Sin. 1 zum ade⸗ 1a 40 Naathessice Vulksgtinut Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1. 80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pig. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Khr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 204 Gießen, Mittwoch, den 1. September 1915 10. Jahrgang Bom Weltkrieg. Aus dem verwüfteten Oftpreußen. Eine Studienreise preußischer Abgeordneter. Die Mitglieder der Budgetkommission des preußischen Abge— ordnetenhauses haben in diesen Tagen eine Besichtigungs⸗, oder wie man es auch gerne nennt: eine Studienfahrt durch die am meisten heimgesuchten Bezirke Ostpreußens gemacht, be— gleitet von einigen Vertretern der Regierung. Ein Teilnehmer der Fahrt berichtet zunächst rekapitulierend auf Grund des amtlichen Materials: danach beläuft sich die Zahl der in Ostpreußen ge— töteten oder schwerverletzten Personen auf nicht weniger als 2000, die Zahl derer, die die Russen verschleppt haben, sogar auf 1070 0 und, was besonders typisch ist für die Barbarei unserer östlichen Feinde, daß sie sich bei ihren Greueltaten nicht auf Männer beschränkten, sondern daß auch Frauen, Kinder und Greise ihren Attentaten zum Opfer gefallen sind; befinden sich doch unter den Verschleppten zahllose Greise, und besteht doch die Hälfte der Entführten aus Frauen und Kindern. Noch sehr viel größer aber ist die Zahl derer, die nur durch schleunige Flucht der ihnen angedrohten Abschiebung nach Rußland entgehen konnten. 3500 0 0 bis 40000 0 ostpreußische Einwohner sind von Haus und Hof vertrieben, tausende von ihnen irren auch heute noch umher, und von denen, die inzwischen zurückgekehrt sind, hat sich manch einer vergebens nach Haus und Hof umgeblickt; sein karger 115 war der feindlichen Brandfackel zum Opfer ge⸗ allen. 24 Städte, beinahe 600 Dörfer, ungefähr 300 Güter und über 30 000 Gebäude haben die Russen zerstört, mehr als 100000 Wohnungen haben sie geplündert. Und wie der Einzelne, so ist auch vielerorts die G esamtheit ruiniert worden. Noch lange werden die hauptsächlich be⸗ troffenen Gemeinden die Folgen zu spüren haben. Auf abseh⸗ bare Zeit hinaus sind ihnen die Einnahmen aus der Einkommen⸗ steuer gesperrt, die Erträgnisse aus der Gewerbesteuer erleiden eine Einbuße, auf Einnahmen aus der Gebäudesteuer ist einstweilen nicht zu rechnen. Gewiß haben die gesetzgebenden Körperschaften Preußens ihre Bereitwilligkeit an den Tag gelegt, unbekümmert darum, ob ihnen das Geld später vom Reiche zurückerstattet wird, helfend einzugreifen. Bereits im Oktober vorigen Jahres hat der Landtag von dem Nachtragsetat in Höhe von 1½ Milliarden 400 Millionen Mark zur Linderung der Not in Ostpreußen ab⸗ gezweigt. Damals ließ sich der Schaden noch nicht übersehen: auch heute ist das noch nicht möglich, aber soviel steht fest, daß die 400 Millionen auch nicht entfernt ausreichen, um die so schwer heimgesuchten Einwohner Ostpreußens zu entschädigen, und die einst so blühende Provinz wieder aufzubauen. Bis zum 1. Juni waren bereits 125 Millionen Mark an Vorentschädig⸗ ungen ausbezahlt. Den Gemeinde waren Darlehen in Höhe von 8½ Millionen Mark bewilligt; weitere 86 Millionen dienten insbesondere der Linderung der Not. Ihre besondere Auf⸗ merkfamkeit hat die Regierung der Hebung der Landwirt⸗ schaft gewidmet: sie hat u. a. 18 Millionen Mark für den Ankauf von Pferden, Zugochsen, Geschirren und Kraftpflügen, 6½ Mill. Mark für Saatgut und 30 Millionen Mark zur Sicherung der Saat⸗ bestellung zur Verfügung gestellt und dadurch erreicht, daß es der Landwirtschaft ermöglicht wurde, zu einem guten Teile ihre Be⸗ triebe wieder instand zu setzen. Ungefähr 600 000 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche sind in der Zeit vom November 1914 bis zum Februar 1915 in Ostpreußen in den Händen der Russen gewesen, wovon allerdings 64 380 unbestellt waren: jetzt ist ein großer Teil davon wieder bewirtschaftet. Das Ergebnis ist nach den Angaben des Landwirtschaftsministers zwar nicht ganz be⸗ friedigend, aber auch nicht ganz so traurig, wie man befürchtet hatte. Auch zur Hebung von Handel und Gewerbe ist be⸗ reits mancherlei geschehen: es sei erinnert an die Gründung der Kriegskreditbank für Ostpreußen mit dem Sitz in Königsberg, an der sich der Staat mit dem doppelten, der aus der Provinz selbst gekommenen Summen beteiligt hat. Die Regierung ist weiter bestrebt, die ostpreußischen Handwerker wieder voll leistungsfähig zu machen. Sie fördert zu diesem Zwecke nach jeder Richtung hin die Hilfsaktion der ostelbischen Handwerks kammern, sie bringt auch den Bestrebungen des Handwerks, sich am Wiederaufbau Ostpreußens zu beteiligen, ein warmes Interesse ent⸗ gegen. Der Handelsminister hat sich dauernd mit den Vertretungen des Handwerks in Kühlung gehalten, die ja in großer Zahl Organf⸗ sationen geschaffen haben, um die Aufträge zu bekommen. Dazu kommt das Wirken der Kriegszenkrale des Hansa⸗ bundes der eine Vereinigung aus den in Ostpreußen, bor⸗ handenen Genossenschaften gegründet hat, die den Zweck hat, für die Gründung weiterer Genossenschaften zu sorgen, die au dem Aufbau teilnehmen sollen. Endlich hat auch der Handwerks- und Ge⸗ werbekammertag eine Kommission zur Prüfung der Frage eingesetzt, wie man dafür sorgen könne, daß die Handwerker auch dort beteiligt werden, wo eine Genossenschaftsgründung nicht mög⸗ lich ist. Zur Sicherung der Handwerkerforderungen beim Wiederaufbau wird in der Weise vorgegangen, daß nicht diejenigen Leute, welche aufbauen lasfen, das bare Geld in die Hand bekommen, sondern daß den Handwerkern aus den Entschädigungssummen die Rechnungen unmittelbar bezahlt werden. Wenn man bedenkt, was bisher bereits geschehen ist, und wenn man sich vor Augen hält, daß auch ber preußische Landtag einstimmig alles bewilligt hat, was zum Wieberaufbau von Oslpreußen erforderlich ist und daß er sich bereit erklärt hat, auch weiter alle Maßnahmen in dieser Richtung 10 unterstltzen, so wird man mit Vertrauen in die Zukunst blicken nnen. Bulgarien. 8 Die Presseäußerungen sowohl in Deutschland als in den neutralen und uns feindlichen Ländern über die Haltung der Balkanstaaten zeigen noch immer die alten berühmten schwankenden Gestalten des Balkans. Nur für einen Balkan⸗ staat scheint die Lage geklärt worden zu sein und der offene Anschluß an Deutschland, Oesterreich-Ungarn und die Türkei nur noch eine Frage der Zeit, aber nicht mehr eine Frage der grundsätzlichen Entscheidung. Man erörtert nur noch den Zeitpunkt der namentlichen Unterzeichnung des bulgarisch⸗ türkischen Abkommens, damit auch äußerlich das Verhältnis Bulgariens in diesem Kriege in die Erscheinung tritt. Es ist auch schon bekannt, in wie umfangreichem und von ihrem Standpunkt aus aufopferndem Maße die Türkei gegenüber Bulgarien in der Länderfrage ein Entgegenkommen gezeigt hat. Es ist damit tatsächlich ein Ausgleich für die Opfer ge⸗ schaffen worden, die Bulgarien im zweiten Balkankriege auf Kosten Serbiens und Rumäniens hat bringen müssen. Da⸗ mit zugleich ist die Stellung Bulgariens zu Serbien, Rumänien und Griechenland geklärt, das heißt: mindestens gegen Rumänien und Serbien festgelegt. Trotzdem hat das Werben der Ententemächte um Bulgarien nicht nachgelassen und jede Stunde bringt neue Mitteilungen von materiellen Anerbietungen, die Bulgarien gemacht werden, wenn es gegen die Türkei, gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn losschlägt. Die Bulgaren scheinen aber aus den tatsächlichen Entwicklungen auf den Schlachtfeldern gründlich gelernt zu haben, um mit kühler Ruhe und Sachlichkeit ihre Entscheidung zu treffen. Sie sind zu großen Teilen sicherlich nicht im engeren Sinne deutschfreundlich oder gar österreichfreundlich. Aber sie sind im Gegensatz zu den anderen Balkanvölkern sehr ernsthafte Menschen, die sich weniger von ihrem Temperament und ihren Gefühlen als vom Verstande lenken lassen. Es ist deshalb auch kein Zufall, daß ihr Anschluß an die Türkei erst perfekt wird in den Zeiten, wo die Zentralmächte ihre Offen⸗ sive so ungeheuer stark nach Osten ausgedehnt haben, und alle Anstrengungen der Ententemächte auf der Halbinsel Gallipoli nicht einen Schritt vorwärts kommen. Die Lage an den Dardanellen ist nämlich trotz der neuen englischen Landungen nicht irgendwie für die Entente günstiger geworden. Die Landungen sind überhaupt nur möglich, weil die englischen Schiffsgeschütze sie decken. Sobald aber diese Deckung auf⸗ hört, sind die Landungstruppen ein sicheres Opfer der türkisch⸗ deutschen Artillerie und ihre Aufreibung ist auch nur eine Frage der Zeit. Das sehen die Bulgaren aus ihrer Nähe sehr deutlich, wie sie ebenfalls aus immer größerer Nähe das Vordringen der deutsch⸗österreichischen Truppen gegen Ruß⸗ land bemerken. Die Entscheidung Bulgariens ist deshalb rein sachlich begründet und politisch klug. Aus diesen Gründen ist diese Entscheidung zugunsten der Zentralmächte auch weit ernsthafter und folgenschwerer zu nehmen, als etwa eine Ent⸗ scheidung auf Grund eines Gefühls und eines Enthusiasmus, der keine realen Unterlagen hätte. England und die Kriegsentschädigung. Staatssekretär Helfferich hat am 20. August im Reichs⸗ tage betont, daß bei einem siegreichen Frieden die Kosten⸗ frage nicht vergessen werden soll; die künftige Lebenshaltung unseres Volkes müsse soweit wie möglich von der ungeheuren Bürde entlastet werden, die der Krieg anwachsen läßt.„Das Bleigewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient; sie mögen es durch die Jahrzehnte schleppen, nicht wir.“ Die englische Presse übt an diesen Auslassungen natür⸗ lich scharfe Kritik. Die Nordd. Allg. Ztg. schließt aus dieser Kritik, daß die Ankündigung des Reichsschatzsekretärs Eng⸗ land an einer seiner empfindlichsten Stellen getroffen hat; ferner,„daß bei den Engländern im Innern ihres Herzens die Hoffnungen auf einen für sie siegreichen Ausgang des Krieges auf den Nullpunkt gesunken sind. Denn solange die Engländer noch an ihre Sache glaubten, war die Bedrohung Deutschlands mit einer erdrückenden Kriegsentschädigung erlaubt und selbstverständlich. Wenn jetzt die englischen Zeitungen und Staatsmänner den Gedanken einer Kriegs— entschädigung für unmoralisch und verrückt erklären, so kann diese Meinungsänderung nur daruf beruhen, daß eine andere Kriegsentschädigung, als eine solche zugunsten Deutschlands, in ihrem Gesichtskreise keinen Raum mehr hat.“ Ein Erlaß des Warschauer Gouverneurs. T. U. Krakau, 30. Aug. Die Warschauer Zeitung veröffentlicht folgenden Erlaß des Gouverneurs von Warschau, von Etzdorf: Es gelangt zu meiner Kenntnis, daß die Warschauer Indu⸗ striellen, namentlich aber Bankiers, mit deutschen Untertanen keine Geschäfte abschließen wollen, angeblich aus dem Grunde, weil letztere eben Angehörige des deutschen Reiches sind. In jedem der⸗ artigen Fall werde ich sofort das betreffende Unternehmen schließen lassen. Gouverneur von Etzdorf hat gleichzeitig folgende Verord⸗ nung erlassen: Alle von der russischen Regierung erlassenen Verbote der Zahlung an deutsche, österreichisch-ungarische und türkische Unter⸗ tanen werden aufaeboben. Wer sich auf dieses Verbot beruft und die Verpflichtungen gegen genannte Untertanen nicht erfüllt, wird mit Strafen bis zu 5 Jahren Gefängnis belegt. Die Cholera in Italien. 5 Rom, 30. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Ein Erlaß des Reichsverwesers verfügt die Zwangsimpfung gegen Cholera für Heer und Marine. Der Minister des Innern kann sie auch für Zivilpersonen anordnen. Von Reisenden, die aus Italien kommen, erfährt die Kölnische Volkszeitung: Da 600 Cholerafälle in Mai⸗ land unter den Soldaten aufgetreten sind, wurde die ge⸗ samte Garnison geimpft. Die die dezimierten Alpini⸗Regi⸗ menter ersetzenden Infanteristen leiden furchtbar durch Kälte. Die Lazarette sind überfüllt von Soldaten, welchen die Gliedmaßen erfroren sind. Die arabische Bewegung. Genf, 30. Aug. Dem Temps wird aus Kairo gemeldet, daß laut dort eingelaufenen Nachrichten der Groß⸗Senusse an der Spitze von 10 000 Arabern und Türken, die zahlreiche Kanonen und Maschinengewehre haben und von türkischen Offizieren befehligt werden, gegen die Italiener marschiere. In den Proklamationen fordert der Großsenusse die Araber auf, zu den Fahnen zu eilen, um die Fremden aus Afrika zu jagen. Nach Tripolis müsse Tunis erlöst werden; das der Franzosenherrschaft überdrüssige Marokko befinde sich in voller Gärung. Aus Nizza wird Lyoner Blättern gemeldet, daß dort Abgesandte des arabischen Scheichs Seyedel Idris eintreffen. Die Mission begibt sich nach Rom, um mit der italienischen Regierung zu verhandeln im Hinblick auf die Errichtung eines unabhängigen Fürstentums in Südarabien mit der Hauptstadt Sana. Die Odyssee der französischen Frauen. Amerikanische Zeitungen bringen folgendes Stimmungsbild aus Paris, aus dem mit Sicherheit hervorgeht, welches Martyrium die franzöfischen Frauen durch das gänzliche Fehlen der Verlust⸗ listen durchmachen. Es ist nicht allein auf dem Schlachtfeld. wo man die Tragik dieses Krieges sieht. Hier in Paris und in ganz Frankreich, in den Wohnungen der vermißten Soldaten fühlt man erst ganz die wahre Tiefe des unendlichen Leides. Ohne Verlustlisten seitens der französischen Regierung gelassen, machen die französischen, Frauen alle Qualen der Ungewißheit durch, so daß sie der rauhen Wirklich⸗ keit kraftlos gegenüberstehen. Viele von ihnen sterben an ge⸗ brochenem Herzen, aber dieses Sterben wird nicht in den Zeitungen erwähnt, die nux immer von Ruhm, von gewonnenen Schlachten oder von der Infamie der Deutschen be⸗ richten, wodurch sich aber die Frauen nicht irreführen lassen. Wenn man wissen will, was der Krieg für Frankreich bedeutet, muß man nur in die Kirche gehen. Notre Dame de Victoire ist erfüllt von dem Lichte von Tausenden von Kerzen, und in allen Kirchen von Paris findet man eine nie gesehene Lichtfülle, die von den Kerzen herstammt, die alle von unglücklichen Frauen gespendet wurden, die um Gewißheit über das Schicksal ihrer im Felde be⸗ findlichen Lieben flehen. Die Frauen der Gefangenen, sind durch⸗ aus nicht trostlos, und selbst die Frauen, die wissen, daß ihr Mann oder Sohn oder Bruder gefallen ist, finden sich in ihren Schmerz. Nur nicht die Unglücklichen, die gar keine Nachricht er⸗ halten haben. Diese fürchterliche Ungewißheit treibt sie jetzt zu Hunderktausenden auf die Suche. Viele von ihnen findet man hinter der Front, wo sie voller Verzweiflung etwas über den Vermißten zu erfahren suchen. Eine seltsame Frucht dieser Angst ist es auch, daß viele Fran⸗ zösinnen an deutsche Frauen schreiben, nux um sich Ge⸗ wißheit über das Schicksal eines Angehörigen zu verschaffen.„Wo ist mein Mann, wo ist mein Sohn, wo ist mein Bruder?“ Das sind immer wieder die Fragen dieser unglücklichen Frauen, die sogar in ihrer Angst ihre sonst so sorgsam gehaltene Kleidung vernach⸗ lässigen. Rur suchen, suchen und immer wieder suchen und Briefe an jeden schreiben, der nur irgendwie helfen könnte, das ist jetzt ihre Beschäftigung. In der Geschichte der Welt sind solche Mengen von suchenden Frauen noch nicht verzeichnet. Frankreich hat jetzt eineinhalb Millionen Männer die nicht mehr in der Kampflinie stehen und man weiß in Frankreich noch nicht einmal, wer im Januar in der Schlacht von Soissons gefallen, verwundet oder gefangen ist. Nach dem Besuch des Kriegsministeriums, wo die unglücklichen Frauen 20 anfragen, beginnt ihr Rundgang e nach allen Hospitälern. Dort sehen sie immer wieder die ausgelegte Liste durch, schreiten voller Angst durch alle Krankensäle und suchen unausgesetzt, ob sie nicht eine Spur des geliebten Vermißten finden. Dann werden wieder an alle Kameraden Briefe geschrieben und erst nach vielen, vielen Monaten, wenn der geschwächte Körper nicht mehr die Kraft hat, Trost und Mut zu finden, kommt die Gewiß⸗ heit. Dazu kommt, daß viele von ihnen von rücksichtslosen Wahrsagerinnen, die die Situation für sich ausbeuten, aus. genutzt und ihres ganzen Besitzes beraubt werden. Viele von diesen unglücklichen Frauen sind vor Angst und Kummer krank oder geistesgestört geworden. Wenn dieser Krieg einmal zu Ende sein wird, wird man die seltsamsten und rührendsten Geschichten der Odyssee dieser Frauen zu hören bekommen. Aber das Ende dieses Krieges wird auch das 7 0 der Hoffnungen vieler Tausender von französischen Frauen ein.— ————— der Verbündeten bedroht auch diese Linie Aus der guten alten Zeit. In bejahrten Berliner Magistrats⸗Akten hat man alte Rechnungen gefunden, die darüber Auskunft geben, was in Berlin bei den letzten Kriegen aufgebracht wurde. Es han⸗ delt sich dabei nicht um Ausgaben der Stadtgemeinde, son⸗ dern in der Hauptsache um freiwillige Leistungen aus den allgemeinen Steuern, und aus einer Personalunterstützungs⸗ steuer. Es wird da festgestellt, daß gelegentlich des Krieges von 1864, von den Unterstützungen an die Soldatenfamilien angefangen bis zu den Kosten für die Einzugsfeierlichkeiten insgesamt 158 419 Mk. ausgegeben wurden. Der Krieg von 1866 erforderte bereits 1 560865 Mk. und während des Krieges von 1870/71 betrugen diese Ausgaben 3 910 913 Mk. Was ist das gegen die heutigen Ausgaben der Stadt Berlin allein? Sie hat im ersten Kriegsjahr nur für Familien⸗ unterstützung 46,5 Millionen Mark ausgegeben. Dabei sind die weitergezahlten Gehälter an die Beamten und Ange⸗ stellten, sowie die Ausgaben für die Arbeitslosenunterstützung noch nicht inbegriffen. Verzweifelte Lage der Nussen. Die dänische Regierungszeitung Politiken hält jetzt die Lage der Russen für verzweifelt. Die deutsche Ver⸗ folgung habe in den letzten Tagen ein derartiges Tempo angenommen, daß die Widerstandskraft des russischen Heeres völlig gebrochen scheine. Der russische Rückzug geschehe mit derartiger Hast, daß er jetzt tatsächlich in Flucht ausgeartet sei. Die deutschen Heere näherten sich als drohende Sieger Wilna. Im Berliner Lokalanzeiger heißt es zur kritischen Lage der Russen bei Kobryn aus Budapest: Die in der Gegend von Kobryn zusammengedrängten russischen Armeen befinden sich in einer kritischen Lage, weil durch das Vordringen der deut⸗ schen und österreichisch-ungarischen Truppen die meisten Rückzugslinien scharf bedroht sind. Nur der Weg nach Nordosten bleibt offen, aber das rasche Vordringen von Stunde zu Stunde wirksamer. Besonders jene russischen Armeen können in eine gefährliche Lage geraten, die sich, auf sumpfigem und waldigem Gebiet zusammenpreßt, eiligst zurückziehen. Aufgabe der Festung Grodno durch die Russen? Der Temps will wissen, daß laut einem amtlichen Tele⸗ gramm aus Petersburg die Festung Grodno, nachdem sie ihre Aufgabe als Stützpunkt der noch dort stehenden russischen Armee erfüllt habe, gleichfalls aufgegeben werden soll. Bulgarien lehnt Serbiens Anerbieten ab! T. U. Sofia, 31. Aug. Zuverlässigen Meldungen des Universul zufolge hat Bulgarien die ihm von den Gesandten des Vierver⸗ bandes unterbreitete Zusage Serbiens als ungenügend bezeichnet und auf Grund dieser unbestimmten Bereitwilligkeit hin eine be⸗ stimmte Erklärung abzugeben abgelehnt. Zur Lage auf Gallipoli. Der Vossischen Zeitung wird aus Konstantinopel zu den letzten für den Feind so überaus verlustreichen Kämpfen auf Gallipoli gemeldet: Auch die größten Opfer, die der Feind bringt, sind nutzlos. Unsere Stellungen bei Anaforta und Ari Burnu sind so unvergleichlich stark ausgebaut, daß auch mit einer bedeutenden Uebermacht nichts auszurichten ist. Die letzten Unterstützungen, die die Engländer nach Gallipoli gebracht haben, sind bereits aufgezehrt. Schon ihre Landung kostete ihnen schwere Opfer. Ihre Verluste in den Kämpfen am letzten Samstag dürften sich auf 40 000 Mann belaufen, darunter verhälnismäßig viele Offiziere. Englische Gefangene geben zu, daß man die Opferwilligkeit der türkischen Soldaten weit unterschätzt hat. Der drohende Bergarbeiterstreik. Der Londoner Daily Expreß stößt einen Warn ungs ruf aus. Die Waliser Bergarbeiter seien in einer Stim. mung, die nicht gestatte, auch nur 24 Stunden in Ruhe in die. Zukunft zu blicken. Die verhängnisvollsten Ereignisse könne man befürchten. Das gegenseitige Mißtrauen zwischen Bergwerksbesitzern und Bergarbeitern habe sich noch verschärft. Die Sicherheit des britischen Reiches beruhe auf den walisischen Kohlengruben. Es gebe keine andere Hilfe, als der Staat müsse sofort ohne Verzug die Bergwerke enteignen wie die Eisenbahnen. Das ungefällige Japan. Japan hat nach einer Depesche der New⸗Yorker Staatszeitung aus Tokio die großbritannische Regierung benachrichtigt, daß es unmöglich auf dessen Verlangen, den Handel mit Bürgern feindlicher Nationen im fernen Osten zu verbieten, eingehen könne. Großbritannien hatte vor kurzem eine Verfügung erlassen, wonach den Engländern der Handel mit deutschen und österreichisch⸗ ungarischen Staatsangehörigen in China, Siam und Persien ver⸗ boten werden sollte. Die japanische Regierung, von der Groß britannien eine ähnliche Maßregel erwartet hatte, zog führende Ge⸗ schäftsleute zu Rate und beschloß darauf hin, daß es sich der Be⸗ wegung nicht anschließen könnte und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil die japanischen Gesetze eine derartige Maßregel nicht gestatten. Amerikanischer Zinkmangel. Amerikanische Blätter stellen fest, daß die von ameri⸗ lanischen Industriellen übernommenen Verträge über Liefe⸗ rung von Munition an England nicht erfüllt werden können, infolge des starken Mangels an Zink, denn die großen Zink⸗ minen in Amerika seien ersoffen und auf lange Zeit hinaus nicht betriebsfähig. Die belgischen Zinkminen, aus denen Amerika sich zum Teil versorgt habe, seien in den Händen der Deutschen. Es werden jetzt neue Schmelzöfen gebaut, die Amerika in Zukunft von Europa unabhängig machen sollen. Aber naturgemäß würde, bis die Sache in Fluß komme, geraume Zeit vergehen. Parteinachrichten. Kriegsjubiläum eines Parteiblattes. Die Mainzer Volkszeitung kann in diesen Tagen auf eine fünf⸗ und zwanzigjährige Wirksamkeit zurückblicken. Nach dem Fall des Sozialistengesetzes gingen die Mainzer Genossen an die Schaffung eines neuen Parteiorgans. Die erste Nummer der Volkszeitung er⸗ schien am 21. August 1890. Das Blatt hat sich trotz vieler Schwierig⸗ keiten im Verlauf des ersten Vierteljahrhunderts seines Bestehens gut entwickelt und segensreich auf die parteipolitische und gewerk⸗ schaftliche Organisation des Wahlkreises Mainz⸗Oppenheim gewirkt. Aus Anlaß des Jubiläums erscheint eine Festnummer der Volks⸗ zeitung mit zahlreichen Beiträgen. g Aus den Organisationen. Am 29. August tagte in Eberswalde eine Kreiskonferenz für den Wahlkreis Ober⸗-Barnim, die sich mit den Differenzen zwischen dem Genossen Haenisch und Genossen des Kreises Nieder-Barnim befaßte. Das Resultat der langen Aussprache war die einstimmige An⸗ nahme folgender Resolution: „Die Kreiskonserenz verurteilt die fortgesetzten Treibereien, durch die der Genosse Haenisch zur Niederlegung seines Abgeord⸗ netenmandates für die Kreise Ober- und Nieder-Barnim gezwun⸗ gen werden soll. Durch einen Erfolg dieser Bemühungen würde auch der Kreis Ober-Barnim in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Kreiskonferenz weist deshalb diese Bestrebungen zurück, da sie einem Urteil des Parteitages über die von Haenisch mit der Mehr⸗ heit der Reichstagsfraktion und des Parteivorstandes eingenom⸗ menen Stellung vorgreifen und ein Mandat preisgeben, das auf Grund zentraler Verhandlungen durch Mitwirkung der Partei⸗ genossen in ganz Preußen erobert wurde. Ueber dieses Mandat haben nicht die Genossen von Nieder-Barnim allein zu entscheiden. Die Kreiskonferenz fordert den Genossen Haenisch auf, an seinem Mandat unbeirrt festzuhalten.“ Protest der italienischen Sozialdemokratie gegen den Angriff Italiens auf die Türkei. Der Vorstand der italienischen sozialdemokratischen Partei faßte anläßlich der Kriegserklärung an die Türkei folgende Resolution: Angesichts des an die Türkei erklärten Krieges hebt der italienische Parteivorstand hervor, daß die gegenwärtige CTCTCTCw.ww.. AAAAAAAꝓSVAVVVVVVVVVVV—VVPVPVPV——T—TVVVV—TT—T—7——— Phase des Eingreifens Italiens in den europficen Krie Partei mit aller Energie e gesucht, 1 5 eständnisse der Regierung selbst,. 5 8 Tobischen Krieges, Npelcher von* fee ere ba allein bekämpft wurde, währenddem die Regierung 15 olk be und betrog. Die Folgen dieser Politik, kommen 505 1 ganzen tragischen Grausamkeit zum Vorschein, wobei sie Volke so viel Blut und dem Lande so viele Opfer kostet: erblickt der italienische Parteivorstand in den gegenwärtigen Vor⸗ gängen die Offenbarung derjenigen imperialistischen, nachdegemonie ö heischenden Politik, die alle Nationen verfolgen und 15 immer deutlicher zum Merkmal des gegenwärtigen Krieges wird, 9 8 der von der sozialistischen Partei vom Anfange des Weltkrieges bloß⸗ gestellt wurde und durch den— 57 85 nationalen Befrefungs, krieges nur kaum verhehlt werden konnte:. 5 1 betont, daß dieser 25 Krieg, der ohne Zustimmung der Volks. vertretung, ohne jegliche Beratung mit, dem Volke. welches man den Ereignissen ganz und gar ferne hält, als ein Mißbrauch der Machtbefugnisse, die der Regierung bei Anlaß des Krieges ertein worden, zu betrachten ist und als ein absolutistischer Versuch duch den die Regierung vergebens die Stimme der sozialistischen Parte 9 und der organisterten Arbeiterschaft zu unterdrücken sucht: stellt die Verschärfung der Verantwortlichkeit des gegenwärtigen politischen Regimes der Geschichte und den wahren Bedürfnissen des italienischen Volkes gegenüber fest, und indem er die bisherige Haltung der Partei in allem bestätigt und bekräftigt, 1 fordert der Parteivorstand die Sektionen auf, ihre Tätigkeit weiter zu entwickeln unter dem festen iber dere keinerlei Soli⸗ darität mit der kriegsfreundlichen Politik der italienischen und europäischen Bourgeoiste zu halten.„ 1 f 85 Zeichnet die dritte Kriegsanleihe? Abermals ergeht an das gesamte deutsche Volk die Auf, forderung: ö Schafft die Mittel herbei, deren das Vaterland zur weiteren Kriegführung notwendig bedarf! Seit mehr als Jahresfrist steht Deutschland einer Welt von Feinden gegenüber, die ihm an Zahl weit überlegen sind und sich seine Vernichtung zum Ziel gesetzt haben. Gewal. tige Waffentaten unseres Heeres und unserer Flotte, groß ⸗ artige wirtschaftliche Leistungen kennzeichnen das abge⸗ laufene Kriegsjahr und geben Gewähr für einen günstigen Ausgang des Weltkrieges, den in Deutschland niemand ge wünscht hat, auf dessen Entfesselung aber die Politik unseren heutigen Gegner seit Jahren zielbewußt hingearbeitet hat. Aber noch liegt Schweres vor uns, noch gilt es, alles einzu⸗ setzen, weil alles auf dem Spiele steht. Täglich und stündlich wagen unsere Brüder und Söhne draußen im Felde ihr Leben im Kampfe für das Vaterland. Jetzt sollen die Da- heimgebliebenen neue Geldmittel herbeischaffen, damit unsere Helden draußen mit den zum Leben und Kämpfen not⸗ wendigen Dingen ausgestattet werden können. Ehrensache ist es für jeden, dem Vaterlande in dieser großen, über dis Zukunft des deutschen Volkes entscheidenden Zeit mit allen Kräften zu dienen und zu helfen. Und wer dem Rufe Folge leistet und die Kriegsanleihe zeichnet, bringt nicht einmal ein Opfer, sondern wahrt zugleich sein eigenes Interesse, indem 1 er Wertpapiere von hervorragender Sicherheit und glänzen der Verzinsung erwirbt. 1 Darum zeichnet die Kriegsanleihe! Zeichnet selbst und helft die Gleichgültigen aufrütteln! Auf jede, auch die 1 kleinste Zeichnung kommt es an. Jeder muß nach seinem besten Können und Vermögen dazu beitragen, daß das große Werk gelingt. Von den beiden ersten Kriegsanleihen hat man mit Recht gesagt, daß sie gewonnene Schlachten be⸗ deuten. Auch das Ergebnis der laut heutiger Bekanntmachung des Reichsbank⸗Direktoriums zur Zeichnung aufgelegten dritten Kriegsanleihe muß sich wieder zu einem großen ent scheidenden Siege gestalten! 4 * Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 64 Martha verneinte, und Diethelm wiederholte seinen Vor— schlag nicht. Denn wie alles in der Welt seine vielfachen Gründe hat, so ging es auch hier. Diethelm wollte nicht nur zeigen, daß er keinen Gerichtshof scheue, er wurde auch von der Oede im Hause und den ewigen Klagen seiner Frau er— löst, wenn er sich davonmachte. Diethelm hatte bei der bald darauffolgenden Amtsver— sammlung die Genugtuung, vom Amtmann Niagara— der so genannt wurde, weil er im Gespräch immer ein mächtig schmetterndes Gelächter erhob— mit besonderem Ruhme er— wähnt zu werden, während den anderen mit Recht vorgehalten wurde, daß sie gerne freie Staatseinrichtungen hätten, aber dafür keinen Tag aufwenden wollten, so daß ihnen schon jedes Wählen zu viel Mühe sei. Diethelm sah stolz und selbstbewußt drein, und bei dem gemeinsamen Mahle, das nach der Amtsversammlung gehal— ten wurde, erhielt Diethelm den Ehrenplatz neben dem Amt— mann Niagara und half ihm tapfer lachen. Es gab besonders viel Witzreden über diejenigen, die da gehofft hatten, daß den Geschworenen reiche Taggelder aus der Staatskasse aus— gesetzt würden; der Steinbauer vor allem mußte sich viele Neckereien gefallen lassen, weil er auf sein Dispensationsgesuch einen abschlägigen Bescheid erhalten hatte. Der Angegriffene wagte es nicht, den Spässen des freundlichen Amtmannes entsprechenden Widerstand zu leisten, und ohne sich auf eine nähere Erklärung einzulassen, behauptete er, daß er doch noch frei werde. Noch nie kam Diethelm frohgemuter nach Hause als von der heutigen Amtsversammlung, und er wünschte sich, daß die Gerichtssitzungen nur bald beginnen möchten. Die Ehren— bezeugungen von den Beamten taten ihm gar wohl. Als der Tag der Abreise kam, wollte es Diethelm wiederum bange werden, es erschien ihm als ein gefährliches Spiel, das er mit sich treibe. Er nahm sein Gefährt nur bis G. mit, dort gesellten sich im Eilwagen die anderen Ge— schworenen zu ihm, der Sternwirt und der Steinbauer waren auch dabei. i Es war das der erste Schwurgerichtstag seit undenklichen Zeiten, und alle Mitwirkenden waren in feierlich gehobener Stimmung, der der Vorsitzende des Gerichtshofes und der Staatsanwalt wie der Altmeister der Rechtsanwälte beredte Worte gaben. Besonders ein Wort des Vorsitzenden drang Diethelm ins Herz, denn er hatte gesagt:„Ein Verbrechen, das ungesühnt in der Seele ruht, gleicht dem Brande in einem Kohlenbergwerk; man stopft es zu und will das Feuer er— sticken, aber es brennt weiter, unterirdisch, ungesehen, und eine Oeffnung, die sich auftut, läßt die Flamme emporschlagen.“ Diethelm fühlte bei diesen Worten, wie es wirklich in seinen Eingeweiden brannte, er hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz, aber er bezwang sich. Als jetzt die Rechtsgelehrten der verschiedenen Stellungen gesprochen hatten, trat eine Pause ein. Man erwartete eine Ansprache aus der Mitte der Geschworenen. Einer stieß den anderen an, er möge reden, und doch hätte jeder gern selbst gesprochen, die Pause dauerte peinlich lange, da erhob sich Diethelm. Er glaubte gerade besonders zeigen zu müssen, wie sehr er die Bedeut— samkeit der neuen Einrichtung erkenne; die Worte des Amt— manns bei der Wahlversammlung kamen ihm wohl zustatten, und hatte er sich vordem nicht gescheut, mit fremdem Geld und Gut groß zu tun, so hatte es mit einem fremden Gedanken gewiß viel weniger auf sich. Anfangs bebend, dann aber mit fester Stimme, wiederholte er, in seine Weise übertragen, jene Worte; und alle standen auf, als er plötzlich stotternd abbrach und die Hände faltend mit gehaltenem Tone das Vaterunser sprach. Bevor die Namen der Geschworenen verlesen wurden, ließ der Vorsitzende durch den Gerichtsschreiber ein ärztliches Zeug⸗ nis vortragen, das der Steinbauer beigebracht hatte und das ihn befreien sollte. Nach kurzer, leiser Beratung erklärte der Schwurgerichtshof, daß die Befreiungsgründe nicht zureichend seien. Diethelm schaute mit triumphierendem Lächeln auf den Steinbauer, der aber keine Miene verzog. Nun ging es an das Verlesen der Namen. Der Vor- sitzende nahm bald rechts, bald links die Zettel auf, die ihm die beiden Schwurrichter reichten, und warf sie in die Urne. Dieses Aufraffen, Ausrufen und Versenken der Namen hatte geben. 1 Als jetzt die Namen aus der Urne gezogen wurden, ballte Diethelm bei jedem, der ausgerufen wurde, die Fäuste, um keinen Schrecken zu zeigen, wenn er den seinigen hörte, aben er kam nicht. Beim Namen des Steinbauern sprachen Staats- anwalt und Verteidiger zugleich: Abgelehntl, worüber ein Lächeln in der Versammlung entstand, und der Verteidiger war ihm, als wäre er wie sein Name in fremde Gewalt ge⸗ mit höflicher Handbewegung die Ablehnung dem Staats- anwalt überließ. Der Steinbauer schaute herausfordernd auf 0 diethem, seine Mienen sagten: ich hab's gewußt, daß ich frei werde. Die zwölf Männer waren ernannt, Diethelm war nicht unter ihnen; er atmete frei auf. Nun aber erklärte der Vor⸗ sitzende, daß er noch zwei Ersatzgeschworene auslose, und der erste Name, der jetzt erschien, war der Diethelms. Als er mit schweren Schritten nach der Geschworenenbank an dem dicht? gefüllten Zuhörerraum vorüberging, hörte er dort sagen: „Schade, daß der nur Ersatzgeschworener ist, das wäre ein J tüchtiger Obmann geworden.“ Diethelm schloß die Augen, als er in seinem Armstuhl saß: der Ehrenzuruf aus den Zu hörern hatte ihm sein fast stillstehendes Herz freudig bewegt. Durch ein Geräusch wurde Diethelm aus seiner inneren Ver⸗ sunkenheit erweckt, die Stühle rutschten und brummten, die ganze ruhige Versammlung kam plötzlich in Bewegung; dort auf der Erhöhung, wo das Gericht saß, war es dunkel ge⸗ worden, denn die Mitglieder des Gerichtshofs, hinter deren 1 Rücken die Fenster waren, hatten sich erhoben 15 nun sprach der Vorsitzende den Geschworenen mit feierlicher Stimme ihren Eid vor, und einer nach dem anderen erhob die Hand und sprach:„Ich schwör' es, so wahr mir Gott helfe.“ Es waren ruhige, überzeugungsfeste Stimmen, und jeder, der es hörte, wie hier die innere Wahrhaftigkeit sich laut beteue mußte ergriffen und erschüttert werden. Es war eine recht⸗ sprechende Gemeinde, darin ein jeder aus Herzensgrund sein Bekenntnis aussprach, und über der ganzen Versammlung ruhte eine ernste Gehobenheit, denn die Heiligkeit des Be⸗ ginnens, der Geist der Wahrhaftigkeit schwebte darüber. für Diethelm etwas Eigentümliches bang Rätselvolles. Es (Fortsetzung folgt.) ——“ Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Kommunale Maßnahmen in der Lebens⸗ mittelversorgung. Einer der erfolgreichsten Vertreter des Gemeindesozialis— mus ist ohne Zweifel der Oberbürgermeister von Ulm, Heinrich v. Wagner. Tatkräftig und weitschauend hat er schon seit einer Reihe von Jahren in diesem Sinne gewirkt. Seine Auffassung formulierte er schon vor dem Kriege dahin, „daß Gemeinde und Staat eine gewisse Ver⸗ pflichtung haben, in diejenige Lücke einzu⸗ treten, welche das freie Spiel der Kräfte offen läßt.“ H. v. Wagner hat mit seinen Bestrebungen durchschlagen⸗ den Erfolg gehabt. Geschlossen stehen die Ulmer Gemeinde⸗ vertreter hinter ihm. Am bekanntesten ist Ulm durch seine großzügige Boden und Wohnungspolitik geworden. Weniger bekannt sind seine Maßnahmen auf dem Gebiete der städti⸗ schen Fleischfürsorge. Die Städte Ulm und Neu⸗ Ulm hatten sich mit einer Genossenschaft in Verbindung ge⸗ setzt, die seit dem 1. Januar 1913 für den Bedarf der beiden Städte 2500 bis 3000 Ferkel bereitstellte. Die Genossenschaft errichtete in der Nähe auf einem von den Städten unentgelt⸗ lich bereitgestellten Grundstück eine Mastanstalt, in der die Schweine bis zum Gewicht von 110 Kilogramm gemästet wer⸗ den. Die Städte geben dann die Schweine zum Selbstkosten⸗ preis an die Fleischer ab, die sich verpflichten, das Fleisch zu dem von der Stadtverwaltung festgesetzten Preis im Laden zu verkaufen. Eine solche weitschauende städtische Wirtschafts⸗ politik mußte natürlich im Kriege doppelten Gewinn zeitigen. Tatsächlich hat Ulm auch jetzt seinen guten Ruf behalten, wie die verschiedenen Angaben, gingen, beweisen. Neben Ulm ist Straßburg zu nennen. Auch Straß⸗ burg hat seine Friedenserfahrungen auf dem Gebiete des Gemeindesozialismus. Heute weiß sie die Stadt trefflich zu verwerten. In Straßburg ist nach den Angaben der Deut⸗ schen Warte bereits am 19. August v. J. ein Höchstpreis von 24 Pfg. für das Liter Vollmilch festgesetzt worden, der un⸗ verändert bis heute gilt. Unter maßgebender Beteiligung der Stadt wurde im Herbst v. J. eine„Städtische Milch⸗ zentrale A.⸗G.“ gegründet, die durch große Abschlüsse mit dem Allgemeinen Konsumverein zu Basel gleich von Anfang an in der Lage war, ein Drittel des Friedensbedarfs an Milch zu decken und gestützt auf diese Machtstellung den in zahl⸗ lose kleine und kleinste Betriebe zersplitterten Milchhandel sich gefügig zu machen wußte. Außerdem hatte die Zentrale aber durch Aufsaugung etlicher privater Molkereien sich in der Umgebung einen zunächst ausreichenden Produzentenkreis gesichert und hat nun den Milchmarkt fest in der Hand. Dazu besteht noch eine Polizeiverordnung vom 10. Juli d. J., nach der die ganze Wanderung der Milch vom Kuhstall bis zur Küche Aufsichtsmaßnahmen unterworfen wird. Von der Voll⸗ milch wird ein Fettgehalt von 3,2 Prozent verlangt. Die beiden Beispiele von Ulm und Straßburg sind sehr lehrreich. Sie zeigen den hohen Wert der städtischen Nahrungs⸗ mittelversorgung. Freilich sind nach dem Fehlschlagen der kommunalen Kartoffelversorgung in vielen Städten dem Ge⸗ meindesozialismus auf diesem Gebiete zahlreiche Zweifler und Gegner entstanden. Mit Unrecht. Die Ursachen an dem Fehl schlagen lagen durchaus nicht an dem richtigen Gedanken, sondern an verschiedenen anderen Dingen: zu„vorsichtige An⸗ gaben der Kartoffelernte“ us. Es wäre durchaus verfehlt, wenn sich manche Stadtverwaltungen von ähnlichen Vor⸗ kehrungen nun fernhielten. Hätten alle Städte schon solche die durch die deutsche Presse wertvolle Friedenserfahrungen wie z. B. Ulm, so hätten sie heute kein so teures Lehrgeld zu bezahlen brauchen. Ein„Zu spät“ gibt es hierin nicht. Wir brauchen nur daran zu denken, daß wir in den ersten Friedenszeiten ein tatkräftiges Mitarbeiten der Stadtverwaltungen brauchen, um den not⸗ wendigen Abbau der Preise zu erreichen. Und die Lehren und Erfahrungen der Kriegszeit sollen unsere Städte für die kommende Friedenszeit überhaupt beherzigen und sie ver⸗ fahren lassen nach dem Vorbild, das das aufblühende Ulm seinen Schwestern schon Jahre hindurch vor dem Kriege ge⸗ geben hat. N 5 In Mannheim beschloß der Stadtrat, außer Kartoffeln, Rüben, Obst und frischem Gemüse auch eingemachte Bohnen und Sauerkraut auf Kosten der Stadt zu beschaffen. Mit der Lieferung des Sauerkrauts wurde die Sauerkrautfabrik des dorti⸗ gen Konsumpereins beauftragt. — Auf dem gestrigen Wochen markte war Gemüse und Obst in großen Mengen angefahren, trotzdem wurden noch viel zu hohe Preise gefordert. Kartoffeln waren zum Teil für 4% Pfg. das Pfund zu haben, doch verlangten einige Händler auch noch 6 Pfg. Auch für Bohnen und andere Ge müse wurden noch ziemlich hohe Preise verlangt. Vielleicht dürfte es sich empfehlen, wenn der städtische Lebensmittel ausschuß für nächsten Samstag die Richtpreise bereits am Freitag in den Blättern bekanntgeben, oder doch wenigstens zu Beginn des Marktes am Samstag früh anschlagen würde, damit Käufer und Verkäufer sich besser danach richten können. — Ein Konsumentenausschuß hat sich auch in Marburg gegründet. Er beschloß in seiner ersten Sitzung, daß eine Herabsetzung des Milchpreises auf 20 Pfg. anzustreben sei. Ferner soll der Magistrat ersucht werden, daß die von der Stadt zu beziehenden guten Speisekartoffeln nicht mehr als 3 Mark der Zentner kosten sollen. Wie anderwärts, ge⸗ hören auch in Marburg dem Ausschusse Herren und Damen aus allen Kreisen an. K — Ein Gießener Schwindelgenie. In Barmen wurde der Ferdinand Göbel aus Gießen wegen fabelhafter Schwindeleien zu 4 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Chr⸗ verlust verurteilt. Er hatte sich in der Uniform eines Marine. fliegers und geschmückt mit ein paar Eisernen Kreuzen und sonstigen Auszeichnungen allerhand Betrügereien und Dieb⸗ stählen geleistet. ö . Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Musketier August Balser aus Gießen, Inf-Reg. 224.— Reservist Karl Fischer, Maurermeister aus Großen⸗Linden, Inf.⸗Reg. 260.— Dragoner Wilhelm Textor aus Kirch⸗ Göns, Res.-Drag.-Reg. 4.— Ersatzreservist Aug. Gümbel aus Dutenhofen, Inf.⸗Reg. 99.— Ersatzreservist Wilhelm Häuser aus Niederweisel, Res.-Inf.⸗Reg. 116.— Friedr. Weber, Lehrer aus Bonbaden, Inf.-Reg. 88.— Kranken⸗ wärter Albert Stieler aus Liederbach bei Alsfeld. — Aufruf des jüngsten Landsturms. Nach einer Bekanntmachung des Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission des Kreises Gießen müssen sich alle jungen Männer, die vom 31. Mai dieses Jahres ab 17 Jahre alt geworden sind, zur Landsturmrolle melden. Näheres darüber wird noch von den Ortsbehörden bekannt gegeben. — Eine Ledigen⸗Steuer. Vor kurzem wurde berichtet, daß die Stadtverwaltung in Reichenbach im Vogtlande eine Jung⸗ gesellensteuer eingeführt habe. Diesem keineswegs gutem Beispiele ist nun auch die sächsische Stadt Oschatz gefolgt. Die dortigen Stadtverordneten haben eine solche in die neue Gemeinde⸗ steuerordnung aufgenommen. Diese Steuer soll nicht nur von männlichen, sondern auch von weiblichen Ledigen erhoben werden, sie muß also richtig Ledigensteuer heißen. Diese Steuer soll mit dem auf Vollendung des 30. Lebensjahres folgenden Kalenderjahre beginnen und ist gestaffelt. Unterste Einkommensgrenze ist 1800 Mark. Bei 1800 Mk. werden 4,05 Mk., bei 2400 Mk. 5,15 Mk., bei 4000 Mk. 23,62 Mk., bei 6300 Mk. 67,50 Mk., bei 10 000 Mk. 159,20 Mark erhoben. Die Frage, ob auch von weiblichen Personen die Ledigensteuer erhoben werden solle, bejahte der Bürgermeister und begründete dieses damit, daß bei gleichen Einkommen kein Grund zu sehen sei, warum die weiblichen Personen von der Steuer be⸗ freit werden sollten. Sie hätten ebenso wie die männlichen Unver⸗ heirateten weniger Aufwand als die Verheirateten, dazu komme, daß gerade die weiblichen Personen geringere Bedürfnisse haben als die männlichen. Allerdings finden auch Ausnahmen statt, z. B. bei Personen, welche verpflichtet sind, anderen Unterhalt zu ge⸗ währen, mit gewisser Beschränkung bei verheiratet gewesenen Personen. — Gestohlenes Fahrrad. Am 28. August wurde in hiesiger Stadt ein Fahrrad, Marke„Sterling“, dessen Lenkstange und Kettenrand bronziert ist, im Werte von 30 Mark entwendet. Sach⸗ dienliche Mitteilung nimmt die Kriminal-Abteilung entgegen. — Bestandserhebung von Schlaf⸗ und Pferdedecken. Durch eine mit ihrer Verkündung am 31. August 1915 in Kraft tretende Be⸗ kanntmachung wird eine Bestandserhebung von Schlafdecken und Pferdedecken(Woilachs) angeordnet. Hiernach sind alle nicht im Ge⸗ brauch befindlichen Vorräte an: 1. Schlafdecken aus Wolle, 2. Schlaf⸗ decken aus Wolle, gemischt mit Baumwolle oder anderen pflanz⸗ lichen Spinnstoffen, 3. Schlafdecken aus Baumwolle, 4. Haardecken, 5. Pferdedecken(Woilachs) nach dem Stand am Beginn des 1. Sep⸗ tember 1915 zu melden. Nicht meldepflichtig sind: a) Decken zu 1—4, die nicht ein Mindestgewicht von 1250 Gramm sowie eine Mindestgröße von 130“ 180 Zentimeter(d. h. Mindest⸗ länge von 180 und Mindestbreite von 130 Zentimeter) haben; b) Tischdecken, sogenannte Bettdecken(d. h. Tages⸗Ueberdecken oder Steppdecken, Divandecken, Kommodendecken, Reisedecken, Wandbe⸗ hänge, Decken mit Fransen(sogenannte Reisedecken); e) Filzdecken; d) Vorräte an Decken, die geringer sind als(Mindestvorräte): 100 Stück von einer einzigen Qualität oder 300 Stück von sämtlichen meldepflichtigen Beständen insgesamt, gleichgültig wie⸗ viel von einer einzelnen Art vorrätig sind. Die Meldungen müssen bis zum 12. September 1915 unter Benutzung der vorschriftsmäßig auszufüllenden amtlichen Meldescheine für Decken an das Webstoff⸗ meldeamt der Kriegs⸗Rohstoff⸗Abteilung des Kriegsministeriums Berlin SW. 48, Verl. Hedemannstr. 11, erstattet sein. Die amt⸗ lichen Meldescheine sind bei den örklͤh zuständigen amtlichen Ver⸗ tretungen des Handels(Handelskammer usw.) anzufordern. Wel⸗ tere Einzelheiten, auch in Bezug auf einzureichende Muster, Lager⸗ bücher ufw., sind aus der Bekanntmachung selbst zu ersehen, welche in unserem Geschäftslokal aufliegt und auch am Rathause in Gießen angeschlagen ist. — Märkte in Gießen im Jahre 1916. Die Vieh⸗ und Krämer⸗ märkte sind für das kommende Kalenderjahr wie folgt festgesetzt: Jammar 4. und 5., 18. und 19. Februar 1. und 2., 15. und 16, 29.; März 1., 14. und 15., 28. und 29.; April 11. und 12.; Mai 2. und 3., 16. und 17., 30. und 31.; Juni 20. und 21.; Juli 4. und 5, 18. und 19.; August 1. und 2., 15. und 16. 29. und 30.; September 12. und 13., 26. und 27.; Oktober 10. und 11., 24. und 25.; November 7. und 8., 21. und 22.; Dezember 5. und 6., 19. und 20. Der erste Markttag ist zum Handel mit Zuchtvieh, der zweite zum Handel mit Schlachtvieh und Schweinen bestimmt.— Der Frühjahrspferde⸗ markt findet am 29. März, der Herbstpferdemarkt am 27. Septem⸗ ber k. J. statt.— Die 13 festgesetzten Krämermärkte sind am 29. März, 12. April, 3. und 31. Mai, 21. Zuni, 19. Juli, 2. und 30. August, 27. September, 11. und 15. Oktober, 22. November und 20. Dezember. 5 — Trocknungsanlage für Gemüse und Obst. Es sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, daß die Stadt im Volksbad, Sel⸗ tersweg, eine Anlage zum Trocknen flir Gemiise und Obst errichtet hat. Diese Anlage kann von Einwohnern, deren Einkommen 2600 Mark nicht übersteigt, kostenfrei benutzt werden. Tultsbrrigt bes Hufen Hunntnuntttrz. Siegreich vorwärts im Osten. Weitere 6300 Gefangene. W. B. Großes Hauptquartier, 31. Aug., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. 1 Keine besonderen Ereignisse. Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Der Kampf an dem Brückenkopf südlich von Friedrichstadt ist noch im Gange. Oestlich des Niemen dringen unsere Truppen gegen die von Grodno nach Wilna führende Eisenbahn vor. Sie ö machten 2600 Gefangene. Auf der Westfront der Festung Grodno wurde die Gegend Nawy⸗Dwor und Kusnica erreicht. Bei Gorodok gab der Feind vor unserem Angriff seine Stellungen am Ost⸗ rand des Forstes von Bielostok auf. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Der Uebergang über den oberen Narew ist stellenweise bereits erkämpft. Der rechte Flügel der Heeresgruppe ist im Vorgehen auf Prützana. 1 Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen. 5 Die Verfolgung erreichte den Muchawiecc-Abschnitt. Feindliche Nachhuten wurden geworfen. 3700 Gefangene fielen in unsere Hand. 3 85 Südöstlicher Kriegsschauplatz. Die Verfolgung der nördlich von Przezany durchge⸗ brochenen deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen wurde an der Strypa stellenweise durch einen Gegenstoß starker russischer Kräfte aufgehalten. 0 Oberste Heeresleitung. 5 N 5 Der österreichisch⸗ungarische Tages bericht Die Russen bei Luzk geschlagen. Wien, 31. Aug.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: 31. August 1915. Russischer Kriegsschauplatz. Der nördlich und nordöstlich von Luzk angetroffene Gegner wurde gestern unter heftigen Kämpfen nach Süden zurück⸗ geworfen. Er ließ 12 Offiziere, über 1500 Mann, 5 Maschinen⸗ gewehre, 5 Lokomotiven, 2 Eisenbahnzüge und viel Kriegsmaterial in unserer Hand. Auch bei Swiniuchy, Gorochow, Rasiechow und Turze zwangen unsere Truppen die Russen, den Rückzug fortzusetzen. Mit gewohnter Tapferkeit erstürmten im Raume südlich von Rasiechow die Regimenter der Budapester Heeresdivision eine stark verschanzte Linie. An der Strypa wird um die Uebergäuge gekämpft, wobei die Russen unsere Verfolgung an einzelnen Punkten durch heftige Gegenstöße aufhielten. Am Dujestr und an der bessarabischen Grenze nichts Neues. Unsere nördlich Kobryn kämpfenden Streitkräfte drangen bis Pruszany am oberen Muchawiec vor. Italienischer Kriegsschauplatz. Auch gestern fanden an der Südwestfront keine Kämpfe von Belang statt. Zwei feindliche Vorstöße bei San Martino, dann je ein Angriff auf den Südteil des Tolmeiner Brücken⸗ — —— 3 7 76 Steinstraße 76 übernommen habe. vorzüglichen in unveränderter Weise weitergeführt wird. Gießen, den 1. September 1915. Wirtschafts⸗Hebernahme Einem geehrten Publikum von Gießen, sowie meiner Nachbarschaft und allen Freunden und Bekannten hierdurch die ergebene Mit⸗ teilung, daß ich mit dem heutigen Tage die Wirtschaft 29 Zum Nordpol Ich werde bemüht sein, meine verehrlichen Gäste durch Verabreichung bester Speisen und Getränke in jeder Weise zufrieden zu stellen. Zum Ausschank gelangen die anerkannt Biere vom Gießener Brauhaus 4 0 Indem ich freundlichst um einen geneigten Zuspruch bitte, weise ich 5 gleichzeitig darauf hin, daß das von mir bisher betriebene 5 Dachdecker⸗Geschäft Heinrich Ruckstuhl. 7 D Giessen Bahnhofstrasse 34 Telephon 2077 0 80 ö rösstes, elegantestes und modernstes Lichtspiel-Theater am Platze. 80 eden Mittwoch u. Samstag Programmwechsel. Hochachtungsvoll 88 kopses und auf unsere Flitscher Talstellung wurden ab⸗ gewiesen. l 5 Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. e von Höfer, Feldmarschalleutnant. Zar und Duma im Rückzuge? T. U. Wien, 31. Aug. Das Deutsche Volksblatt meldet über Kopenhagen aus Petersburg: Im Altersausschuß gab der Dumapräsident die Möglichkeit einer bevorstehenden Ver⸗ legung der Dumasitzungen nach Moskau bekannt. Die Korrespondenz Rundschau meldet, nach zuverlässigen Informationen herrsche in maßgebenden Petersburger Kreisen Verwirrung. Am Zarenhofe regiert gegenseitiges Miß⸗ trauen, wie nie zuvor. Hartnäckig behauptet sich das Gerücht, die Zarin und ihre Kinder hätten Zarskoje Selo bereits ver⸗ lassen, der Zar werde von seiner Reise an die Front nicht mehr nach Petersburg zurückkehren, sondern sich zu ständigem Auf⸗ enthalt nach Kasan begeben, da man Moskau nicht für 37 nügend sicher erachtet. Die Zustände in Moskau. T. II. Stockholm, 31. Aug. Moskau ist mit Verwundeten derart siberfüllt, daß die Eröffnung der Schulen auf Oktober verlegt wor⸗ den ist, weil keine Schulen frei sind. Die Arbeiterfraktion reichte eine Denkschrift über die Behandlung der evakuierten Polen ein. Neuerdings wurden Massenverhaftungen in einzelnen Verschickungs⸗ orten vorgenommen. Truppweise wurden zahlreiche Geistliche und Advokaten verhaftet. Ueber 100 Kinder, die von ihren Eltern ge⸗ trennt wurden, sind ins Gefängnis geworfen worden. RNussische Finanzuot und Steuerpolitik. Petersburg, 30. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Nach der Rietsch verhandelte die Duma am 24. August über die Ein⸗ führung der Einkommensteuer. Die betr. Vorlage hat bereits acht Jahre bei der Duma gelegen, aber vermögende oktobristi— sche und nationalistische Kreise verh' derten die Beratung. Die Rjetsch fürchtet, daß, selbst wenn ie Duma sie jetzt an⸗ nähme, der Reichsrat sie verwerfen w de. Aus den Reden sind die Ausführungen des Berichterst ers der Kommission, Posnikoff, hervorzuheben, daß Rußlan! heute ein sechsmal größeres Defizit habe als veranschlagt(i, nämlich 300 Mil⸗ lionen Rubel. Er kritisierte die Meß regeln des Finanz⸗ ministers scharf, der einfach alle Steuchn erhöht habe; das Ergebnis sei durchaus unzureichend, da ein großer Teil der Steuern wegfalle. Dafür sind unsinnige Steuern, beispiels⸗ weise Transportsteuern, eingeführt, die kirekt schädigend auf den Verkehr einwirkten. Der Kadett Welikoff stimmte den Worten Lloyd Georges bei, daß die deutschen Siege dem rüssischen Volke die Freiheit brächten und hob besonders die Aufhebung des Branntweinmonopols hervor, wodurch Ruß— land zur Nüchternheit geführt werde; ferner die Anfänge einer Ministerverantwortlichkeit und einer wenn auch ver⸗ späteten Autonomie Polens, sowie eine gerechte Besteuerung der Bevölkerung nach dem Einkommen. Rußland und Japan. Christiania, 31. Aug. Aftenposten meldet aus Tokio: Die japanische Regierung hat sich mit der Frage beschäftigt, in welcher Weise Rußland durch Munitionslieferungen unterstützt werden kann. Ministerpräsident Okuma reiste in Begleitung des Kriegs- ministers und des russischen Botschafters nach Muko, um mit dem Kaiser zu konferieren. Der Kaiser hat die Vorschläge genehmigt. England und der Kaperkrieg. England gibt nach. Reuter meldet aus Washington: Der englische Botschafter hat der amerikanischen Regierung mitgeteilt, daß England die Durchfuhr gewisser in Deutschland und Oesterreich be— 5% Deutsche Reichsanleihe. f(Dritte Kriegsanleihe.) Zur Bestreitung der durch den Krieg erwachsenen Ausgaben werden weitere 5% Schuldverschreibungen des Reichs hiermit zur öffentlichen Zeichnung aufgelegt. Die Schuldverschreibungen sind seitens des Reichs bis zum 1. Oktober 1924 nicht kündbar; bis dahin kann also auch ihr Zinsfuß nicht herabgesetzt werden. Die Inhaber können jedoch darüber wie über jedes andere Wertpapier jederzeit(durch Verkauf, Verpfändung usw.) verfügen. Bedingungen. 1. Zeichnungsstelle ist die Reichsbank. Zeichnungen werden von Sonnabend, den 4. September an bis Mittwoch, den 22. September, mittags 1 uhr bei dem Kontor der Reichshauptbank für Wertpapiere in Berlin(Postscheckkonto Berlin Nr. 99 und bei allen Zweiganstalten der Reichsbank mit Kasseneinrichtung entgegengenommen. Die Zeichnungen können aber auch durch Vermittlung der Königlichen Seehandlung(Preußischen Staatsbank) und der Preußischen Central-Genossenschaftskasse in Berlin, der Königlichen Hauptbank in Nürnberg und ihrer Zweiganstalten, sowie sämtlicher deutschen Banken, Bankiers und ihrer Filialen, sämtlicher deutschen öffentlichen Sparkassen und ihrer Verbände, jeder deutschen Lebensversicherungsgesellschaft und jeder deutschen Kreditgenossenschaft erfolgen. Auch die Post nimmt Zeichnungen an allen Orten am Schalter entgegen. die Vollzahlung zu leisten. 5 am 1. April und 1. Oktober jedes Jahres ausgefertigt. ist am 1. Oktober 1916 fällig. Auf diese Zeichnungen ist zum 18. Oktober Die Anleihe ist in Stücken zu 20 000, 10 000, 5000, 2000, 1000, 500, 200 und 400 Mark mit Zinsscheinen, zahlbar Der Zinsenlauf beginnt am 1. April 1916, der erste Zinsschein 3. Der Zeichnungspreis beträal, wenn Stücke verlangt werden, 99 Mark, wenn Eintragung in das Reichsschuldbuch mit Sperre bis 15. Oktober 1916 beantragt wird, 98,30 Mark für je 100 Mark Nennwert unter Verrechnung der üblichen Stückzinsen(vergl. Z. 8). 4. Die zugeteilten Stücke werden auf Antrag der Zeichner von dem Kontor der Reichshauptbank für Wertpapiere in Berlin bis zum 1. Oktober 19416 vollständig kostenfrei aufbewahrt und verwaltet. bedingt; der Zeichner kann sein Depot jederzeit— auch vor Ablauf dieser Frist— zurücknehmen. Die von dem Kontor für Wertpapiere ausgefertigten Depotscheine werden von den Darlehnskassen wie die Wertpapiere selbst beliehen. 5. Zeichnungsscheine sind bei allen Reichbankanstalten, Bankgeschäften, öffentlichen Sparkassen, Lebensversicherungsgesellschaften und Kreditgenossenschaften zu haben. erfolgen. Die Zeichnungen können aber auch ohne Verwendung von Zeichnungsscheinen brieflich Die Zeichnungsscheine für die Zeichnungen bei der Post werden durch die Postanstalten ausgegeben. 6. Die Zuteilung findet tunlichst bold nach der Zeichnung statt. Ueber die Höhe der Zuteilung entscheidet das Ermessen der Zeichnungsstelle. Besondere Wünsche wegen der Stückelung find in dem dafür vorgesehenen Raum auf der Vorderseite des Zeichnungsscheines anzugeben. stattgegeben werden. 7. Die Zeichner können die ihnen zugeteilten Beträge vom 30. Sie sind verpflichtet: Werden derartige Wünsche nicht zum Ausdruck gebracht, so wird die Stückelung von den Vermittlungsstellen nach ihrem Ermessen vorgenommen. Späteren Anträgen auf Abänderung der Stückelung kann nicht September d. J. an jederzeit voll bezahlen. 30 9% des zugeteilten Betrages spätestens am 18. Oktober 1915 20%„ 7 1 25%„„„ 28 0% zu bezahlen. Frühere Teilzahlungen 24. November 1915 22. Dezember 1915 22. Januar 1916 N 7 7 7 sind zulässig, jedoch nur in runden, durch 100 teilbaren Beträgen des Nennwerts. Auch die Zeichnungen bis zu 1000 Mark brauchen diesmal nicht bis zum ersten Einzahlungs⸗ termin voll bezahlt zu werden. Teilzahlungen sind auch auf sie jederzeit, indes nur in runden durch 100 teil⸗ baren Beträgen des Nennwertes gestattet; doch braucht die Zahlung erst geleistet zu werden, wenn die Sumue der fällig gewordenen Teilbeträge wenigstens 100 Mark ergibt. Beispiel: Es müssen also spätestens zahlen: die Zeichner von Mk. 300 Mk. 100 am 24. November, die Zeichner von Mk. 200 Mk. 100 am 22. Dezember, Mk. 100 am 22. Januar, Mk. 100 am 24 November, Mk. 100 am 22. Januar, die Zeichner von Mk. 100 Mk. 100 am 22. Januar. Die Zahlung hat bei derselben Stelle zu erfolgen, bei der die Zeichnung angemeldet worden ist. 1 i Die im Laufe befindlichen unverzinslichen Schatzanweisungen des Reichs werden unter Abzug von 5% Diskont vom Zahlungstage, frühestens aber vom 30. September ab, bis zu dem Tage ihrer Fälligkeit in Zahlung genommen. 8 Da der Zinsenlauf der Anleihe erst am 1. April 1916 beginnt, werden auf sämtliche Zahlungen 5% Stückzinsen vom Zahlungstage, frühestens aber vom 30. September ab, bis zum 31. März 1916 zu Gunsten des Zeichners verrechnet. Beispiel: Von dem in Z. 3 genaunten Kaufpreis gehen demnach ab für Schuldbuch⸗ für Stücke eintragungen bei Zahlung bis zum 30. September Stückzinsen für ein halbes Jahr= 2˙½ 00, tatsächlich zu zahlender Betrag also nur Mk 96,50 Mk. 96,30 am 18. Oktober 5 .„ „ 24. November für 162 Tage= 2,25 0s/ 8 8 für 126 Tage= 1, 75% „ Mk. 96,75 Mk. 96,55 Ml. 97,25 Ml. 97,05 für je 100 Mk. Nennwert. Für jede 18 Tage, um die sich die Einzahlung weiterhin verschiebt, ermäßigt sich der Stückzinsbetrag um 25 Pfg. 9 1 Zu den Stücken von 1000 Mark und mehr werden auf Antrag vom Reichsbank⸗Direklorium ausgestellte Zwischen⸗ scheine ausgegeben, über deren Umtausch in Schuldverschreibungen das Erforderliche später öffentlich bekannt gemacht wird. Die Stücke unter 1000 Mark, zu denen Zwischenscheine nicht vorgesehen sind, werden mit größtmöglicher Beschleunigung fertiggestellt und voraussichtlich im Januar 1916 ausgegeben werden. Reichshauk⸗ Direktorium. Berlin, im August 1915. Havenstein. Eine Sperre wird durch diese Niederlegung nicht] 5 statten will. 1 Die Streitigkeiten in Südwales beigelegt. London, 31. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Streitig keiten im Kohlenrevier von Südwales sind beigelegt worden. Den Arbeitern wurden gewisse Zugeständnisse gemacht, die der Präsident des Handelsamtes bisher nicht in den Schieds⸗ spruch aufnehmen wollte. Die schweren französischen Verluste an den Dardanellen. T. U. Genf, 31. Aug. Der französische Ministerrat be⸗ faßte sich mit dem wenig befriedigenden Monatsergebnis der Aktion gegen die Dardanellen, wo die französischen Mutter- lands⸗ und Kolonialtruppen ungeheuer hohe Verluste erlitten, ohne daß an einem der drei Sektoren Fortschritte zu ver zeichnen seien. Als absolut verunglückte Idee ergibt sich die seinerzeit von den französischen Fachkritikern entschieden widerratene Besetzung von Anaforta als Stützpunkt. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. g Druck: Verlag acer Abendͤblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. Bekanntmachung. Am Dienstag, den 7. September 1915, nachmittags 3 Uhr, werden im Städtischen Hospital, Seltersweg 11, eine Anzahl Kleid⸗ ungsstücke, Möbel u. Haushaltungsgegenstände aller Art versteigert. Gießen, den 34. August 1915. Der Oberbürgermeister. (Armenverwaltung). J. A.: Schenck zu Schweins berg. Die 27 7 2 Reine Hausfrau von Giessen und Umgebung versäume es im eigensten Interesse, den interessanten Vorführungen, welche am Donnerstag, den 2. September nachm. um ½5 Uhr und abends um 8 Uhr pünktlich im Hotel„Grossherzog von Hessen“ Bahnhofstrasse, Saal(1 Treppe) stattfinden, beizuwohnen. Vorgeführt wird die Kleinste, beste und billigste Waschmaschine der Weit Jie diserun Wasch ad Preis 8 Mark. Die eiserne Waschfrau“ wäscht mit Pressluft und Saug- kraft.— Selbst ein Kind kann damit in 5 Minuten einen Kübel Wäsche sauber waschen. Schmutzige Wäsche bitte mitzubringen. Der Eintritt ist frei. Der Besuch ohne Kaufzwang. Besucher des Schauwaschens erhalten den Apparat bei Bestellung zum Ausnahmepreis von Mk. 6.50. Platazvertreter gesucht W. Ebeling: Magdeburg 2 Hohen 6 größte Zeitersvarnis bei Sturmvogelrades. He nal. saufter Lauf, wunderbare niedriger Deutsche Handelsgesellschaft Saurmvogel Gebr. Grüttner Berlin⸗Halensee 141. Maschinist. Wir suchen für unsere Betriebe einen tüchtigen Maschinisten, welcher gelernter 5 eee sein muß. Angebote sind zu richten an die Direktion der Städt. Elektrizitäts werke und Straßenbahn. fie Tüchtige Hilfsarbeiter werden sofort eingestellt. Zu melden bei d Direk* Städt. Elektrizitätswerke und Straßenbahn. 152 Die ausgelagerte Holzwolle aus den Betten soll verkauft werden. Bedingungen liegen im Geschäftszimmer aus. Angebote sind bis 19 13. Sipleuber 1915 einzureichen an 2 Garnison⸗Verwaltung Gießen. 17 9 Zum a fügeg en Arautschneiden zu beziehen durch die 2 empfiehlt sich Buchhandlung Oberhest. Volksztg. Bahngofstraße 23. Jah dohmidt, Verstorbene. J. C. Steuernagel in Als. Kaspar 2. in Altenburg bei Alsfeld, 51 Aale Biden Müller in Krofdorf, 40 Jahre alt.— N ilhelm v. Grim m in Gi 9 Heinrich Gen 1 in Gießen, 72 Jahre alt.— Frau Amalie S een eee in Homberg a. d. Ohm. 94 Jahre alt. Stamer 9187 „ stellter Güter durch das Blockadegebiet nach Amerika ge- 9 X„Sen r r 5 ————xꝛů—— S — 2 1 — 2. 2 E M S S S e