2 — N 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1. 80 Mk. ö nicht kämen. 7 1 1 1 1 0 41 * 1 0 aten und Wäschefabriken Konserven herstellten. und Munitionsfabriken. Eine deutsche Waffen⸗ und Munitionsfabrik Oerhessi Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementsbreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraste 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die ö mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 210 Gießen, Mittwoch, den 3. September 1915 10. Jahrgang 9 Goldener Kriegssegen. — g er wirtschaftlichen Kriegsbetrachtungen sind voll des Lobes der deu. n Industrie. Besonders ihre große Anpassungsfähigkeit hebe e weit über die Industrien anderer Länder hinaus, ihre große Leistungsfähigkeit beruhe wesentlich mit auf der schnellen Einord⸗ ung in die durch den Krieg bedingten Verhältnisse.— Das Lob ist unberechtigt. Sofort mit Kriegsbeginn trat allgemeine Slockung in den meisten Industriebetrieben und damit große Ar⸗ Heitslosigkeit ein. Aber viel rascher, als man geglaubt hatte, wich ie Arbeitslosigkeit wieder, nicht allein, weil sehr viele Arbeiter den Arbeitsrock mit der Uniform vertauschen, und die Arbeitslosen von der Straße nach der Kaserne ziehen mußten, sondern auch infolge des in den Industriebetrieben bald wieder einkehrenden regen Lebens. Die Industrie paßte sich in der Tat den neuen Bedürfnissen an, das heißt, sie ward Kriegsindu strise, soweit das nur irgend möglich zu machen war. Daß Damenkonfektionsgeschäfte Uniformen und Soldatenmäntel machten, daß Korbmachereien und Möbeltischlereien Geschoßkörbe flochten, Portefeuillefabriken Patro⸗ gentaschen und Säbelkoppeln, Klavierfabriken Feldschlitten fabri⸗ zierten, lag noch nicht im Rahmen des Ungewöhnlichen: mehr schon, penn Dekorateure und Tapezierer Reitsättel, Etuifabriken Tornister, Filz⸗ und Strohhutfabriken Lederhelme, Bijouteriewerkstätten Gra⸗ Alle Achtung vor Sieser Anpassungsfähigkeit. Der stärkste Ansporn zu derlei Betriebsamkeit ist natürlich der ockende Profit. Ohne Profit raucht kein Schornstein, am aller⸗ wenigsten in der Kriegsindustrie. Hier sind im Gegenteil die Ge⸗ zvinne ganz abnorm hoch und nicht nur, weil es sich um außer⸗ gewöhnliche große Lieferungen handelt, sondern, weil auch ganz hohe Preise bezahlt werden. Die Unternehmer reißen sich um Kriegsarbeit, für den Auftraggeber sonst ein Vorteil, denn Ueberangebot drückt den Preis— aber für Kriegslieserungen scheint dieses wirtschaftliche Gesetz nicht zu gelten. Die höchsten Gewinne sallen natürlich den Betrieben zu, welche für den unmittelbaren Kriegsbedarf arbeiten, das sind die Waffen⸗ Sie können sich auch in Friedens⸗ zeiten nicht über schlechte Geschäfte beklagen; denn das Wettrüsten der Völker sorgt immer für Absatz, zumal als jede andere über die„nationale Beschränktheit“ hinaus ist. Noch im Frühjahr 1914, wenige Monate vor dem Krieg, lieferten öster⸗ reichische und deutsche Waffenfabriken 200 000 Gewehre an Serbien. lieferte nach Angabe ihres Geschäftsberichts die Hälfte ihrer Produkte ins Ausland, vor⸗ nlehmlich nach Rußland und dem Balkan. Im Reichstag versicherte im Mai 1914 der Zentrumsabgeordnete Erzberger, daß 85 Prozent aller Aufträge der deutschen Rüstungsfirmen aus dem Auslande Daß dabei das Geschäft blüht, ist selbstverständlich. Die Firma Krupp erhöhte 1913/14 ihr Aktienkapital von 180 auf 250 Millionen. Der Reingewinn hatte 33,9 Millionen betragen, 12 Pro⸗ zent wurden verteilt, der Rest aufgespeichert und noch 6,9 Millionen auf neue Rechnung vorgetragen. Wie hoch mag sich wohl der Ge⸗ winn Krupps im Kriegsjahr beziffern? Die anderen Waffen-, Munitions⸗ und Sprengstofffabriken schneiden, obwohl sie ihrem Aktienkapital nach kümmerliche Zwerge gegen Krupp sind, nicht schlechter ab, wie nachstehende Zusammen⸗ stellung zeigt: Gewinne in Mark: . 1914 1913 Deutsche Waffen⸗ und Berlin⸗Karlsruhe 8 183 000 5 785 000 Munitionsfabriken Rhein Metallwaren⸗ und Maschinenfabrik 3 500 000 2009 000 Daiml, Kotorengesellschaft 4600 000 3 200 000 Verein Köln⸗ Rottweiler Pulverfabriken 6543 000 4 448 000 12 verteilte Dividende: 25% 20 7% 10 f Dividenden: Waffen⸗ u. Werkzeugfabrik L. Löwe, Berlin 30 7˙ 10 7⁰ Weyersberg Kirschbaum, A.⸗G. Solingen a 5 (blanke Waffen) 18 7 8 7⁰ Dividenden: g 1913 1913 Westfälische Kupfer⸗ und Messingwerke 9 7⁵ 4 40 Metallwerke Aders, A.-G., Magdeburg 9 7 5 70 Krefelder Stahlwerk 5 Stahlwerk Lindenberg, A.-G., Remscheid 12 70 Rhein.⸗Westfälische Sprengstoff-Fabrik 15 77 Spreugstoff⸗Fabrik Glückauf, Hamburg 775 75 Sberschlesische Schießwollfabrik 10 9 Sprengstoff⸗Fabrik Carbonit, Hamburg 3 75 Siegener Dynamit⸗Fabrik 15 7⸗ Busch, Metallwaren, A.-G. 7 5 E. Busch, Optische Industrie, Rathenow 9 10 Reingewinne: Lorenz, Telegraphenwerke, A.-G., Berlin 1006 000 592 000 Mix& Genest, Telegraphenwerke, A.⸗G., Berlin 1200 000 293 000 1 0 1 85 e eee Ham⸗ urg rketenderunternehmungen u. a. Kriegslieferungen) 50 9 850 000 222 000 Dividende; 15 7 62 Das sind zwanzig Betriebe, welche für den direkten Kriegs⸗ bedarf arbeiteten, nicht besonders ausgewählt, sondern aufgezählt mach den Geschäftsberichten, welche in den letzten Monaten in den Börsenblättern veröffentlicht wurden. Reingewinne und Dividen⸗ den haben sich gegen das letzte Friedensjahr im Durchschnitt mehr als verdoppelt! Die Reingewinne und Dividenden geben aber, das muß ausdrücklich hervorgehoben werden, den wirklichen Kriegs⸗ gewinn noch keineswegs erschöpfend wieder. Daneben sind hohe Ab schreibungen gemacht, Kriegsreserven und Sonderrücklagen eingestellt, Tantiemenerhöhungen und Reservefondaufffllungen vorgenommen warden daß sich nicht selten die Dividenden bequem verdoppeln ließen, Die Dividenden und Netto-Reingewinne werden absichtlich niedrig! die Waffenindustrie mehr 1 5 brauch, sie muß bei Beurteilung der vorstehenden wie der nach⸗ gehalten und die Bilanz verschleiert. Man fürchtet den Ruf nach der Kriegsgewinnsteuer, den Unmut der Abnehmer und wahr⸗ scheinlich nicht zuletzt auch den Wunsch der Arbeiter, an diesen Ge⸗ winnen ein wenig teilzuhaben. Einige Beispiele, wie die Kriegs⸗ bilanzen aussehen: Die Gladbacher Wollindustrie A.⸗G. vorm. Josten in M.⸗Glad⸗ bach verteilt 20 Prozent Dividende, statt 8 Prozent im Vorjahre. Der Umsatz hat sich von 4817 000 auf 16 122000 Mk. erhöht, der Bruttogewinn ist im Verhältnis noch mehr gestiegen als der Um⸗ satz: von 614 221 auf 3 235 428 Mk. Nach Abzug von allgemeinen Abschreibungen, Belastungen, Gewinnanteilen usw. im Betrage von 744.875 Mk. verbleibt ein Netto⸗Reingewinn von 2490 553 Mark. Das Aktienkapital beträgt 2 255000 Mk., es ließe sich dem⸗ nach eine Dividende von über 100 Prozent verteilen. Man begnügt sich indessen„bescheiden“ mit 20 Prozent und ver⸗ rechnet den Reingewinn wie folgt: 6 1914/15 1913/14 Dividende 20 Prozent 510 000 8% 204 000 Rücklage 40 258 14 000 Unterstützungsrücklage 120 000— Verflügungsbestand 725 000— Sonderabschreibungen auf Gebäude 200 000— Sonderabschreibungen auf Grundstücke 23 000. Sonderabschreibungen auf Maschinen 175 000— Vortrag: 695 295 271 422 Bei solcher Bilanzierung ist für das nächste halbe Dutzend Jahre noch mit Dividenden von 20 Prozent zu rechnen, selbst wenn der Betrieb mit Kriegsschluß auf Jahre hinaus zum Stilliegen käme. Ein anderes Beispiel: Die Rathenower Dampfmühle A.-G. verteilt bei einem Aklienkapital von 1 Million Mark 16 Prozent Dividende. Der Netto-Reingewinn beträgt aber 386 000 Mark, würde demnach auch bei hohen Abschreibungen eine Dividende von weit über 30 Prozent ermöglichen. Die Bilanz weist einen Bruttogewinn von 794 539 Mk.(im Vorjahr 382 572) auf. Abschreibungen: 119 321(39 699), Auf⸗ füllen des Reservefonds: 96 781(3219), Talonsteuer: 3000(—), Tantiemen und Gratifikationen: 36 000(6400), Wohlfahrtszwecke: 20000(—9, Vortrag: 71000(4750), Dividende: 160 000(50 000) Mark. Diese Art Bilanzierung ist industrieller Kriegs⸗ folgenden Kriegsgewinne berücksichtigt werden. Gleich hinter der Rüstungsindustrie marschiert die Leder⸗ industrie mit ihren Gewinnen. Sie sehen so aus: Dividende: 1914: 1913: Aachener Lederfabrik 10 97 7 0 Lederwerke Wiemann Hamburg 30 7 12 Lederfabrik Adler& Oppenheimer Straßburg 15 0 2 75 Lederwerke Spicharz(Offenbach) 12 5 Wandsbecker Lederfabrik 10 6 9⁰ Wiese Söhne A.⸗G., Neumünster 30 90 2 7⁰ Ed. Engel Schuhfabrik A.⸗G. Erfurt 10 9˙ 4 7⁰ Niederrheinische Lederfabriken A.-G. 15 90 11 7⁰ Die Firma Adler& Oppenheimer berichtet von großen Heereslieferungen, welche außer den„sehr reichlichen Ab⸗ schreibungen“ die hübsche Dividende, die erst noch genau bestimmt wird, bringen. Die Firma Wiese Söhne erzielte bei einem Aktien⸗ kapital von 325 000 Mk. einen Reingewinn von 117000 Mk. Die Lederwerke Wiemann konnten die bis zu einem Drittel des Aktien⸗ kapitals angesammelte Reserve an die Aktionäre verteilen,„in der Hoffnung, daß deshalb die Dividende nicht geschmälert werde“. Gleich respektable Profite kann die Textilindustrie ein⸗ streichen. Der Geschäftsabschluß der Gladbacher Wollindustrie ist schon erwähnt; die Bremer Wollkämmerei verteilt 30 Prozent(im Vorjahr 20 Prozent], die Baumwollspinnerei Mittweida 20 Pro⸗ zent(16 Prozent) Dividende. Der, Reingewinn der Erdmanns⸗ dörfer Flachsgarn⸗Spinnerei und Weberei stieg von 198 000 auf 419000 Mk. und der Reingewinn der Meyer Kaufmannschen Tex⸗ tilwerke A.-G. in Breslau von 137 000 auf 329 000 Mk. Es kommen noch zahlreiche Industriegruppen als direkte Kriegslieferanten in Frage, Maschinenfabrikef, Wagen⸗, Fahr⸗ räder⸗, Automobil-, Gummifabriken, Chemische Werke usw.; diesen wird der Krieg nicht weniger Vorteil gebracht haben als den Un⸗ ternehmen, die wir als Stichproben angeführt haben. Es kann bei diesen Beispielen sein Bewenden haben. Nux eine Gruppe, die ihre Gewinne nicht aus den Kriegskassen sondern von der breiten Masse des Volkes zieht, sei noch erwähnt: die M ühlen. Die hohen Mühlengewinne mit den entsprechend gesteigerten Mehl- und Brotpreisen haben schon viel Empörung hervorgerufen, und wahr⸗ lich nicht zu Unrecht, wie ein Blick auf die Dividendenbezüge der Mühlen im Kriegsjahr zeigt: Dividende: 1913: Rathenower Dampfmühle A.⸗G. 5 9⁰ Hermann Mühlen A.-G., Posen 2 75 Wurzener Kunstmühlen 7 0 Rheinmühlenwerke Mannheim 6 70 Rolandmühle Bremen 11 75 Berliner Dampfmühlen A.-G.— 7 Miihle Rümingen A.-G. Braunschweig 2 2 Zucker fabriken, not⸗Industrie doch nicht wohl Profit wie die Mühlen. Die ö ö fabrik stieg von 4½ auf 12 Prozent, die der Glauziger Zucker⸗ fabrik von 8 auf 20 Prozent. Ueberall also die gleiche Erscheinung. Der Krieg bewirkt Verschiebungen, Anhäufungen des Kapitals, deren wirtschaftliche Folgen sich erst nach dem Kriege in vollem Um⸗ fange ermessen lassen werden. Vom Wieltkrieg. Der Seekrieg. Der Untergang der„Hesperian“. Ueber den Untergang bezw. die Torpedierung der „Hesperian“ liegen folgende weitere Nachrichten vor: London, 6. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Das Reuter⸗ sche Bureau meldet aus Queenstown: Der britische Dampfe „Hesperian“ von der Allan⸗Linie(10920 Tonnen) mit 600 bis 700 Fahrgästen an Bord, wurde gestern abend bei Fastnet torpediert. Er sank nicht. Die Schiffbrüchigen kommen ohne Kleider(2) in Queenstown an. Eine Lloyd⸗Depesche besagt, daß„Hesperian“ tor pe- diert worden ist. Der Kapitän und 20 Mann der Besatzung blieben an Bord. Die Fahrgäste und ein Teil der Besatzung werden in Queenstown gelandet. Hilfe wurde entsandt. Man hofft, den Dampfer in den Hafen schleppen zu können. Eine weitere Reutermeldung berichtet folgende Einzel. heiten: Es war sehr schönes Wetter, eine große Anzahl Menschen befand sich an Deck, die sich nach dem Essen über die angenehme Ueberfahrt unterhielt, im Gedanken, daß die gefährliche Zone bereits hinter ihnen liege. Plötzlich kam eine furchtbare Erschütterung; die Stühle auf Deck flogen durcheinander, eine Explosion folgte, und eine Wassersäule stieg so hoch wie der Mast empor, spritzte umher und brach dann auf dem Deck nieder. Der Kapitän bewahrte voll kommen seine Ruhe. Er ließ die Boote nieder und füllte sie mit Frauen und Kindern und dann mit den anderen Passa⸗ gieren. Der Kapitän und die Offiziere blieben an Bord. Da es beinahe dunkel war, wurde natürlich kein Unter⸗ seeboot gesehen. 8 5 Die Reeder der„Hesperian“ melden, daß keine Verluste an Menschenleben vorgekommen sind. Der amerikanische Konsul in Queenstown teilt mit, daß auf der„Hesperian“ keine Amerikaner umgekommen sind. Esn oder zwei Ameri⸗ kaner befanden sich an Bord. London, 6. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Der Dampfer„Hesperian“ ist heute früh 6 Uhr 47 Min. gesunken. Einer, der das Unterseeboot gesehen hat. London, 6. Sept. Die Daily News meldet, daß der einzige Mann an Bord des„Hesperian“, der das Untersee⸗ boot gesehen hat(oder gesehen haben will), der Mann war, der die Wache hatte. Er habe das Unterseeboot auf eine kurze Entfernung gesehen und habe den Kapitän gewarnt. Der Eindruck in Amerika. Havas meldet nach der Frankf. Ztg. aus Newyork: Wilson und Lansing haben durch Preßtelegramme von der Zerstörung der„Hesperian“ erfahren. Sie haben von einer Kommen⸗ tierung dieses neuen Zwischenfalles abgesehen und ge— denken, bestimmte Nachrichten darüber abzu⸗ warten, ob sich an Bord Amerikaner befunden haben und ob die Torpedierung des Fahrzeuges ohne vorherige Benach⸗ richtigung erfolgt sei. Vorher solle keine Entscheidung ge⸗ troffen werden. Immerhin sei in offiziellen Kreisen der Ein⸗ druck vorherrschend, daß die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern neuerdings gefährdet seien. Euglische Preßhetze. Die englischen Blätter zeigen sich über den Vorfall mit der „Hesperian“ empört und nehmen ohne weiteres an, daß das Schiff ohne Warnung torpediert worden sei. Daily Tele ⸗ graph sagt, daß die Regierung Wilsons vor der schwersten Krise stehe, die sich seit Beginn des Krieges gezeigt habe, einerlei, ob bei dem Vorfall Amerikaner umgekommen seien oder nicht. Daily N e ws schreibt in ihrem Leitartikel, daß Bernstorffs Ver⸗ sprechen die letzte und einzige Möglichkeit war, einen Krieg zu ver⸗ meiden. Dieses Versprechen sei am Mittwoch veröffentlicht wor⸗ den und am Samstag bereits zu einem wertlosen Papier geworden. Reuter gibt Auszüge aus den drei deutsch-feindlichen amerikanischen Blättern: New Vork Tribüne, New Mork Times und New York World, die natürlich außerordentlich entrüstet sind, Opfer des Seekriegs. Reuter meldet: Das englische Dampfschiff„Cymbeline“ ist in den Grund gebohrt worden. 31 Mann der Be⸗ satzung wurden an Land gebracht, sechs wurden verwundet, sechs getötet. Die„Cymbeline“ war ein stählerner Schrauben⸗ dampfer von 4405 Tonnen. Wie Lloyds berichtet, ist das schwedische Dampfschiff „Froe“ gesunken. Der Kapitän und 18 Mann der Be- satzung sind gerettet. Ferner meldet Lloyds, daß der nor- wegische Dreimaster„Glimt“ gesunken ist. Die Besatzung, bestehend aus 14 Mann, wurde an Land gebracht. Der Kom- mandant des in Harlingen eingefahrenen Dampsfschiffes „Professor Buys“ berichtet, daß er auf der Reise von Hull nach Harlingen eine Schaluppe gesehen habe, worin sich 11 Mann der Besatzung des englischen Begleitschiffes „Dorando“ befanden, das auf dem Wege nach London wegen Lecks verlassen worden ist. Nachdem die Schiff⸗ brüchigen etwa eine Stunde herumgefahren, wurden sie von einem englischen Kriegsschiff an Bord genommen. Standrechtlich erschossene polnische Sozialdemokraten Der Pole Adamczewski, der als Freiwilliger in der französischen Armee in der Fremdenlegion diente, wurde, wie dem Berl. Lokalanz. aus Wien gemeldet wird, bei Courrency durch Urteil des französischen Feldgerichts zum Tode ver⸗ urteilt und erschossen. Adamezewski war Sozialdemokrat. Er ließ sich durch die Agitation seiner französischen Genossen zum Eintritt als Freiwilliger in die Fremdenlegion verleiten. Eines Tages erhielt er mit einigen anderen den Befehl, die Füsilierung einiger Waffenbrüder und Genossen durchzu— führen. Adamczewski warf den Karabiner weg, ging mit seinen acht Kameraden auf die Seite der Verurteilten und stellte sich in ihre Reihen. Dafür wurden alle neun, unter ihnen der bekannte russische Sozialdemokrat Artomoszyn, an Ort und Stelle erschossen. Friedensbestrebungen in den französischen Gewerkschaften. Einer Gewerkschaftskonferenz, die am 15. August in Paris tagte, wurde vom Delegierten des Metallarbeiterverbandes, Merrheim, und vom Delegierten des Küferverbandes, Bourderon, eine Reso⸗ lution unterbreitet, die nach langer Diskussion gegenüber der Reso— lution von Jouhaux unterlag. Aber für die Merrheimsche Reso— lution sprachen sich nicht weniger als 27 Organisationen aus, dar⸗ unter die Gewerkschaftsorganisationen mehrerer großer Städte. Die Resolution erklärt sich entschieden und scharf gegen den Krieg, der nicht Sache der Arbeiter sein könne. Während der Krieg nur dem Zwecke diene, die Arbeiterschaft noch mehr unter die Botmäßigkeit der Herrschenden zu bringen und den internationalen Völkerhaß im Interesse des Kapitalismus zu steigern, verstand es die kapitalistische Bourgeoisie, vermittels des Krieges ungeheure Profite zu machen. Weit entfernt von dem, was man stets zu glauben machen versuche, sei dieser Krieg nur das Resultat des agressiven nationalen Imperialismus, der alle Staaten ergriffen habe. Nach dem Krieg werde es wieder das städtische und ländliche Proletariat sein, das die ungeheuren Folgen dieses Krieges zu tragen haben werde. Die Resolution verlangt dann von der nationalen Konferenz, daß sie einen dringenden Appell an das Gewissen und die Vernunft des französischen Proletariats wie an die gesamte Internationale erlasse, indem sie ihnen zurufen soll: Nun istes genug! Schließlich sollte nach der Resolution die Konferenz beschließen, daß die Conféderation General Travail mithelfen sollte bei jeder proletarischen Aktion zugunsten des Friedens speziell auf folgenden Grundlagen: 0 1. Befreiung der besetzten Gebiete, inbegriffen Belgien. 2. Keine Annexionen ohne vorherige Befragung der betreffenden Bevölkerung. 3. Politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit jeder Nation. 4. Abrüstung. 5. Obligatorische Schiedsgerichte. Weiter soll die Konferenz die sofortige Aufnahme der Besprechung über die Friedens bedingungen verlangen. Der Burgfrieden sei in jedem Lande zu kündigen, da er nur das sicherste Mittel war, um das organisierte Proletariat zu fesseln. Zum Schluß soll die Konferenz ihre Ansicht dahin aussprechen, daß, wenn die Arbeiterschaft zu schwach war, den Krieg zu verhindern, es gleichwohl Pflicht der C. G. T. sei, mit ganzer Kraft eine Aktion einzuleiten zur raschesten Herbeiführung eines Friedensschlusses. Bestechungsversuche bei der spanischen Presse. Mit welchen Mitteln unsere Gegner immer wieder versuchen, Nachrichten über angebliche deutsche Greueltaten durch die neutrale Presse in die Welt zu setzen, beweistt, wie der Berl. Lokalanzeiger schreibt, ein ihm kürzlich zugegangener Artikel des Correo Espanol, in dem die Redaktion dieser Zeitung eine englische Zumutung, gegen Bezahlung derartige Lügen zu verbreiten energisch von sich abweist. In ihrer Ausgabe vom 12. Juni dieses Jahres bringt sie fol⸗ gende Mitteilung: „Mit einem amtlichen Siegel der englischen Regierung schickt man uns aus London einen Protest einiger schwedischer Pro— fessoren gegen die deutsche Barbarei und ersucht uns, ihn in un⸗ serer nächsten Ausgabe zu veröffentlichen; gleichzeitig erbietet man sich, uns den Betrag, den wir für das Inserat festsetzen, postan⸗ wendend zu vergüten. Der Brief fügt noch hinzu:„Es handelt sich um eine Mitteilung, die uns sehr interessiert, weil sie in den neutralen Ländern großen Eindruck hervorrufen wird.“ Jene Engländer haben sich in der Tür geirrt. Der Correo Espanol veröffentlicht keine Lügen, wenn sie auch noch so gut bezahlt wer⸗ den sollen. Aber es freut uns, daß sie sich an uns gewandt haben, — wo sie weil wir infolgedessen jetzt wissen, daß alle Zeitungen Madrids und in den Provinzen, die die Abschrift des angeblichen schwedi⸗ schen Protestes veröffentlichen, so und so viel fstr die Zeile be⸗ zahlt erhalten.“ Rußlands jämmerliche Finanzlage. Der Manchester Guardian schreibt über die bevorstehende Ankunft des russischen Finanzministers Bark in London: Kaum je hatte eine Reise solche große politische Bedeutung. Der schlechtenmilitärischen Lage steht die verschlechterte finanzielle Lage Rußlands gegenüber. In der Duma hat man ziemlich unverblümt zu verstehen gegeben, daß an eine innere Anleihe nicht zu denken ist. Wie sich die wirt⸗ schaftliche und militärische Lage Rußlands noch gestaltet, bleibt ein Rätsel. Helfen kann hier nur England. Es wird einer großen Anspannung bedürfen, um Rußland über Wasser zu halten. Unter diesen Umständen ist es zu ver⸗ stehen, daß man in Rußland in gewissen Kreisen an einen vorteilhaften Sonderfrieden denkt, was aber unbedingt vermieden werden muß. England muß deshalb alles tun, um Rußland unbeschränkte finanzielle Hilfe zu gewähren, die es so nötig hat. Italienische Kohlennot. Das Blatt Provinzia di Como weist auf die unhaltbaren Ver— hältnisse hin, denen infolge der allgemeinen Teuerung die Be⸗ völkerung ausgesetzt ist. Die andauernde Weigerung Englands, Kohlen zu liefern, drohe die italienische Industrie völlig lahm zu legen. Dabei stehe der Winter vor der Tür und mit Schrecken fragen die italienischen Familien sich, woher sie für den dringenden häuslichen Bedarf Kohlen nehmen sollen. Die Kohlenpreise sind schon heute auf das dreifache des in Friedenszeiten üblichen Preise gestiegen. Die Kohlenhändler von Genua richteten an die Re⸗ gierung die nachdrückliche Mahnung, schnell Vorkehrungen zu treffen, um den Widerstand Englands gegen die Kohlenausfuhr zu brechen, weil sonst kein Ausweg zu erblicken ist. Keine Friedensaktion des Papstes. T. U. Haag, 7. Sept. Unterrichtete katholische Kreise versichern gegenüber den fortgesetzten Meldungen über eine Friedensaktion des Papftes, welche merkwürdigerweise stets zuerst von Havas oder Reuter verbreitet werden, daß der Papft keine Friedensinitiative plane. Jedenfalls würde der Papst, wenn er eine solche Aktion unternähme, erst sämtliche kriegführenden Mächte um ihr Einverständnis befragen und es sei wohl im Augenblick kein Zweifel daran, daß er nicht überall eine bejahende Antwort erhalten würde. 500 000 neue englische Soldaten an den Dardanellen. T. U. Zürich, 7. Sept. Tribuna erfährt aus Athen, Eng⸗ land beabsichtigt an den Dardanellen 500000 Mann zu landen. Die bei Anaforta gelandeten fünf Divisionen seien nur ein Teil dieser großen Landungsarmee.— Das ist nakür⸗ lich ein englischer Bluff. Verschickung protestantischer Pastoren nach Sibirien. Schweizer Blätter melden aus Petersburg: Eine große An⸗ zahl protestantischer Pastoren aus Livland und Estland, die für die Leipziger Missions⸗Gesellschaft gesammelt hatten, wurde laut No⸗ woje Wremja nach Sibirien verschickt. Kriegsnotizen. Aus verschiedenen Teilen des Reiches liegen schon jetzt Berichte über die Erfahrungen vor, die man mit den Kriegsgefange⸗ nen als Arbeiter gemacht hat. So stellte in der Sitzung des Kreistages Minden der Regierungsvertreter fest, daß alle Land— wirte, die Kriegsgefangene beschäftigt haben, mit den Leistungen sehr zufrieden gewesen sind. Vom 6. September ab ist im Regierungsbezirk Düsseldorf der Branntweinausschank am Freitag, Samstag und Sonntag jeder Woche, an gesetzlichen Feiertagen sowie an fünf höheren kirchlichen Feiertagen gänzlich verboten: für die übrige Zeit ist der Verbrauch auf die Stunden von 11 Uhr vormit⸗ tags bis 8 Uhr abends beschränkt. Der Schnaps darf nur in Glä⸗ sern von höchstens 0,03 Liter zum sofortigen Genuß und gegen Bar⸗ zahlung abgegeben werden. An Tagen, an denen Aushebungen zum Heeresdienst stattfinden, ist der Verkauf verboten. Begnadigt wurde nach einer Mitteilung der Leipziger Neuesten Nachrichten die Gattin des belgischen Justizministers De Wiart, die wegen Beleidigung der deutschen Militär⸗ behörden verurteilt worden war. An die Begnadigung, die auf Veranlassung des spanischen Königs zurückzuführen sei, soll die Bedingung geknüpft worden sein, daß Frau De Wiart nicht nach Belgien zurückkehrt. Sie wird in der Schweiz Aufenthalt nehmen, mit ihrem Gatten zusammentreffen will. 5 8 F Im Hinbli je Züricher Meldung über eine Ei fu e ee lebenden Rumänen zum Hee wird der Voss. Ztg. von zuständiger Stelle versichert, 591 de Deutschland lebenden Rumänen kein Einberufungsbef j 8 0 9 angen sei. 1 i 94 Wiener Landwehr⸗Divisionsgericht hatte sich de Lie Schuhhändler Adolf Neuron wegen Verbrechens gegen§ 327 10 des österreichisch⸗ungarischen Militär⸗Strafgesetzbuches du prrank⸗ 1 0 worten. Er hatte im vorigen Winter bei der Lieferung von Militär der J schuhen für ein ungarisches Regiment Schuhe geliefert, die berei dienst von der österreichischen Militärverwaltung als u nbrauchba 1 zurückgewiesen worden waren. Der Gerichtshof erkannte a 1 die hohe Strafe von 15 Jahren schweren Kerkers(Juchtkaus), of mel, Milderungsgründe zuzulassen, obwohl der Angeklagte bisher un die R scholten war, weil die Schuhe zur Winterszeit und zu einer Zeit lt liefert wurden, wo Not an Schuhen herrschte, und weil es sich hi weiter nicht nur um die Verletzung eines Rechtsgut, nämlich das de 1 1 Kriegsmacht, gehandelt habe, sondern auch um Verbrechen genen die 100, Gefundheit und die körperliche Sicherheit der Soldaten, endlich, weil qwishe das Delikt aus Eigennutz begangen wurde. bt ir Dem Telegraaf wird aus Gent gemeldet, daß der belgische in die Abgeordnete Artur Verhaeren zu zwei Jahren Gefäng. f nis verurteilt wurde, weil er durch die Vermittlung eine 0 Tochter einen Brief an die belgische Regierung gesandt hatte. Die 25 Pre Brief war aufgefangen worden. der un Tgesbericht des Großen Hauptguartiers. ages kk 1 1 El 0 0„ porge 5 2 f I unters 2. 3. f Vergebliche russische Widerstandsversuche bei 109 Wolkowysk.* Gallwitz' Vormarsch über den Pruzana⸗ Obst i Abschnitt. öborder W. B. Großes Hauptquartier, 7. Sept., vorm.(Amtlich.) Jleis Westlicher Kriegsschauplatz 0 Bei einem erfolgreichen Minenangriff gegen eine feind⸗ 1 wol liche Sappe nördlich von Dirmuiden wurden einige ehe Belgier gefangen und 1 Maschinengewehr erbeutet. e i Nördlich von Souchez wurde ein schwacher feindlichen aut di Handgranatenangriff abgewiesen. 5 1 1 Ein französischer Vorstoß bei Sondernach in d 0 ae 9 onnte Vogesen scheiterte.. 5 1 Lebhafte Feuerkämpfe entwickelten sich in der Cham ftr pagne sowie zwischen Maas und Mosel. 5 Bei einem feindlichen Fliegerangriff auf Lichter⸗ 4 Diens velde(nördlich von Roulers in Westflandern) die ne wurden 7 belgische Einwohner getötet, 2 schwer verletzt. Skal 1 Deutsche Kampfflieger brachten ein englisches Flugzeug 0 zeichne 1 ö über Kappel(sjüdöstlich von St. Avold) zum Absturz. ein S Die Insassen sind tot. Verfa Oestlicher Kriegsschauplatz. 1 Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls( Hesftei v. Hindenburg. r. 4. Die gestern auf Daudsewas(südöstlich von Friedrich ⸗ Res⸗ stadt) vorstoßende Kavallerie brachte 790 Russen zu Gefange,/ aus 6 nen und 5 Maschinengewehre ein. 4 Neserb Oestlich und südöstlich von Grodno hat der Feind von fegin westlich Skidel bis Wolkowysk Front gemacht. In d. hartnäckigen Kämpfen sind unsere Truppen im Vordringen 9 Wolfi über die Abschnitte der Pyra und Kotra. a 9005 Zwischen demNjemen und Wolkowysk gewann 9 malig die Armee des Generals v. Gallwitz an einzelnen Stellen Wehe durch nächtlichen Ueberfall das Ostufer des Pruzana⸗ Ab, den schnitts. Es sind über 1000 Gefangene gemacht. 1 e Heeresgruppe des Generalfeldmarschalliss 15 Prinzen Leopold von Bayern. Ii err Auch südöstlich von Wolkowysk bis zum Waldgebiete 10 südlich von Grotana(40 Kilometer füdwestlich von e Slonim) nimmt der Feind erneut den Kampf an. Der Hehry Angriff der Heeresgruppe ist im Fortschreiten. 1 liche a Heeresgruppe des Generalfeldmarschallss 905 v. Mackensen. 5 g Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 70 Mittag war längst vorüber, als das sogenannte Plai— doyer begann. Rothmann schilderte in ergreifender Rede das Los des Angeklagten, der sich redlich wieder emporgearbeitet habe und nun, weil er einmal in Elend versunken gewesen war, dem lauernden Verdacht der boshaften Schadenfreude nicht entgehe. So eifrig auch Rothmann seinen Schützling verteidigte, er ließ sich doch nie zu jener heillosen, alle Sitt⸗ lichkeit verheerenden Weise verleiten, wo es immer heißt: „Es ist meine heiligste, innigste Ueberzeugung,“ während dies keineswegs immer der Fall ist. Er verhielt sich ganz gegen— ständlich und suchte nur die Möglichkeit eines anderen als verbrecherischen Vorgangs ins Licht zu setzen. Es war nicht minder klug als ehrenhaft, daß er die überhandnehmende all— gemeine Entsittlichung durch die mutwilligen Brand— legungen schilderte: wie der erste Gedanke beim Vernehmen der Sturmglocke nicht mehr Mitleid, sondern im besten Falle Zorn sei, in der Regel aber ein teuflisches Frohlocken, daß es gelinge, den Staat zugunsten eines Schurken zu betrügen, wie das alles müßig umherstehe und oft die Zimmerleute noch in Hoffnung auf Verdienst durch den Neubau und den Dank des Abgebrannten dem Feuer Luft machen. Vom auf— richtigen Beklagen dieser Entsittlichung ging er auf die Un⸗ schuld seines Schützlings über, und jetzt wendete er sich an die Schwurbank und rief den Ehrenmann dort, der selbst ein— mal unter so nichtiger Anklage gestanden, auf, bei seinen Mit⸗ geschworenen auf eine leidenschaftslose Prüfung der vor— liegenden Umstände hinzuwirken. Der Staatsanwalt unterbrach den Verteidiger und ver— langte von dem Gerichtshof, solche unangemessene Anrufung als unerlaubt zurückzuweisen und dem Verteidiger eine Rüge Rothmann widersprach, und der Gerichtshof zog sich zurück; es enstand eine Pause, in der Diethelm starr dreinschaute, keine Miene zuckte. Der Gerichtshof trat bald wieder ein und erklärte, daß dem Verteidiger für das Gesagte keine Rüge zukäme, daß er aber solche persönliche Anrufung fortan unterlassen müsse. Rothmann fuhr nun fort, mit großem Geschick die Schuld von dem Angeklagten zurückzu— weisen. Der Staatsanwalt entgegnete mit gesteigertem Eifer; und besonders eine Hinweisung machte Diethelm den Kopf schütteln, da der Staatsanwalt sagte: Der Angeklagte hat gleichsam als Sühne für sein Verbrechen an einer Men⸗ schenwohnung sich aus den Kerkerwänden den Tod geben wollen. Der Vorsitzende faßte endlich alles klar und übersichtlich zusammen, worauf er die Fragen stellte. Rothmann griff die Fassung derselben an, und es begann bereits zu dämmern, als die zwölf Männer sich in ihr Beratungszimmer zurück— zogen. Einstimmig und vom Steinbauern zuerst vorge— schlagen, wurde Diethelm zum Obmann gewählt. Er wider⸗ sprach und verlangte, daß ein anderer für ihn einstehe, da er selbst in die Verhandlung gezogen sei; aber der Stein— bauer widersprach mit lauernd frohlockendem Blicke. Diet⸗ helm wollte den Gerichtshof entscheiden lassen, er wollte hin⸗ aus, er hatte vergessen, daß die Tür hinter ihnen geschlossen blieb, bis sie den Wahrspruch gefällt hatten, wenn sie nicht über die Fragestellung sich eine Erklärung holen wollten. Plötzlich war es ihm, als wäre er mit wilden Tieren einge⸗ sperrt, die ihn zerfleischen wollten. Er verlangte nach einem Schlucke Wein, nach einem Bissen Brot, aber dies war den Schwurrichtern versagt, bevor sie ihr Amt vollendet. Diet⸗ helm fühlte seine Wangen brennen, ein Hungerfieber machte ihn zittern. Sich aufrichtend und mit gewaltiger Stimme las er die aufliegenden Anweisungen für die Geschworenen vor und leitete die Verhandlung. Auf dem Tische lagen die zu erteilen. Der Gegner ist aus seinen Stellungen bei Cho msk und agen Drohicozyn geworfen. 8. 0 2 2 85 1 Lin Südöstlicher Kriegsschauplatz. 0 25 Der Kampf um den Sereth-⸗Abschnitt dauert an. 1 e Oberste Heeresleitung. ie 8 1 ber Akten des Verweisungserkenntnisses. Der Steinbauer sagbe 1 ß de man möge doch wenigstens die Aktenschnur aufmachen, dami 1 5 8 es nicht den Anschein habe, als ob man sich gar nicht um die Akten gekümmert habe. Es war Diethelm gelegen, diese kindisch heuchlerische Anforderung zu züchtigen, er erklärte, daß man nur nach dem zu urteilen habe, was man selbst ge⸗ hört. Die Verhandlung war bald beendet, und Diethelm(dete sammelte die Stimmen; er selber sprach: Schuldig. 2 Lräute e 88 8 Nach einer gräßlichen halben Stunde trat er an der er den Spitze der Geschworenen in den Gerichtssaal. Er war er 17 n leuchtet, und alles sah doppelt feierlich aus. Ein Zischel 0 ale ging durch die Zuhörer, der Gerichtshof trat von der an⸗ an deren Seite ein, und der Angeklagte wurde wieder vorgeführt; Illeß hinter ihm blitzte das blanke Schwert. Totenstille herrschte, Sc Diethelm stand, die rechte Hand auf das Herz gelegt, und ei wollte eben den Wahrspruch verlesen. Da drängte sich ein 10 0 Schäfer im weißen, rot ausgeschlagenen Zwilchrock an das ö mung Gitter der Zuhörer; er erhob den Arm weit hinüber über erm, das Gitter und auf Diethelm deutend, hörte man ihn lau dl bogen e; ch will seben wie der Diethelm einen Brandftste s. 9 verurteilt.“ e Mit einem Schrei des Entsetzens rief Di 1 die dae Du dae Medarde Ja, ja, ich!“ Er ic n Brust, daß es dröhnte.„Ich ich ich bin schuldig, hab dich beau verbrannt, alles verbrannt. Ich, ich ich bin sch ldig.“ 1 del Er brach in die Knie, die Schr ssen wichen U ee f brach„ die Schwurgenossen wichen von] Lei ihm zurück; von oben hörte man einen Hilfeschrei, eine Dig Frauengestalt in Trauerkleidern wurde ohn ächtig we- getragen.. Die Schwurbank wurde zur Bank d 1 des 2 unte ren der ade die Lechandlund aufgel ö 100 zwei Angeklagte wurden abgefü n- berger und Diethelm. geführt, es waren der Mee 1 0 e i f beze (Schluß folgt.). uus und Nachbargebiete. 9 Hessen ö Gießen und umgebung. Voraussichtliche Erhöhung der Familienunterstützungen. Die Reichsregierung ist, wie die Neue politische Korrespondenz mitteilt, gegenwärtig mit Erwägungen über die Erhöhung der Mindestsätze der Familienunterstützungen der im Kriegs⸗ dienst stehenden Wehrpflichtigen beschäftigt. Bei diesen Unterstützungen handelt es sich um recht beträchtliche Sum⸗ men. Im ersten Kriegsjahre sind 796 Millionen Mark für die Familien aufgewendet worden. Soweit sich übersehen läßt, wird die Summe der Familienunterstützungen eine weitere Steigerung erfahren und nunmehr monatlich etwa 100 Millionen Mark erreichen. Das Gesetz unterscheidet zwischen Sommer- und Wintersätzen. Die Reichsregierung hat inzwischen bereits die Lieferungsverbände verpflichtet, in diesem Sommer die erhöhten Wintersätze zu zahlen. Vor⸗ aussichtlich dürfte jetzt eine weitere Erhöhung um 20 bis 25 Prozent des gegenwärtigen Satzes erfolgen.— Angesichts der unerhörten Teuerung ist eine solche Erhöhung mehr als gerechtfertigt und mehr als dringlich. Gewisse Erfahrungen nötigen uns aber den Wunsch auszusprechen, es möge Vor⸗ sorge getroffen werden, daß die erhöhten Sätze der Reichs⸗ unterstützungen nicht etwa an den Zuschüssen, die von den Gemeinden und Gemeindeverbänden geleistet werden, abge⸗ zogen werden. — Auf dem gestrigen Wochenmarkte war Gemüse und Obst in verhältnismäßig reichlicher Menge angefahren, be⸗ sonders waren Aepfel in ziemlicher Menge am Platze. Der Preis für diese— in der Hauptsache Frühäpfel— bewegte sich zwischen 10 und 15 Pfg. Für Kartoffeln wurden im einzelnen noch imer 5 Pfg. für das Pfund verlangt, ob- wohl die Ernte wirklich nichts zu wünschen übrig läßt. Bei der Stadt kosten die Kartofeln 4 Pfg., der angeschaffte Vor⸗ rat dürfte aber morgen vormittag zu Ende gehen, wer noch davon haben will, muß sich beeilen.— Die Butter hielt noch immer den ungerechtfertigt hohen Preis von 1,70 Mk. Wieder konnte man beobachten, daß Käuferinnen zum Teil sehr stürmisch die Ware begehrten. — Versammlung für die Kriegsanleihe. Für nächsten Dienstag, 14. September, ist eine öffentliche Versammlung in die neue Aula einberufen, in welcher Herr Prof. Dr. Skalweit über das Thema sprechen wird: Warum zeichnen wir die neue Reichsanleihe? Dem Vortrage wird ein Schlußwort von Oberbürgermeister Keller folgen. Die Versammlung beginnt abends ½9 Uhr. Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Gefreiter Heinrich Zehner aus Aßlar, Res.⸗Dragoner⸗Regt. Nr. 4.— Ersatz⸗Res. Karl Bernhardt aus Waldgirmes, Res.⸗Inf.⸗Regt. 83.— Ersatz⸗Reservist Wilhelm Kreuder aus Gontershausen, Kr. Alsfeld, Inf.⸗Regt. 176.— Ersatz⸗ Reservist Karl Schmiermund aus, Liederbach, Infant. Regiment Nr. 42. f Die Nachmusterung der D⸗U⸗-Leute. Amtlich wird durch das Wolffsche Telegraphenbureau über die Abänderung des§ 27 des Gesetzes vom 11. Februar 1888 bekannt gegeben: Durch einen vom Reichstag bereits angenommenen Gesetzentwurf wird eine noch⸗ malige Musterung der früher dauernd untauglich befundenen Wehrpflichtigen im Kriege möglich. Dies entspricht in erster Linie dem allgemeinen Rechtsempfinden des Volkes. Zahllose Eingaben forderten die Einbringung eines solchen Gesetzes aus Gerechtig⸗ keitsgründen. Durch den freiwilligen Eintritt einer großen An⸗ zahl früher als dauernd unbrauchbar bezeichneter Wehrpflichtiger ist erwiesen, daß sich eine Menge jetzt Tauglicher unter diesen be⸗ finden. Zeit und Arzt beseitigten häufig die Mängel, die die frühere Entscheidung begründeten. Es wäre ebenso unbillig wie ungerecht und entspräche nicht dem Grundgedanken der allgemeinen Wehrpflicht, ältere Leute ins Feld zu schicken, so lange noch taug⸗ liche abkömmliche jüngere Leute vorhanden sind. Von einer Ver⸗ längerung der Wehrpflicht über das vollendete 45. Lebensjahr hin⸗ aus, wie oft behauptet wurde, ist keine Rede. — Der„Wunderdoktor“ und das künstliche Auge. Vor einigen Tagen hatte sich bei einer Schöffengerichtsverhandlung in Hamburg der„Augendoktor“ Alois Hermann Meyer als Sachverständiger eingefunden, um einen Kurpfuscher aus der Patsche zu reißen. In allen Tonarten lobte er seine und des Angeklagten Methode zur Entdeckung von Krankheiten. Als man den muntern Lobgesang teils mit Erstaunen, teils mit Skpesis angehört hatte, fragte der Richter, ob der Schöffe zur Rechten ihm, Meyer, bekannt sei, was Herr Meyer in Abrede stellte. Der Richter erklärte ihm darauf, daß dieser Herr ihn auch einmal in Anspruch genommen habe. Und nun gab es eine Sensation, die Herrn Meyer ziemlich verblüffte. Der Schöffe, der ein künstliches Auge besitzt, ist auch einmal zum Kräuter⸗Meyer gegangen, um seinen Rat zu hören. Er mußte sich auf einen Stuhl setzen, und Meyer, mit einem Vergrößerungs⸗ glas bewaffnet, setzte sich ihm gegenüber. Er schaute dem Manne dann in sein künstliches Auge und las alle möglichen Krankheiten, wie Herz⸗ und Nierenleiden, heraus. Man versteht es, wenn der Schöffe von der Kunst Lräuter⸗Meyers nicht sehr erbaut ist. Er sagte rund heraus, daß er den Leuten von der Inanspruchnahme dieses Herrn unter Schil⸗ derung seiner Erfahrungen stets abgeraten und ihnen erklärt habe, es set alles Schwindel. Er wundere sich nur, daß ein solcher Mann die Kühnheit besitze, vor Gericht als Sachverständiger aufzutreten. Herr Meyer, zunächst tödlich verlegen, protestierte schließlich und meinte, es könne doch jeder Laie sehen, daß der Schöffe ein künstliches Auge habe. Dieser aber ließ sich nicht be⸗ irren und erklärte sich bereit, seine Behauptungen jederzeit unter Eid zu wiederholen. So blieb nichts weiter übrig, als die Sache zu vertagen und flir die nächste Verhandlung die Zeugenverneh⸗ mung des Schöffen anzuordnen.— Man muß sich nur darüber wun⸗ dern, daß sich immer noch Dumme genug finden, welche ihr gutes Geld zu solchen Schwindlern tragen, deren doch schon so viele ent⸗ larvt wurden.. — Stadttheater. Die diesjährige Spielzeit beginnt Frei⸗ tag, den 15. Oktober: über das Abonnement wird in nächster Zeit Näheres bekannt gegeben: es sinden 2 Abonnementsvorstellungen (Dienstag und Freitag) in der Woche statt. Im übrigen kann heute schon mitgeteilt werden, daß es Direktor Steingötter lrotz der zur Zeit bestehenden Schwierigkeiten gelungen ist, wie⸗ derum ein gutes Personal zusammenzustellen, daß auch Herr Steinhofer infolge besonderer Umstände diesen Winter noch unserer Biihne erhalten bleibt. Kreis Friedberg⸗Büdingen⸗ — Lebensmittelkontrolle für den ganzen Kreis. Für den Bereich des Kreises Friedberg hat sich auf Anordnung des. Die Kommission hat mit sofortiger Wirkung für die gangbarsten Lebens⸗ annehmbar eine Kontrollkommission für den Lebensmittelmarkt gebildet. mittel bereits Preise sestgesetzt, die im allgemeinen als an bezeichnet werden können. Es dürfen z. B. im Höchstpreise kosten: das Pfund Landbutter 1.70 Mk., Süßrahmbutter 2.05 Mk., Hand⸗ läse 8 Pfg, das Stück, frische Eler 15 Pfg. das Stück. 5 . ö Weißkraut das Pfund 7 Pfg., das Pfund Bohnen 20 Pfg., gelbe Alben 15 Pag, rote Rüben 10 Pfg., Sellerie 5 bis 10 Pfg. das Stück usw. Die Lebens⸗ mittelpreise gelten auch für den Kleinhandel auf dem Lande. Westerwald und Unterlahn. Erwischter Schwindler. In Diez a. L. erwischte die Polizei am Montag einen von verschiedenen Gerichten gesuchten Schwindler, nämlich den„Gutsvorsteher“ Grünnewig aus dem Kreise Soest. Dessen Spezialität war es, Stellen als Gutsverwalter anzunehmen: nach einigen Tagen verschwand er in der Regel mit den Pferden und Wagen, um diese zu verkaufen. Natürlich steckte er den Erlös in seine Tasche. Einen derartigen Streich führte er von längerer Zeit in einem Dorfe bei Marburg aus(wie in unserem Blatte be⸗ richtet wurde) weshalb auch die Marburger Staatsanwaltschaft Sehnsucht nach ihm hat. In Diez ist er nicht unbekannt, denn erst vor einem Jahre wurde er nach Verbüßung einer mehrjährigen Zuchthausstrafe aus dem dortigen Zuchthause entlassen. Bei seiner Einlieferung ins Gefängnis meinte er, daß er sich wohl auf 10 Jahre Zuchthaus gefaßt machen müsse. Telegramme. Der österreichisch⸗ungarische Tages bericht Neue Niederlagen der Russen. ueber 3000 Gefangene. Blutig abgewiesene Angriffe der Italiener. Wien, 7. Sept.(W. B.) Amtlich wird verlautbart: 7. Sep⸗ tember 1915. RNRussischer Kriegsschauplatz. N Die Armee des Generals der Kavallerie v. Böhm⸗Ermolli hat gestern den Feind bei Podkamien und Radziwilow ge⸗ schlagen. Sie griff ihn in ganzer, 40 Kilometer breiter und stark verschanzter Front an und entriß ihm in heftigen, bis zum Handgemenge führenden Kämpfen das Schloß Podkamien, die stockwerkförmig befestigte Höhe Makutra südwe lich von Brody, die Stellungen bei Radziwilow und zahlreiche andere zäh verteidigte Stützpunkte. Die Schlacht dauerte an einzelnen Punkten bis in die heutigen Morgenstunden. Der Feind wurde überall geworfen und räumte stellenweise fluchtartig die Walstatt. Unsere Truppen verfolgen. Die Zahl der bis gestern abend eingebrachten Gefangenen überstieg 3000. In Ostgalizien hatte die Armee des Generals Grafen Bothmer starke Vorstöße des Feindes abzuwehren, hingegen ließen die russischen Angriffe auf die Front des Generals Baron Pflanzer⸗Baltin nach. An der bessarabischen Grenze zog sich der Gegner in seine ziemlich weit abgelegenen Stellungen zurück. Bei Nowosielica beschoß eine russische Batterie ein auf rumä⸗ nischem Boden stehendes Bauerngehöft. rr——ʃñ?!? Zeichnet die dritte Kriegsanleihe! FEFFFPFPCPCCCCbCbCCbCbCbPFPPCGTPTPGTGTCTGTGTGTGTCTGTGTTbTTCTPTPTPTCCGCCTGTCTCTVTVTPTVTVTVTVTPTVTVVTVTPVPVTVVVVVTVVVVVVVV—V—V—V—V—V—V————————j—j—— In Wolhynien verlief der Tag verhältnismäßig ruhig. An der Jasiolda errangen unsere Truppen abermals örtliche Erfolge. Italienischer Kriegsschauplatz. Die von uns erwartete Unternehmung des Feindes in der Gegend des Kreuzbergsattels blieb nicht aus. Gestern früh setzten etwa fünf Bataillone von verschiedenen italienischen Brigaden zum Angriff auf unsere Bergstellungen zwischen dem Burgstall und der Pannspitze an. Dieser Angriff wurde überall blutig abgewiesen. Der Feind verlor mindestens 1000 Mann. Im übrigen fanden im Tiroler Grenzgebiet, namentlich an der Dolomitenfront und im Abschnitte von Lavo⸗ rone⸗Folgaria die üblichen Geschützkämpfe statt. Vielfach sind die Alpenvereinshütten beliebte Ziele der feindlichen Artillerie. Dieser Tätigkeit fiel gestern auch die Mandronhütte im Adamello⸗ gebiete zum Opfer. An der Kärntner und küstenländi⸗ schen Front hat sich nichts Bemerkenswertes ereignet. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Höfer, Feldmarschalleutnant. 8 Der Zar stellt sich an die Spitze seiner Armeen! Paris, 7. Sept. Der Zar richtete, wie die Agence Havas meldet, am 6. September an den Präsidenten Poincaré fol⸗ gendes Telegramm:„Indem ich mich heute an di e Spitze meiner tapferen Armeen ste lle, liegt es mir besonders am Herzen, an Sie die aufrichtigsten Wünsche zu richten, die ich für die Größe Frankreichs und den Sieg seiner ruhmreichen Armeen hege.“ Der Präsident der Republik antwortete am 7. September mit folgendem Telegramm:„Ich weiß, daß Eure Majestät, indem Sie selbst den Befehl über Ihre heldenmütigen Armeen übernehmen, den den verbündeten Nationen aufge⸗ zwungenen Krieg energisch bis zum schließlichen Siege fort⸗ setzen wollen, und richte an Sie im Namen Frankreichs meine innigsten Wünsche.“ Nun kann's nicht fehlen. Natürlich befindet sich die Spitze, an die sich der Zar stellt, möglichst weit hinten! Die Verlegung der russischen Residenz. T. U. Stockholm, 7. Sept. Die Frontreise des Zaren hat in Petersburg die allgemeine Erregung noch gesteigert. Es sickerte bald durch, daß eine Verlegung der Resideng beabsichtigt sei und die Frontreise das Ergebnis wichtigster, militärischer Erwägungen bilde. Vor seiner Abreise berief der Zar den Kriegsminister und den General Rußki nach Zarskoje Selo. Besonders General Rußki trat für eine Verlegung der Residenz ein, weil die Riga⸗Stellung unhaltbar geworden sei. Verschwörung in Finnland. Die Krakauer Nowa Reforma meldet aus Stockholm: Alle finnischen Regimenter wurden durch Kosaken ersetzt, da eine Verschwörung ausgebrochen sein soll. Im Zusammen⸗ hang damit wurden in Hangb und in Helsingfors vier Ver⸗ haftungen vorgenommen. Der Stand an der Westfront. Der Berner Bund schätzt die Stärke der in Flandern stehenden Engländer auf mehr als 800 000 Mann. Dabei sei allerdings zu beachten, daß die englischen Truppen einen sehr großen Troß beanspruchen und die Zahl der Gewehre in der Feuerlinie dadurch verringert werde. Immerhin, so ver⸗ sichert der strategische Mitarbeiter des Bund, haben diese Ver⸗ stärkungen die Franzosen in den Stand gesetzt, eigene Kräfte vom linken auf den rechten Flügel ihrer Gesamtfront zu verschieben und die Abschnitte der Argonnen, der Maas⸗ und Moselfront und der Vogesen dichter zu belegen. Besonders sei das um Toul, Epinal und Belfort der Fall, wo jetzt wieder stärkere Reservew versammelt seien. Den Besuch des Generals Joffre in Italien sieht der Bund als ein Zeichen dafur an, vaß eine rtaltentsch. französische Kooperation erwogen werde, daß anderseits aber auch eine englisch⸗französische Offensive großen Stils noch nicht gereift sei. 2 Die englischen Verlustlisten. T. U. Amsterdam, 7. Sept. Die Ende der Vorwoche erschienene englische Verlustliste zählt 165 Offiziere und über 4000 Mann auf, von denen 43 resp. 835 gefallen sind. Unter den Verwundeten be⸗ findet sich der Brigadegeneral Longford, der an den Dardanellen kämpfte. Von den Namen der Verlustliste der Vorwoche entfallen auf Flandern 1543, auf die Dardanellenkämpfe 1584. 852 Mann werden vermißt, sie sind wahrscheinlich mit dem Transportschiff Rohal Edward untergegangen; dazu kommen noch 29 Mann Verluste bei der Marine. 1 Italiens Kriegspläne. Nach dem häufig wohlunterrichteten römischen Kor⸗ respondenten der Stampa beabsichtigen die Italiener, beim bevorstehenden Eintritt des Winters die Operationen an der Tiroler Grenze einzuschränken, weil dort ihre strategische Stellung günstig sei, dagegen die Offensive am Isonzo und am Karst fortzuführen, wo milderes Klima herrscht. Zum Untergang des„Hesperian“. Die Vermißten. T. U. Rotterdam, 7. Sept. Reuter meldet aus London: Es werden 13 Fahrgäste und sieben Mitglieder der Besatzung des Dampfers„Hesperian“ vermißt. An Bord des Schiffes befanden sich 3545 Postpakete, für die Vereinigten Staaten bestimmt, einige davon von neutralen Ländern. Die Allan⸗Linie gibt wegen der Möglichkeit von Irrtümern die Namen der Vermißten noch nicht bekannt. Außerdem ist die Leiche einer Frau, einer Kabinenreisenden in Queenstown geländet worden. Die Anzahl der Opfer würde demnach 26 betragen. 5 N ö Die Auffassung in Amerika. New⸗Pork, 7. Sept. In der Presse wird die Meinung ausgesprochen, die Torpedierung des„Hesperian“(daß es sich um eine solche handelt, wird allgemein angenommen! sei eine unangenehme Ueberraschung, da man mach den Washingtoner Nachrichten angenommen hatte, die Passagierschiffe würden in allen Fällen gewarnt werden, ehe der Angriff erfolge. Doch erklären die meisten Blätter, daß die amtliche Aufklärung abgewartet werden müsse, bevor weitere Schritte getan werden.(Frankf. Ztg.) 1 5 24 5 London, 7. Sept. Den Times wird aus Washington gemeldet es sei kaum möglich, daß die Friedensliebe Amerikas durch die Versenkung der„Hesperian“ beeeinträchtigt werde. Wenn Deutsch⸗ land die Haltung des Unterseeebootskommandanten desavouiere, werde die Angelegenheit in die Reihe der vor den deutschen Kon⸗ zesstonen erfolgten Zwischenfälle eingerechnet werden. Eine italienische Demonstration gegen die Schweiz Bern, 7. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Infor- mationen aus guter Quelle versichern, daß seit etwa zwei Wochen bedeutendere Verschiebungen italieni⸗ scher Truppen von der österreichischen und der schweizeri⸗ schen Grenze stattfinden. Diese Umgruppierung, die jene starken Mittelreserven zu betreffen scheint, die Italien ur⸗ sprünglich für den Fall eines Durchbruchs nach Triest aufge⸗ spart hatte, zeigt zweifellos einen gegen die Schweiz ge⸗ richteten Charakter. Damit soll nicht gesagt sein, daß Italien aggressive Absichten gegen die Schweiz hegt. Dieser Aufmarsch italienischer Truppen an der schweizerischen Grenze soll dem mehr demonstrativen Zweck dienen, Teile der schweizerischen Armee dauernd an der schweizerischen Süd⸗ westgrenze zu fesseln. Diese stalienische Diversion, die also geeignet erscheint, von vornherein die Kräfte der schweizeri⸗ schen Verteidigung einseitig zu binden, soll ihre Wirkung besonders auf die Nordwestgrenze der Schweiz erstrecken, von welcher ebenfalls sehr starke Truppenverschiebungen zweifel⸗ los stattgefunden haben. Für diese Nordwestgrenze sollen alle Möglichkeiten der Operationen offen gehalten werden. Der Schweizer Verteidiger soll bm Falle einer Grenzver⸗ letzung in feinen Truppenverschiebungen beschränkt bleiben. 0 Zwischen den Zeilen heißt das, es bestehe die Möglich⸗ keit eines Durchmarsches französischer Truppen durch die Schweiz nach Deutschlaud. Das dürften die Franzosen sich doch noch sehr überlegen.. Die Schweizer Sozialdemokratie für teilweise Demobilisierung. 8 Der Vorstand der Schweizer sozialdemokratischen Partei hat in einer Resolution die Auffassung ausgesprochen, daß die Militärbehörden mehr Truppen aufbieten, als für den Schutz der Schweizer Neutralität nötig sei. Daher hat der Parteivorstand an den Bundesrat das dringende Ersuchen gestellt, die Aufgebote zu be⸗ schränken und hierbei die Erwerbsverhältnisse in den einzelnen Landesteilen zu berücksichtigen.* Ein englischer Hilfskreuzer an der anatolischen Küste in Brand geschossen. Konstantinopel, 7. Sept.(W. T. B. Nichtamtlich.) Erst jetzt wird bekannt, daß am 31. August ein englischer Hilfs⸗ kreuzer, der sich Dikili an der anatolischen Küste genäherl hatte und dem Feuer der türkischen Küstenartillerie ausgesetzt war, von einem Geschoß getroffen wurde und sich brennend entfernen mußte. 5 Die Marktpreise für Vieh und Frucht 5 und die Gießener Fleisch⸗ und Brotpreise am 6. September 1910. Schlachtviehpreise in Frankfurt a. M. Fleischpreise in Gießen Ochsen Sog Schlachtgewicht 110140 Mk. ½ kg 116—120 Pfg. Kälber 5 119—143 Pf. ½„ 100—104 Schweine 11 5 5 170-192„%„ 170-000„ Brotpreise in Gießen Weißbrot 2kg— Pfg. Schwarzbrot 2„ 71„ Getreidepreise in Mannheim. Weizen 100 kg 27.00 Mk. Höchstpreis Roggen 5 23.00 Höchstpreis Verantwortlicher Redakteur; F. Vetters, Gießen. b Verlag von Krumm& Cie., Gießen. 8 8 Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. W. 7 — eee Ea Bense eee 0e 0e ee in der neuen Aula(Eingang von Leffentlic „die statt ————— . „Warum zeichnen wir Aus Anlaß der Auflegung der dritten Kriegs⸗Anleihe findet Dienstag, den 14. September d. Is., abends 8“ uhr e Ver J. Vortrag des Herrn Professor Dr. Skalweit: 3 Schlußwort: Herr Oberbürgermeister Keller. der Ludwig⸗ oder Goethestr.) eine über die Kriegs⸗Anleihe?“ e, e Allen Turngenossen und Freunden der Arbeiter-Turnerschaft die schmerz- liche Mitteilung, dass folgende Mitglieder und Gründer des Arbeiter-Turn- vereins Lindenstruth den Heldentod gestorben sind: Georg Schepp, Res.-Iuf.-Reg. Nr. 116 Heinrich Weiss, Res.-TInf.-Reg. Nr. 212 Johannes Eckhard, Res.-Inf.-Reg. Nr. 224 Ludwig Albach, Res.-Inf-Reg. Nr. 262 Ehre ihrem Andenken! Ludwig Sehrt zurzeit im Felde. N 7 75 1. 8 1 deutsche Marke —= ¶Sturmvogel. * 1 U Al von 5 in zahlreichen Modellen u. von höchster Leistungstähigkeit. Alt 5 Sub und eingeführten Maschinen zu vertreiben. 75 eisen, umpen, nochen,— 5 5 5 Zubehörteile, Taschenlampen, Batterien, Ersatzteile 5 Papier, Kupfer, Messing, Zint, Zinn, Blei, bei Louis Rothenberger 1 Neuenweg 22. Hautkranke Flechten, Ausschlag, Jucken, Krätze, offene und geschwollene“ Beine, Hämorrhoiden, Magenbeschwerden teile ich schriftl. oder mündl. mit, wie sich jeder davon befreit. stets und überall nur die über 20 Jahre bestehende Fahrräder und Nähmaschinen Kein Wiederverkäufer sollte es versäumen, unsere allbekannten 9 in grosser Auswahl. Kataloge postsrei. Deutsche ane Sturmvogel Verstorbene. 8 Aelhend Plat, geb. Welcer, in Gießen. — Dietrich Reibling in Obersorg b. 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