5 i i i i 5 5 f J ö f f f f i . — ——4 eee —.— Obethe ische Volkszeitung ö Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1. 80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die ö mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 191 Gießen, Dienstag, den 17. August 1915 10. Jahrgang. Vom Weltkrieg. Eillundz Shuld am Wellkrieg. Schluß. In jener Zeit, im Frühjahr 1906, suchte England auch Belgien in seine Pläne hin einzuziehen und sandte den Obersten Barnardiston nach Brüssel, der mit dem belgischen Stabs⸗ chef, General Ducarme, geheime Verabredungen traf, deren Inhalt die deutsche Regierung schon im Herbst 1914 veröffentlicht hat. Hatte es England schließlich auch nicht vermocht, das Zustande⸗ kommen der Konferenz zu verhindern, so tat es doch alles, um auf ihr den deutsch⸗französischen Gegensatz weiter zu vergiften. Auch Italien hatte man in die deutschfeindlichen Beziehungen zu ver- stricken verstanden. Baron Greindl berichtet darüber im Jahre 1907: „Es handelt sich um die Fortsetzung der zur Jso⸗ lierung Deutschlands bestimmten Kampagne, die sehr geschickt geführt wurde und mit der Aussöhnung zwischen Frankreich und Italien(1902) sowie mit den Abmachungen an⸗ fing, die mit letzterer Macht auch seitens Englands wegen des Mittelmeeres getroffen wurden.“ Und im Jahre 1909 schrieb Greindl Itafiens zum Dreibund: 8„Seit recht langer Zeit gibt man sich weder in Berlin noch in Wien irgendwelchen Illu⸗ sionen über den eventuellen Beistand Italiens hin. Der Quirinal ist gegen Frankreich und England Verpflich⸗ Ban eingegangen und kokettiert dauernd mit London und is.“— Anfang 1907 war Eduard schon wieder in Paris, wo die Ge⸗ ügigkeit Frankreichs unter Clemenceau, der damals Premier⸗ ninister war, einen so hohen Grad erreichte, daß sich eine, wenn uch dauernd sehr schwache Reaktion dagegen zu bilden begann. Entrüstet berichtet Greindl über die Bemühungen Frankreichs, die soeben erst in Algecfras eingegangenen Verpflichtungen zu um⸗ über das Verhältnis gehen. Durch das Bewußtsein, das starke England hinter sich zu haben, gefiel sich Frankreich in einer provozierenden Politik. Es kam zur Beschießung der offenen Stadt Casablanca durch die Franzosen. Delcasse hielt eine wütende Hetzrede. Baron Greindl schrieb fiber die Situation: „Die von König Eduard unter dem Vorwand, Europa vor der eingebildeten deutschen Gefahr zu sichern, geleitete Politik hat eine nur allzu wirkliche französische Gefahr ins Leben gerufen, die in erster Linie uns(d. h. Belgien) bedroht.“ In dieser Situation besuchte Eduard auch Spanien, mit dem Verträge abgeschlossen wurden, die das Mittelmeer den Dreibund⸗ en, wenn nicht zu verschließen, so doch einzuengen bestimmt waren. Die belgischen Vertreter in London wie in Berlin sind sich in ihren Berichten darüber einig, daß auch der spanische Besuch nur ein weiterer Schritt auf dem Wege zur JIso⸗ lierung Deutschlands sei. Baron Greindl schreibt aus Berlin:„Der Eifer, Mächte, die niemand bedroht, angeblich zu Verteidigungszwecken zu einigen, erscheint mit vollem Recht als ver⸗ dächtig?“ Herr Leghait, der belgische Vertreter in Paris, schreibt esorgt:„Frankreich lädt eine Dankesschuld auf sich, die ihm schwer irscheinen wird, wenn eines Tages England die Zwecke znthüllen wird, zu denen es die Kräfte benutzen will, die es seute um sich geschart hat.“ Der Rücktritt des englischen Botschafters in Berlin, der seine fünfzehnjährige Tätigkeit in der Hauptsache dazu benutzt hatte, um zm einer deutsch⸗englischen Verständigung zu arbeiten, veranlaßt den zelgischen Gefandten zu folgendem Kommentar: „Der Eifer, den er enwickelt, um Mißver⸗ ständnisse zu beseitigen, die er für töricht und für beide Reiche in hohem Grade für nachteilig hält, entspricht nicht den politischen Ansichten seines Herrschers.“ Eduard konnte eben Leute, die nicht zum Kriege gegen Deutsch⸗ and hetzten, nicht gebrauchen. 8 Den größten Erfolg erreichte die persönliche Politik des eng⸗ lischen Königs in dem russisch⸗englischen Abkommen. dier war es gelungen, politische Todfeindschaften zu überbrücken diglich zu dem Zwecke, Deutschland einzukreisen. Anfang 1908 var kein Zweifel mehr, daß ein englisch⸗französisch⸗russisches Zu⸗ sammenwirken Tatsache geworden war. Eduard erschien in Reval 5 Besuch, was von geradezu epochemachender Bedeutung war. Der Zweck war nichts geringeres als die Ausschaltung Oester⸗ zeich⸗Ungarns aus den Balkan angelegenheiten, her Erfolg freilich war die türkische Revolution, die zunächst ille Pläne des Dreiverbandes über den Haufen warf. Wiederum tand die Welt vor einer Kriegskrisis, die nur durch die Haltung des deutschen Reichs und die noch nicht überwundene; militärische Schwäche Rußlands einen unblutigen Ausgang fand. Damals erhob England in Petersburg ernste Vorstellungen über das Zurückweichen Rußlands vor dem Berliner Kabinett, das durch sein entschlossenes kintreten für Oesterresch die„Demütigung“ unmöglich, machte, die lach Greindls Worten die ruffische und englische Politik mit ihrem konserengvorschlag dem Donaustaate zugedacht hatte. Die bisher veröffentlichten Berichte reichen nur bis ins Jahr 909. Aber sie reichen schon vollständig aus, um ein Urteil über nie Rolle fällen zu können, die England in der Vorgeschichte des eutigen Krieges gespielt hat. Es war der treibende Geist. Die infache Tatsache, daß Deutschland wirtschaftlich aus der Heloten— sellung emporstieg, die es drei Jahrhunderte hindurch eingenommen batte, genügte der englischen Politik, um laltblütig die Abwürgung es beutschen Voltes vorzubereiten. Dabei sind sich die Berschte Uller drei belgischen Gesandten einig barüber, daß die deutsche Holitik eine absolut frlebliche war und speziell England gegenüber chon im eigenen Interesse nur eine friedliche sein konnte. In einem Vericht Greinbls vom 30. Mai 1907 beißt es unter anderm: „England ist gewohnt, keine Rivalen zu haben, und hält jede Konkurrenz für einen Eingriff in ein ihm gehöriges Feld. England, das seit Jahrhunderten fremde Flotten vernichtet hat, gibt sich den Anschein, als habe es die deutsche Kriegsmarine zu fürchten, während doch in Wirklichkeit Deutschland alles zu fürchten hat und, weit entfernt, auf eine Zuspitzung zu England hinzuarbeiten. vielmehr stets den Anstoß zu den Versuchen gegeben hat, eine Annäherung an England herbeizu⸗ führen.“ 5 Welche Konsequenzen aus alledem zu ziehen sind, kann jetzt im einzelnen nicht auseinandergesetzt werden. Nur darauf sei kurz hingewiesen, daß Englands auswärtige Politik seit 300 Jahren noch immer eine zielbewußte Angriffs politik gewesen ist und der Struktur des englischen Reiches mit seinem Anspruch auf unbedingte Seeherrschaft entsprechend auch sein mußte. Das ist von englischen Historikern für die Vergangenheit auch glatt zugegeben worden. Der bekannte Professor Seeley, der literarische Wortführer und Historiker des englischen Imperialismus, schreibt in seinem Buche „Die Ausdehnung von England“, daß die Ausbreitung Englands woder ein ruhiger Prozeß gewesen ist, noch bloß in jüngster Zeit vor sich gegangen ist, daß vielmehr jene Ausbreitung ein aktives Prinzip der Friedensstörung war, eine Ursache von Kriegen, die sowohl an Größe wie an Zahl nicht ihresgleichen haben. 6 Politische Wirren in Frankreich. Das Parlament gegen den Kriegsminister. Aus Paris wird der Frankf. Ztg. telegraphiert: Der zwischen der französischen Regierung und der Linken der Deputiertenkammer bestehende Konflikt wegen der Durchführung der Parlamentskontrolle über die Armeeverwaltung hat sich während der letzten Tage neu belebt, und die Demission des Kriegsministers Millerand unvermeidlich ge⸗ macht. Es fragt sich nur noch, ob sie freiwillig erfolgt, oder ob sich Millerand von der Kammer stürzen lassen will. Die Regierung hat sich anfangs der letzten Woche mit den Vorsitzenden des Senats und der Kammer verständigt im Sinne einer längeren Unterbrech— ung der Parlamentstagung. Der Senat vertagte sich auch am letzten Dienstag bis zum 2. September. Die Kammer sollte sich nach dem Vorschlag ihres Präsidenten am Donnerstag ebenfalls vertagen, nach Annahme des vom Senat verschärften Gesetzes Dalbiez. Die Fraktion der Radikal-Sozialisten, das heißt, die große von Caillaux geführte radikale Gruppe, die mit den Sozialisten zusammen über die Mehrheit in der Kammer verfügt, griff jedoch in diesem Augenblick in die Verhandlungen führend ein. Sie knüpfte die stillschweigende Zustimmung zur Vertagung der Kammer an die Bedingung, daß die Regierung ganz bestimmte Garantien dafür gebe, daß die Kontrolle des Parlaments über die Parlamentsferien nicht unterbrochen werde. Die Fraktion sandte am Donnerstag eine Abordnung an den Ministerpräsidenten Viviani, um diese Bedingungen mitzu⸗ teilen. Sie berief gleichzeitig am Freitag früh ihre im Ministerium sitzenden Fraktionsgenossen Malvy, Sarraut. Godart und Dali⸗ mier zu einer Besprechung, um sie mit dem an die Regierung ge— stellten Ultimatum bekannt zu machen, das darauf hinauslief, daß die große radikale Fraktion kein Vertrauen mehr zu dem Kriegsminister Millerand besitze, und daß sie, falls er nicht vorher demissioniere, die von ihm eingebrachten Kreditforder— ungen für die Errichtung von zwei neuen Unterstaatssekretarfaten im Kriehsministerium bekämpfen werde. Viviani sollte am Frei⸗ tag früh antworten, teilte jedoch im letzten Augenblick mit, daß er die Angelegenheit zuerst dem Ministerrat unterbreiten müsse. Unterdessen kam es am Donnerstag und Freitag nachmittag im Plenum der Kammer zu heftigen Angriffen gegen Millerand. Am Donnerstag verlangten die Radi— kalen eine Ausdehnung der Ernteurlaube, insbesondere auch eine Beurlaubung der Soldaten, deren die Landwirtschaft dringend be— darf zur Bedienung der zur schnellen Einbringung der Ernte un⸗ entbehrlichen Maschinen. Mehrere Redner führten bittere Klage über die Rücksichtslosigkeit, womit sich die Militär- behörden trotz der Versprechungen des Kriegsministers über die Wünsche der Landwirtschaft hinwegsetzen. Es fiel dabei das Wort, daß dem Bauernstand die schwersten Lasten des Krieges aufgebürdet werden, seine Angehörigen stellten das stärkste Kon⸗ tingent ins Feld, und sie seien vom wirtschaftlichen Ruin bedroht, da sie ihre Ernten auf dem Felde verfaulen lassen miüssen. Am Freitag nachmittag standen die Kredite für die Unterstaatssekre⸗ tariate auf der Tagesordnung. Die Debatte gestaltete sich derart stürmisch, daß sie abgebrochen werden mußte, bevor Millexand das Wort ergreifen konnte. Die Kammer lehnte sodann alle Anträge auf längere Unterbrechung ihrer Tagung ab und setzte ihre nächste Sitzung auf Freitag, den 20. August, fest. Der Temps berichtet: Nach dem gestrigen Ministerrat empfing Ministerpräsident Viviani die Delegierten der radikal⸗ sozialistischen Gruppe, die mit Viviani zwei Tage zuvor im Namen der Gruppe fiber die politische Lage Besprechungen hatten. Viviani teilte ihnen mit, daß die Regierung nach Prüfung der Lage beschlossen habe, an ihrer Zusammen⸗ setzung keine Aenderung vorzunehmen. Ex werde im Namen der Regierung am nächsten Freitag bei der Beratung über die Kredite für die Unterstaatssekretariate die Vertrauens⸗ frage stellen. Die radikal-soziallstische Gruppe hat beschlaossen, zu einer Sitzung zusammenzutreten, um den Bericht der Dele— gierten anzuhören und die Haltung festzustellen, die die Gruppe einnehmen werde. La Depeche de Lyon meldet aus Paris; radikal sozialistische Gruppe trat gestern nachmittag zusammen. Die Delegierten erstatteten ihren Bericht über die Verhandlungen mit Vivianj. Die Gruppe beschloß, sich mit dex geeinigt Die stellen. Die radikale Gruppe wird täglich zusammenkommen, um die Lage zu besprechen und endgültige Beschlüsse zu fassen. Der Seekrieg. Nach einer Lloydmeldung wurde der englische Dampfer„Prinzeß Caroline“, einen 888 Tonnen⸗ Schiff, torpediert. 15 Mann der Besatzung sind ge⸗ rettet, vier ertrunken. Der englische Dampfer„Gloria“(264 Tonnen) wurde versenkt, die Marnschaft gerettet. Die B. Z. meldet aus Zürich: Eine Firma in Livorno erhielt die Mitteilung, daß in der Nähe von Larsick die Dampfer„Prince Albert“ und„Prinzesse Marie Jose“ der belgischen Companie Oceanique to rpediert wurden. Ueber das Schicksal der Besatzung ist nichts bekannt. Meldung des Reuterschen Bureaus. Der Dampfer „Osprey“ aus Liverpool und der Fischdampfer„Hum⸗ phrey“ sind versenkt worden. Die Besatzungen sind gerettet. Havas meldet, Deutschland habe das amerikanische Schift „Bico“, das kürzlich nach Swinemünde geführt worden war, freigegeben. Laut Bergener Blätter meldeten russische Passagiere auf der„Iris“, daß das Schiff vorgestern von einem U-Boot angehalten wurde. Der russische Konsul in Bergen erklärt, daß der Kapitän des U-Bootes die russische Paketpost über Bord werfen ließ und die Briefpost für das russische Aus- wärlige Amt mitgenommen habe. Morgenbladet bezeichnet diese Meldung als haltlos, da der Offizier die Briefpost nicht angerührt habe. Amerikas Antwort auf die Note Oesterreichs. 5 Havas meldet aus Washington: Die amerikanische Note auf die österreichische Note, worin gegen die Munitions- lieferungen an die Verbündeten protestiert worden war, ist nach Wien abgegangen. Die Antwort verweigert die Verhängung einer Hafensperre für die nach den Ländern der Alliierten bestimmte Munition. Vom Balkan. Wachsende Mißstimmung gegen die Entente in Griechenland. In ganz Neu-Griechenland fanden gewaltige Straßen- demonstrationen gegen die Entente wegen ihrer letzten Note statt. Die Erregung des Volkes gegen den Vierverband ist ständig im Wachsen begriffen. Ein Zusammenschluß der Venizilisten und Gunaristen zum Zwecke der Verteidigung des Vaterlandes ist wahrscheinlich. Nach einer Meldung des Bukarester Seara aus Salonik ist man in griechischen politischen Kreisen darauf vorbereitet, daß die verbündete Flotte im Mittelmeer die griechische Küste blockieren werde. In Griechenland werden deshalb Vorkehrungen getroffen, um in diesem Falle das Land aus Bulgarien und Rumänien mit genügenden Lebensmitteln zu versehen. Die Drangsalierung Serbiens. Wie die Bukarester Steagul aus Nisch meldet, üben die Ge⸗ sandten der Entente unausgesetzt einen Druck auf Paschitsch aus. Gemeinsam und auch einzeln erscheinen sie bei ihm und versuchen, ihn zu überreden, die Forderungen Bulgariens zu erfüllen, und drohen für den entgegengesetzten Fall mit schweren Folgen für Serbien. Die in der Provinz weilen⸗ den Mitglieder der Skupschtina wurden telegraphisch nach Nisch zur morgigen Sitzung berufen. In einer von den oppositio⸗ nellen Gruppen einberufenen Konferenz wurde gegen jede Gebietsabtretung in energischer Weise pro- testiert. Das neue radikale Parteiorgan Odjek betont, man könne nach allem, was Serbien schon erduldet habe, nicht voraus ⸗ setzen, daß es neue Opfer bringe. Serbien durchlebe in dieser großen Krise jetzt seine schwersten Tage. Klassenkampf und Krieg in England. Nach dem Financiel News ist auf einer Konferenz englischer Gewerkschaften eine Kundgebung beschlossen worden, in der es heißt: d „Der Krieg wird als Entschuldigung benutzt, um Rechte, die in langen Jahren harter und geduldiger Industriearbeit gewonnen sind, zu untergraben. Nach und nach stiehlt uns der Staat mit seinem bekannten Nachgeben gegen die Besigenden alles was wir werthalten. Die Annahme des Munitions- gesetzes hat uns den letzten Fetzen von Verteidigung genommen. Das Recht auf Ausstände, das Recht, höhere Löhne und bessere Be⸗ dingungen zu fordern, das Recht auf Schutz, alles Rechte, die den Ausbeutern in der Vergangenheit abgerungen wurden—, alles das ist fort auf Geheiß des Kapitals.“ Die Auffassung des Unternehmertums aber kommt in solgen⸗ der Zuschrift an den Scatsman vom 7. d. M. zum Ausdruck: soztalistischen und der republikanisch⸗sozialisti⸗ schen Gruppe zu besprechen, um gemeinsame Richtlinien festzu⸗ „Die größten Feinde Englands sind die ausständigen Arbeiter. Das Kriegsmunitionsgesetz wurde angenommen, um den Ar- F ein Ende zu bereiten. Was ist die Folge? Tag ür Tag lesen wir von Arbeitern, die ihre Werkzeuge niederlegen, um für die Sache der Gewerkschaften* zu ergreifen. Möge das Land, das Reich zugrunde gehen nur die Vorrechte der Gewerkschaften bewahrt bleiben. öge der deutsche Militarismus seine Fänge in den Hals des Reiches schlagen, möge das Reich weitere 60 000 Mann unserer besten und tapfersten Soldaten ver⸗ lieren,— all dies ist für den Gewerkschaftler mit seinen 8 Pfund Sterling in der Woche von keiner Bedeutung.“ Die Kriegsziele der Nationalliberalen. Der Zentralvorstand der Nationallibe⸗ tralen Partei hat in Berlin im Reichstage getagt und nach eingehenden Verhandlungen mit allen gegen zwei Stimmen folgende Entschließung gefaßt: ö Der Zentralverband erklärt in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen des Geschäftsführenden Ausschusses und der Landesvorsitzenden vom 16. Mai, daß das Ergebnis des jetzigen Krieges nut ein Frieden sein kann, der unter Er— weiterung unserer Grenzen im Osten und Westen und Uebersee uns militärisch, politisch und wirtschaftlich vor neuen Ueberfällen sichert und die ungeheuren Opfer lohnt, die das deutsche Volk bisher gebracht und bis zum siegreichen Ende weiter zu bringen entschlossen ist. Der Zentralvorstand dankt seinem Vorsitzenden Basser— mann einmütig und herzlich für seine vom Vertrauen der Gesamtpartei getragene Tätigkeit zur Durchsetzung seiner nationalen Kriegsziele. Der Zentralvorstand wird mit der gesamten Partei geschlossen hinter jeder Regierung stehen, die diese Ziele mit unbeugsamer Festigkeit verfolgt. Ein bürgerliches Friedensprogramm. Der Bund Neues Vaterland tritt, wie die Rhein.⸗Westf. Ztg. zu berichten weiß, demnächst in Bern zu einer Friedenskundgebung zusammen. Das von dieser Organisation aufgestellte Mindest⸗ programm lautet nach dem erwähnten Blatt wie folgt: „Die Hetze einer gewissenlosen Presse, genährt von den Inter⸗ essenten der Rülstungsindustrie und der Sensation, hat die Be⸗ ziehungen der Völker trotz ihrer unbezweifelten Friedensliebe ver⸗ giftet. 5 0 Die Expansionspolitik, verbunden mit imperialistischen Ten⸗ denzen, der scharfe Wettbewerb um abgeschlossene Handelsgebiete und um Kolonien hat gefährliche Gegensätze geschaffen. Das System der fortwährenden Steigerungen aller Leistungen hat sinnlich dazu hinzugedrängt, diese Leistungen zur Niederwerf— ung des Gegners zu gebrauchen. 5 5 Das System der europäischen Politik hat die Rivalktäten ver⸗ schärft und aus jedem lokalen Konflikt eine furchtbare Gefahr für den Weltfrieden gemacht.. Dem allen muß man versuchen, Einhalt zu tun. Die Ge⸗ legenheit dazu— eine Gelegenheit, die vielleicht niemals wieder— ehrt— bietet der Friedensschluß. ö 1 Die Völker haben jetzt ein Wort mitzureden. Die alte Politik der zünftigen Staatslenker ist zusammengebrochen. 1. Die politischen und die geistigen Führer der Menschbeit. die unser Kulturleben davor zu bewahren haben, aufs neue ge⸗ schändet zu werden, die Männer der friedlichen Arbeit und jene internationalen Organisationen, die den mühseligen Gewinn ihres Schaffens vor sinnloser Zerstörung schützen müssen, die Frauen, in deren wachsendem Einfluß eine neue Hoffnung für den Frieden anerkannt werden muß, die Massen, die nicht noch einmal zum Morden und Sterben geführt werden wollen, sie alle sollen zu⸗ sammen helfen, denn sie alle sind solidarisch.“ Verbot der Berner Tagwacht und einer französischen Broschüre. Der Kommandierende General des 8. Armeekorps und der Gouverneur der Festung Köln haben folgende Bekannt— machung erlassen:. 95„Der Vertrieb der Schweizerischen Zeitung Berner Tagwacht wird hiermit für den Bereich des 8. Armee⸗ korps untersagt. Zuwiderhandlungen werden... mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft.“ Eine weitere Bekanntmachung derselben Stelle verbietet die Verbreitung der bekannten Schrift der französischen katho— In Rot⸗Rußland. Ueber die Verfolgung der fliehenden russischen Armee wird dem Berliner Tageblatt aus dem k. k. Kriegs- pressequartier gemeldet: Der Vormarsch der Verbündeten dauert an und hat, die russischen Heere vor sich hertreibend, die Linie nördlich von Wlodawa—Wisznics—Miedcyrzidezy— Losico—Czyczew erreicht. Auch hier, im eigentlichen Rot⸗ rußland, haben die Russen wie in Feindesland gehaust. Sie führen Brandkommandos mit, die mit Zelluloid und Benzinspritzen ausgerüstet find, doch werden nur die Herrenhäuser und die Judenviertel der Städte vernichtet; die Bauern hingegen gehen frei aus. Wo die Gutsfelder schon abgeerntet sind, wird das Getreide unter die Bauern verteilt. Außerhalb der russischen Rückzugslinie, wo die Felder ge⸗ schont wurden, die Einwohner aber geflüchtet sind, verrichten die deutschen und österreichisch-ungarischen Etappenkommandos die Erntearbeit. Ingenieure stellen Dreschmaschinen und Mühlen auf. Die Sorge der Engländer. Nach der Deutschen Tageszeitung sollen Londoner Re— gierungskreise die größten Besorgnisse wegen der Kriegslage in Rußland äußern. Grey habe mehreren Abgeordneten ge— sagt, daß die große Entscheidungsschlacht bei Brest⸗Litowsk in allernächster Zeit zu erwarten sei. Englische Seedespotie. Kopenhagen, 15. August. Die englische Regierung hat jetzt kurzerhand verfügt, daß sämtliche ausländische Dampfer sowohl auf der Hin- wie auf der Rückreise nach Schweden einen englischen Hafen anlaufen und sich dort zur Kontrolle der Ladung zu melden haben. Ein Schiff, das dieser Weisung nicht nachkommt, wird zu⸗ künftig weder englische noch kanadische Kohle erhalten. Die französische Ministerkrise. T. U. Genf, 16. Aug. Um Millerands Situation zu retten, erklärten sich, wie der Temps meldet, alle Mitglieder des Kabinetts Viviani solidarisch. Eine partielle Minister⸗ krise wäre also ausgeschlossen. Der Temps hofft, daß die Kammermehrheit vor einem vollständigen Ministerwochsel zutückschrecken werde. Das„neutrale“ Amerika. Paris, 16. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Petit Joural meldet aus Washington: Die Ausfuhr der Vereinigten Staaten nach Sibirien betrug in der Zeit vom 1. August 1914 bis 30. April 1915 19 Millionen Dollars, d. h. 19mal soviel, als in normalen Zeiten. Vor Ablauf des August müssen 400 Lokomotiven und 20 000 Eisenbahnwaggons in Wladiwostok abgeliefert werden. Der Maximalarbeitstag in Norwegen. Kristiania, 15. August. Das Oldesthing nahm mit 64 gegen 17 Stimmen den Maximalarbeitstag für Norwegen mit 10 Stun⸗ den täglich und 54 Stunden wöchentlich an. Bei Buch⸗ und Zeitungsdruckereien, sowie Gruben und Metallhütten soll nur 48 Stunden wöchentlich gearbeitet werden. Das Gesetz tritt nach 5 Jahren in Kraft. Die Annahme des Gesetzes im Lagthing ist gesichert. Kriegsnotizen. Die Londoner Polizei beschlagnahmte Zehntausende von Exemplaren eines Friedensmanifestes, das in der Nacht in allen Häusern der Vorstädte von London einge⸗ schmuggelt worden war. Das Manifest sagt den Sieg der Zentralmächte voraus und nennt Asquith und Grey die Totengräber Englands. Die Urheber des Flugblattes sind unbekannt. Zwei deutsche Offiziere sind aus dem Gefangenen⸗ lager Oldcastle in Irland geflüchtet. Wie die russischen Blätter übereinstimmend melden, wird die Heraldo, i 0 b 5 welche seit Kriegsbeginn in Casablanca in Gesangenschaft waren, gelungen sei, zu entkommen und die spanische Zone Sie sollen sich gegenwärtig in Sevilla befinden. folgende Resolution: Stimmen bei einer Stimmenthaltung, Absatz 2 einstimmig ange⸗ nommen. Leonberg) scheint den Rekord zu erreichen unter den Kreis⸗ organisationen Deutschlands hinsichtlich der Einberufung der Partei⸗ mitglieder. Bis Ende Juli waren 1900 Mitgliedern, die bei Kriegs⸗ beginn gezählt wurden, nicht weniger als 1322 zum Heeresdienst eingezogen. die auf der Kreisversammlung durch 25 Delegierte vertreten waren. In der Aussprache über die Parteidifferenzen wurde den Maß⸗ nahmen des Landesvorstandes allgemein zugestimmt. Stimmen fand folgende Resolution Annahme: (Sachsen) nahm am Mittwoch Stellung Budgetbewilligungsfrage und den damit zusammenhängenden Vor⸗ gängen in der Partei. Gen. Rich. Meier gelangte folgende Resolution gegen drei Stim⸗ men zur Annahme: Die Information verbsfentlicht eine Meldung des Madrider 0 es den drei Brüdern Mannesmann, zu erreichen. t Parteinachrichten. Aus den Organisationen.. Eine in Duisburg abgehaltene Filialleitersitzung 1. Die erweiterte Parteileitung des Wahlkreises Duisburg: Mülheim⸗Oberhausen⸗ Hamborn erklärt sich mit der Haltung der Reichstagsfraktion und den bis⸗ herigen Maßnahmen des Parteivorstandes zum Kriege ein⸗ ver stan'den. 5 g 2. Sie harter daß der Parteivorstand und die Reichstags⸗ fraktion mit allen Mitteln versuchen, die Regierungen zu ver⸗ anlassen, auf einen baldigen Frieden hinzuwirken. Die Genossen verpflichten sich, alle Bostrobungen, mögen solche von links oder rechts kommen, die darauf hinauslaufen, die Partefeinheit zu stören, mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen. Die Filialleitersitzung erklärt damit die ganze Angelegenheit bis zur nächsten Kreiskonferenz für erledigt. In namentlicher Abstimmung wurde Absatz 1 mit 9 gegen 6 8 Der J württembergische Wahlkreis(Böblingen⸗ Vorhanden sind noch 414 zahlende Parteimitglieder, Gegen zwei „Die Kreisversammlung hält es als Hauptaufgabe der Ge⸗ noffen, die einheitliche Organisation der württembergischen Sozialdemokratie zu wahren. Sie bedauert die parteizerstörende Tätigkeit der ausgeschiedenen Gruppe in Württemberg und fordert die Genossen auf, allen Versuchen einer Partelspaltung entschieden entgegenzutreten. Die Versammlung erklärt sich mit der Haltung der Fraktion zum Krieg einverstanden und spricht derselben ihr Vertrauen aus.“ 0 Der Sozialdemokratische Verein für Zwickau zur Kriegskredit⸗ und Nach einem Referat des Bezirkssekretärs Die am 11. August 1915 in Zwickau tagende Mitgliederver⸗ sammlung des Sozialdemokratischen Veveins für den 18. sächsischen Reichstagswahlkreis erklärt ihre Uebereinstimmung mit dem Verhalten der Mehrheit der Reichstags⸗ fraktion, des Parteivorstandes und des Partei⸗ ausschusses in der Frage der Bewilligung der Kriegskredite und des Kriegsbudgets. Die Versammlung erkennt weiter die Bemtihungen des Parteivorstandes zur Herbeiführung eines baldigen Friedens an und erwartet weitere Tätigkeit nach dieser Richtung. Sie er⸗ wartet weiter, daß die Fraktion die Freigabe der Diskussion der Kriegsziele verlangt und gegen weitere Kriegskredite dann stimmt, sobald Eroberungen als Kriegsziele erkannt sind. Die Versammlung hält in der gegenwärtigen schweren Zeit die Einigkeit und Geschlossenheit der Partei für not⸗ wendiger als je und verurteilt die vergiftende Tätig⸗ keit jener Anhänger der Parteiminderheit, die, in Sondergruppen organisiert, die Partei im In⸗ und Auslande 5 Flugblättern und Preßartikeln schmähen und herab⸗ setzen. Ferner erwartet die Versammlung von der Reichstag tags- fraktion, daß sie mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln von der Regierung fordert, der wucherischen Ausbeutung des Volkes 0 durch gewissenlose Spekulanten Einhalt zu gebieten. 5 Drei Monate Gefängnis wegen Aufreizung. Am Freitag fand vor der Elberfelder Strafkammer die Ver⸗ faßte Räumung der Rigaer Fabriken sehr energisch betrieben. Be⸗ sonders stark bemüht sich die Stadt Kie w, die Rigaer Fabrikanten zu veranlassen, ihre Betriebe in Kiew zu eröffnen, was auch ge⸗ lingen soll. An der Dnjestrfront, in der Nähe von Zaleszezyki, haben russische Truppen einen Parlamentär hinübergeschickt, um zu fragen, ob der Fall der Festung Warschau auf Wahrheit beruhe. Scheinbar hält Rußland den Fall der polnischen Festung vor seinen Truppen verborgen. handlung gegen unseren Genossen, Redakteur Otto Niebuhr, wegen der bekannten Friedensnummer der Monatsschrift Morgenrot statt. Die Oeffentlichkeit wurde ausgeschlossen. Nach ae dee Verhandlung beantragte der Staatsanwalt 1 Jahr drei Mona 3 Gefängnis und sofortige Verhaftung. Das Gericht verurteilte Gen. Niebuhr wegen Aufreizung und Vergehen gegen die Verordnung des Generalkommandos über die Vorlegung von Zeitschriften zu drei Monaten Gefängnis. Die weitere Anklage gegen Niebuhr auf Aufforderung zur Insubordination hat das Gericht fallen lassen. lischen Bischöfe:„Der deutsche Krieg und der Katholizismus“, veröffentlicht unter Leitung von Baudrillart. Verboten sind auch die„dazu gehörigen Albums mit photographischen Illustrationen“.„Etwa vorhandene Exemplare sind zu be— schlagnahmen und bei den Polizeibehörden aufzubewahren.“ Zuwiderhandlungen werden mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft. Diethelm von Buchenberg * Erzählung von Bertold Auerbach. 5¹ Munde ließ sich nicht dazu bewegen, er faßte den weißen, rotausgeschlagenen Rock des Bruders und weinte bittere Tränen darauf, indem er dem Vater erzählte, daß auch gegen ihn Medard den Verdacht ausgesprochen und daß er mit einem Schlage ins Gesicht von ihm geschieden sei. Dieses letzte besonders tat ihm so weh, daß er so grimmzornig von seinem Bruder auf ewig geschieden sei. Munde hatte sein weiches, sanftes Gemüt bewahrt, und er streichelte den Rock, als deckte er noch den, der ihn einst trug. Drei Tage kämpfte Munde einen schweren Kampf mit sich und mit dem Vater. Der Gedanke, Fränz zu besitzen, entflammte ihn: und wenn er wieder dachte, daß er ewig um den Mann sein und ihn Vater nennen solle, der vielleicht am Tode seines Bruders schuld war— die Asche des Bruders lag auf all dem großen Besitztum. Aber was kann Fränz dafür? Es ist nur eine alte Dorfgewohnheit, daß das Kind die Schande erdulden muß, die auf dem Vater ruht; und ist nicht Diethelm freige⸗ sprochen und hochgeehrt? Am dritten Abend, als Munde das Dorf hinaufging, begegnete er Fränz. Sie reichte ihm froh und innig die Will— kommshand, aber es mochte seine ganze Gemütsverfassung zeigen, daß das erste, was Munde sprach, dahin lautete, er „Mein Medard hat ihm das gleiche gesagt Weißt wohl?“ „Und du denkst noch daran?“ sagte Fränz schaudernd. In ihrem Wissen um das Geschehene⸗ fühlte sie, daß noch nicht alles gesühnt war, und auch in ihrem Herzen kämpfte nun Liebe zu Munde und Furcht vor ihm; sie setzte aber schnell hinzu:„Mein Vater ist freigesprochen, und es darf niemand mehr so was reden und denken. Sag' das deinem Vater. Es steht Zuchthaus drauf.“ „Auch aufs Denken?“ fragte Munde. Fränz erwiderte unwillig:„Ich hab' nichts mehr mit dir zu reden, wenn du so bist. Ich glaub' an keinen Menschen mehr, weil auch du schlechte Gedanken hast. O Munde, ich könnt' mir die Augen ausweinen über dich. Ich hab' dich so gern gehabt. Jetzt darf ich's sagen, es ist ja vorbei.“ „Nein, es ist nicht vorbei,“ rief Munde aufflammend, „ja, du hast recht, es ist schlecht, so was zu denken. Gib mir dein' Hand, komm', wir gehen zu deinem Vater, er hat mich kommen heißen. Fränz, hast mich denn wirklich noch so gern?“ „Es kommt darauf an, wie du bist. Allem Anschein nach hast du dich verändert. Du hast doch immer so ein gutes Gemüt gehabt.“ 4 „Und ich hab's noch, wenn du mich lieb hast, komm', Fränz, komm'.“ Hand in Hand gingen beide in das Waldhorn zu Diet- wie mir. heiß hat mir ja auf dem Rathaus gesagt, daß er mir was Gutes mitzuteilen hat.“ 1 „Nun? Ist denn vierzig Gulden nicht? Und zwei Jahr Zins ist auch dabei. Ich will dir's aber nur sagen, ich hab' was anderes mit dir vorgehabt, aber du hast dich drei Tage besonnen, bis du zu mir kommen bist, und derweil sich der Gescheite besinnt, besinnt sich der Narr auch.“ 5 Munde sah wohl, daß ihn Diethelm schrauben wollte? daran, daß er ihn tief zu demütigen suchte, um ihn dann vielleicht großmütig zu sich zu erheben, dachte er nicht, er sagte daher:„Ihr wisset, was ich denk', Ihr kennt mich ja.“ „Ich kenn' dich nimmer. Du bist zwei Jahre Soldat gewesen, da wird der Mensch ein anderer.“ „Wen ich damals gern gehabt, hab' ich noch gern.“ 1 „Das ist brav. Du hast immer ein gut' Herz gehabt. Jetz, muß ich aber da Schreibereien machen. Komm' 1 0 9 wieder, Munde.“ 1 Schon beim Eintritt Mundes hatte sich Fränz entfernt, und als dieser jetzt auch wegging, begleitete ihn die Mutter und sagte noch auf der Treppe:„Munde, sei nur heiter. Ich darf nichts sagen, aber glaub' mir, er hat's gut mit dir vor. Komm' nur morgen wieder. Es fällt kein Baum auf einen Schlag. Grüß' mir deinen Vater und sag' ihm, es ging' mir viel besser, aber springen kann ich noch nicht. Und sieh', daß 15 du von deinem Vater ein Mittel kriegst gegen böse Träume helm. 6 müsse ihr das Geld wiedergeben, das er, ohne zu wissen, bei ihrer Abreise aus der Hauptstadt von ihr genommen habe. Er überreichte ihr das Geld, das er in einem Papier wohl verwahrt hatte, sie empfing es mit den Worten:„Sonst hast du gar nichts zu sagen?“ Die trotz aller Tändeleien und Anknüpfungen nie völlig erstorbene Liebe zu Munde erwachte in ihr, dabei die Er— innerung, die damals in ihr aufgesproßt war. Nach einer stummen Pause setzte sie daher hinzu:„Kannst dir denken, wie hart es uns allen zu Herzen geht, daß dein Medard dabei verunglückt ist. Wir sind ja alle zu ihm gewesen, als wenn er das Kind vom Hause wär', und dein Vater hat schweres Herzeleid über uns gebracht.“ Jede andere Empfindung wurde bei Fränz von dem Triumph überragt, daß sie den Munde hinter sich drein ziehen könne, wohin sie wolle. „Hast dich besonnen?“ fragte Diethelm nach den ersten Begrüßungen. „Auf was?“ erwiderte Munde stotternd, indem er schnell umherschaute und vor sich niederblickte. Diethelm ertrug jetzt seine Stimme schon gleichgültiger und sagte daher achselzuckend:„Das ist dein' Sach. Ich will dir nur sagen, daß dein... dein Medard noch vierzig Gulden Lohn bei mir stehen hat. Kannst sie jeden Tag holen, wenn du was damit anfangen willst.“ „Damit kann ich nicht weit springen. Der Herr Schult⸗ Zusicherung der Frau Martha geschmack. Diethelm hatte diese Träume und fror, er war also doch schuldig; er durfte es aber jetzt nicht mehr sein, ge⸗ wiß nicht am Tode Medards. Boden zu schlagen, der so etwas dachte, und trotzte mit seinem Vater, der immer darauf zurückkam. 0 und gegen das Frieden; darfst aber nicht sagen, für wen es ist.“ „Für wen ist's denn?“ Es ist besser, wenn du's nicht weißt, dann brauchst du es nicht zu sagen.“ Munde wußte es aber jetzt, und die anfangs tröstliche hatte einen bitteren Nach Munde hatte Lust, jeden zu (Fortsetzung folgt.) — 3 und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Hessen Volksernährung und Kriegsgewinnsteuer im parla⸗ mentarischen Kriegsausschuß. Am Freitag fand die vierte Sitzung des Kriegsausschusses der gweiten Kammer statt. Zu Beginn der Sitzung widmete der Vor⸗ itzende Dr. Osann dem verstorbenen Abg. Busold einen ehrenden Nachruf, den die Mitglieder stehend entgegennahmen. Sodann wurde folgendes Schreiben der Ersten Kammer bekannt gegeben: „Die Zweite Kammer hat den Wunsch ausgesprochen, „daß bei Maßnahmen, die von Großherzoglicher Regier⸗ ung, insbesondere zur Sicherung der Volksernährung er⸗ griffen werden, und bei anderen wirtschaftlichen Fragen auch Vertreter der Zweiten Kammer mit zu Rate ge— zogen werden.“ Die Versammlung der Mitglieder der Ersten Kammer vom heutigen hat von der hierüber gemachten Mitteilung vom 23. v. Mts. Kenntnis genommen. Sie behält sich ihre endgültige Stellungnahme zu dieser Frage bis zu ihrer Behandlung im Plenum verehrl. Zweiter Kammer vor. Sie spricht aber schon jetzt die Erwartung aus, daß bei der verfassungsmäßigen Re⸗ gelung dieser Frage die Großherzogliche Regierung das Recht der Initiative behält und daß der Ersten Kammer der gleiche Einfluß auf die Entschließungen der Großherzoglichen Regierung wie der verehrlichen Zweiten Kammer gewahrt bleibt. Darmstadt, den 9. August 1915. Der Präsident: gez. Fürst von Leiningen.“ Darauf wurde die Debatte über den Antrag Molthan, betr. Besteuerung der Kriegsgewinne, fortgesetzt. Dr. Osann brachte folgenden neuen Antrag ein: 1. Großherzogliche Regierung zu ersuchen, im Bundesrat dafür einzutreten, daß bei der Besteuerung der Kriegsgewinne auf dem Wege des Vermögenszuwachses auch die juristischen Per⸗ sonen, Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung und andere Erwerbsgesellschaften der Steuer unter⸗ worfen werden: „die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat darauf hinzuwirken, daß von der Reichssteuer auf Kriegsgewinne auch den Einzelstaaten ein Anteil zuge— wiesen wird. In ausführlicher Begründung dieses Antrags verlangte Dr. Osann Feststellung der Kriegsgewinne durch sachverständige Prüfung der Geschäftsbilanzen. Die Besteuerung lediglich auf Grund der bestehenden hessischen Steuergesetzgebung sei unge⸗ nügend, auch die Besteuerung ausschließlich zugunsten des Reiches sei nicht richtig, vielmehr müsse den Bundesstaaten ein Anteil an dem Ertrag dieser Steuer zufallen. Bei der Besprechung des Antrages Dr. Osann trat die ein⸗ mütige Auffassung zutage, daß die Kriegsgewinnsteuer möglichst ausgiebig zu gestalten und den Bundesstaaten ein entsprechender Anteil am Extrag zu sichern sei. Die Anregung eines Abgeordneten, der die Beschlagnahme des gesamten Kriegsgewinnes als die einzig richtige Maßnahme bezeichnete, fand jedoch keine Zustim⸗ mung. Die Großherzogliche Regierung, vertreten durch Staatsrat Dr. Becker, bezeichnete ebenfalls die Beschlagnahme der Kriegs- gewinne als viel zu weitgehend, da es sich bei der Besteuerung nicht um auf unlautere Weise gemachten Gewinne handele, sondern um solche, die auf durchaus reeller geschäftlicher Basis erzielt wurden. Dabei müsse beachtet werden, daß Deutschland den an den Kriegs⸗ gewinnen beteiligten Industrien in gewissem Sinne zu Dank ver⸗ pflichtet sei, da ohne deren tatkräftiges Eingreifen ein„Durch⸗ halten“ weder milttärisch noch wirtschaftlich möglich gewesen wäre. Nicht nur die Industrie, sondern auch die Landwirtschaft und nicht zuletzt ein großer Teil der Arbeiterschaft sei an den Kriegs⸗ gewinnen beteiligt. Bis zu einem gewissen Grade würden die Kriegsgewinne schon jetzt in Hessen besteuert. Er wies an einem konkreten Beispiele nach, daß diese Besteuerung auf Grund der -hessischen Steuergesetzgebung schon recht erheblich ist. Zum ersten Teil des Antrages Osann bemerkte der Regierungsvertreter, daß die hessische Regierung schon bei Schaffung des Reichshesitzsteuer⸗ gesetzes für die Einbeziehung der erwerbstätigen jurtstischen Per⸗ sonen zur Besteuerung des Vermögenszuwachses eingetreten sei, allerdings leider vergeblich. Auch bei einer Kriegsgewinn⸗ besteuerung halte er den im ersten Teil des Antrags Osann ent⸗ haltenen Standpunkt für richtig. Zum zweiten Teil des Antrags Osann könne die Regierung heute keine Stellung nehmen, da man noch nicht wissen könne, wie die Reichssteuer aussehen werde. Abg. Henrich brachte einen Zusatzantrag ein, welcher die progressive Gestaltung der Kriegsgewinnsteuer fordert. Bei der Abstimmung werden sämtliche Anträge einstimmig angenommen. Sodann wurde der Antrag Dr. Schmitt und Genossen betreffend Steuernachlaß während des Krieges erörtert. Bei der Begründung desselben wurde darauf hingewiesen, daß besonders viele mittlere und kleinere Gewerbetreibende sich darüber beklagten, daß ihre Ge⸗ suche um Steuernachlässe von den Finanzämtern nicht genügende Berücksichtigung fänden. Der Regierungsvertreter wies auf die bestehenden gesetzlichen Vorschriften hin, welche von den Finanz⸗ ämtern befolgt werden müßten und die verhinderten, daß Nachlässe der Einkommensteuer während des Steuerjahres nur dann eintreten könnten, wenn die Quelle des Einkommens gänzlich in Wegfall komme. Daher sei bei nur teilweisem Geschäftsruckgang durch den Kriegsausbruch ein Nachlaß für 1914 gesetzlich nicht katthaft gewesen. Für 1915 seien bei der Steuereinschätzung die Einkommenausfälle weitgehendst berücksichtigt worden. Den Finanzämtern sei wieder⸗ holt anbefohlen worden, bei der Steuereinschätzung Milde walten zu lassen und soweit es sich um Steuerpflichtige handelte, die zum Heeresdienst eingezogen wurden, die Nachlässe von Amts wegen zu verfllgen. Infolge dieses Vorgehens der Steuerbehörden seien in letzter Zeit fast keine Klagen mehr vorgekommen. Nach kurzer Er⸗ örterung des Antrags wurde derselbe mit Rücksicht auf die Dar⸗ legungen des Regierungsvertreters für erledigt erklärt. Im weiteren wurde die Debatte über die Frage der Brotver⸗ sorgung fortgesetzt. Minister von Hombergk zu Vach machte zunächst die Mitteilung, daß die Kreisämter nunmehr ermächtigt worden seien, von der einschränkenden Bestimmung des 8 6 der Verordnung vom 8. Juli 1915 in gewissen Fällen abzusehen, wodurch der Kreis der Selbstversorger auch auf solche Getreideerzeuger erstreckt werde, die weniger Getreide erzeugen, als dort vorgesehen sei. Zur Ein⸗ leitung der Debatte über die Brotversorgungsfrage erstattete der Abg. von Helmolt ein längeres Referat, in welchem er die Gründe der Brotknappheit im vergangenen Jahre erörterte und einen Ueberblick über die vom Bundesrat getroffenen Maßnahmen und deren Wirkungen gab. Zur Ausführung der gesetzlichen Maßnahmen 97 die neue Ernte machte er verschledene dankenswerte praktische orschläge. Diese wurden ergänzt und erweitert durch die Aus⸗ führungen des zwesten Referenten, Abg. Henrich, der u, a. besondere Vorschriften über die Verteilung der verschiedenen Getreidearten zwecks Herstellung eines möglichst gleichmäßigen Brotes empfahl. Er regte an, die Kommunalverbände zur Ansammlung von Getreide⸗ reserven zu veranlassen. Eine Erhöhung der Brotration, sowie die Freizügigkeit der Brotkarten und die Festsetzung möglichst gleich⸗ mäßiger Höchstpresse auch für den Kleinverkauf sesen dringend wünschenswert. Die Stellung eines besonderes Antrags behielt er sich vor. Hiermit wurde die Sitzung abgebrochen. Wie wird die Brotversorgung in Hessen werden? In der fünften Sitzung des Kriegsausschusses der Zweiten „Kammer brachte am Samstag der Abg. Henrich folgenden 1 Antrag ein „Ich beantrage: Die Großherzogliche Regierung zu ersuchen, in bezug auf die Brotversorgung nachstehende Maßnahmen ins Auge zu sassen, bezw. beim Bundesrat anzuregen: 1. Möglichst gleichmäßige Verteilung der Weizenvorräte im Lande unter den einzelnen Kommunalverbänden im Wege des Austausches, eventl. auch Austausch gegen Weizen außerhalb des Großherzogtums, falls die Weizenvorräte in Hessen im Verhältnis zu den Kornvorräten geringer sind als im Durch⸗ schnitt des Reiches. 2. Schaffung einer genügenden Reserve an Brotgetreide für das Land wie auch für die einzelnen Kommunalverbände. 3. Erhöhung der täglichen Brotrationen nach Maßgabe des Gesamtvorrats an Brotgetreide im Reiche. 4. Ausdehnung der Gültigkeit der Brotkarten auf das gange Land, mindestens aber für den Bereich einer Provinz oder eines Kommunalverbandes. 5. Aufhebung aller Anordnungen, auch der Kreise, die weiter⸗ gehendere Beschränkungen des Verbrauchs, insbesondere des Verbackens von Mehl bezwecken, als sie in den Verordnungen des Bundesrats vorgesehen sind. 6. Festsetzung möglichst billiger Höchstpreise für den Kleinverkauf von Mehl durch die Kommunalverbände. Zulassung des Verkaufs beschlagnahmefreier Gerste auch an den Kommunalverband und mit Zustimmung des letzteren auch an andere Kommunalverbände mit der Wirkung, daß die Kommunalverbände frei darüber verfügen können. Festsetzung von Höchstpreisen für Braugerste.“ Der Regierungsvertreter, Ministerialrat Schliephake, legte ausführlich die Stellungnahme der Regierung zu den Einzelwünschen der Refrenten und zu vorstehendem Antrage dar. In der sich an den Antrag anknüpfenden Debatte wurde hauptsächlich die Vergrößerung der Brotration, die Frei⸗ zügigkeit der Brotmarken, das Verbot des Kuchenbackens und anderes eingehend erörtert. Der Antrag Henrich wurde mit Ausnahme der Ziffern 5 und 8einstimmig angenommen. Die Annahme der Positionen 5 und 8 des Antrags erfolgte gegen eine bezsw. zwei Stimmen. Zur gleichen Tagesordnung stand noch folgender Antrag des Abg. Calman zur Beratung: Der Landtag wolle Großh. Staatsregierung ersuchen, die den Mehlpreis bestimmenden Berechnungen der hessischen Ge⸗ meindeverbände zu ermitteln und vorzulegen. Der Antragsteller begründete diesen Antrag durch den Hinweis auf die infolge der bestehenden großen Spannung zwischen Kornpreis und Brotpreis im Volke vorhandene Be— unruhigung. Sein Antrag bezwecke eine Aufklärung über die Gründe dieser auffallenden Preisspannung. Er richtete des weiteren an die Großherzogliche Regierung noch folgende Anfrage: 1. Wie erklärt es sich, daß seit Juli 1914 und trotz der Mehl⸗ versorgung durch die Gemeindeverbände die Spannung zwischen Roggen und Roggenmehlpreis so erheblich, teilweise bis zur doppelten Höhe gewachsen ist, und daß die Mehlpreise in den einzelnen Kreisen so verschieden sind? 2. Läßt sich durch Ver⸗ minderung der Rücklagen, Verwendung der seither erzielten Ge⸗ winne zur Herabsetzung der Mehlpreise, durch Ersparnisse an Transporten, durch günstigere Abschlüsse mit den Mühlen und lückenlose Regelung der Brotpreise ein niederer Brotpreis er⸗ zielen? Ist es richtig, daß die Gemeindeverbände vielfach höheren Mahllohn bezahlen als die Selbstversorger und daß die Großmühlen ungewöhnlich hohe Gewinne erzielen? 3. Würde nicht in mehreren Gemeinden der genossenschaftliche Zusammen⸗ schluß der teilweise nicht ausreichend beschäftigten Bäckereien eine Verminderung der Backstellen, eine bessere Ausnützung der Ar⸗ beitskräfte, eine erhebliche Ersparnis an Brennstoffen und da⸗ durch einen viel günstigeren Betrieb der Bäckereien ermöglichen? Minister von Hombergk hält die Verbesserung der Or- ganisation der Brotversorgung für das geeignetste und beste Mittel, die früher in die Erscheinung getretene Preisspannung zu vermindern und den Brotpreis zu verbilligen. Durch die neuen Maßnahmen seien bedeutsame Verbesserungen in der Organisation herbeigeführt, welche zweifellos in der Rich- tung des Antrags ihre guten Früchte zeitigen werden. Er ging sodann auf die einzelnen Punkte der Anfrage des Abg. Calman näher ein. Zu dem Vorschlag eines genossenschaft⸗ lichen Zusammenschlusses der Bäckereien bemerkte er, daß, wenn sich eine solche Organisation als ein Bedürfnis erweise, es wohl Sache der Bäcker selbst sei, sie in die Wege zu leiten. Im weiteren Verlauf der Debatte wurden von verschiedenen Abgeordneten mannigfache Anregungen bezüglich der Brot— karten, des Verkaufs von Kriegsmehl, der Kontrolle des Han⸗ dels mit beschlagnahmefreiem Mehl, der Mahllöhne und an⸗ deres gegeben und besprochen.— Nächste Sitzung am 24. d. M. 1 9 — Bekämpfung des Lebensmittelwuchers. In fast allen Städten Deutschlands werden seitens der Stadtverwaltungen die umfassendsten Maßnahmen getroffen, um dem überhand nehmenden Lebensmittelwucher wirksam entgegentreten zu können. Nur bei uns in Gießen herrscht in dieser Beziehung Friedhofsruhe. Unsere Stadtverwaltung scheint überhaupt nicht zu wissen, daß eine grenzenlose Teuerung besteht und daß mit fast allen Lebensmitteln ein schamloser Wucher ge— trieben wird, weil es sonst schon längst ihre Pflicht gewesen wäre, im Interesse der Gießener Einwohnerschaft helfend ein⸗ zugreifen. Glaubt denn die Stadt ihre Schuldigkeit getan zu haben, wenn sie Frühkartoffeln zu Preisen verkauft, die die Marktpreise noch übersteigen? Oder glaubt sie die Ex⸗ nährung ihrer Einwohner sichergestellt zu haben, wenn sie kleinere Vorräte von Kolonialwaren in durchaus ungeeig— neten Räumen zum Verkauf bringt? Daß mit derartigen Palliativmittelchen gar nichts getan ist und daß es anderer Maßnahmen bedarf, um der Bevölkerung die notwendigsten Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen zugänglich zu machen, müßte eigentlich auch unsere städtische Verwaltung einsehen. Da ist es immer erfreulich zu lesen, in welcher energischen Weise man in anderen Städten vorgeht. So wurde bei⸗ spielsweise in der Stadtverordnetensitzung zu Detmold vom Magistrat mitgeteilt, daß großzügige gemeinsame Maß⸗ nahmen der lippischen Städte zur Bekämpfung der Teue⸗ rung vorbereitet würden. Städtische Verkaufsstände sind eingerichtet. Der Fleischerinnung ist amtlich mitgeteilt, daß die Stadt eine eigene Fleischerei betreiben werde, wenn die Fleischpreise nicht herabgesetzt würden. Aus der Versammlung heraus wurde sogar die Gründung eines städtischen Konsumvereins verlangt und zwar von— konservativer Seite.— Und aus Heidelberg wird berichtet: Hier fand eine Zusammenkunft der Städte Karlsruhe, Mannheim, Pforzheim und Ludwigshafen statt, in welcher die Gründung einer Einkaufsgenossenschaft zwecks gemeinsamer Beschaffung von Lebensmitteln beschlossen wurde. Die Geschäftsanteile dieser Städte wurden zusammen auf 100 000 Mark festgesetzt. Der Beitritt anderer Städte ist vorgesehen.— Und was geschieht in Gießen? Null, Komma, Null- —„Plockwurst mit kleinem Fehler.“ In der letzten Num⸗ mer der Zeitschrift Feld und Wald ist folgendes Inserat enthalten: Habe Plockwurst, mit kleinem Fehler, Hühnerfutter anzubieten. Pfund 40 Pfg., Fritz Wienholt, Dortmund, Kronenstr. 30. 5 a Welch ungeheure Mengen von Plockwurst mit„kleinem Fehler“ mögen da wohl vorhanden sein. Gering sind sie jedenfalls nicht, denn sonst würden sie nicht waggon⸗ waise angeboten. Das Volk wird es nicht verstehen, daß die Wurst nicht für menschliche Nahrungszwecke angeboten wurde, als sie noch nicht mit„kleinem Fehler“ behaftet war. Plockwurst gehört zu jenen Lebensmitteln, die einem großen Teil des Volkes nur noch vom Hörensagen bekannt ist, weil im Preise unerschwinglich— aber nur für menschliche Nahrungszwecke. Billig und in großen Mengen ist sie zu, haben für— Hühner futter. — ueber die Zunahme von Feld⸗ und Gartendiebstählen wird in letzter Zeit, hauptsächlich von den Pächtern der Triebviertel lebhaft Klage geführt. So wurden auf einem Triebviertel mehrere Körbe Frühkartoffeln entwendet, während auf einem anderen Bohnen, Weißkraut und Wirsing gestohlen wurden. Von den Tätern hat man keine Spur.— Diese Diebstähle, von denen meistens Leute betroffen werden, die auch von der Hand in den Mund leben müssen, sind ganz gewiß nicht zu entschuldigen, ange⸗ sichts des ungeheuren Wuchers aber, der mit allen Lebensmitteln getrieben wird und der die ärmeren Volksschichten den Hunger⸗ riemen immer enger schnallen läßt, sind sie begreiflich. — Was ein Hälchen werden will... Ein zwölffähriger Junge entwendete am Sonntag nachmittag mit seinen kleineren Geschwistern aus dem Laden eines hiesigen Südfrüchte⸗Händlers Apfelsinen und andere Früchte. Ob der Junge durch ein Fenster gestiegen ist, oder sich mittels Nachschlüssels Eingang zum Laden verschafft hat, konnte noch nicht festgestellt werden. — Opfer des Krieges. Genosse H. Fiehn, der früher lange Jahre bis zur Auflösung der Brauerei Friedel u. Asprion in Gießen als Brauer tätig war und auch eine Zeit lang den Posten eines Wahlvereinskassierers bekleidete, ist dieser Tage auf dem östlichen Kriegsschauplatz gefallen. Er hinterläßt Frau und mehrere Kinder. — Beschlagnahme von Baumwolle. In unseren Geschäfts⸗ räumen liegt eine Bekanntmachung des stellvertretenden Kgl. Generalkommandos des 18. Armeekorps über die Veräußerung, Verarbeitung und Beschlagnahme von Baumwolle, Baumwoll⸗ gespinsten und Baumwollabgängen offen. Wir machen die Inter⸗ essenten mit dem Anfügen hierauf aufmerksam, daß auch eine Be⸗ kanntmachung am Rathaus zu Gießen angeschlagen ist. — Mie sich die Deutsche Tageszeitung den Frieden denkt, zeigt deutlich folgendes Gedicht, das„eine deutsche Mutter“ in derselben veröffentlicht: v. Proviantamt, als im Waggon 30 Pfg. „Und wenn es sieben Jahre währt Und Gut und Blut uns frißt, Der Friede sei des Blutes wert, Das ihm geflossen ist! Wir wollen keinen Frieden Aus Angst und Not und Jammer! Deutschland soll eisern werden 5 Unter dem Eisenhammer! Wir wollen keinen Friedensschluß, Der weichlich, sanft und gut, Damit die Welt im Liebeskuß Für hundert Jahre ruht, Daß wieder Tangotänze Das nichtigste auf Erden, Daß wieder wir die Schwänze Der fremden Völker werden. Ein Friede sei es, ehern schwer, Von Waffen starrend, groß! usw. Das Agrarferblatt hätte auszeichnen sollen:„Eine deutsche Mutter“, bemerkt dazu fehr treffend der Vorwärts. — Der Gießener Tierschutzverein übersendet uns seinen Bericht für das Jahr 1914, dem wir mit Rücksicht auf den uns zur Ver⸗ fügung stehenden Raum nur die bemerkenswertesten Stellen ent⸗ nehmen: Im Laufe des Jahres schieden 33 Mitglieder durch den Tod, durch Wegzug, infolge des Krieges oder aus unbekannten Gründen aus dem Verin aus, dagegen traten 2 Personen ein, so daß er zurzeit nur noch 533 Mitglieder zählt. Für die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder Oberbürgermeister Mecum und Gewerbebank⸗ direktor Loos wurden Oberbürgermeister Keller und Brauerei⸗ besitzer Bichler gewählt.— Herr Schlachthofdirektor Modde hielt einen Vortrag über die gebräuchlichsten Arten der Tötung von größeren Haustieren.— Zum Besten des Vereins für Sanitäts⸗ hunde bewilligte man 50 Mark, die Rechtsanwalt Homberger da⸗ liier überwiesen wurden.— Am 29. Juni d. J. sollte zu Genf unter dem Namen Roter Stern ein Verein zum Schutze kranker Pferde gegründet werden. Als Beitrag wurden 2 Prozent des Jahres⸗ beitrags der Mitglieder gefordert. Auf Antrag des Vorsitzenden Knauß beschloß der Vorstand den Beitritt.— Dem Gesuche um Aufnahme in den Verband der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches wurde auf dem Verbandstage zu Stuttgart entsprochen.— Bald nach dem Ausbruche des Krieges überreichte der Vorsitzende dem Oberbfürgermeister der Stadt Gießen namens des Vereins 500 Mark für die Kriegsfürsorge; am 7. Dezember bewilligte der Vorstand die zweite Gabe von 500 Mark, die an den Oberbürger⸗ meister zur Linderung der Kriegsnot überwiesen wurde; ferner wurde am 2. Juni der Antrag der Herren Krug und Wolff, sofort flüür wohltätige Zwecke auf dem Gebiete der Kriegsfürsorge 500 Mark bereitzustellen, über deren Verwendung später bestimmt werden soll, einstimmig zum Beschluß erhoben. Alle bewilligten Unter⸗ stüttzungen wurden von der Generalversammlung einstimmig ge⸗ nehmigt. Von der Verteilung von Tierschutzkalendern und Prämien wurde für diesesmal abgefehen, weil mit den Mitteln durch die großen Aufwendungen für die Kriegshilfe sparsam ge⸗ wirtschaftet werden muß. In der Hauptversammlung vom 30. März wurde über die Errichtung einer Fahrschule zu Gießen beraten. Der Vorsitzende schlug Kurse vor, die bei 2 Wochenstunden 2 Monate dauern sollen. Da nun von den Teilnehmern kein Schul⸗ geld erhoben wird, so werden die Kosten etwa 120 Mark betragen, falls die Interessenten Wagen und Pferde für den praktischen Unterricht kostenlos stellen. Die Kosten sollen die Innungen, die Fuhrwerksbesitzer und die Stadt tragen; Beihilfe ist erwünscht von der Pferdemarktkommission, dem Automobilklub und dem Ruder⸗ verein. Nach längerer Besprechung beschloß die Versammlung ein Rundschreiben an alle Interessenten mit dem Ersuchen, einen Bei⸗ trag zu zeichnen. Ist die Deckung für die Ausgaben gessichert, so soll eine allgemeine Versammlung anberaumt werden.— An den Hauptverein wurde die Frage gerichtet, was seit dem Vogelschutz⸗ gesetz vom 30. Mai 1908 in Hessen für den Vogelschutz geschehen sei. Dank des milden Winters verursachte die Vogelfütterung nur eine geringfügige Ausgabe.— Die Bezirkssparkasse Gießen bewilligte 100 Mark aus dem Reingewinn des Geschäftsfahres 1913.— Dem Rochner wird forthin 1 Prozent des Jahresumsatzes zur Deckung seiner Auslagen gewährt.— Am 2. Juni legte der Rechner Wolff die Rechnung vor. Sie schloß in Einnahme mit 2714,7J Mark. in Ausgabe mit 2705,70 Mark ab. Zurzeit beträgt der Vermögens- bestand 2081,24 Mark. —däbö Telegramme. Tastöbtriht des Großen Hauptguartierz. Siegreiche Verfolgungskämpfe im Osten. Gegen 7000 Gefangene. 5 W. B. Großes Hauptquartier, 16. Aug., vorm.(Amtlich.) Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls 8 v. Hindenburg. Bei weiter erfolgreichen Angriffen gegen die vorgeschobe— nen Stellungen von Kowno wurden gestern 1730 Russen (darunter sieben Offiziere) gefangen genommen. Der mit dem erfolgreichen Nur zec⸗Ueber⸗ gang angebahnte Durchbruch der russischen Stellungen gelang in vollem Umfange. Dem von der Durch— bruchsstelle ausgehenden Druck und den auf der ganzen Front erneut einsetzenden Angriffen nachgebend, wei cht der Gegner aus seinen Stellungen vom Narewe bis zum Bug. Unsere verfolgenden Truppen erreichten die Höhe von Bransk. Ueber 5000 Gefangene fielen in unsere Hand. 5 Bei Nowo⸗Georgiewsk wurden die Verteidiger weiter auf den Fortgürtel zurückgeworfen. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls 1 Prinzen Leopold von Bayern. Der linke Flügel erzwang in der Nacht den Ueber⸗ gang des Bug westlich von Drohyszyn. Nachdem Mitte und rechter Flügel am gestrigen Vor- mittag Losice und Miendrzyrzec durchschritten hatten, stießen sie in den Abschnitten der Toczua und Klukowka(zwischen Drohyszin und Biala) auf erneuten Widerstand; er wurde heute bei Tagesanbruch östlich von Losice durch den Angriff schlesischer Landwehr gebrochen. Es wird ner folgt. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Mackensen. Die Verfolgung wurde fortgesetzt; Biala und Slawatysze sind durchschritten. g Oestlich von Wlodawa dringen unsere Truppen auf das Ostufer des Bug vor. Westlicher Kriegsschauplatz. Nördlich von Ammerzweiler(nordöstlich von Dammer⸗ kirch) brach ein französischer Teilangriff vor unseren Hinder⸗ nissen im Feuer zusammen. Oberste Heeresleitung. 2 Ein deutscher Flieger über einen russischen Militärzug. T. U. Kopenhagen, 16. Aug. Wie aus Petersburg gemeldet wird, ist ein aus 40 Waggons bestehender russischer Militärzug kurz vor der Einfahrt in die Festung Brest⸗Litowsk von einem deutschen Flugzeug angegriffen und durch Bomben schwer be— schädigt worden. Das deutsche Flugzeug hatte den Zug schon längere Zeit verfolgt, unbekümmert um das aus den Wagen⸗ fenstern erfolgte Gewehrfeuer. Der russische Lokomotivführer ver⸗ suchte mit Volldampf zu entkommen, das Flugzeug erwies sich aber als schneller und schwebte schließlich genau über dem Bahngelände. Heruntergeschleuderte Bomben trafen die vordersten Wagen, die vollständig zerschmettert wurden. Die Zahl der Toten ist nicht an⸗ 11 9 5 ist sicherlich aber sehr bedeutend, da der Zug vollbe⸗ etzt war.- Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Verfolgung der Russen östlich des Bug. Vergebliche Angriffe der Italiener. Wien, 16. August.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: 16. August 1915. Ruflischer Kriegsschanpletz. Im Raume östlich des Bug nahm die Verfolgung der Nussen raschen Fortgang. Die im Zentrum der Verbündeten vordringenden österreichisch⸗ungarischen Kräfte hefteten sich dem westlich Biala über die Klikawka weichenden Feind an die Fersen. Die Divisionen des Erzherzogs Josef Ferdinand gewannen abends unter Kämpfen den Raum südlich und füdwestlich von Biala, über⸗ brückten in der Nacht die Krena und überschritten sie heute früh. Feindliche Nachhuten wurden, wo sie sich stellten, angegriffen und eworfen. Die Truppen des Generals v. Koeveß drängten den 4 über die obere Klikawka zurück. In der Gegend von Biala und gegen Brest⸗Litowsk hin sieht man zahlreiche ausgedehnte Brände. Bei Wladimir⸗Wolynslij, wo wir an mehreren Stellen auf dem östlichen Bugufer festen Fuß gefaßt haben und in Ostgalizien ist die Lage unverändert. Italiensischer Kriegsschauplatz. An der Tiroler Front eröffnete gestern die feindliche schwere Artillerie nach längerer Pause wieder das Feuer gegen unsere Werke, und zwar insbesondere gegen jene am Tonale⸗Paß und auf dem Plateau von Lavarone und Folgaria. Angriffsver⸗ uche italienischer Infanterie an der Tonalestraße und auf die opena⸗Stellung, südlich Schluderbach, und im Dreizinnengebiet wurden abgewiesen. Ebenso scheiterten an der küsten ländi⸗ chen Front erneuerte Angriffe des Feindes. Im Gebiete süd⸗ lich des Krn wurde ein Vorstoß gegen den vorspringenden Teil des Plateaus von Doberdo abgeschlagen. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Göfer, Feldmarschallentnant. Bomben auf vier Küstenforts Venedigs. Eines unserer Seeflugzeuge belegte am 15. August nachmittags dier Küstenforts von Venedig mit Bomben, von denen alle, mit Ausnahme einer einzigen, explodierten. Von fünf zur Verfolgung dartenden feindlichen Fliegern wurden zwei beim Aufstiege durch aschinengewehrfeuer zur Umkehr und zur Landung gezwungen, zwei gaben die Verfolgung nach einiger Zeit auf, während der letzte feindliche Flieger unserem Flugzeug bis in die Nähe der istrianischen Küste folgte, wo er, ohne Erfolg erzielt zu haben, um⸗ kehren mußte. Unser Seeflugzeug ist trotz heftiger Beschießung . die feindlichen Kriegsschiffe und Forts wohlbehalten ein⸗ versickt. Laut amtlicher italienischer Veröffentlichung ist unser„U. 3“ im 12. August in der südlichen Abria versenkt worden. Der zweite Offizier und 11 Mann des Unterseebootes wurben gerettet und gefangen genommen. Flottenkommando. Ausstände in der russischen Kriegsindustrie. Von der Bedeutung der Ausstände in der russischen Kriegs— udustrie gibt folgende Bekanntmachung des Peters⸗ surger Militärbezirks vom 12.25. Juli eine Vorstellung: bisher nicht getrofser zus mein Telegramm vom 30. Juni(13. Juli) mit der Aufforderung, die Arbeit wieder aufzunehmen, bisher un⸗ beachtet gelassen haben, schreibe ich auf Grund des Kriegszustandes den zuständigen Behörden vor, die nachfolgenden Maßnahmen rück⸗ sichtslos durchzuführen: a g 1. Alle Arbeiter, die zu den bestehenden Bedingungen die Ar⸗ beit wieder aufnehmen wollen, müssen sich am Samstag den 13./26. Juli zur anberaumten Zeit auf den Werken einfinden. 5 2. Diejenigen Arbeiter, die zur festgesetzten Zeit sich nicht melden, müssen von den Werken gänzlich entlassen werden. 3. Militärpflichtige Arbeiter, die einen Aufschub zur Ableistung der Wehrpflicht erhalten hatten, da sie zur Ausführung dringender Bestellungen des Kriegs⸗ und Marineministeriums verwendet wur⸗ den, sind, falls sie zur bestimmten Zeit die Arbeit nicht wieder auf⸗ nehmen, sofort nach den Sammelpunkten zu befördern, um von dort nach den Truppenteilen abtransportiert zu werden. 125 5 4. Der bisher nicht ausgezahlte Lohn der Arbeiter, die die Ar⸗ beit zur bestimmten Zeit nicht aufnehmen werden, ist dem Petro⸗ grader Kreisgericht zur ordnungsmäßigen Auszahlung zu über⸗ mitteln. 5. Diejenigen Personen, die durch Wort oder Tat die regelrechte Wiederaufnahme der Arbeit behindern oder auf den Werken er⸗ scheinen, tatsächlich aber dort die Arbeit nicht wieder aufnehmen, werden mit Arrest bis zu 3 Monaten oder mit einer Geldbuße bis 3000 Rubel bestraft und im Verhältnis zum Grade ihrer Schuld nach den ferneren Gouvernements(Sibirien) verbannt werden. (Unterz.) Hauptchef des Petrograder Militärbezirks: General der Infanterie. Frolow. Durch diese Drohung eingeschüchtert nahm ein Teil der Arbeiter am 15/8. Juli morgens die Arbeit wieder auf. Aber auch von den Arbeitswilligen hat eine beträchtliche Gruppe bloß bis Mittags gearbeitet; nach der Mittagspause kehrte eine Menge Arbeiter nicht mehr zu den Werken zurisck. Wachsende Unzufriedenheit in Rußland. Petersburg, 16. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Rietsch schreibt, daß der Munitionskongreß einen politi- schen Beschluß faßte, in dem er die Aufhebung aller polizeilichen Einschränkungen und einen poli⸗ tischen Gnadenerlaß fordert. Das Blatt folgert daraus, daß die Unzufriedenheit mit dem bisherigen Regime im Lande doch ungeheuer sein müsse, wenn ein un⸗ politischer Kongreß derartige Beschlüsse für nötig halte. Ein Ukas habe Fürst Wolkonski zum Unterstaatssekretär ernannt, der sein Amt nur unter der Bedingung angenommen habe, daß die Veränderung im Regierungsregime durch- greifend sei und er berechtigt sei, einen Gouverneur nach freiem Ermessen abzusetzen. Wie groß das Mißtrauen gegen die Gouverneure sei, gehe daraus hervor, daß die Duma den Ausschluß der Gouverneure aus den Lebensmittelausschüssen der Gouvernements beschlossen habe. Der Handelskrieg in Rußland. Fast überall in Rußland werden die Geschäftsniederlassungen der amerikanischen Nähmaschinenfabrik Singer geschlossen. An⸗ fangs hieß es, als die Blätter von Massendurchsuchungen in den Geschäftslokalen der Firma berichteten, es handle sich um Be⸗ trügereien bei Entrichtung von Boie e für eingeführte Nähmaschinen, jetzt wird angedeutet, die Fillalen der Firma hätten Spionage für Deutschland betrieben. Der wirkliche Grund der Maßnahme, die vor allen das nach Tausenden zählende russische Verkaufs⸗ und Bureaupersonal der Firma schädigt, ist noch nicht bekannt. Der türkische Tagesbericht. Neuer Sieg der Türken an den Dardanellen. Fünf feindlsche Divisionen zurückgeschlagen und zur Hälfte vernichtet.— Ein feindliches Torpedo⸗ boot in Brand geschossen. Konstantinopel, 16. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: Auf der Dardanellenfront setzte der Feind, der seit dem 6. und 7. August fünf neue Divi⸗ sionen landete, diese Kräfte ein, um unsere Stellungen zu beherrschen. Dank des heldenmütigen Widerstandes unserer Truppen und ihrer Gegenangriffe errang der Feind kein Ergebnis, trotzdem er die Hälfte dieser neuen Kräfte dabei verlor. Er hält sich nur auf den Uferabhängen. Am 15. August warfen wir in der Um⸗ gebung von Anafarta einen feindlichen Angriff mit bedeuten. den Verlusten für den Gegner zurück. Wir fingen einen Hauptmann und einige Soldaten und erbeuteten zwei Ma⸗ schinengewehre, sowie eine Menge Gewehre. Unsere Truppen besitzen gegenwärtig überall Stellungen, die die feindliche Stellung beherrschen. Unsere Artillerie traf vor Ari Burnu ein feindliches Torpedoboot, das sich brennend entfernte. Bei Sedd⸗ül⸗Bahr brachten wir auf unserem rechten Flügel zwei bis drei Meter von den feindlichen Gräben entfernt eine Mine zur Explosion, durch die die feindliche Stellung mit ihren Minenwerfern und Drahtver⸗ hauen zusammenstürzte. Der Feind antwortete die ganze Nacht mit einer erfolglosen Vergeudung von Munition. Auf den übrigen Fronten nichts von Bedeutung. Landung der Alliierten auf Chios und Samos. Wie der Berl. Lokalanzeiger mitteilt, enthalten in Mailand eingetroffene griechische Blätter die Nachricht, daß auch auf der Insel Chios englische Truppen und auf der Insel Samos französische Truppen, im ganzen etwa 70000 Mann ge⸗ landet worden seien. Wie Witte starb. Einem Mitarbeiter des Leipziger Tageblatts in Lemberg ist es gelungen, von einem russischen Gefangenen, der der nächsten Umgebung Wittes angehörte, Einzel- heiten über den Tod des russischen Staatsmanns zu erfahren, der von der offiziösen russischen Presse, wie bekannt, einem Schlaganfall zugeschrieben wurde. Aus diesen Mitteilungen ist manches auch für die deutsche Oeffentlichkeit sehr interessant, ohne daß man freilich eine Garantie dafür übernehmen kann, daß jede Einzelheit richtig ist. Indessen spricht mehr für als gegen die Richtigkeit. Nach diesen Mitteilungen hat zunächst Witte kein Hehl daraus gemacht, daß er den Krieg gegen Deutschland für aussichtslos und darum zwecklos hielt, und ihn als den In- teressen Rußlands in jeder Beziehung zuwiderlaufend ansah. Er soll sich noch kurz vor Ausbruch des Krieges in einer Audienz beim Zaren mit großer Energie in diesem Sinne ausgesprochen haben und es soll Stunden gegeben haben, wo es schien, als ob Wittes Friedenspolitik mit Deutschland den Sieg davontragen würde. Schließlich hat aber die russische Kamarilla gesiegt, und der Zar, der wie ein Sklave Da die Arbeiter der Newski⸗Schiffbaugesellschaft und der Jrilson⸗Werke ein Abkommen mit der Verwaltung dieser Werke bewacht worden fei, gei ganz in die Hände Nicolai Nicolofe⸗ witsch geraten. Kurz nach der Winterschlacht. wurde Witte trotzdem nach Moskau zum Zaren berufen. machte er dem Zaren nochmals Vorschläge über eine Einigung mit den Zentralmächten.(Um dieselbe Zeit— möchten wir hinzufügen, was das Leipz. Tageblatt vergißt— gingen 1a auch in Deutschland, speziell in Berlin, Gerüchte um, daß Witte als Friedensunterhändler nach Deutschland gekommen mentariern verhandelt hätte.) Diese Gerüchte, daß Witte 1 Berlin gewesen sei, wurden zwar deutscherseits in Abrede ge ⸗ stellt, aber nach dem, was jetzt über Lemberg bekannt wird, war diese Vermutung wenigstens sachlich nicht ganz ohne Be· gründung. Witte soll nun in dieser Audienz beim Zaren sehr scharf darauf hingewiesen haben, daß die Vernichtung der Zentralmächte der Anfang vom Niedergang Rußlands selbst sein müßte; Rußland könne sich nur durch Anlehnung an seinen natürlichen Nachbarn Deutschland entweckeln. Von Moskau soll Witte nun nach dieser 916 50 zu einer Ver⸗ sammlung in Wilna gefahren sein, die bedeutende Finanz- leute und Parlamentarier im Januar angeregt hatten, um eine Friedensmöglichkeit mit Deutschland zu beraten. In dem Hotel, in dem Witte abstieg, hatte sich am Tage vorher ein neuer Kellner gemeldet, der Witte bediente. Witte er ⸗ krankte sehr schwer an Kohlenaxydgas⸗Vergif⸗ tung, weil das Ofenrohr im Schlafzimmer angeblich undicht geworden war. In hoffnungslosem Zu⸗ tande wurde der einst allmächtige Minister aufgefunden und während des Transports, auf dem er nicht mehr zur Besinnung kam, starb er und seine Leiche wurde nach Peters⸗ burg gebracht. Zur selben Zeit verschwand der Kellner aus dem Hotel, der Hotelbesitzer soll nach dem Lemberger Ge⸗ währsmann des Leipz. Tageblatts bei Androhung schwerer Strafen angewiesen worden sein, nichts über die Todesursache Wittes verlauten zu lassen. Das übrige Hotelpersonal wurde unter Angabe nichtiger Gründe irgendwohin abtransportiert. Wie gesagt, diese Mitteilungen werden sich gegenwärtig schwer kontrollieren lassen; aber ihr Inhalt entspricht so sehr den altrussischen Gewohnheiten, daß man sie viel eher für wirkliche Wahrheit als für Ausgeburten der Phantasie nehmen kann. Ein bulgarischer Volitiker über die Balkanlage. Der Wiener Vertreter des Hirschschen Telegraphenbureaus hatte mit dem bekannten bulgarischen Politiker, dem Sombranje⸗ abgeordneten Daskiloff, eine Unterredung über die Balkanlage. Herr Daskiloff erklärte es zumächst für einen grundlegenden Irr⸗ tum, wenn man die Balkansituation von vornherein für bedrohlich halte. Die rumänische Frage sei durchaus nicht so schwierig. Rumänien besitze nicht die starke Armee, wie man im Auslande irrigerweise annimmt. Genau wie im Balkankriege wolle Rumänien hier wieder alles ohne Opfer gewinnen. Keineswegs aber wird Rumänien aus seiner Reserve heraustreten, bis das endgültige Ergebnis des europäischen Krieges so gut wie entschieden ist; dann wird es sich aber mit aller Entschiedenheit auf die Seite des Siegers stellen. Die Politik der rumänischen Regierung sei von jeher schwankend gewesen. Der einzige Balkaustaat, der von Anfang an eine klare, feste und durchsichtige Politik betrieben hat, ist Bulgarien, das seine Neutralität nicht nur in schönen Worten proklamiert, sondern sie bisher unerschütterlich auch durchgeführt hat. Die Neu⸗ tralität Bulgariens ist gegenüber seinem großen Nachbar durchaus wohlwollend. Niemals hat Bulgarien Eroberungspolitik getrieben. Alle Bemühungen des Vierverbandes, Bulgarjen zum Los⸗ schlagen gegen die Türkei zu gewinnen, sind daher von vornherein zur Erfolglosigkeit verurteilt. Das Bündnis, das jetzt zwischen Bulgarien und der Türkeit zustande kommt, bietet die sicherste Garantie dafür, daß die Zentralmächte vom Orient keine große Gefahr mehr zu befürchten haben. Die zu⸗ nun an in den Händen Deutschlands, Oesterreich⸗ Ungarns, der Türkei und Bulgariens fest verbleiben 15 1 wird die Sicherheit eines dauernden Friedens ge⸗ ffen. f 8 Vereinskalender. Donnerstag, 19. Aug u st. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends Sitzung. Wichtige Tagesordnung! Alles erscheinen! Verantwortlicher Redakteur: Heinrich Noll, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. Bekanntmachung. 8 Die Vergütungen für die im Monat Juli in Bürgerquartieren untergebrachten Mannschaften der Dandsturm⸗Infanterie⸗Ersatz⸗ Bataillone Gießen werden bezahlt: An die Empfangsberechtigten, deren Namen beginnen mit: A Mittwoch, den 18. August, GK Donnerstag, den 19. August, L- Freitag, den 20. August, S2 Samstag, den 21. August,: jedesmal von 8—12 Uhr vormittags und 2—5 Uhr nachmittags. Di 9 Uhr: Zahlstelle ist im Stadthaus, Zimmer Nr. 4. Es wird dringend ersucht, die Beträge an genannten Tagen abzuholen.. Gießen, den 12. August 1915. Der n eller. Städtischer Arbeitsnachweis Gießen. Es können eingestellt werden: a) bei hbhiesigen Arbeltgebern: a 3 Dreher, 1 Heizungsmonteur, 2 Vauschlosser, 1 ler, 1 Kraftfahrer für die städtische Feuerwache, 1 Schreiner, 1 Bau⸗ hilfsarbeiter, 6 Hausburschen. 4 d) bei auswärtigen Arbeitgebern: 1 landwirtschaftlicher Knecht, 1 Schreiner, 1 Schmied, 10 Maschinenschlosser, 1 Zementarbeiter, 3 Zimmerleute, 2 Dachdecker. J Anstreicher, 2 Schuhmacher, 6 Arbeiter für Fabri. Es suchen Arbeit: 0 1 Fuhrknecht, 1 landwirtschaftlicher Arbeiter, 1 Dreher, 1 Monteur, 1 Schneider, 2 Arbeiter, 1 Sattler, 2 Schreiner, 1 Loko⸗ motipführer, 3 ausburschen, 15 Putz⸗ und Lauffrauen, 2 Bügler⸗ innen, 1 Dienstmädchen. 1 Verstorbene: Frau Franziska Wenzel, geb. Gießen, 71 Jahre alt. e Aagemene Irtskrafenpale debe. Die Beiträge zur Kranken- und Juvaliden⸗ versicherung für Monat Juni 1915 können noch bis zum 26. August 1915 ohne Kosten bezahlt werden Gießen, den 14. August 1915. i Der Vorstand J. A.: Alb. Lentz in malten, Hier sei und sogar in Berlin mit namhaften rechtsstehenden Parla- künftige Gestaltung der Dinge auf dem Balkan wird zweifellos von 8 „FSF TCT ——-—yV—-——— ͤ—