—— 91 6 el „ 1 * . A1 hesto größere Profite einsäckelte, je höher das Elend neut lihwankenden dürre 9 zeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volksseitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1 80 Mt. Redaktion und Expedition Gießen, Babnhofstraße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die ö mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 197 Gießen, Dienstag, den 24. August 1915 10. Jahrgang. Vom Weltkrieg. Die guithelttdite und die Sozialdemokratie. Von Dr. Paul Lensch. Wiederum hat die sozialdemokratische Fraktion des Reichstages den neuen Kriegskrediten zugestimmt. Seit Monaten war die Opposition eifrig an der Arbeit, die Partei zu einem anderen Ent⸗ schluß zu bringen. Im Offenen und noch mehr im Geheimen ließ sie alle Minen springen, offenbar von einer Zentralstelle aus; wie der Parteiausschuß in seiner Erklärung vom 1. Juli feststellte, wurde eine unterirdische Minierarbeit geleitet, die darauf hinauslief, die Parteiorganisation von innen anzugreifen, um der Parteimehrheit den Willen der Minderheit aufzu⸗ zwingen. Am 9. Juni erschien das bekannte Flugblatt, gerichtet an den Vorstand der sozialdemokratischen Partei und der sozial— demokratischen Reichstagsfraktion, in dem offen der Bruch mit der bisherigen Taktik verlangt wurde. Zehn Tage später, am 19. Juni, veröffentlichte der Vorsitzende der Partei und der Fraktion, Genosse Haase, im Verein mit den Theoretikern Kautsky und Bernstein, sein Pronunziamento: das Gebot der Stunde, das ebenfalls der Sache nach darauf hinausging, die Partei zu einem„entscheidenden Schritt“, das heißt, zur Ablehnung der Kredite zu bringen. In der ausländischen Parteipresse, in der Berner Tagwacht ganz be— sonders, erschienen die wütendsten und nichts würdigsten Angriffe auf die deutsche Sozialdemokratie, und deutsche Genossen waren es, Mitglieder der deutschen Partei, wie die Berner Tagwacht jedesmal von neuem konstatierte, die diese anonymen Angriffe in die Auslandspresse lanzierten. Da wurden Vorgänge aus vertraulichen Kommissionssitzungen des Reichstages mitgeteilt, da wurden private Aeußerungen der Genossen, die sie in den Wandelgängen des Reichstages hatten fallen lassen, dem Ausland übermittelt, Vorgänge bei internen Beratungen der Parteikörperschaften waren zwei Tage später in der Berner Tagwacht bösartig entstellt zu lesen, selbst für die bedauerliche Verhaftung der Genossin Zetkin machte man die Parteimehrheit verantwortlich, diese Verhaftung sei ihr Werk. In den Kreisen der Minorität wurde ein Ge— sheimprotokoll der seit Kriegsbeginn abgehaltenen Fraktions⸗ sitzungen verbreitet. Der Parteivorstand sah sich gezwungen, mit Protesten hervorzutreten und mehrere Aufrufe zu veröffentlichen. Die Erregung in den Kreisen der Partei hatte eine kritische Temperatur erreicht. Und man muß gestehen, daß viele Momente der inner⸗ politischen Situation der Minorität zur Hilfe kamen. der schamlose Lebensmittelwucher, der es ermöglichte, aß eine gewissenlose Schar von Spekulanten und Glücksrittern der Volks⸗ massen stieg, die Schwierigkeit der Lebensmittelversorgung, die Ge— jahr der Unterernährung, der Arbeitslosigkeit, des Mangels an Rohmaterialien besonders in der Textilindustrie, die stets zu⸗ mehmende Zahl der Witwen und Waisen, der Kriegstrüppel, In⸗ waliden und Verwundeten, der Belagerungszustand, die Zensur,— alles das schaffte eine Atmosphäre, die den mit vollen Händen aus⸗ gestreuten Keimen der Minorität üppiges Gedeihen verhieß. Da⸗ zu kamen noch die immer offener ans Licht tretenden An⸗ nexionsabsichten einfluß reicher Kreise, deren Gefährlichkeit man noch durch die wahrheitswidrige. Behauptung zu verstärken luchte, daß der Reichskanzler mit diesen Annexionsabsichten göllig einverstanden sei. Wer diesem Gerede entgegen⸗— trat, wurde als Sozialimperialist oder am besten gleich zelber als schrankenloser Annexionspolitiker gebrandmarkt. So war in der Tat die Situation für die Minorität nußerordentlich günsti g. Und sie war sich der Gunst der Stunde goll bewußt. Jetzt oder nie! war ihre Parole und sie handelte dem⸗ nemäß. Jetzt, im August, jetzt, wo neue Kriegskredite zu be⸗ willigen waren, jetzt sollte die Entscheidung fallen. Die militärischen Erfolge Deutschlands! Ganz recht! Aber waren sie nicht gerade ein Beweis dafür, daß Deutschland einen wüten Eroberungskrieg führe, den man vom sozial⸗ zemokratischen Standpunkt aus unmöglich gutheißen könne?— Und der Erfolg von alledem? Er ist vollkommen zus geblieben. An der geschlossenen Mehrheit der Fraktion und alle diese Treibereien glatt zu Boden ge⸗ allen. Unerschüttert ging sie aus der kritischen Situation her⸗ zor, die Minderheit hat laum ihren vollen Bestand vom März auf⸗ zecht erhalten können. In dreitägigen gemeinsamen Beratungen zon Reichstagsfraktion und Parteiausschuß, die ich mit der Frage der Kriegsziele und Friedenswünsche beschäftig⸗ zn, trat offen zutage, daß die berufenen Vertreter der deutschen Zozialdemokratie nach wie vor festentschlossen sind, an der zolitik des 4 August festzuhalten und sich der Verant; „ortung für diese Politik nicht unter irgend welchen Vor⸗ wänden zu entziehen. Noch kämpft das deutsche Volk um eine Existenz, noch ist keiner der zahllosen Gegner zum Frieden ge⸗ zeigt, noch ist das Ziel der Sicherung nicht erreicht. Keiner der boraussetzungen, die in der Fraktionserklärung vom 4. August nannt waren, sind bisher erfüllt und damit war die Haltung der zarte im Grunde entschieden. Aber daß diese Entscheidung mit ier Wucht einer mehr als Zweidrittelmehrheit ge⸗ fllt wurbe, das ist das politisch Wertvolle und Be⸗ ame an ihr. Diese Tatsache wird ihres Eindrucks bei den Elementen in der Partei nicht verfehlen und wird Klrade dadurch zur Gesundung des Parteikörpers beitragen. nas war es denn, was fo stark die innere Unruhe, die Unsicherheit, dis Unbehagen innerhalb der Partei vermehrte? Es war die fühlende Sicherheit, ob die Partei allen diesen Treibereien genüber und angesichts der so schwierigen innerpolitischen Lage llren Standpunkt vom 4. August aufrechterhalten werde beer nicht. Die Disziplinwidrigkeiten häuften sich, innere Zersetz⸗ gserscheinungen schienen umso größeren Umfang anzunehmen, kemehr sie selber im Verborgenen blieben und der öffentlichen kritik entzogen waren, am Parteivorstand vermißte man die feste biomb und das frische Zugreifen, war er boch selber innerlich ge⸗ sonst die der Be⸗ spalten. Eine muffige Stickluft zog da ein, wo scharfe Zugluft freiester Aussprache geherrscht hatte, lagerungszustand mit seinen Nücken und Tücken machte sich in einem für die Partei gefährlichem Maße bemerkbar. In dieser Lage wirkt die gemeinsame Beratung von Partei⸗ ausschuß und Reichstagsfraktion und die ihr folgende Beschlußfassung über die neuen Kriegskredite wie das Aufreißen eines Fensterflügels: es kam wieder frische Luft ins Gebäu, man hatte sich ausgesprochen und in der Ueberzeugung gestärkt: wir bleiben die Alten! Die Entscheidung war gefallen und da— mit war wieder klare Bahn geschaffen. Und gerade auf dem Boden dieser Entscheidung, die die deutsche Sozialdemokratie nach wie vor an der Seite des deutschen Volkes findet, kann die Partei mit umso größerer Wucht alle die Mißstände bekämpfen, unter denen die Massen zurzeit leiden. Je klarer die Partei es ausspricht, daß die Interessen der deutschen Arbeiterklasse mit einem Siege der deutschen Waffen zusammen⸗ fallen, und daß sie gerade aus diesem Klasseninteresse heraus un— erschütterlich festhalten wird an der Politik des 4. August, desto schwerer fällt das Gewicht ihrer Stimme in die Wagschale, wenn es gilt, die schwer beöͤrohten Interessen der unbemittelten Klassen zu vertreten. Und hier wird die Partei wahrlich Arbeit in Hülle und Fülle finden. Gerade die Leute, deren Treiben hier in erster Linie zu bekämpfen ist, die an der schonungslosen Ausplünderung der Massen ein berufsmäßiges Interesse haben, gerade sie hätten es gern gesehen, wenn die deutsche Sozialdemo— kratie in der Frage der Kriegskredite anders beschlossen hätte. Hätte die Partei in dem Riesenkampf des deutschen Volkes um sein Leben sich isoliert sie hätten Bravo geschrieen! Denn dann wäre die Stimme der Sozialdemokratie im Kampfe für Brot und Freiheit wirkungslos verhallt wie der Windstoß, der durch den Rauchfang zieht. ——ü— Reichstag und Volksernährung. Aus dem Reichstage wird uns geschrieben: Es war vorauszusehen, daß nach den umfassenden Er— örterungen in der Presse und nach den Beratungen in der Budgetkommission über die Ernährungsfragen im Plenum des Reichstages nicht mehr viel Neues werde gesagt werden können. Das Jahr Kriegswirtschaft, das wir hinter uns haben, hat eine solche Fülle von Problemen aufgeworfen, eine solche Fülle von Kritik hervorgerufen, und eine solche Fülle von Antworten gebracht, daß man in der Tat dem Reichstage daraus, daß er nun nicht mehr wesentlich Neues bringen konnte, keinen besonderen Vorwurf wird machen können. Aber die gründliche Art und die Schärfe der Beweisführung, die die Rede unseres Genossen OQuarck auszeichneten, bil deten trotzdem ein höchst belebendes Element in der Samstag— sitzung des Reichstages. Er ging sowohl dem Lebens- mittelwucher mit Energie zu Leibe, als auch den Mängeln der Organisation und er forderte mit gleicher Kraft der Beweisführung und zwingender Begründung die Or- ganisation für alle Lebensmittel, wie er es als natio— nale Pflicht und Aufgabe hinstellte, die Kriegswirtschaft im Innern genau so scharf und ohne Wanken einheitlich und unter Ausschaltung aller Sonderinteressen durchzuführen, wie die Heeresorganisation draußen dem Feinde gegenüber durchgeführt worden sei. Im besonderen geißelte er den Wucher in Gemüse, Fleisch und Kartoffeln und die Bereicherung, die die Landwirte auf Kosten der Gesamtheit erfahren. In der von der sozialdemokratischen Fraktion ge— forderten Zentralstelle für Lebensmittelversorgung unter Be— teiligung des Parlaments sah er mit Recht zugleich eine das ganze Reich umfassende Vertretung der Konsu⸗ menten. Es erregte einigermaßen Erstaunen, daß der Vertreter des Zentrums und damit zugleich der Vertreter der katholi— schen Arbeitermassen, der Abg. Giesberts, die Hauptauf— gabe seiner Rede nach dem Genossen Quarck darin sah, gegen ihn zu polemisieren und die Landwirte in Schutz zu nehmen. Es war ein höchst unerfreulicher Eiertanz, den der Abg. Giesberts mit seinem einerseits—andererseits auf⸗ führte und der vielfach an die Zeiten des Zentrums in den Zollfragen vor dem Kriege erinnerte. Es war daher auch sehr charakteristisch, daß der Staatssekretär des Innern, Herr Delbrück, der auf Herrn Giesberts mit einer langen Verteidigungsrede folgte, erklären konnte, daß Herr Giesberts ihm schon eine Reihe von Entgegnungen auf unseren Ge— nossen Quarck abgenommen habe. Es erscheint immerhin fraglich, ob die katholischen Arbeiter diese Anerkennung des Herrn Delbrück für ein Lob zugunsten des Herrn Giesberts buchen werden. In der Sache hörten wir von Herrn Delbrück die alten Einwendungen gegen eine umfassende Zwangs- organisation des ganzen Lebensmittelmarktes. Es verdient dabei festgehalten zu werden, daß er den Lebensmittelprodu⸗ zenten ganz ohne Einschränkung den Vorwurf machte, daß ihre Produktion erliegen würde, wenn sie nicht durch günstige Preise angelockt und befriedigt werden ßürden. Das ist in diesen schweren und ernsten Zeiten ein besonders bit⸗ terer Vorwurf, wenn er auch in der Tat nur zu berech⸗ tigt erscheint. Dieser Vorwurf bekräftigt aber an seinem Teile die sozialistische Auffassung, daß die Preisbildung zugunsten der Konsumenten nur möglich ist, wenn die Produktion selbst vom Staate organi- siert und durchgeführt wird. Eine solche Organisation der Produktion im Interesse der Konsumenten, das heißt im In⸗ teresse der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung würde allerdings am letzten Ende die kapitalistische Produktionsweise untergraben, die auf einem möglichst hohen Profit der Pro⸗ duzenten beruht. In dieser Tatsache liegt der letzte und ob⸗ jektive Grund für die Stellung der Reichsregierung und der bürgerlichen Parteien, daß sie der sozialdemokratischen Kritik und den sozialdemokratischen Forderungen nicht folgen können. Das zeigte auch der letzte Redner des Tages, Herr Gothein der mit den ältesten Ladenhütern des Liberalis⸗ mus gegen die Zeitnöte ankämpfte. a Aus dem Reichstage. Militärfragen vor der Budgetkommission. g In ihrer Sitzung vom Samstag befaßte sich die Budgetkommission mit zwei sozialdemokratischen Anträgen, deren erster verlangt: 1. den Bundesrat zu ersuchen, die Bundesratsverordnung vom 14. Januar 1915 über die Vertretung der Kriegsteilnehmer in bürgerlichen Streitigkeiten aufzuheben; dem Bundesrat anheimzustellen, eine neue Verordnung dahin zu erlassen, daß die Bestellung eines Vertreters und die Fort⸗ setzung eines Verfahrens nur zulässig ist, wenn es sich um Kriegsteilnehmer handelt, die„ungeachtet günstiger wirtschaft⸗ licher Lage“ böswillig die Zahlung unbestrittener Verbindlich⸗ keiten verweigern. Der zweite Antrag fordert: Das Gesetz, betreffend den Schutz der infolge des Krieges an Wahrnehmung ihrer Rechte behinderten Personen vom 4. August 1914(Reichs⸗Gesetzbl. S. 328), wird dahin geändert, daß in 8 2 Ziffer 1 die Worte„mobilen oder gegen den Feind verwendeten“ gestrichen werden. Abg. Stadthagen begründete beide Anträge sehr ein⸗ gehend, indem er an der Hand treffender Beispiele aus dem prak⸗ tischen Leben nachwies, daß der gegenwärtige Zustand unhaltbar sei. Gegen einen im Felde stehenden Soldaten kann heute ein Ver⸗ fahren eingeleitet werden, ohne daß er überhaupt Kenntnis da⸗ von hat. Nach lebhafter Debatte wurde der erste Antrag abgelehnt, der zweite dagegen angenommen. Das Gesetz vom 4. August 1914 be⸗ zieht sich also jetzt auf alle eingezogenen Mannschaften, also z. B. auch auf die Landsturmleute, die zur Bewachung von Gefangenen⸗ lagern verwendet werden. Im Anschluß daran begann die Beratung der Abänderung des Militärgesetzes. Für die Sozialdemokraten sprachen die Ge⸗ nossen Stücklen und Dr. Südekum. Die Verhandlungen wurden für streng vertraulich erklärt. Der Gesetzentwurf wurde angenommen. 5 Die Kommission trat dann in die Beratungen anderer Fragen militärischer Art ein. Auch diese Verhandlungen waren vertraulich. Abänderung des Reichsvereinsgesetzes. Die alte Kommission des Reichstages, die einen freiheit⸗ lichen Ausbau des Vereins- und Versammlungsrechtes an⸗ bahnen soll, beendete am Samstag ihre Tätigkeit. Den am Freitag beschlossenen ersten Absatz des§ 3, der den Begriff des politischen Vereins definiert, wurde folgender zweike Absatz hinzugefügt: e „Nicht als politische Vereine gelten Vereine von Be⸗ rufsgenossen oder Angehörigen verschiedener Berufe und Standesvereine, auch wenn sie zur Verfolgung ihrer Zwecke politische Gegenstände in Versammlungen erörtern.“ Dieser Zusatz wurde mit allen gegen eine konservative Stimme beschlossen. Zu dem Antrag auf Beseitigung des Sprachenpara⸗ graphen erklärten die Konservativen und Nationalliberalen, sie könnten dazu weder eine zustimmende noch eine ablehnende Haltung einnehmen. Deshalb— lehnten sie den Antrag ab. Eine eigenartige Logik! Gegen die drei konservativen und nationalliberalen Stimmen wurde mit 12 Stimmen aller übrigen Parteien die Aufhebung des Sprachen- paragraphen beschlossen. Sodann wurde mit 10 gegen 5 Stimmen der Nationalliberalen, Konservativen und Fort- schrittler die Ausmerzung des Jugendlichenparagraphen aus dem Vereinsgesetz beschlossen. ö Die Kommission trat sofort in die zweite Lesung ein und wiederholte in ihr die in erster Lesung gefaßten Beschlüsse. Es soll dem Plenum ein schriftlicher Bericht erstattet werden. Der Berichterstatter, Abg. Müller-Meiningen, versprach, sich mit der Abfassung des Berichtes so zu beeilen, daß dieser von der Kommission festgestellt werden kann, bevor der Reichstag auseinandergeht. Das Plenum wird sich dann im Herbst mit dem Gesetzentwurf zu beschäftigen haben. Aus dem Seniorenkonvent des Reichstages. 5 Im Seniorenkovent des Reichstages wurde am Samstag über die Verhandlungen der Geschäftsordnungskommission berichtet. Der Auftrag der Geschäftsordnungskommission, wegen der strengen Ein⸗ haltung der Vertraulichkeit in der Budgetkommission, wurde von der Kommission so erfüllt: Im Augenblick sei eine Beschlußfassung nicht zu vollziehen, wegen der Schwierigkeiten, die sich in der Frage bieten. Bei der allgemeinen Revision der Geschäftsordnung, die im Herbst wieder beginnen wird, wird die Frage einer gründlichen Prüfung unterworfen werden. Dagegen soll künftig in den Kom⸗ missionssitzungen durch stärkeres Hervorheben der vertraulichen Mitteilungen eine größere Gewähr für Innehaltung der Vertrau⸗ lichkeit zu bieten versucht werden, Es wurde ferner über die künftigen Dispositionen der Geschäfte des Plenums mitgeteilt, daß am Montag nachmittag 2 Uhr Plenarsitzung sein wird und daß man hofft, mit den Budgetkommissionssitzungen Dienstag zu Ende zu kommen und eventl. am Donnerstag den Reichstag zu schließen. Die Eroberung von Kowno. Aus dem Großen Hauptquartier wird uns geschrieben: 5 Seit dem 17. August ist das Hauptbollwerk der Niemenlinie, eine Festung ersten Ranges, Kowno, in unserer Hand. Im Juli bereits wurden die der Festung westlich vorgelagerten ausgedehnten Forsten vom Feinde gesäubert, und hierdurch die Möglichkeit für die Her⸗ stellung brauchbarer Annäherungswege und der notwendigen Erkun⸗ dungen geschaffen. 5 Mit dem 6. August begann der Angriff gegen die Festung. Nachdem durch kühnes Zugreifen der Infanterie Beobachtungsstellen für Artillerie gewonnen und in dem wegelosen Waldgelände das äußerst schwierige Instellungbringen der Geschütze gelungen war, konnte am 8. August das Feuer der Artillerie eröffnet werden. Während sie die vorgeschobenen Stellungen und gleichzeitig die ständigen Werke der Festung unter ein überwältigendes Feuer nahm, arbeiteten sich Infanterie und Pioniere unaufhaltsam in Tag und Nacht andauernden heftigen Kämpfen vorwärts. Nicht weniger als 8 Vorstellungen wurden bis zum 15. August im Sturm genommen, jede eine Festung für sich, in monatelanger Arbeit mit allen Mitteln der Ingenieurkunst unter sichtlich ungeheurem Aufwand an Geld und Menschenkräften ausgebaut, mehrfache, sehr starke Gegenangriffe der Russen gegen die Front und die Südflanke der Angriffstruppen wurden unter schweren Verlusten für den Gegner abgewiesen. Am 16. August war der Angriff bis nahe an die permanente Fortlinie vorgetragen. Durch äußerste Steigerung und mit Hilfe eines von Ballon⸗ und Flugbeobachtung glänzend geleiteten Ar⸗ tilleriefeuers wurden die Besatzungen der Forts, Anschlußlinien und Zwischenbatterien derartig erschüttert, und die Werke selbst derartig beschädigt, daß auch auf diese der Sturm angesetzt werden konnte. In unwiderstehlichem Vorwärtsdrängen durchbrach die Infanterie zu⸗ nächst Fort 2 und erstürmte dann durch Einschwenken gegen dessen Kehle und Aufrollen der Front beiderseits die gesamte Fortlinie zwischen Jezia und Niemen. Schleunigst nachgezogene eigene Ar⸗ tillerie nahm sogleich die Bekämpfung der Kernwallung der West⸗ front und nach deren Fall am 17. August die Bekämpfung der auf das Ostufer des Njemen zurückweichenden feindlichen Kräfte auf. Unter dem Schutze der unmittelbar an den Niemen herangeführten Artillerie wurde im feindlichen Feuer der Strom zunächst durch einzelne kleinere Abteilungen, dann mit stärkeren Kräften über⸗ wunden. Schnell gelang danach als Ersatz für die durch den Feind zerstörten Brücken ein zweifacher Brückenschlag. Im Laufe des 17. August fielen auch die von Norden bereits angegriffenen Forts der Nordfront sowie die Ost⸗ und zuletzt die gesamte Südfront. Neben über 20 000 Gefangenen gewannen wir eine unermeßliche Beute, über 600 Geschütze, darunter zahllose schwersten Kalibers und modernster Konstruktion, gewaltige Munitionsmassen. zahllose Ma⸗ ene Scheinwerfer, Heeresgerät aller Art, Automobile, Gummibereifungen und Millionenwerte an Proviant. Bei der großen Ausdehnung dieser modernen Festung ist die restliche zahlenmäßige Feststellung der Beute naturgemäß die Arbeit vieler Tage;: sie erhöht sich von Stunde zu Stunde. Hunderte von Rekruten wurden in der vom Feinde verlassenen Stadt aufgegriffen. Nach deren Angaben waren erst im letzten Augenblick 15 000 unbewaffnete Ersatzmann⸗ schaften fluchtartig aus der Stadt entfernt worden. i ben den verzweifelten Gegenangriffen der Russen, die auch nach dem Falle der Festung erfolglos wie die früheren von Süden her noch einmal einsetzten, ist dies ein augenscheinlicher Beweis dafür, daß die russische Heeresleitung den schnellen Fall der stärksten Festung außer dem Bereich der Möglichkeit liegend erachtete. Wie hohen Wert sie auf den Besitz dieser Festung legte, beweist neben dem starken Ausbau der Festung und ihrer außergewöhnlich starken Aus⸗ stattung mit Artillerie die Tatsache, daß der Widerstand der nicht eingeschlossenen Besatzung bis zum letzten Augenblick fortgesetzt wurde, sowie daß unter diesen Umständen eine verhältnismäßig große Anzahl von Gefangenen in unsere Hand fiel. Der türkisch⸗bulgarische Vertrag. Die Vossische Zeitung meldet vom 21. August aus Sofia, daß der türkisch⸗bulgarische Vertrag, über den so lange ver— handelt worden ist, nunmehr durch Unterzeichnung vollzogen worden sei. Wir haben Grund anzunehmen, daß diese Mel⸗ dung der zu erwartenden Tatsache doch noch etwas vorauseilt. Unseres Wissens ist auf Grund der bisherigen Verhandlungen neuerdings ein Bevollmächtigter von Sofia nach Konstanti⸗ nopel gesandt worden, der voraussichtlich den Abschluß voll⸗ ziehen wird. Amerika wieder in Aufregung. Reuters Bureau berichtet aus Washington 21. August: 5 Die Spannung wuchs gestern abend, als die Konsular⸗ berichte mit den eidlichen Aussagen der überlebenden amert— kanischen Fahrgäste der„Arabic“ eintrafen und den endgül⸗ tigen Bewis(?) erbrachten, daß die„Arabic“ nicht gewarnt worden war und daß das Leben einiger Amerikaner verloren gegangen sei. Nur ein Punkt bleibt offenbar ungelöst, ob nämlich die„Arabic“ versucht hat, das Unterseeboot zu rammen, oder, nachdem sie ihren Kurs verändert hatte, der „Dunslee“ beizustehen, und infolgedessen vom Kommandan— ten des Unterseeboots irrtümlich für ein feindliches Schiff gehalten wurde. Die Regierung erwartet weitere Einzel⸗ heiten und hält unterdessen mit ihrem Urteil zurück.— Präsi⸗ dent Wilson hatte gestern eine lange Besprechung mit Staats⸗ sekretär Lansing. Ueber das Ergebnis der Besprechung wurde keine Erklärung abgegeben.— Die allgemeine Ueberzeugung geht dahin, daß die Regierung den Punkt erreicht habe, wo sie sich entscheiden müsse, ob sie die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrechen müsse. London, 22. Aug. Aus Washington wird von Reuter gemeldet: Das Ministerium des Aeußern teilt mit, daß der amerikanische Ge⸗ sandte Gerard in Berlin angewiesen sei, die deutsche Regierung auf das Versenken der Arabic aufmerksam zu machen, und sie um Auf⸗ klärung ersuchen soll. Paris, 22. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas. Die Zahl der Opfer der„Arabic“ beträgt 59, darunter 3 Amerikaner. Eine neue französische Anleihe. T. U. Haag, 22. August. In holländischen Bankkreisen hört man aus London, daß sich die Meldung bestätigt, wonach eine französische Finanzkommission nach den Vereinigten Staaten abge⸗ gangen ist. Es soll sich um eine neue französische Anleihe in Höhe von 2 bis 4 Milliarden Fr. handeln. Der Zinsfuß soll nicht unter 5 Proz. betragen. Gärung in Südpersien. Konstantinopel, 22. Aug. Der englische Konsul von Buschir wurde zum General-Gouverneur von Südpersien er— nannt. Ueberall in Südpersien, wo es möglich war, wurde die englische Flagge gehißt. Die Zahl der gelandeten indischen Truppen soll dreitausend Mann nicht übersteigen. Die Er⸗ regung in Südpersien ist groß. Man bereitet einen umfang⸗ reichen Widerstand vor, falls die Engländer vom Küstengebiet vorstoßen sollten. Die südpersischen Hauptstämme kamen überein, den heiligen Krieg zu proklamieren. Die neue deutsche Kriegsanleihe. Die Aufforderung zur Zeichnung auf die neue Kriegs⸗ anleihe wird in den allernächsten Tagen erscheinen. Die Einzahlungsfrist dürfte für die ersten 30 Prozent bei Zeichnungen jeder Größe vom 30. September bis 18. Okto⸗ ber laufen. Die Schlacht um Brest⸗Litowsk. Wien, K. K. Kriegspressequartier, 23. Aug. Die seit Tagen anhaltenden scharfen und großen Kämpfe bei Brest⸗ Litowsk nehmen die Umrisse einer heftigen Schlacht auf der ganzen Linie an. Der Feind hat sich mit beträchtlichen Kräf⸗ ten gestellt, wobei die Fortschritte der Verbündeten zwar nicht aufgehalten, aber verzögert werden könnten. An ihren An⸗ strengungen ist zu ermessen, daß die Russen die Einschließung von Brest⸗Litowsk so lange wie möglich verzögern wollen.— Die Verbündeten dringen noch immer stetig vor, so beider— seits des Bug, im Süden der Festung und im Westen. Gegen Norden haben die Armee des Erzherzogs Josef Ferdinand, unterm die Gruppe Köveß und deutsche Truppen die Eisenba Wiseke—Litowsk bis zum Narew nördlich bei Bielsk üb schritten. 0 Zur Räumung Wilnas. T. U. Petersburg, 23. Aug. Der Oberbefehlshaber des wilnaischen Militärbezirks, General Tumanow, teilte der Be⸗ völkerung durch Maueranschläge mit, daß die Besetzung Wilnas durch die feindliche Armee wahrscheinlich sei. Alle 9 1 privaten Kostbarkeiten, ferner alle noch vorhandenen Metalle, Fette und Häute sind sofort ostwärts abzuführen und alle Glocken sofort abzunehmen. Die Bevölkerung wird zur Ruhe ermahnt, da weitere Flüchtlinge vorerst mit der Eisensahs nicht mehr befördert werden können. Massenverhaftungen in Finnland. T. U. Wien, 23. Aug. 8 Krakau gemeldet wird, berichten Warschauer land aus politischen Gründen Massenverhaftungen vorgenommen werden. Ein dänischer Protest. Kopenhagen, 23. Aug. Das Auswärtige Amt teilt mit, 1 daß der dänische Gesandte in Berlin beauftragt worden sei, der deutschen Regierung einen entschiedenen Protest anläß. lich der vor der Insel Sakthelmen stattgefundenen Neu tralitätsverletzung zu unterbreiten. Parteinachrichten. Reichstagsfraktion und Parteiausschuß haben sich in gemeinsamer Sitzung am 14., 15. und 16. August mit der Frage der Kriegsziele beschäftigt. Die Be. sprechung ist mit Referaten der Genossen David und Bern ⸗ stein eingeleitet worden. Beide Referenten legten Leitsätze vor, die der Verhandlung zugrunde gelegt wurden. In ge⸗ trennter Abstimmung wurden von beiden Körperschaften nach ⸗ folgende Leitsätze zur Friedensfrage beschlossen: „In Wahrnehmung der nationalen Interessen und Rechte des eigenen Volkes und in Beachtung der Lebensinteressen aller Völker erstrebt die deutsche Sozialdemokratie einen Frieden, der die Ge⸗ währ der Dauer in sich trägt und die europäischen Staaten auf den Weg zu einer engeren Rechts⸗, Wirtschafts⸗ und Kultur gemeinschaft führt. Demgemäß stellen wir folgende Richtpunkte für die Friedens gestaltung auf: 2 1. Die Sicherung der politischen Unabhängigkeit und Unver⸗ sehrtheit des Deutschen Reiches heischt die Abweisung aller gegen seinen territorialen Machtbereich gerichteten Eroberungsziele der Gegner. Das trifft auch zu für die Forderung der Wiederangliebe⸗ rung Elsaß⸗Lothringens an Frankreich, einerlei, in welcher Form sie erstrebt wird. 5 5 2. Zwecks Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklungsfreiheit des deutschen Volkes fordern wir: „Offene Tür“, d. h. gleiches in allen kolonialen Gebieten; träge mit allen kriegführenden Mächten; Förderung der wirtschaftlichen Annäherung durch möglichste 9 Beseitigung von Zoll⸗ und Verkehrsschranken; Ausgleichung und Verbesserung der sozialpolitischen Ein⸗ 3 im Sinne der von der Arbeiterinternationale erstrebten Ziele. Die Freiheit der Meere ist durch internationalen Vertrag sicherzustellen. Zu diesem Zweck ist das Seebeuterecht zu beseitigen und die Internationalisierung der für den Weltverkehr wichtigen Meerengen durchzuführen. 3. Im Interesse der Sicherheit Deutschlands und seiner wirt⸗ g schaftlichen Betätigungsfreiheit im Südosten weisen wir alle au Schwächung und Zertrümmerung Oesterreich⸗ungarns und der Türkei gerichteten Kriegsziele des Vierverbandes zurück. 4. In Erwägung, daß Annexionen volksfremder Gebiete gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstoßen und daß überdies durch sie die innere Einheit und Kraft des deutschen Nationalstaates nur geschwächt und seine politischen Beziehungen nach außen dauernd aufs schwerste geschäbigt werden, bekämpfen wir die darauf ab⸗ zielenden Pläne kurzsichtiger Eroberungs politiker. 5. Die furchtbaren Leiden und Zerstörungen, die dieser Krieg über die Menschheit gebracht hat, haben dem Ideal eines durch internationale Rechtseinrichtungen dauernd gesicherten Weltfriedens die Herzen von neuen Millionen gewonnen. Die Erstrebung dieses Zieles muß als höchstes sittliches Pflichtgebot für alle gelten, die an der Gestaltung des Friedens mitzuarbeiten berufen sind. Wir fordern darum, daß ein ständiger internationaler Schiedsgerichts⸗ hof geschaffen werde, dem alle zukünftigen Konflikte zwischen den Völkern zu unterbreiten find.“ Diethelm von Buchenberg * Erzählung von Bertold Auerbach. 57 „Ich gratuliere,“ sagte der Nebenbuhler, schnell die Hand loslassend, und Munde erwiderte:„Dank' schön. Komm mit, Fränz, in die Stube.“ Er faßte sie nicht eben zart am Arme, und Fränz machte große Augen, als er ihr allein sagte, daß das Scharmutzieren ein Ende habe, und ob sie mit den Eltern ins Wildbad gehe, darein habe er auch noch ein Wort zu reden. Fränz widersprach heftig, und Munde erklärte, daß er von dieser Stunde zu regieren anfange über alles, was ihm gehört, und das sei vor allem seine Frau, es müsse ja Fränz recht sein, daß er sich als Mann zeige. „Zeig's zuerst beim Vater. Bei mir brauchst nicht an⸗ fangen,“ stachelte Fränz, der diese Wendung gar nicht lieb war. f Munde sprach wiederholt und in verstärkter Weise seinen Herrscherplan aus, und der Abend dieses unruhvollen, ver— hetzten Tages schien doch noch erwünscht auszuklingen. Schon am frühen Morgen jedoch hatte Munde einen ge— waltigen Zank mit seinem Schwäher, er wollte die Geldgurte umschnallen, Diethelm aber lachte ihm ins Gesicht. „Dann reiß' ich sie Euch auf öffentlichem Markt vom Leib herunter, wenn Ihr mich so gehen lasset und ich Euch da— mit seh'““, drohte Munde und ging hinab in die Wirtsstube. Diethelm schaute doch verwundert dem so plötzlich Ver— änderten nach, und Fränz sah mit Schrecken die böse Saat aufgehen, die sie gesät; sie wußte aber den Vater doch dahin zu beschwichtigen, kein Geld mit auf den Markt zu nehmen, die Leute könnten es für Prahlerei ansehen, und das müsse man vermeiden nach so einem Unglück. In der Wirtsstube übergab hierauf Diethelm der Rautenwirtin die Geldgurte zum Aufbewahren, und Munde lächelte vergnügt zu seinem Siege. Diethelm traf hier viele Bekannte, unter denselben auch den Reppenberger und den Steinbauer. Reppenberger Par ebenso zutunlich und redselig, als der Steinbauer unacht⸗ sam und maulfaul; er erzählte, daß er einen umfangreichen Branntweinhandel betreibe, er habe den Vertrieb sibernom⸗ men und fahre mit seinem Einspänner im Lande umher, 25 5 ö„55 5 5 während sein Geschäftsgenosse das Brennen aus dem Grunde verstehe. Munde trat auf Diethelm zu und wiederholte in ent— schiedener Weise einen früher gemachten Vorschlag, daß man die Rappen gegen gute Ackerpferde vertausche, sie brauchten ja keine Kutschpferde mehr. Diethelm widersprach heftig, und der Steinbauer, der sich sonst nicht in fremder Leute Sachen mischte, ließ sich doch zu den Worten herbei:„Dein Tochtermann hat recht, Gäule, die gewohnt sind, in der Kutsch' zu laufen, gehen zugrund, wenn sie wieder Zackerfahren(zu Acker fahren) müssen.“ Der Steinbauer sagte das mit so schelmisch zwinkernden Augen, daß eine Bezüglichkeit seiner Worte auf die Lebens⸗ weise Diethelrrs kaum zu verkennen war. Diethelm merkte das auch, aber er tat, als ob er's nicht verstände; ihm war das versessene Wesen des Steinbauern in der Seele zuwider, aber er vermied doch jede offene Feindschaft mit ihm. Er schüttelte lächelnd den Kopf und gab lange keine Antwort, bis er endlich zu Munde gewendet sagte:„Das ist mein' Sach', Punktum.“ Der große Umzug der Marktpferde, der eben an dem Rautenkranz vorüberkam und alles an die Fenster und auf die Straße lockte, unterbrach den Streit, Munde folgte seinem Schwäher auf den Markt. Mitten mi Gewühl wurde er von seinem Feldwebel und mehreren Kameraden angehalten, die. wie versprochen, gekommen waren und nun aufs neue ihr Verlangen aussprachen, den Pfifferling einkaufen zu sehen. „Ist der bärenmäßige Bauer dein Schwäher?“ fragte der Feldwebel. „Ja, der ist's.“ Aber Diethelm war verschwunden. Munde suchte ihn mit seinem Geleit hin und her, ohne ihn finden zu können, und mußte manchen Spott darüber hören, daß er sich nicht getraue, einen Pferdeschwanz allein einzukaufen. Munde ließ sich diese Neckereien gefallen und schwieg, er wollte nicht weiter gehen, als ihm eigentlich zustand: etwas von der alten Zaghaftigkeit seines Wesens kam wieder über ihn. Er verwünschte es, daß er sich im Uebermut Wächter einer Ehrenstellung zugesellt hatte, und hoffte, sie in guter f Weise wieder los zu werden. Der Feldwebel war ein Pferde⸗ 9 verständiger und tat sich was darauf zugute, er suchte ein Viergespann gleichgezeichneter Braunen aus, Munde ließ sie sich hin und her vorführen, holte die Rappen adus dem Rauten⸗ kranz zum Vertauschen und war eben daran, unter Bedrängen des Feldwebels und der Kameraden in die dargebotene Hand einzuschlagen, als Diethelm herzutrat. Munde hielt ein und rief ihm zu:„Schwäher, ich hab“ „Wie kommen die Rappen 1 einen Handel gemacht.“ „Du? Hast ein' Geiß gekauft?“ Munde schoß alles Blut zu Kopfe. Diethelm fragte wieder: dahet?“ N zu sagen?“ „Schwäher, was macht Ihr? Jeder Knecht sagt zu seines Herrn Sach„unser“, und ich bin kein Knecht. Seht nur das Viergespann an. Ich bin soviel als handelseins.“ 1 „Du? Was nimmst denn du dir'raus? Wann man dich auf den Kopf stellt, und es fällt dir ein Guldenstückle raus, soll man mir die Augen mit ausstechen. Und du willst vier Ross' kaufen?“ 3 „Schwäher, das geht über den Spaß, redet nicht so. Ich hol' gleich unsere Geldgurt aus dem Rautenkranz. Beseht Euch nur die vier Ross'.“„ 1 „Daß ich ein Narr wär'. Wenn du allein Meister bist, so bezahl's auch.“ 5. 34 „Schwäher, ich weiß nimmer was ich tu, wenn Ihr so fort macht.“ 7 „Das glaub' ich. Du hast keinen Groschen zum Einkaufen. Ich will dir zeigen, wer die Geißel in der Hand hat.“ 753 „Schwäher,“ kreischte Munde heiser vor Wut und ballte beide Fäuste,„Schwäher, redet anders, oder ich.“ „Weg da, führ' die Rappen in den Stall und red' kei Wort mehr.“(Fortsetzung fol Wie dem Neuen Wiener Journal aus a Blätter, daß in Finn⸗ 14 Mecht für wirtschaftliche Betätigunmn Aufnahme der Meistbegünstigungsklausel in die Friedensver⸗ 1 1 „Ich hab' unsere Rappen vertauscht,“ berichtete Munde. „Unsere?“ lachte Diethelm.„Vorderhand sind sie noch mein und ist keine Red' von unseren, was hast du von unseren 1 Ein tehm ert ite btim nich * *. 1s S:; 1 gun Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. — Stadtverordnetenversammlung. Eine Sitzung der Stadtverordneten findet Donnerstag, den 26. August, nach- mittags 5 Uhr statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Errich- tung einer Lagerhalle neben der Kläranlage durch Gebr. Kahl; hier: Befreiung vom 8 5 des Ortsbaustatuts. 2. Ver⸗ kauf von städtischem Gelände an der Krofdorfer Gemar⸗ kungsgrenze an Eduard Abel Witwe in Krofdorf. 3. Kredit erweiterung für die Beschaffung von Elektrizitätszählern. 4. Rechnung der Armenkasse für 1913. 5. Verwendung der Zinsen aus der Stiftung der Peter Wilson Kinder. 6. Ver⸗ gebung von Drucksachen für 1915/16. 7. Antrag der Drosch⸗ kenkutscherbesitzer auf Erhöhung der Sätze im Droschkentarif. 8. Gesuch der Kaspar Heinzerling Witwe um Erlaubnis zum Schankwirtschaftsbetriebe im Haus Schifferbergweg 63. 9. Gesuch des Dachdeckermeisters Heinrich Ruckstuhl um Er⸗ laubnis zum Schankwirtschaftsbetrieb im Hause Steinstr. 76. — Der sozialdemokratische Kreiswahlverein hielt am Sonntag nachmittag im Saale des Gewerkschaftshauses eine Mitgliederversammlung ab, die von den Partei- genossen aus Gießen und der näheren Umgebung sehr zahl⸗ reich besucht war. Genosse Reichstagsabgeordneter Rühle, der bekanntlich zur Minderheit in der Reichstagsftaktion ge⸗ hört, hielt einen sehr interessanten Vortrag, in dessen erstem Teil er die Entwickelung des Kapitalismus eingehend und leichtverständlich behandelte und die Ursachen des Weltkrieges darzulegen suchte. Im zweiten Teil seines Vortrags ging er auf die Haltung der sozialdemokratischen Reichstags⸗ fraktion nach dem 4. August 1914 sehr ausführlich ein.— An der Diskussion beteiligten sich die Genossen Krumm, der sich mit aller Entschiedenheit auf den Standpunkt der Mehrheit der Fraktion stellte, während Beckmann und Vetters die Ausführungen Rühles unterstrichen. Die Auseinandersetzung war— von einigen störenden Zwischen⸗ rufen abgesehen— sachlich und leidenschaftslos. 220 000 Liter Petroleum zu verkaufen. Die Bekannt- machung des Reichsamts des Innern, daß diese oder jene Gesellschaft ihre größeren Petroleumvorräte zu Preisen ver— kaufen könne, die über die Höchstpreise gehen, schafft einiger— maßen Klarheit darüber, daß noch immer ziemliche Quanti⸗ täten des gesuchten Brennstoffes in Deutschland vorhanden sind. So wird ein Verkaufsangebot der Deutschen Terpentin⸗ Co. in Friedrichshafen am Bodensee bekannt, das sich auf sage und schreibe 220 000 Liter beläuft. Die Firma hat also unter den früheren Preisen, die doch wahrlich hoch genug waren, zurückgehalten, und benutzt jetzt die Ausnahmebestim⸗ mung des Bundesrats, um aus ihren riesigen Vorräten höchst⸗ möglichsten Gewinn herauszuschlagen.— Gelingt es denn der Gesetzgebung wirklich nicht, derartige Spekulationsmanöver auf Kosten der ärmsten Bevölkerung— denn nur diese ist in der Hauptsache auf das Petroleum angewiesen— auf die Dauer zu beseitigen. Erhöhung der Löhnung Verwundeter. Verwundete und kranke Soldaten waren bis jetzt auf die völlig unzureichende Krankenlöhnung von 10 Pfg. pro Tag angewiesen. Die sozioldemokratische Fraktion hat bereits im Mai in der „Budgetkommission verlangt, den verwundeten und den kranken Soldaten die Friedenslöhnung zu gewähren. Jetzt hat die Fraktion folgenden Antrag gestellt: den Herrn Reichs⸗ kanzler zu ersuchen, verßundeten und erkrankten Soldaten, zunächst für die Dauer des Krieges, mit Wir⸗ kung vom 1. August 1915, unter Wegfall der Krankenlöhnung, die Friedenslöhnung zu gewähren. Wie wir hören, hat das Reichsschatzamt mittlerweise dem im Mai gestellten Verlangen der Sozialdemokraten Rechnung getragen, nachdem auch das Kriegsministerium dafür eingetreten war. Mit der Losung dieser Frage ist eine große Ungerechtigkeit endlich beseitigt worden. Die Sozialdemokraten haben weiter be⸗ antragt: den Verpflegungssatz für Mannschaf⸗ ten des Heeres und der Marine für die Dauer des Krieges ganz allgemein auf 1,20 Mk. pro Tag festzusetzen. — Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Grenadier Heinrich Arnold aus Beuern, Inf.-Regt. 203. — Musketier Karl Germer aus Heuchelheim, Inf.Regt. Nr. 168.— Seesoldat Willi Weitzel aus Langgöns, Marine⸗ Inf.⸗Regt. 1.— Ersatzreservist Heinrich Schmidt aus Langgöns, Ers.⸗Landst.⸗Bat. 52. Musketier Wilhelm Kramer aus Langgöns, Inf.⸗Regt. 222.— Reservist Willy Schad aus Gießen, württemb. Inf.⸗Regt. 124.— Musketier Jakob Krug aus Ilschhausen, Res.-Inf.⸗Regt. 251. Otto Julius Steinhardt aus Lich, Polizei⸗Unteroffizier in einem Feldlazarett.— Musketier Heinrich Wagner aus Langgöns, Inf. Regt. 118. 8 — Wie d kleischteuerung vorgehen. Der Magistrat er 5 en. unberechtigten Fleisch⸗ teuerung entgegenzutreten, nicht weniger als sechs Läden in allen Teilen der Stadt eröffnet. Die Verkaufsstunden sind werktäglich von 8 bis 11 Uhr und von 3 bis 8 Uhr. Die Preise sind folgender⸗ maßen festgesetzt: Schweinebraten(mager mit Beilage) pro Pfund 130 Mark, Schweinebraten(mager ohne Beilage) 1,70 Mark, Schweinckotelette und Kammstuck 1,65 Mk. Schweinebquch lohne Zu⸗ gabe) 1,40 Mark, Mettwurst 1,60 Mark, Preßkopf 1,40 Mark, Blut⸗ magen 1,20 Mark, Fleischwurst 1,20 Mark. Bestellungen auf Liefe⸗ rung von Fleisch ins Haus werden in den Läden entgegengenommen, sowie durch zwei Telephonanschlüsse vermittelt.— Wenn man damit die Fleisch⸗ und Wurstpreise der Gießener Metzger vergleicht, kann e r wünschen, daß diese Einrichtung auch bei uns Nachahmung NI 5 „ Fürsorge für die Kriegsbeschädigten. Man ersucht uns um Aufnahme des Folgenden: E ist nicht allgemein bekannt, daß die von dem Kriegsmfnisterium herausgegebene, wöchentlich erscheinen⸗ den Anstellungs⸗Nachrichten außer den amtlichen Mitteilungen für versorgungsberechtigte Militärpersonen einen Stellennachweis ent⸗ halten, in dem u. a. auch Stellen des Privatdienstes unentgeltlich Aufnahme finden. Die Anstellungs⸗Nachrichten können von den Kriegsbeschädigten durch die Post bezogen(vierteljährlich 75 Pfg.), aber auch bei allen Militärbehöredn, Truppenteflen, Bezirkskomman⸗ dos, Militärlazaretten eingesehen werden. Gleichzeltig richtet der Landesausschufß für die Kriegsbeschädigten-Fürsorge im Großh. Hessen an alle Arbeitgeber des Landes, die für Kriegsbeschädigte ge⸗ eignete Stellen zu vergeben haben, die Bitte, ihm hiervon Mit⸗ teilung zu machen, damit er die Stellenvermittelung in die Hand nehmen kann, Dies bezügliche Zuschriften beliebe man an den Vor⸗ stand der Landesversicherungsanstalt Großh. Hessen, Darmstadt, Wil⸗ helminenstraße 34 zu richten. — Gemeindesteuer⸗Rückstände. Unter den heutigen amtlichen Bekanntmachungen der Stadt Gießen befindet sich auch die Mahnung des 1. und 2. Zieles Gemeindesteuern und Kanalgebühren für das Rechnungsjahr 1915. Die Zahlung kann noch bis zum 11. September ds. Js. einschließlich bei der Stadtkasse ohne Kosten erfolgen. Nach Ablauf dieser Frist erfolgt die Beitreibung, wobei die Pfändungs⸗ kosten erhoben werden. — Arbeitsgemeinschaft auf dem Lande. In dem fruchtbaren Landstrich der Wetterau bildet der Anbau von Getreide bekannt⸗ lich einen der Haupterwerbszweige der ländlichen Bevölkerung. Die Ernte des Kriegsjahres 1915 ist im allgemeinen recht gut geraten, nur bereitete ihre Einbringung den Landleuten bis vor kurzem nicht geringes Kopfzerbrechen. Die Männer stehen, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, im Felde, und es herrscht infolgedessen Ar⸗ beitermangel. Unter diesen Verhältnissen schritt man zur Bildung von Arbeitsgemeinschaften, denen jeweils etwa vier bis fünf Bauernfamilien angehören. Auf diese Weise ist es möglich ge⸗ worden, daß der Erntesegen trotz der Leutenot fast ebenso schnell und 1750 wie in normalen Jahren unter das schützende Dach gebracht wird. — Es hat geholfen! Wie wir in der Freitagsnummer unseres Blattes berichteten, demonstrierten am Freitag und Samstag der vorvergangenen Woche in und vor dem Rathause in Ham born um eine Erhöhung der Kriegsunterstützung. Das energische Ver⸗ langen der Kriegerfrauen um eine Erleichterung ihrer drückenden Lage hat einen kleinen Erfolg gehabt. Die Stadtverordneten Ham⸗ borns haben in ihrer Sitzung vom 18. August beschlossen, die Unter⸗ 1 ab 1. September 1915 monatlich um 2—6 Mark zu erhöhen. — Mit dem Rade gestürzt. Am Leihgesterner Weg wurde am Sonntag einem Arbeiter von spielenden Kindern ein Knüppel vors Rad geworfen. Dadurch kam der Betreffende zu Fall, zog sich aber glücklicherweise nur unbedeutende Verletzungen zu.— Die Unsitte der Kinder, den Radfahrern in den Weg zu springen oder ihnen Gegenstände vors Rad zu werfen, kann nicht genug verurteilt wer⸗ den, weil dadurch leicht großes Unglück entstehen kann. Wo liegen die Gefallenen? Es ist ein begreiflicher Wunsch der Hinterbliebenen unserer gefallenen Helden, die Stätte zu wissen, an der der tapfere Streiter zur letzten Ruhe gebettet liegt. Zu diesem Zweck sind jetzt die Etappeninspektionen des deutschen Heeres mit der Aufnahme der Gräber in ihrem Gebiete beauftragt. Bei diesen Arbeiten der Gräberaufnahme werden auch die Gräber der innerhalb unserer besetzten Gebiete beerdigten Feinde mitaufge⸗ nommen. Die feindlichen Regierungen sind durch die in Frage kommenden Botschaften der neutralen Regierungen um die Anord⸗ nung gleicher Maßnahmen ersucht worden. Bei unserem jetzigen erneuten Vorgehen in Polen, bei dem wir die Stätten heißer Kämpfe vom Vorjahre wieder besetzt haben, wird selbstverständlich auch mit dieser Gräberaufnahme sofort begonnen werden. Aller⸗ dings sind dabei Schwierigkeiten zu überwinden, denn die Inschriften zahlreicher Denkmäler sind verwittert und unleserlich geworden, zum Teil sind sie überhaupt nicht mehr zu entziffern. Was aber zur Feststellung noch getan werden kann, geschieht. Die Bearbeitung der von den Etappeninspektionen eingefandten Listen erfolgt in einer besondern Abteilung des Zentral⸗Nachweise⸗Bureaus des preußischen Kriegsministeriums. S. Nach 29 Jahren begnadigt. Nach Verbüßung einer Zucht⸗ hausstrafe von 29 Jahren wurde durch den Großherzog der fetzt 50 Jahre alte Metzger Oldendorf aus Wersau i. O. infolge seines Gesuchs und seines jetzt einwandfreien Betragens unter der Bedingung eines weiteren 10jährigen guten Betragens begnadigt. Sein Genosse Traugott Kern aus Karlstadt 1(Bayern), mit dem er damals die Tat gemeinsam verübte und der die gleiche Strafe erhielt, verbüßt seine Strafe weiter, da er anscheinend doch nicht mehr die nötige Willenskraft hat, um sich den ihm neuen ungewohnten Verhältnissen anzupassen. Beide haben damals am 17. Januar, nachdem sie sich durch einen Einbruch in einem Steinbruch Werk⸗ zeuge, darunter ein Beil, verschafft hatten, einen Einbruch in der damals vor der Stadt gelegenen Villa Fach verübt, den Maler Fach im Bett erschlagen und dessen Ehefrau schwer verletzt. Sie raubten Geld und Wertgegenstände und verschwanden. Durch einen Zufall wurde O. in Langen von einem Gendarmen entdeckt und daraufhin auch K. erwischt. Beide standen dann am 24. März 1886 vor dem Schwurgericht, das sie nur wegen Raubes und schweren Einbruchs für schuldig erkannte und zu lebenslänglichem und zwei Jahre Zuchthaus, sowie Verlust der bürgerlichen Ehren⸗ rechte verurteilt hatte. Melassefutter. Die Landesverteilungsstelle für Futtermittel in Darmstadt gibt bekannt, daß zurzeit nur noch Melassefutter zu haben ist. Bestellungen müssen spätestens bis zum 28. August d. J. aufgegeben werden, weil später mit Stockungen in der Ablieferung zu rechnen ist. Den Viehhaltern wird deshalb dringend geraten, ihren Bedarf an Häcksel- oder Torfmelasse für das Spätjahr um⸗ gehend bei den örtlichen Verteilungsstellen(Groß. Bürger⸗ meistereien oder Genossenschaften) anzumelden. Die Landesverteilungsstelle für Futtermittel in Darmstadt hat auch im neuen Wirtschaftsjahr die Bedarfsregelung und Verteilung der beschlagnahmten Futtermittel auf die einzelnen Gemeinden des Großherzogtums vorzunehmen. In jeder Gemeinde ist eine örtliche Verteilungsstelle errichtet, welche die der Gemeinde zugewiesenen Futtermittel auf die einzelnen Viehhalter verteilt. Die Landes- verteilungsstelle setzt sich wie folgt zusammen: Vertreter der Großh. Zentralstelle für die Landesstatistik: Regierungsrat Knöpfel(zu⸗ gleich Vorsitzender der Landesverteilungsstelle);; Vertreter der Landwirtschaftskammer: Dr. Georg Haman; Vertreter der Großh. Handelskammern: Kaufmann Ludwig Fischer; Vertreter der Hand— werkskammer: Bauunternehmer Heinrich Sames; Vertreter der Zentralgenossenschaft der hessischen landwirtschaftlichen Konsum— vereine: Direktor Berg, sämtlich in Darmstadt. Kreis Alsfeld⸗Lauterbach. — Großfeuer. In der Nacht zum Freitag brannte in Betzen— rod bei Schotten das Anwesen des Landwirts und Messerschmieds Johannes Konrad vollständig nieder. Das Feuer scheint in der Scheuer ausgebrochen zu sein. Es verbreitete sich so rasch über die ganze Hofreite, daß die Bewohner fast im Schlafe verbrannt wären. Sie konnten nur mit großer Mühe das Vieh und von aller ihrer Habe nur noch ein Bett retten. Vermischtes. Das Vermächtnis des Proletariers. Der auf dem Schlachtfelde gefallene Genosse Straßenbahn— führer Hermann Schluck aus Hamburg hat durch letztwillige Ver— fügung dem Transportarbeiterverband, dem Hamburger Konsum— verein„Produktion“ und dem Hamburger Echo zu gleichen Teilen sein Vermögen vermacht. Den genannten Erben sind nunmehr 1036 Mark, abzüglich 14 Prozent Erbschaftssteuern, gleich 890,96 Mark ausgezahlt worden. Eine Millionenerbschaft für Stuttgart. Die im vorigen Monat in Tutzing am Starnberger See ver— storbene Gräfin Landberg vermachte ihren aus Gebäuden, Grund— stücken und Waldungen bestehenden Nachlaß im Werte von einer Million Stuttgart testamentaxisch. Stuttgart ist verpflichtet, aus den Mitteln ein Kinderferienheim zu errichten und zu unterhalten. In der Eisenbahn erhängt! Aus Alzey wird gemeldet; Beim Dienst im Eisenbahnzug er— hängt hat sich am Sonntag ein hier wohnhafter Eisenbahnbeamter. Als um die Mittagsstunde der Zug hier einlief, erschsen der Mann nicht zu seinen vorgeschriebenen Dienstobliegenheiten. Man suchte nach und fand den Beamten in einem Abteil dritter Klasse, wo er sich an den Gepäckständern aufgehängt hatte, tot vor. Schweres Eisenbahnunglück. Aus Nürnberg wird berichtet: Sonntag vormittag 11 Uhr ist der Personenzug Nilrnberg⸗Gräfenberg bei Eschenau infolge Schienenbruchs entgleist. Fünf Personen wurden getötet, eine größere Anzahl verletzt. Telegramme. Auger des ufer huupthuntien. Eine feindliche Flotte zurückgetrieben. In den Vogesen heftige Kämpfe. Im Osten weiteres siegreiches Vordringen. W. B. Großes Hauptquartier, 23. Aug., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Heute früh erschien eine feindliche Flotte von etwa 40 Schiffen vor Zeebrücke, die— nachdem sie von unserer Küsten⸗Artillerie beschossen wurde in nordwestlicher Richtung wieder abdampfte. In den Vogesen sind nördlich von Münster neue Kämpfe in der Linie Lingekopf⸗Schratzmännle⸗Barrenkopf im Gange. Starke französische Angriffe führten gestern abend teil⸗ weise bis in unsere Stellungen. Gegenangriffe warfen den Feind am Lingekopf wieder zurück. Am Schratzmännle und Barrenkopf dauerten heftige Nah⸗ kämpfe um einzelne Grabenstücke die ganze Nacht an. Etwa 30 Alpenjäger wurden gefangen genommen. Bei Wavrin(südöstlich von Lille) wurde ein englisches Flugzeug heruntergeschossen. Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Die Truppen des Generalobersten von Eichhorn sind östlich und südlich von Kowno im weiteren Vorschreiten. Am Bober besetzten wir die von den Russen geräumte Festung Ossowitz. Nördlich und südlich von Tykocin fanden erfolg⸗ reiche Gefechte statt. Tykocin wurde genommen. Es fielen dabei 1200 Gefangene, darunter 11 Offiziere und 7 Maschinen⸗ gewehre in unsere Hand. Nördlich von Bielsk mißlangen verzweifelte russische Gegenstöße unter sehr erheblichen Verlusten für den Gegner. Südlich dieser Stadt ging es vorwärts. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Die Heeresgruppe hat unter hartnäckigen Kämpfen die Linie Kleszezele-Razua überschritten und ist in weiterem günstigen Angriff. Es wurden 3050 Gefangene gemacht und 16 Maschinengewehre erbeutet. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen. Der Uebergang über den Pulwa⸗Abschuitt ist auf der Front zwischen Razna und der Mündung nach heftigem Wider⸗ stand erzwungen. Der Angriff über den Bug oberhalb des Pulwa⸗Abschnittes macht Fortschritte. Vor Brest⸗Litowsk ist die Lage unverändert. Beiderseits des Switjaz und bei Piszeza(löstlich von Wlodawa) wurde der Feind gestern geschlagen und nach Nordosten zurückge⸗ trieben. Oberste Heeresleitung. Der österreichisch⸗ungarische Tages bericht Siegreiche Kämpfe an der Pulwa. Abgewiesene italienische Angriffe. Wien, 23. Aug.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart, 23. August 1915: Russischer Kriegsschauplatz. Oestlich der unteren Pulwa und der von Riasno nach Norden führenden Eisenbahn ist ein Kampf von großer Heftigkeit im Gange. Der Feind verteidigt jede Fußbreite Boden aufs zäheste, wurde aber entlang der ganzen Front an vielen Punkten geworfen, wobei zahlreiche Gefangene in unsere Hände fielen. Besonders heiß kämpften unsere bewährten siebenbürgischen Regimenter bei den nördlich Riasno gelegenen Dörfern Gola und Suchodol. Das Infanterie⸗Regiment Nr. 64 nahm bei der Er⸗ stürmung einer von russischen Grenadieren verteidigten Schanze die aus sieben Offizieren und 900 Mann bestehende Besatzung ge⸗ fangen und erbeutete sieben Maschinengewehre. Vor Brest⸗Litowsk nichts Neues. Hestlich Wlodawa drangen deutsche Truppen über die Seen⸗Zone hinaus. Im Raume von Wladimir—Wolynski schoben wir unsere Sicherungen bis gegen Turyjsk und in die Gegend östlich Loboml vor. Die Russen wurden zurückgetrieben. In Ostgalizien herrschte Ruhe. Italienischer Kriegsschauplatz. Auch gestern schlugen unsere Truppen mehrere Angriffe der Italiener gegen die Hochfläche von Doberdo ab. Stellenweise kam es wieder zum Handgemenge. Vielfach versucht sich der Feind nun⸗ mehr methodisch an unsere Verteidigungslinien heranzuarbeiten. Der Brückenkopf Tolmein stand gestern nachmittag unter Artillerie⸗ feuer. Hierauf griff die feindliche Infanterie bis in die Nacht hinein wiederholt vergeblich an. Sie erlitt schwere Verluste. An den übrigen Fronten hat sich nichts Wesentliches ereignet. Das Feuer der schweren Artillerie auf unsere Tiroler Werke ließ zeitweise nach. Heute ist ein Vierteljahr seit der Kriegserklärung unseres einstigen Verbündeten verflossen. Die ungezählten Angriffe des italienischen Heeres haben nirgends ihr Ziel erreicht: wohl aber kosten sie dem Feinde ungeheure Opfer. Unsere Truppen halten nach wie vor ihre Stellungen an oder nahe der Grenze. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Höfer, Feldmarschalleutnant. Die neue russische Armee. T. U. Genf, 23. Aug. Die vom russischen Kriegsminister angeordnete Aushebung einer neuen Armee in den Ost⸗ provinzen veranlaßt die französische Kritik zu der Bemerkung, daß die Petersburger Pläne theoretisch zutrefefnd sind, aber bei der Durchführung ernsten Hindernissen wegen des empfindlichen Mangels an Offizieren und schwerem Geschütz sowie wegen der drohenden Störung der Mobilisierung durch die deutsche Invasion begegnen werden. Der Zeppelinangriff auf die Londoner City. Die Beschießung der Londoner City durch deutsche Zeppeline scheint doch, abgesehen von den materiellen Verlusten, auch eine starke moralische Wirkung erzeugt zu haben, und zwar viel stärker, als die englischen Zeitungen das zugeben wollen, denn die eng- lische Königsfamilie wird aus diesem Anlaß ih ven Wohnsitz in nächster Zeit nach Nordengland ver legen. Die Furcht vor den deutschen Zeppelinen scheint also doch größer zu sein, als man das zu erkennen gibt. Der Seekrieg. Ein russisches Hilfsschiff torpediert. Ein deutsches Vorpostenboot versenkt. Berlin, 23. Aug.(W. B. Amtlich.) Am 16. August hat ein deutsches Unterseebbot am Eingang des Finnischen Meer⸗ busens ein russisches Hilfsschiff durch einen Toerpedoschuß versenkt. 5 Vor Zeebrügge ist in der Nacht vom 22. zum 23. August ein deutsches Vorpostenboot durch zwei feindliche Zerstörer angegriffen und nach tapferer Gegenwehr zum Sinken ge⸗ bracht worden. Ein Teil der Besatzung kontne gerettet werden. Der stellvertretende Chef des Admiralstabs der Marine: i(gez.) Behncke. Die Arbeit der U⸗Boote. Aus Christiania wird berichtet, daß die Kriegsprämie für Schiffsfrachten wegen der großen Schiffsverluste in der letzten Zeit außerordentlich gestiegen ist. Die privaten Ge- sellschaften nehmen jetzt eine Prämie von 15 Prozent für Holzlasten mit Segelschiffen über die Nordsee gegen 4 Prozent vor drei Wochen. Die Prämie für Dampfer in derselben Fahrt ist von 3 auf 9 Prozent gestiegen. In Versicherungs⸗ kreisen beginnt man zu befürchten, daß der gesamte Holz⸗ transport über die Nordsee bald eingestellt werden wird. Der türkische Tagesbericht. Schwere Verluste der Engländer bei Anaforta und am Euphrat. Konstantinopel, 23. Aug.(W. B.) Meldung des Haupt⸗ quartiers vom 22. August. Der Feind griff die neue Front bei Anaforta an, aber wir schlugen ihn durch einen Gegenangriff vollständig zurück und brachten ihm schwere Verluste bei. Beim Angriff vom 21. August erlitt der Feind gewaltige Verluste. Allein vor einem Teil unserer Gräben zählten wir mehr als 500 Tote, außer dem nahmen wir einen Offizier und eine Anzahl Soldaten gefangen. Vor Ari Burnu und Sedd⸗ül⸗Bahr ereignete sich nichts Wesentliches. An der Irakfront griffen unsere Truppen eine englische Abteilung bei Alike(2) am Euphrat an und fügten ihr große Verluste zu. Wir erbeuteten mehr als 200 Gewehre. Auf den anderen Fronten keine Aenderung. Ein Hochverratsprozeß. Nach mehrwöchentlicher Dauer ist beim Landwehr⸗Divi⸗ sionsgericht in Wien der Prozeß gegen die Reichsrats⸗ abgeordneten Dr. Dimitri Marko w und Oberlandesge⸗ richtsrat Dr. Wladimir Kurylowicz, ferner gegen die Advokaten Dr. Cyrill Czerlunczakiewicz aus Przemysl, Dr. Johann v. Drohomilecki aus Zloczow, sowie gegen den Grundbesitzer Thomas Diakow aus Werdiaz und den Schlossermeister Gabriel Mulk e wic aus Kamionka Strumilowa, sämtliche der russisch⸗ nationalen Partei angehörig, endlich gegen den Korrespondenten der Nowoje Wremja, Dimitri von Jan-⸗ schewecki, beendet worden. Die Anklage lautete auf Hochverrat und Verbrechen wider die Kriegs ⸗ macht des Staates. Sämtliche sieben Angeklagte wur⸗ den zum Tode durch den Strang verurteilt. Die Vertagung des Reichstags. Berlin, 23. Aug. Dem Reichstag ist seitens der Regie⸗ rung ein Antrag zugegangen, wonach der Reichstag bis zum 30. November vertagt werden soll. Bekanntmachung. Mahnung des 1. und 2. Zieles Gemeindesteuern und Kanalgebühren für das Rechnungsjahr 1915. Die im Monat Juli ds. Js. fällig gewesenen beiden ersten Ziele Gemeindesteuern und Kanalgebühren können mit Rücksicht auf die werspätete Ausgabe der Zettel noch bis zum 11. September ds. Js. einschließlich ohne Kosten bezahlt werden.. 10 Diejenigen, die mit der Zahlung dieser Ziele noch im Rückstande sind, werden hiermit gemahnt, die Abgabe bis zum 11. September an die Stadtkasse zu bezahlen. Vom 13. September an gelangen beide Ziele zur Beitreibung, wodurch Pfändungskosten 1 25 Ueberweisungen im Bank⸗ un Postscheckverkehr müssen am 11. Sep⸗ tember ebenfalls bei der Stadtkasse gutgeschrieben sein, andernfalls die Beitreibungskosten erhoben werden. g 5 Gießen, den 24. August 1915. Der Stadtrechner. Mäser. Bekanntmachung Das 2. Ziel Schulgeld des Real⸗Gymnasiums, der Oberrealschule, der Gymnasialvorschule und der Höheren und Erweiterten Mädchen ⸗ schule für das Rechnungsjahr 1915 kann in den nächsten 8 Tagen noch ohne Mahnkosten an die Stadtbasse Gießen bezahlt werden. Gießen, den 24. August 1915. 5 Der Stadtrechner. Mäser. Bekanntmachung. Schlossevmeister Heinrich Schön zu Gießen ist zur Ausführung von Anlagen im Anschlusse an das Gas⸗ und Wasserwerk der Stadt Gießen gemäß der Bestimmungen über die Zulassung von Instal⸗ lateuren zur Ausführung von Anlagen im Anschluß an das Gas⸗ umd Wasserwerk der Stadt Gießen vom 29. Dezember 1902 zugelassen worden. 0 Gießen, den 6. August 1915. Der Oberbürgermeister: Keller. Verantwortlicher Redakteur: Heinrich Noll, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen.. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H. Offenbach a. M. Veoerstorbene. Markus Rosenthal, Privatier in Gießen. tectenken ee „Radebeul, für zarte weiße Haut und 5 Stäcl Uberall zu haben. von B blendend schönen Teint, à Stäck 50 Pig. Reichstag. 16. Sitzung vom Montag, den 28. August, l nachmittags 2 Uhr. Am Bundesratstisch: Delbrück. Der Gesetzentwurf betr. den Schutz von Berufstrachten und Berufs abzeichen für Betätigung in der Krankenpflege wird debattelos in dritter Lesung, der Gesetz⸗ entwurf betr. Abänderung des Reichsmilitürgesetzes 25 Aenderungen der Wehrpflicht in zweiter und dritter Lesung einstimmig an⸗ genommen. Es folgt die Fortsetzung der Beratung über die Resolutionen der Budgetkommission und die dazu vorliegenden sozialdemokra⸗ tischen Anträge zur Frage der. Volksernährung. Abg. Böhme(natl.): Dem Staatssekretär gegenüber stelle ich fest, daß Wünsche auf Er⸗ höhung der Getreidepreise von keiner landwirtschaftlichen Organi⸗ sation laut geworden sind. Vielleicht meinte er damit die amtliche Vertretung der Landwirtschaft in Preußen. Wir freuen uns, daß es den sozial gerichteten Mitgliedern des Bundesrats gelungen ist, den Plan des preußischen Landwirtschafts⸗ ministers zu vereiteln. Angesichts der gesteigerten Pro⸗ duktionskosten sind die Getreidepreise mäßig zu nennen. Dagegen find die Preise für Futtermittel ganz außerordentlich hoch, Der kleine Landwirt, der einen verhältnismäßig hohen Viehstand hat, befindet sich daher in einer üblen Lage. Schädlich ist auch für diese Heinen Landwirte die Art, in der die Kleie verteilt wurde. Gerade⸗ zu unbegreiflich ist, daß man die Beschlagnahme der Futtergerste auch für die kleinsten landwirtschaftlichen Betriebe angeordnet hat. In der Kommission haben wir Höchstpreise für Saatgut Beantragt. Mit Hilfe von Sachverständigen ließe sich das sehr gut durchführen. In bezug auf die Kartoffeln hat der Reichstag ein⸗ schließlich der Rechten den Antrag angenommen, eine Beschlag⸗ nahme vorzunehmen, falls die Preise sich so ungeheuerlich weiter gestalten, wie es im April dieses Jahres geschehen ist. Im Sinne dieses Antrages sollte man vorgehen, und zwar zeitig, falls ähnliche Verhältnisse sich wieder entwickeln sollten.— Ganz unleidlich ist auch, daß man dem Wildschaden nicht energisch entgegentritt. Die Kommunalverbände sollten sich der kleinen Mühlen mehr an⸗ nehmen, die keineswegs teurer vermahlen als die großen.— Ganz außerordentlich leidet jetzt der Hopfenbau. Vielleicht ist es möglich, für den ausgefallenen Export Ersatz durch Ausfuhr nach neu⸗ tralen Ländern zu schaffen.— Schließlich gebe ich noch dem Wunsche Ausdruck, gegen den Wucher aufs schärfste vorzugehen, eventuell mit neuen Gesetzen.(Bravo!) 5 Abg. Arnstadt(k.) wendet sich gegen den sozialdemokratischen Wunsch auf Ermäßi⸗ gung der Höchstpreise, da den Landwirten die Produktionskosten er⸗ heblich vergrößert seien; vor allem sind die Futtermittel verteuert, für die geradezu Phantasiepreise gefordert wurden.— Bei der Be⸗ schlagnahme der Gerste sollte man den kleinen Besitzern 20 Zentner belassen, damit sie ihr Vieh durchhalten können.— Die große Preis⸗ spannung zwischen Korn und Brot ist nicht gerechtfertigt; es ist nötig, daß die Konsumenten billigeres Brot erhalten. Gewiß sind die Brotpreise bei uns hoch, aber im feindlichen Auslande sind sie noch höher. Ueber hohe Kartoffelpreise kann man gegenwärtig wohl nicht mehr klagen, Die Ausführungen des Abg. Quarck über die an⸗ geblich künstlich erzeugte Verteuerung des Schweinefleisches zeugen von Unkenntnis der landwirtschaftlichen Verhältnisse. Allzu rosig zeht es den Landwirten wahrhaftig nicht. Alle Parteien sind sich einig, daß wir auch im zweiten Kriegsjahre durchhalten können. Es gilt, der Teuerung nach Kräften zu steuern und dem Wucher ent⸗ gegenzutreten. Durchhalten müssen wir auf alle Fälle.(Bravo! rechts.) Abg. Frhr. v. Gamp(Rp.): Die Teuerung ist unbestreitbar. Ich begreife aber die Vor⸗ würfe gegen die Landwirtschaft nicht, denn die Landwirtschaft hat beträchtliche Opfer gebracht, nicht nur der kleine Landwirt, son⸗ dern auch der Großgrundbesitzer. Die von Herrn Quarck gegen den sächsischen Landeskulturrat erhobenen Vorwürfe waren geradezu unqualifizierbar(Unruhe bei den Sozialdemokraten), fast könnte man meinen, sie seien wider W Wissen gemacht(Erneute Unruhe bei den Sozial⸗ demokraten), aber Herr Quarck versteht das wohl nicht besser; daß dagegen auch Herr Gothe in, der doch ein feiner Mann sein will(Heiterkeit), solche Vorwürfe erhebt, ist verwunderlich. — Bedauerlich ist, daß die Mehlpreise nicht herabgesetzt werden sollen; die Kriegsgetreidegesellschaft scheint doch nicht so billig arbeiten zu können, wie man gehofft hat.— Die bedauerlichen Preissteigerungen sehr vieler Produkte sind in erster Reihe auf den Großhandel zurückzuführen. Solchem Treiben müßte durch Festsetzung von Höchstpreisen entgegengetreten werden. An der Fleischteuerung ist nicht zum mindesten auch die starke Abschlachtung von Schweinen schuld, die wir Ihnen, meine Herren (nach links) verdanken.(Widerspch links.) Eine Mast schwerer Schweine ist in Zukunft ausgeschlossen, wenn keine Futtermittel da sind, zumal man dem Landwirt jetzt auch noch die Gerste nimmt. Der Abg. Quarck sagt, mit aller Energie muß für billige Fleisch⸗ preise gesorgt werden. Damit ist aber nichts gesagt; und wenn sich der Abg. Quarck auf den Kopf stellt(Heiterkeit), wird es nicht anders. e helfen auch nicht. Auch würden diese ja noch für den Reichen das Fleisch verbilligen, was keineswegs nötig ist. Die Gemeinden sollten genötigt werden, bestimmte Mengen von Fleisch und Fett aufzukaufen und ihren Mitgliedern zur Ver⸗ fügung zu stellen. Vor allem sollte man den Fleischlonsum zwangsweise einschränken; wie die katholische Kirche jeden Freitag und an vielen weiteren Fasttagen den Fleischgenuß verbietet, so könnte auch in der ganzen Nation wöchentlich ein Fasttag eingeführt werden. Ein zu großes Opfer wäre das sicherlich nicht.— Den Lebensmittelwucher ver⸗ urteilt die Rechte ebenso wie Herr Quarck, und Gesetzentwürfen, die diesen Wucher unter Strafe stellen, würden auch die Konser⸗ vativen zustimmen.— Den notleidenden Familien der Krieger muß man helfen; aber nicht alle Familien der Krieger leiden Not. Die Arbeiterfamilien auf dem Lande leiden nicht Not, dort sorgt der Großgrundbesitz für sie.(Widerspruch bei den Sozialdemo⸗ kraten.) Auch in der Großindustrie wird den Familien vielfach der Lohn des Mannes gezahlt.(Abg. Pfannkuch[Soz.]: Das ist doch selbstverständlich!) Auch ich halte das für selbstverständlich; aber bei diesen Familien kann man nicht von Not sprechen. Wirk⸗ lich notleidend sind die Frauen der eingezogenen kleinen Gewerbe⸗ treibenden. Unterstaatssekretär Dr. Michaelis weist darauf hin, daß die hohe Spannung zwischen Mehl⸗ und Getreidepreisen in der Hauptsache darauf zurückzuführen ist, daß die Reichsgetreidestelle dann kaufen muß, wenn sie Angebote er⸗ hält, und daß ihr auch aus der Lagerung Unkosten erwachsen. Sollte es sich zeigen, daß die Mehlpreise zu vorsichtig kalkuliert sind, dann wird selbstverständlich eine Herabsetzung des Preises erfolgen. 8 Abg. Segitz(soz.): Es ist vorgeschlagen worden, man solle die Geminden ver⸗ pflichten, Fleischvorräte anzusammeln und zu einem bestimmten Preise an die Bevölkerung abzugeben. Das tun die Gemeinden jetzt schon, aber leider werden sie für den Verlust nicht enlschädigk. Der Vergleich des Abg. Gamp zwischen den Fasttagen der katho⸗ lischen Kirche und den Fleischnottagen hinkt, denn die Fasttage haben doch einen ganz anderen Zweck als den, den Konsumenten den Fleischgenuß abzugewöhnen. Wenn man den Lebensmittel⸗ wucher einschränken will, dann genügt nicht die Einfüh⸗ rung schärferer Strafen, sondern dann muß man in wirtschaft⸗ licher Richtung tätig sein, und das geschieht am besten durch Zustimmung zu den sozialdemokratischen Anträgen.(Sehr richtig! b. d. Soz.). Die Klagen des Volkes, besonders der werktätigen Bevölkerung, sind berechtigt, die Preise der Lebens⸗ mittel sind so gestiegen, daß es weiten Kreisen nicht mehr mög⸗ lich ist, sich ausreichend zu ernähren. Daß auch verfehlte Maß⸗ nahmen der Regierung die Preisbewegung ungünstig beeinflussen, ist eine bekannte Tatsache. In Fürth sind kürzlich die Schweinefleisch⸗ preise wiederum um 25 Pf. erhöht worden. Das bedeutet, daß Hunderte von Familien aus der Reihe der Fleischkonsumenten ausscheiden und ihren Fleischverbrauch ganz erheblich einschränken müssen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Erhöhung der ersten Höchstpreise jetzt bei dem Verbot der Verfütterung von Braot⸗ getreide eine weitere Erhöhung der Schweinepreise und natürlich auch der Schweinefleischpreise nach sich ziehen wird. An diesen Erscheinungen dürfen wir nicht achtlos vorübergehen, wenn wir nicht einmal ganz unangenehme Ueberraschungen erleben wollen. Auch alle übrigen Lebensmittel, ja alle Verbrauchsgegenstände, steigen fortgesetzt. Am empfindlichsten leiden darunter die Arbeiter. Die Kaufkraft des Geldes ist seit Kriegsausbruch mindestens um 50 Proz. gesunken, ohne daß die Arbeitslöhne erhöhk sind. In einzelnen Kreisen ist freilich nichts von einer Notlage zu spüren, in gewissen landwirtschaftlichen Gegenden scheint der Krieg sogar besonders günstige Verhältnisse geschaffen zu haben. Notwendi ist nicht nur eine Erhöhung der Löhne der Arbeiter, bergen auch eine Aufbesserung der Ge⸗ 1 vieler Staats⸗ und Gemeindebeamten und vieler Privat⸗ eamten.(Sehr richtig! links). Bayern hat, da es einen eigenen Selbstversorgungsbezirk bildet, noch höhere Mehlpreise, als das übrige Deutschland, die Regierung verbietet sogar, daß die Preife unterschritten werden; sie macht 1 zu in(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten). Dazu kommt, daß in Bayern auch noch besondere Zuschläge zu den Höchstpreisen erhoben werden. Nach dem i er Ernte könnte die Brotration pro Kopf und 715 unbedenklich auf 300 Gramm erhöht werden. Leider ist das nicht geschehen. Gegen die Halunken, die mit den Lebensmitteln Wucher treiben, kann nicht scharf genug vorgegangen werden. 1 51 9 f fie drin 110 Lebensmittelteuerung Einhalt zu gebieten. möchte sie dringend bitten, unser tra u austemmen.(Bravo! bei den e 5 ee Abg. Dr. Pfleger(Z.) 7 polemisiert gegen den Abg. Segitz, daß Bayern aus der Kriegs getreidegesellschaft ausgetreten sei, habe keineswegs zu schlechteren Verhältnissen in Bayern geführt, weder für die Produzenten noch für die Konsumenten. Vor allem wünscht der Redner dann Höchst⸗ breise für Malz, damit nicht noch mehr Wucher getrieben würde. Scharf tadelt er, daß soviel felddienstfähige Leute als unentbehr⸗ lich reklamiert werden, unter den von der Kriegsgetreidegesell⸗ schaft Reklamierten sind 80 Proz. felddienstfähig.(Hört! hört!) Weitere Ausführungen über die Konfession dieser Leute will ich im Interesse des Burgfriedens nicht machen. Im ganzen muß man sagen, daß Deutschland mit den Nahrungsmitteln gut durch⸗ gekommen ist und auch weiter gut durchkommen wird, die gesamte Bevölkerung in Landwirtschaft und Industrie hat durchgehalten und wird weiter durchhalten.(Bravo! im Zentrum.) Hierauf vertagt das Haus die Weiterberatung auf Dienstag, 3 Uhr.(Vorher der Gesetzentwurf über die Vertagung des Reichs⸗ tags.) Schluß: 7 Uhr. Maurer sosort gesucht. Joh. Hein, Wetzlar Maurermeister. . Reinecke Fahnen Hannover Vereins-Bedartsartikel. Metallbetten Fa fel Holzrahmenmatratz. Kinderbetten. Elsenmöbelfabrik, Suhl J. Th. Belianntmachung. Nachdem die Stücke der fünfprozentigen Reichsschatzanweisungen der zweiten Kriegsanleihe bereits vor einiger Zeit voll⸗ ständig an die Zeichnungsstellen ausgegeben worden sind, werden wir im Laufe dieses Monats von den Stücken der fünfprozentigen Reichsanleihe wieder einen größeren Teilbetrag als dritte Rate zur Verteilung bringen. Dieser hoffen wir Ende Seplember die vierte Rate und Ende Oktober den Rest folgen lassen zu können. l j in den Besitz der gezeichneten Stücke zu bringen; trotzdem durfte aber die Schlußverteilung vor dem genannten Zestpunkt leider nicht möglich sein, weil uns der Rest der Stücke wegen der mit der Herstellung und Ausfertigung von annähernd 7 Millionen Schuldverschreibungen und Schatzauweisungen und ebenso vielen Zinsscheinbogen verbundenen übergroßen Arbeit nicht früher geliefert werden kann. Wir richten daher an die Zeichner die Bitte, auf die durch die gegenwärtigen Zeitverhältnisse geschaffene Lage Al 1 Rücksicht zu nehmen und sich vorläufig mit der Mitteilung ihrer Vermittlungsstelle, daß die Zeichnung für sie getätigt und der ale uge Frauen 84. Gegenwert gezahlt ist, zu begnügen. Berlin, im August 1915. Reichs bank⸗DJirektorinm. Havenß ein. v. Stimm. Wir sind zwar bemüht, die Zeichner sobald als irgend möglich Alteisen, Lumpen, Knochen, Papier, Kupfer, Messing, Zink, Zinn, Blei, bei a Louis Rothenberger Neuenweg 22. kaufen bei krankh. Periodenstöru sofort meine garantiert uuschad⸗ lichen Mittel. Preis 6,5012 Mk. Frau Kruber, Breslau Neue Taschenstr. 30. Ankauf.