—— ä Oberhessische 0 kitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes . der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. 1 5 1 de W̃ 2 Die Oberbessische Volkszeitung erscheint eden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1. 80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraßßse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 196 Gießen, Montag, den 23. August 1915 10. Jahrgang. Vom Weltkrieg. Reichstag und Weltkrieg. Aus dem Reichstage wird uns geschrieben: Die Weltpolitik, die den Weltkrieg beherrscht, war wie— derum der große Hintergrund für die Freitagsverhandlungen des Reichstags, aber die wesentliche Sorge der Volksver— tretung betraf gestern nicht so sehr unser Verhältnis zum Ausland, als zu uns selbst. Der Reichsschatzsekretär be— gründete die neue Anleihe von 10 Milliarden und entwarf dazu ein eindrucksvolles Bild von Deutschlands volkswirt— schaftlicher Stärke, im besonderen von seiner steigenden Finanzkraft. Die Entwicklung der Reichsbank und der Großbanken, der Sparkassen und der industriellen Rücklagen ist in wachsendem Aufstiege geblieben. Die Aus— sichten der neuen Anleihe sind daher die besten und ohne Runstgriffe und ohne unlautere Hilfsmittel wird sie sicher] p und für Verkäufer, das heißt für den Staat, aber auch für die Käufer günstig untergebracht werden. Trotzdem zeigte aber auch der Reichsschatzsekretär ein gewisses Bedauern, daß er gegenwärtig nicht auf die„gute alte Tradition“, wie er selbst sagte, zurückgreifen könne, die Kriegsausgaben durch Steuern zu decken. Er begründete das leider nicht so, daß sein Bedauern ganz berständlich gewesen wäre, aber er sagte wenigstens für die Zukunft zu, den Anleihen durch energische Steuern zu Leibe gehen zu wollen. Dabei wiederholte er die zusdrückliche Zustimmung der Reichsregierung zu einerͤriegs⸗ zewinnsteuer in Anlehnung an die Reichsvermögenssteuer. Sehr bedeutsam und eindringlich wirkten auch die Ausfüh⸗ rungen des Redners über die ungeheuren Schäden. die jeder Krieg und ganz besonders dieser Weltkrieg mit sich brächte. Und mit großer Wärme forderte er alle auf, an dem päteren Ausgleich dieser Schäden mitzuarbeiten. Nach dem Reichsschatzsekretär, der klar und gründlich, oft mich mit gutem Witz, gesprochen hatte, kam unser Genosse David zu Wort. Auch er fesselte das Haus durch eine scharfformulierte und rhetorisch ausgezeichnet durchgeführte Rede. Im Auftrage der Fraktion sprach er zunächst Dank und bewundernde Anerkennung dem Heer und ider Flotte aus, die das eigene Land vom Feinde frei⸗ (halten und damit vor den Schrecknissen des Krieges be— wvahren. Dieser Dank aber dürfe nicht nur in Wor- ken bestehen, sondern müsse sich auch in Taten zeigen. Er fforderte deshalb zunächst erneut die Abstellung aller Mißstände, die sich noch im Heerwesen, in Be⸗ handlung und Pflege der Soldaten gezeigt hätten. Er forderte stärkere Fürsorge für die Ange⸗ hörigen des Heeres und der Heimat, für die Witwen und Waisen der toten Helden. Dann aber hob er mit be— onderem Recht hervor, wie unumgänglich notwendig es sei, uuch eine gute allgemeine Stimmung draußen vie daheim zu sichern und zwischen Heimat und Heer Hauerndes gegenseitiges Vertrauen und ständige Beruhigung zu schaffen. Unsere Krieger darf nicht die Sorge drücken, ob ie Ihrigen sich daheim gut und ausreichend ernäh⸗ zen können, nicht die bange Frage belasten, ob die Frei- zeit, die sie für das Vaterland gegen die Feinde Deutsch⸗ nands erkämpfen, auch sicher die Freiheit im Innern les Vaterlandes bringen werde. Die physische und velische Widerstandskraft müsse auf allen Gebieten und mit lllen Mitteln erhalten und verstärkt werden. Dadurch wachse draft und Macht gegen alle Feinde Deutschlands, und in ieser wachsenden deutschen Kraft und Macht liege die Sicher⸗ zeit für einen baldigen ehrenvollen Frieden, Ur einen Frieden, der die Eroberungsgelüste der Feinde ver⸗ zichtet, aber auch zeigen werde, daß wir selbstniema 8 inen Eroberungskrieg führen wollten. Die dede fand auch bei den bürgerlichen Parteien einen starken pürdigen Beifall. „Darauf kamen die Führer der anderen Parteien zu orte, während von der Regierung nur noch der Kolonial. natssekretär die Selbstverständlichkeit wiederholte, aß der Friede auch für die Kolonien allein in Europa schlossen werden würde. Bemerkenswert war die Wärme, zit der der nationalliberale Führer Bassermann sich besentlichen Gedanken und Forderungen unseres Redners nrischloß und das Entgegenkommen, das der pol- lische Redner nach der gestrigen Erklärung des Reichs- enzlers für die Regierung zeigte. Allein Herr Oertel fiel s dem einheitlichen Ton der Sitzung heraus, als er in der lit eines Predigers sich über die Frage der Verein arkeit von Krieg und Religion erging, was ihm nicht einmal bei seinen engeren Freunden ungeteilten Beifall eintrug. Die neuen Kriegskredite wurden dann wie eine notwendige Selbstverständlichkeit einmütig angenommen. Nur bei der Schlußabstimmung, die überraschend schnell kam, warf Liebknecht in der dritten Lesung als Einziger sein Nein in die Wagschale. Aus dem Reichstage. Wirtschaftsfragen vor der Budgetkommission. (Sitzung vom Freitag.) Abg. Simon(Soz.): Angesichts der Tatsache, daß bei Beginn des Krieges alles improvisiert werden mußte, ist es zu verstehen, daß Fehler gemacht worden sind. Im Laufe der Zeit hätte man aber diese Fehler ausgleichen können. Am schlimmsten war es in Bayern, wo sich ländliche Genossenschaften von den Mühlen 2 Mark ro Sack extra haben bezahlen lassen. Auch jetzt gestattet die bayerische Regierung noch Zuschläge bis zu 63 Pfg. über den Höchst⸗ preis. Infolge unzweckmäßiger Behandlung des Mehles sind große Vorräte verdorben. Die Spannung zwischen Getreide und Mehl ist unhaltbar. Die Obsternte wird verwilstet dadurch, daß das Obst unreif abgenommen und an die Marmeladenfabriken verkauft wird. Redner bespricht sodann die Preistreiberei auf dem Leder⸗ markt. Das Reich hat sich einen Anteil am Gewinn vorbehalten: das macht pro Monat 14 Millionen Mark aus. Das Paar Stiefel⸗ sohlen wird dadurch mit einer Mark für die Reichskasse belastet. Es sei dringend davor zu warnen, dem Verlangen der Interessenten nach Erhöhung der Preise für Rohhäute Folge zu geben. Die An⸗ sicht ist total falsch, daß die Lage der Arbeiter günstig sei. Das Volk weiß natürlich, daß eine Knappheit an Lebensmitteln nicht zu umgehen war; wogegen man sich wenden muß, das ist der ungeheuer⸗ liche Wucher, der getrieben wird. Wenn man sich einen Erfolg ver⸗ spricht von der Einführung fleischloser Tage, so kann man dabei die Arbeiter gewiß nicht im Auge haben, denn in diesen Kreisen kennt man längst fast nur noch fleischlose Tage. Man darf nicht immer die Arbeiter der Rüstungsindustrie als Beispiel anführen, sondern an jene Massen denken, die seit Monaten nicht mehr voll beschäftigt sind. Die Kriegsunterstützung an die Familien ist absolut unzureichend. In dem besetzten Belgien sind die Lebensmittel weit billiger als in Deutschland. Bei der Sicherung der neuen Ernte möge man aus den Fehlern lernen, die in der Vergangenheit ge⸗ 5 5 worden sind und insbesondere erträgliche Höchstpreise fest⸗ etzen. Abg. Erzberger(3tr.) Diese scharfen Debatten zeigen, wie die Kritik ausfallen wird, die nach dem Krieg an den Maß⸗ nahmen der Regierung geübt wird. Deshalb liegt es auch im Intevesse der Regierung, einen Beirat aus dem Reichstag zur Seite zu haben. Der Reichstag darf nicht ausgeschaltet werden. Den Gemeinden soll das Recht zugestanden werden, Höchstpreise festzu⸗ setzen, sonst werden die Preise in der Tat unerschwinglich. Die Braukontingente sind ein Objekt des Handels geworden: die großen Brennereien kaufen die kleinen Kontingente teuer auf und schlagen diese Kosten auf die Bierpreise. Die Einschränkung der Bier⸗ produktion bedeutet eine schwere Schädigung für die Hopfenbauern. Die Spekulanten kaufen jetzt den Hopfen zu Spottpreisen auf, lagern 5 0 werden ihn nach dem Krieg zu hohen Preisen wieder ver⸗ aufen. Präsident Kautz gibt die schwierige Lage der Produzenten von Hopfen zu. Ob eine durchgreifende Hilfe möglich ist, soll er⸗ wogen werden. Abg. Schmidt⸗Berlin bespricht den vertraulichen Bericht der Zentral⸗Einkaufsgesellschaft und empfiehlt, diesen Bericht nach Beendigung des Krieges der Oeffentlichkeit zu übergeben. Wir bestreiten nicht, daß die Produktionskosten der Landwirtschaft ge⸗ stiegen sind: die Steigung war aber nicht so, daß sie die hohen Preise rechtfertigen würde. Insbesondere ist es nicht wahr, daß die Arbeitslöhne auf dem Lande gestiegen sind. Den Landarbeitern ist durch die Kriegsgefangenen divekt Konkurrenz gemacht worden. Der Landrat in Gumbinnen hat sogar davor warnen müssen, Land⸗ arbeiter zu entlassen. Im Harz erhalten ländliche Arbeiterinnen ohne Verpflegung nur 1,20 Mark pro Tag. Im Interesse der kleinen Landwirte liegt es, die Preise für Hafer und Gerste herab⸗ zusetzen. Diese Schichten müssen den großen Besitzern Gerste, Hafer, mitunter auch Kartoffeln, zu enorm hohen Preisen abkaufen. Weit schlimmer ist noch die Lage der kleinen Leute auf dem Lande. Dort herrscht eine förmliche Erbitterung gegen den Großgrundbesitz. Der Fleischkonsum ist in weiten Kreisen der Arbeiterschaft längst eingestellt, aber auch die Preise für Hülsenfrüchte sind nicht mehr zu bezahlen. Es bleibt nichts weiter übrig, als die freie Konkurrenz auszuschalten. Zum Zwecke der Spekulation sind enorme Mengen von Zucker und Reis zurückgehalten worden. Wir miissen Höchst⸗ preise haben für Hülsenfrüchte, Milch und Butter. Der gleiche Un verantwortliche Wucher wird mit dem Gemilse betrieben. Das Parlament müsse eine Kommission einsetzen mit dem Rechte der eid⸗ lichen Vernehmung von Zeugen, um einmal festzustellen, wo die Preistreiber sitzen. Abg. Dr. Pfleger(3tr.) bespricht die mangelnde Organi⸗ sation der Fleischversorgung und fordert eine umfassende Hilfs⸗ aktion für die Hopfenbauern, die sonst direkt dem Ruin verfallen. Abg. Behrens(Wirtsch. Ver.) erörtert die Frage des Wild⸗ 1 und fordert einen zwangsweisen höheren Abschuß des ildes. Abg. Herold(Ztr.) hält Höchstpreise für Saatgut für praktisch undurchführbar und regt eine bessere Verteilung der Kleie an. Unterstaatssekretär Richter sagt zu, daß nach dem Kriege der Bericht der Zentral⸗Einkaufsgesellschaft der Oeffentlichkeit über⸗ geben werden soll. Höchstpreise für Milch und Butter sind in Er⸗ sich dagegen erklärt, weil kein Produzent, der seine Vollmilch ver⸗ kaufen könne, daran denke, sie zu verarbeiten. Die Eiereinfuhr ist gegen früher verschwindend gering; sie wird sich heben, nachdem Galizien freigegeben ist; trotzdem ist mit einer Kalamität in der Eierversorgung zu rechnen. Daß in der Regelung der Zuckerfrage Fehler gemacht wurden, ist zuzugeben: diese Fehler ließen sich aber nicht vermeiden, weil man nicht alle die Schliche des Zuckerhandels zu übersehen vermochte. Die Behauptung, daß erheblichere Mengen Obst nach Holland gegangen sind, ist nicht richtig. Zur Abstimmung standen nunmehr etwa 30 Anträge. Um Komplikationen zu vermeiden, wurde beschlossen, mit wenigen Aus⸗ nahmen alle Anträge als Material zu überweisen.. Angenommen wurden sene Anträge, die verlangen, daß der e für die wirtschaftlichen Maßnahmen ein Beirat aus Mitgliedern aller Fraktionen des Reichstags beigegeben wird. Im weiteren Verlaufe der Debatte wurde die Petroleum⸗ frage erörtert, wobei Abg. v. Gamp anregt, den Städten, die Gasanstalten besitzen, kein Petroleum zu geben. Von einem Regierungsvertreter wird versichert, daß einem Petroleummangel möglichst gesteuert wird. Die Regelung der Ver⸗ sorgung set erleichtert dadurch, daß man nur mit wenigen Gesell⸗ schaften zu rechnen habe. Abg. Weilnböck(kons.) versichert auch bei dieser Gelegen⸗ heit wieder, daß sich die Landwirtschaft in einer recht schlechten Lage befinde. Durch die Ueberlassung von Kriegsgefangenen ist die Landwirtschaft belastet worden. Abg. Hoch(Soz.) weist das Verlangen des Abg. v. Gamp. den Städten kein Petroleum zu überlassen, zurück mit dem Hinweis auf die Heimarbeiter und die sonstigen kleinen Leute, die Petroleum haben müssen. Abg. Wurm fragt, ob sich die Regierung bereits mit der Azotylengesellschaft in Verbindung gesetzt habe.— Von einem Ver⸗ treter der Regierung wird erklärt, daß die Verhandlungen an der Höhe des Carbidpreises gescheitert sind. 5 Abg. Gothein verlangt, daß endlich in den Kasernen die Petroleumbeleuchtung beseitigt wird. Man soll elektrisches Licht einrichten, damit das Petroleum der Bevölkerung verbleibt. Abg. Schiffer(Natl.) begründet dann einen Antrag, der bezwecken foll, daß bei Bestrafungen wegen Vergehen gegen den §h des Belagerungszustandsgesetzes auch Geldstrafe zulässig fein soll. Wegen Bagatellen müssen die Gerichte jetzt auf Gefängnis erkennen. Redner empfiehlt, die Angelegenheit auf dem Verord⸗ nungsweg zu regeln. 1 Ein ähnlicher Antrag ist auch von sozialdemokratischer Seit⸗ gestellt worden. Staatssekretär Lisco gibt zu, daß hier ein Mißstand vorliegt Wegen kleinlicher Dinge muß ein großer Apparat in Bewegung gesetzt werden. Dem kann abgeholfen werden durch Einführung des Verfahrens mittels Strafbefehl. Diese Abänderung herbeizuführen sei die Militärverwaltung in der Lage, ohne daß erst der Weg der Gesetzgebung beschritten werden müsse. Abg. Liesching (Fortschr.) führt einen Fall an, in dem eine alte Dame, die sich zu erschießen versuchte, wegen verbotenen Waffentragens mit Gefäng⸗ nis bestraft wurde. Abg. Kreth findet, daß die Gerichte zu milde bestrafen. Die Anträge werden angenommen. Abänderung des Reichsvereinsgesetzes. Die achte Kommission des Reichstags, der die sozialdemokrati⸗ schen und polnischen Anträge auf Aufhebung des Sprachen⸗ und des Jugendlichen-Paragraphen des Vereinsgesetzes zur Beratung über⸗ wiesen worden sind, trat am Freitag erstmals zufammen. Unsere Genossen stellten den Antrag, daß die Kommission auch Bestimmungen beschließen möge, die den Begriff des politlischen Vereins ändern und die Gewerkschaften und die Sport⸗ und sonstigen unpolitischen Vereine der Arbeiter gegen polizeiliche und gerichtliche Verfolgungen sichern sollen. Namens der verbündeten Regierungen erklärte Ministerial⸗ direktor Lewald, die Jugendlichen⸗ und die Sprachen⸗ frage hätten eine solcheminente politische Bedeut⸗ ung und seien Gegenstände so leidenschaftlicher Kämpfe gewesen, die sich bei der erneuten Entscheidung dieser Fragen wiederhalen würden, daß die Regierungen in der gegenwärtigen Zeit zu— Dingen weder nach der positiven noch nach der negativen Seite zin Stellung nehmen könne. Der Redner fuhr fort:„Anders ver⸗ hält es sich mit der Rechtsstellung der Gewerkschaften im Rahmen des Vereinsgesetzes, da die hier ausgesprochenen Wünsche nur die Sicherung eines Rechtszustandes erstreben, den die gesetzgebenden Faktoren bei Erlaß des Gesetzes im Auge gehabt haben. Die Reichsleitung hat stets— auch bei der Beratung des Entwurfs zum Vereinsgesetz— den Standpunkt vertreten, daß ein Berufsverein, der sich in den Grenzen der ihm durch § 152 der Gewerbeordnung gestellten Aufgaben hält, kein poli⸗ tischer Verein ißt. Dieser Auffassung hat noch kürzlich der Herr Stellvertreter des Reichskanzlers Ausdruck gegeben mit dem Hinzufügen, daß Berufsvereine wohl auch dann nicht als polittsche Vereine anzusehen sind, wenn sie sich bei etwaigen politischen Er⸗ örterungen auf die gesetzgeberischen Angelegenheiten beschränken, die mit ihrem Geschäftsbereiche nach Maßgabe des§ 152 der Ge- werbeordnung im unmittelbaren Zusammenhange stehen. Mit dieser Stellungnahme hat sich, wie zugegeben, die Praxis der Ver- waltungsbehörden und die Rechtsprechung nicht immer im Einklang befunden. Die Reichsleitung ist deshalb bereits in eine Prüfung der Frage eingetreten, welche gesetzgeberischen Maßnahmen zu er⸗ greifen sein werden, um den Gewerkschaften, entsprechend ihrer Be⸗ deutung im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben, auf dem Ge⸗ biete des Vereinswesens die nötige Freiheit zur Betätigung ihrer berechtigten wirtschaftlichen und Wohlfahrtsbestrebungen zu sichern, zumal die Gewerkschaften sich vom Beginn des Krieges an in un⸗ eigennütziger und aufopfernder Weise in den Dienst der Aufgaben wägung gezogen worden; sowohl Produzenten und Händler haben! gestellt haben, die das Wohl des Vaterlandes, seine äußere und Wann dem Reichstag eine ent⸗ innere Wehrhaftmachung erheischt. 0 t läßt sich indessen zurzeit sprechende Vorlage gemacht werden kann, noch nicht übersehen.“ Die Abgg. Dr. Oertel, Müller⸗Meiningen und Ob⸗ kircher führten aus, daß sich die Kommission auf eine allgemeine Erörterung der Beschwerden beschränken solle, zu denen das Ver⸗ einsgesetz und seine Handhabung Anlaß gegeben habe. Dem traten unsere Genossen Heine, Landsberg und Legien entgegen. Gegenüber dem Schreckgespenst einer möglichen, Gefährdung des Burgfriedens machte Genosse Heine geltend, daß der Burg⸗ frieden, solange namentlich der Sprachen paragraph bestehe, eine Unwahrheit sei. Genosse Landsberg führte aus, wenn die Regierungen die Haltung der Gewerkschaften während des Krieges als einen Grund für ihre Befreiung von vereinsrechtlichen Fesseln anführe, müßten sie sich auch mit der Aufhebung der⸗ senigen Bestimmungen des Vereinsgesetzes einverstanden erklären, die ausnahmegesetzlichen Charakter hätten, denn auch diejenigen Schichten der Bevölkerung, die von jenen Bestimmungen bedrückt würden, hätten ihre Pflicht gegen unser Land erfüllt. In einer Zeit, wie der jetzigen, dürften Ausnahmegesetze nn icht einen Augenblick mehr bestehen bleiben. Die Kommission beschloß, sich nicht auf eine allgemeine Aus⸗ sprache zu beschränken, sondern in eine Beratung der sämtlichen ihr vorliegenden Anträge einzutreten.. Nach längerer Beratung wurde mit allen gegen eine konser⸗ vative Stimme der erste Antrag unserer Genossen auf Aenderung des Begriffs des politischen Vereins angenommen. Während nach § 3 des bestehenden Vereinsgesetzes jeder Verein, der eine Ein⸗ wirkung auf politische Angelegenheiten bezweckt, den für politische Vereine geltenden Beschränkungen unterliegt, ganz gleich, worin die Einwirkung besteht, sollen fortan als politisch nur solche Ver⸗ eine gelten, die bezwecken, politische Gegenstände in Versammlungen zu erörtern. Diese Abänderung stellt eine Verbesserung dar, namentlich in Verbindung mit einem ferneren Antrag unserer Ge⸗ nossen auf einen besonderen Schutz der Berufsvereine, dem alle Parteien, mit Ausnahme der konservativen, grundsätz⸗ lich zu stimmten. Abgelehnt wurde der Antrag unserer Ge⸗ nossen, die politischen Vereine von der Pflicht zur Einreichung der Satzung und des Verzeichnisses der Vorstandsmitelieder zu be⸗ freien. Dafür stimmten acht Abccorducte(unsere sieben Genossen und der Pole), darccen 11 Ibecerdnete lalle anderen Parteien). Nächste Si Camstag 9% Uhr. Die Wresse zur Neichstagstagung. Zur gestrigen Bewilligung der 10 Milliarden-⸗Forderung sagt der Berliner Lokalanzeiger: Der Reichstag ist der seit Beginn des Krieges beobachteten Haltung bis zur Stunde treu geblieben. Er hat gestern einmütig die geforderten 10 Mil⸗ liarden Mark zur weiteren Kriegführung bewilligt. Der Reichs⸗ schatzsekretär hat ihm die Annahme der Vorlage durch seine vor⸗ bildliche, klare Begründung leicht gemacht. Von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten herrschte beinahe völlige Einigkeit bei der Beurteilung unserer Lage, allenthalben Stolz und Genug⸗ tuung über die glänzenden militärischen Erfolge, allenthalben auch ein tiefes Dankgefühl für die, die zum Schutze des Vater⸗ landes und zur Besiegung der Feinde ihr Leben eingesetzt haben und zu diesem der feste Wille, für die Invaliden und sonstigen An⸗ gehörigen der Kriegsteilnehmer ausreichend zu sorgen ohne jede Kleinlichkeit. 225 Das Berliner Tageblatt schreibt: In der Geschichte des neuen Deutschland wird der 20. August auch parlamentarisch ein denkwürdiger Tag sein. Der Reichstag hat gestern nicht nur bis auf die einst peinliche und jetzt Mitleid erregende Ausnahme Liebknechts einmütig dem neuen 10 Milliarden⸗ Kredit zugestimmt, sondern auch durch die freie Aussprache, die gestern zum ersten Male über die großen politischen Fragen statt⸗ fand, bewiesen, daß der Geist des 4. August 1914 nach einem vollen Kriegsjahr in der deutschen Volksvertretung noch lebendig ist. Die Sitzung war würdig unserer grauen Volksgenossen draußen. Und wie die Ereignisse auf die Volksvertretung, so werden deren Be⸗ schlüsse auch auf die Kämpfer im Felde zurückwirken. Die Vossische Zeitung schreibt: Hinter den Worten des Kanzlers stehen die ruhmreichen Taten unseres Volkes in Waffen, hinter den Worten des Reichsschatzsekretärs stehen die Leistungen des werktätigen Volkes daheim. Die Haltung, die der Reichstag gestern einnahm, zeigt von neuem, daß die Volksvertretung, hinter der das Volk steht, noch keinen Finger breit von jenem Posten ge⸗ wichen ist, auf dem der denkwürdige 4. August des vorigen Jahres stand. Nach dem Reichsschatzsekretär sprachen die Vertreter aller Parteien und ihre Ausführungen ergaben einen völligen Zusammen⸗ klang in dem unerschütterlichen Willen, durchzuhalten und kein Opfer zu scheuen, bis ein Friede errungen ist, würdig der unerhör⸗ ten Kraftanspannung des deutschen Volkes. Auch die anderen Morgenblätter sprachen sich in ähnlichem Sinne aus. Russische Unzufriedenheit mit den Bundesgenossen. Die russischen Botschafter in Paris und London erhoben einer Meldung aus dem Haag zufolge Vorstellungen über die Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 56 Im Rautenkranz war schon heute ein buntes Gedränge von Menschen in Trachten aus allen Landesgegenden, und dazwischen sah man Soldaten von allen Waffengattungen, die sich hier bei Angehörigen und Verwandten gütlich taten. Aber mitten im Gewoge beharrte die stattliche Rautenwirtin an der Anrichte wie ein Fels im Strome, und je lärmender und unruhiger es um sie her wurde, um so bedachtsamer und gemessener erteilte sie ihre Befehle und zählte alles genau nach, was aufgetragen wurde. Dazwischen fand sie immer noch Zeit, auf Nachfragen der Gäste bündigen Bescheid zu geben. Als sich Fränz mit Munde zu ihr hindurchgedrängt hatte, wurde erstere mit besonderer Freundlichkeit bewill⸗ kommnet. Die Rautenwirtin sagte, daß der Schaffner, mit dem sie damals gefahren sei, Fränz nicht genug habe rühmen können, und wie man ihr überhaupt viel Gutes nachsage, daß sie Vater und Mutter so getreulich pflege. Fränz war stolz und hochfahrend, und doch war's ihr beim Lobe der Frau Rautenwirtin, als setze man ihr eine Krone auf. Diese Frau hatte es durch Schweigsamkeit und Zurückhaltung dahin ge— bracht, daß schon eine freie Anrede, um wie viel mehr ein Lob von ihr als Ehrenschmuck galt; und sammelte sich hier gute Nachrede, so war man deren im ganzen Lande gewiß. Mit seltsamer Befangenheit sagte nun Fränz, daß sie mit Munde verlobt sei. Die Rautenwirtin zog nur ein wenig die Brauen ein und sagte:„Das ist schnell'gangen. Ich wünsch' Glück.“ Dann wendete sie sich um und gab anderen Gästen Bescheid. Munde saß verdrossen bei Fränz, die Eifersucht hat einen raschen Scharfblick, er behauptete, Fränz schäme sich seiner, und durch diesen offenen Ausspruch wurde die noch halb schlummernde Empfindung der Fränz plötzlich geweckt. „Und wenn's wär',“ sagte sie aufbegehrend,„wenn ich ein Mann wär', ich tät' mir eher die Zung' abbeißen, ehe ich einem Mädle sagen tät', es kann sich meiner schämen. Aber du, freilich, du bist dagestanden wie der Bub', der die Milch geringe Tätigkeit der englisch⸗französischen Streitkräfte an der Westfront und sie drängen auf das schärfste zu einer Offen⸗ sive. Kitchener ist zur Beratung der Kriegslage neuerdings nach dem Festlande abgereist. Der„nutzlose“ U⸗Bootkrieg. Wie die Morgenblätter aus dem Haag melden, hat Eng⸗ land infolge starker Vermehrung der deutschen Unterseeboote im Kanal den gesamten Verkehr von Post⸗ und Wertsendungen mit dem Festlande und mit Amerika eingestellt. Die belgische Armee zurückgezogen? D. D. P. Haag, 21. August. Aus Le Havre wird gemeldet, daß der größte Teil der belgischen Armee von der Front zurückgezogen wurde. Von den sechs Divisionen befindet sich nur noch eine im Feuer an der Front. Die anderen sind in französischen Städten weit vom Schuß in Garnisonen geschickt worden. Krlegsnustizen. Das Generalkommando des 7. Korps hat nicht nur die Ver⸗ breitung der Berner Tagwacht verboten, es hat auch eine Reihe von Schriften, die in London und Paris er⸗ schienen sind, auf den Inder gesetzt; darunter befinden sich: Whitridge, Die Ansicht eines Amerikaners über den Europäischen Krieg(London), Fishex, Der Wert kleiner Staaten(London), Drei Reden von Churchill, Kitchener und Lloyd George vom 26. und 27. November 1914(London), Lanessan, L'empiere Germanique sons la direction de Bismarck et de Guillaume II, Bourgin, Le Militarisme Allemand. In der Danziger Niederung ist. storbenen Schiffer Otto Tabbert, der auf einem fiskalischen Bagger beschäftigt war und wohnte, amtlich die Cholera als Todes⸗ ursache festgestellt worden. Das Weichselwasser ist als v erseucht erklärt worden. Im Provinzialausschuß der Provinz Westfalen wurde mit⸗ geteilt, daß der Steuerertrag im abgelaufenen Jahre 130 000 Mark höher gewesen ist als veranschlagt war. Die finanziellen Verwaltungsergebnisse seien wenig beeinflußt worden. Die westfälische Provinzial(Landes)-Bank hat unter der Einwirk⸗ ung der finanziellen Vorkehrungen ihren Umsatz von 675 Mill. Mk. auf 1253 Mill. Mk. gesteigert. Die Angaben über die Ernteertr äge der Provinzial⸗ güter lassen erkennen, daß Roggen, Gerste und Kartoffeln we sent⸗ lich höhere Erträge als im Vorjahre liefern. Wie wir bereits berichteten, demonstrierten am Freitag und Samstag in voriger Woche etwa 400 Frauen in und vor dem Rat⸗ hause in Hamborn um eine Erhöhung der Kriegs⸗ unterstützung. Das energische Verlangen der Kriegerfrauen um eine Erleichterung ihrer drückenden Lage hat einen kleinen Erfolg gehabt. Die Stadtverordneten Hamborns haben in ihrer Sitzung vom 18. August beschlossen, die Unterstützungssätze ab 1. September ds. Is. monatlich um 2—6 Mk. zu erhöhen. Die niederrheinische Stadt Höhscheid bei Solingen erwählte an Stelle eines bürgerlichen Beigeordneten, dessen Amtszeit abge⸗ laufen ist, den Gen. Karl Klein mit elf gegen acht Stimmen. Be⸗ reits vor einigen Wochen hat Höhscheid einen sozialdemokratischen Beigeordneten gewählt. Die Bestätigung dieses Genossen ist noch nicht erfolgt. 35 Nach einer Pariser Meldung wurde die radikal⸗sozia⸗ listische Gruppe von Viviani benachrichtigt, daß das Mini⸗ sterium die Ausgabe französischer Verlustlisten ab November d. J. in Vorbereitung genommen habe. Tagesberichte des Großen Hauptgvartierz. Ueber die Jesia und die Biala vorwärts. Vor Brest⸗Litowsk und bei Wlodawa weitere Fortschritte. 5 W. B. Großes Hauptquartier, 21. Aug., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Keine besonderen Ereignisse. Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Bei den Kämpfen östlich von Kowuo wurden 450 Gefangene gemacht und 5 Geschütze erbeutet. Südlich von Kownv gab der Gegner seine Stel⸗ lung an der Jesia auf und wich nach Osten zurück. am 4. d. M. bei dem ver⸗ Bei Gubele und Sejdny wurden russische S lungen erstürmt. N In den Kämpfen westlich von Russen 610 Gefangene(darunter 5 schinengewehre. g f 0 0 Die Armee des Generals v. Gallwitz nahm Bielsk und warf südlich davon die Russen über die Bi ela. Heeresgruppe des Gen eralfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Erneuter feindlicher Tykoein verloren d Offiziere) und 4 Ma früh in weiterem Rückzuge. Es wurden über 1000 Gefangene gemacht. Heeresgruppe des Gen eralfeldmarschalls v. Mackensen.* Nachdem der linke Flügel über den Koterka-⸗Abschnitt und den Bug an der Pulwamündung vorgedrungen war, setzte der Feind auch auf dieser Front den Rückzug fort. Vor Brest⸗Litowsk und östlich von Wloda wa wurden weitere Fortschritte gemacht. l Oberste Heeresleitung. Ein Seegefecht im Rigaer Meerbusen. W. B. Berlin, 21. Aug. der Ostseee sind in den Rigaer usen sich durch zahlreiche, geschickt gelegte Minenfelder und Netzsperren unter mehrtägigen schwierigen Räumungsarbeiten Fahrstraßen ge⸗ bahnt hatten. Bei den sich 1 ein russisches Torpedoboot der Emir Bucharskat⸗Klasse vernichtet. Andere Torpedoboole, darunter„Novik“, und ein größeres Schiff wurden schwer beschädigt. Beim Rückzuge der Russen am Abend des 19. August in den Moonsund wurden die russischen Kanonenboote„Seiwutsch und„Korejetz“ nach tapferen Kämpfen durch Artilleriefeuer und Torpedoangriffe versenkt. 40 Mann der Besatzung, darunter zwei Offiziere konnten, teilweise schwer verwundet, durch unsere Tor⸗ pedoboote gerettet werden. Drei unserer Toepedoboote wurden durch Minen beschädigt. Von ihnen ist ein Boot gesunken, eins konnte auf Strand gesetzt, eins in den Hafen gebracht werden. Unsere Verluste an Menschen⸗ leben sind gering. Der Stellvertreter des Chef des Admiralstabs. gez. Behnke. a W. B. Großes Hauptquartier, 22. Aug., vorm.(Amtlich) Oestlicher Kriegsschauplatz. N Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Die Armee des Generals von Eichhorn machte östlich und 4 südlich von Kowuo weitere Fortschritte. Beim Erstürmen einer Stellung nördlich des Zuwinty⸗ Seeds wurden 750 Russen gefangen genommen. Die Zahl der russischen Gefangenen aus den Kämpfen westlich Tykocin erhöhte sich auf über 1100. Die Armee Narew über die Eisenbahn Bialyst o k—Brest⸗Litom 8E weiter vor. An Gefangenen wurden in den beiden letzten Tagen 13 Offiziere und über 3550 Mann eingebracht. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. i Unter siegreichen Gefechten überschritt die Heeresgruppe 9 gestern die Eisenbahn Kleszezel e—Wisoka-Litowsk. Den erneut sich setzenden Gegner warfen deutsche Truppen heute früh aus seinen Stellungen. Es wurden über 3000 Ge⸗ fangene gemacht und eine Anzahl Maschinengewehre erbeutet, Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen.„ Die Angriffe der deutschen und österreichisch-ungarischen 1 Truppen in den Abschnitten der Koterka, der Pulwa, am Bug oberhalb Ogrodniki, vorwärts. 5 0 Vor der Südwestfront von Brest⸗Litowsk nichts Neues. Bei und nordwestlich von Piszea(nördlich von Wlodawa) dauern die Kämpfe an. Oberste Heeresleitung. verschüttet hat. Ich sag' dir's noch einmal, du mußt ganz anders werden, oder du bringst's dahin, daß ich mich deiner schäm', ja, dahin bringst's, ja, daß du's nur weißt.“ Munde behielt nur die ersten Worte der Fränz, und er fühlte, daß sie recht habe. Die gereizte Seelenstimmung hat aber etwas wahrhaft Ansteckendes. Munde war von Fränz gedemütigt worden, und nun mußte er ihr Gleiches entgelten; mit fast schadenfroher Miene sagte er:„Mir hat's für dich einen Stich ins Herz'geben, wie die Rautenwirtin dich ge⸗ lobt hat, daß du ein so gutes Kind gegen deinen Vater bist. Wenn die Leute wüßten, wie's eigentlich ist...“ Fränz knirschte die Zähne übereinander und sah Munde mit einem zermalmenden Blicke an; hätte sie ihn damit in Stücke zerreißen können, sie hätte es getan. Sie wollte auf⸗ stehen, aber Munde hielt sie fest und sagte begütigend:„Die Fahrt mit dem ewigen Gezerr hat uns alle miteinander dumm gemacht. Wir wollen gar nichts mehr reden. Ich geh' jetzt noch vor dem Appell ein bißle in die Kasern' zu meinen Kameraden. Vergiß' alles und denk' gut an mich. Gib mir ein' Hand. So, b'hüt dich Gott.“ Munde ging nach der Kaserne. Er war jetzt ein ganz anderer Mensch als vor einigen Monaten, da er diesen Weg so oft abgeschritten. Zuerst, als ihm der Vater das Erbe der Rache aufdrängen wollte, und dann, als er von Diethelm das Erbe des Verbrechens überkam, war in sein träumerisches, still umfriedetes Wesen eine gewaltige Gärung gekommen, er war zaghafter und kraftloser als je. Er war überhaupt nicht geschaffen, sich mit fester Hand ein Schicksal zu bereiten; von Kindheit auf Medard sein Führer und Ratgeber in allem, als Hirte führte er ein fast gedankenloses Leben, pfeifend und rauchend, und als er Soldat wurde, brachte dies keine bedeutsame Wandlung in ihm hervor; er war anstellig und pünktlich, als stiller, allzeit wohlgemuteter Bursch beliebt, aber ohne sich irgendeine besondere Geltung zu verschaffen; nur mit seiner Kunstfertigkeit im Pfeifen hatte er sich bei der Kompagnie beliebt gemacht und davon den Beinamen Pfifferling erhalten. Jetzt, so plötzlich in die Erfüllung seines einzigen und höchsten Wunsches eingesetzt, ging er oft wie traumwandlerisch umher, und nur der Gedanke an das geschehene noch so dunkle Verbrechen schreckte ihn oft auf. Er freute sich, daß er Fränz gewonnen und all das große Gut dazu; er wäre aber am liebsten Hirt gewesen, träumend wie in alten Tagen bei seiner Herde. Das viele Gut und die tausend Tätigkeiten dafür, die er übernehmen sollte, erdrück, ten ihn fast. Darum konnte er dem Wunsche der Fränz nicht nachgeben, ihm war es ja lieb, wenn Diethelm solange als möglich alles unter seiner Obhut behielt. 3 Jetzt, auf dem Wege nach der Kaserne, sagte er sich, dag Fränz doch recht habe, er müsse anders auftreten, kecker und umsichtiger. Nicht nur seine Liebe zu Fränz stieg aufs neus in ihm auf, er empfand auch eine große Hochachtung vor ihrem energischen Wesen, das, allzeit geweckt, den Ding scharf ins Auge sah und sie frei beherrschte. So kam er zu den Kameraden und erzählte ihnen, daß er sich anderntags vom Militär loskaufe und was aus ihm geworden sei; wußte seine künftige Tätigkeit bereits so lebendig als Wirk liche darzustellen, daß alle staunten, wie sich der Pfifferling der stille Munde, dem man das gar nicht zugetraut, veränd hatte. Als er zuletzt sagte, daß er morgen auf dem Mar vier Pferde einkaufe, beschlossen unter Jubel der Feldwebel und einige Kameraden, auch auf den Markt zu kommen, um zu sehen, wie der Pfifferling das mache. 5 Stolz aufgerichtet, mit gespanntem Selbstgefühl, kehrte Munde in den Rautenkranz zurück, er wollte seiner Frän Abbitte tun, daß er so bös gegen sie gewesen sei, und ih sagen, wie er sich nun wacker ins Geschirr legen wolle, daß es ihm landauf landab keiner voraus tun könne. e Als er in den Rautenkranz trat, hörte er in der Küche die Stimme der Fränz, die sagte:„Das ist ja prächtig, daß Sie Kellner im Wildbad geworden sind. Ich komme diesen Sommer mit meinen Eltern auch dahin.“ 1 „Aber Sie sind Braut,“ sagte eine Männerstimme „Ja, mit mir,“ sagte Munde eintretend; er sah ei Mann— es war der älteste Haussohn aus dem Rau kranz— der die Hand der Fränz hielt. 114 (Fortsetzung folgt.] Widerstand wurde gestern abend f und während der Nacht gebrochen. Der Gegner ist seit heute (Amtlich) Unsere Seestreitkräfte in Meerbusen eingedrungen, nachdem sie entwickelnden Vorpostengefechten wurde 9 des Generals v. Gallwitz dringt südlich des sowie am Unterlaufe der Krsna schreiten 1 15 N und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Hessen — Ein Kriegsausschuß für Konsumenteninteressen soll nun auch in Gießen gegründet werden. Der Gießener Bür— gerverein und das Gewerkschaftskartell haben sich mit anderen wirtschaftlichen Interessen dienenden Korporationen zusam⸗ mengeschlossen, um eine geminsame Aktion gegen die Lebens- mittelteuerung zu unternehmen. Heute, Montag abend, findet zunächst im Restaurant„Metropol“ eine Zu⸗ sammenkunft aller in Betracht kommenden Körperschaften statt, in welcher die Gründung eines Kriegsausschusses für Konsumenteninteressen erfolgen soll. Dieser Ausschuß soll vorerst die erforderlichen Vorarbeiten für eine für Sonntag, den 29. August, in der großen Aula der Universität geplante Protestversammlung erledigen und die Wünsche der Konsu⸗ menten formulieren; später dürfte sich ihm ein großes und arbeitsreiches Feld bieten, auf dem er sich im Interesse aller Konsumenten betätigen muß. Für die Versammlung ist be⸗ reits Herr Meinig, der Vorsitzende des Frankfurter Kon⸗ sumentenausschusses, als Referent gewonnen, doch besteht die Absicht, ein zweites Referat durch eine Frau erstatten zu lassen, weil man der sehr richtigen Auffassung ist, daß unsere Frauen noch mehr wie die Männer die Lebensmittelteuerung spüren und ihnen deshalb ein Referat von sachverständtger Seite nur erwünscht sein kann. Vielleicht nimmt auch ein Vertreter des städtischen Lebensmittelausschusses Veranlassung, in dieser Versammlung die von der Stadt getroffenen Maß⸗ nahmen darzulegen.— Man kann den in Betracht kommen⸗ den Korporationen nur dankbar sein, daß sie die Initiative zur Gründung eines Konsumentenausschusses ergriffen haben. Wir verkennen zwar nicht die großen Schwierigkeiten, die sich dem Ausschuß überall in den Weg stellen werden, hoffen aber trotzdem, daß es ihm— vielleicht gemeinsam mit dem städtischen Lebensmittelausschuß— gelingt, regulierend auf die ganze Preisgestaltung zu wirken, zum Wohle aller Gießener Konsumenten. — Auf dem Wochenmarkt am Samstag waren zum ersten Male auf Grund einer Bekanntmachung des Ober⸗ bürgermeisters die in dem Erlaß des Generalkommandos verlangten Preistaseln an den zum Verkauf gestellten Waren angebracht— manchmal allerdings in recht primitiver und kaum lesbarer Form, was wohl auf die kurze Zeit, die zwischen der Bekanntmachung und dem Markt lag, zurückzuführen ist. Die Marktpolizei war deshalb auch sehr nachsichtig mit den Händlern, empfahl ihnen aber die strikte Befolgung für den nächsten Markttag. Wer sich allerdings von dieser Maßnahme einen Rückgang der Preise versprochen hatte, dürfte sehr ent⸗ täuscht gewesen sein, weil auch am Samstag wieder recht hohe, zum Teil sogar unverschämte Preise verlangt wurden, wie das aus unserem Marktbericht hervorgeht. Die Neuerung hatte nur den Zweck, daß die Händler der vielen Antworten auf die Frage nach den Preisen ihrer Waren enthoben waren. Preisstürzend wirkte sie jedenfalls nicht. Das wird auch nicht anders werden, bis sich die Stadtversspaltung entschließt, ihrerseits große Tafeln mit angemessenen Preisen an verschiedenen Stellen des Wochenmarktes anbringen zu lassen, nach denen sich dann aber auch das kaufende Publikum richten muß. — Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Musketier Wilhelm Müller aus Wetzlar, Inf.⸗Regt. 174. — Ersatz⸗Reservist Willi Müller aus Niedergirmes, Res. Inf.⸗Regt. 222.— Albert Dilp aus Wetzlar, k. k. öster⸗ reichisch⸗ungarisches Landw.⸗Inf.⸗Regt. Nr. 30.— Wehrmann Karl Friedrich Cloos aus Naunheim, Landwehr-Inf. Regt. Nr. 83. - Vorzügliche Ernte— hohe Preise. Aus dem Vogelsberg wird geschrieben: Die letzten starken Regengüsse haben eine gründ⸗ liche Durchfeuchtung des Bodens gebracht und die günstigen Wirkungen der reichen Niederschläge machen sich bereits bei den einzelnen Kulturen bemerkbar. Hauptsächlich sind es die Gemüse⸗ felder, denen der Regen sehr zu statten kam. Die Stangenbohnen setzen noch reichlich an. Aber auch bei Kraut⸗ und Kohlarten, Sellerie, Wirsing une anderen Gemüsepflanzen zeigt der Regen günstiges Einwirken. Für die geforderte zweite Gemüseernte be⸗ deuten die ausgiebigen Regengüsse geradezu die erste notwendige Vorbedingung— Vorzügliche Ernte— unerschwingliche Preise, das reimt sich allerdings schlecht zusammen. — Mehr, besseres und billigeres Brot. Amtlich wird bekannt⸗ gegeben: Mit Zustimmung des Kuratoriums der Reichsgetreide⸗ stelle wird das Ausmahlungsverhältnis für Brotgetreide von jetzt an auf 75 vom Hundert herabgesetzt. Die Herabsetzung bewirkt eine Verbesserung des Brotes und vermehrt die abfallende Kleie. Die zulässige Verfehrmenge, welche bisher einschließlich der Mehl⸗ ration für vermehrt Ernährungsbedürftige 220 Gramm auf den Kopf der Bevölkerung betrug, wird auf 225 Gramm festgesetzt. Eine wesentlichere Erhöhung wird voraussichtlich vor Beginn des Winters eintreten, wenn die Feststellung der Getreidemenge der diesjährigen Ernte abgeschlossen ist.— Wie wir übrigens erfahren, soll demnächst auch eine Herabsetzung des Brotpreises eintreten. — Ausnahmetarif für Heu. Auf den preußisch⸗hessischen Staatseisenbahnen und auf anderen Eisenbahnen ist ein Ausnahme⸗ tarif für Heu eingeführt worden, durch den die bestehenden Fracht, sätze unter besonderen Bedingungen bis um 30 Prozent ermäßigt werben. Der Ausnahmetarif gilt bis auf Widerruf, längstens bis Ende dieses Jahres und kann bei den Eisenbahngüterabfertigungen eingesehen und bestellt werden. — Gefangenenbriefe nach Rußland, Die Rote Kreuz⸗Korre⸗ spondenz schreibt: Das Dänische Rote Kreuz in Kopenhagen, das sich in sehr eifriger und anerkennenswerter Weise der Vermittlung von Auskünften über deutsche Kriegs- und Zivilgefangene in Ruß⸗ land und von Nachrichten an diese widmet, hat darauf aufmerksam gemacht, daß die ihm angegebenen Adressen der Gefangenen häufig ungenau sind und daß viele Briefe daher nicht an die Adressaten ausgeliefert werden können. Ferner klagt es darüber, daß die Namen der Abdressen oft vollständig unleserlich geschrieben seien, und daß es unmöglich sei, Briefe solcher Art zu beantworten. Es ist allen Interessenten dringend zu raten, die vorstehenden Weisungen zu beherzigen, damit dem Dänischen Roten Kreuz viel unnütze Arbeit erspart wird, und damit schließlich etwaige Be— milhungen auch wirklich Erfolg haben. — Höchstpreise für Speisekartoffeln. Im Kreise der Produ⸗ zenten und Händler scheinen falsche Vorstellungen über das Vor⸗ handensein von Höchstpreisen für Speisekartoffeln zu herrschen. Der Bundesrat hat durch Bekanntmachung vom 15. Februar 1915 Höchst⸗ preise für Kartoffeln festgesetzt, die auch heute noch in Geltung sind. Im 8 4 dieser Bekanntmachung ist ein Höchstpreis von 20 Mk. filr erklärend ist dabei die in der Nur flüür den Doppelzentner Frühkartoffeln sestgesetzt. hesagt, daß als Frühkartoffeln nur die Kartoffeln gelten, Zeit vom 1. Mai bis 15. Auguft 1915 geerntet werben. diese gilt der oben bezeichnete Höchstpreis, während für alle andern Kartoffeln, die nach dem 15. August geerntet werden, vorläufig noch der Höchstpreis von 4,25 bis 4,50 Mk. für den Zentner, wie er in § 2 der obengenannten Bekanntmachung des näheren festgesetzt ist, in Kraft ist. Das dürfte besonders für alle diejenigen von Be— deutung sein, die heute noch mit einem hohen Kartoffelpreise auch nach dem 15. August glauben rechnen zu dürfen. Kreis Alsfeld⸗Lauterbach. — Alsfeld erhält Militär. Nach einer an das Alsfelder Kreis⸗ amt gelangten Mitteilung des Generalkommamdos in Frankfurt wird Alsfeld am 1. September mit einem Landsturm⸗Bataillon belegt. Die Truppen treffen am 1. September ein, werden bis zum 5. Sep⸗ tember mit Verpflegung einquartiert und verpflegen sich vom 6. Sep⸗ tember ab selbst. Kreis Wetzlar. — Kartofselverkauf. Die Stadt Wetzlar verkauft gegenüber der Hospitalkirche Kartoffeln zum Preise von 6 Pfg. per Pfund im Ge⸗ wicht von 25, 50, 100 Pfund und mehr. Die Scheine dazu sind vor⸗ her auf der Stadtkasse gegen Barzahlung einzulösen. — Tödlicher Unfall. Der Arbeiter Löcherbach aus Anstoß bei Freudenberg wurde in der Nähe des Bahnhofs Wehbach von einem Zuge erfaßt und getötet. L., Familienvater von 5 unmündigen Kin⸗ dern, hatte vorher Ueberschicht gearbeitet und war scheinbar über⸗ müdet. Von Nah und Fern. Frankfurt a. M., 21. Aug. Geheimrat Paul Ehrlich ist Freitag mittag 2 Uhr in Bad Homburg nach kurzer Krankheit sanft entschlafen. Mit Paul Ehrlich, dessen Namen besonders populär durch das Syphilisheilmittel Salvarsan(Ehrlich⸗Hata 606) geworden ist, verliert die Wissenschaft einen ihrer großen Pfad⸗ finder und das Vaterland einen der berühmtesten Träger deutscher Kultur. Medizin, Naturwissenschaften und Chemie stehen trauernd an der Bahre eines ihrer Großen, der noch voller großzügigen Ideen und Pläne war, die zu verwirklichen ihm ein unerbittliches Geschick nun nicht mehr gestattet. Vermischtes. Mord und Selbstmord. Aus Frankfurt a. M. wird gemeldet: Die Ehefrau eines zur Zeit von Hause abwesenden Kaufmannes unterhielt ein Liebesverhältnis mit dem 22 Jahre alten früheren Metzger, jetzigen Kaufmann Adam Streb. Die Polizei erfuhr, daß die Frau zu einer Freundin geäußert habe, sie würde ihren Ehemann und ihr 3jähriges Kind ermorden, um mit dem Geliebten zu ent⸗ fliehen, und nahm die Frau Samstag Vormittag gegen 1194 Uhr zur Vernehmung in das 12. Polizeirevier in der Kreutzerstraße mit. Dem Transport war auch Streb, der sich als ein Bruder des Ehe⸗ mannes ausgab, gefolgt. In der Polizeiwache zog plötzlich Streb seinen Revolver, brachte seiner Geliebten einen Schuß in die Herz⸗ gegend bei und jagte sich selbst eine Kugel in die Schläfe. Die Ehe⸗ frau, die ins Bürgerspital geschafft wurde, ist schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt worden: Streb war auf der Stelle tot. Die Tat erfolgte so blitzschnell, daß der Schutzmann, der ein Attentat nicht voraussehen konnte, sie nicht zu verhindern vermochte, zumal eh auch ein großer Tisch zwischen ihm und den beiden Personen efand. Telegramme. Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Günstige Kämpfe vor Brest⸗Litowsk. Verlustreiche italienische Angriffe. Die Insel Pelagosa von den Italienern geäumt. Wien, 22. Aug.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: 22. August 1915 mittags. Russischer Kriegsschauplatz. Die Truppen des Generals von Köveß warfen den Gegner abermals aus mehreren Stellungen und trieben ihn über die von Brest⸗Litowsk führende Bahn zurück. Die Armee des Erzherzogs Josef Ferdinand gewann unter erneut einsetzenden Kämpfen bei Wysokow-Litowsk Raum. Hier sowie westlich Brest⸗Litowsk und östlich Wlodawa setzte der Feind dem Vordringen der Verbündeten heftigen Widerstand entgegen. Zwischen Wladimir— Wolynskij und Czernowitz ist die Lage unverändert. Italienischer Kriegsschauplatz. Gegen die Karsthochfläche von Dober do setzte gestern wieder lebhafteres feindliches Geschützfeuer ein. Ein von Bersaglieri gegen den Monte dei Sei Busi geführter Angriff brach nahe vor unserer Stellung im Feuer zusammen. Gegen den Nordwestteil der Hochfläche griffen die Italiener in breiter Front an, wurden aber teils im Kampf Mann gegen Mann geworfen, teils durch unser Artilleriefeuer zum Stehen gebracht. Nachmittags be⸗ schoß der Gegner über unsere Stellungen hinweg einige Stadtteile von Görz aus Feld⸗ und schweren Geschützen. Ein neuerlicher Vorstoß gegen unsere Stellungen nördlich Selo und ein Nachtangriff gegen die Isonzobrücke westlich Tolmein scheiterten unter schweren Verlusten des Feindes. Im Krn⸗Gebiet, im Raume von Flitsch und an der Kärtner Grenze fanden stellenweise Geschützkämpfe statt. An der Tiroler Front griffen zwei italienische Bataillone nach 20stündiger Artillerievorbereitung die Gebirgs⸗ übergänge östlich Tresassi zweimal an; sie wurden abgeschlagen und verloren 300 Tote und sehr viele Verwundete. Das Feuer auf unsere Werke der Folgaria⸗, Lavarone- und Tonale⸗Gruppe hält mit wechselnder Stärke an. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von 5 10 r, Feldmarschalleuinant. Ereignisse zur See: 5 Durch eine Rekognoszierung wurde am 21. August früh fest⸗ gestellt, daß die Insel Pelagosa von den Italienern vollständig ge⸗ räumt und alle Baulichkeiten und Verteidigungsanlagen zerstört worden sind. Die Insel, die nur von den Familien der Leuchtturm⸗ wächter bewohnt war, wurde in der Nacht auf den 11. Juli von den Italienern„erobert“ und dann mit Radiostation und Verteidigungs⸗ anlagen ausgestattet; auch ein Unterseeboot wurde dort stationiert. Die Raids unserer Flieger und die dreimalige Beschießung durch unsere Flottillen brachten dem Feind immer schwere Verluste an Menschen und Material ein. Das Unterseeboot„Nereide“ wurde vernichtet. Dieses mag endlich zur Erkenntnis geführt haben, daß der strategische und taktische Wert dieses Inselchens nicht so hoch war, wie man bei dessen Eroberung glauben machen wollte. Flottenkommando. Vor Brest⸗Litowsk. Dem Berl. Tgbl. wird aus dem K. und K. Kriegspresse— quartier unterm 21. August gemeldet: Brest-Litowsk ist nun⸗ mehr von Süden und Westen eingekreist und hat als letzte Bahnlinie nur die Verbindung nach Minsk—Pinsk— Kowel] Käf frei. Nördlich von Wlodawa haben sich die über den Bug gegangenen Armeeteile Mackensens weiter vorgeschoben. Die Deutschen säuberten den Wald von Arzna fast ganz vom Feinde. Die Armeen Josef Ferdinands und Koeveß' haben den Bug nach Norden hin überschritten, brachen den zähen Widerstand der Russen am Pulwabach und drängten sie gegen das Lesnaflüßchen. Damit stehen die Russen schon im Norden der Festung hart an der durch Rücktransporte über- ladenen und verstopften Bahnlinie. Die Armee Gallwitz ist schon in Bielsk eingezogen, die Armee Eichhorn setzt nach dem Fall der Festung Kowno das Vorrücken fort. Räumung von Kowel, Brest⸗Litowsk und Wilna durch die Zivilbevölkerung. Moskau, 22. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Rußkoje Slowo mel⸗ det, daß Kowel, Brest⸗Litowsk und Wilna von der Zivilbevölkerung geräumt worden seien. Italien erklärt der Türkei den Krieg. Konstantinopel, 21. Aug.(W. T. B.) Der italienische Botschafter Garroni hat heute der Pforte eine Note überreicht, in der erklärt wird, daß Italien sich als mit der Türkei im Kriegszustand befindlich be⸗ trachtet. Zugleich hat der Botschafter seine Pässe verlangt. Als Grund für Italiens Kriegserklärung werden angegeben die Unterstützung des Aufstandes in Libyen durch die Türkei und die Verhinderung der in Syrien ansässigen Italiener an der Abreise. Die Gründe der Kriegserklärung. Aus Chiasso wird der Frankf. Ztg. über die Gründe der Kriegserklärung telegraphiert: Die jtalienische Kriegser⸗ klärung, worauf die Consulta und die italienische Presse mit Hochdruck seit Mai hinarbeiten, überrascht niemanden, viel mehr war sie nach der Sprache der italienischen Presse in den letzten Tagen zur Gewißheit geworden. Die Begründung der Kriegser⸗ klärung durch die Zirkularnote an die italienischen Auslands⸗ vertreter, die zwei Hauptpunkte aufweist, nämlich die angebliche Fortsetzung der türkischen Feindseligkeiten in Tripolitanien und die Verzögerung der Abreise der Italiener aus Kleinasien und Syrien, bildet nur den Vorwand zur Kriegserklärung genau wie zur Einbehaltung des Dodekanesos entgegen dem Friedensvertrag von Lausanne. Mam kennt aus der Vorgeschichte des Tripoliskrieges die Methoden, die Italiens Vertreter gegen die türkischen Behörden auf türkischem Boden anzuwenden pflegten. Die wahren Gründe der Kriegserklärung liegen tiefer: Zunächst sollte die Solidarität mit den übrigen Verbündeten und das Bündnis selbst fester geknüpft werden. Zweitens kann Italien energischer die Bemühungen der Entente auf dem Bal⸗ kan unterstützen, die die Verschenkung türkischen Gebietes zur Voraussetzung haben, das allerdings die Balkenstaaten selbst ex erobern müssen. Weiter ist Italien frei, nunmehr die dau Einbehaltung des Dodekanesos zu verkünden, ferner kann Italien Naibul Sultan, dem vertragsmäßig in Tripoli⸗ tanien residierenden religiösen Vertreter des Kalifen, den Laufpaß geben, dessen Anwesenheit nicht angenehm wirkt, und endlich schafft 2 85 seinen Ansprüchen in Kleinasien die militärische a sts. Ob der Eintritt Italiens die Balkanpläne der Entente begün⸗ stigt, muß freilich angesichts des tiefen Mißtrauens aller Balkan⸗ staaten gegen die italienische Expansion, insbesondere Griechenlands gegen die kleinasiatischen Ansprüche Italiens, bezweifelt werden. Militärisch bringt die neue Kriegserklärung wohl die Teilnahme Italiens am Dardanellenkampfe, dessen Gelingen bei der üblen Lage Rußlands jetzt wesentlicher ist als je, daneben viel⸗ leicht eine italinenische Expedition nach Kleinasien. Der Eindruck in Konstantinopel. Die türkische Presse beurteilt nach einem Telegramm der Frankf. Ztg. aus Konstantinopel mit Ruhe und Würde den Abbruch der Beziehungen zwischen Italien und der Türkei. Allgemein werden die persönlichen Sympathien, die der Botschafter Marquis Garroni genoß, in den Vorder⸗ grund gestellt. Seine schließliche Abreise hat niemand mehr überrascht und niemand wird bedauern, daß mit dem Bruch eine klare Lage geschaffen worden ist. Auf die Balkanstaaten, auf welche England in der Hauptsache spekulierte, als es Italien zwang, die noch bestehenden Bande mit der Türkei zu zerreißen, wird das nicht den geringsten Eindruck machen. Die Türkei wird auch den Kampf gegen Italien aufnehmen. Italien und Rumänien. Im Berliner Lokalanzeiger wird an hervoragender Stelle folgendes mitgeteilt: g Die besonders jetzt nach der an die Türkei erfolgten Kriegserklärung Italiens sehr lebhaft in den Vordergrund geschobene Behauptung, es bestände zwischen Italien und Rumänien eine Konvention, derzufolge man in Bukarest nunmehr zum Eingreifen verpflichtet sei, gehört absolut in das Gebiet der Kombinationen. Es kann mit aller Be⸗ stimmtheit erklärt werden, daß eine solche Verpflichtung Ru ⸗ mäniens nicht besteht und daß dieser Staat nach wie vor freier Herr über seine Entschließungen ist. Der türkische Tagesbericht. Konstantinopel, 22. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: An der Dordanellenfront versuchte der Feind am 21. August nach einem heftigen Artilleriefeuer der Land- und Schiffsgeschütze mit mehr als einer Division einen Angriff in der Gegend von Anafarta. Wir schlugen den Angriff des Feindes vollständig zurück und fügten ihm ungeheure Verluste bei. Im Verlaufe der Schlachten vom 10., 17. und 20. August erbeuteten wir 400 Gewehre mit Bajonetten, eine Kiste mit Bomben und eine große Menge Material. Am 21. August versuchte der Feind am Nachmittag bei Ari-Burnu einen Angriff, der unter unserem Feuer miß⸗ glückte. Bei Sedd-ül-Bahr nichts von Bedeutung.— Auf den übrigen Fronten keine Veränderung. Wochenmarktpreise in Gießen am 21. August 1915 1.60—1.70 Mk.] Zwiebeln Butter per Pfd. per Pfund 20—25 Pfg · Milch Liter 24 Pfg.] Blumenkohl per Stck. 20—50 Pfg Hühnereier Stück 14—15 Pfg.] Weißkraut p. Haupt 10—15 Pfg Gänseeier Stück— Pfg.] Rotkraut p. Haupt 00—00 Pfg- Käse Stück 7—8 Pfg.] Wirsing p. Haupt 15—20 Pfg Käsematte 2 Stück 5—6 Pfg.] Kohlrabi per Stück 6—8 Pfg. Tauben per Paar 1.20— 1.30 Mk.] Gurken per Stück 15—25 Pfg. Hühner per Stück 2.20—2.50 Mk.] Kleine Gurken Stück 2—4 Pfg. Hähne ver Stück 1.00—2.50 Mk.] Bohnen Pfund 15—18 Pfg. Ochsenfleisch per Pfd. 1.12—1.16 Mk.] Kopfsalat per Kopf 8—12 Pfg. Kalbfleisch per Pfd. 100—104 Pig.] Gelbe Rübchen Päckchen 8—12 Pfg. Kuh⸗ u. Rindfl. per Pfd. 112.116 8pfg.] Birnen Pfund 10—15 Pfg. Schweinefleisch Pfd. 160—170 Pfg.] Aepfel Pfund 6—20 Pfg. Hammelfleisch p. Pfd. 96—110 Pfg.] Falläpfel Pfund 4—5 Ufg. Kartoffeln p. Malter 1011 Ml.] Pflaumen Pfund 15— 20 Pfg. Kartoffeln Pfd. 6½—7 Pfg. Heidelbeeren Schoppen 20 Pkg. Keichstag. 15. Sitzung. Sonnabend, den 21. August, nach!!! l r es nie Delbrück. Vor Eitritt in die Tagesordnung erklärt 5 Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): 5 Der Präsident erklärte gestern bei der Abstimmung über den Nachtragsetat, daß die Annahme, soweit er sehen könne, einstimmig erfolgt ist. Ich stelle demgegenüber fest, daß ich bei dieser Abstim⸗ mung, der einzigen, an der ich teilnehmen konnte, und auch der inzigen politisch wesentlichen, selbstverständlich gegen die Kriegs⸗ redite gestimmt habe.(Lachen rechts.) 5 Auf der Tagesordnung stehen die Anträge und Refelptiynen der Budgetkommission und der Abgg. Albrecht und Genctten(oz.) Zur 20 Ernährungsfrage. 5 5 und Verstößen gegen die wirtschaftlichen Maßnahmen an Die Abgg. Reichskanzler zu ersuchen: 1. Zur Versorgung der Bevölkerung Deutschlands mit Nah⸗ rungsmitteln usw. schleunigst eine Zentralstelle für Lebensmittel⸗ versorgung beim Bundesrat zu schaffen unter Hinzuziehung eines Beirats, der aus vom Reichstag ernannten Mitgliedern besteht. Die Zentralstelle erhält das Recht, Lebensmittel zu be⸗ schlagnahmen und zu enteignen, um sie den Kommunalverbänden zu überlassen. 2. Den mit der Preisfeststellung der Lebensmittel betrauten Kommunalverbänden die Befugnis zu erteilen, von den bei der Bildung der Preise beteiligten l Groß⸗ und Klein⸗ händlern, über die der Preisbildung zugrundeliegenden Tat⸗ fachen, sowie von den Verbrauchern über ihre Vorräte Auskunft zu fordern. Verweigerung der Auskunft oder unrichtige An⸗ gaben sind unter Strafe zu stellen. „3. Das im§ 1 der Verordnung des Bundesrats gegen übermäßige Preissteigerung vom 23. Juni 1915 vorgesehene Verfahren der Uebertragung des Eigentums von Gegenständen des täglichen Bedarfs neben den von der Landeszentralbehörde bezeichneten anderen Organen den Krmmunalbehörden zu über⸗ en. 4. Dafür zu sorgen, daß eine Herabsetzung der Getreide⸗ und eine entsprechend niedrige Festsetzung von Mehlhöchst⸗ preisen stattfindet. 8 für Kartoffeln eine ähnliche Verteilungsorgani⸗ sation geschaffen wird wie für Brotgetreide und der Zentral⸗ stelle für Lebensmittelbersorgung unterstellt wird, wobei die * Aufbewahrung der beschlagnahmten Mengen zum größeren Teil den Verbrauchern überlassen werden kann. 6. Daß Höchstpreise mit Anpassung an die letzten Jahre vor dem Krieg, an die Produktionskosten, aber auch an die Zahlungs fähigkeit der minderbemittelten Bevölkerung mindestens für Fleisch, Milch, Fette, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst fest⸗ gesetzt und den Gemeinden die Schaffung einer Hilfsorgani⸗ hation zum Kauf dieser Gegenstände erleichtert wird. Die Kommission beantragt, diese Anträ owie eine Reihe weiterer über dieselben Gegenstände, über 1 des Aus- mahlverhältnisses von Brotgetreide, über angemessene Höchstpreise für Saatgut, Verkehr mit Gerste, Sorge für die arbeitslos wer⸗ denden Textilarbeiter und arbeiterinnen usw. den Verbündeten Regierungen als Material zu überweisen. e 8 Abg. Quarck(Soz.): Um die Landwirtschaft kümmert sich das Reich ganz außer⸗ vrdentlich; es liefert billige und gute Arbeitskräfte durch Ne 85 gefangenen usw., das Reich zahlt den Landwirten auch gute Preise. Trotzdem wird aus landwirkschaftlichen Kreisen geklagt; wenn der 6 e Landeskulturrat 3. B. über niedrige Getreidepreise klagt, o ist das sicherlich nur ein Ausfluß von Patriotismus, der dazu helfen soll, daß mehr Kriegsanleihe gezeichnet werden kann. (Heiterkeit und Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Den Hafer⸗ preis 155 der Bundesrat eben erst um nicht weniger als 300 M. er⸗ höht; die Heeresverwaltung zahlt daher für den von ihr benötigten Hafer 800 Millionen Mark, das heißt 300 Millionen Mark mehr, als den erhöhten Produktionskosten angemessen wäre.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Diese erhöhten Summen sollen den Landwirten offenbar gegeben werden, weil sie für Futtermittel mehr aufzuwenden haben. Für den liefernden Teil der Bevölke⸗ 7 5 ist gut gesorgt. Dem konsumierenden Teil der Bevölkerung 68 zes desto schlimmer.„Weh Dir, daß Du nur Käufer bist!“ (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Aus den Kreisen der staats⸗ treuesten Männer erschallen jetzt Klagen über diese Bevorzugung der Agrarier. Denn auch hier fangen die Frauen an, ihre Männer aufzureigen. Aus den Kreisen des Wehrvereins erschallen Rufe wie„Schamloser Wucher“,„Feinde des Vaterlandes“. Der West⸗ deutsche Arbeiterverein gibt der Meinung Ausdruck, daß es in den Haushalten der Arbeiter an Fleisch, Fett und Milch fehlt. Durch die hohen Preise ist ein Mangel an Kartoffeln, an Gemüse, an Obst hervorgerufen. Die Feststellungen des Westdeutschen Arbeiter⸗ vereins sind die härteste Kritik der mangelhaften Maßnahmen unserer Nahrungsmittelversorgung.(Sehr wahr! bei den Sozial⸗ demokraten.) Die Militärbehörden bestätigen die Anklagen durch Erlasse. Sie werden aber wohl wenig praktische Wirkung haben, sie sollen aber der Bevölkerung sagen, wie sehr die Regierung die niederträchtigen Preistreibereien mißbilligt. Der Mißbilligung müssen aber auch die Taten folgen. Der Gouverneur von Köln bezeichnete das Verhalten der Lebensmittelwucherer als vaterlands⸗ feindlich. Die Teuerung steigt weiter und weiter, weil auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik im Verlauf des Kampfes sittliche Werturteile auf das Handeln der Menschen so gut wie einflußlos bleiben. Bei Ausbruch des Krieges waren Hunderttausende bereit, lieferanten gesehen, der bereit war, auf Gewinn zu verzichten. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Diese Tatsache treffen wir überall. Die Zwangsmittel der Lebensmittelversorgung, deren Loblied eben Graf Westarp gesungen hat, müssen ausgedehnt wer⸗ den.(Sehr richtig!) Die Verhandlungen der Kommission haben zu keinem Fortschritt geführt. Die Regierung hat keine Zusage eines Ausbaues der Nahrungsmittelversorgung gegeben und die Mehrheit der Kommission hat sich damit begnügt, die Schaffung einer Zentralstelle für Lebensmittelversorgung zu fordern, in der auch Vertreter des Volkes mittätig sein sollen. Die Mitverant⸗ wortung der Konsumenten ist vielleicht auch einzig und allein ge⸗ eignet, gewisse landwirtschaftliche Einflüsse zu kompensieren. Nur ein einziger greifbarer Beschluß der Kommission wird von der Re⸗ gierung verwirklicht werden. Alle übrigen Organisationsvorschläge dagegen sollen der Regierung lediglich als Material überwiesen werden. Da appellieren wir an das Plenum als letzte und hüchste Instanz: Helfen Sie uns, das was unbedingt sein muß, damit die schlimmsten Anklagen aus der Tiefe verstummen, so festzulegen, wie wir es in unserer Resolution vorschlagen. Die Maßregeln, die wir vorschlagen, sind unumgänglich notwendig und beschränken sich auf die Wahrung des einfachsten und elementarsten Nahrungsstandes der Bevölkerung. Die Familien unserer unvergleichlichen Kämpfer müssen vor Unterernährung geschützt sein.(Sehr gut! links.) Bei unseren Forderungen haben wir iel mehr Militärs auf unserer Seite als Vertreter der Zivilverwaltung, denn die Militärs wissen, was auf dem Spiele steht. Wir wollen die Durchorganisation der Vorratsbeschaffung und Verteilung, die sich beim Brotgetreide so be⸗ währt hat, auf Kartoffeln, Fleisch, Milch, Fette, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst ausgedehnt wissen. Hierzu gehört nur Enk⸗ schlossenheit und Einsicht in die Unhaltbarkeit der freien Handels⸗ konkurrenz mit ihren wucherischen Wirkungen.(Sehr richtig! links.) Der Mehlwucher kann von der Regierung durch einen Federstrich eingeschränkt werden. Die ältesten Völker haben Schutz vor Brotwucher als etwas Heiliges angesehen. Die Bibel wimmelt von Aeußerungen alter Könige und alter Propheten gegen den Brotwucher.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Auch die un⸗ geheure Gemüseteuerung muß durch eine ähnliche Organisation bekämpft werden, wie sie beim Brot geschaffen wurde. Es ist mehr gebaut worden wie früher und trotzdem diese ungeheure Preis⸗ steigerung! Ebenso ist das Schweinefleisch heute doppelt so teuer wie vor einem Jahr. Dabei ist die Fütterung der Schweine billig. (Widerspruch rechts, Zustimmung links.) Wir müssen dafür sorgen, daß die Tiere nicht das fressen, was dem Menschen vorbehalten bleiben soll. Ohne Beschlagnahme der zur menschlichen Nahrung erforderlichen Kartoffeln gleich nach der Ernte sehe ich keine Mög⸗ lichkeit, die Kartoffeln der Viehfütterung zu entziehen.(Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Man sagt, wir sind auch ohne solche Beschlagnahme ausgekommen. Aber wie? Die Be⸗ völkerung hat schlechte und teure Kartoffeln bekommen und muß noch 50 Millionen Reports an die Kartoffelbauern bezahlen. Soll aus diesen Vorgängen denn nichts gelernt werden? Unser Vor⸗ schlag der vollständigen Organisation auf dem Kartoffelmarkt könnte heute schon in die Wirklichkeit übergeführt sein, denn außer den Konservativen waren ihm alle Parteien geneigt. Wenn die Regierung trotzdem diesen Weg nicht beschreitet, so bleibt die Ver⸗ antwortung für die Verteuerung der Lebensmittel in voller Schwere auf ihr lasten.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) In der Kommission sagte man im Grunde, die Landwirtschaft kann nicht billiger liefern, weil die Futtermittel unerschwinglich teuer sind. Seltsam! Weil die Viehnahrung nicht billig zu beschaffen ist, soll die pflanzliche Menschennahrung teuer sein. Bei den Kartoffeln ist die vegetabilische Nahrung den Menschen sogar entzogen und dem Vieh zugewandt worden. Sollen wir zusehen, bis die Tiere die Menschen auffressen? Denn darauf kommt es ja hinaus, wenn sie uns die Nahrung wegnehmen. Die Großproduzenten von Brotgetreide sind übrigens gar nicht Schweinezüchter, sie arbeiten mit Motoren statt mit Tieren, und doch schieben sie die Futter⸗ mittelteuerung als Grund gegen die hohen Brotpreise vor. Hier⸗ gegen helfen keine Mahnungen, sondern nur feste Eingriffe. Will die Regierung warten, bis sich die Wochenmarktkrawalle wieder⸗ holen und zu einer großen Bewegung zur Freude des Auslandes auswachsen. Wir Sozialdemokraten wünschen das nicht, wir wünschen eine Beseitigung der Verbitterung durch zeitige und wirksame Abhilfe. Unsere Anträge sind das Mindestmaß, was den Gemeindeverwaltungen bewilligt werden muß, wenn man, ihnen die Fürsorge für die Nahrungsbeschaffung übergeben will. Ich füge noch hinzu, daß die Konsumvereine sich hierbei so bewährt haben, daß die Regierung ihnen einen Einfluß darauf gewähren sollte. Das Zauberwort Organisation erklärt unsere großen mili⸗ tärischen Erfolge. Die billige und ausreichende Volksernährung ist ein wichtiges Stück der Landesverteidigung, und auch hier ist Organisation nötig zur Ueberwindung der Gewinnsucht der ein⸗ zelnen, auch hier muß gebrochen werden, was sich nicht biegt. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Geldopfer werden dabei von niemandem verlangt, sondern jeder soll sich mit seinem Geschäft in die Verteidigungsorganisation einfügen. Wirkliche Opfer bringen Millionen von Frauen und Müttern, die ihre Liebsten ins Feld schicken und zu Hause ihre Lebenshaltung ein⸗ schränken. Gestern klang dieses Haus von Jubel über unsere herr⸗ lichen Siege im Osten und über die Annahme der letzten finan⸗ ziellen Vorkehrung zur Landesverteidigung. Noch herrlicher, noch schöner würde der Tag sein, an dem von draußen Jubel in dieses Haus hereinklänge, ehrlicher Jubel der Massen darüber, daß das Gespenst der Nahrungsnot gebannt sei, weil unsere Nahrungs⸗ miltelorganisation vollendet wäre, als ein einfacher aber zweck⸗ mäßiger Volkspalast für die Familien der beispiellos tapferen deutschen Krieger.(Lebhaftes Bravo! bei den Sozialdemokraten.) Abg. Giesberts(Z.) wendet sich gegen den Lebensmittelwucher, doch sollte man nicht einzelne Vorkommnisse verallgemeinern und die ganze Landwirtschaft verurteilen.(Bravo! rechts.) Man sollte, wie wir in der Kommission beantragt haben, ein Lebensmittelamt mit Mitgliedern des Reichstags einrichten, das würde der Re⸗ gierung ihre Verantwortung erleichtern. Bei der Kartoffelversor⸗ gung dürfen die Fehler des Vorjahres nicht wiederholt werden. Bedauerliche Erscheinungen waren auch auf dem Obstmarkt zu konstatieren, ist doch, während hier Mangel an Obst war, massen⸗ Holland sogar nach England.(Hört! hört!) als Freiwillige ins Feld zu ziehen, aber wir haben keinen Kriegs⸗ haft Obst nach der Schweiz und nach Holland gegangen und über 2 7 1 Regierungskommissar Dr. Müller bestreitek, daß deulsches N Obst über Holland nach England gegangen sei. Schmuggel mag vorgekommen sein, in irgend welchem größeren Umfange aber bei der Wachsamkeit unserer Zollbehörden und unserer Militärverwal⸗ tung sicherlich nicht. 50 VV?! Staatssekretär Dr. Delbrück: Zu Beginn des Krieges lag die Aufgabe der Wiederbelebung des Wirtschaftslebens, der Produk. tion und andererseits der Ernährung der Bevölkerung vor, die in einem gewissen Interessengegensatz stehen, der durch den Gegensatz zwischen Produzenten und Konsumenten klar zutage tritt. Nah⸗ rungsmittel selbst hatten wir genügend und werden sie auch in diesem Jahre genügend haben. Die Schwierigkeiten liegen in der Preisbildung. Auch die Spekulation hat die Preise bei vielen Ar⸗ tikeln auf eine beängstigende Höhe über die natürliche Berech⸗ tigung hinausgetrieben. Hiergegen mußten wir bei Beginn des Krieges eingreifen, und zwar durch Festsetzung der Höchstpreise. Ueber diese hat sich eine komplizierte und weitschichtige Wissen⸗ schaft entwickelt. Wo große Produzentenorganisationen, mit denen Vereinbarungen getroffen werden können, nicht bestehen, haben wir sie zu schaffen gesucht, und ich hoffe, daß wir dem Ziele jetzt nahe sind. Gegen den Wucher scharf einzuschreiten, ist im Kriege doppelt notwendig, um dem Rechtsgefühl des Volkes er gu tun.(Zustimmung.) Bei wucherischer Uebertretung der Höchst⸗ preise ist zu erwägen, ob nicht, auch auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden solle.(Beifall.) Die jetzigen Strafen stehen nicht ganz im Verhältnis zu der Schwere der Straftaten. Aber die Strafen werden uns dem Ziel nicht näher bringen, und wo die Beschlagnahme nicht möglich ist, bleibt nur die Festsetzung von Höchstpreisen übrig. Einzelne Gemeinden sind bereits dazu übergegangen, aber solche lokale Regelung kann nicht verhindern, daß die betreffende Stadt vom Markt abgeschlossen wird. Die Regelung muß daher immer für große Bezirke erfolgen. Die Ge⸗ meinden müssen ferner das Recht bekommen, die Bücher der Inter⸗ essenten einzusehen und in geeigneten Fällen eine sofortige Be⸗ schlagnahme vornehmen können. Gewisse Händlergruppen müssen in eine Zwangsorganisation gebraczt und unter die Aufsicht der Gemeinden gestellt werden, die auch das Recht bekommen müssen, bestimmte Handelszweige zu monopolisieren.(Zustimmung.) Das von der Kommission gewünschte Lebensmittelamt würde den Ge⸗ schäftsgang verlangsamen und das Inkrafttreten notwendiger Ver⸗ ordnungen um etwa 14 Tage hinausziehen. Schon jetzt sind Vor⸗ würfe erhoben worden, daß die Regierung oft zu spät eingegriffen hat, und mit Recht. Das lag aber nicht an ihrem Mangel an Ent⸗ schlußfähigkeit, sondern an dem komplizierten Geschäftsgang, der nicht noch weiter kompliziert werden darf. 0 N 5 Das Mehlandelsmonopol haben wir bestehen gelassen und da⸗ mit fällt die Forderung der Höchstpreise für Mehl in sich zu⸗ sammen. Solche Höchstpreise würden wahrscheinlich auch für alle Bezirke mit Selbstverwaltung zu einer Verteuerung statt zu einer Verbilligung führen. Bei den Futtermitteln 17 wir eine Reichs⸗ futtermittelstelle geschaffen zur Verteilung der Futtermittel. Bei der Kartoffel ist eine Beschlagnahme nicht möglich. Eine besondere Schwierigkeit liegt auch darin, daß sie die sonst aus dem Ausland kommenden Futtermittel ersetzen muß. Sollten die Marktpreise dauernd in phantastischen Höhen steigen, so wird nur das mangel⸗ hafte, aber doch benöse Mittel der Festsetzung von Höchstpreisen und einer partiellen Beschlagnahme übrigbleiben. Sehr schwierig liegen auch die Verhältnisse bei Milch, Butter und Käse. Einheit⸗ liche Höchstpreise für das ganze Reich sind bei Milch nicht möglich. Vielleicht wird man durch Verhandlungen mit dem Milch⸗Groß⸗ handel zum Ziele kommen. Hier kommt es auf sorgsame lokale Organisation an. Als alter Oberbürgermeister will ich gewiß nicht Staatsaufgaben auf die Kommunen überwälzen, aber ich kenne auch die enorme Leistungsfähigkeit unserer Gemeinden, zu deren Ausübung sie natürlich die nötigen Vollmachten und Freiheiten haben müssen und erhalten werden.(Beifall links.) Die öffentliche Kritik an unseren Maßnahmen begrüßen wir, wir lernen stets gern. Wir treiben nicht Produzenten⸗ und nicht Konsumentenpolitik, sondern wir müssen beider Interessen ausgleichen im höheren Inter⸗ esse des Vaterlandes.(Sehr richtig) Wir find mit dem Brot⸗ getreide und den Kartoffeln zu erträglichen Preisen ausgekommen und werden zweifellos wieder ein Jahr durchhalten— dank un⸗ serem Volke, dank unserer Wissenschaft, dank der Anpassungsfähig⸗ keit unserer Industrie und Landwirtschaft. Natürlich sind die Er⸗ folge nicht ohne 5 1 75 errungen. Am schwersten tragen die kleinen Produzenten und Konsumenten und die zurückgebliebenen Frauen. (Bravo!) Durch ihren stillen Heldenmut füllen sie die Schützen⸗ gräben des wirtschaftlichen Kampfes, wir werden ihrer so wenig vergessen, wie derer, die draußen ihre Pflicht tun.(Lebh. Beifall.) Abg. Gothein(Vyp.): Dieser Krieg hat uns vor wirtschaftliche und organisatorische Aufgaben gestellt, wie nie zuvor ein Krieg ein Volk gestellt hat. An dem guten Willen der Regierung, die Not zu lindern, zweifelt niemand. Wir bedauern, daß man von vornherein den Handel mit seinen 1 zurückgedrängt hat. Die Spanung zwischen dem Getreide und dem Mehlprels verringert sich zwar infolge der Reports, um die der Getreidepreis steigt, fort⸗ gesetzt, aber trotzdem sind die Mehlpreise noch zu hoch. Die Höchst⸗ preise für Getreide sind so hoch, wie sie sonst nicht nach den schlimm⸗ sten Mißernten waren.(Sehr 1 19 5 links.) Gewiß hat die Land⸗ wirtschaft Opfer durch die Hergabe des sonst verfükterten Getreides und durch die teuren Futterpreise zu bringen, aber mindestens ebensosehr trifft der Krieg die kleinen Leute, die Arbeiter, die Gs⸗ werbetreibenden. Rumänien stellt solche Bedingungen, daß wir ruhig abwarten können, wir sind ja auf die Produkte aus Ru⸗ mänien nicht angewiesen.(Sehr wahr!) Ueber die hohen Mehl⸗ breise besonders für kontingentfreies Mehl ift mit Recht geklagt worden, und ebenso bedauerlich ist die Steigerung der Preise für Milch, Butter und Käse, selbst in solchen Gegenden, wo wie z. B. in Württemberg, die Futterernte außerordentlich günstig gewesen ist. Trotzdem brauchen wir nicht schwarz in die Zukunft zu sehen, denn wir können mit einer vorzüglichen Kartoffelernte rechnen. Voraussetzung für alle Maßnahmen ist eine gute Erntestatistik. Die schwersten Fehler sind bei der Regelung des Verkehrs in Zucker ge⸗ macht. Hat man doch sogar den Rübenzuckerbauern empfohlen, den Zuckerbau möglichst einzuschränken.(Hört! Hört!) Sorgen wir dafür, daß die Fehler in Zukunft vermieden werden.(Bravo! links.) 1 vertagt das Haus die Weiterberatung auf Montag hr. Schluß 7¼ Uhr. Nep. e von Bergmann& Co,, Radebeul, für zarte weiße Haut und blendend schönen Teint, 4 Sidel 50 Pig. Oberall zu haben. Martin Krug, Gießen Schulstraße 5 Zigarren⸗ Spezial⸗ Geschäft seine aus rein überseeischen Tabaken hergestellten Fabrikate bestens Zigaretten u. Zigarrilos, Ranch⸗, Kau⸗ U. Schnupftabale. Verstorbene. Heinrich Höres, Förster i. P., aus Helpershain, 77 Jahre alt.— Wilhelm Neuhaus, aus Klein⸗Altenstädten, 75 Verantwortlicher Redakteur: Heinrich Noll, Gießen. Jahre alt. mit beder- oder Stielelsohlen daun Kösen für Damen nur 2.50 Mk. für Herren nur 3.00 Mk. Meine Lederersatzsohlen sind wasserdicht, elastisch und dauerhaft! Kein Gummi, Kein Filz, keine Dachpappe! Solide Ausführung! Ernst Radtke, Schuhmacher 15 Kaplansgasse 15. 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