondere Hemmung weiter estand auf der Höhe, wie er bis zum gt war, erhalten werden kann, ist ein f das Vertrauen, das sich die Volksfür⸗ solge im Volke bere 6 hat. Für die dritte Kriegsanleihe hat die Volksfürsorge 200 000 Mk. gezeichnet. Der Polizeihund. Am Mittwoch abend wurden einem hiestger Landwirt von einem Acker im Schiffenbergerthal über 12 Zentnet Kartoffel gestohlen. Der am nächsten Mittag zur Stelle gebrachte Polizeihund des Schutzmanns Seitz verfolgte die Spur in ein benachbartes Gehöft, wo die Kartoffeln im Keller vorgefunden und dem Eigentümer zurückgegeben wurden. Auch ein vor einiger Zeit hier gestohlenes Fahrrad wurde dort gefunden. Anlagemusik. Sonntag, den 3. Oktober, vormittags 11½¼ Uhr, in der Süd⸗Anlage, ausgeführt von der Kapelle des Landst.⸗Inf.“ Ersatz⸗Bat. Gießen. Spiel⸗Folge: 1. Hochzeitsmarsch aus d. durch der Betrieb „Sommernachtstraum“, F. Mendelssohn. 2. Ouverture z. Oper „Des Teufels Anteil“, Auber. 3. Ständchen, Frz. Schubert. 4. Schlittschuhläufer), Walzer, E. Waldteufel. Marsch⸗Potpourri, H. Seidenglanz. 6. Alte eike. Kreis Wetzlar. Krofdorf⸗Gleiberg. Eine gemeinsame Mitglieder Versammlung des Wahlvereins findet morgen(Sonntag) nachmittag 4 Uhr in Gleiberg, im Lokale„Zum schwarzen Wal⸗ Les Patineurs Soldateska 1870—7 Kameraden, Marsch, T 2 8 3 80 B„ fisch“ statt. In dieser Versammlung wird Gen. Otto Rühle⸗ — Heirat mit e Vor der 8 e Dresden einen Vortrag über„Weltpolitische Probleme“ halten. hatte sich gestern der Bürgermeister Kli 1 10 9 1 Rühle ist als vorzüglicher Redner bekannt, der es versteht, Erlenbach wegen Vergehens gegen das Personenstandsgesetz sich durch klare Ausdrucksweise jedem Zuhörer verständlich zu zu verantworten. Er hatte im Frühjahr dieses Jahres als Stan⸗ desbeamter die Trauung eines aus Bayern gebürtigen Taglöhners vorgenommen, ohne sich zu vergewissern, daß dieser die vorge⸗ schriebene Erlaubnis seiner bayerischen Heimatsbehörde habe. Denn entweder muß er diese haben, oder nachweisen, daß er die bayerische Staatsangehörigkeit aufgegeben hat. Nun hatte zwar der Heiratskandidat die hessische Staatsangehörigkeit erworben und glaubte, daß damit nun die Geschichte erledigt sei. Das glaubte auch der Bürgermeister selber, allesn das dicke Ende kam noch nach und der Blürgermeister vor das Gericht. Dieses hatte aber Einsicht und verurteilte ihn nicht, wie der Staatsanwalt es wollte, sondern sprgch ihn frei, weil er angenommen habe, daß mit Erwerbung der hessischen Staatsangehörigkeit die bayerische ohne weiteres er⸗ loschen sei. Aber auch wenn diese noch bestanden habe, sei der Standesbeamte nicht strafbar, da in den diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmungen keine Klarheit herrsche und der Bürgermeister darüber nicht entscheiden könne. — Mißbrauch der Feldpost. Aus dem Briese eines Kriegs⸗ freiwilligen entnimmt die Köln. Ztg. solgendes iiber die Viel⸗ schreiberei:„Mein Regiment liegt in der Luftlinie 200 Kilometer, den Transportwegen nach über 300 Kilometer von der Grenze ent⸗ fernt. Die Nachfsührung von Lebensmitteln, Munition, Post usw. ist naturgemäß äußerst schwierig und trotzdem herrschen bei uns, soweit es sich um Brief⸗ und Paketverkehr handelt, ganz tolle Zu⸗ stände. Ein kriegsfreiwilliger Kanonfer(Abiturient) G. hat es fertig bekommen, eine Zeitlang täglich et wa sech 8 Feld⸗ postkarten an seine Eltern zu chicken: dafür erhält das liebe Söhnchen aber auch täglich von Hause min destens ein Paket. Wenn nun bei gewaltigen Vormärschen die Post uns ein⸗ mal 14 Tage lang nicht erreicht, dann erhält G. allein mit einem Schlage etwa 20 Pakete, ebensopiele Sendungen Zeitungen, Briese usw. Und ähnliche Leute haben wir allein unter den 26 Leute unseres Abtellungs⸗Stabes, dem ich angehöre, etwa fünf oder sechs. machen. Die Mitglieder von Krofdorf-Gleiberg, Launsbach, Wiß⸗ mar, Kinzenbach, Vetzberg, Fellingshausen und Bieber-Rodheim werden ersucht, dieser Versammlung beizuwohnen. n. Mehl- und Brotpreise in Wetzlar. Ab 1. Oktober koster Roggenbrot(Kriegsbrot) das Pfund 1 Pfg., 2 Pfund 37 Pfg., Pfund 55 Pfg., 4 Pfund 73 Pfg.; Brötchen von Auszugsmehl, 100 Gramm, 8 Pfg. Roggenmehl kostet pro Pfund 18 Pfg., Weizen⸗ mehb 22 Pfg., Auszugsmehl 27 Pfg. Auszugsmehl ist nur in be⸗ schränktem Maße vorhanden. Die Bäcker sind verpflichtet, Mehl gegen Brotmarken abzugeben. Verweigerung ist der Behürde an⸗ zuzeigen. f Westerwald und Unterlahn. Opfer der Bergarbeit. Schon wieder forderte der Bergbau im Dilltal ein Opfer, und zwar diesmal auf Grube„Vereinigte Henriette“ bei Niederschelden. Der Bergmann Joseph Utsch wurde als aus Mudersbach stürzte aus dem Förderkorb und Leiche aufgefunden. 8 verleiht ein Zartes. Gesicht, rosiges jugendfrisches Aussehen 575 4 blendend schöner Teint.— Alles dies erzeugt die echle Steckemmferd- Seife i scke beste Lienmilchselfe), von Bergmann& 9 à Stück 85 Pig. Ferner macht der Cream„Dada“ Liienmdeb- Cteam) rote und epröde Haut weiß und ammetwerch. Tube 55 N Hessen nicht zufrieden gegeben über die hohen Getreidepreise. zu beseitigen, Preis dauernd bis zur Höchstgrenze steigen. ö. Beilage zur Ober Gießen, Samstag, den 2. Oktober 1915. hessschen Voltszeitung Nr. 23 5 und Nachbargebiete. 6 Gießen und Umgebung. 1 Die Tage leuchten. Wie sind die Tage sonnenglanzdurchsponnen, Voll warmer Reife, kühlem Duft, So still, als sei das Leben ausgeronnen Und hauche seinen letzten Atem in die Luft! Die Aepfel leuchten aus dem dunklen Grün, Der Bäume Wipfel sacht sich färben: Ich seh den Bauern seine Furchen ziehn, etrost— weil Leben größer ist als Sterben. 5 Und dennoch stöhnt der Krieg an allen Grenzen, Als hab der Mensch nie Besseres gekannt— Die Tage leuchten, und die reifen Früchte glänzen; Granaten wühlen sich in Menschenfleisch und Ackerland. Edwin Hoernle. Die Höchstpreise. Den berechtigten Klagen über die hohen Preise aller Gebrauchsartikel, nicht zum mindesten unserer Nahrungs— mittel, können durch keine noch so geschickt geführten Nach⸗ weise über höhere Produktionskosten und Handelsspesen zum Schweigen gebracht werden. Diese Erklärung genügt näm⸗ lich nicht, weil die Preise über die tatsächlich höheren Auf⸗ wendungen hinausgegangen sind und die Beschränkung nur durch Zwangsmaßnahmen gegen Produzenten und Händler möglich ist. Als solche Zwangsmaßnahmen ist sofort bei Ausbruch des Krieges die Festsetzung von Höchstpreisen wirksam geworden. 7 Im Handel hat man sich mit dieser Neuordnung bisher und die Produzenten haben ihren Widerstand nur aufgegeben, wenn die Preise recht hoch fest⸗ gesetzt wurden. Ueber die Wirkung der Höchstpreise versucht man fortgesetzt die Bevölkerung irre zu führen, und es fehlt nicht an Stimmen, die dafür eintreten, die Freiheit des Handels wieder einzuführen, mit der Begründung, die Preis⸗ lage werde dadurch günstiger für den Konsumenten. Es ist klar, daß gewisse Kreise ein Interesse daran haben, die Marktlage voll auszunützen, und daß sie jede Behinde— rung unangenehm empfinden. Ohne Höchstpreise, ganz unter der Führung der freien Konkurrenz, hätten wir für die Nahrungsmittel, die heute unter Höchstpreisen stehen, die wildeste Preistreiberei. Wir klagen mit Recht Wenn wir aber be— rücksichtigen, daß in Rumänien im freien Verkehr Gerste und Mais einschließlich der Spesen die Tonne mit 600 Mk. nach Deutschland gehandelt wird, während wir Weizenhöchstpreise von 250 Mk. haben, so können wir uns ein Bild machen, was uns bevorstände, wenn uns der freie Handel, im Verein mit den Produzenten, ganz nach Belieben die Preise diktieren könnte. Wie schwer es empfunden wird in den Kreisen der Interessenten, daß sie sich diesem Zwang fsigen mußten, ist daraus ersichtlich, daß seinerzeit Graf Mirbach in einer Ver— sammlung der Steuer- und Wirtschaftsreformer es als eines der großen Opfer, die die Landwirtschaft bringe, bezeichnete, daß sie auf die Ausnützung der freien Marktlage perzichte. Einige Interessenten des freien Handels haben höhnend darauf hingewiesen, daß die Höchstpreise umgangen werden, d. h. zu höheren Preisen Waren vermittelt wurden. Das it kein Versagen der Höchstpreispolitik; denn diese Treibereien genügt ein festes Zugreifen der Behörden. Daran hat es vielfach gemangelt, weil unserm ganzen be— hördlichen Verwaltungsapparat, der auf dem Lande mit agrarischen Interessen eng in Berührung kommt, diese An— ordnung sehr zuwider ist. Indes, ein Beweis für das Fehl— schlagen der Höchstpreispolitik ist das nicht; sondern nur ein Widerstreben gegen eine bisher in der preußischen Verwal— tung unbekannte Tendenz. Weiter wurde von derselben Seite mit Nachdruck her— tiorgehoben, daß die Höchstpreise zu Normalpreisen geworden sind für die betreffenden Artikel, ein Tangieren unter diese Höchstpreise gar nicht in die Erscheinung getreten ist. Von diesem Argument haben sich leider auch einige unserer Par— teifreunde irre führen lassen. Es ist ganz selbstverständlich, daß, wenn für einen Bedarfsartikel, der nicht im Ueberfluß auf dem Markt vorhanden ist, Höchstpreise festgesetzt werden, diese Höchstpreise Normalpreise werden. 5 Da nun bei einer großen Anzahl unserer Nahrungs— mittel ein mangelndes Angebot vorhanden ist, muß der Es handelt sich mithin darum, eine den Konsumenten schützende Maßnahme herbeizuführen; die Höchstpreise dürfen nicht übermäßig hoch gestellt werden, sondern müssen unter Berücksichtigung der Produktionskosten unter Zuschlag eines mäßigen Betriebs gewinnes ermittelt werden. Das ist leider nicht geschehen. Die große politische Interessengruppe, die den agrarischen Bestrebungen ohne Rücksicht auf irgend welche andern Inter— essen nachgeht, hat es verstanden, ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Preise weit über das Maß berechtigter Ansprüche festgestellt wurden. Hier haben wir mit einem Fehler in der Höchstpreispolitik zu rechnen, der aus den gegenseitigen wirtschaftlichen Interessen entspringt, aber immer noch milder ist, als in der gegenwärtigen Zeit das wüste Treiben der freien Konkurrenz. Ein anderer Grundsatz, der bei der Höchstpreispolitik vielfach eine Rolle spielt, muß entschieden als unrichtig zurückgewiesen werden. Man hat bei der Festsetzung der Preise für Futtermittel sich darauf berufen, welchen Wert diese Futtermittel haben gegenüber dem Preisstand, den im Ausland die Futtermittel erreichen, oder man hat auch, wie zum Beispiel bei Festsetzung der Kartoffelpreise, Vergleiche angestellt, welchen Wert die Kartoffel als Futter— mittel hat, wenn Gerste und Hafer auch im Inland hoch im Preise stehen. Das bedeutet leider, daß die Spekulation des 7 5 Auslandes, die aus unserer Notlage Vorteil zieht, wenn auch mit geschwächten Kräften, im Inland fortgesetzt wird. Der Landwirt hat nur einen Anspruch, daß der Preis so ge⸗ setzt wird, daß ihm die Produktionskosten, plus Betriebs⸗ gewinn gesichert werden, nicht aber einen besonderen Kriegs⸗ gewinn als Aufschlag genommen wird. Wenn von diesem Gesichtspunkt geleitet, der Höchstpreis festgesetzt wird, so wird er dem Landwirt kein Unrecht zufügen. Mit dem Höchstpreis muß in enger Verbindung stehen das Recht der Beschlagnahme für diejenigen Ge⸗ brauchsartikel, die der Volksernährung gesichert werden müssen. In jedem Fall erscheint mit dem Söchstpreis die Beschlagnahme der gesamten Bestände nicht notwendig. Die Beschlagnahme von Roggen und Weizen mußte gefordert wer⸗ den, weil sonst die Gefahr bestand, daß ein Teil zu Futter⸗ mitteln benützt und damit die Verwendung für die mensch⸗ liche Nahrung beengt würde. Anders gestaltet sich schon bei der Kartoffel die Beschlagnahme. Wenn wir die Gewißheit haben, daß eine große Kartoffelernte den Anteil für die menschliche Nahrung vollständig befriedigt, so ist die Be⸗ schlagnahme unnötig, ohne daß es sich empfiehlt, den Höchst⸗ preis deshalb aufzuheben. Denn wir müssen immer mit schwankenden Marktverhältnissen rechnen, die durch die Kriegslage hervorgerufen werden. Es braucht nur daran erinnert zu werden, wie durch den Eindruck, unsere Kartoffel- bestände langen nicht aus, ein plötzlicher Ansturm auf dem Kartoffelmarkt die größte Kalamität hervorgerufen hat. Die Höchstpreisfestsetzung für Kartoffeln im Frühjahr gibt auch ein Beispiel dafür, wie es nicht gemacht werden soll. Die Höchstpreise waren erst in mäßiger Höhe, wurden dann aber fortgeseßt heraufgeschraubt. Die Folge war eine sehr un⸗ sichere Marktlage und künstliche Zurückhaltung vom Markt, um auch die letzte Steigerung zu erlangen. Zum Glück ist diese Höchstpreispolitik, die dem Produzenten Preise bis zu 12 Mark den Zentner in Aussicht stellte, dadurch durchkreuzt worden, daß man mehr Kartoffeln zur Verfügung hatte, als wir nach statistischen Berechnungen annehmen mußten. Das plötzliche große Angebot der zurückgehaltenen Bestände hat dann den Preis unter den Höchstpreis sinken lassen. Uebrigens ein Beweis dafür, daß bei einem Ueberfluß an Gebrau. artikeln auf dem Markt der Höchstpreis nicht mehr in Wirk— samkeit tritt, sondern nur die Grenze bildet, über die eine wlste Spekulation nicht hinausgehen darf. Sehr bemerkenswert war, daß in der letzten Tagung des Reichstages der Staatssekretär Dr. Delbrück andeutete, es müsse versucht werden, Interessentenkreise des Handels und der Produktion zu einer Organisation zusammen zu bringen, um mit dieser über die Preisbildungen Vereinbarungen zutreffen. Es scheint uns, daß dem Staatssekretär das Beispiel der großen Kartelle vor⸗— schwebt, die in ihrer Organisation eine Preisregelung viel leichter durchsetzen können, als der freie Handel. st Dem ist nur entgegen zu halten, daß sofort sehr große Schwierig⸗ keiten eintreten, wenn es sich um eine große Zahl kleiner Gewerbetreibender handelt. Kartelle sind nur wirksam ge— worden mit ihrer Preispolitik, wenn sie sich im wesentlichen auf große Unternehmungen erstreckten, und so Preise und Produktion beherrschten. Diese Kartelle haben die Preis⸗ politik der Regierung überflüssig gemacht. Wo ihnen aber die Verlockuügen Reiz boten, es jetzt mit dem freien Wett⸗ bewerb zu versuchen, um sich der lästigen Kontrolle und der Aufsicht des Kartells zu entziehen, hat die Regierung, wie beim Kohlensyndikat, die Androhung erlassen, daß sie den Zwang dann durch die Gesetzgebung ersetzen würde. Das Mittel hat vorläufig geholfen. Sehr interessant ist auch, wie sich die Verhältnisse auf dem Petroleummarkt gestalteten. Solange die deutsch⸗ amerikanische Petroleumgesellschaft die Führung hatte, d. h. noch genügende Bestände, um sie auf den Markt zu bringen, blieb der Preis in mäßigen Grenzen. Das änderte sich sofort, als die Konkurrenz aus Rumänien und Galizien sich breit machte und uns Preise mit 100 Prozent Aufschlag bescherte. Unter der Herrschaft der deutsch-amerikanischen Petroleum⸗ Gesellschaft wäre die Preisfestsetzung der Regierung für Petroleum unnötig gewesen. Aber mit dem Auftreten der freien Konkurrenz hat die Rogierung, wie man anerkennen muß, wenn auch, wie immer reichlich spät, eine erhebliche Herabsetzung der Preise vorgenommen. Wenn sie mit der— selben Entschiedenheit die Preise für die landpirtschaftlichen Produkte herabgesetzt hätte, stände manches besser für unsere Volksernährung als wie gegenwärtig. Es ist sehr unsicher, ob es gelingt, durch eine Zwangs— organisation des Großhandels Ordnung und Regelung des Marktes und der Preisbildung herbeizuführen. Das wird besonders auch da schwierig sein, wo es sich um Produkte handelt, die fortgesetzt Preisschwankungen unterworfen sind. Wir weisen nur auf den Markt für Gemüse und Obst hin. Die Organisation müßte dann auch mit sehr weit⸗ gehenden Zwangsvollmachten ausgestattet sein, um ihren Zweck zu erreichen. Diese Zwangsvollmachten könnten aber wohl kaum so begrenzt werden, daß sie nur der Preisbildung dienen, die im Interesse einer billigen Nahrungsmittel⸗ versorgung liegt. In den Händen einer geschickten Leitung kann sie das Gegenteil erreichen. Eine gewisse Sicherung würde nur damit erreicht, daß die Preispolitik unter staat⸗ liche Kontrolle gestellt wird. Es muß deshalb gegenüber einem solchen Versuche, durch andere Mittel die Höchstpreis⸗ festsetzung auszuschalten, zur größten Vorsicht gemahnt wer⸗ den. Eine richtig angewandte Höchstpreispolitik bietet gegenwärtig den besten Schutz gegen eine Uebervorteilung, nicht nur des Konsumenten, sondern auch des Produzenten und des Handels. Eine feste Grundlage der Preise beseitigt die Spekulation. Das mag manchen zweifelhaften Eristenzen, die dem Handel nicht gerade zur Zierde gereichen, das nötige Betätigungsfeld entziehen, aber volkswirtschaft⸗ lich werden wir keinen Schaden durch die Ausschalkung solcher Eristenzen erleiden. Notwendig ist nur bei einer wirklich guten Durchführung der Söchstpreispolitik, daß man nicht davor zurückschreckt, voll die Bestimmungen der Bundesrats verordnung in Anwendung zu bringen, die Waren zu beschlagnahmen, wenn sie der Produzent oder Händler zurückhält. Die Preisfest · setzung muß ferner jeden Anreiz zur Spekulation für einen späteren Verkauf der Ware ausschalten und sich nicht durch das Geschrei der Interessentenkreise über den berechtigten Anspruch solcher Zuschläge irre führen lassen. Eine solche Höchstpreispolitik geleitet von dem Gesichtspunkt, dem Ge⸗ samtwohl zu dienen, würde für die Nahrungsmittelver⸗ sorgung unserer Bevölkerung von unschätzbarem Wert sein und nicht zum geringsten für die Sicherung und Stärkung der inneren Festigung unseres Volkes beitragen. Der Weltkrieg im Spiegel der Heiratsaunouce. Es ist wohl keine müßige Spielerej nur, wenn Justizrat Rosenthal- Breslau einmal auch die Frage untersucht hat, in welcher Weise der Krieg den sonst so stark benutzten Heiratsmarkt der bürgerlichen Blätter beeinflußt hat. Die Heiratsannonce hat ja längst aufgehört, den„ungewöhnlichen Weg“ zur Ehe zu bilden; sie bietet heute Manchem und Mancher, die, sei es am kleinen Orte, sei es selbst in der Großstadt, einsam leben, die einzige Möglichkeit, einen passenden Ehepartner zu finden. Daß der Krieg die Zahl der Ehesuchenden, besonders des männ. lichen Geschlechtes, stark herabdrücken würde, war als selbstverständ⸗ lich vorauszusetzen. Dennoch muß die Frage interessieren, wie stark diese Einschränkung eigentlich war, wie sie auf das Alter der Heiratssuchenden einwirkte und inwieweit von ihr auch etwa das weibliche Geschlecht betroffen wurde. Rosenthal hat seinen Unter⸗ suchungey, deren Ergebnis er in der Neuen Generation veröffent⸗ licht, je“ drei Sonntagsnummern aus tiefster Friedenszeit(No⸗ vember 1913) und aus Kriegszeit(Januar März 1915) einer be⸗ kannten Tageszeitung zugrunde gelegt. In den drei Friedens⸗ nummern befanden sich 467 Heiratsannoncen, in den drei Kriegs⸗ nummern 131, also nur 28 Prozent der„Friedenspräsenzstärke“. Merkwürdigerweise ist dabei die Zahl der männlichen Gesuchsteller von 271 auf 79, oder auf 30 Prozent, die der weiblichen dagegen von 196 auf 52 oder auf nur 261 Prozent zurückgegangen. Die Heiratsaussichten sind also von weiblicher Seite schlechter eintaxiert worden, als sie wirklich sind. Das Alter der männlichen Heiratssuchenden zeigt sich in folgender Weise verschoben. Im Frieden standen 19 Prozent der Ehesuchenden im Alter von 20—30 Jahren, im Kriege nur 9 Proz.; 49 Prozent waren im Frieden, 30 Prozent im Kriege 30—40 Jahre alt. Dagegen war der Anteil der 40—50jährigen in Friedenszeiten nur 13½, in der Kriegszeit aber 25 Prozent und der Anteil der iber 50jährigen stieg sogar von 2½ auf 13 Prozent, wobei sich auch die absoluten Zahlen von 7 auf 10 erhöhten, während der Anteil der Annoncen ohne Altersangabe von 16 auf 23 Prozent stieg. Demnach hat der Krieg in den älteren Herren sogar eine verstärkte Ehesehnsucht erwetkt! Eine Verschiebung hat auch die Tonfessionszugehörig⸗ keit der Ehesuchenden beiderlei Geschelchtes erfahren. Den stärksten Anteil stellen sowohl in Friedens⸗ als auch in Kriegszeiten die jüdischen Inserenten. In den Friedensnummern kamen auf 203 jüdische Reflektanten 126 christliche und 138 freireligiöse oder keine Angabe machende. Dabei waren von den christlichen Inserenten 11 0 5 und 29 weiblich, von den jüdischen dagegen 95 mänm⸗ ich un, 59 weiblich. In den Kriegsnummern war die Zahl der jüdischen Heiratssucher auf 43(19 männliche, 24 weibliche) oder auf 21 Prozent ihrer Friedensstärke herabgegangen, die der christlichen auf 38(30 männliche und 8 weibliche) oder auf 30 Prozent, die der noch auffälliger. Irgendwelche Schlüsse ziehen, ist wohl kaum erlaubt. Städtische Siedelungspolitik nach dem Kriege. Die deutsche Gartenbaugesellschaft hielt am 25. und 20 September in Köln ihre Hauptversammlung ab und be⸗ faßte sich im wesentlichen mit den besonderen Problemen, die durch den Krieg aufgeworfen wurden, vor allem mit der Wohnungsfrage. Dr. Hus zgzynski, der Direktor des Statistischen Amts der Stadt Schöneberg, sprach über „Städtisché Siedlungspolitik nach d Kriege“. Er beklagte sich über die„geistige Benommen⸗ heit“ vieler Gebildeten, die trotz den Kriegslehren noch immer nicht die Dringlichkeit bestimmter notwendiger Reformen er⸗ kennen wollten. Das preußische Abgeordnetenhaus habe in 14 Monaten ganze 42 Stunden getagt und komme erst im Januar wieder zusammen, obwohl wichtige Aufgaben in 1 Hülle und Fülle vorlägen. Wir müßten gleich nach den Kriege mit großer Wohnungsnot rechnen; seit einem Jahre 5 sei die Bautätigkeit fast völlig eingestellt, beim Friedens⸗ schluß aber erschienen auf dem Wohnungsmarkt die vielen Kriegsgetrauten, die Familien, die jetzt mit anderen zu⸗ 1 sammenwohnen usw. Ferner sei mit einem beträchtlichen Zustrom vom Lande nach der Stadt zu rechnen. Zu dem Wohnungsmangel, der bei den Kleinwohnungen besonders groß sein werde, komme infolge des höheren Hypotheken? zin 8 und der Verteuerung der Wohnungsherstellung noch eine Steigerung der Mietpreise. Der Redner erinnert daran, daß im Jahre 1871 drei Monate nach dem Friedensschluß in Berlin über 10000 Familien obdachlos geworden und infolge-⸗ dessen Tumulte entstanden seien; er fordert eine rechtzeitige künstliche Belebung der Bautätigkeit zur Herstellung vieler guter und billiger Kleinwohnungen. 5 5 In der ausgedehnten Aussprache urteilte man über dil Finanzierungsmöglichkeiten des künftigen Kleinwohnungs“ baues teilweise recht pessimistisch. Ein Oberregierungsrat meinte, er wisse nicht, woher wir das Geld hierfür nehmen aus dieser Tatsache zu sollten, wenn wir nicht eine hohe Kriegsentschädigung er⸗ 1 e Gegen die viel gehörte Behauptung, daß der deutsche Arbeiter für minderwertige Bedürfnisse zu viel, aber für seine Wohnung zu wenig ausgebe, wandte sich Kuszynski in seinem Schlußwort mit großer Entschiedenheit. Es sei ausgeschlossen, daß in Deutschland noch ein größerer Teil des Einkommens als bisher für Wohnungszwecke aufgewendet dar den könn offenbar noch f 108 weiblich, von den freireligiöbsen usw, 79 männlich und 1 3 1 N Telegramme. Augesherigt des Grafen Hanptgnntirg. unsere unerschütterliche Wacht im Westen. Teilfortschritte gegen die Russen. Unsere Septemberbeute im Osten. W. B. Großes Hauptquartier, 1. Okt., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz, N Feindliche Monitore beschossen wirkungslos die Um⸗ gegend von Lombartzyde und Mittel Keerke. Einen neuen Angriff versuchten die Engländer nicht wie⸗ der. Unsere Gegenangriffe nördlich von Loos machten bei heftiger feindlicher Gegenwehr weitere Fortschritte. Einige Gefangene, 2 Maschinengewehre und 1 Minenwerfer fielen in unsere Hand. Versuche der Franzosen, östlich von Souchez und nörd— lich von Neuville Raum zu geminnen, mißglückten. In der Champagne scheiterte ein mit starken Kräften unternommener feindlicher Angriff östlich Beri ve. Ebenso erfolglos waren sämtliche französischen Angriffe in Gegend nordwestlich Massiges, an denen Truppen von 7 verschie⸗ denen Divisionen beteiligt waren. Die Zahl der bei den Angriffen in der C hampague bisher gemachten Gefangenen ist auf 104 Offiziere, 7019 Mann gestiegen. Erfolgreiche Minensprengungen zösische Stellung bei Vauquois. Französische Flieger bewarfen Henin ⸗Liztard mit Bomben, durch die 8 französische Bürger getötet wurden; wir hatten keine Verluste, Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Westlich von Dünaburg bei Grendsen wurde eine weitere Stellung des Feindes gestürmt. In Kämpfen östlich von Madziol sowie auf der Front zwischen Smor— gon und Wischnew sind russische Angriffe unter schweren Verlusten zusammengebrochen. Die Heeresgruppe machte gestern 1360 Gefangene. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Der Feind wiederholte seine vergeblichen Teilangriffe, Alle Vorstöße sind abgewiesen. 6 Offiziere, 494 Mann und 6 Maschinengewehre fielen in unsere Hand. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen. Die Lage ist unverändert. Heeresgruppe des Generals v. Linsingen. Unser Angriff schreitet fort. 8 beschädigten die fran— Die Zahl der im Monat September von den deutschen Truppen gemachten Gefangenen und die Höhe der übrigen Beute beträgt 421 Offiziere, 95 464 Mann, 37 Geschütze, 298 Maschinengewehre, 1 Flugzeug. Oberste Heeresleitung. * Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Verhältnismäßige Ruhe in Ost und West. W. B. Mien, 1. Okt. Amtlich wird verlautbart. 1. Oktober: Russischer Kriegsschauplatz. In Ostgalizien siel nichts Besonderes vor. Bei No wo⸗ Aleksiniec scheiterte ein russischer Angriffsversuch unter un⸗ serem Artilleriefeuer schon in der Vorbereitung. An der Ikwa und im wolhynischen Festungsgebiet keine Aenderung der Lage. Am Rorminbach gewannen die Verbündeten erneut Raum. Russische Gegenangriffe wurde abgewiesen. Fünf österreichisch⸗ungarische Eskadronen nahmen bei einem solchen Vorstoß des Feindes 2 Offi⸗ ziere und 400 Mann gefangen und erbeuteten ein Maschinengewehe. An den letzten zwei Gesechtstagen fielen in diesem Raume 10 Offi⸗ ziere und 2400 Maun des Feindes in die Gefangenschaft. Italienischer Kriegsschauplatz. 5 An der Tiroler und Kärtner Front fanden gestern nur Ge⸗ schützkämpfe statt. Die bereits gemeldeten Vorstöße gegen unsere befestigten Linien westlich des Bombasch⸗Grabens wurden von den braven Salzburger Schützen abgeschlagen. 8 1 Gestern früh griffen die Italiener den Mrzli⸗Brh und dle Südwesthänge dieses Berges mit starken Kräften dreimal ver⸗ geben s an. Dabei erlitten sie sehr schwere Verluste. Angriffs⸗ versuche gegen einzelne Punkte des Tolmeiner Brsckenkopses wur⸗ den ebenfalls wie immer abgewiesen. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Nichts Neues. 2 Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. * von Höfer, Feldmarschalleutnant. 0 Die Durchbruchsschlacht im Westen. Die plötzlich und mit höchster Kraftanstrengung ange⸗ setzte französisch⸗englische Offensive hat den Stellungskrieg im Westen, der monatelang an die Ausdauer und das Gemüt unserer tapferen Truppen die größten Anforderungen stellte, jäh unterbrochen. In militärischer Hinsicht haben die Be⸗ richte der deutschen Obersten Heeresleitung über das Wesent⸗ liche der Ereignisse soweit unterrichtet, wie es vom mili⸗ tärischen Standpunkt aus gegenwärtig möglich ist. Es ge. bührt sich aber, über die rein historischen Gesichtspunkte hinaus auch noch aus anderen Gründen die Vorgänge an der Westfront zu beleuchten. Was dort in den letzten Tagen nicht nur an militärischer Tapferkeit, sondern auch an inner⸗ lich gefestigtem Widerstand von deutscher Seite geleistet wor⸗ den ist, das ist— wenn wir dieses Wort in dem gewaltigsten Kriege nicht schon zu oft hätten gebrauchen müssen wahrhaft unvergleichlich. Die Schwere der Kämpfe ist much die moderne Technik so gewachsen, daß uns alle Vergleichs, maßstäbe dafür fehlen. Die Anspannung der Nerven und des Geistes ist ebenso ohne Beispiel und die Dauer 58 Harrens und Wartens auf die Entscheidung hat all 2 0 ins Ungeheure vergrößert. Die Pflichterfüllung 1 Soldaten ist an allen Stellen gleich groß und vom Heerführer bis zum einfachen Mann ist alles an moralischer und körper⸗ licher Kraft eingesetzt worden, was jeden mur zu vergeben hatte. Die Erfolge sind denn, wie man heute schon sagen kann, auch nicht ausgeblieben. Dem überlegenen Gegner haben wir freilich an einigen Stellen weichen müssen, aber an keiner Stelle und in keiner Hinsicht so, daß auch nur an— nähernd von einem Erfolg dieser gigantischen Offensive oder gar davon gesprochen werden kann, daß sie wirklich auch nur an einer Stelle ihr Ziel, den Durchbruch, erreicht hätte. . Dieses Ergebnis ist für die deutsche Heeresmacht umso höher anzuschlagen, als sie ihren Kampf eben nicht auf einer Front konzentriert hat, sondern an mehreren Fronten die höchsten Anspannungen einsetzen muß. 5 Wir Daheimgebliebenen, für die unsere Tapfern bluten, können ihnen für das Maß ihrer Tatkraft, ihrer Pflicht- erfüllung und ihrer Aufopferung für das große Ganze nicht Dank genug sagen. Es ist uns einfach Pflicht, diesem Dank auch durch Worte Ausdruck zu geben, so wenig unsere Soldaten auch einen solchen Dank wünschen oder gar er— warten. Darüber hinaus aber wollen wir diesen Dank auch für die Zukunft zum Ausdruck bringen: wir wollen im Innern dafür sorgen, daß Zustände entstehen und erhalten werden, die dieser großen Leistungen würdig sind. Wie sie draußen ihre Pflicht für die Erhaltung Deutschlands tun, so wollen wir an unserm Teil im Innern dafür arbeiten, daß unsere Zukunft der feierlichen Verkündung des Reichs⸗ kanzlers entspreche: daß wir leben als ein freies Volk. ueber die militärische Lage in der Champagne wird der Frankf. Zeitung aus dem Großen Hauptquartier vom 1. Oktober geschrieben: Der französische Versuch, in der Champagne zwischen Aubersde und den Argonnen durchzustoßen, wird mehr als eines der bedeutendsten strategischesr Unternehmungen des Krieges erkennbar. Alles war auf einen großen Erfolg berechnet und sehr planvoll geleitet. Das 75stsindige Feuergefecht der Ar⸗ tillerie übertraf an Aufwand weitaus die 18 Grangten auf den laufenden Meter Schützengraben, die vordem bei französischen Stürmen als unerläßliche Vorbereitung galten. Es hat die Fran⸗ zosen unerhörte Opfer gekostet. Im vier Wellen, je zwei und zwei dicht hintereinander, gingen sie vor; alles frische, geschulte und neu eingekleidete Truppen in Stahlhelmen. Mit mehrfacher Uebermacht stürmten sie gegen unsere Divisionen an, nirgends erreichten sie den erwarteten Erfolg. Der beherrschende Höhenrücken mit Punkt 199 nördlich Massiges ist in unserem Besitz. Unsere Truppen, Aktive, Reserve und Landwehr, hielten sich über alles Lob erhaben. Die französischen Toten liegen veihenweise in solchen Massen vor unserer Front, daß unsere Leute in der Dämmerung glaubten, neu aufgeworfene Brustwehren des Feindes vor sich zu sehen. Der ge⸗ sangene Kommandeur eines Regiments sagte aus, daß er allein 2000 Maun verloren habe, daß sein Regiment vernichtet sei Denn trotz heftiger Bemühungen gelang es den Franzosen nicht, unsere Batte⸗ vien zum Schweigen zu bringen, und als ihre Kavallerie, die zum Lachstoß durch die erhoffte Lücke berzit stand, sich in vorelliger zzuversicht zeigte, wurde sie von unserer Artillerie und J fanterie vernichtet. Es dürfte dem Feinde schwer sallen, mit den Truppen des verunglückten großen Vorstoßes einen neuen Versuch von gleicher Wucht zu unternehmen. Immerhin sind wir gerüfstet, und besser noch als vordem, ihn würdig zu empfangen. Die Nacht verlief in der Champagne ruhig. Kleinere Hand⸗ granatenkämpfe bei Auberive, wo der Feind angriff, blieben erfolg⸗ los. Unter den Gefangenen der Front zwischen Auberive und den Argonnen, sind Angehörige von 29 frausösischen Divistonen festge⸗ stellt. Die Leute sagten selbst aus, daß einzelne ihrer Truppenteile beim großen Vorstoß nahezu aufgerieben wurden. Heute nacht belegte ein französisches Luftschiff die Stadt Von⸗ ziers mit Bomben. Ein Blindgänger fiel in den Garten des Laza⸗ retts, wo zahlreiche verwundete Franzosen liegen. Der angerichtete Schaden war gering. Der Vorstoß des deutschen Kronprinzen. T. U. Kopenhagen, 1. Okt. Pariser Berichte der Daily Mail legen dem Vorstoß der Argonnenarmee des Kronprinzen die höchste Bedeutung bei. Der Kronprinz verhindere damit ein Vordringen der Alliierten gegen Challerange, das in französischen Händen eine Bedrohung der deutschen Ver— bindungsstraße zwischen der Argonnenarmee und dem Zentrum bedeuten würde. Es kommt alles darauf an, den Vorstoß des Kronprinzen aufzuhalten. Wie stehen wir m.elitärisch an der Ostfront? Die Londoner Times versuchen in einer Reihe von Ar— tikeln den Nachweis zu führen, daß die französisch-englische Offensive im Westen die Lage im Osten stark zugunsten der Russen beeinflußt habe. Weder aus dem deutschen noch aus dem österreichischen Tagesbericht ist davon etwas zu erkennen, und wer die privaten Meldungen der Neutralen vom Osten und vor allem die meist recht geschwätzigen Generalstabs— berichte der Russen kritisch prüft, wird finden, daß von einer 2 Verschlechterung der militärischen Lage für uns oder auch nur von einer für die Russen wirksamen Entlastung durch die Westoffensive nicht die Rede sein kann. Die deutsche Armee⸗ leitung hat trotz ungeheurer Krafteinsetzung auf allen Fronten immer noch Reserven genug, um den Ansturm der Westgegner unwirksam zu machen, ohne die Ostfront zu schwächen. Ge⸗ wiß mögen hier die Operationen sich verlangsamt haben und an einigen Stellen auch zu scheinbarem Stillstand gekommen sein, aber sicher nicht, weil uns die Feinde dazu gezwungen haben, sondern weil das Hauptziel dieser Operationen er- reicht sein dürfte. Wer aufmerksam den Gang der Ereignisse im Osten verfolgte, konnte unschwer erkennen, daß die Anord⸗ nungen im Osten bereits vor der Westoffensive und unbeein⸗ flußt durch diese ergangen sein müssen. ö Wunsch nach Frieden in der russischen Hofpartei! T. U. Stockholm, 1. Okt. Spendga Dagbladet veröffentlicht Be⸗ richte ihres Korrespondenten im Petersburg, in denen gesagt wird, daß die frithere siegessichere Stimmung sehr ins Wanken gekommen sei, und der Wunsch nach Frieden gewinne an Boden, wenn auch vorläusig nur auf dem äußersten Flügel in der Hospartei und unter den soziglistischen Arbeitern. Der türkische Tagesbericht. ö Schwere Verluste der Engländer am Tigris. W. B. Konstantinopel, 1. Okt. Das Hauptquartier be⸗ richtet: 5 An der Front von Irak überraschten unsere vorge⸗ schobenen fliegenden Abteilungen in der Nacht zum 26. Sep⸗ tember seindliche Streitkräfte, die unter dem Schutz von Kanonenbooten nördlich von Korna an den Ufern des Tigris gelandet worden waren. Sie brachten ihnen schwere Ver⸗ luste bei. Am nächsten Tage machte unsete Artillerie abends einen Ueberfall. Der Feind antwortete. Die Größe der feindlichen Verluste ist unbekannt. Nichtsdestoweniger beob⸗ achteten wir, wie die Engländer eine beträchtliche Menge toter Soldaten und Pferde in den Fluß warfen. Am 27. Sep⸗ tember ging der Feind am Morgen mit frischen, von hinten guf Kanonenbooten herbeigeführten Truppen zur Offensive über, die die erste Abteilung verstärken sollten. Der Kampf war heftig und dauerte bis zum Abend an. Aber diese feind⸗ liche Ofsensive scheiterte vollkommen dank der Ausdauer unserer vorgeschobenen Abteilungen, die drei- bis viermal so starken Streitkräften gegenüber erbitterten Widerstand leisteten. Ein feindliches Flugzeug wurde durch unser Feuer beschädigt und heruntergeschossen. Außerdem setzten wir 25 feindliche Segelschiffe, die mit Munition und Proviant be⸗ laden waren, in Brand und nahmen eine größere Abteilung gefangen, die sich auf einem Schiffe befand. Die Engländer benützten auch auf dieser Front Dumdumgeschosse und be⸗ täubende Gase. Auf der kaukasischen Front wurde bei einem Zusammen⸗ stoß auf dem rechten Flügel zßischen unseren aufklärenden Kolonnen und einer feindlichen Artillerie-Abteilung diese gezwungen, zu fliehen. Sie ließ einen Unteroffizier und mehrere Soldaten als Gefangene in unseren Händen zurück.“ An den Dardanellen beschoß der Feind am 29. September bei Anaforta vormittags vergeblich unsere Stellungen mit Artillerie vom Lande und vom Meere aus. Unsere Artillerie antwortete und brachte einen feindlichen Mörser zum Schweigen und zerstörte eine Maschinengewehrstellung. Bei Ari Burnu Artilleriegefecht mit Unterbrechungen. Bef Sedd⸗ ül-Bahr brachte der Feind bei unserem rechten Flügel eine Mine zur Entzündung, ohne eine Wirkung zu erzielen. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. Von den Apotheken in Giessen ist am Sonntag, den 3. Okt. von 3 Uhr nachmittags au und die Nacht hinduch geöffnet die Engel-Apotheke. . 1 Reichhalliges Lager ju Nhrew, D. Kaminia, Gießen e de * 9 A des n Gießen u. Umg, und des Eisen⸗ Marktplatz il. e eee Ubrmacher und Goldarbtiter.— Man verlange Radattmarken. BVerstorbene. Hilde Lotz in Wetzlar, 24 Jahre alt. Frau Elisabeth Boch, geb. Gaul, in Steindorf bei Wetzlar, 56 Jahre alt, O, Teurer, treu hast Du gewirtt im Leben, Hast keine Arbeit, keine Müh' gescheut, Der Deinen Wohl nur war Dein Streben, Nun ruh'st Du fern im fremden Land. Nach langer Ungewißheit erhielten wir amtlich die traurige Nachricht, daß mein lieber herzensguter Mann, der treusorgende Vater seines Kindes, mein einziger Sohn, Bruder, Schwager und Onkel Lud Ateinhauermeister Wehrmann im Tandwehr-Inf.-Neg. 116, 5. Kompagnie am 15. September 1914 in Feindesland im Alter von 33 Jahren gefallen ist. Wiedersehn war unsere Hoffnung! In tiefem Schmerz Fran Katharine Kreiling, geb. Erb u. Kind nebst allen trauernden Wieseck, den 1. Ottober 1915. Wenn Liebe könnte Wunder tun Und Tränen Tote wecken, Dann würde Dich gewiß nicht fern Die fremde Erde decken. I Daneher Fame Orisgruppe Gießen. Aus kunftstelle für Frauenberufe. Frauen und Mädchen erhalten unentgeltlich Rat und Aus⸗ kunft für alle Berufe im alten Rathaus, Marktplatz 14. Diens⸗ tags nachm. von 607 libr. Rechtsschutzstelle. Frauen und Mädchen erhalten unentgeltlich Nat und Auskunft in Rechtsaugelegenheiten inv alten Rathaus Maasetdnage 1 Mittwoch nachmsttaas von 6½ bis 8 Uhr Infcauf, Alteisen, Lumpen, Knochen Papier, Kupfer, Messing, Zink. Zinn, Blei, bei Louis Rothenberger 22. Angehörigen. * e e e e u 1 8 0 Slricklumpen; und Schafwolle 5 855 a5 Tech 5 Balinhofstrasse 34 5 Telephon 2077 80 nehmen zu höchsten Preisen an L. Nosenbaum ck Jakob Tel. 171. am Oswaldsgarten. 85 eee — Händler erhalten Vorzugspreise.— Grösstes, eleganteste 13 und modernstes 0 1 1 25 3 f a„ 1 V Fan schreibt uns. Ine ee f Heute feiere ich das jubiläum des 500. grossen Paketes Eersil. 0 an Platae. 5 1 Seit sechs jahren segne ich alle 14 Tage 1 Erlindung und möchte 7 80 1— ihnen nun mal so recht herzlichen Dank aussprechen. 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