Oberhessi Organ für die zeitung Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberhessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraßßse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 183 Gießen, Samstag, den 7. August 1915 10. Jahrgang. Vom Warschaus Eroberung. Die Eroberung und Besetzung Warschaus ist niemand mehr überraschend gekommen. Sie ist 7 ein plötzliches Ereignis, das uns Herz und Kopf stürmisch gefangen nimmt, wie etwa vor einem Jahr der Handstreich 1 8 züttich, sondern sie ist von allen Polit: kern der Welt im voraus, fast möchte man sagen, auf den Tag, in die Rechnung eingestellt worden. Schon vorgestern hat der bekannte kühn urteilende Militär— sachverständige des Berner Bund, Stegemann, auf die sichere und unausbleibliche Eroberung Warschaus in seinem Blatte hingewiesen und die große strategische Bedeutung dieses Er— eignisses gewürdigt. Er hob mit Recht hervor, daß nunmehr nach der Eroberung, don Warschau die deutsche Front im Osten von Riga bis zur Zlota⸗Lipa im Süden eine gerade Linie bildet, was von höchster militärischer Bedeutung sei. Außer- dem sei es natürlich ein leichtes, die Weichselfestungen nach ihrer Räumung durch die Russen umzubauen und ihre Front nach Osten zu kehren. Selbst wenn man an— nehmen soll, daß die Verbündeten nicht über diese angegebene Linie hinaus den Feind zu verfolgen gedächten, erreichten sie etwas, was sie niemals besaßen, nämlich eine gesicherte weit auf feindliches Gebiet vorgeschobene Militärgrenze, die sie mit bedeutend verringerten Kräften halten könnten und hinter welcher sie die Industriezentren Libau, Warschau, Lodz und die weiten Ackerflächen Kurlands und Polens aus— nützen könnten. Selbst der rücksichtslofesten russischen⸗ „Wüstungsstrategie“ könne es nicht gelingen, dem Boden seine Fruchtbarkeit zu rauben und die Fabriken zu vernichten. Der Verlust der letzteren sei aber für Rußland zweifellos schlimmer als die Aufgabe des Bodens. Der strategische Rück⸗ zug müsse die Russen hinter Brest⸗Litowsk führen, wo sie mit Verlust von noch ungezählten Streitern und Ge— schützen anlangen würden. Daß ihre Offensivkraft auf viele Monate, wenn nicht für immer, gebrochen sei, lasse sich kaum noch bezweifeln. e Der militärische Erfolg wird sich nicht Weiler, als in diesen Worten geschieht, darstellen lassen. Daß damit die deutsche Offensive im Osten zum Stillstand kommen werde und demnächst für die militärische Gesamtlage Deutschlands und Oesterreich⸗Ungarns eine große Entlastung eintritt, wird auch von der französischen Presse natürlich in einem ganz anderen Sinne erwartet und befürchtet. Die Pariser Presse hat schon in den letzten Tagen darauf aufmerksam gemacht, daß der Fall von Warschau eine deutsche Offensive in Frank— reich erwarten lasse. Dies wäre wohl die nächstliegende strategische Folge des Falles der großen Weichselfestung. Wie— weit diese Vermutung zutrifft, läßt sich natürlich nicht sagen. Hier hat der deutsche Generalstab die Entscheidung. Es handelt sich aber bei der Eroberung von Warschau nicht nur um einen militärischen Abschluß großer Unter— ehmungen, sondern um eine Tatsache von ungeheurer wirtschaftlicher Bedeutung. Mit dem Fall Warschaus ist das Zentrum der polnischen Industrie in deut— sche Hände gefallen und der große Kreis der industriellen Beziehungen wieder geschlossen, nur daß die wirtschaftlichen Kräfte Polens jetzt nicht mehr im Interesse Rußlands arbeiten, sondern von den deutsch⸗österreichischen Absichten benutzt werden können. Die wirtschaftlichen Kräfte Russisch— Polens gehören zum Fundament der Wirtschaft Rußlands. Nicht nur der Ackerbau und die Land⸗ wirtschaft stellen einen wichtigen Teil der russischen Ge⸗ samtwirtschaft dar, es ist vor allem die polnische Indu⸗ strie, die in den letzten Jahrzehnten mit ihrem kolossalen Aufschwung die russische Reichsmacht gestützt hat. Die Eisen⸗ Kohlen-, Maschinen⸗ und nicht zuletzt die Textilindustrie Polens haben in Verbindung mit einer starken Zuckerindustrie nicht nur Polen für den Kapitalismus zu einer neuen Domäne gemacht, sondern auf ganz en außerordentlich stark kapitalistisch zurückgewirkt. Die Anfänge der kapitalistischen Entwicklung wurden, wie 1 9 1105 gewaltig von England beeinflußt, und kein geringerer wie Karl Marx hat diese Beziehungen zwischen Polen und England im„Kapital“ dar⸗ gelegt, und die ungeheuren Verwüstungen der polnischen Ar— beitskraft, im besonderen in der Textilindustrie, gegeißelt. Die neuere Ertwicklung hat sich allerdings von England stark emanzipiert und sich durchaus und deutlich der deutschen Industrie angeschlossen. Die Einfuhrziffern wichtiger Maschinenteile und Chemikalien nach Polen zeigen ein voll— lommenes Uebergewicht deutscher Fabrikate, sodaß man mit Recht davon sprechen kann, daß an dem wirtschaftlichen Auf scchwung Polens in den letzten Jahren deutscher Geist und deutsche Arbeit einen wesentlichen Anteil haben. Neben dieser Einfuhr von Waren hat eine starke Einfuhr von deutschen Arbeitskräften nach den wichtigen Stellen in der Industri— stattgefunden. Dies alles wird natürlich für die deutsche Verwaltung Polens eine gewaltige Erleichterung bedeuten. Die Größe der Warschauer Industrie ist bekannt. Wir haben es da nicht nur mit einem großen Handelsplatz zu tun, der der Zentralpunkt des westöstlichen Eisenbahn— verkehrs war, sondern mit einer eigenen Welt von Industrie und Handel. Warschau ist nicht nur für die Landwirtschaft das Zentrum ihres Handels und Vertriebs geworden, sondern auch eine gewaltige Industriestätte für Leder, Tuch, Oele, Maschinen, Wagen, Chemikalien und Metallgegenstände. Die Kleinkunst in Bronze, Gold- und Silberwaren hat ihren vor— nehmsten Sitz in Warschau gehabt. Die Gesamtproduktion erreicht jährlich einen Wert von mehreren hundert Millionen Mark, was für die kapitalistische Entwicklung Polens und Rußlands viel beweiskräftiger als etwa die deutsche Summe in Deutschland oder England f sein würde. Diese gewaltige Entwicklung kommt jetzt in eine geordnete deutsche Verwaltung, und es ist ganz zweifellos, daß sie dadurch, nachdem die ersten Verwüstungen und Schrecknisse des Krieges überwunden sein werden, zu einem neuen Aufschwung Kraft und Lust sammeln wird. Der Fall Warschaus wird über diesen augenblicklichen politischen und wirtschaftlichen Wert hinaus besonderen Schmerz und besondere Wirrnis für Frankreich bringen. Die französische Bourgeoisie hat gerade für Polen nicht nur aus dem Bündnis mit dem gegenwärtigen Rußland große Befriedigung gezogen, sondern sie hegt für Polen alte Liebe aus historischer Erinnerung. Freilich hatte diese Erinnerung einen stark revolutionären Beigeschmack und der alte französi— sche Ruf„Nach Warschau!“ ist nicht für Besuche beim Zaren geprägt worden, sondern stammt aus den Jahren der polnischen Erhebungen und hat zuletzt 1863 in Paxis noch wahre Orgien gefeiert. Man wird diese Erinnerung, wie so vieles andere, auf dem Altar der historischen Tradition ge— opfert haben und sich heute damit begnügen, den Fall Wars schaus als einen ungeheuren Verlust 75 den russischen Verbündeten zu beweinen. Umsomehr, als man doch empfinden muß, was hier deutsche und österreichisch ungarische Kraft geleistet haben, und wie ungeheuer der Gegensatz zu den Taten der eigenen Verbündeten ist. Deutschland wird auch ob dieses Erfolges nicht über— mütig werden und nicht übertrieben jubeln. Die deutsche Kraft hat genug Selbstzucht und auch Selbstbewußtsein, um sich zu kennen und sich selbst in den höchsten Augenblicken der Freude zu zügeln. Wir empfinden unendliche Dankbarkeit für unsere Streiter im West und Ost, die den Feind vom deutschen Boden fernhalten, sodaß nur diejenigen die Schreck nisse des Krieges empfinden, in die Reihen unserer Feinde gestellt hat. Aus dem Fall Warschaus aber schöpfen wir die Hoff— nung, daß die Millionen, die der Zarismus solange im Weichsellande geknebelt hat, endlich von diesem Joch befreit werden mögen. * 75 8 Deutschland und Amerika. Aus Amsterdam, 5. August, wird der Frankf. Ztg. tele— graphiert: Eine eben aus Amerika im Haag eingetroffene politische Persönlichkeit, die mit den leitenden Staatsmännern in anne gestanden hat, bestätigt auf das ee ichste, daß die aus Anlaß der Versenkung der„Lusitania“ gelicbeise als wahrscheinlich geltende Krisis der Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten nunmehrals beigelegt betrachtet werden könne. Viel habe zur Erschwerung der Verhandlungen die Schwierigkeit beigetragen, zwischen dem deutschen Botschafter in Washington und seinen heimischen Behörden einen regei— 1 diplomatischen Gedankenaustausch in Gang zu halten. Die englische Kabelsperre werde in dieser Beziehung mit größ tem Nachdruck zum Vorteil der englischen Politik geübt. Während man in Amerika Deutschland als aggressiv und kriegslustig hinstelle, arbeiteten englische Agenten insbesondere in den neutralen Ländern englischer Sprache daran, falsche Nachrichten über das Anwachsen der antideutschen Stimmung in Amerika in Umlauf zu setzen, um so durch Ausnutzung des bestehenden englischen Kabel— monopols Deutschland und die Vereinigten Staaten gegen— einander aufzuhetzen. Washington, 5. Aug.(W. Nichtamtlich.) Das Reutersche Bureau meldet: Deutschland weigert sich im seiner letzten Note, B. die das Schicksal nun einmal! eltkrieg. anzuerkennen, daß die Versenkung des Dampfers„William Frye“ nach dem preußisch⸗amerikanischen Vertrage eine Verletzung der amerikanischen Rechte darstellt. Kopenhagen, 5. Aug.(W. B. Nichtamtlich.) Meldung des Ritzauschen Burcaus. Der Dampfer„Weco“, von Newyork mit Petroleumladung vermutlich nach Stockholm be⸗ stimmt, ist von einem deutschen Torpedoboot angehalten worden. Es ging außerhalb des dänischen Seeterritoriums südlich von Dogden vor Anker. Das Schicksal der Burenrebellen. Aus Pretoria wird gemeldet: Die Bewegung, die für die Begnadigung der gefangenen Aufständischen arbeitet, hat zur Ankunft von 3000 weiblichen Abgeordneten aus den verschiedenen Provinzen nach Pretoria geführt. 5000 Frauen, unter denen sich jene 3000 befinden, haben eine Bitt⸗ schrift an Lord Buxton gerichtet, worin ersucht wird, daß Dewet und andere Aufständische, auch jene, die noch nicht ver⸗ urteilt sind, freigelassen werden sollen. Die Abord⸗ nung aus Mitte wurde zwar wohlwollend empfangen, ihrer aber Lord Buxton setzte auseinander, daß er nicht berechtigt sei, diesem Ersuchen zuzustimmen. Er versprach jedoch die Angelegenheit den Ministern vorzutragen. Reuter meldet aus Pretoria: Piet Grobler, Mitglied des Volksrats, ist wegen Hochverrats zu zwei Jahren Gefängnis und 500 Pfund Sterling Buße verurteilt orden. 3 Kriegsverluste der Neutralen. Unter den neutralen Ländern ist Norwegen das Land, dessen Handelsflotte während des Krieges die größten Verluste aufzuweisen bat. Eine Aufstellung der bisherigen Verluste ergibt, daß über 50 Schiffe vollständig verloren sind. Der gesamte Versicherungswert dieser Schiffe beträgt rund 16 Millionen Kronen. Der Gesamt⸗ schaden, der sonst dem norwegischen Erwerbsleben zugefügt worden ist, beläuft sich auf rund 25 Millionen Kronen. Das norwegische Versicherungsgewerbe ist daran 75 25 Millionen Kronen beteiligt. Bei den Schiffsverlusten büßten 75 Mann ihr Leben ein. Rumänien in der Klemme. Die Times erfahren aus Bukarest, daß Rumänien sich dor außerordentlichen Schwierigkeiten bezüglich seines kolossalen Ernteüberschusses befände. Das einzige Land, das unter den gegenwärtigen Transportmöglichkeiten in der Lage wäre, die rumänische Rekordernte aufzunehmen, sei Deutsch⸗ land. Dies zeige aber durchaus keinen Eifer, die Abnahme der rumänischen Ernte zu beschleunigen und zeige sich vor allen Dingen in* Frage der Gedgde deutscher Waggons sehr zurückhaltend. ie rumänischen Waggons, die die neue Riesenernte und den größten Teil der vorjährigen(bisher von der Regierung zurückgehaltenen) befördern müssen, seien völlig unzureichend. Nationalliberale Unstimmigkeiten. Daß innerhalb der nationalliberalen Partei starke Un⸗ stimmigkeiten vorhanden sind, ist durch Veröffentlichungen in den letzten Tagen hinlänglich festgestellt worden. Der Zentral⸗ vorstand der Parkei soll nun demnächst mit der Aufgabe be⸗ traut werden, die G eschlossenheit der Partei zu zeigen. Das Tageblatt ist jetzt in der Lage, folgende Mit⸗ zu machen: Leipziger teilungen „In jüngster Zeit ist an einigen Stellen der Partei gegen- über dem Reichskanzler öffentlich ein Verhalten betätigt worden, das von weiten Kreisen nicht gebilligt werden kann. Namentlich ist bei gewissen Kundgebungen— und dies ist der springende Punkt— der Anschein erweckt worden, als ob sie die Meinung der ganzen Partei darstellten. Dagegen haben verschiedene führende Persönlichkeiten Verwahrung eingelegt. Sie sind der Ansicht, daß die öffentlichen Erklärungen des Reichskanzlers keinen Anlaß zu der Annahme liefern, daß er eine schwächliche und illusionistische, den Interessen des Reiches nicht rückhaltlos dienende Politik betreibe. Diese Männer meinen weiter: Die öffentliche Bekundung eines angeblich allgemeinen Mißtrauens sei geeignet, die Autorität des leitenden Staatsmannes gegen⸗ über dem Auslande zu erschüttern und ihm gerade diejenige kraftvolle Politik zu erschwexen, die doch von ihm gefordert werde; unbegründete Angriffe gefährdeten die Einmütigkeit des deutschen Volkes und schüfen einen zwecklosen und bedauerlichen Gegensatz zu der Kundgebung des Kaisers, die sich selbstver— ständlich mit dieser Auffassung des obersten und allein verant⸗ wortlichen kaiserlichen Beamten decken müsse; diese Kundgebung spreche insbesondere über das letzte Ziel dieses Krieges dem deutschen Volke aus der Seele.“ Diese Mißstimmung kann sich nur gegen die Bassermann, Stresemann und Fuhrmann richten, die mehrfach, zuletzt vor den Vertretern der rheinisch-westfälischen Großindustrie in Köln, die Frage der Kriegsziele in einer Weise erörterten die eine deutliche Spitze gegen den Reichskanzler enthielten. Im Zusammenhang damit dürfte auch eine Konferenz mit nationalliberalen Parlamentariern gestanden haben, die am Montag im Reichskanzleramt stattgefunden hat. ö 2 9 Die russische Nückzugslinie bedroht! T. U. Rotterdam, 6. Aug. Mit großer Beklemmung ver⸗ folgen eingeweihte Pariser Kreise die Vorgänge in Polen. Man hat Nachrichten erhalten, daß die Rückzugslinie der Russen Brest⸗Litowsk bedroht ist und Mackensen dieser Festung schon näher wäre als die Warschauer Truppen der Russen. Man befürchtet die völlige Abschneidung der russischen Truppen bei ihrem Rückzug. Der Eindruck in Italien und Frankreich. Die Meldung von der bevorstehenden Räumung Warschaus durch die Russen hat in Italien große Bestürzung hervorgerufen. Die Sonderausgaben der Zeitungen wurden in den Straßen von der Polizei beschlagnahmt und den Leuten aus der Hand gerissen. Die Blätter bemerken dazu, es sei bedauerlich, daß die italienischen Behörden die Be— völkerung für unmündiger betrachten als der Zar seine Unter— tanen. In der Pariser Presse macht sich große Niedergeschlagen⸗ heit geltend. Die radikale Richtung hält den Krieg für ver⸗ loren, während die reaktionären Blätter ihre Leser mit ge— heimnisvollen Andeutungen über eine baldige überraschende Wendung der Kriegsunternehmungen zu trösten suchen. Die gefürchtete Kavallerie. Paris, 6. August. In Erörterung der Kriegslage l erklärt der Gaulois, man müsse der zahlreichen Kavallerie der Armee Below eine besondere Beachtung schenken. Das Blatt glaubt, daß diese Kavallerie in der Absicht zusammengezogen wurde, um einen Streifzug auf die Verbindungslinie der russi⸗ schen Armee in Polen mit dem Innern Rußlands zu unternehmen, besonders die Linien nach Petersburg und Moskau. Diese Opera⸗ tion könne augenscheinlich beträchtlich der Vexproviantierung des russischen Heeres schaden, die Zufuhr von Munition sehr er⸗ schweren. Das Blatt hofft, daß das russische Oberkommando die nötigen Vorsichtsmaßregeln getroffen hat, um dieser drohenden Gefahr rechtzeitig zu begegnen. Sperrung des Hafens von Archangelsk! T. U. Genf, 6. August. Wie die Genfer Tribune meldet, wurde der Hafen von Archangelsk gesperrt und zwar infolge des Auf⸗ tauchens feindlicher Unterseeboote. Die Munitionstransporte nach Archangelsk sind demnach vorerst eingestellt. Die Cholera in Rußland. T. U. Wien, 6. Aug. Das 8 Uhr⸗Blatt meldet aus Bukarest: Der Generaldirektor des rumänischen Sanitäts⸗ dienstes wurde vom rumänischen Konsul in Odessa amtlich verständigt, daß die Cholera in der Umgebung von Odessa furchtbar wüte und zahlreiche Opfer fordere. Rumänien traf weitgehende Vorbeugungsmaßregeln für Reisende und Güter, die aus der betreffenden Gegend kommen. Griechische Protestnote an England. T. U. Wien, 6. August. Die Athener Zeitung Embros meldet: Fasel die englische Note an Griechenland, wegen Besetzung der Insel Mytilene ist eine Protestnote Griechenlands an das Lon⸗ doner Kabinett abgegangen. Amerikanische Stimmungen. Aus Newyork meldet man dem Petit Parisien, daß die Erbitterung der Gesellschaft der Friedensfreunde gegen Staatssekretär Lansing und die Regierung aufs höchste ge⸗ stiegen ist. In Flugschriften, die zu Millionen verbreitet werden, wird die Regierung angeklagt, sich mit den Millio⸗ nären verschworen zu haben, um das Land, entgegen den amerikanischen Interessen, in den europäischen Krieg zu stürzen. Gestern tagte auf der Ausstellung in St. Francisco die National⸗Allianz der Deutsch⸗Amerikaner, welche gegen die Regierung Stellung nehmen wird. Kriegs notizen. Vor kurzem gab in Straßburg die Erscheinung eines schwarzen Rekruten, der einem Pionierbataillon zur Au bildung überwiesen war, Veranlassung zu lebhaftem Aufsehen. war, wie die Straßburger Post schreibt, ein aus Deutsch⸗Südwe afrika stammender Eingeborener, der sich in Westfalen freiwilliges meldet hatte und nach Straßburg überwiesen wurde. Inzwischen im Osten ist der Mann nun allerdings wieder von der Truppe entrassen worden, da man an höherer Stelle nicht wünschte, daß ein Neger in den Reihen deutscher Vaterlandsverteidiger stehe. Der stellvertretende kommandierende General des 7. Armeekorps (Münster i. W.) verbietet die Teilnahme an Zusammenkünften, in denen die Tätigkeit eines Vereins fortgesetzt wird, der von der zu⸗ ständigen Polizeibehörde aufgelöst worden ist. Wer gegen die Ver⸗ fügung verstößt, riskiert ein Jahr Gefängnis. Bisher ist von aufgelösten Vereinen im Bereich des 7. Armeekorps nichts bekannt geworden. Eine brave Tat hat ein französischer Kriegsgefan⸗ gener ausgeführt, der auf dem Gut Rothof bei Würzburg als landwirtschaftlicher Arbeiter beschäftigt ist. Dort fiel das 3 jährige Söhnchen des Schweizers Hötzel in den Brunnen. Der Franzose kletterte am Brunnenrohr hinab und hielt den Knaben so lange über Wasser, bis weitere Hilfe herbeikam. Zwei Briefboten, die schon über neun bezw. zwölf Jahre im Dienste stehen, wurden von der Strafkammer in Mainz wegen Diebstahls von Feldpostpaketen zu einem Jahr zwei Mo⸗ naten und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Das Kriegsgericht in Venedig sprach den Kaufmann An⸗ gelo Pincherle aus Görz von der üblichen Anklage frei, dem Feinde Lichtsignale gegeben zu haben. Zu Grunde lag dem Prozesse nur die Beobachtung einer Petroleumlampe in Pincherles Wohnung am Lido. Der Staatsanwalt hatte Todes⸗ strafe beantragt. Nach Blättermeldungen verhaftete die Polizei in Pontoise einen Arbeiter, weil dieser erklärt hatte, das französische Heer hätte viel Mißerfolge erlitten. Der Arbeiter wird wegen Verbreitung von Alarmgerüchten vor ein Kriegsgericht gestellt. Bei der Explosion in der Waffenfabrik von Ardeer in Glasgow wurden im ganzen 39 Menschen verletzt; zwei sind inzwischen ge⸗ storben. Durch die Explosion wurde großer Sachschaden angerichtet, aber der Betrieb konnte aufrechterhalten werden. Die Ursache des Brandes und der nachfolgenden Explosion ist unbekannt. Eine Unter⸗ suchung ist im Gange. Laut Rjetsch ordnete der russische Generalstab an, daß zur Ar⸗ beit in den Bergwerken und Kohlengruben ausschließlich slawische und rumänische Kriegsgefangene zu ver⸗ wenden seien, während deutsche und österreichische Gefangene haupt⸗ sächlich bei Eisenbahnbauten weit von den wichtigen Bahnlinien und bei privaten weniger wichtigen Industrieunternehmungen zu beschäf⸗ tigen seien. Alle Blätter im jüdischen Jargon sind jetzt in Rußland verboten. Parteinachrichten. Die rheinischen Bergarbeiter zur Haltung der Partei. Die Bergarbeiterzeitung weist auf Erklärungen und Andeutun⸗ gen in der Tagespresse hin, durch die der Eindruck erweckt werden soll, als ob der niederrheinische Industriebezirk betreffend die Be⸗ willigung der Kriegskredite anders gesonnen sei, als die große Mehrheit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Gewisse „niederrheinische Kräfte“, deren nähere Kennzeichnung sich das Berg⸗ arbeiterblatt bis nach dem Kriege vorbehält, haben sich seit Monaten große Mühe gegeben, in Mitgliedschaften des Bergarbeiterverbaudes den Geist der Sobelsohn und Konsorten hineinzutragen. Die Berg⸗ arbeiterzeitung bemerkt dazu: .„In zahlreichen Mitgliederbesprechungen und Versammlungen wie auch in den Bezirkskonferenzen der in Betracht kommenden niederrheinischen Kreise(Mörs⸗Rees, Duisburg⸗Oberhausen, Essen) haben sich unsere Vorstandsmitglieder, Redaktion und Bezirksleitun⸗ gen notgedrungen mit den Mitgliedschaften über die bekannten Streitfragen ausgesprochen. Dabei stellte sich heraus, daß nur ver⸗ hältnismäßig sehr wenige Verbandskameraden den von unserer Ver⸗ bandszeitung vertretenen Standpunkt nicht teilen bezw. nicht teilten. denn von diesen Kameraden haben sich die meisten wach gründlicher Aussprache von der Irrkümlichkeit ihrer Meinung überzeugt. Die es noch nicht getan haben, sind jedoch keineswegs Anhänger der Sobelsohnschen Abenteurerpolitik. In keiner einzigen unserer Mitgliederbesprechungen oder Versammlungen, in keiner Bezirks⸗ konferenz hat sich auch nur eine des Redens werte Freundschaft für die„wilden“ oder die„gemäßigten“ Quertreiber und Sonderbündler herausgestellt! Für die Sobelsöhne erhob sich auch nicht eine einzige Stimme! Es haben drei Bezirkskonferenzen speziell für die niederrheinischen Kreise stattgefunden, die dritte noch vor wenig Wochen. In allen Bezirkskonferenzen stellten sich die Ver⸗ trauensleute der örtlichen Mitgliedschaften, durchweg aktive Bergar⸗ beiter, ohne Ausnahme auf den Standpunkt der Verbandsleitung, die alle Sonderbündelei und Abenteurerpolitik scharf zurückweist! Nun muß man beachten: die weitaus größte Zahl(über drei Viertel) der freigewerkschaftlich organisierten Arbeiter im großindustriellen niederrheinischen Bezirk gehört dem Bergarbeiterverband an, aus den Kreisen der fveigewerkschaftlich organisierten Arbeiter rekrutiert sich auch die ausschlaggebende Masse der sozialdemokratischen Partei⸗ fs ö auch t der Extra⸗ Mass Niederrhein“ sympathisierten auch nur mit ckre 5 icht zu helfen. Gerade die geschultesten eren 175 mae dend e en e gendwann, dann in kritischen Zeuen wie zen“ norwen i ie strengste Disziplin der„Größen“ not g ist. 205 110 n der Betrachtungsweise organisierter, sich 5 ihrer Pflicht gegen die Organisation bewußter Arbeiter. Die Kontrollkommission zu den Stuttgarter Differenzen. 5 Die Kontrollkommission, die in voriger Woche 1179 1 bis Donnerstag wegen des württembergischen Partei E gd Stuttgart tagte, ist zu dem Beschluß gekommen, die 199 1 über die Beschwerde der Parteileitung des alten Sozia 10 10 schen Vereins Stuttgart und des Kreisvorstandes des 15 11 tembergischen Reichstagswahlkreises gegen den Par 77 10 0 vorläufig auszusetzen. Und zwar soll der e e 1 0 0 Einleitung neuer Verhandlungen zwischen den streitenden 2 teien ersucht werden. 12 Jaurés⸗Gedenkfeiern unter eee in der e In der Schweiz sind eine Reihe Gedenkfeiern zum Jahres as der Ermordung Jean Jaures abgehalten worden. 1 das Züricher Volksrecht mitteilt, seien die Veranstaltungen, in 1 0 Genosse Grumbach-Bern und die Genossin wan referierten, polizeilich überwacht worden. Grumbach habe in Base gesprochen. Vor der Versammlung sei Polizelinspektor Müller zu 05 ge⸗ kommen und habe ihn aufgefordert, sich jeder Polemik gegen 4 Deutschland zu enthalten. Die Versammlung werde von 0 5 Polizeibeamten in Zivil überwacht, der sich Notizen machen 1 50 An die Genossin Balabanoff, die in Rorschach referierte, habe die Polizei das Ersuchen gerichtet, nicht über die schweizerische Neu⸗ tralität zu sprechen. Die Versammlung sei auch hier polizeilich überwacht worden.— Natürlich protestiert das Züricher Volks⸗ recht gegen das Vorgehen der Polizei. Schweizerischer Protest gegen die Verhaftung der Genossin Zetkin. Der Zentralvorstand des Schweizerischen Arbeiterinnenver⸗ bandes erläßt im Züricher Volksrecht vom 3. August einen Protestaufruf gegen die Verhaftung der Gen. Zetkin. Die in der Schweiz lebenden Genossinnen werden aufgefordert, in sofort ein⸗ zuberufenden Versammlungen zu protestieren. Genossin Zetkin solle sehen, daß die sozialistischen Frauen mit ihr seien. Es brauchten keine langen Resolutionen angenommen zu werden. es genüge, wenn gesagt werde: Clara Zetkin, wir danken dir. Dem Sozialismus treu für immer! Kameradschaft. 5 ö Als eine Pflicht wird jedem Soldaten bei seinem Eintritt in das Heer treue Kameradschaft ans Herz gelegt. Das gilt besonders für die setzige Kriegszeit und auch gerade in der jetzigen Kriegszeit ö zeigt sich die Kameradschaft von ihrer interessantesten Seite. Dn ideellen Wert der Kameradschaft erwartet nahe war im Frieden wie 9 im Kriege im gleichen Maße. Die Soldaten ollen sich als Glieder 9 eines Ganzen fühlen, als gleichberechtigte und gleichverpflichtete Teile einer großen Gemeinschaft. Aber jetzt im Kriege kann mam so besonders deutlich einen Einfluß dieses kameradschaftlichen Geistes auch auf das praktische Leben erkennen. Gerade jetzt können unsere Soldaten nicht nur kameradschaftlich fühlen, sondern auch in be⸗ deutend weiteren und interessanterem Umfange als im Frieden kameradschaftlich handeln. Das vermögen wir schon zu erkennen, wenn wir einmal auf Bahnhöfen oder dergleichen das Leben unserer aus rückenden Sol⸗ daten beobachten, die in langen Eisenbahnzügen als frischer Ersatz hinausgeführt werden ins Feld. Aus dem Tun und Treiben spricht da zu uns ein den meisten ganz neuer kameradschaftlicher Geist des 9 0 praktischen Lebens. Da ist der eine darauf bedacht, daß der andere seinen Vorrat an Brennstoff nicht unnütz vergeudet oder dergleichen, 4 weil andere Zeiten kommen können, da wird überlegt und gewirt⸗ 10 schaftet, daß das Ganze mit den vorhandenen Beständen z. B. an Licht möglichst lange auskommt. Zu einer rationellen Ge⸗ meinschaft ist hier die Kameradschaft geworden. Und da ein Verstoß gegen dieses Tun und Treiben unkameradschaftlich sein würde, so ist die rationelle Gemeinwirtschaft hier geworden zur sittlichen Pflicht. 9 Zeigt uns solch ein Blick ins kameradschaftliche Leben unserern Krieger nicht, daß Sittlichkeit und Wirtschaftlichkeit nicht nur zu⸗ sammen möglich sind, sondern daß ihr Zusammenhang, die Einheit von Sittlichkeit und Wirtschaftlichkeit, sogar nötig ist? Darum ist unser wirtschaftliches Ziel nicht nur ein Ergebnis nüchternen Denkens, sondern das Gefühl der Einheit mit dem Ganzen ist cs, das uns zu einem rationellen Wirtschaftsleben zwingt. Wie jene Krieger sich in ihrem militärischen Verbande als gleiche Gliedern fühlen, so fühlen wir uns als Glieder einer großen Welt. darum ist uns die rationelle Wirtschaft im ganzen Menschheitslebe sittliche Menschenpflicht. * 2 Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 43 XX. Diethelm hatte dem jungen Kübler gesagt, er möge den Vetter Waldhornwirt nach der Stadt entbieten, damit er die Pferde hole. Das konnte offenbar nichts als ein versteckter Auftrag sein, der eigentlich hieß: mach', daß ich den Vetter so bald als möglich hier habe und spreche. Mit fröhlicher Eilfertigkeit— denn es liegt im Silfebringen für einen Leidenden oft eine Fröhlichkeit— eilte der junge Kübler selbst nach Buchenberg, und unterwegs lächelte er oft vor sich hin, indem er überdachte, wie klug er doch sei, daß er solch vee— mummte Gedanken erkenne, und wie ihn Diethelm darob loben müsse. Natürlich vergaß er dabei nicht, wie vielen Dank ihm dadurch Diethelm schuldig werde, und das war ein Kapital, das gute Zinsen trägt. In Buchenberg war schon alles zur Ruhe gegangen; nur bei der Brandstätte, von der noch immer ein zum Ersticken übelriechender Rauch aufstieg, wandelten einige Wachthabende hin und her. Der Vetter Waldhornwirt mußte aus dem Schlafe geweckt werden, und unter Verwünschungen machte er sich endlich bereit, mit Kübler nach der Stadt zu fahren. Erst draußen vor dem Dorfe hängten sie dem Pferde das Rollengeschirr um und fuhren dann mühsam und verdrossen nach der Stadt, wo sie erst gegen Morgen ankamen. Der junge Kübler zog seinem Vater die Gefängnis⸗ schlüssel unter dem Kopfkissen weg, führte den Waldhornwirt die Treppe hinauf, öffnete die Zelle Diethelms, und jetzt standen beide vor dem grimmig Fluchenden, der sie nicht als⸗ bald erkannte. Als sie sich zu erkennen gaben und Kübler triumphierend berichtete, daß er nach den Andeutungen Diet— helms den Vetter geholt habe, rieb sich Diethelm mehrmals die Stirn und fuhr dann zornig auf:„Verfluchtes, blitz⸗ dummes Getue! Kübler, was habt Ihr gemacht? Ihr bringt mich nur in neue Ungelegenheit. Ich bin freigesprochen, alles liegt sonnenklar am Tag, und jetzt, wenn's herauskommt, und es kommt gewiß heraus, daß Ihr meinen Vetter zu mir ge— Verdacht auf mich werfen, und es geht neu ans Protokollieren, und ich kann noch Tage und Wochen da hocken müssen, und Euer Vater kann seinen Dienst verlieren. Aber mich geht's nichts an, und wenn's darauf ankommt, ich kann's nicht anders machen, ich kann's beschwören, und ich tu's, daß ich Euch das nicht angelernt und nichts davon gewollt hab'.“ Der junge Kübler stand wie vom Blitze getroffen, er hatte mit Klugheit Dank und Lohn zu erwerben geglaubt und mußte sich nun ausschelten lassen und fast noch bitten, daß man ihn nicht verrate. a Diethelm rieb sich vergnügt die Hände. Er war stolz auf sich, mitten aus dem Schlafe geweckt, hatte er seine Besinnung behalten und gegen zwei Menschen, deren er bedurfte, sich so gestellt, daß sie ihm dienen mußten, ohne ihn dafür irgendwie in der Hand zu haben. Es durfte niemand geben, der nicht an seine Unschuld glaubte oder gar Grund und Beweis gegen ihn habe; dürfte das sein, so wäre ja alles mit Medard um⸗ sonst.... Einlenkend reichte er nun dem Vetter die Hand und sagte:„Tut mir leid, daß du dir so viel unnötigen Brast machst, und Ihr habt's auch gut gemeint, Kübler, das weiß ich wohl, und ich bin auch erkenntlich dafür, wenn ich's auch nicht brauch'. Ich mein, Vetter, es wär' am besten, wir reden gar nichts, ich hab' dir ja nichts zu sagen und du kannst ruhig vor Gericht auslegen, was du weißt.“ Der junge Kübler beteuerte wiederholt seine Wohl—⸗ meinendheit und der Vetter sagte:„Ja, ich kann mich mit Teufels Gewalt aber nicht mehr besinnen, was Ihr zu dem Buben gesagt habt.“ „Kann mir's denken,“ lachte Diethelm,„wenn du von deinem Uhlbacher Ferndigen trinkst, vergißt du leicht, daß du Frau und Kinder daheim hast, geschweige was anderes, und dann hast du noch Kirschengeist darauf gesetzt, das tut nie gut. Laß mir aber von deinem Uhlbacher noch was übrig. bis ich heimkomm', und da der Kübler muß in Buchenberg Hochzeit machen, ich zahl' alles, und da trinken wir das Faß voll aus. Ja, was hab' ich sagen wollen? Ich hab's ganz vergessen.“ „Von wegen dem Buben,“ bedeutete der Vetter. 5 „Richtig,“ nahm Diethelm unbefangen auf,„besinn' dich nur, du mußt noch wissen, daß ich dem Buben deutlich gesagt hab', der alt' Schäferle soll zu seinem Medard'naufgehen, er müss' daheimbleiben und leide an seinem Beinbruch.“ „Vom Beinbruch, ja, da erinner' ich mich, das hab' ich deutlich gehört, guck, da fällt mir jetzt ein, das ist das Wahr⸗ zeichen,“ frohlockte der Vetter und rieb sich immer die linke Seite der Stirn, als weckte er ein Organ der Erinnerung. Diethelm lächelte in sich hinein, daß der Vetter gerade dessen sich erinnerte, was er erst vor Gericht zu seinem eigenen Schrecken noch hinzugesetzt; er fuhr aber leichthin fort:„Dann wirst du dich an alles andere erinnern und daß ich mein! Fränz' hab' holen wollen, damit mein' Frau nicht so allein ist, wenn ihre Stieftochter stirbt; aber ich brauch' dir ja nichts zu sagen, das weißt du alles allein und sag' du's nur frei.“ So fuhr Diethelm fort und wußte nach und nach in der harmlosesten Weise dem Trompeter sein Stücklein auf Noten zu setzen, daß es eine Art hatte. Der junge Kübler drängte zur Trennung, da es Tag zu werden begann. Diethelm reichte beiden wohlgemut die Hand, und der Vetter entschuldigte sich noch, daß er sich nicht gleich auf alles besonnen habe; der Schrecken beim Brand habe ihm alles weggescheucht, aber jetzt wisse er jedes Wort. Diethelm sah dem Vetter scharf ins Gesicht, um zu erkunden, ob ihn der ausgefeimte Schelm nicht verhöhne, aber der Vetten sah in der Tat mitleidig und treuherzig drein. Als die beiden 0 fort waren, streckte Diethelm die Zunge hinter ihnen heraus und sprach dann in sich hinein:„Neun Zehntel der Menschen 1 sind nichts als Hunde und Papageien, sie reden und tun, wie man sie's anlernt, und schwören dann Stein und Bein, daß das aus ihnen selber käm'. Alle, die oben dran sind und üben andere herrschen, verstehen nur die Kunst, die Menschen 1 glauben zu machen, was ihnen gut dünkt, und je mehr das 1 einer vermag, um so größer ist er und führt die Welt am 0 U Narrenseil herum.“ 0 (JFortsetzung folgt.). — Beilage zur Ober Gießen, Samstag, den 7. August 1915. mern Hessen und Nachbargebiete. Sießen und Umgebung. Die Witwe. Wir sitzen in des Abteils schwüler Enge 8 untereinander fremd und unbekannt, Schachteln und Koffer schaukeln im Gehänge, das sich ob unsern müden Köpfen spannt. Hinbraust der Zug— die meisten Leute schwätzen von dieses Krieges Segnungen und Not: Unsinn und Klugheit kollert von den Plätzen und schlägt den Schlaf gar mancher Augen tot. Nur gegenüber meinem Blick sitzt stille ein junges Weib in einem schwarzen Kleid, sie ist ein tief in sich versunk ner Wille, ein armer Stein im schwarzen Brunnen Leid. In ihrer Augen trüberstarrtem Grunde sitzt Sehnsucht nach dem Tode erust und grau. Mir unbewußt entfährt es meinem Munde: Nicht wahr, du bist sehr müde, arme Frau? Alfons Petzold. Landtag und Lebensmittelversorgung. Dritte Sitzung des Kriegsausschusses der Zweiten Kammer der Landstände. Darmstadt, den 4. August 1915. In der Mittwochsitzung des Kriegsausschusses der Zweiten Kammer der Landstände wurde die Debatte über die Frage der Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln fortgesetzt. Man einigte sich schließlich auf folgenden vom Abg. Molthan eingebrachten Antrag: Die Regierung zu ersuchen, 1. im Bundesrat dahin zu wirken, daß mit der Einbringung der neuen Kartoffelernte für das ganze Reich nach Art der Kartoffeln abgestufte Höchstpreise für Produktion und Handel mit dem Recht der Enteignung eingeführt werden, um die Volksernährung auf diesem wichtigen Gebiet zu sichern und insbesondere übermäßige Zwischen⸗ gewinne zu verhindern; 2. die Stadtverwaltungen und Kommunalverbände zu ver— anlassen, sich auf diesem Gebiet der Volksernährung durch geeignete Vermittlung zu betätigen. Neben einem den gleichen Gegenstand betreffenden An- trag Henrich wurde auch folgender Antrag Ulrich der Regierung als Material überwiesen: Die Regierung zu ersuchen, dahin zu wirken, daß die Feststellung der Höchstpreise für Kartoffeln sowohl beim Verkauf seitens der Produzenten, als auch für den Groß— und Kleinhandel möglichst frühzeitig erfolgt, jeden⸗ falls vor dem Abschluß der Erhebungen über das gesamte Ernteergebnis. Gleichzeitig wolle die Regierung nach Feststellung des Ernteergebnisses den Kommunalverbänden erforderlichen— falls das Recht der Enteignung bezw. der Beschlagnahme sichern. Eine längere Debatte knüpfte sich an diesen Antrag Korell⸗Ingelheim über die Erhebungen über die Erzeugung von Kartoffeln, Obst und Gemüse: Um einen allgemeinen Ueberblick über den Ausfall der Ernte an Kartoffeln, Obst und Gemüse zu gewinnen und durch Bekanntgabe des Er— gebnisses ebensowohl ungesunden Preistreibereien wie auch etwaigen unbegründeten Vorwürfen gegen die Produzenten entgegenzuwirken, beantragen wir, Großh. Regierung zu ersuchen: 1. Zu dem frühest möglichen Zeitpunkte Erhebungen über den Ausfall der Ernte im allgemeinen an Kartoffeln, an den verschiedener marktgängigen Obst⸗ und Gemüsearten anzustellen, und das Ergebnis öffentlich bekannt zu geben,— in ähnlicher Weise, wie bisher die Saatenstandsermittelungen vorgenommen worden sind; zu veranlassen, daß die offiziellen Marktpreise der Obst⸗ und Gemüse⸗Großmärkte des Landes und der benach— barten Landesteile in den im Großherzogtum er— scheinenden Tageszeitungen regelmäßig bekannt gegeben werden; in denjenigen Landesteilen, in denen regelmäßig be— stimmte Obst⸗ und Gemüsearten in größerer Menge für den Verkauf produziert werden, eine Bestandsaufnahme der zum Verkauf verfügbaren Mengen vorzunehmen und das Ergebnis den Gemeinden zur Kenntnis zu bringen, die sich mit der Beschaffung und Verteilung von Obst und Gemüse für ihre Einwohnerschaft be— fassen. Mit diesem Antrage wird beabsichtigt, einen Ueberblick über die Ernteergebnisse und über die Marktlage zu ver⸗ schaffen, falschen, zu unlauteren Machenschaften bestimmten Nachrichten den Boden zu entziehen und dem Verbraucher den Weg zum möglichst direkten Verkehr mit dem Erzeuger zu zeigen. Bei der Begründung dieses Antrags wies der Antrag⸗ steller die in der Presse erhobenen Vorwürfe gegen die Obst⸗ und Gemüseproduzenten wegen der hohen Marktpreise zurück. 8 Er führte die auffälligen Preissteigerungen auf die große Nachfrage einesteils und andernteils auf Mißstände im Zwischenhandel zurück. Zur Herbeiführung einer größeren Uebersichtlichkeit des Marktes und damit einer gesünderen Preisbildung forderte er amtliche Mitteilungen über die Er⸗ gebnisse der Obst⸗ und Gemüseernte, Veröffentlichung der Marktberichte und besondere marktpolizeiliche Vorschriften. In der Debatte wurden die auf verschiedenen städtischen Märkten hervorgetretenen Mißstände und deren Ursachen be⸗ sprochen und Maßnahmen zur Verhütung derselben vorge⸗ chlagen. Die Regierung hält zur Zeit amtliche Erhebungen über die Gemüse- und Obsternte für undurchführbar, weil sowohl die Kreisämter wie auch die Bürgermeistereien mit wichtigen und dringenden Arbeiten derart überhäuft seien, daß diesen Behörden weitere umfangreiche Arbeiten nicht zu⸗ gedacht werden könnten. Es müsse auf die Mitteilungen der Obstverwertungsstelle Frankfurt a. M. verwiesen werden, die sowohl zuverlässige Preistabellen als auch Vorratsanzeigen auch aus hessischen Bezirken enthielten. Gegen unreelle Preis- treibereien könne jetzt schon auf Grund bestehender Verord— nungen nachdrücklich eingeschritten werden. Bei der Besprechung der mißlichen Lage des Petro⸗ leummarktes und der damit zusammenhängenden Schtbierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit Petroleum gab der Regierungsvertreter eingehende Er⸗ klärungen über den bestehenden Mangel an Petroleum und seine Ursachen und versprach auf die Anregung eines Ab⸗ geordneten hin, die unteren Verwaltungsbehörden anzu⸗ weisen, auf Erleichterungen bei Installationen von Gas und elektrischem Licht nach Möglichkeit hinzuwirken. Zum Schlusse wurde von einigen Abgeordneten angeregt, bei Ausführung der Verordnung über die Brotversorgung auch diejenigen Getreideproduzenten als Selbstversorger gelten zu lassen, welche geringere Getreidemengen als in 8 6 der Verordnung vom 8. Juli 1915 vorgesehen, erzeugten. Die von der Regierung dort getroffene Bestimmung, daß nur diejenigen als Selbstversorger gelten, deren Vorräte an Brot⸗ getreide und Mehl zu ihrer Versorgung und derjenigen der im§ 6 Abs. 1a der Reichsverordnung weiter aufgeführten Personen ausreichen, bedeute aus praktischen und sozialen Gründen eine Härte, besonders für ländliche kinderreiche Ar⸗ beiterfamilien. Auch die Bestimmung, daß Selbstverbraucher immer nur für einen Monat Vorrat mahlen lassen dürfen, sei unpraktisch. Der Regierungsvertreter wies auf die schweren Bedenken hin, welche gegen die Vermehrung der Selbstversorger bestünden. Die bestehende Einschränkung sei konform der Bestimmungen in Baden und in der Rhein⸗ provinz getroffen und schließe eine verhältnismäßig nur geringe Zahl von Getreideproduzenten als Selbstversorger aus. Die Anordnung, daß immer nur für einen Monat Vor⸗ rat ausgemahlen werden dürfe, sei von den Kommunalver— bänden getroffen. Die Regierung werde im übrigen die vor⸗ getragenen Wünsche noch einmal einer Prüfung unterziehen. Sodann wurde über den Antrag betreffend die Be— teuerung der Kriegsgewinne verhandelt. Nach eingehender Begründung des Antrags, bei welcher auch auf die bestehenden Schwierigkeiten hingewiesen wurde, welche die steuerliche Er— fassung der Kriegsgewinne mit sich brächte, erwiderte der Re⸗ gierungsvertreter, daß die Frage der Besteuerung der Kriegsgewinne schon im Frühjahr im hessischen Land⸗ tage besprochen worden sei. Inzwischen habe sich auch die Oeffentlichkeit mit der Frage beschäftigt, eine reiche Literatur sei bereits über die Frage entstanden. Nach einer Mitteilung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 10. Juli habe sich auch der Bundesrat in einer Sitzung mit der gleichen Frage beschäftigt, man habe dort anerkannt, daß eine solche Besteuerung nur von Reichswegen erfolgen könne. Man dürfe aus dieser Andeutung den Schluß ziehen, daß das Reich zu geeigneter Zeit von der Besteuerungsmöglichkeit Gebrauch machen werde. Die Regierung sehe in dem vorliegenden An— trag den Beweis dafür, daß auch der hessische Landtag der Besteuerung der Kriegsgewinne sympathisch gegenüberstehe. In der nächsten Sitzung am Freitag den 13. August soll über den Antrag Korell(Ingelheim) beschlossen werden. 3— Ein Jahr deutsche Feldpost. Man hat die Organisation und die Leistungen der deutschen Feldpost von 1870/1 als mustergültig bezeichnet. 104 Millionen Briefe hat die Feldpost damals vom 15. Juli 1870 bis Ende März 1871 befördert. So etwas war noch nicht dagewesen und die Feld- post durfte mit Recht stolz darauf sein. Und was leistet unsre jetzige Feldpost? Nahezu 15½ Millionen Briefe werden täglich von ihr verarbeitet. Das ist das 35fache dessen, was die Feldpost von 1870/71 täglich geschafft hat. Damals gab es 2300 Feldpostbeamte. Jetzt sind es 5400, also knapp 2% mal mehr. Wenn diese dabei in einer Woche das leisten, was jene in 8½ Monaten bewältigt haben, so hat man wohl auch im jetzigen Kriege Anlaß, mit der Organisation der deutschen Feldpost zufrieden zu sein. Nach der Front sind aus dem Deutschen Reich durch Vermitt⸗ lung der heimischen Feldpostsammelstellen von August 1914 bis Ende Juli 1915 etwa 2,4 Milliarden Feldpostbriefe befördert worden. Da außerdem etwa 1,6 Millarden Feldpostbriese im Felde aufgeliefert worden sind, umfaßt die gesamte Beförderungsleistung der deutschen Feldpost bis jetzt etwa 4 Milliarden Briefe. Bei den 23 heimischen Postsammelstellen ist das Personal seit Mitte August 1914 von 3100 Köpfen auf 13⸗ bis 14000 angewachsen. Die Menge der täglich ins Feld gehenden Feldpostbriefsäcke, die im vorigen Dezember bei Ab⸗ besörderung der Weihnachts⸗Feldpost mit 29000 Stück den Höhe- punkt erreicht hatte, stellt sich gegenwärtig auf 45000. Dies bedeutet eine Belastung der Feldpostbeförderungsmittel, zu denen u. a. 800 Feldpostkraftwagen gehören, mit 1% Millionen Kilogvamm Brief⸗ post täglich. Nicht wenig haben zu der dauernd gesteigerten Benutzung der deutschen Feldposteinrichtungen, wie sie in andern kriegführenden Ländern auch nicht annähernd zu verzeichnen ist, die mannigfachen, seit Kriegsbeginn getroffenen Verbehrsverbesserungen beigetragen. Durch die Aufang Oktober v. J. erfolgte Ausgabe eines besondern Merkblatts für Feldpostsendungen ist es den weitesten Kveisen des Publikums möglich geworden, sich über alle einschlägigen Fragen zuverlässig zu unterrichten. Gleichen Zwecken in Verbindung mit praktischer Unterweisung dienen die Kriegsschreibstuben und privaten Feldpostverpackungsstellen. Ihre Zahl ist allein seit Januar von 3000 auf etwa 8000 gestiagen. Hierdurch ist erfreulicherweise eine Abminderung der vielen um richtig adressierten und mangelhaft verpackten Feldpostbriese erreicht worden. Frei⸗ lich bommen noch immer täglich 150000 solcher Sendungen im der Heimat auf. Bei mehr als zwei Dritteln davon gelingt es den Be⸗ mühungen der Feldpostsammelstellen, ihnen den Weg zu weisen, der vermutlich zum Ziele führt. Und auch noch im Felde selbst scheut die Post keine Arbeit, um„ranke“ Briefe wenn ärgend möglich gu heilen, damit sie den Empfänger erreichen.— l 5* 1 hessischen Volkszeitung Nr. 183 Zum Lebensmittelwucher noch det Kohlenwucher? Unlängst hat das Rheinisch⸗Westfälische Kohlensyndika! seine Preise um 1 bis 2 Mark wieder erhöht, obwohl Ende 1914 schon eine durchschnittliche Erhöhung von 2 Mark für Kohlen und Briketts beschlossen worden war. Jetzt versucht nun in der Voss. Ztg. eine Zuschrift„aus den Kreisen der Kohlenindustriellen“ diese außergewöhnliche Kohlenpreis⸗ steigerung zu rechtfertigen, offenbar nur zu dem Zweck, um noch eine weitere Preissteigerung vorzubereiten. Da sollen nun an der Verteuerung der Kohlen schuld sein die höheren Löhne der Arbeiter und Beamten, die geringere Ausbeute bei der Beschäftigung von Kriegs⸗ gefangenen, die man an Stelle der eingezogenen Arbeiter einstellen müsse und die Preissteigerung für Betriebs materialien wie Oele, Schienen usw. Zugegeben, daß der Produktion höhere Kosten aus den angeführten Gründen erwachsen, so muß doch die erste Preissteigerung schon erheb⸗ lich genug gewesen sein, diese höheren Kosten nicht nur Wett zu machen, sondern noch ganz erkleckliche Ueberschüsse zu bringen. Die Zuschrift„aus den Kreisen der Kohlenindustriellen“ muß selbst zugestehen, daß einzelne Kohlenwerke im Kriegs⸗ jahre höhere Leistungen haben als im Jahre zuvor, und daß einzelne Gesellschaften ihren Aktionären„recht gute Jahres ⸗ bilanzen“ vorzulegen vermochten. Die Zuschrift sucht nach allerhand Gründen, diese gestiegenen Gewinne zu erklären und führt dabei u. a. an, daß die vorhandenen Läger verladen worden seien, was allein bei der einzelnen Gesellschaft einen Gewinn von 1 Million und mehr ausmache. Die vorhandenen Läger sind aber natürlich in früherer Zeit aufgefüllt worden und wenn man sie nicht in das Gewinnkonto einstellte, so hat man nur den früheren Gewinn verschleiert, der jetzt umso schärfer in Erscheinung tritt. Wo soll unter solchen Umständen die Berechtigung zu neuen Preisaufschlägen herkommen? Und daß solche in Aus⸗ sicht stehen, geht aus dem Schlußsatz der Zuschrift hervor, der besagt: Man dürfe sich also nicht wundern, wenn die Gruben etwa genötigt wären, ihre Preise noch weiter hinaufzusetzen. Das ist nicht mißzuverstehen! Das Volk wird sich also rüsten müssen, auch noch den Kampf gegen den Kohlenwucher aufzunehmen. Eine gesinnungstüchtige Trödelbude. Wie einmal das abschließende Urteil des Kulturhistorikers über den großen Weltkrieg von 1914 lauten wird, das läßt sich heute schwer sagen. Mit etwas mehr Wahrscheinlichkeit kann man sich vorstellen, wie die Kulturgeschichte dermaleinst über die Leute urteilen wird, die jetzt im Felde stehen. Ihre persönlich⸗mensch⸗ lichen und soldatischen Eigenschaften, ihr Mut und ihre Ausdauer werden wahrscheinlich auch vor den kritischen Augen des zukünf⸗ tigen Historikers standhalten, dessen Urteil von den Strömungen und der seelischen Atmosphäre der Kriegszeit nicht mehr beeinflußt ist. Schlechter werden aber— das ist schon heute keine Frage mehr— in dem Urteile der späteren Kulturmenschheit die Daheim⸗ gebliebenen dastehen. Eine Fundgrube werden für das Urteil des zukünftigen Kulturforschers vornehmlich die Inseratenteile mancher Zeitungen bilden. Wir haben uns wiederholt veranlaßt gesehen, solche papierene Zeugen menschlicher Irrungen ans Tages⸗ licht der Kritik zu ziehen in der Hoffnung, bei dem großen Werke der Gewissenserweckung dieser Zeitgenossen unser bescheiden Teil beizutragen. Wir wollen es auch heute wieder tun. Unserem Bruderblatt, der Remscheider Arbeiter-Zeitung, brachte dieser Tage eine Frau, die keine Sozialdemokratin ist, die aber am Kampfe gegen Unkultur und Ungeschmack mit der Genugtuung einer feinen Seele teilnimmt, folgenden Ausschnitt aus dem Inseratenteil eines vielgelesenen rheinischen Blattes: 5 Echwarz⸗weiß⸗rot mit Eisernen Kreuz. Echt Porzellan Ober⸗ und Untertassen Abendbrotteller„Festonn?n?n? großer durchbroch. Korb oder Teller Hindenburg- oder Kaiserbild Kompott⸗Service. besteht aus 1 95 mit 5 großen u. 6 kleinen Schüsseln oder Tellern.. 9 — Frühstücks⸗Service, ß5⸗teilig m. 2 Tassen Stück Milchtöpfe im Satz, extragroß. Kinder-Eßservice, steilig, dekoriert. 95 3 Herr Lehmann trinkt also jetzt seinen Kaffee aus einer Schale mit dem Eisernen Kreuz. Anders schmeckt ihm das braune Ge⸗ bräu aus der häuslichen Küche nicht mehr. Nein, er tuts nicht anders! Die Tasse mit dem Eisernen Kreuz muß es sein! In keine andere taucht Herr Lehmann seinen Schnurrbart, nebenbei das einzige Kriegerische, das an ihm ist! Und ein schweres Millionenkreuzbombenelement fährt in das vom Geiste der Zeit weniger berührte Dienstmädchen, wenn es Herrn Lehmann eine Tasse ohne das Eiserne hinstellt. Herr Lehmann weiß, was er seiner Zeit schuldig ist. Auch der Milchtopf und der Abendbrotteller, deren sich Lehmann bedient, müssen das Kreuz tragen. Hat er doch gleich seine Gemahlin mobil gemacht, als er die Annonce gelesen. Denn das ist ja das Schlimme an der Sache: die Sachen wer- den nicht nur angeboten, sie werden auch gekauft. So zieht jetzt dieser entsetzliche Schund in viele deutsche Häuser ein und treibt dort ein höllisches Unwesen von Geschmackverirrung, macht die Küche, die bisher in vielen Häusern der einzige Raum war, der sich von Geschmacklosigkeiten freihielt, zu einem wahren Museum von Undingen. Daß der Kaufmann, der in solchen Erzeugnissen ledig lich die Sache sieht, mit der er sein Lager und seine Auslagen be⸗ reichern kann, die Dinge anbietet, kann ihm nicht allzuscharf zum Vorwurf gemacht werden. Aber die Sachen werden gekauft und zeugen in deutschen Häusern von der Kleinheit der Geister, von einem geradezu beschämenden Mangel an geistiger und kritischer Haltung und von einer entmutigenden Unfähigkeit zur Einschätz⸗ ung der Dinge und ihres Ideengehaltes! 6 95 Reichbaltigeß Lager in hren, Gold- und Silberwaren. Lieferaut des Konsum- Vereins Gießen u. Umg. und des Eten bahn ⸗Konsumpereins. V. Kaninka, Giese Marktplatz ll. nhrmcher unde Goldach. — eee* 1 0 — Gegen die Preistreibereien im Klein handel wird aun endlich auch mit behördlichen Maßnahmen vorgegangen. Man wird sehen, mit welchem Erfolge. Sollen die Maß⸗ nahmen Wirkung haben, so muß das kaufende Publikum sie unterstützen und nicht ein Verhalten zeigen, das womöglich preistreibend wirkt. Denn es ist bekannt, daß die Preisbildung nicht allein von dem Willen der Verkäufer ab⸗ hängt, sondern vor allem von Angebot und Nachfrage. Nun ist es vorgekommen, daß die Hausfrauen in der Befürchtung, nichts mehr von einer gewünschten Ware zu bekommen, sich mit Macht auf diese stürzten und sie trotz hoher Preise auf⸗ kauften. Natürlich mußte das preissteigernd wirken, was im Laufe dieses Jahres schon öfter zu beobachten war. Trotz des unerhörten Preises der Eier gibt es Frauen, welche erheb— 5 liche Mengen eingekauft haben und sich aufheben. In einem ö rheinischen Parteiblatt erzählt ein Mann, daß seine Frau, die 10 sonst nie Eier aufbewahre, jetzt einen Vorrat von 400 Stück angelegt habe. Er wisse, daß seine näheren Bekannten, die in einem kleinen Stadtteil wohnen, zusammen etwa 20 000 Stück auf Vorrat liegen hätten. Es ist wie eine Krankheit, sagt der Mann ganz richtig. Die eine Frau erzählt der lieben Nachbarin, daß sie sich mit Eiern versorgt habe. Die Nach— 100 barsfrau weiß nichts Eiligeres zu tun, als auch in solcher 0 Weise für einen Eiervorrat zu sorgen und womöglich einer anderen Frau zu erzählen, was sie getan habe. Wenn nun in der ganzen Stadt eine solche Eiersucht herrscht, dann kann man begreifen, daß die Eier allmählich rarer werden, denn der 4 angehäufte Vorrat verschwindet aus dem Verkehr. Und wem haben wir das zu verdanken? Nur der Unvernunft unserer Frauen! Es ist dasselbe Spiel, was wir bei anderen Lebens— mitteln schon erlebt haben. Leider sind die armen Leute dabei am übelsten dran, denn sie müssen dann die in die Höhe 10 getriebenen Preise zahlen, wenn sie überhaupt etwas Ware 0 haben wollen. Hier handelt es sich natürlich nicht um un⸗ 0 bemittelte Leute, die können nicht soviel Geld ausgeben. Wir haben aber auch erlebt, daß beispielsweise Zucker in letzter Zeit in ganz gewaltigen Mengen eingekauft wurde— auch von geringbemittelten Frauen—, wodurch eine Preis— steigerung herbeigeführt oder mindestens begünstigt wurde.— Es sollte daher jede Frau mit dem Einkauf nach Möglichkeit zurückhalten, wenn zu hohe Preise gefordert werden. — Der Badebetrieb in der Lahn hat in den letzten Wochen orheblich nachgelassen, eine Folge der kühlen Witterung. Ob⸗ wohl wir uns gegenwärtig noch in den„Hundstagen“ be— finden, welche als die heißesten des ganzen Jahres gelten, brachten eine Reihe Nächte eine ganz außergewöhnliche Kühle und auch am Tage war es nicht sehr sommerlich, so daß es vielen zum Baden im Flusse zu kalt war. Die Wasserwärme betrug meistens nur 12—14 Grad. Hoffentlich hat der Sommer noch nicht Abschied genommen. — Beflaggte Häuser. Anläßlich der Einnahme von Warschau sah man zahlreiche Flaggen in den Straßen der Stadt. Selbstverständlich haben auch die öffentlichen Ge⸗ bäude die Fahnen herausgehängt, wie man überhaupt von seiten verschiedener Behörden Wert darauf zu legen scheint, daß bei derartigen Anlässen geflaggt wird. Trotz dieser 0 äußerlichen Zeichen der Freude kommt aber wirkliche Be— geisterung nicht auf. Man hat den Krieg und seine Folgen herzlich satt und wohl jeder würde es hundertmal lieber hören, wenn eines Tages die Nachricht käme, daß der Frieden Rin naher Aussicht wäre, als wenn mitgeteilt wird, daß diese oder jene Festung gefallen ist. Man denkt an die Opfer, die ein derartiger Erfolg auch uns kostet und das stimmt die Freude ganz bedeutend herab. Der Wunsch nach Schluß des Krieges beseelt alle Kreise der Bevölkerung ohne Unterschied und ist zweifellos bei unseren Gegnern noch viel stärker vor— handen als bei uns. L Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Reservist Heinrich Schneller aus Gießen, Inf. Reg. 223. — Reservist Louis Fuchs aus Feldkrücken bei Schotten, Res.⸗Inf.⸗Reg. 118.— Musketier Konrad Scherpf aus Burgbracht, Inf.⸗Reg. 168.— Freiwilliger Paul Röhrig aus Wetzlar, Inf.⸗Reg. 253. Die Kriegsfürsorge auf dem Lande. Wir haben kürzlich an dieser Stelle ausgeführt, daß die Fürsorge für die Krieger⸗ familien in den Landgemeinden oft noch viel zu wünschen übrig läßt. Die kommunalen Zusatzunterstützungen sind meistens nur sehr gering und in manchen Gemeinden gibt es überhaupt keine, und auch bei Gewährung der Reichsunter— stützung wird der Begriff der Bedürftigkeit in der Regel sehr eng gezogen. So ist uns ein Fall— irren wir nicht aus Klein⸗Umstadt— mitgeteilt worden, wo die Familie eines Vaters von 8 Kindern, der bereits seit Beginn des Krieges eingezogen ist, von Beruf Kleinbauer, keine Reichsunter— stützung bekommt, weil die Kommission des Lieferungsver— f bandes(Kreis Dieburg) die Bedürftigkeit mit der Begründung 9923 abgelehnt hat, der Mann habe ein Vermögen von 14000 Mk., das ist nämlich der taxierte Wert seines Besitztums. Um all diesen Uebelständen abzuhelfen, hat nunmehr die sozialdemo⸗ kratische Fraktion durch die Genossen Ulrich und Raab bei der Zweiten Kammer den Antrag gestellt, die Staatsregierung zu ersuchen, daß durch Einwirkung der Kreisämter in den Landgemeinden den bedürftigen Kriegerfamilien eine einiger⸗ maßen hinreichende Kriegsbeihilfe gewährt wird, wobei ins⸗ besondere der Begriff der Dürftigkeit nicht zu eng gezogen werden darf. Ferner ist bei der Zweiten Kammer ein Zentrumsantrag Schmitt und Genossen eingegangen, wonach die Staatsregierung ersucht wird, dahin zu wirken, daß die den bedürftigen Kriegerfamilien von Reichswegen zustehenden Mindestunterstützungen möglichst rasch der Verteuerung der 1 Lebensunterhaltung entsprechend erhöht werden. 0 Mehr Achtung vor den Kriegsfürsorgehelfern. Die Fälle, 9 in denen die nunmehr schon seit einem langen Jahre ohne jeden Pfennig Bezahlung ehrenamtlich in der Kriegsfürsorge tätigen Frauen und Männer von Pfleglingen der Kriegs⸗ fürsorge oder bei der Ausgabe von Brotscheinen in schlimmster Weise beleidigt und beschimpft oder gar tätlich angegriffen werden, mehren sich in bedauerlicher Weise, so daß die städtische Verwaltung bereits in einigen Fällen sich leider gezwungen gesehen hat, zum Schutze ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiter⸗ — 19 5 innen Strafankräge zu stellen. Die Bestrafungen sind in solchen Fällen recht empfindliche. Wir meinen deshalb, die in den Kriegsfürsorgestellen oder bei den Brotscheinausgaben vorsprechenden Personen sollten sich mehr im Zaume halten und ihre ebenso kränkenden wie törichten Schimpfereien unter⸗ lassen. Sie schaden nur sich und ihren Familien und anderer— seits verleiden sie den ehrenamtlich Tätigen ihre Arbeit so, daß diese es satt bekommen, sich fortgesetzt beschimpfen zu lassen; die städtische Verwaltung weiß kaum noch, wo sie die nötigen Helfer und Helferinnen herbekommen soll. Man möge doch immer wieder bedenken, daß die in der Kriegs— fürsorge tätigen Frauen und Männer ohne jeden persönlichen Vorteil, sogar unter Aufwendung eigener Kosten ihr schwieriges Amt aus reiner Hilfsbereitschaft versehen, Mühen und Zeit opfern und dafür Dank verdienen, den sie gar nicht wollen, nicht aber Beleidigungen und Beschimpfungen. — Errichtung von Kriegerheimstätten erstrebt ein Ausschuß, der sich in Berlin, Lessingstraße 11, aufgetan hat. Er agitiert für ein Reichsgesetz, durch das den heimkehrenden Kriegern die Möglichkeit gegeben werden soll, mit öffentlicher Hilfe im Reiche oder seinen Kolonien eine Heimstätte zu erwerben, sei es zum Zwecke ländlicher oder gärtunerischer Siedlung, sei es zum Erwerb eines 2 zohnheims. Die Heimstätten sollen billig, unverschuldbar und unverlierbar seim. Damit auch Unbemittelten die Möglichkeit der Ansiedlung gegeben wird, soll der Boden ncht gegen Bargeld, sondevn gegen eine mäßige, unkündbare Rente abgegeben werden. Gemeinde oder Staat können den Boden auch billig hergeben, da ihnen, sobald der Krieger oder seine Witwe stirbt, die erhöhte Grundrente wieder zufällt. Durch Uebergabe des billigen Bodens gegen eine mäßige Rente soll ver⸗ hindert werden, daß der Krieger feine Heimstätte nur zum Zwecke eines augenblicklichen Gewinnes wieder verkauft. Er hat also ein lebhaftes Interesse, möglichst bis zu seinem Lebensende auf dem billigen Rentengute zu bleiben. Das Rentengut wird ihm dann dauernd Heim und Heimat geben. In der Zuschrift, um deren Aufnahme der Ausschuß ersucht, wird noch darauf hingewiesen, daß in Deutschland eine Fläche Oedland von der 24 fachen Größe des Könsgreichs Sachsen vorhanden sei, die erschlossen und kolonisiert werden könne. Alle sozialen Kreise unseres Volkes, heißt es zum Schluß, sollen deshalb die Forderung des Hauptausschusses für Kriegerheimstätten unterstützen. Bei Berufung auf unsere Zeitung versendet der Hauptausschuß filr Kriegerheimstätten(Berlin, Lessingstraße 11) gegen Einsendung von 40 Pfg. in Briefmarken portofrei die Broschüre„Staatsbürgerliche Bildung“ von Geh. Rat Adolph Wagner, Exzellenz, mit einem Anhang über das Heimstätten⸗ recht von Adolf Damaschke und die Broschlüre„Kriegerheimstätten“ von Johannes Lubahn.— Die Bestrebungen des Ausschusses mögen vom besten Willen getragen sein, doch dürften die weitaus meisten Kriegsteilnehmer wieder in ihre Heimat zurückkehren und dort auch bleihen wollen. — Vom Pferde erschlagen. In Kirchgöus erlitt der Land⸗ wirt Schimpf einen tödlichen Unfall. Er versuchte, ein scheugewor⸗ denes Pferd aufzuhalten, wobei er von diesem so heftig gegen den Leib geschlagen wurde, daß er bald darauf starb. — Ein merkwürdiger Sozialdemokrat. In dem Kriegsjahre haben wir schon vieles erlebt. Wir haben auch gesehen, daß mancher Paxteigenosse, der uns sonst als unentwegt grundsatz⸗ und prinzipienfest bekaunt war, höchst seltsame Ansichten äußerte und sich sogar dieser seiner Wandlung rühmte. Zu diesen Leuten ge⸗ hört Ernst Heilmann, bisher Redakteur der Chemnitzer Volks⸗ stimme. Er ist im Felde und, wie wir hören, verwundet worden. In seinem Feldpostbriese schreibt er u. a.:„Es gibt keine sozia⸗ listische Verständigung, die diesen furchtbaren Mordkrieg beilegen könnte— ihn endet nur der Sieg der stärkeren Ge⸗ walt! Wieder einmal wird zu unserem Schmerz Blut und Eisen den Gang der Geschichte bestimmen. Das ist gewißlich wahr.. Die Internatjonale ist heute tot and Mars regiert die Stunde. Nicht Vernunft und Gerechtigkeit, sondern nur siegreiche Waffen und politische Klugheit werden uns den Frieden bringen und seinen Inhalt bestimmen. So zerschmetternd m ü ssen die Feinde geschlagen werden, daß ihr Ring zerbricht, die Koalition birst. Die Friedensbedingungen sollen, hier milde, dort hart, die Wiederkehr des Einkreisungsbundes unmöglich machen... Mehr als diese allgemeinen Bemerkungen kann heute kein Vernünftiger sagen. Mit dem Schimpfwort An nmexionist macht man bloß die Pferde scheu. Lebensrettung und Sieg, nicht Eroberung und Annexionen, sind jetzt die Frage. Ver⸗ geßt mir Deutsch-Südwestafrika nicht!...Wir dürfen schonen und verzeihen, dürsen aber auch drohen und schlagen. Es ist nicht sozialistisch, die Franzosen zu warnen, daß der zweite Winterfeldzug sie nicht bloß Menschen kosten könnte.. Wir wollen weiter aus eigenem Recht, nicht von fremder Gnade in Bothaland oder Greyland leben. Dazu hilft uns gegen diese Feinde nur eins: Den Daumen aufs Auge und die Knie auf die Brust und greinen uns ein paar Heilige da⸗ zwischen, wie furchtbar das Schicksal der französischen Arbeiter sei, so erwidern wir ihnen: die französtschen Arbeiter bleiben Männer, auch wenn wir mit ihnen Kugeln wechseln, ihr aber seid— alte Weiber. Mögen darum die ewig schwankenden Gestalten plötzlich den Verrina der Internationale spielen wollen— ich gehe zu Hindenburg.“— Dazu bemerkt die Leipz. Volksztg.:„Der Sozialist geht zum Hindenburg— damit ist die Entwicklung senes Flügels der Partel, den Heilmann vertritt, allerdings trefflich gekenn zeichnet. Der alte genuesische Republikaner Verrina(aus dem Schillerschen Drama„Fiesco“) geht zum Andreas, zum Dogen, dem Vertreter des persönlichen Regiments, weil er am Republikanis⸗ mus der Genuesen verzweifelt. Sein Gang ist die Bankerott⸗ erklärung des Republikanertums. Heilmann(der seinen Schiller nicht mehr gut im Kopfe gehabt hat und daher den Verrina irr⸗ tümlich sich selbst gegenüberstellt) und seine Richtung gehen zu Hindenburg, weil sie an der Internationale verzweifeln. Bloß an der Internationale? Uns scheint, daß da noch mehr in die Bankerottmasse geworfen wird.“— Uns hat es schon lange ge— wundert, daß Heilmann bei den Chemnitzer Parteigenossen nicht auf heftigsten Widerspruch gestoßen ist, zumal Chemnitz doch eine alte Hochburg der Partei ist... — Von den Pilzen. In den Wäldern Oberhessens und des be— nachbarten preußischen Gebietes sind Pilze in großer Menge vor⸗ handen, darunter eine nicht geringe Anzahl eßbarer Sorten. Den bekanntesten Edelpilz, den Steinpilz, trifft man nicht sehr häufig, stark ist aber der Reitzker oder Pfefferling, auch Eier⸗ schwamm genannt, verbreitet. Zahlreich finden wir auch den Champignon auf den Wiesengründen und dem Brachlande. Diese beiden Pilzarten sind sehr wohlschmeckend. In unserer Gegend legt man im allgemeinen dem Pilzgenuß nicht viel Wert bei, verhältnismäßig wenig Leute sammeln Pilze, es werden daher auch nicht viel auf dem Markte angeboten. Das mag zum größten Teil auf Unkenntnis der Pilzarten beruhen; man fürchtet sich vor Vergiftung und das auch nicht ohne Grund. Und doch sind Pilze ein recht schmackhaftes Essen, das man sich auch im Winter leisten kann; wenn man sich jetzt einen Vorrat trocknet.— Im allgemeimen bestehen Pilze zu Neungehnteln aus Wasser; von dem verbleibenden Rest ist ungefähr 4 für den Menschen aus⸗ nutzbares Eiweiß. 1 Kilogramm frische Pilze enthält ebensoviel verdauliches Eiweiß wie 100 Gramm frisches Fleisch. Neben dem Eiweiß kommen geringe Mengen Fett, lösliche und unlösliche Kohle⸗ hydrate, Salze sowie phosphorhaltige Bestandteile für die Beur⸗ teilung des Genußmittels der Pilze in Betracht. Bei der Verwen⸗ dung der eßbaven Pilze in der Küche schreiben die besten Zuberei⸗ tungsweisen Garkochen in Fleischbrühe vor. Nur selten werden Pilze durch weitere Zutaten genossen; meist werden sie mit Fett, Mehl, Eiern und dergleichen zubereitet. Die edleren Pilze, wie Trüffeln, Champignons, Morcheln, dienen vorzugsweise als Wülrze. Als Volksnahrungsmittel kommen hauptsächlich Steinpilze, Pfeffer⸗ linge, im Betracht. . dach bie eßbaren Pilze konnen gie perten men 288 douben sind. Da Pilze rasch 8 4 2 8 muß am bald nach dem Einsammolm zu. Das Trocknen ee 13 lichst. vasch am Ofen oder an der Sonne geschehen, il tet. Fr gie entweder auf eine Schnur oder auf Herden ausbrei h icht wel 0010 verwende man nur frische Pilze, deren Fleisch wässerig oder schlüpfrig ist. a 12545 0 Vor 1 bite man sich vor giftigen Pilzen,— Gesahr der giftigen Pilze wird vielfach unterschätzt. Es 11 71 werden, daß es im allgemeinen Erkennungsmerkmale ff Pilze nicht gibt. Man hat weder in dem e von, saft noch in der lebhaften Farbe oder der klebrigen Best 5— des Hutes ein Merkmal, Giftpilze zu erkennen. Auch eine ö kochte Zwiebel oder ein in das Pilsgericht eingetauchter 1 7 1 5 Löffel verrät durchaus nicht die Anwesenheit eines Giftwpi b Per Lochtopf. Allein die genaue Kenntnis eßbarer und giftiger schützt vor Unglück. 5 8 eine Darmstädter Hen ehe gegen b 3 ging. In Darmstädter Blättern lesen wir: 9 00 Wochenmarkte gab eine Käuferin ihrer Entrsütstung 11 80 die un⸗ verschämten Forderungen einer Gemilsehändlerin handgreiflichen Ausdruck, indem sie den Gegenstand des Handels, einen 5 Karotten, ergriff und es der Händlerin um die Ohren schlug. ö Publikum zollte lebhaft Beifall. 0 Wie die Verordnung des Bundesrats über den Aushang von Lebensmittelpreisen umgangen wird, zeigte sich auf dem letzten Wochenmarkte in Wurzen. Darüber wird berichtet: Es waren zwar die Preise auf den Aushängen einzelner Händler und Pro⸗ duzenten von Nahrungsmitteln verzeichnet, aber derart, daß von einer Uebersicht oder einem bestimmten Preis nicht zu reden war. Man hatte einfach geschrieben: Bohnen 1 Pfund 10—40 Pfg. Kraut 10—60 Pfg. usw. Wollte man nun die billigere Ware sehen oder haben, so hieß es allgemein:„Die ist alle!“ und das gleich zu Beginn des Marktes. Es schien fast so, als hätten die Händler sich untereinander besprochen, denn auf die verwunderte Frage, warum die Preise nicht genauer bezeichnet wären, erhielt man bei allen die Antwort:„Ich kann verkaufen wie ich will, nur gehe nicht über den angebenen Höchstpreis.“ Diese Höchstpreise w aber allgemein gefordert und sind nicht in Einklang mit der stellung zu bringen; es waren wirkliche Wucherpreise. Es ist nur zu begreiflich, daß eine tiefgehende Erregung unter den— 5— Platz gegriffen hatte über ein solches Gebaren. Verwunde muß es aber erregen, daß die Behörden diese ungenauen Preis verzeichnisse unterstempelt haben. 2 Die Kupserbeschlagnahme trifft auch Haushaltungen und eigentlmer. Im Publikum herrscht noch vielfach die Meinung, die Anmeldung von Kupfer, Messing und Nickel nur Groß⸗ betriebe angehe. Die Bekanntmachung richtet sich jedoch auch aus⸗ drücklich an Haushaltungen 15 175 1 15 10 5 1 7 1 die Kupfergeschirre, Waschkessel aus Kupfer, Ka serolen, fi alles Kupfergeschler, Fruchtkocher, Pfannen, Kühler, Schüsselnn uw. anzugeben haben. Mit der Durchführung der Verordnung wird städtische Behörde beauftragt. Diese wird die Ausführungs bestümmungen erlassen. Die Bekanntmachung hat verschledene Zwei⸗ felsfvagen aufkommen lassen. Der Tag löst diese so: Es handelt sich bet der jetzigen„Beschlagnahme“ um Wirtschaftgegen⸗ stände, Geschirre für Küchen und Vackstuben, Koch⸗ und 2 richtungen aus Kupfer, Messing, Roinnickel und Kupferlegierungen, wie Rotguß, Tombak und Bronze. Kunstgegenstände und kunst⸗ gewerbliche Gegenstände, wie z. B. Tafelaufsätze, Wandteller, Be⸗ leuchtungskörper aus den eben genannten Metallen, unterliegen nicht der Beschlagnahme, da bei einem kunstgewerblichen der durch die Verordnung festgesetzte Uebernahmepreis weit dem wirklichen Wert der Gegenstände stehen und eine Best⸗ der kunstgewerblichen Gegenstände zu einer Fülle von Be gesuchen auf Grund des§ 4 der Verordnung führen würde. keinen Zweifel aufkommen zu lassen, welche Gegenstände unter Verordnung fallen, führt 8 2 der Ausführungsbestimmmungen fol Gegenstände namentlich auf, die der Beschlagnahme 81 liegen: Tee⸗, Kaffee⸗ und Milchkannen, Kaffee⸗ und Teer 1 Zuckerdosen, Teeglashalter, Menagen, Messerbänke, Zahl gestelle, Tafelaufsätze jeder Art, Tafelgeschirve(von denen f. Servierbretter gemäß der Verordnung betroffen werden), service, Säulenwagen, Speiseschränke, Schanktischarmaturen, Bade⸗ öfen— mit einem Wort: die einfachen Wirtschaftsgegenstände wer⸗ den betroffen, die kunstgewerblichen nicht. Natiirlich kann beß der, jetzigen freiwilligen Ablieferung gegen Barzahlung jeder von seinem in pee Kupfer⸗, Messing⸗ oder Nickelgegenständen bringen, was ihm beliebt. 15 Landesverteilungsstelle für Futtermittel. Bekanntlich sind fol⸗ gende Futtermittel beschlagnahmt: Hafer, Ge rste, zucker haltige Futtermittel, Kleie und Kraftfutter⸗ mittel. Die Verteilung dieser Futtermittel auf die Bundesstaagten des Deutschen Resches erfolgt durch die Reichs futtermittelstelle in Berlin. Im Großherzogtum bird die weitere Verteilung des Hafers durch die Kom, 0 bände, die der übrigen Futtermittel durch die Landes ver teilungsstelle für Futtermittel in Darm stadt vor⸗ genommen. ö der Viehstand maßgebend. Ausführende Geschäftstelle der Landes⸗ verteilungsstelle ist die Zentralgenossenschaft der hessischen landwert⸗ schaftlichen Konsumvereine in Darmstadt. Sie versendet die zuge⸗ wiesenen Futtermittel an die in allen Gemeinden des Landes ö teten örtlichen Verteilungsstellen. Als sosche sind i der Regel die Großh. Bürgermeistereien oder eine Genossenschaft be⸗ stimmt.— Die Bestellung und Versendung der W sich wie folgt: Die Viehhalter einer Gemeinde werden von der ört⸗ lichen Verteilungsstelle aufgefordert, bei ihr den Bedarf an Futter⸗ mitteln anzumelden. Die örtliche Verteilungsstelle gibt diefe Be⸗ stellung für die Gemeinde im ganzen an die Landesverteilungsstelle ab, die dann auf Grund der vorhandenen Futtermittelmengen zu be⸗ schließen hat, wieviel von den Futtermitteln den eingelnen Gemein⸗ den zugewiesen werden kann. Diese Mengen sendet die Zentral⸗ genossenschaft an die örtlichen Verteilungsstellen, die dann ihrerseits eine Verteilung unter die Besteller vornehmen. Die Lamdesver⸗ teflungsstelle oder die Zentralgenossenschaft können Bestellungem ein⸗ zelner Viehhalter nicht entgegennehmen. Bestellung und Lieferung können vielmehr nur durch die Vermittlung der örtlichen Ver⸗ tetlungsstellen erfolgen.— Wegen des Bedarfs an Hafer haben sich die Pferdebesitzer an die Kommunalverbände zu wenden. Kreis Friedberg⸗Büdingen. Bad⸗Nauheim, 8. Aug. Bis zum 5. August 1915 ind 15 250 Kurgäste angekommen. Bäder wurden bis zum 5. Aug 1915 187 626 abgegeben. Kreis Weglar. „„Sehr altertümlich mutet eine Bekanntm welche dieser Tage vom Regie rungspräsidenten in 1 77 a er wurde. Es wird darin bekannt gegeben, daß die füörstlichen 2 8 Solms⸗Braunfels und Solms⸗Hohensolms⸗Lich und die gräflichen Häuser Solms⸗Rödelheim, Solms-Laubach und Solms⸗Wildenfels die„durch die Gnade Gottes bestehen und noch blühen und untereim⸗ ander durch die Bande des Bluts, gemeinfame Rechte und Freundschaft von altersher vereinigt sind“, mit„Fürstlich und lich Solms'sche. Häuser erneute Erb⸗ u nd Bruderver⸗ eintgung geschlossen haben“. 8 Von Nah und Fern. Der gefangene Franzose als Lebensretter. i burg berichtet wird, hat ein französischer Kvi 50„ dem Gut Rothof als landwirbschaftlicher Arbeiter b. 8991— de 1 3 jährige welzers Hötze in den Brummen. wanzase kletterte am 8 neurohr hinab und hielt den Knaben f. i Wasser. 5 weitere Hilfe Nee„ 0 Für die Zuweisung der Futtermittel ist in erster Diuiee Ae. des Tr Arnreit FSH SSS FSS GSE eren ne SA dtr. * * Tine n — Telegramme. Tagesbericht des Gute Hauptquartiers. Vorwärts in Kurland und über den Narew. Das innere Warschau von den Russen aus Rache beschossen. W. B. Großes Hauptquartier, 6. Aug., vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Der Kampf am Lingekopf und süblich dauert noch an. 8 5 Durch unsere Abwehrgeschütze wurden 4 feindliche Flug- zeuge zum Landen gezwungen. Eins davon verbrannte, eines wurde zerschossen. 155 Au der Küste fiel ein französisches Wasserflugzeug mit seinen Insassen in unsere Hand. Oestlicher Kriegsschauplatz. In Kurland fanden in der Gegen von Popel(60 Kilometer südöstlich von Poniewicz) und bei Kowarsk und Kurklo südöstlich von Wilko mierz) für uns er⸗ folgreiche Kämpfe statt. An der Narewfront südlich von Lo msha machten die deutschen Armeen trotz hartnäckigem Widerstande der Russen weitere Fortschritte. Zwischen Bugmündung und Nasielsk durch— stießen Einschließungstruppen von Nowo⸗Georgiewsk eine jeindliche Stellung südlich von Blondostow und drangen gegen den oberen Narew vor. Unser Luftschiffgeschwader belegte die Bahnhofsanlagen bon Bialystok mit Bomben. Wie in dem gestrigen Tagesberichte erwähnt, hatten die Russen, nachdem sie aus der äußeren und inneren Fortslinie vonWarschau geworfen waren, ohne daß die Stadt irgend— wie in Mitleidenschaft gezogen war, diese geräumt und waren nach Praga auf das rechte Weichselufer zurückge⸗ wichen. Von dort aus beschießen sie seit gestern morgen das Stadtinnere Warschaus stark mit Artillerie und Infanterie. Besonders scheinen die Russen es auf die Zerstörung des alten polnischen Königsschlosses-abgesehen zu haben. Unseren Trup- pen wird in einer Stadt von der Größze Warschaus natürlich durch solches Streufeuer kein Schaden zugefügt. Man wird hiernach nicht gut die russische Behauptung glauben können, daß die Räumung der polnischen Hauptstadt aus Schonungs⸗ cücksichten erfolgt sei. Südöstlicher Kriegsschauplatz Unsere über die Weichsel vorgedrungenen Truppen nahmen einige feindliche Stellungen. Feindlich Gegen— angriffe blieben erfolglos. Die Armeen des Generalfeldmarschalls v. Mackensen setzten den Verfolgungskampf fort. Nordöstlich von No wo⸗ Alexandria wurde der Gegner von österreichisch-ungari⸗ chen Truppen, bei Sawin(nördlich von Cholm) von deutschen Truppen aus seinen Stellungen geworfen. Oberste Heeresleitung. 8 Der österreichisch⸗ungarische Tages bericht Fortschritte nordwestlich Iwangorod. Fruchtlose italienische Angriffe. Wien, 6. August.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: 6. August 1915, mittags. NRussischer Kriegsschauplagtz. Norbwestlich Zwangorod machten unsere Fortschritte. Zwischen Weichsel und Bug dauern die Versolgungskämpfe an. In Ostgalizien ist die Lage unverändert. Jtalienischer Kriegsschauplatz. Die täglich wiederkehrenden Angriffsversuche und vereinzelten Vorstöße der Italiener enden für sie stets mit einem vollen Nißerfolg. Wie die italienische Infanterie zum Angriff an⸗ setzt, wird sie entweder schon durch unser Geschüßfeuer zurückge⸗ lrieben oder, wenn sie diesem standhält, durch unsere tapfere In⸗ fanterie unter großen Verlusten geworfen. Auch die durch den Feind geübte gründlichste und stärkste Artillerievorbereitung ver⸗ mag an diesem Verlauf der Begebenheiten nichts zu ändern. So scheiterten in der Nacht zum 5. und gestern mehrere An⸗ griffe, einer, der von Sagrado ausgeführt wurde, einer gegen die Höhe von Podgora, wo das Augriffsfeld mit italieni⸗ schen Leichen bedeckt ist. Ebenso waren feindliche Vorstöße im Plava⸗Abschnitt und im Krngebiet erfolglos. Ein der Ar⸗ tilleriebeobachtung dienender italienischer Fesselballon wurde bei Monfaleone herabgeholt. In den karnischen Alpen haben unsere Truppen in der Gegend des Monte Paralba einige günstige Höhenstellungen auf italie⸗ nischem Gebiet besetzt. 4 5 An der Tiroler Front wurde der Augriff eines feindlichen Bataillons gegen den Col di Lana(Buchenstein) abgewiesen. Eine unserer Patrouillen übersiel in einem italienischen Seitentale des Ortlergebietes eine Halbkompagnie des Feindes und brachte ihr erhebliche Verluste bei. * Der Stellvertreter bes Chefs des Generalstabes. von Höfer, Feld marschallentnant. Versenkung eines italienischen U-Boots. Ein italienisches Luftschiff heruntergeholt. Wien, 6. August.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: Eines Unserer Unterseeboote hat gestern früh ein italieni⸗ sches Unter feeboot Typ„Nautilus“ bei Pelagosa anlanciert und versenkt. Das italienische Luftschiff„Citta di Jesi“ wurde um act 5. 1 den 6. August bei einem Ver⸗ suche, über den Hafen von Pola zu fliegen, durch Schrapnell⸗ feuer heruntergeholt, bevor es irgend einen Schaden an⸗ richten konnte. Die gesamte Bemannung, bestehend aus drei See⸗ offizieren, einem Maschinisten und. wurde gefangen. 5 i a gebracht. Das Luftschiff wurde nach Pola g 3701%% Wien, 6. August. Das versenkte italienische Unterseeboot vom Typ„Nautilus“ ist eine Unterseewafse jüngsten Datums. Das Schiff stammt aus dem Jahre 1913, hat eine Länge von 41 Metern und eine Schnelligkeit von 14 Knoten über und 9 Knoten unter Wasser. Die Besatzung betrug 17 Mann. Ein Schwesternfahrzeug Verbündelen Der gefährdete russische Rückzug. Der B. Z. wird aus dem K. und K. Kriegspressequartier vom Berichterstatter Lennhof geschrieben: Die Sümpfe im Rücken der russischen Armee sind infolge starker Niederschläge ständig im Wachsen begriffen, der Rückzug gestaltet sich in— folgedessen sehr schwierig. Die Russen unternehmen deshalb auch immer wieder verzweifelte Gegenstöße, die den Vormarsch der Verbündeten aufhalten sollen, damit der Gegner viel Material abtransportieren kann. Das Ergebnis führt ledig— lich zu nutzlosem Opfern der Nachhuten. Der Einzug in Warschau. Einem Warschauer Telegramm der Kölnischen Zeitung zufolge erlitten die Deutschen keine übermäßigen Verluste, jedoch kann von einer freiwilligen Uebergabe Warschaus keine Rede sein. Die Russen wurden regelrecht von den deutschen Truppen hinausgeschlagen. Die Russen sprengten alle großen Weichselbrücken. Beim Einzuge der Truppen bemächtigte sich der Bevölkerung ein geradezu rauschartiger Freudenzustand. Alles drängte auf die Marschstraße zusammen und jubelte den singend ein— ziehenden Regimentern zu. Erst später änderte sich das pracht⸗ volle Einzugsbild, als sich ein kräftiges Nachhutgefecht ent— wickelte. Während der Kampflärm vom Weichselgelände her⸗ wogte, flutete die Volksmenge durch die Stadt, die mit dem Einzug der Deutschen ihre große Sensation bekommen hat. Wie man die Franzosen unterrichtet. T. U. Genf, 6. Aug. In kleinster Schrift zwischen Depeschen über den Hagelschlag in Slidfrankreich, den Lissaboner Kammer⸗ skandalen teilt die Paxiser Boulevardpresse in den Schaufenstern mit: Der von der russischen Heeresleitung allgemein zum Vorteil der gesamten Verteidigung beschlossene Verzicht auf Warschau ist zur Tatsache geworden. Die zeitweilige Bezwingung durch die deutsche Soldateska ist strategisch bedeutungslos. Wegen ironischen Bemerkungen wurden drei Straßenpassanten verhaftet. Poincaré an„sein Volk.“ Der Präsident der französischen Republik, Herr Poincaré, dem schon bei seiner Wahl zum Präsidenten nachgesagt wurde, daß er einer kriegerischen Politik geneigt sei und dessen Er⸗ wählung aus diesem Grunde von den Sozialisten und Radikalen bekämpft und von den Reaktionären aller Schattierungen gefördert wurde, hat zum Jahrestage des Kriegsbeginns eine Botschaft an das französische Parlament gerichtet. Auch sie ist im großen und ganzen auf die Parole „Durchhalten bis zum Siege“ gestimmt und wenn man von einigen Ausführungen absieht, die mehr dem französischen Temperament und der Notwendigkeit, die Truppen zu be⸗ geistern, als dem Suchen nach der geschichtlichen Wahrheit zuzuschreiben sind, so könnte man fast sagen, daß die Botschaft des Präsidenten so ungefähr das Normalmaß dessen innehalte, was in einem kriegführenden Lande eben angebracht ist. Aber da stößt man in dem Manifest auf einen Satz, der wieder einmal so recht bezeichnend ist dafür, daß die französi⸗ schen Machthaber entweder der Wahrheit nicht die Ehre geben wollen oder unheilbar verrannt und verblendet sind. Da heißt es nämlich: Die Armee... weiß, daß von dem Siege Frankreichs und seiner Verbündeten die Zukunft unserer Zivilisation und das Schicksalder Menschheit abhängig ist. Das heißt also, daß die Zukunft unserer Zivilisation und das Schicksal der Menschheit bedroht wären, wenn Deutsch— land und Oesterreich-Ungarn nicht besiegt würden. Hert Poincaré behauptet allen Ernstes, daß ein Sieg der Deutschen, Oesterreicher, Ungarn und Türken die Zivilisation bedrohen würde, deren Schutz und Zukunft er vertrauensvoll in die Hände der Senegalneger, der Marokkaner, der algerischen Schützen, der Hindu und— als letzte, nicht als schlechteste— der Kosaken, Baschkiren und Kalmüken legt.... Bei diesem Wahnsinn kann man schon nicht mehr sagen, daß er Methode hat. Selbst ein italienisches Blatt, allerdings der tapfer kämpfende Avanti, hat in seinem Jahresrückblick an erkannt, daß Deutschland und Oesterreich-Ungarn einen Ver⸗ teidigungskrieg führen. Der deutsche Kaiser hat in seinem Manifest sein Wort bekräftigt, daß Deutschland nicht auf Er⸗ oberungen ausgehe. Man braucht nur die materielle Kultur und die Schulbildung, die Volksgesundheit und den Verkehr Deutschlands mit den Zuständen auf den gleichen Gebieten in Rußland, aber auch in England und selbst in Frankreich zu vergleichen, um ernstlich daran zu zweifeln, daß Herrn Poincarés Phrasen in den französischen Schützengräben tieferen Eindruck machen werden. Die Italiener mögen nicht an die Dardanellen gehen. Wie der Vertreter des Blattes in Mailand aus privater Quelle erfährt, besteht in Italien wenig Stimmung für eine Teilnahme an der Dardanellenaktion. Die Bemühungen der Presse, durch stete Hinweise auf die türkische Feindseligkeit eine Erregung gegen die Türken im Volke hervorzurufen, fruchteten bisher wenig. Solange Cadorna vom österreichischen Kriegsschauplatz keinen abschließenden Erfolg zu melden hat, wird es der Regierung kaum geraten erscheinen, dem Volke die sauren Trauben darzubieten. Der U⸗Bootkrieg. T. U. Amsterdam, 6. Aug. Nach einer Reutermeldung wurde der Fischdampfer„Grinbarian“ in den Grund gebohrt. In der am 4. August zu Ende gegangenen Woche sind sechs englische Handelsschiffe und neun Fischerfahrzeuge durch Unterseeboote in den Grund gebohrt worden. Ein Fischer⸗ fahrzeug ist auf eine Mine geraten. 1453 Schiffe sind in den Häfen des vereinigten Königreiches eingegangen, bezw. aus⸗ gelaufen. Angriff eines deutschen U-Bootes im Mittelmeer. Genf, 6. Aug. Der Pariser Matin vermutet, daß sich im Mittelmeer ein deutsches Unterseeboot befindet, das am 1. August bei Algier einen Angriff auf einen mit dem Schutz der afrikanischen Küsten beauftragten Hilfskreuzer und am folgenden Tage bei Kap Matifou auf ein Handelsschiff unter⸗ Zum Luftangriff auf Belgrad. T. U. Wien, 6. Aug. Beim flingsten Angriff österreichisch⸗ ungarischer Flieger auf Belgrad wurde durch Bombenwürse der Hauptbahnhof in Brand gesetzt und brannte vollständin nieder Auch die Schiffswerft geriet in Brand, ferner wurde das Baracken lager im Süden getrofsen. Rumänien vor der Entscheidung. Der Kampf um die Beeinflussung Rumäniens zugunsten oder Ungunsten der Zentralmüchte bezw. des Vierverbandes stellt sich schon seit Monaten nur noch in dem Verhältmis von Einnahme und Ausgabe bei den bedeutendsten Politikern des Landes dar. Die Einzelheiten, die darüber jetzt in den rumänischen Volksverf lungen und in der ganzen Presse der Welt vorgeführt werden, ent⸗ hüllen Bilder, die an die schönsten Opevettenerfindungen der Vorzeit erinnern, wenn sie nicht einen so bitteren Beigeschmack und einen so verteufelt ernsten Hintergrund hätten. Wir erfahren, daß ge⸗ wesene und amtierende Mimister von jedem Waggon den sie zur Ausfuhr freilseßen, eine persönliche Rente bekommen, auch alle möglichen Varianten werden be kammt. Selbst⸗ verständlich ist die Presse dort mit ganz wenigen Ausnahmen eine Senkgrube politischer Korruption und für sie fließt ein besonderer Goldstrom nach Rumämien hinein. Die Be⸗ amten des Steuer⸗ und Zollwesens sollen in diesem Kriegsjahr ihr Gehalt nur noch als Taschengeld betrachten und riesenhafte Ein⸗ künfte aus den Bestechungsgeldern bezogen hal Die Millionäre schießen infolgedessen gegenwärtig in Rumänien in die Höhe wie die Pilze nach einem befruchtenden Regen. Es sind besonders Ru ß⸗ land und England, die sich für die Entscheidung Rumäniens zu 12 75 Gunsten keine Forderung und keine Bestechung zu hoch werden assen. a Es ist auch kein Geheimnis, daß die Zentralmächte, Deutschland und Oesterreich⸗Ungarn, ebenfalls in diesen kapitalistischen Hexen⸗ kessel ihre— Opferpfennige werfen mußten, wenn sie im dem Wettlausen um die Gunst der rumänischen Politiker und Presse nicht ganz zu sehr ins Hintertreffen kommen wollten. Erfreulicherweise ist das in den letzten Wochen wesentlich anders geworden. Die Zentralmächte zeigen jetzt, daß sie Rumänien wirtschaftlich s e schwer treffen können, daß alles Geschwätz und alle Beein⸗ flussung der bestochenen Politiker und Presse diese Tatsache nicht aus der Welt schassen können. Oesterreich⸗Ungarn hat im Einverständ⸗ mis mit Deutschland nämlich ein Einfuhrverbot für rumänisches Ge⸗ treide und rumänisches Petroleum erlassen und damit nicht nur die rumänischen Spekulanten in diesen Punkten, sondern die ganze ru⸗ mänische Volkswirtschaft auf das empfindlichste getroffen. Die Oel⸗ reservoire drohen durch die Ueberfülle ihres Inhalts gesprengt zu werden und die Getreidespeicher können die neue Ernte nicht mehr aufnehmen. Diese Schätze müssen demnach in ihrem eigenen Ueber fluß zu Grunde gehen, denn es gibt zurzeit keine andere Absatzmög⸗ den Westen, das heißt über Oesterreich⸗Unga⸗ schland. Rußland hat sowohl Petroleum wie Getreide braucht nichts zu kaufen und die Dardanellen, die an⸗ dere Zufuhrstvaße nach dem Westen, sind gesperrt. Es zeigt sich jetzt jeden Tag mehr, wie diese wirtschaftliche Ein⸗ kreisung durch die deutsch⸗österreichischen Zollmaßnahmen weit zwingender wirkt, als die Bestechungen und sonstigen Beeinflussun⸗ gen der rumänischen Politik und Presse. Die Großgrundbesitzer, die in dem agrarischen Rumänien eine besondere politische Macht dar⸗ stellen, erheben sich als Erzeuger der gefährdeten Erdschätze und die Masse des Volkes erhebt sich als Arbeiter und Verbraucher. Die rumänische Regierung wird sich also entscheiden müssen. Vereinskalender. Samstag, 7. August. g Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei B. Wacker. Sonntag, 8. August. Gießen. Tabakarbeiter⸗ Verband. Uhr Mitgliederversammlung im Gewerkschaftshause. Montag, 9. August. Gießen. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung im Gewerkschaftshaus. Von den Apotheken in Giessen ist am Sonntag, den 8. August von 3 Uhr nachmittags an und die Nacht hindurch geöffnet die Pelikan- Apotheke. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. 5 Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. Nachmittags 3 Verstorbene. Wilhelm Weimer in Alten⸗Buseck, 20 Jahre alt.— Frau Anna Muth in Gießen. 3 verleiht ein zartes reines Gesicht, rosiges ud ein blendend schöner Teint.— Alles 1 Aussehen ies erzeust die echte Steckenpferd Seife (die beste Lilienmilchseife), von Bergmann& Co., à Stück 50 Pfg. Ferner macht der Cream„Dada“(Lilienmileh- Cream) rote und sprõde Haut weiß und sammetweich. Tube 50 PI Martin Krug, Gießen Schulstraße 5 Zigarren ⸗Spezial⸗Geschäft empfiehlt seine aus rein überseeischen Tabaken hergestellten Fabrikate bestens Zigaretten u. Zigarillos, Rauch⸗, Kau⸗ 1. Schuupftabale. fiheumalismus-, Ischias- und Gichtleidende nehmen die glänzend bewährten Petrin⸗ Tabletten Name gesetzlich geschützt anerkannt bestes Mittel, da vollständig unschädlich. ohne jegliche Nebenerscheinungen und sicher wirkend.— Zu haben in allen Apotheken. 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