e e r BW 8 K 1 —.—— ——— der unmittelbare Zwang auf sie ausgeübt werden kann; so wird eitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraßßse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pig. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. ö Nr. 194 Gießen, Freitag, den 20. August 1915 10. Jahrgang. NMowo-Georgiewsnk gefallen! Der polnische Feldzug bis zum 15. August. 1 Von Richard Gädke. Der Feldzug in Polen neigt sich seinem Ende zu und bald werden die endgültigen Erfolge und Früchte, die er der deutschen Heerführung gebracht hat, zu übersehen sein. In welch' großem Maßstabe er geführt wurde, zeigt die mit dem 10. August einsetzende neue Organisation der deutschen Heere. Während bis dahin die „Armee“ die höchste organische Einheit darstellte und während „Armeegruppe“ eine kleinere, oft nur zu augenblicklichen Zwecken zeitweise gebildete kleinere Armee vorstellte, tritt jetzt zum ersten Male in den Berichten der Ausdruck„Heeresgruppe“ auf. Er be⸗ deutet die Vereinigung mehrerer Armeen zu einem größeren Ver⸗ bande— eine Folge der gewaltigen Massen des Weltkrieges. In Polen unterscheiden wir nach den Berichten des Großen Haupt⸗ quartiers und der einzelnen Kriegsberichterstatter drei solcher Heeresgruppen: im Norden die des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg, die größte von allen, mit den Armeen von Below, Eichhorn, Scholz, v. Gallwitz;: in der Mitte die des General- feldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern mit der 9. Armee und der Armee v. Woyrsch: in der letzteren bildet wieder die Gruppe des österreichischen Generals v. Koeveß eine besondere Abteilung: im Süden endlich geht die Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen vor, die aus den Armeen des Erzherzogs Joseph Ferdinand(der 4. österreichischen) und der deutschen 11. Armee be⸗ steht. Letzterer ist noch eine österreichische Kraftgruppe zugeteilt. Es ist klar, daß das Zusammenwirken dieser drei großen ppen wiederum eine übergeordnete Befehlsstelle erforder⸗ lich macht, die nach Lage der Dinge nur das deutsche Große Haupt⸗ guartier sein kann. Mit diesen gewaltigen Verhältnissen vergleiche man den Ein⸗ bruch Napoleons in Rußland im Jahre 1812 mit seiner einen großen Armee“, die ungefähr den gleichen Raum deckte wie jetzt die drei deutschen Heeresgruppen und zugleich ohne geregelten Nach⸗ schub in einem Zuge bis Moskau durchdrang. Es wird sofort klax, daß die Verhältnisse von damals und heute keine Aehnlichkeit mit einander haben und daß es unzulässig ist, irgendwelche Folge⸗ rungen aus den Ereignissen von damals auf den wahrscheinlichen Gang des Krieges von heute zu ziehen. Insbesondere wird auch die Verwüstung des Landes, die von der russischen Heeres⸗ leitung angeordnet worden ist, auf den Verlauf des Feldzuges keinen irgendwie merklichen Einfluß ausüben, sondern nur die un⸗ glückliche polnische Bevölkerung schädigen. Schon vor hundert Jahren ist sie übrigens erst auf dem Rlickzuge des französischen Heeres unheilvoll für dieses geworden; jetzt aber kommt hinzu, daß die Bevölkerung dem Befehle von oben nur da gehorcht, wo noch 28 denn aller Wahrscheinlichkeit das Land noch reiche Hilfsmittel n. 5 Ein Teil der Militärschriftsteller sieht in den blutigen Kämpfen zer letzten vierzehn Tage keine Nachhutsgesechte der Russen, sondern eine unter dem Zwange der deutschen Siege wider⸗ willig und unfreiwillig erfolgende Rückwärtsbewegung. Aber es ist klar, daß ihr Abzug aus Polen eine so schwierige Bewegung war, daß er ohne hartnäckigen Widerstand und verzweifelte Gegen⸗ ttöße unausführbar blieb. Man vergegenwärtige sich einmal die gussische Stellung gegen Ende des Monats Juli mit derjenigen, die hre Heere vierzehn Tage später einnahmen. Damals standen sie zoch immer längs des Bobr und Narew von Ossowiez bis Nowo⸗ Jeorgiewsk, westlich der Weichsel von Warschau bis Iwangorod, und im Süden etwa in der Linie füdlich Lublin⸗Cholm bis gegen Brabieszow am oberen Bug. Sie bildeten einen weit nach Westen vorspringenden Bogen, dessen Sehne auf der Linie Ossowiez⸗ Zialystok⸗Brest⸗Litowsk war. Ringsum waren sie von den deut⸗ chen Heeren umstellt und ihre Lage konnte zeitweise als sehr be⸗ denklich gelten. Vierzehn Tage später hatte der Bogen sich mehr und mehr verflacht und allmählich einer ziemlich geraden, nur wenig ekrümmten Frontalstellung sich angenähert. Um den Rückmarsch Dres zahllosen Trosses, die Rückführung des Bahnmaterials, die Cettung der am weitesten nach Westen vorgeschobenen Armeen zu trmöglichen, mußten die Flanken im Norden und im Süden, be⸗ seinders aber die nördliche, wo zunächst die große Gefahr drohte, immer wieder sich zur Gegenwehr stellen und den Versuch machen, dhe hartnäckig und ungestüm andrängenden deutschen Truppen durch üttleren Bug erreicht und bereits überschritten hat. iteren Rückzug in östlicher Richtung bedroht. tegenstöße zurückzuwerfen. Daß dieser schwere Rückzug nicht ohne gpfer vor sich gehen konnte, war klar; die Beute der verbündeten zruppen beträgt denn auch in der ersten Augusthälfte bereits wieder und 89 000 Gefangene, 50 Geschltze, 200 Maschinengewehre. Seit zem Beginn der Offensive, am 2. Mai, hat das russische Heer mehr des 800 000 Gefangene verloren. Man kann außerdem beobachten, duß der Widerstand der Russen in den letzten Tagen offenbar hwächer, das stegreiche Nuchstoßsen der deutschen Truppen be⸗ geworden ist. Das gilt besonders von der deutschen oleunigter de itte, die geradezu in Gewaltmärschen von der Weichsel aus den Schärfere begenwehr geht noch immer von den russischen Flanken aus: 2 sehr wichtige, durch ausgedehnte Sümpfe gut geschützte Festung bssowiez hielten sie am 15. August noch immer fest; doch wurden durch die deutsche Armee Gallwitz und Scholz, die sich im weiteren Lurmarsch mehr und mehr östlich zogen, am Sonntag den 15. August ds der Nurzec⸗Stellung geworfen. Diese Heeresmasse, die die bahn Warschau⸗Petersburg bereits weit hinter sich gelassen hat, b nun wieber zwischen Bug und Narew scharf in der Flanke des ssischen Zentrums am Bug und um Brest⸗Litowsk, indem sie dessen Das läßt einen neuten Wiberstand der Russen hinter dem Bug fast aussichtslos er⸗ feinen. Nun aber hat ber rechte Flügel der Heeresgruppe knckensens den Bug oberhalb Brest⸗Litowsk gleichfalls überschritten dringt östlich des Flusses weiter vor. Es scheint, als ob sich Die übrigen Kriegsschauplätze bieten augenblicklich geringeres Interesse. Immerhin darf man daran nicht vorübergehen, daß die Verbündeten auf der Gallipoli⸗Halbinsel eine neue Landung— angeblich 50 000 Mann versucht haben. Sie ist insofern trotz großer Verluste nicht völlig erfolglos gewesen, als sich ihre Truppen nunmehr an einem dritten Punkte nörd⸗ lich der bisherigen türkischen Stellung festgesetzt und damit die Front ihres Angriffes erweitert haben. Eine unmittelbare Gefahr für die Dardanellenstellung ergibt sich daraus nicht. Man muß aber darauf hinweisen, daß selbst nach einer erfolgreichen Er⸗ zwingung der Dardanellendurchfahrt die türkische Hauptstadt noch nicht gefallen, der Ausgang aus dem Schwarzen Meere für die Russen noch nicht gewonnen wäre. Auf dem italienischen Schauplatze sind die Berichte Cadornas nicht ohne pfychologischen Reiz. Wir hören natür⸗ lich, wie von allem Anfang an, nur von Erfolgen des italienischen Heeres; der Umstand, daß es im großen ganzen noch immer an der gleichen Stelle steht wie im Beginne des Feldzuges, ficht den be⸗ scheidenen Stolz des Hauptquartiers nicht an. Aber während bis vor vierzehn Tagen dem ungeachtet immer von„Fortschritten“ be⸗ richtet wurde, die die Truppen auf der Angriffsfront gemacht hätten, bestehen gegenwärtig die„Erfolge“ darin, daß österreichische Angriffe auf die italienischen Stellungen zurückgewiesen wurden— ein stillschweigendes Eingeständnis, daß die Rollen von Angreifer und Verteidiger sich langsam verschieben. Für das österreichische Hler, das sich unleugbar seinem Gegner gegenüber in der Minderheit befindet, liegt darin ein Lob, das umso größer erscheint, als es unbeabsichtigt ist. Uebrigens ist es darum nicht nötig, daß die Be⸗ richte Cadornas immer bewußt falsch sind: sie verschönern nur die tatsächliche Lage der Dinge in gefälliger Weise. An der öster⸗ reichischen Grenze hat sich offenbar der gleiche Stellungskampf herausgearbeitet, und auch ziemlich aus den gleichen Gründen, wie in Frankreich. Die Italiener nähern sich nun ihren Gegnern lang⸗ sam und allmählich mit Schanzarbeiten: und man kann nach außen hin schließlich einen Erfolg buchen, wenn es an einem Punkte gelang, die eigenen Schützengräben um hundert oder auch zweihundert Meter vorzuschieben, ohne die Stellung des Gegners irgendwie und irgendwo zu erreichen. Bekanntlich hat es sich auch auf dem französischen Kriegsschauplatz bereits herausgestellt, daß man die eigenen Gräben bis auf hundert, auf fünfzig und selbst auf dreißig Meter an die des Gegners heranschieben kann, ohne daß deshalb ein Sturm die Gewißheit des Gelingens für sich hätte. Die japanische Konkurrenz im fernen Osten. Amsterdam, 17. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Die hier vorliegende New York Times enthält folgenden Bericht aus Singapore: Die Japaner machen sich die allgemeine Handels⸗ lage und die hohen Frachtsätze zu nutze, um im fernen Osten nicht nur den feindlichen, sondern auch den englischen Handel an sich zu ziehen. Dabei kommen ihnen die bedeutende Ent⸗ wicklung der eigenen Industrie und ihre gute Handelsflotte sehr zu statten. Sie können viel billiger liefern als die europäischen Staaten und schrecken nicht davor zurück, durch Handelsmarken geschützte Waren anderer Länder einfach nach— zuahmen, sie mit derselben Marke zu versehen und auf den Markt zu bringen. Allein die Einfuhr des japanischen Bieres nach Indien hat im ersten Vierteljahr 1915 um 5000 Prozent zugenommen. Man glaubt, daß die Japaner auf zahlreichen Gebieten dauernd den europäischen Ländern den Rang ab— laufen werden. Gegen die allgemeine Wehrpflicht in England. T. U. London, 18. Aug. Daily News meldet: Der All— gemeine Gewerkschaftsverband sei entschiedener Gegner der Wehrpflicht, weil sie billige Soldaten und billige Arbeit bedeute. Die Sozialdemokraten stimmen für den Zehn Milliarden⸗Kriegskredit. Berlin, 19. Aug. Der Vorwärts teilt mit: Die sozial⸗ demokratische Fraktion hat beschlossen, den geforderten Kriegs— krediten zuzustimmen. Russische Vorsichtsmaßnahmen. Czernowitz, 19. Aug. Die Russen beschleunigen in den Gou— vernements Südwestrußlands, Bessarabien, Cherson, Podolien und Slidwolhynien, sämtliche Drusch- und Erntearbeiten. Es liegt die Tendenz vor, alle Früchte ins Innere Rußlands zu transportieren. Besonders in Bessarabien und Südwolhynien werden die Drusch⸗ arbeiten äußerst beschleunigt. Es hat den Anschein, als ob die Russen sich auch auf die Evakuierung dieser Gebiete gefaßt machen würden. Die Ackerarbeiten für die Wintersaaten haben aus diesem Grunde noch nicht begonnen. Bevorstehende Einziehung des Landsturms 2. Aufgebots in Rußland. T. U. Petersburg, 19. Aug. Der russische Minister des Innern hat durch ein Zirkulartelegramm sämtliche Gouver⸗ neure angewiesen, die Listen der Ratniki Wtorage Rasnjada, d. h. des Landsturms zweiten Aufgebots, aufzustellen und Lage des feindlichen Feldherrn erneut verschlimmert habe. len ist in jebem Falle fret vom Feinde. Flüchtlingselend in Rußland. Rund 4% Millionen Flüchtlinge aus Polen und den nordwest⸗ lichen Gouvernements befinden sich, wie die Vossische Zeitung aus Petersburg meldet, gegenwärtig in Petersburg, Moskau, Kiew und Charkow. 8 Die englische Arbeiterbewegung. Manchester, 19. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Hier fand eine Konferenz zwischen den Textilarbeitern und den Arbeit⸗ gebern wegen einer fünfprozentigen Lohnerhöhung statt. Die Arbeitgeber erklärten nach langen Verhandlungen, die Zulage nicht bewilligen zu können. London, 19. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Die Mech ⸗ niker, Schmiede und Kesselschmiede der Lokomotivwerke Springhead verließen gestern die Arbeit als Protest gegen die Einstellung ungelernter Arbeiter an den Drehbänken. Zusammenstoß zwischen Griechen und Engländern. T. U. Konstantinopel, 19. August. In Kavalla fand ein Zu⸗ sammenstoß zwischen Griechen und Engländern statt. Die Eng⸗ länder besetzten dort mehrere Finanzinstitute und verwandelten sie in Krankenhäuser, in die sie ihre Kranken bringen, da sämtliche Krankenhäuser in Aegypten, auf Lemnos und in der Sudabucht überfüllt sind. Aus dem Reichstage. Der Seniorenkonvent des Reichstages traf am Mittwoch geschäftliche Dispositionen für die nächsten Beratungstage des Plenums. Am Donnerstag, 19. August, werden kleinere Gesetze, sowie die erste Lesung des Nachtrags⸗ etats mit der Forderung eines Kredits von 10 Milliarden Mark auf der Tagesordnung stehen. Hierzu wird der Reichs⸗ kanzler sprechen. Am Freitag wird dann die zideite Lesung des Ctats beginnen und es sollen der Reihenfolge nach sozial⸗ politische und dann militärische Fragen zur Erörterung kommen, wobei die Zensur und der Belagerungszustand sowie ähnliche Fragen mit zur Besprechung kommen werden. Ueber weitere Dispositionen wird je nach dem Gange der Geschäfte später befunden werden. 8 3 Die Lebensmittelversorgung vor der Budgetkommission. (-itzung vom Mittwoch.) Abg. Gothein erkennt den guten Willen der Regierung an. Viel ist erreicht worden, aber das Erreichte genügt nicht. Man muß der Kritik mehr Beachtung schenken und sich nicht in einer Art Gott⸗ ähnlichkeit gefallen. Die Reichs⸗Getreidestelle müsse darauf sehen, daß auch die mittleren und kleineren Mühlen beschäftigt werden. Die Getreidepreise sind so hoch, daß es eine kühne Behauptung ist, zu sagen, die Landwirtschaft habe damit Opfer gebracht. Solche Preise haben nicht einmal nach den schlimmsten Mißernten bestanden. Soweit die Landwirtschaft Opfer bringt, liegen diese auf dem Gebiete der Futtermittel. Nicht nur die Arbeiter⸗ schaft, sondern auch der Mittelstand leide schwer unter der Teuerung. Auch den heranwachsenden Kindern im Alter von 10—14 Jahren müssen höhere Brotrationen gewährt werden. Die Preise, die für rumänisches Getreide verlangt werden, sind nicht zu erschwingen. Die Einfuhr ist nur möglich, wenn Rumänien auf die enormen Ausfuhrvergütungen verzichtet. Höchstpreise für die Ein⸗ fuhr empfehlen sich nicht, denn damit schneide man jede Zufuhr ab. Die hohen Preise für kontingentfreies Mehl erklären sich aus den besonderen Verhältnissen. Wer heute Mehl verderben läßt, macht ein glänzendes Geschäft, wenn er es dann als Futtermehl verkauft. Dresden und Mannheim haben große Mengen kontingentfreies Mehl teuer angekauft und es ihrer Bevölkerung ohne jede Rücksicht auf die Brotkarte massen⸗ haft zugewendet. Die in den Festungen lagernden Mehlvorräte müßten von der Kriegsgetreidegesellschaft ausgetauscht und in den Verkehr gebracht werden. Für Futtermittel müssen Höchstpreise für das ganze Reich festgesetzt werden. Der Kartoffelver⸗ sorgung muß die größte Aufmerksamkeit zugewendet werden, damit nicht durch unzweckmäßige Lagerung große Mengen dem Verderben ausgesetzt werden. Bei den hohen Zuckerpreisen ist es notwendig, das Sacharingesetz sofort wieder auf⸗ zuheben, damit die Volksmassen diesen Süßstoff billig kaufen können. In Verbindung damit ist die Aufhebung der Zuckersteuer erforderlich. Redner übt dann scharfe Kritik an der Art, wie der Reis beschlagnahmt wurde. Großhändlern nahm man den Reis weg, Spekulanten, wie dem Direktor der Breslauer Wach- und Schließgesellschaft, hat man die Vorräte gelassen!— Die Ver⸗ teuerung der Lebensmittel erfordert eine Erhöhung der Unterstützung der Kriegerfamilien und der Gehälter der kleinen Beamten. Abg. Wurm(Soziald.): Im Volke herrscht ein großer Not⸗ stand, der selbst von amtlicher Stelle nicht bestritten werden kann. Redner begründet dann folgende Anträge: 170 Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen: 1. Daß eine weitere Herabsetzung der Getreide- und Mehlhöchst⸗ preise stattfindet: 2. daß für Kartoffeln eine ähnliche Verteilungs⸗Organisation geschaffen wird, wie für Brotgetreide, und der Zentralstelle für Lebensmittelversorgung unterstellt wird, wobei die Auf⸗ bewahrung der beschlagnahmten Mengen zum größeren Teil dem Kriegsministerium zuzusenden. den Verbrauchern überlassen werden kann; N daß Höchsipreise mit Anpassung an die Preise der letzten Jahre vor dem Krieg an die Produktionskosten aber auch an die Zählungsfähigkeit der minderbemittelten Bevölkerung, mindestens für Fleisch. Milch, Fette, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst festgesetzt und mit Hilfe der Gemeinden eine Hilfs⸗ „ zum Verkauf dieser Gegenstände geschaffen wird. erner: Zur Versorgung der Bevölkerung Deutschlands mit Nahr⸗ ungsmitteln usw. schleunigst vom Bundesrat eine Zentralstelle für Lebensmittelversorgung zu schaffen, unter Hinzuziehung eines Beirats, der aus vom Reichstage ernannten Mitgliedern besteht. Die Zentralstelle erhält das Recht, Lebensmittel zu beschlagnahmen und zu enteignen, um sie den Kommunalver⸗ bänden zu überlassen. Die mit der Preisfeststellung der Lebensmittel betrauten Kom⸗ munalverbände erhalten die Befugnis, von den bei der Bild⸗ ung der Preise beteiligten Produzenten, Groß⸗ und Klein⸗ händlern über die der Preisbildung zugrunde liegenden Tat⸗ fachen, sowie von den Verbrauchern über ihre Vorräte Aus⸗ kunft zu fordern. Verweigerung der Auskunft oder un⸗ richtige Angaben sind unter Strafe zu stellen. 1 Für das in 8 1 der Verordnung des Bundesrats gegen über⸗ mäßige Preissteigerung vom 23. Juli 1915 vorgesehene Ver⸗ fahren der Uebertragung des Eigentums von Gegenständen des täglichen Bedarfs sind neben den von der Landeszentral⸗ behörde bezeichneten anderen Organen die Kommunalbehör⸗ den befugt. Gegenwärtig schiebt man sich gegenseitig die Schuld an der Teuerung zu. Damit kommt man nicht weiter. Man hat ledig⸗ lich halbe Maßnahmen ergriffen, die es den Schmarotzern möglich machen, sich zum Schaden des Volkes zu betätigen, Die not⸗ wendige Beschlagnahme durch eine Zentralstelle solle nicht darin bestehen, daß die Waren an einer Zentrale angesammelt werden; sie sollen nur unter Aufsicht und nach bestimmten Vorschriften ab⸗ gegeben werden. Die Mitwirkung des Reichstags ist dringend er⸗ forderlich. Bei Festsetzung der Höchstpreise hat man die Waren zu⸗ rückbehalten, um eine Steigerung der Höchstpreise zu erzielen. Die Zusatzportionen an Brot müssen erheblich ausge⸗ dehnt werden. Die Bevölkerung auf dem Land ist schon jetzt besser versorgt. Zusatzkarten müssen gegeben werden an kinder⸗ reiche Familien, Schwangere und Jugendliche. Den Gemeinden muß das Beschlagnahmerecht einge⸗ räumt werden. Die Gemeinde muß ferner das Recht haben, zwangsweise Auskünfte über die Preisbildung zu for⸗ dern. Mit den Preistafeln hat man nur erzielt, daß die Preise gleichmäßig noch höher geworden sind. Mit der Verordnung über den Wucher hat man einen Schlag ins Wasser getan, weil keine Richtpreise bestehen, die dem Gericht als Unterlage dienen können bei der Beurteilung der Frage, ob Wucher vorliegt. Die Gemeinden müssen auch das Recht bekommen, zur üsckge⸗ haltene Waren zu beschlagnahmen. In Berlin liegen enorme Vorräte an Butter, die mit voller Absicht vom Markte ferngehalten werden. Die Gemeinde ist diesem Treiben gegenüber machtlos. Was zu geschehen hat, muß aber so⸗ fort geschehen, um eine weitere Bewucherung zu verhüten. Abg. Dr. Böhme(natl.) bespricht eingehend die Frage der Futtermittelversorgung. Auch dieser Redner bringt zum Ausdruck, daß das Volk schwer unter der Verteuerung des Lebensunterhalts zu leiden hat. Für dringend nötig hält er Höchstpreise für Saat: auch hier sind Wucherpreise gefordert worden. Die Ver⸗ minderung des Wildbestandes muß unbedingt veranlaßt werden. Abg. v. Gamp(freikons.) bezeichnet die sozialdemokratische Kritik als nicht berechtigt. Die Brotpreise bewegen sich völlig in mäßigen Grenzen; den Nachteil hat die Landwirt⸗ schaft, die durch den Krieg in vielfacher Hinsicht geschädigt worden ist. Es fehlte ihr an Arbeitskräften, Pferden und Düngemitteln. kein anderer Stand hat solch große Opfer gebracht. Die Höchstpreise haben eine Preistreiberei verhütet; aber die Mehlpreise sind zu hoch, und zwar infolge der falschen Kalkulation der Kriegsge⸗ treidegesellschaft. Die Kommissionärgebühren sind dreimal so hoch wie im Frieden. Staatssekretär Dr. Helfferich äußert sich zu der Finanz⸗ lage des Reiches. Das verflossene Jahr schloß mit einem Ueber⸗ schuß von 219 Millionen Mark. Die Minderausgaben von 620 Millionen Mark stammen daher, daß die Militärausgaben auf den Kriegsetat übernommen wurden. Im laufenden Rechnungsjahr macht sich der Krieg sehr bemerkbar. Die Einnahmen aus den Zöllen sind im ersten Quartal auf 64 Millionen Mk. gesunken. Die Arbeiten der Reichspost sind enorm gestiegen, die Einnahmen da⸗ pabne sind gesunken. Das gleiche Resultat liefern die Reichseisen⸗ ahnen. Man muß also im laufenden Jahr mit einem Defizit rechnen. Der Staatssekretär macht dann vertrau⸗ liche Mitteilungen über die Kriegskosten. Die neue Vorlage fordert wieder 10 Milliarden Mark. Es barf bei dem günstigen Stand des Geldmarktes angenommen werden, daß auch diese neue Anleihe einen günstigen Erfolg haben wird. Der Gold⸗ bestand der Reichsbank ist trotz wichtiger Aufgaben, die zu lösen waren, nicht erschüttert worden. Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. Wenn Diethelm über Land fuhr, spannte ihm Munde ein, hielt ihm oft stundenlang die Pferde vor dem Hause und benahm sich überhaupt wie ein Knecht, nicht aber wie der Sohn des Hauses. Darüber hatte er viel bei Fränz aus⸗ zustehen, die jetzt die ganze Schärfe ihres Wesens offenbarte; sie verlangte, daß er sich gegen den Vater ganz anders stelle, der müsse unterducken und dürfe nicht mehr den Herrn spielen, das Sach gehöre jetzt den jungen Leuten und nicht mehr den alten; wenn Munde nicht den Mut und das Geschick habe, solch ein großes Anwesen in die Hand zu bekommen, hätte er davon bleiben sollen. Es gab oft die ärgerlichsten Auftritte zwischen Munde und Fränz, und wenn dann Munde das Wasser in den Augen stand, lachte ihn Fränz schelmisch aus, faßte ihn am Kopf, küßte ihn wacker ab und sagte: „Munde, du hättest sollen ein Klosterfräulein werden, du bist so windelweich, fluch einmal recht wetterlich, ich glaub's gar nicht, daß du's kannst. Sei froh, daß du nicht in Krieg kommen bist, du hättest keinen erschossen. Mach', flug' ein⸗ mal so recht mörderisch. Ich hab' dich nachher noch einmal so lieb.“ In solcher Weise zerrte Fränz ihren Munde hin und her und machte aus ihm, was sie wollte. Diethelm war oft jähzornig gegen ihn, weil er die Arbeitsleute beim Bau nicht scharf genug anhielt; nur die Mutter war stets liebreich und mild gegen ihn und erfreute ihn oft durch Vorzeigung der schönen Aussteuer, die sie für ihn und Fränz bereiten ließ. Fränz hatte nicht nachgelassen, bis Munde einmal das Fuhrwerk für sich nahm und mit ihr eine Lustfahrt nach der Stadt machte. Munde hatte sich nie dazu verstehen wollen. Jetzt aber gab sich eine besondere Veranlassung: nicht Diethelm, sondern das junge Brautpaar stand Gevatter bei dem Erstgeborenen des Zeugmachers Kübler in G. Es war ein linder Morgen des ersten Frühlings, als Munde mit seiner Braut dahinfuhr. Er hatte an die schwanke Spitze der Peitsche und die Messingrosen der Pferde. zäume rote Bänder geheftet als bescheidene und doch kennt⸗ 5⁴ Unsere Feinde stehen auf keinen 1 Zu den Kriegsausgaben des Reiches kom⸗ men noch die durch den Krieg verursachten Ausgaben der Bundes⸗ staaten und der Gemeinden. Hier hat das Reich zum Teil mit Zu⸗ schüssen eingegriffen. Größere Aufwendungen für Unterstützungen kann das Reich nicht machen. Das müssen die Bundesstaaten aus eigenen Kräften leisten. Die öffentlichen Kassen sind aber bereit und in der Lage, den Gemeinden für diese Zwecke Darlehen zu geben. Der einzelne muß eben alle seine, Kräfte mit anspannen, um diese schwere Zeit zu überwinden. Wer hätte geglaubt, daß Deutschland in einem Krieg mit der halben Welt so glänzend durchhalten würde? Für die ordnungsgemäße Regelung der Verpflegung war maßgebend, recht genau zu kalkulieren. Die zu diesem Zweck geschaffenen Organisationen sind entstanden unter finanzieller Beihilfe des Reiches, das ihnen auch fortlaufend eine finanzielle Stütze bietet. Das Reich war natürlich auch genötigt, bestimmte Risiken zu übernehmen, namentlich trifft das zu auf die Kartoffelversorgung, die dem Reich 50 Millionen Mark gekostet hat. Darauf könne sich das Reich nicht einlassen, Futtermittel aus dem Ausland zu jedem Preis zu kaufen und sie im Inland billig ab⸗ zugeben. Un lautere Elemente drängen sich in den Handel ein, um sich in unerhörter Weise zu bereichern. Auch die' Einfuhr aus dem Ausland muß zweckmäßig einer besonderen Gesellschaft übertragen werden, die auf die finanzielle Hilfe des Reiches rechnen kann. Man müsse bei Berücksichtigung der Ge⸗ samtlage des Reiches Wünsche auf höhere Ausgaben gzurückstellen. Dem Reich dürsen keine Lasten aufge⸗ bürdet werden, die von den Einzelstaaten zu tragen sind. Der Staatssekretär befaßt sich dann mit dem sozialdemokratischen An⸗ trag auf Unterstützung der arbeitslos werdenden Textilarbeiter. Es soll alles getan werden, diese Arbeitskräfte unterzubringen, und schließlich auch finanziell einzugreifen. Der Fonds für Unterstütz⸗ ungen, der mit 200 Millionen Mark dotiert war, soll um weitere 200 Millionen Mark erhöht werden. Auf eine Anfrage des Abg. Hoch bemerkt der Staatssekretär, daß er auch mit der geforderten finanzieslen Unterstützung der Textilarbeiter einverstanden sei. Damit sei der sozialdemokratische Antrag erledigt. 5 Gleichfalls erledigt ist durch die Erklärungen des Staats⸗ sekretärs der Zentrumsantrag, der Erhöhung der Unterstützungen fordert. Abg. Erzberger regt an, bald einen Entwurf über eine Kriegsgewinnsteuer vorzulegen, denn es müssen neue Ein⸗ nahmequellen geschafsen werden. N Staatssekretär v. Jagow macht sodann ver trauliche Mitteilungen über unser Verhältnis zu den Balkanstaaten.— An diese Darstellungen knüpfte sich eine kurze Diskussion, die sich natürlich auch der Wiedergabe entzieht. 5 Abg. Hoch bittet den Schatzsekretär um Auskunft darüber, wie er sich zur Erhöhung der Unterstützung der Familien der Kriegsteilnehmer stelle. Abg. Fischbeck stellt die gleiche Anfrage. Staatssekretär Dr. Helfferich erklärt, daß er sich momentan dazu noch nicht äußern könne. Dagegen bestehe wenig Aus- sicht, daß den Beamten und Arbeitern des Reiches Teuerung zulagen gewährt werden können. Ministerialdirektor Lewald daß die vom Reich zu ersetzenden lionen Mark monatlich erreicht haben. deute eine gewaltige Belastung. Abg. Dr. Stresemann bezeichnet es als absolut unmöglich, die arbeitslos werdenden Textilarbeiter nach anderen Gegenden zu versetzen. Abg. S Fall günstiger als wir. stellt an Hand einer Tabelle fest, Unterstützungen bereits 100 Mil⸗ Jede geringe Erhöhung be⸗ chmidt⸗Berlin verlangt ausreichende Unterstützung der Textilarbeiter. Sie auch nur zu erheblichem Teil in andere Industrien zu versetzen, ist kaum möglich.(Abg. Schmidt mußte hier seine Rede abbrechen, damit einige Angelegenheiten des Auswärtigen Amtes erledigt werden konnten.) Abg. Prinz Schönaich⸗Carolath bespricht die Behand⸗ lung der deutschen Gefangenen in den feindlichen Staaten, nament⸗ lich in Rußland. Staatssekretär v. Jagow erklärt, daß das Auswärtige Amt fortgesetzt bestrebt sei, das Schicksal dieser Gefangenen zu erleichtern. Repressalien führen zu keinem Resultat. Darüber entspann sich schließlich noch eine längere Debatte. Zu längeren Auseinanderfetzungen vertraulicher Art führte auch die Baumwollfrage. Nächste Sitzung Donnerstag., Erhöhung der Bezüge. Bei den Beratungen der Budgekommission ist mit besonderem Nachdruck darauf hingewiesen worden, daß es den weitesten Kreisen nicht mehr möglich ist, mit den heutigen Löhnen und Gehältern aus⸗ zukommen. Die Sozialdemokraten haben deshalb in einer Reso⸗ lution die Regierung aufgefordert:. a) im Hinblick auf die hohen Preise für Lebensmittel den Be⸗ amten und Pensionären des Reichs mit Jahresbezügen unter 3000 Mark, sowie den Arbeitern der Reichsbetriebe eine Teuerungszulage zu gewähren, deren Steigerung ins⸗ liche Fahnen ihres bräutlichen Glücks. An seinem väterlichen Hause wollte ihm der Paßauf folgen, aber der alte Schäferle pfiff ihm zornig, und er kehrte zu ihm zurück. Munde wußte, daß sein Vater niemand mehr um sich haben wollte als den Hund des verstorbenen Medard, mit dem er oft stundenlang sprach. Munde kümmerte sich des nicht mehr und fuhr wohl⸗ gemut hinaus in den frühlingsjungen Tag. Die Sonne stand nicht am Himmel, nebelhaft verschwommene Wolken umzogen ihn, und ein leiser Duft wob über den kaum er⸗ grünenden Feldern, daraus sich einige Lerchen noch zaghaft zwitschernd emporhoben, um bald wieder niederzusinken. „Fränz, ich freu' mich doch, aber lach' mich nicht aus,“ sagte Munde. „Warum?“ „Guck, ich kann mir's nicht denken, daß das Fuhr⸗ werk mein eigen sein soll und daheim noch so viel, ich mein' immer, es sei nur geliehen, ich bin bei euch zu Gast, und ihr könnt mich morgen fortschicken.“ 1 „Du bist ein schrecklich guter, aber auch zum Verzweifeln weichmütiger Mensch. Du bist ein gutes Schaf, aber du mußt anders werden. Wir zwei haben unseren Alten am Bändel, er merkt wohl, was wir zwei von ihm wissen.“ „Meinst du, er hab's wirklich'tan?“ „Es ist brav von dir, daß du mir's jetzt ausreden willst“ sagte Fränz;„aber ich weiß es nicht von dir allein. Ich könnt' auftreten, wenn ich wollt'. Das weiß er. Und so wirst du doch nicht auf den Kopf gefallen sein, daß du nicht merkst, er hätt' uns nicht zusammengegeben, wenn ihm nicht das Gewissen schlagen tät? Wir zwei sind unschuldig. Uns geht's nichts an. Drum mußt du dabei bleiben, daß er vor der Hochzeit alles Vermögen an uns abtreten muß. Es soll ihm nichts abgehen, er ist ja der Vater, aber wir sind die Meisterleut, so muß es sein. Kinder haben nichts danach zu fragen, woher die Eltern das Sach haben, in zweiter Hand ist es redlich Gut, und es muß ihm auch recht sein, daß er nichts mehr damit zu tun hat.“ d Die Raben, die im ersten Frühling immer so laut krächzen, flogen über den Weg hin und her, und Munde war's plötzlich, als schrien sie Rache und wäre die ganze Welt um fördern; c) die auf Grund des Gesetzes, nd die von Familien in den Militärdienst eingetretener n schaften zu gewährenden Unterstützungen zu erhöhen, sowie den Kommunen und Kommunalverbänden die Pflicht aufzu⸗ erlegen, ausreichende Zuschläge zu diesen Unterstützungssätzen zu gewähren und daß den nichtleistungsfähigen Gemeinden die erforderlichen Mittel aus Reichsmitteln zur Verfügung gestellt werden. 8 Schutz den Textilarbeitern. betreffend die Unterstützung m. Durch die Beschlagnahme der Baumwolle und das Verbot der Baumwolle droht den Textilarbeitern Um diesen Zustand einiger⸗ sozialdemokratische Fraktion Reichs⸗ weiteren Verarbeitung der Arbeitslosigleit in großem Maßstab. maßen erträglich zu gestalten, hat diz 1 folgende Resolution zunächst in der Budgetkommission des tags eingebracht: 1. Es ist Pflicht des Reiches, die durch das für Baumwollstoffe, die damit zusammenhängenden Verord⸗ nungen und infolge Mangels geeigneter Rohstoffe arbeits⸗ los werdenden Textilarbeiter und arbeiterinnen, soweit ihnen anderweite geeignete Arbeit nicht beschafft werden kann, 2 ausreichend zu unterstützen: aus dem für Zwecke der Kriegswohlfahrtspflege bereitgestellten 200 Millionen Mark bereitzustellen. 2 Kriegsnotizen. Wie das Petit Journal aus Lorient meldet hat eine aus mehreren Mitgliedern, darunter der Schwiegersohn Roosevelts, Tickmann, bestehende amerikanische Kommission mit Ge⸗ nehmigung der französischen Regierung das Lager der deut⸗ schen Zivilgefangenen in der Bretagne besucht. 5 Frau Zuckermann, die in dem Badeort le Mont⸗Dore ihre Sympathien für Deutschland zum Ausdruck brachte und erklärt hatte. die Deutschen würden bald in Paris und Petersburg sein, wurde verhaftet und in das Militärgefäugnis gebracht. Sie wird wahrscheinlich vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Frau Zuckermann ist eine geborene Oesterreicherin und mit einem Oesterreicher, der sich in Frankreich naturalisieren ließ, verheiratet. Ein beurlaubter Soldat befand sich abends auf dem Bahnhofe von Troyes, als enie Rakete, die er auf dem Schlachtfelde aufgelesen und in seinen Tornister gesteckt hatte, exp lodierte. 14 Personen wurden verwundet, darunter vier schwer, die in das Spital der Stadt gebracht werden mußten. 0 Wiederholt schon wurde berichtet, daß die Matrosen der holländischen Kriegsmarine sehr starkorganisiert sind in einem Verband, der auch zur sozialdemokratischen Ar⸗ beiterpartei im guten Verhältnis steht. Bis jetzt sind alle Versuche von Ministern, dem Verbande zu schaden oder ihn sogar zu ver⸗ nichten, gescheitert. Der jetzige Marineminister hat es aufs neue versucht und bestimmt, daß an Bord der Kriegsschiffe jede Aeußerung über Organisation verboten ist. In diesen Tagen ist daraufhin eine Eingabe an ihn gesandt worden, worin die Mehr⸗ heit der Matrosen betont, daß sich während des letzten Jahres ge⸗ nügend erwiesen habe, wie gewissenhaft die organisierten Matrosem ihre Pflicht erfüllen, sodaß für ein Verbot der Organisation keine Grund bestehe. Sie bitten deshalb, das Verbot zurückzunehmen. Soziales. Kriegsinvaliden als Lohndrücker. Vor einiger Zeit wurde gemeldet, daß auf der Zeche Herstellungsverbot 8 der Herr Reichskanzler wird ersucht, die erforderlichen Mittel 1 einem Kriegsinvaliden, der seine frühere Beschäftigung wieder auf⸗ genommen hat, die Militärrente am Lohn gekürzt wurde. Ausgabe vom 7. August bringt die Deutsche Techniker⸗Zei 6 Inserat, das der Nr. 24 der Anstellungsnachrichten(Amtliche Mit⸗ teilungen für versorgungsberechtigte Militärperfonen, herausgegeben vom Kriegsministerium) entnommen ist und folgenden Wortlaut hat:„Herr Baumeister Heinrich Todt, Paderborn, beabsichtigt, auf feinem Bureau einen Kriegsbeschädigten als Techniker auszubilden. 5 1 Ausbildungszeit 4 Jahr. Nach dieser Zeit Gehalt 30 Mk. monat⸗ lich, steigend in etwa 17: Jahren auf 90 Mk. Sollte sich der Stellen⸗ inhaber bewähren, so bekäme er nach zwei Jahren 100 bis 120 Mk. monatlich. Während der Ausbildungszeit keine Vergütung. An⸗ stellung, wenn Bewerber geeignet, dauernd. Bevorzugt von Beruf Maurer oder Stukkateur.“ Gegen das Erscheinen solcher Anzeigen werden. Solche Arbeitsangebote laufen auf die Ausnutzung von Kriegsinvaliden hinaus. ö ihn verkehrt. er Fränz lange an sich hatte hinreden lassen:„Du willst mir die Zunge heben. Es kann nicht sein, daß du das glaubst.“ „Ich erkenn' deine Gutheit wohl,“ erwiderte Fränz, „aber wir zwei brauchen uns nichts voreinander zu verhehlen. 5 Es hat schon mancher ärgeres getan als mein Vater, und daß dein Medard verunglückt ist, dafür kann er nichts. Aber dabei bleiben mußt, daß wir die Meisterleut' sind, er ist mit seinem Großtun imstande und ladet den Wagen noch einmal so hoch, daß er umschmeißen muß.“ Munde hieb gewaltig auf die Pferde ein, als müßten sie ihn schnell an dem Abgrund vorüberfahren, in den er plötzlich hineinsah. So hatte der alte Schäferle recht, und war vielleicht das Gräßlichste wahr? 1 Hätten sie nicht zu Gevatter stehen müssen, Munde vielleicht gleich umgekehrt. Aus allem dem nahm seine Ge⸗ mütsart eine unberechenbare Wendung. 5 Die Scheidekünstler wissen zu bestimmen, welche Wirkung ein Stoff auf den anderen hervorbringt; welche Wirkur aber ein Wort in fremdem Gemüt verursacht, ist nicht so dei in ein Gesetz zu fassen. 5 „Das freut mich, du bist nicht so stolz, wie ich glaubt hab',“ sagte Munde endlich. l „Warum? Wie meinst?“ fragte Fränz endlich.* „Wenn du stolz wärst, hättest du mir das nicht gesagt und hättest mich auf dem Glauben gelassen, daß mir eine be⸗ sondere Gnade damit geschieht, des Diethelms Tochtermann zu werden. Aber jetzt ist mir's fast lieb, daß du mir's gesagt hast. Ich seh', ich geh' dir über Vater und Mutter, und d. hast mich an mir selber gern und willst nichts vor mir voraus.“ Frönz rieb sich anfangs betroffen die Stirn. Sie mit ihrem losen Herausplaudern, statt dem Vater einen Fall⸗ strick zu legen, sich selber gefesselt. Sie hatte nicht den Mut zu tun, als ob sie alles nur im Spaß geredet, und als sie zu⸗ letzt hörte, wie gut der Munde ihre Rede auslegte, bewältigt sie diese Macht der harmlosen Treuherzigkeit. Der M war doch so ohne Falsch und so seelengut, daß sie ihn in de Augenblick mehr liebte als je, und sie gab ihm von einen Kuß. Fortsetzung folgte! 1 5. * 8 3 1 Er faßte sich aber und sagte endlich, nachdem 9 5 8 8 1 1 5 Wäre 5 7 in einem amtlichen Organ muß ganz entschieden Front gemacht 8 K 1 4 g ö — 2 — 2 2 C 3. 7 —— hehla nd daß Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Vom Butterwucher. Von Tag zu Tag wird die Butter teurer und die jetzt zu⸗ tage tretende Milchpreistreiberei ist nur ein neuer Anlaß, den in den letzten Wochen geradezu automatisch steigenden Butter— preis immer noch höher zu treiben. Aber nicht allein die Butter steigt im Preis, das schlimmste dabei ist, daß auch die Margarinepreise sofort eine wesentliche Steigerung erfahren. Und dabei besteht nicht die geringste wirtschaftliche Berech⸗ tigung zu dieser systematischen Preistreiberei, die unter Miß⸗ brauch des Krieges einen ganz gemeinen Raubzug auf die Taschen des wehrlosen Volkes darstellt. Was vom Mangel oder der Teuerung der Futtermittel gesagt wird, ist einfach nicht Wahr. Noch niemals ist das deutsche Volk gewissenloser beschwindelt und bewuchert worden, wie in dieser Zeit. Wie die Sache betrieben wird, das schildert z. B. das Berliner Tageblatt: Es liege kein Grund dafür vor, daß Butterpreise von 190 bis 193 Mk. für den Zentner gerechtfertigt seien gegen 122 bis 125 Mk. zu gleicher Zeit im Vorjahre. Eine gewisse Schuld an der Preis⸗ steigerung trügen wohl die Kopenhagener Händler, welche den deutschen Händlern gegenüber nur mit einem Aufschlag abschlössen, der den Londoner Händlern gegenüber nicht gefordert werde. Der Hauptgrund der Teuerung sei aber zu suchen in der spekulativen Tätigkeit der Berliner Butterhändler. Sie hätten zum Zwecke der Spekulation große Butterbestände in den Kühl⸗ häusern aufgestapelt, und zwar in den Lagerräumen der Gesell⸗ schaft für Markt⸗ und Kühlhallen, den Norddeutschen Eiswerken und an Alle diese Räume seien derart mit Butter belegt, daß es keinen Raum mehr zu mieten gebe. Wenig bekannt dürfte auch die vom B. T. hervorgehobene Tatsache sein, daß auch in Friedenszeiten„die Buttervorräte in den Lagerhäusern im allgemeinen nicht für den täglichen Zugriff der Händler bestimmt sind, sondern in gewisser Hin⸗ sicht ein Spekulationsobjekt darstellen. Wörtlich heißt es weiter: 5 „Sie werden nämlich zu Zeiten niedriger Butterpreise an⸗ gesammelt, bei niedriger Temperatur zuweflen vier bis fünf Monate gehalten und aus den Lagern hervorgeholt, wenn die Preise gestiegen sind. In normalen Zeiten geschieht die Ein⸗ lagerung von Preisen, die sich um 1,10 Mk. bis 1,20 Mk. bewegen, und der Verkauf erfolgt alsdann etwa zu 1,50 Mk. pro Pfund. In diesem Jahre dürfte die Lagerung allerdings zu erhöhten Preisen vorgenommen worden sein. Trotzdem aber fragt es sich, ob erst aus den Lagern verkauft werden soll, wenn der Butter⸗ preis auf 2,0 Mk. oder noch höher steht.“. Da tritt also der Wucher und Schwindel ganz offen zu⸗ tage und es wäre dringend geboten, diesen gefährlichen Sub⸗ jekten durch behördliche Beschlagnahme der ganzen Vorräte gründlich das Handwerk zu legen. — Die Kartoffeln werden billier. Der Verkaufspreis für Kartoffeln aus den städtischen Beständen ist auf 5 Pfennig pro Pfund festgesetzt worden. Der Verkauf findet Dienstags, Donnerstags und Samstags von 8—12 Uhr Seltersweg 11 statt. Es werden Mengen bis zu einem Zentner abgegeben. — Wucher überall! Wie aus verschiedenen Gegenden berichtet wird, fordern die Verkäufer für neue Erbsen trotz der recht guten Ernte 90 Mark für 100 Kilo gegen 30 Mark am 20. August v. Is. Solchen Schweine⸗ hunden sollten die Waren behördlich fortgenommen und an das Publikum zu angemessenen Preisen verkauft werden. — Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Musketier August Zulauf, Inf.⸗Regt. 254. Wochen marktpreise. Den Verkäufern auf dem Wochenmärkte wird von jetzt ab die Verpflichtung auferlegk, den 550 ihrer Waren in deutlicher Schrift auf ihren Ständen anzu⸗ geben. g — Verkauf von Frühbirnen. Am Mittwoch den 25. August, nachmittags 2: Uhr, werden die Frühbirnen von den städtischen Bäumen am Krofdorserweg, Wieseckerweg, Lärchenwäldchen, auf dem Lutherberg, am alten Steinbacher Weg und auf dem städtischen Obstbaumstlück bei der neuen Kaserne an Ort und Stelle mei st⸗ hietend versteigert. Die Zusammenkunft ist bei dem städtischen Schlachthof.— Wäre es nicht richtiger, wenn die Stadt die Birnen selbst ernten und zu einem billigen Preis zum Verkauf bringen würde?. „Vorräte aus früheren Ernten. Wer mit dem Beginn des 16. August 1915 Vorräte früherer Ernten an Roggen, Weizen, Spelz sowie Roggen⸗ oder Weizenmehl in Gewahrsam hat, wird aufgefordert, sie sofort auf dem Stadthause, Zimmer Nr. 9, ge⸗ treunt nach Arten und Eigentümern anzuzeigen. Vorräte, die sich zu dieser Zeit auf dem Transport befinden, sind von dem Empfänger unverzüglich nach dem Empfang anzußeigen. Näheres siehe Bekannt⸗ machung des Oberbürgermeisters in heutiger Nummer. f — Vorzügliche Ernte— enorm hohe Preise. Vor etlichen Tagen konstatierte eine Notiz in der bürgerlichen Tagospresse, daß die Bohnenernte in diesem Jahr derartig vorzüglich sei, wie lange nicht zuvor; das gelte sowohl von Buschbohnen, wie auch von Slangenbohnen. Dabef sind die Preise für grüne Bohnen in diesem Jahre teils um 100 Prozent höher als in normalen Zeiten. Auf dem letzten Wochenmarkt wurden für Bohnen 15—18 Pfg. gefordert und erst bei Schluß des Marktes ging der Preis auf 12 Pfg. her⸗ unter. Ein solcher Press muß als unerhört bei so vorzüglicher Ernte bezeichnet werden. 5 3 Vermehrung der Holzlesetage. In der Zweiten hessischen Kam⸗ mer hat Abgeordneter Genosse Raab folgenden dringlichen Antrag eingebracht: Die Kammer wolle beschließen: Die Groß⸗ herzogliche Regierung zu ersuchen, die Forstbehörden anzuweisen, eine sofortige Vermehrung der Holzlesetage in den Staats⸗ und Gemeindewaldungen anzuordnen.— Der Antragsteller gibt dazu folgende Begründung: Die Knappheit und die Teuerung der Stein⸗ kohlen macht es vielen Familien unmöglich, sich das nötige Brenn⸗ material für den Winter anzuschaffen, während viel dürres Holz in den Staats⸗ und Gemeindewaldungen zugrunde geht, da es an der genügenden Erlaubnis zur Einsammlung des sogenaunten Lese⸗ holzes fehlt. In den meisten Staats⸗ und Gemeindewaldungen sind bis zum 1. November die Lefeholztage derart beschränkt, daß dies einem Verbot des Einsammelns von Leseholz gleichkommt. Um Abhilfe zu schaffen, wäre die sofortige Einführung von mindestens zwei Leseholztagen in der Woche notwendig, deren Einführung auch ohne Bedenken möglich sein dürfte. — So wird's überall kommen. Zu lauten Demonstrationen der Kriegsunterstützungs⸗Empfängerinnen kam es am vergangenen Freitag vor dem Rathause in Hamborn(Rheinland). Es sammelten ich etwa 400 Frauen an, die dse Gänge des Rathauses füllten und Erhöhung der Krlegsunterstltzung verlangten, da sie bei den hohen Lebensmittelpreisen mit der gewährten Unter⸗ stützung nicht auskommen lönnten. Als das Rathaus durch bie Polizei geräumt wurde, gingen die Frauen gegen die Polizei bor. Am Samstag wiederholten sich die Auftritte. Eine Anzahl Frauen zogen vom Rathause auf den Markt, wo sie, wie sie riefen, ssich ohne Geld Kartoffeln holen wollten. Ein starkes Polizetauf⸗ Kreis Wetzlar. — Am Pranger. An der Spitze des Gubener Tageblatts, des amtlichen Kreisblattes für den Landkreis Guben, findet sich in der Nummer vom 13. August in fetter Schrift folgende„Amtliche Be⸗ kanntmachung“ Guben, den 12. August 1915. Der Schuhmacherlehrling Fritz Götzte aus Fürstenberg a. Oder mußte wegen Interessenlosigkeit aus der Jugend⸗ kompagnie entfernt werden. Ich bringe dieses unpatriotische Verhalten des Genannten zur allgemeinen Kenntnis. Der Königliche Landrat. J. V.: Moes, Regierungsassessor. Wie reimt sich dieser landrätliche Ukas zusammen mit den ministeriellen Verfügungen über die militärische Jugendausbildung, in denen das Prinzip der Freiwilligkeit aufgestellt war? Es wäre dringend nötig, daß die vorgesetzte Behörde des Herrn Regierungs⸗ assessors ihm einmal mit aller Deutlichkeit klar macht, daß sein Verhalten nicht in diese Zeit hineinpaßt, die denen Schweigen ge⸗ bietet, die alle Ursache hätten, an dem Verhalten des Herrn Land⸗ ratstellvertreters schärfste Kritik zu üben. Kriegshumor. 6 0 Kriegsfuß. Folgendes„wahre Geschichtchen“ tischt die . Z. auf: Die Kompagnie war angetreten und der Leutnant(Kompagnie⸗ führer) hatte ein paar Worte an die Mannschaft gerichtet. Feld⸗ webel Z. wollte aber den Mannschaften auch noch etwas sagen und erbat sich vom Leutnant die Erlaubnis zu reden. Er erhielt sie. „Alles mir ansehen,“ wandte sich Feldwebel Z. an die Kom⸗ pagnie. „Mich,“ rief der Leutnant leise vom Pferde. „Alles den Herrn Leutnant ansehen,“ befahl Z. nun. „Nein, Sie, Sie,“ flüsterte wieder der Leutnant. 5 7 18 wieder alles mir ansehen,“ brüllte der Feldwebel wie ein Löwe. Vermischtes. Kriegsdividenden der Mühlen. Die Bernburger Saalmühlen-Akt.⸗Ges. beankragt die Ver⸗ teilung einer Dividende von 20 Prozent(gegen vier Prozent im Vorjahr). Der Aufsichtsrat der Mühle Rüningen Akt.⸗Ges. Braun⸗ schweig beschloß, für das Geschäftsjahr 1914/15 eine Dividende von 24 Prozent(wie im Vorjahr) vorzuschlagen.— Von einer Kriegs⸗ notlage ist hier nichts zu merken. Schweres Eisenbahnunglück bei Zürich. Die Schweizerische Depeschenagentur meldet unterm 17. August: Der Schnellzug 122, Zürich⸗Biel⸗Genf, welcher um 5 Uhr 55 in Zürich abging, fuhr in der Station Dietikon auf den im Durch⸗ fahrtsgeleise der Station Dietikon stehenden Lokalzug 2837, der um 6 Uhr 05 in Dietikon abgehen und um 6 Uhr 25 in Zürich ein⸗ treffen sollte, auf. Die Lokomotive des Lokalzuges wurde total zertrümmert, ebenso mehrere Wagen. Es soll vier bis fünf Tote und eine große Anzahl Verwundete gegeben haben. Selbstmord aus Nahrungssorgen. Zu Triptis wurden der Balgbinder M. Ernst, dessen Ehefrau und zwei Kinder in ihrer Wohnung bewußtlos aufgefunden. Der älteste Sohn, der in der Nebenkammer schlief, war von dem starken Gasgeruch erwacht und fand das Wohnzimmer verschlossen. Er eilte sofort zur Polizei, die die Wohnung gewaltsam öffnen ließ. Alle Personen im Wohnzimmer waren bewußtlos. Es gelang, die Ehefrau wieder ins Leben zurückzurufen, bei den übrigen Mit⸗ gliedern der Familie waren Wiederbelebungsversuche erfolglos. Der Grund zu dem Selbstmord soll in Nahrungssorgen zu suchen sein. Die Eheleute haben im Einverständnis gehandelt. 132 000 Mark unterschlagen! Auf der Polizei in Oberursel meldete sich ein funger Mann von 22 Jahren als obdachlos. Der Polizei fiel es auf, daß er nicht einmal die notwendigsten Reisegegenstände mit sich führte. Bei der Vernehmung gab er an, eine Rheinreise unternommen zu haben und zuletzt bei einer Firma in Düsseldorf in Stellung gewesen zu sein. Auf telegraphische Anfrage bei der Firma kam der Bescheid, daß der junge Mann vor einigen Monaten der Firma 132 000 Mark unter⸗ schlagen habe und seitdem steckbrieflich verfolgt werde. Er wurde darauf in das Homburger Amtsgerichtsgefängnis abgeführt. Der Verkaufspreis für Kartoffeln aus den städtischen Beständen wird von heute ab auf 5 Pfennig für das Pfund festgesetzt. Es werden Mengen bis zu einem Zentner abgegeben. Verkaufsstelle: Seltersweg 11. Verkaufstage: Diens⸗ tag, Donerstag, Samstag von 8—12 vormittags. Gießen, den 19. August 1915. Der Oberbürgermeister. Keller. Grummetgras⸗Perffeigerung det ladt Gießen. Samstag den 21. August, Montag den 23. August und Diens den 24. August d. J. soll das Grummetgras von den städtische Wiesen meistbietend versteigert werden und zwar: Samstag den 21. August d. J. a) nachmittags 4½ Uhr an Ort und Stelle die Kleenutzung von 2% Morgen Acker am Wetzlarerweg bet der Klinikstvaße; b) nachmittags 5 Uhr an Ort und Stelle von den Wiesen bei der Aktienbrauerei, am Ohlebergweg bei der Heyligenstädtschen Fabrik und in der Stephansmark. 5 5 Zusammenkunft an der Eisenbahnbrücke in der Klimikstraße beim Wetzlarerweg. Montag, den 23. August 5 a) vormittags 9 Uhr Zusammenkunft am Schlachthof, von den Wiesen im Neustädterfeld und am Elektrizitätswerk und von den Wieseckböschungen: 8 b) vormittags 10% Uhr in der Restauration von Melchior Schäfer Witwe, Kasserallee 4, von den Wiesen im Heegstrauch und im Rußland. c) 1 1 11½% Uhr vom Friedhof am Nahrungsberg. d) nachmittags 2 Uhr im Philosophenwald von den Wiesen am Fürstenbrunnen, im Wiesecktal, von den Hospitalwiesem im der Gemarkung Wieseck. e) nachmittags 4% Uhr an Ork und Stelle von den Wiesen in der Schwarzlach. 5 711 Dienstag den 24. August 118 8 ö a) vormittags 9 Uhr an Ort und Stelle von den Ochsenwfesen, von den Wiesen im Stolzenmorgen, am Utersbrunnen und Altentisch. b) nachmittags 3% Uhr an Ort und Stelle von den Wiesen in der Gemarkung Rödgen;. c) nachmittags 4 Uhr an Ort und Stelle von den Wiesen in der Gemarkung Großen⸗Buseck. Steigliebhaber, welche die Wiesen zu besichtigen beabsichtigen, wollen sich an den städtischen Wiesenwärter Bellof, Wolfstraße 15, wenden. Die Großh. Bürgermeisteresen der umliogenden Gemeinden werden ersucht, Vorstehendes in ihren Gemeinden bekanntmachen zu lassen. Gießen, den 12. August 1915. Der Oberbürgermeister. J. V.: Grllnewald. Bekanntmachung Mittwoch, den 25. August 1915, nachmittags 2 Uhr beginnend, werden die Frühbirnen von den städtischen Bäumen am Krofdorfer Weg, am Wiesecker Weg, am Lärchenwäldchen, auf dem Lutherberg, am alten Steinbacher Weg und auf dem städtischen Obstbaumstllck bei der neuen Kaserne an Ort und Stelle meistbietend versteigert, Die Zusammenkunft ist bei dem städtischem Schlachthof. Gießen, den 18. August 1915. Der Oberbürgermeister: gebot hielt den Markt besetzt und hinderte die erregten Frauen an ihrem Vorhaben. Zwei Frauen und ein Mann wurden verhaftet. Keller. Taheöbericht des Großen Hauptquartiers. unaufhaltsam vorwärts über Narewund Bug Deutsche Truppen in den Vorstellungen von Brest⸗Litowsk. g Ueber 7700 Russen und 125 Geschütze als neue Beute. W. B. Großes Hauptquartier, 19. Aug., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. 5 Zwischen Angres und Souchez führte der Gegner gestern abend einen während des ganzen Tages durch Artilleriefeuer vorbereiteten Angriff durch. Er drang stellen⸗ weise in unsere vordersten Gräben ein und hält in der Mitte des Angriffsabschnittes einen Teil noch besetzt, ist auf der übrigen Front aber bereits geworfen. 5 In den Vogesen erneuerte der Feind gestern seine Au⸗ griffe nördlich von Münster gegen unsere Stellungen auf Lingekopf und Schratzmännle. Nach vorüber⸗ gehendem Vordringen bis in einzelne unserer Gräben auf dem Lingekopfe ist der Gegner dort überall zurückgeschlagen. Am Schratzmännle ist der Kampf noch im Gange. Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg.. Bei der Einnahme von Kow uo wurden noch 30 Offiziere und 3900 Mann gefangen genommen. Unter dem Drucke der Fortnahme bon Kownuv räumten die Russen ihre Stellungen gegenüber Kalwarja⸗ Suwalki. Unsere Truppen folgen. i Weiter südlich erstritten deutsche Kräfte den Narew⸗ übergang westlich Tykocin und nahmen dabei 800 Russen gefangen. Die Armee des Generals v. Gallwitz machte Fortschritte in östlicher Richtung. Nördlich Bielsk wurde die Bahn Bialystok— Brest⸗Litowsk erreicht; 2000 Russen wurden zu Gefangenen gemacht. l Im Nordostabschnitt von Nowo⸗Georgfewsksüber⸗ wanden unsere Truppen den Wkra⸗Abschnitt. Zwei Forts der Nordfront wurden erstürmt. Ueber 1000 Gefangene und 125 Geschütze fielen in unsere Hand.. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. 5 Der linke Flügel trieb den Feind kämpfend vor sich her und erreichte abends die Gegend westlich und südwestlich von Mielejcezyce. 5 Der rechte Flügel über den Bug bei Mielejezyer vorbrechend warf den Gegner aus seinen starken Stellungen nördlich des Abschnittes und ist im weiteren Vorgehen. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen. Auch hier wurde zwischen Miemirow und Jan ow der Bugübergang von den verbündeten Truppen er⸗ zwungen. l Vor Brest⸗Litowsk drangen deutsche Truppen ber Rokitno(südöstlich von Janow) in die Vorstellungen der Festung ein.. Oestlich von Wlodawa folgen unsere Truppen dem geschlagenen Feinde. f Unter dem Drucke unseres Vorgehens hat der Gegner das östliche Ufer des Bug auch unterhalb und oberhalb von Wlodawa geräumt. Er wird verfolgt. 2 Oberste Herresleitung. 8 * Nowo⸗Georgiewsff gefallen! Viele tausend Mann gefangen.— Unüberseh⸗ bares Kriegsmaterial erobert. g WIB. Großes Hauptquartier, 20. Aug. (Amtl.) Die Festung Nowo⸗Georgiewst, der letzte Halt des Feindes in Polen, ist nach hart⸗ näckigem Widerstand genommen. Die gesamte Besatzung, davon gestern im Endkampf allein über 20000 Mann, und vorläufig unüberseh⸗ bares Kriegsmaterial fielen in unsere Hände. S. M. der Kaiser hat sich nach Nowo⸗Georgiewsk begeben, um dem Führer des Angriffs, General der Infanterie v. Beseler, und den tapferen Angriffstruppen seinen, wie des Vaterlandes Dank auszusprechen. Oberste Heeresleitung. Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Niemirow gestürmt! Schwere Verluste der Italiener. Wien, 19. Aug.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart, 19. August 1915, mittags: n Rufsischer Kriegsschauplatz. Die unter den Befehlen des Erzherzogs Josef Ferdinand und des Generals von Koeveß stehenden österreichisch-ungarischen Kräfte erkämpften sich nördlich von Janow und Konstantynow den Uebergang über den Bug. Niemirow und andere Orte des Nordufers wurden gestür mt, der Feind ist geworfen, die weitere Verfolgung im Gange. Die Einschließungstruppen von Brest⸗Litowsk, in deren Mitte sich die Divisionen des Jeldmarschalleutnants v. Arz befinden, ente rissen dem Gegner einige Vorfeldstellungen. N Bei Wladimir⸗Wolynskij und in Ostgalizien nichts Neues. Italienischer Kriegsschauplatz. N Gegen unsere tiroler Werke setzte die italienische schwere Artillerie ihr Feuer auch während des gestrigen Tages und heute noch fort. Ein Angriff von zwei feindlichen Bataillonen auf unsere Vorfeldstellungen am Plateau von Folgarsa wurde abgewiesen. Die heftigen Kämpfe im nördlichen Abschnitt der Ea Front dauern fort. Ein starker An⸗ riff gegen den FIrzliurh scheiterte, wie alle früheren. Gegen en Südteil des Tolmeiner Brückenkopfes griffen die 15 N * Italiener nachmittags und abends sechsmal vergeblich an. Auch nachtsüber wurde erbittert gekämpft. Nach wie vor ist der Brückenkopf fest in unserer Hand. Mindestens 600 un⸗ beerdigte italienische Leichen liegen vor unseren Gräben. Im Görzischen hält das gewohnte Geschützfeuer an. 5 Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Höfer, Jeldmarschalleutnant. Die letzten Reserven. 5 Nach einer kaiserlichen russischen Verordnung werden alle noch disponiblen Offiziere und Mann⸗ schaften von ganz Russisch⸗Asien, ausgenommen vom Kaukasus, nunmehr einberufen. Die Einwohner verlassen Bialyhstok. T. U. Amsterdam, 19. August. Reuter meldet aus Petersburg, daß die Bevölkerung von Bialystok die Stadt verlassen. Die Hospitäler, Banken und andere öffentlichen Institute sind bereits geräumt. Der Gouverneur von Wilna hat angesichts der Möglich⸗ keit, daß die Stadt vom Feinde besetzt werden wird, befohlen, alle Metalle, Leder, Kirchenglocken, Pferde, Rindvieh, kurz alles, was dem Feinde nützen könnte, wegzuschaffen. f Man sucht einen Sündenbock! Petersburg, 19. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Der Petersburger Kurier verlangt strengste Bestrafung derjenigen Beamten, die an dem artilleristis chen Mißerfolge der russischen Armee schuld sind. Das größte Unglück Rußlands sei, daß sich die höch stge; stellten Beamten immer alles erlauben könnten. ohne Strafe zu fürchten. Es genüge nicht, sich für die Zu⸗ kunkt gegen solche Mißgriffe zu sichern, sondern man müsse auch Sühne für die Vergangenheit schaffen.— Rjetsch führt aus, daß bereits im Jahre 1911 auf Veranlassung der Duma der damalige Unterstaatssekretär des Kriegsamtes, Poliwa⸗ noff, einen Untersuchungsausschuß eingesetzt habe, der ein ganzes Jahr arbeitete und einen Bericht mit Auf⸗ zählung der entdeckten großen Mißstände einreichte. Im April 1912 mußte Poliwanoff zurücktreten; daraufhin seien die Arbeiten des Ausschusses unterbrochen und ihr Ergebnis unterdrückt worden. Es wäre jetzt interessant, die damaligen Entdeckungen ans Tageslicht zu fördern. Der Seekrieg. Das englische U⸗Boot„E 13“ vernichtet. Berlin, 19. Aug.(W. B. Amtlich.) Das englische Unter⸗ scebovt„E 13“ ist am 19. August vormittags durch ein deut⸗ tet worden.„ 8 Der siellvertretende Chef des Admiralstabs der Mari 4 Gez.: Behnke. Der Luftkrieg. 1 Ein Zeppelin über Hull. e T. U. Stockholm, 19. Aug. Aften Tidningen meldet aus Goeleborg: Der Goeteborger Dampfer„Brite“, der im Hafen von Hull liegt, war Zeuge eines Zeppelinangriffes 1 Stadt. Hull war deutlich das Ziel der Zeppeline, aber da dichter Nebel herrschte, wurde das Ziel verfehlt und die Bomben trafen eine unbefestigte Vorstadt von Hull, wo 14 Menschen getötet und wertvolles Material den Bomben zum Opfer fiel. 1 e ne 0 14 8 7 Verantwortlicher Redakteur: Heinrich Noll, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. f Verstorbene: Konrad Schäfer, Kreisstrazenwart in Hausen, 58 Jahre alt.. 22 3 5* 4 4. Kriegstagung des Reichstags Sitzung vom Donnerstag, den 19. August, 8 nachmittags 2 Uhr. „ Am Bundesratstisch: Bethmann Hollweg, Delbrück, Jagoßd, Helfferich, Lisco, Kraetke, Solf u. a. Präsident Dr. Kaempf gedenkt der schweren Opfer des ver⸗ flossenen Kriegsjahres betont den einheitlichen Willen der Nation, wie vor einem Jahre so auch heute unerschütterlich zum Kaiser und den verbündeten Regierungen zu stehen, um einen Frieden zu erringen, der für alle Völker der freien Kulturentwickelung den 1 und die deutsche Zukunft sicherstellen soll.(Lebhaftes rabol) Der Präsidenk begrüßt dann den auf dem Schlachtfelde ver⸗ wundeten und jetzt wieder hergestellten Abg. Davidsohn(Soz.). Das Haus ehrt das Andenken des verstorbenen früheren Prã⸗ sidenten v. Wedell⸗Piesdorf und des Abg. Graf v. Carmer⸗Osten Cons.) durch Erheben von den Sitzen. Die Berichte der Reichsschuldenkommission werden ohne Er⸗ örterung an die Rechnungskommisston überwiesen. Es folgt der Nachtrag zum Reichshaushaltsetat. — a Reichskanzler v. Bethmann Hollweg: Seit der letzten Tagung ist wieder Großes geschehen. Unsere Gegner können ihre Niederlagen nicht ableugnen und verleumden uns deshalb von neuem mit der Behauptung, wir hätten nur segt, weil wir den Krieg eingehend vorbereitet, sie aber in un⸗ ulbiter Friedensliebe gar nicht daran gedacht 1 Vor Tische mans anders, da priesen Rußland, Frankreich, England in derausforderndem Tone ihre Kriegsbereitschaft.(Lebhaftes Sehr kichtig!) Es ist ja begreiflich, daß unsere Gegner die Schuld am kriege von sich abzuwälzen suchen. Ob aber die kleinen neutralen Mächte auch jetzt noch glauben, daß England und seine Alliierten den Krieg zum Schutz der kleinen Völker, zum Schutz von Freiheit und Zivilisation führen?(Sehr gut!) Gerade England schnürt den neutralen Handel ein, soviel es kann. England besetzt kurzer⸗ 255 griechische Inseln, weil ihm das für seine Operationen an en Dardanellen bequem ist. Das neutrale Griechenland will es zu Gebietsabtretungen an Bulgarien pressen. In Polen ver⸗ wüstet Rußland vor dem Rückzug seiner Armee das ganze Land, bie Bevölkerung ganzer Städte werden in unbewohnte Gegenden berschickt und müssen dabei in dem Sumpf russischer Straßen oder in plombierten icht di Gepäckwagen übernachten.(Lebhafte Pfuirufe.) So sieht die Freiheit und die Zivilisation aus, für die unsere Gegner kämpfen.(Sehr gut!) Den wahren Sinn don Englands Protektorrolle der kleinen Staaten zeigt die Ge⸗ schichte. Im Frühjahr 1902 werden die Burenrepubliken England einverleibt. Dann richten sich Englands Blicke auf Aegypten. Der Einverleibung stand ein feierliches Versprechen Englands entgegen. Meinem Angebot, für die Integrität Belgiens Gewähr zu leisten, erwiderte England stolz, es könne seine Verpflichtung, für die belgische Integrität zu sorgen, nicht zum Handelsobjekt machen; seine feierliche Verpflichtung gegenüber ganz Europa in bezug auf Aegypten aber verhandelte es 1904 in dem bekannten Vertrag mit Frankreich.(Hört! Hört!) 1907 kam Asien an die Reihe, der südliche Teil von Persien wird in eine englische Inter⸗ essensphäre umgewandelt, der nördliche wird dem freiheitlichen Regiment der Kofaken überlassen.(Heiterkeit.— Abg. Liebknecht (Soz.): Potsdamer Entrevuel) Auch darauf komme ich. Wer solche Politik betreibt, darf einem Lande, das 44 Jahre lang den europäischen Frieden geschützt hat, nicht Kriegswut und Barbaris⸗ mus vorwerfen.(Lebhafter Beifall.) Die wirklichen Tendenzen der englischen Politik und die Ursachen dieses Krieges werden sehr t bezeugt durch die Berichte der englischen Gesandten, die in hrer übereinstimmenden Beurteilung von durchschlagender Wucht ind und gerade deshalb im Ausland kotgeschwiegen werden. Gegen diese Zeugnisse kommen alle Versuche der Gegner nicht auf, uns als die Urheber des Krieges, sich selbst als die frivol Angegriffenen hinzustellen.(Sehr wahr!) Mancher wirft mir politische Kurz⸗ lichtigkeit vor, weil ich immer wieder eine Verständigung mit Eng⸗ land versucht habe. Wäre sie gelungen, so wäre dieser menschen⸗ mordende Weltbrand vermieden worden, und mit solchem Ziel im Auge durfte ich die Versuche nicht unterlassen, weil sie schwer und wenig aussichtsteich waren. dem Spiele stehen, galt für mich das Wort: Ding unmöglich.(Beifall.) König Eduard hatte in der persönlichen Förderung der eng⸗ lischen Einkreisungspolitik gegen Deutschland eine seiner Haupt⸗ aufgaben erblickt. Bei seinem Tode hoffte ich auf einen besseren Fortgang der Verständigungsverhandlungen, aber das Eingreifen Englands in die Auseinandersetzung Deutschlands mit Frankreich über Marokko zeigte, wie sehr die englische Ententepolitik den Weltfrieden bedrohte. Das englische Volk war über die Gefahr der Politik seiner Regierung nicht unterrichtet, und als es sie er⸗ kannte, da machte sich in weiten Kreisen die Stimmung geltend, ein Verhältnis mit uns herzustellen, das kriegerische Verwicklungen ausschloß. So entstand im Frühjahr 1912 die Mission Haldanes. Der Reichskanzler schildert hierauf eingehend die seit 1912 mit England gepflogenen Verhandlungen. Zunächst schlugen wir, um dauernde Beziehungen mit England zu erreichen, einen unbe⸗ dingten Neutralitätsvertrag vor. Als England diesen Vorschlag als zu weitgehend ablehnte, schlugen wir vor, die Neutralität auf Kriege zu beschränken, bei denen man nicht sagen könnte, daß die Macht, der die Neutralität zugesichert sei, der Angreifer sei. Auch das schlug fehl, das englische Kabinett erklärte sich lediglich bereit zu einem Zusatz, wonach der Formel die Worte vorangeschickt werden sollten, daß die beiden Mächte gegenseitig den Wunsch haben, Frieden und Freundschaft untereinander sicherzustellen. Eigentlich hätte ich schon damals die Verhandlungen abbrechen müssen, ich habe es im Interesse des europäischen Friedens nicht getan und mich bereit erklärt, den Vorschlag zu diskutieren, falls der Zusatz hinzukommt, daß England selbstverständlich wohlwollende Neu⸗ tralität bewahren werde, wenn Deutschland ein Krieg aufgezwungen werden sollte. Diesen Zusatz hat Mister Grey rundweg abgelehnt, und zwar, um die bestehende Freundschaft mit anderen Mächten nicht zu gefährden. Das bildet für uns den Schlüssel. England hielt es für ein Zeichen besonderen Entgegenkommens, durch feier⸗ lichen Vertrag zu verkünden, daß es nicht ohne Grund über uns herfallen würde, es behielt sich aber freie Hand für den Fall vor, daß seine Freunde es tun würden.(Heiterkeit und Hört! hört!) Asquith hat darüber am 2. Oktober 1914 gesprochen, aber er hat die Tatsachen entstellt, er hat die a Meinung in England in un verantwortlicher Weise irregeführt.(Hört! hört!) Es ist mir unfaßlich, wie ein so hoher Staatsmann einen Vorgang, den er genau kannte, objektiv so unrichtig darstellen konnte, um daraus 5 95 zu ziehen, die der Wahrheit ins Gesicht schlagen.(Hört! ört!) Ich muß Verwahrung einlegen gegen die Unwahrhaftigkeit und Verleumdungen unserer Gegner(Bravo!), die uns durch eine uner⸗ ele Verschiebung der Tatsachen vor aller Welt an den Pranger stellen wollen. Wir waren bereit alles zu tun, um den Weltkrieg zu vermeiden, England hat es abgelehnt. Die Schuld wird es in aller Welt nicht los.(Sehr richtig!) Auch den Briefwechsel zwischen Grey und Cambon, der auf ein französisch⸗englisches Defensivbündnis hinauslief, und die Abmachungen der beiden Generalstäbe, die dies Defensivbündnis zu einem Offensivbündnis gestalteten, hat die englische Regierung der Oeffentlichkeit und ihrem Lande vorenthalten. Erst als es kein Zurück mehr gab, hat sie davon Kenntnis gegeben. Die gleiche Taktik hat England bei den Verhandlungen über ein Marineabkommen mit Rußland im Frühjahr 1914 befolgt, als die russische Admiralität den Wunsch hatte, mit Hilfe Englands Pommern die Wohltaten einer russischen Invasion spüren zu lassen.( Heiterkeit.) Immer fester hat sich der Ring der Entente mit ausgesprochen antideutschen Tendenzen geschlossen, die Saat König Eduards war in die Halme geschossen. Wir waren gezwungen, diese Situation mit der großen Wehr⸗ vorlage von 1913 zu beantworten. Im vollen Bewußtsein des Ernstes der Weltlage sind wir stets bestrebt gewesen, unsere Be⸗ ziehungen zu Rußland möglichst freundschaftlich zu gestalten. Wir waxen dabei in einzelnen Fragen zu einer Verständigung gelangt, unsere Beziehungen waxen gegenseitig durchaus korrekt, aber die Gesamtlage hat sich dadurch nicht geändert, die chauvinistischen Revanchetreibereien Frankreichs und die kriegshetzerischen pan⸗ slawistischen Expansionsbestrebungen Rußlands wurden durch die antideutsche Politik Englands von neuem angefangen. In England wird neuerdings wieder behauptet, der ganze Wo Millionen von Menschenleben auf Bei Gott ist kein Krieg hätte vermieden werden können, wenn ich auf den englischen Vorschlag einer Konferenz zur Regelung des russisch⸗österreichischen Streitfalles eingegangen 11 Aber am 27. Juli schloß sich Sir Edward Grey ausdrücklich dem deutschen Standpunkt an, es wäre das beste, den Streitfall durch einen direkten Meinungsaustausch zwischen Wien und Petersburg zu regeln.(Lebh. Hört! Hört) Unsere Vermittelung in dieser Richtung in Wien haben wir in einer Form betrieben, die bis zum äußersten dessen ging, was mit unserem Bündnisverhältnis noch vereinbar war. Als von Peters⸗ burg die Nachricht einging, Fetter unge wolle au 1 8 Vorschlag nicht eingehen, ließen wir in ien wissen, wir zwar bereit sind, unsere Bündnispflicht zu erfüllen, es aber ab⸗ lehnen müssen, uns von der österreichisch⸗ungarischen Regierung durch Nichtbeachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hinein⸗ ziehen zu lassen.(Lebh. Hört! Hört! und Bravol) Aus Wien wurde sofort kelegraphiert, daß ein Mißverständnis auf russischer Seite vorliegen müsse, unsere dringende Anregung. werde befolgt.(Leb⸗ haftes Hört! Hört!) Diesen Vorgang habe ich, als vor Ausbruch des Krieges die Erregung in England sich steigerte, in der eng⸗ lischen Presse bekanntgeben lassen, und jetzt taucht die Behauptung dort auf, der Vorgang habe gar nicht stattgefunden. Sie werden mir zugeben, daß diese Verdächtigung keiner Erwiderung bedarf. (Lebhafte Zustimmung.) Die Konversation zwischen Petersburg und Wien kam denn auch in Fluß, bis sie durch die u Mobilmachung der russischen Armee ihren jähen Abschluß fand. Erst durch diese Mobikmachung wurde der Krieg unausqeichlich. (Sehr richtig) Das will ich hier noch einmal mit aller Bestimmt⸗ heit feststellen. Deutschlands Gewissen ift rein und den Kampf gegen die feindlichen Verleumdungen werden wir ebenso siegreich 1 27 wie den großen Kampf auf dem Schlachtfelde.(Lebh. eifall. 5 f Unsere und die österreich-ungarischen Truppen haben die Grenzen Polens gegen Osten erreicht. Geographische und politische Schicksale haben Deutsche und Polen gegeneinander seit Jahr⸗ hunderten zu kämpfen gezwungen. Die Erinnerung an diese Kämpfe hindern aber nicht die Achtung vor der Vaterlandsliebe des polnischen Volkes und der Zähigkeit, mit der es seine alte Kultur gegen Rußland verteidigt. Die gleißnerischen Verfprechungen un⸗ serer Feinde ahme ich nicht nach, aber ich hoffe, daß die heutige Besetzung Polens den Beginn einer Entwickelung darstellen wird, die die alten Gegeasätze zwischen Deutschen und Polen aus der Welt schaffen und das vom russischen Joch befreite Volk einer glück⸗ licheren Zukunft entgegenführen wird.(Lebhafter Beifall bei den Polen.)— Je länger der Krieg dauert, um so mehr wird er ein zer⸗ rüttetes, aus tausend Wunden blutendes Europa zurücklassen. Die Welt, die dann erstehen wird, 17 und wird aber nicht so aussehen. wie unsere Feinde es träumten. Sie strebten nach dem alten Europa zurück mit einem ohnmächtigen Deutschland, das ein Vasallenstaat wäre des russischen Riesenreiches, das alle Slawen unter dem Zepter Moskaus bereinen soll. Aber dieser ungeheure Weltkrieg wird nicht in alte vergangene Zeiten zurückführen. Europa kann zur Ruhe kommen nur durch eine starke unantastbare Stellung Deutschlands.(Lebhafter Beifall.) J 97 5 Deutschland hat den Krieg nicht gewünscht und hat nie die Herrschaft über Europa angestrebt, sein Ehrgeiz war, im friedlichen Wettbewerb der Nationen voranzustehen. Der Krieg hat aber auch gezeigt, welcher Größe wir fähig sind. Wir hassen nicht die von fremden Regierungen gegen uns in den Krieg gehetzten Völker, aber wir haben die Sentimentalität verlernt.(Lebhafter Beifall 5 5 und bei den Nationalliberalen.) Wir halten den Kampf durch, bis jene Völker, von den wahrhaft Schuldigen befreit, den Frieden fordern, bis die Bahn frei wird für ein neues, von französischen Ränken, von moskowitischer Eroberungssucht, von englischer Vor⸗ mundschaft befreites Europa.(Stürmischer, langanhaltender Bei⸗ fall bei den bürgerlichen Parteien.), 4 f 15 Auf Antrag des Abg. Dr. Spahn(.) wird der Nachtragselat der Budgetkommission überwiesen, ebenso die dem Reichstag heute zugegangene Vorlage auf Abänderung des Reichsmilitärgesetzes. Das Gesetz über den Schutz von Trachten und Abgeichen der Krankenpflege wird ohne Debatte in erster und zweiter Lesung angenommen. 1 Hierauf vertagt sich das Haus auf Freitag nachmittag 2 Uhr. (Anfrage, zweite Lesung des Nachtragsekats) Socken, Strümpfe, Unterjacken, Hemden, Unterhosen in allen Preislagen Schürzen Ualerröcke abe Reste adler Alen tna Sflldent Tele etergasss 7 f Raeumalismus-, Ischias- und bichlfeidende nehmen die glänzend bewährten Petrin- Tabletten Name gesetzlich geschützt Mlttef, age e fe N jegli ohne jeglie Zu haben in allen Apotheken. da vollständig unschädlich, Nebenerscheinungen und sleher wirkend.— Besonderer Beachtung *: empfohlen:::: Praktischer Wegweiser Aupledlenzwaler Lester Schluß 4 Uhr. Tafel⸗ — Brauerelen und Neuberiehenf on Sonnen- und 5 Tanin * en- Rerenachferen J. H. Mring, Lich gut und billig Telephon 1 Bierbrauerei mit eigener Mälzerel Anerkannt vorzügliche helle und dunkle Export- Biere Near Netzlar: [Georg Guht G. m. b. 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