* 8 die Krieges nicht jahrzehntelang nachwirken, dann lközeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstrasse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die ö mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 192 Gießen, Mittwoch, den 13. August 1915 10. Jahrgang. Blickt in die Zukunft! Von Hermann Molkenbuhr. Zu Beginn des zweiten Kriegsjahres brachten fast alle Zeit— ungen Rückblicke auf das abgelaufene Jahr und über den gegen— wärtigen Stand des Krieges. Soweit sie damit Ausblicke in die Zukunft verbanden, beschränkten sich diese meist darauf, zu unter— suchen, welche Ereignisse sich wahrscheinlich in nächster Zeit auf dem Kriegsschauplatze abspielen werden. Man fand nur wenig Ausblicke auf die Zukunft des ganzen Volkslebens: und doch gibt es kein Gebiet des öffentlichen Lebens, auf dem nicht die größten, dringend der Lösung harrenden Probleme auftauchen. Man braucht nur an die Steuerpolitk, die Preisgestaltung der wichtigen Lebensmittel, das ganze Gebiet der Sozial— politik zu denken, um sofort zu erkennen, daß es kein Gebiet des polige chaftlichen und kulturellen Lebens gibt, das nicht in seinen Grundfesten erschüttert ist und nicht gleich nach dem Friedensschluß neu ausgebaut werden muß. Und bei der Lösung aller dieser Fragen wird vor allem auch das Interesse der Arbeiter berührt. Die Arbeiter dürfen darum mit der Be— sprechung der nächsten Zukunft nicht warten, bis die fertigen Ge— setzentwürfe vorliegen; sie müssen vorher ihre Forderungen formulieren. Aus dem gewaltigen Gebiet der Probleme möchten wir nur einiges herausgreifen. Schon bei oberflächlicher Betrachtung drängen sich besonders zwei Fragen in den Vordergrund: 1. Wie kann die Produktions fähigkeit des Volkes auf die denkbar höchste Stufe gehoben werden? 2. Wo sind Umsatzmärkte für die geschaffenen Waren zu finden? 5 Sollen die verderben bringenden Folgen des werden wir nach Friedensschluß in Anbetracht der enormen Menschenverluste geradezu peinlich mit den verbliebenen Arbeitskräften haushalten müssen. Als erste Frage taucht auf: Was ist für die Kriegs⸗ invaliden und für die Hinterbliebenen der Gefallenen zu tun? Erfreulich ist, daß von allen Seiten anerkannt wird, es muß mehr geschehen, als die Militärpenstionsgesetze und die Militärhinter⸗ bliebenen⸗Versorgungsgesetze bieten. Trotz dieser allgemein ver⸗ breiteten Erkenntnis wird es doch großer Kämpfe bedürfen, um das zu erlangen, was nötig ist. Ungeachtet alles Wohlwollens für die Invaliden und die Hinterbliebenen der Gefallenen steckt ein fest— gewurzelter Aberglaube in den Gemütern der„wohlwollenden“ Menschen. Sie meinen: der Invalide darf nicht so viel haben wie sder Gesunde, und die Hinterbliebenen dürfen nicht mehr haben, wie der Vater gehabt hätte, wenn er als Ganzinvalide weiter ge⸗ lebt hätte. Gibt man dem Invaliden weniger als derselbe Mann, wenn er gesund geblieben wäre, gehabt hätte, dann gehen die Reste ver⸗ bbliebener Arbeitsfähigkeit bald völlig verloren, denn durch nichts wird die Arbeitsfähigkeit der Menschen schneller und mehr herab⸗ gedrückt, als durch den täglichen Kampf um das tägliche Brot. Hier gilt es, das Augenmerk nach zwei Richtungen zu lenken: der Geschädigte muß vollen Ersatz für die materiellen Nachteile des an seiner Gesundheit erlittenen Schadens haben, und die Pension darf won wucherischen Ausbeutern nicht zu Lohndrückerei ausgenützt werben. Während die Lösung der ersten Frage Aufgabe der Ge— letzgebung ist, müßten für die zweite Frage die Gewerkschaften Vorbeugungsmaßregeln treffen. Allgemein wird jetzt anerkannt, daß für die Höhe der Pension nicht allein, wie es bisher der Fall ist, der militärische Rang maßgebend sein darf, sondern daß man auch das Ein⸗ ommen im bürgerlichen Leben mit berücksichtigen muß. Für die Pensionssteigerung follte man aber noch ein weiteres Moment in Betracht ziehen. Nämlich die Kinderschar, die der In⸗ valide mit seiner Pension und seinem Arbeitseinkommen zu er— halten hat. Ein Vorbild bietet hierfür die Reichsversicherungs⸗ ordnung. Nach§ 1291 dieses Gesetzes erhalten die Empfänger zon Invaliden⸗ und Krankenrente für jedes unter 15 Jahr alte stind eine Rentenerhöhung von 10 Prozent, bis zum Betrage von 0 Prozent der Stammrente. Der Betrag kommt also bei 1 bis 5 stindern voll zur Auszahlung. Die finanzielle Wirkung ist keines⸗ wegs abschreckend. Es wurden 1913 an 145 970 Personen In⸗ zaliden⸗ oder Krankenrente bewilligt. Von diesen erhielten 32 037 Fersonen(also 21,8 Proz.) Kinderzuschußrente. Der Jahresbetrag er Stammrenten betrug 27 186 415 Mk. Die Kinderzuschüsse er⸗ seichten aber nur den Betrag von 1 432 247 Mk., also 5,27 Proz. er Stammrente. Höher als der Durchschnitt ist der prozentuale Unteil, wenn man nur die Rentenempfänger im Alter von unter 5 Jahren betrachtet, also die Altersklassen, die für die Kriegs⸗ nvaliden allein in Frage kommen. Aber auch hier wird die Kinder⸗ 105 mit einem Betrag von 12 Prozent der Stammrente ge— 1. Nach der starken Verwüstung von Menschenleben nuß alle Kraft daran gesetzt werden, die heranwachsende Gene⸗ ration gesund zu erhalten. Von höchfter Wichtigkeit sind daher die „interbliebenenrenten. Nach dem Militärhinter⸗ lliebenen⸗Versorgungsgesetz sollen Witwen und Waisen nicht mehr chalten, als der vollständig invalibe Vater gehabt hätte. Das bungerleiden kinderrescher Familien würde schon gemildert, wenn nan dem Vater Kinderzuschußrenten bewilligen würde. Man ollte aber mit dem Grundsatz, daß kinderreichen Familien die Ein⸗ Unfte gekürzt werden, völlig brechen. Dieser Gruni atz hat nur lann einen Schein von Berechtigung, wenn man Vevige gibt, die neben der Ernährung noch einen Luxus gestatten. Gibt man aber zur bie Bezüge, die für die notwendige Ernährung und Kleidung iringend gebraucht werden, dann bedeutet jeber Abzug eine Ver⸗ urtellung zum Hungern. Ein Kind braucht darum nicht weniger achuhe, Kleidung und Nahrungsmittel, weil es noch neun Ge⸗ ichwister hat. Der finanzielle Gewinn, den das Reich durch solche Kürzung erzielt, ist minimal. Der Durchschnitt der Kinder in den ni Kinbern gesegneten Familien ist 2,38. Das Reich gewinnt durch die Abzüge nur minimale Summen; das Elend aber ist in kinderreichen Familien um so größer, je zahlreicher die Kinder— schar ist. Der Verlust, den die Gesellschaft durch das Verkommen dieser Kinder erleidet, steht in keinem Verhältnis zu dem Gewinn des Reiches an Ersparnis. Einem erheblichen Teil der Kriegswaisen und zugleich der Waisen, die ihren Ernährer durch Krankheit verloren haben, könnte man helfen, wenn man den Waisen die Gelder geben würde, die man bei Schaffung der Reichsversicherungsordnung als wahr— scheinliche Ausgabe für Waisenrente in Rechnung gestellt hat. In der Begründung dieses Gesetzes hat man angenommen, daß auf je 1000 Versicherten im Beharrungszustand 105,4 Waisen kommen werden. Um diese Ziffer zu erreichen, müßten wir jetzt bei 16,5 Millionen Versicherten, einen jährlichen Zugang von rund 217 800 Waisen haben. Wir hatten aber 1914 trotz des Krieges nur einen Zugang von 75 600; auch wurden die Einnahmen aus der zur Durchführung der Hinterbliebenenversorgung vorgenom— menen Beitragserhöhung viel zu niedrig angegeben. Wenn man für jedes Waisenkind eine Rente von durchschnittlich 130 Mk. gibt, dann kann das leicht aus den Summen bestritten werden, die als wahrscheinliche Ausgabe an Reichszuschuß und an Leistungen der Versicherungsträger für Waisenrente in Aussicht gestellt wurden. Mit diesen Mitteln kann man die Konsumfähigkeit der Kriegsinvaliden sowie der Witwen und Waisen steigern; man muß sich aber auch nach Mittel und Wege umsehen, die Konsumfähigkeit der gesunden Arbeiter zu heben. Fast alle Produkte sind im Preise gestiegen, und es ist leider wenig Aussicht vorhanden, daß gleich nach dem Friedensschluß ein merklicher Rückgang der Preise eintritt. Passen sich die Preise nicht der Zahlungs fähigkeit der Ar⸗ beiter an, dann müssen die Arbeiter darnach streben, die Löhne den Preisen anzupassen. Gut ernährte Arbeiter müssen wir haben, wenn wir die Produktivkraft steigern und im Konkurrenzkampf aus⸗ halten wollen. Eine Art Monopolstellung in bestimmten Waren kann sich ein Land auf dem Weltmarkt nur erobern, wenn es Waren besserer Güte bringt als seine Konkurrenten. Nicht durch Billigkeit hat sich die deutsche optische Industrie, die Feinmechanik, die chemische Industrie usw. den Absatzmarkt erobert. Will man Waren von hervorragender Güte erzeugen, dann muß man Quiltätsarbeiter haben. Zweifellos ist in der deutschen Arbeiter- klasse ein Menschenmaterial von solcher Intelligenz vorhanden, wie es kein anderer Industriestaat hat. Hier kann man durch gute Aus- bildung und entsprechende Lebenshaltung Elitearbeiter erziehen. Wäre niedriger Arbeitslohn die beste Waffe im Konkurrenzkampf, dann würden China, Japan und Indien bald Europa und Amerika verdrängen. Und der beste Markt liegt nicht in nebelgrauer Ferne. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, anzunehmen, daß der Außen- handel das Rückgrat der Produktion ist. Die steigenden Ziffern des Ausfuhrhandels haben bei vielen Leuten, selbst bei National⸗ ökonomen, den Gedanken aufkommen lassen, daß der Außenhandel den Innenhandel überflügelt. Große Zahlen blenden und führen leicht zu Trugschlüssen. Im Ausfuhrhandel Deutschlands ist die Ausfuhr fossiler Brennstoffe die größte Menge. 1913 war es mehr als 60 Prozent, soweit die Gewich enge in Betracht kommt. Aber auch die Inbetrachtziehung der Wertsteigerung kann leicht Leute auf Irrwege führen. Es wurde ausgeführt 1882 für 70,7 Millionen Mark, 1895 für 149,1 Millionen Mark und 1907 für 395,5 Millionen Mark. Also 25 Jahre brachten eine Steigerung auf mehr als das Fünffache. Wie sieht aber das Bild aus, wenn man die Produktions⸗ zahlen neben die Ausfuhrziffern stellt? In der Hauptsache sind es Steinkohlen, eines der wenigen Produkte, über welches wir genaue Produktionsziffern haben. Produktion und Ausfuhr stehen im folgenden Verhältnis: Geförderte Menge in Tonnen Von 100 Tounen wurden ausgeführt Ausfuhr in Tonnen 1882 52 118 600 7 631617 14,64 895 79 169 300 10 360 838 13 08 1907 143 185 700 20 061 400 14,01 Der Außenhandel ist im ganzen ziemlich lonstant. Er beweist höchstens, daß die Entwicklung in unsern Absatzgebieten eine ähn⸗ liche gewesen ist, wie bei uns. Aehnliche Erscheinungen sehen wir auf allen Gebieten. Der Innlandsverbrauch an Rohstoffen stieg stärker als die Ausfuhr der aus diesen Rohstoffen verfertigten Waren. Das sehen wir bei Spinnstofsen, Baumwolle, Wolle, Jute usw. Einen Versuch, fest⸗ zustellen, für wie viel Beschäftigte die Ausfuhr überhaupt eine Be⸗ deutung hat, machte das Statistische Amt des Reiches 1895. Es stellte bei allen ausgeführten Waren sest, von welchen Gewerbe gruppen diese Waren hergestellt wurden und setzte nun die Zahl, der in dieser Gewerbegruppe Beschäftigten, daneben. Es kamen 72 Gewerbegruppen in Betracht. Von 100 Beschäftigten waren in diesen Gewerbegruppen beschäftigt: 1882 44,81, 1895 41,13 und 1907 36,86. In diesen Zahlen sind alle in diesen Gewerbegruppen Beschäftigte aufgeführt. So stehen z. B. unter den für Ausfuhr Beschäftigten sämtliche Bäcker, Fleischer, Tabakarbeiter usw. Bes den Tabakarbeitern kann man ziemlich genau seststellen, wieviel für Ausfuhr arbeiten. Es wurde z. B. 1907 973 900 Doppelzentner Tabak verbraucht. Ausgeführt wurden 6686 Doppelzentner Tabak— fabrikate. Rechnet man, daß aus 100 Kilogramm Nohtabak 75 Kilo— gramm Fabrikate hergestellt werden, dann ist 0,92 Prozent der Produktion ausgeführt. Zur Herstellung dieses Ouantums sind noch nicht 2000 Arbeiter erforderlich und doch stehen sämtliche 203 224 in der Tabakverarbeitung beschäftigte Personen unter den Exportarbeitern. Aehnlich wird das Verhältnis bei den Bäckern und Fleischern sein. Aber selbst bei den großen Exportindustrien kommen nur geringe Bruchteile der Produktion zur Ausfuhr. Bei der Textilindustrie, die für mehr als 1600 Millionen Mark Waren ausflihrte, erreicht das Gewicht der ausgeführten Waren wicht ein Siebentel des Gewichts der eingeführten Spinnstofse. Groß ist die Gruppe, die überhaupt nicht für die Ausfuhr ar beitet. Hierher gehört das ganze Baugewerbe, die Gast- und Schank⸗ wirtschaften, Barbiere, Straßenbahnarbeiter, die Arbeiter in Gas⸗, seltkrieg. Wasser⸗ und Elektrizitätswerken usw. Der heimische Markt ist also das Gebiet, wo mindestens neun Zehntel unserer Produktion abgesetzt werden müssen. Diesen Markt aufnahmefähig zu gestalten, ist darum eine der vornehmsten Aufgaben. Hier treten dann Wechselwirkungen ein. Je besser die Arbeiter wirtschaftlich gestellt sind, umsomehr steigt ihre Leistungsfähigkeit. Gelingt es, die Arbeiter auf eine löhere Kulturstufe zu heben, als die Arbeiter anderer Länder erreicht haben, umsomehr Produkte werden wir erzeugen, die in Qualität die Produkte anderer Länder jibertreffen. Verlust des Auslandsmarktes wird erst dann ein⸗ treten, wenn andere Länder bessere Waren liefern. on sich von dem Tageslärm nicht einlullen lassen. Ihr Inte r⸗ esse ist es, das auf allen diesen Gebieten in Frage steht. Sie müssen, wo sie zusammenkommen, die Fragen besprechen, die für sie ein besonderes materielles Interesse haben. Das große Ziel ist, unser wirtschaftliches und kulturelles Leben auf solche Stufe zu heben, daß wir in dem friedlichen Wettstreit der Völker an die Spibe kommen. Wird auf diesem Gebiete der Siegeswille mit der⸗ selben Leidenschaft propagiert, wie man es in dem blutigen Ringen getan hat, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben. 0 0 0 Keine Ueberraschungen auf dem Balkan! Ein Stimmungsbericht aus Sofia von gestern in der Voss. Ztg. besagt: Da nicht einmal auf dem Balkan die Dinge so heiß gegessen werden, wie gekocht wird, wird man gut tun, den stürmischen Nachrichtenfluten aus den Balkan⸗Haupistädten kühle Ruhe entgegenzusetzen. Die Drohungen gegen Griechenland gehen in erster Linie von der englischen Diplomatie aus, werden aber in allen Balkanlagern lediglich als Bluff aufgefaßt. Namentlich hält man die angedrohte Landung von 80 000 Mann in Saloniki und Kawalla für höchst unwahrscheinlich. Bulgarien bleibt in abwartender Haltung und läßt sich nach allen Seiten Zeit. Ueberraschungen sind nicht zu gewärtigen, es wäre denn, daß irgendwo auf dem Balkan Einzeltaten geschehen, wie es der Fall zu sein pflegt, wenn ein Balkanstaat den Russen nicht zu Willen ist. Die neue Beschießung Belgrads sowie andere Waffenvorgänge stehen offenbar im Zusammenhang mit den diplomatischen Balkanereignissen und sind daher vorläufig mehr politisch als militärisch zu werten. Der Seekrieg. 8 ˙ Der Kristianiger Dampfer„Albes“, mit Grubenhölzern von Archangelsk nach England unterwegs, ist am Samstag bei Stat torpediert worden. Die Mannschaft erhielt Zeit, in die Boote zu gehen. In Ormesund war das Schiff mit 300 000 Kronen, die Ladung mit 107 000 Kronen gegen Kriegsgefahr versichert. Wie Nouvelliste aus Nantes erfährt, ist der Reederver⸗ band von Nantes telegraphisch benachrichtigt worden, daß der Dreimaster„Frangois“ im Süden von Island von einem deutschen Unterseeboot torpediert und versenkt worden ist. Die Bergarbeiter von Südwales. London, 16. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Eine Anzahl von Versammlungen der Bergarbeiter in Süd-Wales drückte ihre Un⸗ zufriedenheit darüber aus, daß sich die Ausarbeitung des neuen Lohnabkommens verzögere. Eine Konferenz über eine abermalige Arbeitseinstellung ist in Aussicht genommen. Die innere Krise in Frankreich. Nach der ernsthaften Presse des neutralen Auslandes läßt sich feststellen, daß Frankreich in der Tat zurzeit eine ernsthafte und möglicherweise folgenschwere Min ister⸗ krise durchmacht. Sie hat ihre Ursache aber nicht allein, wie es bisher schien, in dem Verhalten des Herrn Millerand, sondern ihre Ursache liegt tiefer. Was zunächst Millerand betrifft, so hat er in der Tat je länger je mehr das starke Mißtrauen aller unabhängigen Politiker Frankreichs erregt. Besonders wuchs dieses Mißtrauen, als ohne Winkelzüge nachgewiesen werden konnte, daß die Zunahme der„Drücke berger“ darauf beruht, daß gerade der Kriegsminister Mille- rand für bestimmte Kreise der höheren Bourgeoisie beson- dere Hintertüren geöffnet hatte, die die Möglichkeit zeben, sich dem Militärdienst zu entziehen. Inzwischen hat er aber auch an anderen Beispielen gezeigt, daß er den Auf, gaben, die gegenwärtig einem französischen Kriegsminister gestellt sind, in keiner Weise gewachsen ist. Das besondere! Maß von Kritik, das in der französischen Presse und im Parla- ment der Republik jeder Minister auszuhalten hat, hat er seit Monaten abzuschütteln gewußt, und jede solche Kritik als einen schweren Eingriff in die„heilige Einigkeit“ der all- ——. gemeinen Entrüstung preisgegeben. Mit der Zeit hat sich die allgemeine Entrüstung aber gerade auf Herrn Millerand konzentriert und die ganze französische Presse, mit Ausnahme einiger Regierungsblätter um jeden Preis, greift jetzt Mille⸗ rand ohne jede Rücksicht an. Diese Angrife auf Millerand haben sich nun in den letzten Tagen auf das ganze Ministerium ausgedehnt und zwar nicht aus einzelnen Anlässen, sondern aus einer allgemeinen Mißstimmung, die zweifel⸗ los im französischen Volk vorhanden ist und die sich nicht nur aus der militärischen Lage Frankreichs, son⸗ dern vor allen Dingen aus einigen wirtschaftlichen Erschei⸗ nungen im Innern des Landes erklärt. Dazu kommen die immer deutlicher hervortretenden Uebergriffe der Engländer in Calais und Havre und ihr rücksichtsloses Verhalten an der Front, worüber die Presse die Klagen der französischen Soldaten nicht mehr unterdrücken kann. Was die wirtschaftlichen Gründe für den Aus— bruch der Ministerkrise betrifft, so handelt es sich vor allen Dingen um die Einführung des neuen Brotes und um die damit verbundenen Getreidespekulatio⸗ nen einiger Lieblinge französischer Minister. Darüber wer— den in aller Oeffentlichkeit Beispiele angeführt, die in der Tat aller Ordnung und aller Ehrlichkeit Hohn sprechen. Es wird z. B. beweiskräftig nachgewiesen, und ist in der Kammer ohne Widerspruch der Regierung mitgeteilt worden, daß der Regierung in Amerika 300 000 Zentner Getreide zum Preise von 19,50 Francs angeboten wurden; als die Regierung schließlich das Getreide bekam, und die Schlußrechnung sah, waren aus den 19,50 Francs 23,50 und 24 Francs geworden. Diese Preiserhöhung ist nachgewiesenermaßen ausschließlich auf das Dazwischentreten von politischen Schiebern und Ge— schäftemachern zurückzuführen, die sich bei diesem schönen Ge— schäft fast 1½ Millionen Franes in die eigene Tasche gesteckt hatten. Solche Beispiele werden zahlreich angeführt und haben in der Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung her⸗ vorgerufen. Ein neues Beispiel wird konstatiert. Der kürz⸗ lich ernannte Unterstaatssekretär Thierry hat selbst zugeben müssen, welch große Fehler die französische Verwaltung durch: solche Kommissionskäufe gemacht hat. Zum Unglück für Millerand fielen diese Geschäfte gerade in die Verwaltung des Kriegsministeriums und die Verschärfung der parlamen— tarischen Kontrolle, die jetzt gerade für ihn gefordert wird, hat ihre Ursache in diesem Panama. Schließlich hat sich, wie es scheint, auch der Gegensatz zwischen Millerand und Joffre verschärft, da Joffre für die politischen Generäle kein Verständnis zeigt, während Millerand sie zur Stütze seiner Ministerschaft absolut notwendig hat. Diese Konflikte sind bisher vertuscht, aber in den letzten Kammersitzungen ganz rückhaltlos gebrand— markt worden. Man darf gespannt sein, wie Herr Poincaré das Kabinett des Herrn Viviani, der wesentlich dazu beige⸗ tragen hat, daß Poincaré Präsident wurde, retten wird. Im übrigen wäre es unseres Erachtens sehr verfehlt, aus diesem inneren Wirrwarr in Frankreich auf eine mili⸗ lärische Schwächung Frankreichs zu schließen— ein Irrtum, der sich für die Beurteilung der Friedensmöglichkeiten sehr bitter rächen könnte. Das internationale Gewerkschaftsbureau. Paris, 16. August.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas. Die augenblicklich in Paris weilenden Delegierten der englischen Trade Unions besprachen am Sonntag mit den Mit⸗ gliedern der Confederation Generale du travail die Frage der Verlegung des internationalen Gewerkschaftsbureaus von Berlin nach Bern. Die Verlegung, die von den französischen und englischen Gewerkschaftlern gefordert wird, wurde grundsätzlich beschlossen. Natfrlich haben darüber nicht nur die französischen und eng⸗ lischen Gewerkschaften allein zu entscheiden. Die deutsche Verwaltung in Rufsisch⸗Polen. Die älteste und angesehenste russische liberale Zeitung die in Moskau erscheinende Ruskija Wedomosti, schreiben in einem langen, mit„Die Gesetzgebung des Generals Hinden⸗ burg“ überschriebenen Artikel unter anderem folgendes:„Es muß übrigens der Gewissenhaftigkeit halber gesagt werden, daß die kulturellen, genossenschaftlichen und gewerkschaftlichen polnischen und jüdischen Organisationen unbelästigt fortbe⸗ stehen, und daß sie zeitweise, besonders in Lodz und int Dombrowaer Becken, sogar eine lebhafte Tätigkeit entfalten.“ In der ausführlichen Uebersicht der für Russisch⸗Polen erlassenen Verordnungen und Gesetze an Hand des„Ver⸗ ordnungsblattes der Kaiserlich Deutschen Verwaltung in Polen“ wird nur bemängelt, daß„die Gesetzgebung Hinden⸗ burgs sich nicht durch Fortschrittlichkeit auszeichnet“. Es wird aber diefer Gesetzgebung nicht vorgeworfen, daß sie dem Völkerrecht, den internationalen Verträgen oder der Mensch⸗ lichkeit zuwiderläuft. Das Wichtigste aber ist das eingangs angeführte Eingeständnis, daß die Tätigkeit der Arbeiter⸗ organifationen in den besetzten Gebieten Russisch⸗Polens, so⸗ weit sie nicht politischer Natur ist, sich lebhaft entwickeln kann. Bekanntlich fehlt den Arbeitern Rußlands selbst die Möglichkeit zur Organisationstätigkeit fast gänzlich. Amerikanische Bestrebungen gegen den Krieg Newyork, 16. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Der Privat⸗ koͤrrespondent des W. T. B. meldet durch Funkspruch: Das Hearst⸗ blatt Newyork American veröffentlicht zahlreiche Stimmen aus Kongreßkreisen usw., die die Gründung einer Liga neutraler Mächte zur Verfechtung der Rechte der Neutralen und die Mitwirkung bei der Wiederherstellung des Friedens vorschlagen, sowie ein Waffenausfuhrverbot befürworten. Ein Leitartikel des Newyork American appelliert an Wilson, seinen persönlichen und amtlichen Einfluß für die Be⸗ endigung der Waffenausfuhr aufzubieten. Das Blatt veröffentlicht eine längere Liste amerikanischer Firmen, die Kriegsau fträge von insgesamt 139 Millionen abgelehnt haben. Eine Umfrage ergebe eine wachsende Zahl jener, welche Kriegsaufträge zurück⸗ weisen, um nicht den Krieg zu verlängern. Maßnahmen gegen Indiskretionen. Der Seniorenkonvent des Reichstags wird sich in seiner Sitzung am Mittwoch, den 18. August, mit der Frage zu be⸗ fassen haben, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um zu verhüten, daß aus vertraulichen Verhandlungen Berichte in die Oeffentlichkeit kommen. Den Anlaß zu diesem Vorgehen bot ein in der Berner Tagwacht erschienener Artikel, der eine Reihe von Mitteilungen über eine vertrauliche Sitzung der Budgetkommission, in der Angelegenheiten militärischer Natur verhandelt wurden, enthielt. Daß derartige Indis⸗ kretionen von keiner Seite gebilligt werden, steht fest. Ein deutsches U-Boot beschießt Englands Westküste. W. B. Lundon, 17. Aug.(Nichtamtlich.) Reuter meldet: Ein deutsches Unterseeboot hat am 16. August früh morgens auf Parton, Harrington und Whitehaven an der Westküste von Eugland Granaten abgefeuert, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Die Granaten trafen nördlich von Parton den Bahnkörper, der Verkehr erlitt eine kurze Unter⸗ brechung. In Whitehaven und Harrington entstanden Brände, die rasch gelöscht wurden. Menschenleben gingen nicht verloren. Der Kriegs rat der Entente. Der jüngste Kriegsrat in Calais faßte laut einer Mel⸗ dung der Vossischen Zeitung keinen endgültigen Beschluß über die Offensive an der Westfront. Englischerseits sei versichert worden, daß jetzt täglich 5000 Soldaten über den Aermelkanal setzten. Die russischen Generale hätten über die Verzögerung der Offensive geklagt. Die Kämpfe an der Dujestrfront. Czernowitz, 17. August. An der Dyjestr⸗ und der bukowinisch⸗ bessarabischen Front finden ununterbrochen kleinere Kämpfe statt. So wurde gestern durch die Unserigen ein Nachtangriff unter⸗ nommen. Hierbei wurden mehrere russische Schützengräben zum Diethelm von Buchenberg * Erzählung von Bertold Auerbach. 52 Der alte Schäferle hatte bald heraus, wo sein Munde trotz des Verbots gewesen war, und blieb dabei, daß Diet⸗ helm ihm die Fränz geben wolle und ihn nur zappeln lasse, um jeden Anschein von sich zu entfernen. Als Munde wie zufällig um ein Mittel gegen böse Träume und Frost fragte, frohlockte der alte Schäferle:„So. Hat er auch böse Träume? So ist er doch nicht los, wenn er auch freigesprochen ist.“ Der Stolz auf seine symypathetische Heilkunst verleitete ihn aber doch zu dem Zusatz:„Gegen böse Träume gibt es ein altes untrügliches Mittel: man muß auf einem Schaffell schlafen und vor Schlafengehen Tee von Brennesselwurzel trinken, und gegen Frost gibt es nichts Besseres, als morgens vor Tag sich in Wasser waschen, das man vom Menschenblut abgenommen hat, dann drei Stunden, vor die Sonne im Mittag steht, und drei Stunden nachher ohne Ausschnaufen Erlenholz sägen, das man im Vollmond geschlagen hat.“ Diethelm war anderntags viel zutätiger und herab— lassender gegen Munde; er saß in seiner Wolfsschur gehüllt am Ofen und fror heftiger als je. Er hatte mit Fränz ge⸗ sprochen, und in der Art, wie sie einwilligte, den Munde zu heiraten, und dabei das unerhörte Verlangen stellte, daß der Vater bei Lebzeiten sein Besitztum ihr abtreten müsse, er— kannte er nicht undeutlich, daß sie an seine Schuld glaubte. Er tat, als ob er das nicht merkte, und doch fraß es ihm das Herz ab, daß sein einziges Kind das Schlimmste von ihm dachte. Beim Eintritt Mundes war er rasch aufgestanden und schritt stolz die Stube auf und ab, dann hieß er Munde neben ihn setzen und fragte ihn, wie er ein großes Ver— mögen umwenden und zusammenhalten wollte. Munde gab fröhlichen und zufriedenstellenden Bescheid. Als Diethelm jetzt plötzlich wieder fror, gab er ihm das Mittel an, das er vom Vater erfahren. Diethelm aber fuhr stolz auf:„Ich bin der Diethelm, ich hab' mein Bauerngeschäft nicht aufge— geben, um Holzhacker zu werden. Ich brauch' kein Mittel.“ Munde beging den Ungeschick, mindestens die Anwen⸗ dung des Mittels gegen böse Träume anzuraten, aber kaum 4 hatte er das Wort Schaffell gesagt, als Diethelm laut auf⸗ schrie:„Ein Hund und Fuchs ist dein Vater, ratet mir das, weil er weiß, daß mir so viel hundert Schafe jämmerlich verbrannt sind. Aber wer hat dir gesagt, daß ich bös träume?“. „Niemand, ich hab' nur so davon gesprochen, weil das beim Frieren ist.“ „Bei mir nicht. Ich schlaf' wie ein neugeborenes Kind. Aber, Munde, ich will dich auch gut betten, sag's frei, was du willst,“ wendete Diethelm, um alles andere vergessen zu machen. Munde brachte nun im glückseligen Ueberströmen seine Bitte um Fränz vor. Diethelm solle freier Herr bleiben, solange er lebe, er wolle nur die Fränz. 0 nehm' gar nichts an, du hast nichts gesagt, es muß beim alten Brauch bleiben; dein Vater muß für dich frei werben, eher geb' ich kein Jawort. Verlaß dich drauf.“ Das war nun aber ein schwer' Stück Arbeit, den alten Schäferle zu diesem Gange zu bewegen, er ließ sich nicht er⸗ bitten, weder durch Munde, noch als Frau Martha ihn selber darum anging; er wiederholte stets: Munde könne tun, was er wolle, er selber aber bleibe davon, er tue dem zulieb nicht die Pfeife aus dem Maule und gehe auch nicht mit zur Hochzeit. So kam in betrübter Unentschiedenheit die Hochzeit des jungen Kübler heran, aber mitten im Schmausen und Lärmen faßte Diethelm einen anderen Gedanken, er über⸗ rumpelte Fränz' mit ihrem unkindlichen Verlangen nach Güterabtretung, und Munde war ihm nicht nur eine Sühne für das Vergangene, sondern auch der bequemste, willfährige Tochtermann, der ihn frei schalten ließ. Er verkündete daher plötzlich die Verlobung von Fränz und Munde, und alles war voll Jubel und Lobpreis über Diethelm. Darum half er heute trotz ärztlichen Verbots den Uhlbacher Ferndigen rein austrinken. Als man davon sprach, daß Munde noch drei Jahre Soldat sein müsse, beklagte Diethelm, daß er nicht Landtags⸗ abgeordneter geworden sei, er hätte nicht geruht, bis die ver⸗ Diethelm nickte zufrieden, aber plötzlich sagte er:„Ich Ka 1 T. U. Kopenhagen, 17. Aug. Die russische Regierung 50 1 in einem Geheimerlaß an die Gouverneure angeordnet, da 7 die Kostbarkeiten aus den gefährdeten Orten nicht mehr nach 1 Petersburg, sondern nach Moskau gebracht werden sollen.. J Die Italiener bringen neue schwere Geschütze in 1 — Stellung. 92 N ariser Blätter zufolge haben 5 Grenz⸗ T. U. Haag, 17. Aug. Meldungen 2 a f die Italiener während der letzten vierzehn Tage in dem— gebiet des Krn eine große Anzahl neuer Batterien in Stellung ge⸗ bracht, um die Beschießung der österreichisch⸗ungarischen Linien intensiver durchführen zu können. Munitionsbeschaffung in Amerika. T. U. Kopenhagen, 17. Aug. Die Anlagen der Singer 0 Cy. A.⸗G. in Elizabeth in New⸗Jersey sollen nach einer Mel⸗ 1 dung der Westlichen Post in St. Louis zur Herstellung für Kriegsmaterial für die Verbündeten eingerichtet werden. Es verlautet, daß zu diesem Zweck die Werke von einem Syndikat 5 angekauft werden sollen. 1 T. U. Amsterdam, 17. Aug. Das Allgemeen Handels⸗ 0 blad meldet aus Ottawa, daß die von der englischen Regie⸗ rung bis jetzt in Kanada gemachten Bestellungen von Munition auf etwa 40 Millionen Pfund Sterling zu schätzen seien. Unterbrechung des Passagierverkehrs zwischen f Amerika und Europa. 1 Das Allgemeen Handelsblad meldet: Die Schiffahrt zwischen Philadelphia und den europäischen Häfen ist nach einem Bericht aus Newyork vollständig eingestellt, weil die englische Regierung, alle Schiffe dieser Route für den Transport von Kriegsmaterial ge⸗ g chaktert hat. Auch die American Shipping Line Cy. wird ihre 1 Reisen von nun an einschränken, da auch sie für den Frachtverkehr nach England in Auspruch genommen ist. Die Schiffe dieser Gesell⸗ schaft werden, obwohl sie im amerikanischen Besitz bleiben, auf ihrer Neise für England die englische Flagge führen. l N 0 Parteinachrichten. 1 Die Hamburger Parteigenossen führten ihre Parteidebatten, die sich durch 8 Delegiertenversammlungen der Landesorganisation hinzogen, am Mittwoch zu Ende. Ueber die ersten vier Versamm⸗ lungen, in denen über den Vorstandsbericht debattiert wurde, ist schon berichtet. Sie endeten mit Annahme einer Resolution, die den Vorständen ihr Vertrauen ausspricht und das Verhalten der Minderheit mißbilligt. In zwei weiteren Versammlungen wurde über die Tätigkeit der Bürgerschaftsfraktion verhandelt. Stolten erstattete in deren Namen Bericht, der von Dr. Laufen⸗ berg und drei seiner Parteigänger angegriffen wurde. Besonders 0 scharf wurde bemängelt, daß die Fraktion dem Budget zugestimmt habe. Groß e, Weinheber und Krause vertraten den Standpunkt der Fraktion und betonten vor allem, daß das Ham⸗ 0 burger Budget nichts enthalte, dem man nicht zustimmen dürfe, und 0 daß die sozialdemokratische Fraktion sich durch sinnloses ste reotypes Ablehnen des Budgets um allen Einfluß bringe, den sie im Interesse der Arbeiterschaft auf die große Verwaltung im Stadt⸗Staat Ham⸗ burg ausüben könne. Eine Resolution, welche die Zustimmung den Fraktion zum Budget billigte, wurde angenommen. 1 Damit wurde eine vom Genossen Laufenberg eingebrachte Reso⸗ lution, die die Tätigkeit der Fraktion, vor allem die Zustimmung 1 0 zum Budget mißbilligt, hinfällig. 1 ö In wiederum zwei Versammlungen beschäftigte man sich mit dem Bericht der Preßkommission. Genosse von Elm sprach 9 für die Preßkommission und stellte sich im Namen derselben dur ö auf den vom Hamburger Echo eingenommenen Standpunkt. Dr. Laufenberg sprach dagegen, mußte aber seine Ausführungen Wee abbrechen, weil er nach Ansicht des Bureaus und der Mehrheit der Versamlung unbewiesene und unbeweisbare Ver⸗ dächtigungen gegen bestimmte Kreise von Parteigenossen aussprach. In der zweiten Versammlung gab es eine sehr lange Geschäfts⸗ ordnungsdebatte, dann wurde ein Antrag auf Schluß der Debatte überhaupt angenommen und die Preßkommission in ihrer bisherigen Zusammensetzung gegen ganz wenige Stimmen wiedergewählt und damit der von der Preßkommission der Redaktion des Hamburger Echo gegenüber eingenommene Standpunkt gebilligt. f 1 1 dammte allgemeine Wehrpflicht wieder aufgehoben und das Einsteherwesen hergestellt sei. Wer nichts habe, solle Soldat sein. Die fetten Bauern stimmten mit ein, schimpften und klagten, wie sehr sie ihre Söhne vermißten, und mitten unter Schmausen und Zechen wurde eine Eingabe an die versan⸗ melten Stände um Wiederherstellung des Einsteherwesens aufgesetzt und unterzeichnet. 1 XXIV. Diethelm hatte auf den Abend die Stadtzinkenisten zur Tanzmusik bestellt. Diese Menschen mit ihren Trompeten, und Posaunen hatten ihn so oft erschüttert, und nun sah er, daß es keine Engel vom Himmel, sondern nur arme Schlucker mit langgestrecktem und gewundenem Messingblech waren. Wußte er das auch schon vordem, so tat es ihm doch wohl, es so deutlich vor sich zu haben und die Zinkenisten nach seinem Gelust aufspielen zu lassen, was er ihnen angab und manchmal sogar vorpfiff. Mitten zwischen den Tänzen muß: 1 ö ten sie ihm sogar einmal einen Choral blasen, worüber vieles Leule den Kopf schüttelten und sich entsetzten; Diethelm aber ließ an den Schlußton schnell einen Tanz heften und tanzte mit seiner Martha den Siebensprung wie ein junger Bursch. Es war spät in der Nacht, und Diethelm ließ allen Gästen warmen Gewürzwein auftischen, er selber aber stand bald auf, es fehlte ihm noch jemand, und der mußte herbei; alle Welt sollte seiner Ehre voll sein, keiner ausgenommen. Es war mondhell. In seine Wolfsschur gehüllt, ging Diethelm das Dorf hinaus nach dem Hause des alten Schäferle. Vom Waldhorn herab, das glänzend in die Nacht hineinschimmerte, klangen bisweilen noch verlorene Tön hier war alles einsam und dunkel. Das Haus des alten Schäferle stand am Ende der sogenannten Lustgasse, die heute mit doppeltem Recht so hieß, denn der Wirbelwind tanzte gar lustig mit dem Schnee und machte sich selbst Musik dazu. Die Haustür war offen, Diethelm schritt durch den Hausflur, der zugleich Küche war, in die Stube, auch hier öffnet sich die Tür, aber niemand regte sich, nur der Paßauf kam stil herangeschlichen, und Diethelm fühlte erschreckt die ka Schnauze an seiner Hand. (Fortsetzung folgt. dels. iegie⸗ von ätzen did 9 1 ——— 1 Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. „Leder⸗Ersatz. Neben der Preissteigerung aller Nahrungsmittel und anderer wichtiger Gebrauchsartikel hat der Krieg auch eine ungeheure Ver— teuerung des Leders gebracht. Für ein paar Stiefelsohlen muß man schon mindestens das Doppelte des vor dem Kriege üblichen * anlegen. Dieser Umstand hat ganz naturgemäß zur Empfehlung von Ersatzstoffen geführt, wodurch die Gefahr der Uebervorteflung für den Konsumenten noch bedeutend gesteigert d. Von den verschiedenen als„Leder-Ersatz“ angebotenen Fabri— katen verdient eins eine ganz besondere Beachtung, da es geradezu auf einen Betrug der leichtgläubigen Käufer hinausläuft. In auffälligen Inseraten in der Tagespresse wird dieses famose Er— satzmittel folgendermaßen angepriesen: 8 Stiefel⸗Sohlen 50 Pfg. Leder⸗Ersatz! Zum Aufnageln, wasserdicht, biegsam. Die Anpreisung des Schunds als„Leder⸗Ersatz“ setzt eine bei⸗ spiellose Dreistigkeit voraus. denn das Fabrikat ist weder in seinem Aussehen noch in seinen Eigenschaften dem Leder ähnlich. Richtiger wäre die Bezeichnung Dachpappe, denn das Produkt be— steht tatsächlich aus drei Lagen Teerfilz, wie er in den Schuh⸗ jabriken zum Einballen(Ausfüllen unter der Sohle) verwendet wird. Die Lagen sind so liederlich zusammengepreßt, daß man die „Sohlen“ ohne die geringste Anstrengung mit den Fingern zer⸗ legen kann. Von Fachleuten wird uns versichert, daß sich bei einem Versuch herausgestellt habe, daß die Lebensdauer dieser „Leder⸗Ersatz“⸗Sohlen höchstens einige Tage beträgt, daß sich die Sohlen dann vollständig abgelöst haben, wenn man berücksichtigt, daß das Besohlen von ein Paar Stiefel mit diesem minderwertigen Material einschließlich des Arbeitslohns für den Schuhmacher mindestens 2 Mk. kostet, kommt man zu dem Schlusse, daß es sich ter um eine geradezu gewissenlose Uebervorteilung des Käufers sandelt, gegen die ein Einschreiten dringend geboten erscheint. — Herabsetzung der Einquartierungsgelder. Wie wir in der Montagsnummer unseres Blattes berichteten, soll die Stadt Gießen beabsichtigen, die Einquartierungsgelder für die in Bürgerquartieren untergebrachten Mannschaften des Landsturm⸗Bataillons herabzusetzen. Wie uns nun heute mitgeteilt wird, sollen die Bürgerquartiere über- haupt aufgehoben und die Mannschaften in den zum Teil leerstehenden Baracken des Gefangenenlagers unter— gebracht und im Lager auch verköstigt werden. Die Um⸗ quartierung dürfte schon am 1. September, spätestens aber am 1. Oktober erfolgen. Die Stadt würde bei einer der— arligen Maßnahme zweifellos große Summen sparen, weil es auf diese Art eher möglich ist, die Mannschaften für den vom Staat bewilligten Satz von 1,20 Mark zu verköstigen und Zuschüsse seitens der Kommune nicht mehr erforderlich wären.— Unsere Landstürmer werden von dieser Nachricht allerdings nicht freudig überrascht sein. Gar viele von ihnen liegen schon monatelang in Bürgerquartieren und es hat sich mit der Zeit zwischen ihnen und den Quartiergebern, die auf alle Bequemlichkeiten unserer Landstürmer bedacht waren, ein richtiges Freundschaftsverhältnis herausgebildet, weshalb auch Beschwerden wegen ungenügender Verpflegung nur sehr selten vorgebracht wurden. Der Abschied von den alten Quartierwirten dürfte deshalb den Angehörigen des Gießener Landsturm⸗Bataillons nicht ganz leicht werden. Billiges Rind⸗ und Kuhfleisch ist zur Zeit in Mainz zu haben. Während erstklassiges Rind⸗ und Ochsenfleisch durch- weg zu 120 Mark per Pfund zu haben ist, verkaufen zahlreiche Metzger ersteres schon zu 90 Pfennig. Jetzt preisen mehrere Metzger Rindfleisch sogar schon zu 66 Pfennig an. Die Nach- frage in diesen Geschäften ist angesichts der sonstigen sehr hohen Fleisch⸗ und Wurstpreisen begreiflicher Weise außer⸗ ordentlich stark. Auch aus den Ortschaften der Provinz Rhein⸗ hessen wird ein allgemeiner Preisrückgang für Ochsen- und dtindfleisch gemeldet. — Fleischpreise! In unserem Solinger Parteiblatt bietet eine dortige Metzgerei Ia Ochsen- und Rindfleisch per Pfund von 90 Pfg. an. Die feinsten Bratenstücke zum Aus⸗ suchen, wie Lingerbein, Binnenspalt, Schtpanzstücke, ohne Ausnahme per Pfund 1.— Mark. Filet per Pfund 1,40 Mk., Zungen per Pfund 1,20 Mark, Roastbeef per Pfund 1,10 Mk., Kalbfleisch von 90 Pfg. an.— Man vergleiche damit die bei uns geforderten hohen Fleischpreise. Mancher wird wohl darüber nachsinnen, warum man in Solingen das Fleisch wesentlich billiger verkaufen kann, als in Gießen. Gänzliche Abschaffung der Nachtarbeit in Bäckereien. Ein in Vorbereitung befindlicher Gesetzentwurf betr. die Ar⸗ beitszeit in Bäckereien, der dem Reichstag später, nicht in der bevorstehenden Kriegstagung zugehen soll, enthält ein ziem— lich weitgehendes Verbot der Nachtarbeit. Dadurch wird das jetzt für die Kriegszeit erlassene Verbot, das sich von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens erstreckt, etwas verschoben. — Die diesjährige Kartoffelernte verspricht im allge⸗ meinen sehr gut, in manchen Gegenden sogar ganz vorzüglich auszufallen. Ob man trotzdem auf eine preiswerte Ver- sorgung der Bevölkerung mit der unentbehrlichen Frucht rechnen kann, bleibt nach allem, was wir bis jetzt auf diesem Gebiete kennen gelernt haben, abzuwarten. — Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Wehrmann Friedrich Reibling aus Reuters, Inf.⸗Regt. Nr. 168.— Füsilier Robert Volk aus Gießen, Füs. Regt. Nr. 35.— Landsturmmann Karl Häuser aus Atzenhain, Res.⸗Inf.⸗Regt. 118. Die Ueberredun en zum ist. Ja„ werden sehr häufig die Soldaten bei ihrer Entlassung vom Militär veranlaßt, eine Bescheinigung e wonach sie auf alle Ansprüche an Verzicht der Militärrente den Militärfiskus zichten. Auch solchen, bei denen sich später Beschädigungen der sundheit herausstellen, die nur Folgen des Dienstes sein können, wird ein solcher Verzicht zugemutet und bei der Geltendmachung von nachträglichen Ansprüchen natürlich gegen sie ausgespielt. Diese Uebung ist anscheinend auch während des jetzigen Krieges hier und da beibehalten worden. Das sächsische Kriegsministerlum erklärt in einer Zuschrift an den in Sachsen⸗-Weimar gewählten Reichs- tagsabgeorbneten Felix Marquardt, daß es unstatthaft sei, eine Verzichtleistung auf Militärversorgung zu fordern. Die Zuschrift lautet:„Euer Hochwohlgeboren teilt das Kriegsministerium auf die Eingabe vom 21. 7, 1915 ergebenst mit, daß es unstatthaft ist, eine Verzichtleistung auf Militärversorgung zu fordern. Truppenteile sind durch 8 22 Abs. 1 der Die Penstonterungsvorschrift angewiesen, für alle Mannschaften, die infolge einer Dienstbe⸗ schädigung dienstunfähig geworden sind und deren Erwerbsfähig⸗ keit um wenigstens zehn vom Hundert gemindert ist, die gesetz— liche Versorgung zu beantragen. Außerdem haben die königlichen stellvertretenden Generalkommandos des 12. und 19. Armeekorps die beteiligten Stellen Anfang August d. J. auf das Unstatthafte, Mannschaften zum Verzicht auf Versorgungsgebüührnisse zu be— wegen, noch besonders hingewiesen.“— Ferner ist auch vom würt⸗ tembergischen Kriegsministerium eine entsprechende Anweisung er— gangen. — Heimaturlaub und freie Fahrt für Militärpersonen. Dem Reichstag ist es gelungen, durchzusetzen, daß alle Feldzugs⸗ teilnehmer bei Urlaubsfahrten freie Fahrt erhalten. Das Reichsschatzamt war allerdings mit diesem Beschluß erst nicht ganz einverstanden, weil es die betreffenden Reisekosten an die preußische Eisenbahnverwaltung abführen muß. Aber dem allgemeinen Wunsche hat es doch nachgegeben. Nun wird sich der Reichstag mit einem weiteren Kriegswunsche befassen. Es handelt sich diesmal um die höheren Jahrgänge des un ausgebildeten Landsturms, die zum Teil in Garnisonen ausgebildet werden, die vom Heimatsorte der betreffenden Landstürmer weit entfernt liegen. Hier besteht nun der Wunsch, daß diesen Landsturmleuten in der Ausbildungszeit möglichst eimmal Heimaturlaub bei freier Fahrt gegeben wird. Einige Eingaben in diesem Sinne liegen dem Reichstag bereits vor. Die Angelegenheit wird zunächst im Reichshaushaltsauschuß behandelt werden. — Keine deutsche Zeitungen nach Rußland! Da die Empfänger ausländischer Waren, falls zu deren Verpackung Zeitungen ge— braucht sind, in Rußland hierfür bestraft werden, empfiehlt der „Ausschuß für deutsche Kriegsgefangene“(Rotes Kreuz) wiederholt dringend, zur Verpackung von Sendungen an Kriegsgefangene keine deutschen Zeitungen zu verwenden. — Fünfundzwanzig⸗Pfennigstücke. Wie bereits gemeldet, wird das unbeliebte Geldstück demnächst aus dem Verkehr verschwinden. Nunmehr haben auch sämtliche Eisenbahnhauptkassen, Stations⸗ und Güterkassen Auftrag erhalten, die genannten Geldstücke nicht wieder auszugeben, sondern der Reichsbank abzuliefern. Genossen! Besucht euer Gewerkschaftshaus! Bei der Landesversicherungsanstalt Großh. Hessen sind, wie der Darmst. Ztg. mitgeteilt wird, im Monat Juli 755 Anträge eingegangen, und zwar 263 Anträge auf Invaliden- und Kranken⸗ rente, 19 Anträge auf Altersrente, 32 Anträge auf Witwen- und Witwerrente, 208 Anträge auf Waisenrente, 154 Anträge auf An⸗ wartschaftsbescheide, 79 Anträge auf Witwengeld. Unerledigt wurden in diesen Monat übernommen 561 Anträge, sodaß 1316 Rentengesuche in Bearbeitung standen. Es fanden Erledigung: 521 Anträge durch Bewilligung, 151 Anträge durch Anwartschafts⸗ bescheid(SS 1258 und 1743 R. V. O.), 20 Anträge durch Ablehnung, weil unbegründet. 47 Anträge durch andere Weise— Zurücknahme usw.— 47 Anträge wurden durch Umwandlung erledigt, sodaß 624 Anträge als unerledigt auf den Monat August d. Js. über⸗ nommen werden mußten.— Ende Juli 1915 waren in den nach⸗ bezeichneten Anstalten versicherte Personen untergebracht: Ernst⸗ Ludwig⸗Heilstätte bei Sandbach 39, Eleonoren-Heilstätte bei Winterkasten 54, Göttmannsche Anstalt in Reichelsheim 23, Bad Nauheim 25, Bad Orb 21, Dr. Lossensche Anstalt in Darmstadt 1, Heilstätte Burgwald 1, verschiedene Anstalten, wie Krankenhäuser, Kliniken u. dergl. m. 70. Summa 234. Die hessischen Hausbesitzer im Staatsministerium. Uns wird geschrieben: Im Ministerium des Innern in Darmstadt fand ver⸗ gangenen Samstag den 14. August 1915 eine Konferenz über die Notlage des städtischen Hausbesitzes und die zu treffenden Abhilfe⸗ maßnahmen statt. Den Vorsitz führte Ministerialrat Hölzinger vom Ministertum des Innern. Das Finanzministerium vertrat Staats⸗ rat Dr. Becker und das Ministerium der Justiz Staatsrat Lorbacher. Ferner nahmen die Regierungsassessoren Dr. Mathias und von Köppke teil. Die hessischen Hausbesitzer waren vertreten durch den Vorsitzenden des Landesverbandes, Grünewald⸗Mainz, ferner durch die Herren Wirth⸗Mainz, von Hessert⸗Darmstadt, Nothies⸗Darm⸗ stabt, Keiser⸗Offenbach, A. Beck⸗Offenbach, Dr. Neubronner⸗Offen⸗ bach, Silbereisen-Gießen, Hoch⸗Kostheim und Lauzi⸗Mombach. Nach eingehender Durchsprache der gegenwärtigen Notlage des städtischen Hausbesitzes erkannten die Regierungsvertreter das Bestehen der Notlage an, nahmen von ihr offiziell Kenntnis und erklärten, die Regierung werde geneigtest erwägen, sie zu beheben. Druckfehler. Ueber Druckfehler enthält die Thüringer Wald⸗ post eine gutgelaunte Plauderei, aus welcher folgende beherzigens⸗ werte Ausführungen hervorgehoben sein mögen:„Druckfehler sind Irrtümer, die weder der Setzer, noch der Korrektor entdeckt, son— dern nur der Leser. Während manche Völker für die Fehler der Regierung büßen müssen, muß für den Druckfehler seines Blattes, den er nicht gemacht hat, der Redakteur büßen, und zwar doppelt: erstens ärgert er sich selbst, und zwar oft grün und blau, und dann ärgern ihn sieben gescheite Leser. Druckfehler gehören zu den un⸗ vermeidlichen Eigenschaften sedes Druckerzeugnisses, das in fliegen⸗ der Eile und Hast hergestellt werden muß: sie verhalten sich wie Rost und Eisen, wie die Hefe zum Wein, nur mit dem Unterschied, daß vor dem Druck noch niemand weiß, ob sie fehlen oder ob sie da sein werden. Der Redakteur freilich muß davon sagen:„Nur wer die Praxis kennt, weiß, was ich leide!“ Solange musiziert und ge⸗ sungen wird, wird es falsche Töne, solange geschrieben und gedruckt wird, wird es Schreib- und Druckfehler geben; es scheint ein alter Kalenderreim am besten darauf zu passen: Gib, Leser, nicht so scharf auf alle Fehler acht: Denn niemals ist ein Blatt und der, der es gemacht, Und der, der es gelesen— von Fehlern frei gewesen.“ — Das Gewerkschaftskartell hält am Donnerstag abend im Gewerkschaftshaus eine außerordentliche Sitzung ab, die sich mit sehr wichtigen Fragen zu beschäftigen haben wird. Da in dieser Sitzung auch Maßnahmen gegen die Teuerung beschlossen werden sollen, ist das Erscheinen aller Delegierten unbedingt er⸗ forderlich. — Warnung. Unter Umgehung der Bestimmungen über Be⸗ schlagnahme von Kupfer, Nickel usw. versuchen in Landorten Händler den Aufkauf von Kupfer usw. zu billigen Preisen, um dadurch einen Gewinn zu erzielen. Die von den Behörden festgesetzten Preise sind in jedem Orte an den öffentlichen Anschlagtafeln bekannt ge⸗ geben. — Es gibt nur noch weibliche Vogelscheuchen. Um geflüchteten Militärgefangenen keine Gelegenheit zur Erlangung von Zivil⸗ kleidern zu geben, dürfen fernerhin die Vogelscheuchen in den Feldern nur mit Lumpen oder Frauensachen bekleidet werden. — Eine ungemein reiche Brombeerernte steht in ganz Mittel- deutschland in diesem Jahre in sicherer Aussicht. Die da und dort schon schwarz gefärbten Beeren sind durchweg vorzüglich entwickelt, voll ausgewachsen und sehr saftreich. Um die sehr wertvolle, im Kriege doppelt erwünschte Beerenernte voll einheimsen zu können, empffehlt die Großh. Kreisschulkommission Gießen, die Schulkinder durch geeignete Belehrung zum Sammeln der Beeren anzuregen. Kreis Marburg⸗Kirchhain. Gegen den Lebensmittelwucher. Ein Kriegskonsumenten⸗ ausschuß hat sich am Montag abend in Marburg gebildet. Vertreter sast sämtlicher Vereine, auch der Arbeiter, sowie des Nationalen Frauendienstes usw. waren erschienen und stimmten nach eingehender Besprechung der Bildung eines solchen Ausschusses zu. Auch ein Hausfrauenverein ist in der Bildung begriffen, der ebenfalls sich in exster Linie gegen die Teuerung wenden will. G 7 uhr⸗Labenschluß. Die Marburger Geschäftsleute, mst Ausnahme der Lebensmittelindustrie, haben seit Montag, vorläufig bis Anfang Oktober, den 7 Uhr⸗Ladenschluß eingeführt. Es wäre zu wünschen, daß diese Neuerung auch für spätere Zeiten beibehalten wird. f Westerwald und Unterlahn. Die Eröffnung der Neubaustrecke Weidenau⸗Dillenburg findet bestimmt am 1. Oktober statt, jedoch werden die Personenzüge bis zur viergleisigen Gestaltung der Strecke Haiger⸗Dillenburg vorerst von Weidenau nur bis Haiger durchgeführt werden. Durch die neue Bahnlinie wird die Verbindung von Frankfurt und Süddeutsch⸗ land mit dem westfälischen Industriegebiet um 23 Kilometer ver⸗ kürzt werden. Vermischtes. ö Vier Geschwister vom Blitz getroffen. Am Mittwoch standen vier Geschwister vom Bauernhofe Oberangern der Gemeinde Halsbach nahe der Distriktsstraße Kirchweidach-Burghausen in Feldarbeit, als ein Gewitter sie über⸗ raschte. Plötzlich fuhr ein Blitz nieder und traf die Tochter Johanna an den Füßen, auch ihre Schwester Anna wurde durch einen abgeschlagenen Ast und den Blitzstrahl schwer verletzt. Die beiden anderen Geschwister wurden zur Seite geschleudert und betäubt. Drei Kinder von einer Handgranate zerrissen. In Ilfurt fanden Kinder eine Handgranate und spielten damit. Das gefährliche Spielzeug explodierte und zerriß die beiden Knaben des Schleusenwärters Gutmann sowie einen dritten Spielgenossen. Bestrafter Münzenhändler. Das Kriegsgericht in Trier verurteilte einen Ga st⸗ wirt, der eine größere Summe deutscher Goldmünzen einem holländischen Käsehändler verkauft hatte, zu fünf Monaten Gefängnis und 500 Mark Geldbuße. Ein sibirischer Urwald in Flammen. Der Jahrhunderte alte berühmte Urwald Taiga in Sibirien steht seit zwei Monaten in Flammen. Ueber 1000 Quadratwerst brennen. Ueber das Feuer wird noch gemeldet: Der Brand nahm solchen Umfang an, daß eine Bekämpfung desselben unmöglich ist. Die Einwohner des Gebietes und die Waldhüter hoffen, daß der Brand von alleine ausgehen wird, wenn er auf ein natürliches Hindernis, wie einen Strom, stößt. Der ganze Himmel ist von dickem Rauche überzogen, die Einwohner des Gebietes sehen die Sonne schon seit zwei Monaten nicht mehr. Schweres Eisenbahnunglück in England. Der irische Postzug ist am Samstag früh in der Nähe von Rugby verunglückt. Wie verlautet, wurden bei dem Unglück des irischen Postzugs 50 Personen getötet. Dagegen teilt die Eisenbahn⸗ gesellschaft mit, daß nur acht Personen getötet und dreißig verletzt worden sind. Das Unglück soll sich dadurch ereignet haben, daß der hintere Teil des Zuges im Stowetunnel zwischen Rugby und Bils⸗ worth entgleift ist. Nach einer andern Mitteilung brach die Kuppelung eines nach London fahrenden Zuges, wobei die Loko⸗ motive abstürzte. Die Lokomotive des gleich darauf herankommenden irischen Expreßzuges fuhr hinein und überschlug sich ebenfalls. Telegramme. Laeberigt des Großen Srupttutierz Auf der ganzen russischen Front siegreich vorwärts. 5 Mehrere Forts von Kowno und Nowo⸗ Georgiewsk erstürmt. Tagesbeute: 9325 Russen, 260 Geschütze, 13 Maschinengewehre. W. B. Großes Hauptquartier, 17. Aug., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Vor Ostende vertrieb unsere Küstenartillerie zwei feindliche Zerstörer. In den Ostargonnen wurde bei La Fille morte ein französischer Graben genommen. Vei Bapaume fiel ein englisches Flugzeug in unsere Hand. Die Insassen— 2 Offiziere— sind gefangen ge⸗ nommen. Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg. Weitere Kämpfe in der Gegend von Kupischky waren erfolgreich. 625 Gefangene, darunter 3 Offiziere, und 3 Ma⸗ schinengewehre fielen in unsere Hand. g Gruppen der Armee des Generalobersten v. Eichhorn unter Führung des Generals Lietzmann erstürmten die zwischen Niemen und Jesia gelegenen Forts der südwest⸗ lichen Front von Ko wn o. Ueber 4500 Russen wurden zu! Gefangenen gemacht, 240 Geschütze und zahlreiches sonstiges Gerät erbeutet. Die Armeen der Generäle v. Scholz und v Hallwitz warfen unter fortgesetzten Kämpfen den Gegner weiter in östlicher Richtung zurück. 1800 Russen, darunter 11 Offiziere, wurden gefangen genommen, 1 Geschütz und 10 Maschinen⸗ gewehre eingebracht. Auf der Nordostfront von Nowo Georgiewsk wurden ein großes Fort und 2 Zwischenwerke im Sturm ge⸗ nommen. Auf den übrigen Fronten gelang es fast überall, den Gegner weiter zurückzudrängen. Es wurden 2400 Gefangene gemacht, 19 Geschütze und sonstiges Material erobert. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. und Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen. sind in weiterem siegreichen Fortschreiten. In ihrem amtlichen Bericht vom 16. August behauptet die russische Heeresleitung, daß russische Vorhuten am. 13. August bei Dunajow an der Zlota-Lipa zwei Reihen deutscher Gräben erobert und deren Verteidiger niedergemacht hätten. Unseren an dieser Stelle kämpfenden Truppen ist nur eine russische Patrouillenunternehmung in der Nacht vom 12. zum 13. August bekannt, die völlig scheiterte und bei der der Gegner 4 Tote und 2 Verwundete vor unserer Stel; lung ließ und die uns keine Verluste brachte. Oberste Heeresleitung. 2*** 3 Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Die Russen über den Bug geworfen! Schwere Verluste der Italiener im Küstengebiet⸗ Wien, 17. August.(W. T. B.) Amtlich wird versautbart: 17. August 1915. Rufsischer Kriegsschauplatz. In scharfer Verfolgung des unablässig weichenden Gegners sind von den K. und K. Truppen die unter dem Kommando des Feldmarschalleutnants von Arz stehenden bis Dobrynka, 20 Kilo⸗ meter südwestlich von Brest⸗Litowsk, vorgedrungen. Eine russische Nachhut, die bei Piszezar Stellung gefaßt hatte, wurde von ungari⸗ scher Landwehr geworfen. Die von Erzherzog Josef Ferdinand geführten Kräfte sind im Vorrücken auf Janoe am Bug. General v. Köveß hat den Feind in der Gegend von Koustantynow über den Bug geworfen. Nördlich des unteren Bug kämpfen im engen Anschluß an deutsche Reiterei österreichisch⸗ungarische Ka⸗ valleriekörper. An unseren Fronten bei Wladimir—Wolynskij und in Ost⸗ galizien herrscht Ruhe. Jtalienischer Kriegsschauplaßz. Das Feuer der italienischen schweren Artillerie gegen unsere tiroler Werke hielt gestern tagsüber an. Schwächere feindliche In⸗ fanterieabteilungen, die im Val Sugana bis Garzano(norböstlich Borgo) vorgekommen waren, wurden über den Maso⸗Bach zurück⸗ geworfen. An der küstenländischen Front setzten die Italiener ihre Vor⸗ stöße gegen unsere Stellungen zwischen dem Krn und Tolmein mit stärkeren Kräften fort, wurden aber überall blutig abge⸗ wiesen. Das Plateau von Doberdo stand gestern nachmittag wieder unter ziemlich heftigem Geschützfeuer. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Ssfer, Felbmarschallentnant. 0 Reise neutraler Berichterstatter nach Warschau. T. U. Berlin, 17. August. Die in Berlin weilenden Presse⸗ vertreter des neutralen Auslandes, haben heute nacht unter Führung von Stabsoffizieren eine Reise nach Warschau angetreten, deren Dauer auf acht bis zehn Tagen angesetzt ist. Es sind 19 Herren, die als ständige Korrespondenten für Skandinavien, Hol⸗ land, Spanien und Amerika, insbesondere für nordamerikanische Blätter, arbeiten. Ende des deutsch⸗russischen Kriegsinvaliden⸗ f Austausches. Nach einer Meldung schwedischer Blätter wird der Aus— tausch deutsch⸗russischer Kriegsinvaliden schon in der nächsten Zeit wieder aufhören, und zwar wegen der Beförderungs- schwierigkeiten auf den russischen Eisenbahnen. Das böllig ungenügende Eisenbahnmaterial Rußlands wird durch Trup⸗ ventransporte in Anspruch genommen. Die Flüchtlinge aus Polen. Kopenhagen, 17. Aug. Petersburg ist voll von flüchtigen Zivilisten aus polnischen Städten, von denen die meisten sich in der größten Notlage befinden. Die Verpflegung der vielen tausend Flüchtlinge und Verwundeten beansprucht enorme Summen. Die heilige Synode stellte die Klostergebäude für Hospitäler zur Ver⸗ fügung. Die Betriebsausgaben sollen aus Klostermitteln be⸗ 2 Millionen Kriegsgefangene in Deutschland und Oesterreich. Die Frankf. Ztg. bringt eine Aufstellung über die ge⸗ fangenen Feinde. Danach sind zwei Millionen Feinde den deutschen und den österreichisch-ungarischen Truppen seit Kriegsbeginn in die Hände gefallen. Während die erste Million nach 6 Monaten und 3 Wochen erreicht war, hat es eines Monates weniger bedurft, um diese reiche Ernte zu verdoppeln: Die 2 Millionen verteilen sich wie folgt auf die Heere der feindlichen Koalition: Die Westfront, die seit Mo⸗ naten fast unverändert besteht, hat etwa 331 000 Franzosen, Belgier und englische Gefangene eingebracht. Unsere Ver⸗ bündeten haben auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz 28 000 serbische Gefangene gemacht, der Rest entfällt auf die russische Armce, die 1654000 Mann verloren hat durch Gefangen⸗ nahme. Mehr als die Hälfte davon sind in den letzten Mo⸗ naten in den Händen unserer Truppen geblieben. Im Mai wurden in Galizien, Polen und im Norden 301 000 russische Gefangene, im Juni 220 000 und in der ersten Hälfte des Juli 32 000 Gefangene gemacht. Am 14. Juli begann der Generalangriff der verbündeten Armee gegen die polnische Festungslinie. Er brachte gegen Ende Juli 190 000, im August weitere 95 000 Gefangene, sodaß die russischen Armeen seit dem 14. Juli wieder 285 000 an Gefangenen ein⸗ gebüßt haben. In diesen Zahlen sind die Gefangenen nicht eingerechnet, die von unseren türkischen Verbündeten und von den Oesterreichern und Ungarn auf der italienischen Front ge⸗ macht worden sind. Serbien lehnt den Vorschlag des Vierverbandes ab. T. U. Bukarest, 17. Aug. Das amtliche Regierungsorgan Samupravpa veröffentlicht die amtliche Erklärung der Regie⸗ rung, worin Serbien den Vorschlag des Vierverbandes auf Abtretung serbischen Bodens endgültig zurückweist. Die Regierungskrise in Griechenland. Nach einer Havas⸗-Meldung aus Athen ist Zapitsianos, der Kandidat der Venizelisten, zum Kammerpräsidenten mit 57 Stimmen Mehrheit gewählt worden. Das Kabinett Gunaris hat seine Entlassung eingereicht. Havas meldet aus Athen: Nachdem König Konstantin die Demission des Kabinetts Gunaris angenommen hat. lud er Venizelos ein, sich mit ihm morgen vormittag zu be⸗ sprechen. Alles läßt darauf schließen, daß die Krisis schwierig sein wird. Auf jeden Fall wäre es verfrüht zu glauben, daß eine Aenderung im Ministerium zu irgend einer raschen Aenderung der politischen Haltung Griechenlands führen könne. A Dem Matin bird aus Athen gemeldet: Man kennt die König ihn ersuchen wird, die Politit des vorigen Kabineks fortzusetzen, die auf der territorialen Integritäl Griechenlands beruht, das eine wohlwollende Neutralität gegen den Vierverband bewahren soll. Falls sich der König mil Venizelos nicht verständigt, wird er sich an Zaimis wenden, und wenn dieser Versuch ebenfalls siche i tere wird der König die Kammer auflösen. 1900 Italien und der Balkan. 15 5 Wiener Meldungen zufolge 5 9 1 ee Saloniki Perg be alien cen Deppen schließt man in Athen, daß die Italiener auch auf das südliche Macedonsen die Besezung aus⸗ zudehnen gedenken. In Bulgarien herrsche darüber große Er. regung, da es sich durchweg um Gebiete handelt, auf, die auch N Bulgarien Anspruch erhebt. 5 f Derluste der italienischen Flotte. Aus Korfu wird der Frankf. Ztg. gemeldet, daß die Oesterreicher bisher drei italienische Untersee⸗ boote und einige Zerstörer vernichtet haben, daß aber die Veröffentlichung der Nachricht von der italieni⸗ schen Zensur verboten worden sei. f 93 Die italienischen Zerstörer werden aus Fur cht vor den österreichischen Unterseebooten ncht mehr nach der albanischen Küste fahren. a Der torpedierte englische Truppentrausport. ö Das Londoner Pressebureau macht bekannt, daß das britische Kriegstransportschiff„Royal Edward“ am Sonn- tag morgen im Aegäischen Meer durch ein feindliches Unter⸗ seeboot zum Sinken gebracht worden ist. Nach weiter eingeiroffenen Informationen transportierte das Schiff 32 Offiziere, 1350 Soldaten und eine Besatzung von 220 Mann. Die Truppen bestanden hauptsächlich aus Verstärkungen für die 29. Division und Teile des Sanitätsdienstes. Genaue Nachrichten fehlen noch, doch ist bekannt, daß ungefähr 600 Mann gerettet worden sind. f 5 Baumwolle ist für England Baunware. g Ueber Kopenhagen kommt die Meldung aus Washington, das amerikanische Stagtsdepartement habe von Grey die Mit⸗ teilung erhalten, daß Baumwolle in die britische Liste über Bannware aufgenommen worden sei. Dereinskalender. N Samstag, den 21. Augu st.„ Gießen. Gemeinde⸗ und Staatsarbeiter⸗Ver⸗ band. Abends 8 Uhr: Versammlung im Gewerkschaftshaus. 5 71 1 5 Verantwortlicher Redakteur: Heinrich Noll, Gießen. g Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt. G. m. b. H., Offenbach a. B. Verstorbene: Karl Geiß, Müller aus Klein⸗Felda(Kreis Alsfeld), 70 Jahre alt.— Frau Elise Albach, aus Schwabenrod (Kreis Alsfeld), 89 Jahre alt.— Johannes Becker, Gemeinde⸗ .— A 755 stritten werden. [Bettfedern grau per Pfd. von 95 Pf. an 2 L. Rosenbaum& Jacoh am Oswaldsgarten. stets und überall nur die über 20 Jahre bestehende deutsche Marke Sturmvogel. 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