5 ständliche Verteidigung des Vaterlandes berhessische Organ für die Interessen fözeitung des werktätigen Volles der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberhessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1. 80 Mt. Redaktion und Expedition Giessen, Bahnhofstraßse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. — Juserate kosten die b mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 179 Gießen, Dienstag, den 3. August 1915 10. Jahrgang. Warschau vor dem —* 2 Der Jahrestag und die Presse. Die Blätter aller Parteien Deutschlands sind mit Jahresbe— trachtungen angefüllt über das Ergebnis des Krieges draußen auf dem Felde und innen in der Heimat. Ueber die militärischen Er— folge zu Lande und Wasser sind die Parteien ohne Unterschied einer Meinung. Mit Recht sind wir alle voller Stolz über die Leist⸗ ungen unserer Heere, unserer Marine, über die Leistungen der Hunderttausende, die für den Schutz des Vaterlandes ihr Leben ge— opfert haben und noch im heißen Kampfe opfern müssen. ö Sehr viel anders sind die Anschauungen über das Er⸗ gebnis des Jahres für die innere Politik und die Andeut⸗ ungen über die Zukunft des inneren Deutschlands. Wir finden in der Kreuzzeitung einen spaltenlangen Artikel eines in den weitesten Kreisen unbekannten Herrn Gontermann, der voll religiöser Inbrunst davor warnt,„allerlei Forderungen, die sich heute schon trotz des Burgfriedens an die Oeffentlichkeit wagen und deren grundstürzende Tendenz schlecht verhüllt wird“, ver— wirklichen zu helfen. Er sieht die Rettung allein im Beten und in der ältesten Art der preußischen Bureaukratie. Er will das Volk deshalb nicht nur von neuem, sondern auch verstärkt zu seine im Gott zurückgeführt sehen und verdammt alle, die ihm nicht zu— stimmen. Sehr viel anders klingt es schon aus den Auslassungen des Führers der konservativen Partei, des Herrn v. Heyde— brand, der sich zwar auch nicht den neuen Forderungen unbe— dingt hingibt, aber doch Rücksicht und Verantwortlichkeitsgefühl genug besitzt, um die Leistungen dieser Zeit nicht spurlos an sich vorübergehen zu lassen. Viel deutlicher und sympathischer tönt es natürlich, je mehr man sich auf der Linie der Parteien der Linken nähert. Schon bei den Nationalliberalen sind bemerkenswerte Zeugnisse ans Licht gekommen, die für eine tiefere Einsicht in die Forderungen der Gegenwart und Zukunft sprechen. Der Abgeordnete Dr. Böhme veröffentlicht so einen höchst verständigen Artikel über den monarchischen Gedanken und den Krieg, in dem er gerade heraus fordert, das Bekenntnis zur Monarchie, das einige Ultra— konservative bekanntlich erneut in den Katechismus der Zukunft aufnehmen möchten, möglichst aus dem Spiel zu lassen. Er frägt mit Recht, welchen Eindruck es machen würde, wenn jemand, der etwa auch nach dem Kriege, weil er zur Sozialdemokratie gehört, als vaterlandslos bezeichnet würde, dann mit dem Eisernen Kreuz geschmückt vor dem stehen würde, der ihn also brandmarken will und der vielleicht nicht in der Lage war, dem Vaterlande solchen Waffendienst zu leisten; jeder, der etwas der— artiges versuchen wollte, schreibt Dr. Böhme wörtlich, würde scheitern, sich wahrscheinlich lächerlich machen und auf alle Fälle die Monarchie schädigen, anstatt ihr zu nützen. Mit gleicher Deutlichkeit wendet er sich gegen die Gefahr, die er in einem irgendwie tendenziös gefärbten Geschichtsunterricht der Zukunft sieht. Er weiß, wieviel hier gesündigt wurde und hofft für die Zukunft, daß auf diesem Gebiet gründliche Besser— ungen und Aenderungen vorgenommen werden. Ausgezeichnet ist dann aber ein Artikel des einen Führers der nationalliberalen Partei, des Abg. Dr. Schiffer. Er be⸗ schäftigt sich sachlich und zurückhaltend mit den militärischen Er⸗ folgen, aber voll Kraft und Klarheit mit der Zukunft unserer inneren Politik. Er rühmt die neuen Werte, die der Kampf für das Vaterland im Inneren geschaffen habe und er fordert, daß sie auch für die Zukunft nicht unverloren sein sollen. Mit scharser Ironie wendet er sich gegen diejenigen Politiker, die zwar energisch auf die Flaumacher in militärischen Angelegenheiten schimpfen, aber selbst die größten Flaumacher gegen neue Er⸗ scheinungen und Forderungen für die innere Politik sind. Es ist zweifellos, daß Dr. Schisser hier nicht zuletzt seine eigenen engeren Parteigenossen im Auge hat. Sehr treffend bemerkt er, daß Leute, die die Grenzen unseres Volkstums nach außen nicht weit genug vorschieben können, gegen ihre Erweiterung im Innern voller Bedenken sind. Das ist eine Kennzeichnung, die zugleich die Forderung nach Erweiterung der Rechte des Volkes im Innern enthält, die wir an unserem Teil nur auf das Lebhafteste be— grüßen können. Die Sozialdemokratie bleibt all diesen Betrachtungen gegenüber verhältnismäßig kühl. Sie verlangt für die selbstver⸗ i leine Belohnung, aber sie verlangt auch die Selbstverständlichkeit der Gleichheit aller vor dem Gesetz und in der inneren Verwaltung. Sie fühlt sich stark genug, gerade in der Zukunft diese Forderungen mit neuer Kraft, und wie wir hoffen, auch mit neuem und durch⸗ greifendem Erfolg zu vertreten. Dazu ist vor allem die Vermehrung ihrer eigenen Kraft notwendig, die in der Ge⸗ schlossenheit der Organisation, in dem Aus bau ihrer Presse, in der Aufklärung ihrer Mitglieder besteht. Hier setzen die eigensten Pflichten der Partei, der Ge⸗ werkschaften und der Genossenschaften ein. Jede dieser Organi⸗ sationen muß an ihrem Teile mit den anderen wetteifern, ihr bestes für die Zukunft zu leisten. Dann können wir voller Ver— trauen und Sicherheit in die neue Zeit hineingehen. * Warschau und Iwangorod offiziell aufgegeben! Die russische Heeresleitung hat durch den Invalid, ihr halbamtliches Organ, und durch die englischen Berichterstatter in Petersburg, die natürlich ihren Blättern nur das melden können, was ihnen die russischen Behörden mitteilen, der Welt verkündet, daß die Weichsellinie ge⸗ räumt, Warschau und Jwangorod aufgegeben und der Feind, wie vor hundert Jahren Napoleon, in die un— wirtliche Tiefe des russischen Landes gelockt werden solle. Wir wissen natürlich nicht, ob dies wirklich die Absicht des Großfürsten ist; die Ankündigung erfolgt so geräuschvoll, daß sie leicht auch zur Verschleierung anderer Pläne bestimmt sein könnte. Vielleicht will man aber wirklich die Verbündeten und die Russen selber auf eine Notwendigkeit vorbereiten, deren Erkenntnis aber der russischen Leitung wohl schon zu spät gekommen sein dürfte. Sie versteht sich zwar vorzüglich auf die Durchführung von Rückzügen, in denen sie seit dem ostasiatischen Krieg eine bemerkenswerte Uebung erlangt hatte. Wenn sie aber jetzt ihre Armee aus der gewaltigen Zange herausführen will, die sich von Norden und Süden her immer enger schließt, so wird sie dabei schwere Opfer bringen müssen, die in ihrer Bedeutung einer neuen großen Niederlage gleichkommen. Darin aber liegt der grund— legende Unterschied gegenüber der strategischen Lage, die der Zauderer Kutusow 1812 durch seinen Rückzug und die Preis— gabe Moskaus schaffen konnte. Natürlich ist ein Eindringen auf Hunderte von Kilometern in Feindesland bei den heutigen technischen Hilfsmitteln von vornherein etwas, was sich mit dem Zuge der großen Armee Napoleons kaum vergleichen läßt. Die deutschen Heere und ihre Verbündeten verfolgen aber einen Feind, der, im Gegensatz zu den Russen von 1812, schon mehrfach schwer geschlagen, dessen stärkste Verbände zer— schmettert oder schwer erschüttert, dessen moralische und wirt- schaftliche Hilfsmittel schon zum großen Teile verbraucht sind. Wenn daher auch der Entschluß zum Rückzuge, den die Russen der Welt mitteilen, wirklich gefaßt worden sein sollte, so kann er doch die strategische Lage nicht mehr bestimmen. Die ver— bündeten Heere sind stark genug, um jeder Form des Felo— zuges gewachsen zu sein— das Gesetz des Handelns wird trotz aller Proklamation nicht der Großfürst bestimmen, sondern Marschall Hindenburg. Englische Sorgen. „Warschau— Paris— Calais.“ Aus London wird der Frankf. Ztg. gemeldet: Der bevorstehende Fall von Warschau erregt in den eng— lischen Blättern eine kaum verhehlte Besorgnis, wenngleich man sich allgemein mit dem Gedanken zu trösten sucht, daß die russische Armee sich aus dem allgemeinen Débacle herausretten und daß es den Deutschen unmöglich sein werde, die russische Armee zu vernichten. Die größte Sorge bleibt jedoch, daß die Deutschen zahlreiche Truppen⸗ körper, die nun im Osten überflüssig werden, nach dem Westen bringen könnten, um dort die Linien zu durch— brechen. Die Daily Mail sagt: Die Deutschen sind dabei um ihre hauptsächlichste Beute gebracht worden, nämlich um die russischen Heere. Aber wir machen einen großen Fehler, wenn wir annehmen, daß Deutschland nicht jetzt mit Hoffnungen erfüllt wäre, sein Ziel zu erreichen. Dieses Ziel gilt drei Plätzen: nämlich Warschau, Paris und Calais, und sie stehen im Begriff, das erste Ziel zu erreichen, und noch mehr, sie sind der Ansicht, daß dies erste Ziel den Schlüssel zu den beiden anderen bildet. Sie werden die polnische Front, wenn Rußland zurückgetrieben worden ist, mit der Hälfte der vier oder fünf Millionen deutscher Truppen halten, die jetzt im Osten operieren, und sie berechnen, daß, wenn sie imstande sind, nicht nur einige Hunderttausend, sondern Millionen nach der Westfront zu bringen, sie in der Lage sein werden, diese zu brechen und sich einen Weg zu bahnen mit dem Feuer von Tausenden Kanonen nach ihren beiden anderen Zielen zu. Also Warschau berührt uns in England nahezu scharf. Die Daily Mail bespricht den letzten deutschen Tagesbericht, wonach die Eisenbahnlinie Lublin-Cholm erreicht worden ist und sagt wehmütig, daß noch vor zwei Tagen die russischen offiziell 2 en Tagesberichte mitgeteilt hätten, daß die Offensive nun in die Hände des Groß— fürsten übergegangen sei. Und nun sei die Schlacht endgültig verloren worden. Keine Offensive der Deutschen in Frankreich? T. U. Lausanne, 1. August. Die Revue ist der Meinung, daß die Deutschen in Frankreich keine, Offensive aufnehmen, bevor sie nicht in Rußland ein bestimmtes Ziel erreicht haben, um ohne Be⸗ denken Truppen abtransportieren zu können. Das Blatt glaubt jedoch, daß an der Westfront genügend deutsche Truppen stehen, die mit Unterstützung ausgezeichneter Artillexie nichts von einem allge— meinen Angriff der Alliierten zu befürchten haben. Die Arbeit der U-Boote. Reuter meldet aus London: Lloyds teilt mit: Ein Passagierdampfer der Leyland-Linie, der„Iberian“, ist durch ein Unterseeboot in den Grund gebohrt worden. Das Schiff wurde zunächst durch das Unterseeboot beschossen, dann wurde es torpediert und sank. 7 Personen sind getötet, 61 wurden gerettet. Calle? Meldung des Reuterschen Bureaus. Vier Fischer⸗ fahrzeuge aus Lowestoft sind von Unterseebooten ver⸗ senkt worden. Die Besatzungen wurden gelandet. Nach einem Lloydsbericht aus Wrath ist das norwegische Dampfschiff sTTrondhjemsfjord“ durch ein deutsches Unterseeboot in den Grund gebohrt. wurde gerettet. Reuter meldet aus London: Nach einem Lloydbericht ist das belgische Dampfschiff„Prince Albert“ auf eine Mine gestoßen. Die Besatzung wurde gerettet.„Prince Albert“ hatte 1820 Tonnen Inhalt und gehörte der Ozean⸗ Gesellschaft in Antwerpen. Deutsche Unterseeboote im Eismeer. Wie Aftenposten aus Hammerfest meldet, befinden sich einige deutsche Unterseebobote im Eismeer, das voll von Minen sein soll, die angeblich ein deutscher Dampfer ausgelegt hat. Durch Minen verunglückte Dampfer könne man täglich auf Land gesetzt sehen.— Bekanntlich führt der Weg nach Archangelsk am Nordkap vorbei. Ein feindlicher Torpedobootszerstörer gesunken. Konstantinopel, 1. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Zu⸗ verlässigen Privatnachrichten zufolge ist ein großer feindlicher Torpedobootszerstörer aus unbekannter Ursache im Schwarzen Meer auf der Höhe Keeken, östlich Schile, gesunken. Goremykin und die Duma. T. U. Bukarest, 1. Aug. Die Moldava meldet aus Peters⸗ burg: Ministerpräsident Goremykin erklärte den Partei führern, daß die Regierung die Verhandlungen der Duma, falls diese einen ihr nicht genehmen Charakter annehmen sollten, aufheben und die Duma auflösen werde. Die Stim⸗ mung in Rußland ist sehr gedrückt, es werden alle Maß⸗ nahmen getrofen, um revolutionäre Bewegungen im Keime ersticken zu können. Allerlei Russisches. Aus Petersburg wird mitgeteilt: In letzter Zeit erscheinen hier oft revolutionäre Auf⸗ rufe der russischen Sozialdemokratie. Starke Verbreitung fanden zwei Aufrufe des Organisationskomitees dieser Partei über die Ausrottung der Juden und über den Moskauer Pogrom; auch über die Aburteilung der sozialdemokratischen Dumadeputierten wurden mehrere Aufrufe verteilt. Die Regierung ist darüber in hohem Grade beunruhigt, besonder weil von der Partei die Arbeiter sustematisch zum Protestausstand aufgefordert werden, und nicht immer ohne Erfolg. Um diesem Treiben entgegenzuwirken, ließ die Regierung an allen größeren Fabriken einen Anschlag folgenden Inhalts aushängen: Die Proklamationen, die jetzt die Arbeiter zum Streik auf⸗ fordern, werden von Agenten Deutschlands angefertigt. Wir fordern die Arbeiter auf, jeden, der diese Aufrufe verteilt. der Polizei auszuliefern, um ihn einem Feldgericht zu übergeben Die älteren Arbeiter und alle, die schon länger in der Stadt leben, verstehen wohl, daß die Behauptung der Regierung eine freche Lüge ist, die jüngeren aber, besonders die erst unlängst vom Lande hergezogen sind, glauben und schimpfen auf die Deutschen. In den Maschinenfabriken werden jetzt auch Frauen beschäftigt. Sie bekommen den halben Lohn der Männer. Die Arbeiterinnen sind der Gewalt und den Gelüsten der Aufseher schutz⸗ los preisgegeben. Die liberalen Blätter füllen ihre Spalten mit Berichten über angebliche Vergewaltigungen von Frauen, die die deutschen Offiziere und Soldaten in den besetzten Gebieten begehen sollen, lassen aber die Verbrechen, die tagtäglich in Petersburg selbst in den Fabriken geschehen, völlig unerwähnt. Um das„patriotische Gefühl“ in den Massen zu heben, werden die Kriegsgefangenen bei ihrer Ankunft in Petersburg durch den Newski⸗Prospekt und andere große Straßen„spazieren“ geführt. Die Gefangenen sind zum Umfallen müde und abgequält und miissen stundenlang durch die Stadt marschieren. In den Viehwagen, in denen sie nach Petersburg gebracht werden, haben sie kaum Platz zum Stehen; die Reise gestaltet sich zu einer unbeschreiblichen Qual— und dazu noch die Schaustellung in den Straßen. Die Regierung er⸗ reicht aber dadurch gevade das Gegenteil von dem, was sie erstrebt: Der Anblick der Gefangenen vuft bei der Petersburger Bevölkerung das größte Mitleid hervor; weinend schauen ihnen die Frauen nach und tatsächlich ist fast jeder empört gegen eine Regierung, die devart unnötig die Gefangenen quält. Eine bulgarische Anleihe in Deutschland und Oesterreich⸗ Ungarn. Die unter der Führung der Diskontogesellschaft stehende große deutsche und österreichisch-ungarische Bankengruppe, der auch bel⸗ gische Banken angehören, hat der Kölntschen Zeitung zufolge, heute am 1. August trotz der sonstigen Ungunst der Kriegszeit die Option auf die erste Reihe von 250 Millionen Franes der bulgarischen 500 Millionen-Auleihe von 1914 ausgeübt. Es ist das ein sehr be merkenswertes Ereignis. Die Tatsache mag zunächst wirtschaftliche Bedeutung haben, indem sie beweist, daß die kriegerischen Wirre⸗ das seste Vertrauen zwischen den deutschen und österreich t“; ungarischen Geldgebern und den bulgarischen Geldnehmern erschüttern konnten. Wenn so vorsichtige Finanzleute, wie 9. leitenden Männer der Großbankengruppe in ruhiger Zukunft Die Besatzung * g 3 — 22 sicherheit Hunderte von Millionen ihnen anvertrauter Gelder jetzt außerhalb des Bundesgebietes in Bulgarien zu mäßigen Beding⸗ ungen anlegen, so ist das ein deutlicher Beweis unserer und un⸗ serer Verbündeten finanzieller Kraft und ein wertvoller Hinweis auf den Stand des wirtschaftlichen und politischen Barometers. Ueber die Einzelheiten der Option ist noch zu bemerken, daß die im Vorjahr ausgegebenen 120 Millionen Francs bulgarischer 7proz. Schatzscheine zum Kurse von 81.25 Mark für 100 Francs jetzt von der Bankengruppe für die Rechnung der bulgaxischen Re⸗ gierung bezahlt werden. Die von Bulgarien den französischen Banken geschuldeten Beträge(ohne aufgelaufene Zinsen 75 Mill, Francs) bleiben bei der Bankengruppe hinterlegt, da während des Krieges auch indirekte Zahlungen an Banken feindlicher Länder nicht stattfinden. Die angebliche Bestechung der italienischen 5 Sozialisten. Eine Mitteilung des Cri de Paris, Deutschland habe versucht, durch den Schweizer Sozialistenführer Greulich die italienische Sozjalistenpartei zu bestechen, und ihr kurz vor Ausbruch des italie⸗ nischen Krieges große Summen zur Bekämpfung des Kriegsgedan⸗ rens angeboten, war von der italienischen Presse eifrig aufgegriffen worden. Alledem wird jedoch durch eine offizielle Erklärung der italienischen sozialistischen Parteidirektion schnell ein Ende gemach!. Das Geldangebot an die italienischen Sozialisten ging, wie Greulich erklärte, von der amerikanischen Sozialistin Warron Springs aus Chicago aus, die angelsächsischer Abstammung ist, und vom Mil⸗ liardär Carnegie, der dadurch die Friedenssache fördern wollte. Eine neue Friedensaktion des Papstes. Wie die Ag. Fournier von einer hohen Persönlichkeit des Vatikans erfährt, gedenkt der Papst Ende September, späte— stens in den ersten Oktobertagen, ein großes Konsi⸗ storium einzuberufen, zu dem er alle italienischen und aus⸗ ländischen Mitglieder des Heiligen Kollegiums einladen wird. Es handelt sich hierbei um eine weitere Friedensaktion des Papstes. „Unaugenehm, aber wenig gefährlich.“ Die in diesem Krieg zur Anwendung gelangenden Hilfsmittel sind bekanntlich auch durch Bomben bereichert worden, denen betäu⸗ bende Gase entströmen. Ueber die Wirkung dieser Gase läßt sich ein in deutsche Hände gefallener Regimentsbefehl des 112. französischen Infanterieregiments wie folgt aus: „Die erstickenden Gasgranaten, deren sich die Deutschen bei dem Angriffe vom 20. d. M. bedient haben, waren mit einem erstickenden Stoff geladen, der ein Bromuer stark riechenden Kohlenstoffs zu sein scheint. Dieser Stoff besitzt sehr starken Geruch, er hat außerdem äußerst reizerzeugende Eigenschaften, die Tränen und Husten hervor- rufen. Seine giftigen Eigenschaften sind ziemlich schwach; sie stellen ein Produkt dar, das Atmungsbeschwerden hervorrufen, aber nicht im eigentlichen Sinne des Wortes Ersticken herbeiführt. Alles in allem ist es recht unangenehm, aber wenig gefährlich, ihn einzu⸗ atmen.“ Der Berliner Lokal⸗Anzeiger zieht daraus den Schluß: „Auch in diesem Falle also haben die Franzosen bewußt un⸗ wahre Anklage gegen die deutsche Heeresleitung erhoben. Trotzdem sie selbst in Anwendung giftiger Gase vorangegangen waren, haben sie die Behauptung in die Welt gesetzt, Deutschland verwende tötende Gase, während sie sehr wohl wußten, daß die von den Deutschen ver⸗ fend Gase„sehr unangenehm, aber wenig gefährlich einzuatmen ind“. Dem Andenken Jaurds. Die sozialistischen Zeitungen Frankreichs feierten gestern die Erinnerung an den Jahrestag der Ermordung von Jaureès. Hervs schreibt dabei in der Guerre Sociale, Jaurès sei der Mann, der Frankreich fehle und fehlen werde bei der Neugestaltung Europas. Italien hilft im Westen wie an den Dardanellen. Wie dem Berliner Tageblatt aus Bern gemeldet wird, wird das Zusammenwirken Italiens mit der Entente nun⸗ mehr Tatsache. Wie Privatmeldungen aus Italien besagen, stehen in sämtlichen Hafenstädten, abgesehen vom Adriatischen Meere, bedeutende Truppenkontingente bereit, um im Ver⸗ laufe der Woche nach den Dardanellen befördert zu werden. Bereits Donnerstag und Freitag sei eine Anzahl Reiter⸗ regimenter, die an der österreichischen Front entbehrlich waren, nach Frankreich abgegangen. Die Besetzung von Cholm. T. U. Berlin, 2 Aug. Dem Berl. Tagebl. wird aus dem K. und K. Kriegspressequartier gemeldet: Zwischen Weichsel und Bug versuchten die Russen neuerdings Widerstand zu leisten und das Vordringen der Verbündeten aufzuhalten. Die Verbündeten griffen den Feind an und warfen ihn zurück. Am heftigsten tobte der Kampf bei Strzelce, wo die deutschen Truppen die feindlichen Linien durchbrachen. Die Russen ziehen sich, von unseren Truppen scharf verfolgt, zurück. Bei Strzelce warf der Feinde starke Kräfte gegen uns und ver⸗ wendet von Brest-Litowsk gebrachte schwere Artillerie, die jedoch unsere kampfesmutigen Truppen nicht hinderte, den Feind zu schlagen und große Beute zu machen. Cholm, um dessen Besitz einige Tage gekämpft worden war, wurde gestern nachmittag von unseren Truppen besetzt. Mit Cholm ist ein wichtiger Knotenpunkt in unsere Hand gefallen. Unsere Truppen sind von Cholm aus nördlich im Vormarsch. Der neue deutsche Kreuzer„Hindenburg.“ Berlin, 2. August.(W. T. B.) Der gestern auf der kaiserlichen Werst in Wilhelmshaven von Stapel gelaufene große Kreuzer„Er⸗ satz Herta“ hat auf Befehl des Kaisers den Namen„Hindenburg“ erhalten. Großfener in Konstantinopel. T. U. Rotterdam, 2. August. Aus Sofia wird gemeldet, daß in der Nähe der deutschen Botschaft in Konstantinopel 18 Häuser ein- geäschert worden sind. Die deutsche Botschaft befand sich ebenfalls in Gefahr; ein Nebengebäude hatte bereits Feuer gefangen, das aber bald gelöscht werden konnte. Im ganzen wurden bei dieser Feuersbrunst 1500 Häuser eingeäschert. Parteinachrichten. Parteiausschuß und Reichstagsfraktion. Am Samstag, den 14. August, nachmittags 3 Uhr, tritt der Parteiausschuß mit der Reichstagsfraktion zur Diskussion der Frage der Kriegsziele zusammen, um Samstag und Sonntag zu tagen. Gleichen Tages, vormittags 10 Uhr, ist für die Fraktion eine Sitzung angesetzt. Nach dem französischen Nationalrat. Unser französischer Korrespondent schreibt uns vom 24. Juli: Es war vorauszusehen, daß die Resolution des französischen Nationalrates, die wir bereits eingehend besprochen haben, inner- halb und außerhalb der Partei lebhaft kommentiert werden würde. In der Partei selbst dürfte die Resolution lebhaft dis⸗ kutiert werden. Wir können mit Sicherheit voraussagen, daß sie, weil sie einstimmig gefaßt worden ist, in den Parteiorgani⸗ sationen fast ebenso einstimmig verworfen werden wird. ist, wie wir gesagt haben, ein Kompromiß und also redigiert, um die Gegensätze zu überbrücken, die Meinungsverschiedenheiten zu verkleistern, die Schwierigkeiten, die aus diesen Gegensätzen und Meinungsverschiedenheiten für die innere Aktionseinheit entstehen, zu umgehen. Worin bestehen diese Meinungsverschiedenheiten? Die Parteileitung und die Mehrheit der Kammerfraktion ist der Meinung, daß die Partei, da Frankreich angegriffen worden ist, die Pflicht hatte, sich in den Dienst der Landesverteidigung zu stellen. Daß sie ihre ganze Kraft auf die Landesverteidigung zu konzentrieren hat, solange die beoͤrohte Unabhängigkeit und Inte⸗ grität Frankreich— und natürlich erst recht Belgiens— nicht sichergestellt ist. Die Opponenten— wir nennen sie weder die „Minderheit“ noch die„Mehrheit“, weil eine prinzipielle Ab- stimmung nicht stattgefunden hat, obwohl wir überzeugt sind, daß sie die große Mehrheit der Parteigenossen sind— die Opponenten stimmen mit der Parteileitung überein, daß es Pflicht der Partei ist, die Unabhängigkeit und Integrität Frankreichs und Belgiens zu verteidigen. Sie wollen jedoch die Sicherstellung Frankreichs und Belgiens womöglich durch eine internationale Friedensaktion erreichen. Und hier schieden sich die Wege der Opponenten und der Parteileitung. Sie mußten sich scheiden. Die Parteileitung und die Kammerfraktion haben sich in der Tat durch den Eintritt von Sembat, Guesde und Albert Thomas in die Regierung an diese gebunden. Sie können nicht eine Politik verfolgen, die sie von der Regierungspolitik scheidet. Ein großer Teil von ihnen bedauert das, aber sie erkennen an, daß sie nicht ihre Politik von der Regierungspolitik scheiden können, ohne eine Ministerkrise hervorzurufen und also die Verteidigungskraft des Landes zu schwächen. Sie sagen also:„Welche Garantie bietet uns die Rekonstituierung der Internationale, wenn wir die Ver⸗ teidigungskraft des eigenen Landes so geschwächt haben werden? Ist die Internationale unter i en Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 39 Diethelm glaubte zu bemerken, daß diese Anrede den verkehrten Eindruck machte; alles. was mit dem Kriminal⸗ gericht zusammenhängt, schien keinen Spaß zu verstehen. Wie ein gefangener Ritter empfahl nun Diethelm seine Rosse der sorgsamen Wartung. Waffen hatte er nicht abzu⸗ liefern, aber gewiß konnte Diethelm besser schreiben und lesen und war mindestens so verschlagen und ehrgeizig als je ein Mann, der im Harnisch rasselte; daß man aber in anderen Zeiten war, zeigte besonders der Ofen, der war so winzig und windig, und ein Ritter, wenn er von einem Raub— zug in eine Herberge kam, fand einen Baumstamm im breiten Ofen prasseln. Wäre nicht eine abgestumpfte Sandsteinkugel auf dem Ofen gelegen, Diethelm hätte sich nicht einmal die Hände wärmen können, und doch fühlte er von innen heraus eine unbezwingliche Kälte, als ob nicht Blut, sondern Eis— wasser ihm durch die Adern rinne. Er bat nun mit einer gewissen Demut, in der Stube bleiben zu dürfen, bis seine Zelle geheizt war. Der alte Gefangenenwärter ging weg und ließ Diethelm mit dem Landjäger und seinem Sohne allein. Diesem empfahl nun Diethelm nochmals seine Pferde und trug ihm auf, nach dem Waldhornwirt in Buchenberg zu schicken, damit er Roß und Schlitten abhole und gut imstand halte. „Soll ich den Hund hier behalten?“ fragte der junge Kübler den abgewendet Sprechenden. Diethelm schüttelte den Kopf verneinend, dann Wendete er sich um und sagte in heiterem Tone:„Dein' Braut ist vor ein paar Tagen noch bei mir gewesen, ihr könnt euch drauf verlassen, daß ich euch auf den Tag hin, wie's versprochen ist, Hochzeit mache, und Gevatter bin ich auch; dann wollen wir lustig sein, daß die Stern' am Himmel zittern; der Ver⸗ geltstag bleibt nicht lange aus.“ Der Landjäger verbot eben Diethelm jedes weitere Reden, als der Gefangenenwärter eintrat mit der Kunde, diesen Umständen nicht vielmehr eine .. i ien? Die Re⸗ Falle, als eine Garantie für Frankreich und Belgien? 10 konstituierung der Internationale ist gewiß eine schöne und wün⸗ schenswerte Sache, aber da wir nicht darauf rechnen können, daß die deutsche benckeate so viel Macht besitzt— gesetzt 1115 Fall, sie hätte den Willen dazu um jede e iti Deutschlands zu verhindern, können wir zu einer 5'onalen Friedensaktion nicht die Hand bieten, solange wir n 1 aus eigener Macht die Unabhängigkeit und Integrität Frankreichs sichergestellt haben.“ So argumentieren Parteileitung und Kam⸗ merfraktion und sie haben 1 8 vollendeten Teilnahme an der Regierung die Logik auf ihrer Seite. 5 Die den wollen entweder überhaupt nichts von der Re⸗ gierungsbetefligung wissen und bestreiten, daß der Austritt der sozialistischen Minister aus der Regierung die Verteidigungskraft Frankreich bedrohen würde— und insofern sind sie ebenso konse⸗ quent wie die Parteileitung— oder sie halten eine internationale Ari 155 e f i Teilnahme an der Friedensaktion nicht für unvereinbar mit der Regierung. Der Gegensatz zwischen den i e Parteileitung ist dadurch überbrückt, oder vielmehr, umgangen worden, daß man anstelle des„Krieges bis zu Ende! die Auffargeng an 99 Regierung setzte, schon jetzt einen Schiedsgerichtsvorschlag zu machen, der geeignet wäre, zum Frieden zu führen. f g Auf den ersten Blick haben die Opponenten Genugtuung. Die Tatsache, daß die Aufforderung sich an die Regierung und nicht an die Internationale richtet, zeigt, daß im Prinzip die Parteileitung an ihrer seitherigen Politik festhält, wenigstens insofern sie die Politik der Partei an die Regierungs⸗ politik bindet. Sie versucht nur, die Regierung in ihrem Sinne zu beeinflussen und damit aus der Sackgasse herauszukommen. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, daß beide Richtungen sich den Sieg zuschreiben, die Opponenten mit weniger Recht, wäh⸗ rend die Parteileitung in der Tat nur einen prekären Pyrussieg davongetragen hat. Wird ihr die französische Regierung aus der übeln Lage helfen? Wir wollen es zweifelnd abwarten. In⸗ zwischen triumphiert der Leutnant Vaillants und Parteisekretär Dubreuilh mehr brutal als klug, indem er in der Humanité schreibt, daß entsprechend der Resolution, die Partei sich gegen alle Friedensversuche die Ohren verstopfen werde, solange Frankreich und Belgien nicht vom Feinde geräumt sind. Und der Temps peitscht die Parteileitung, indem er schreibt, daß die sozialistischen Bekundungen der Resolution„nur die üblichen Argumente sind, bestimmt, das Vertrauen der Genossen nicht zu erschüttern, ge⸗ wöhnliche Beruhigungsmittel.“ 75 Wir können diesen Auslassungen gegenüber nur sagen: „Weniger wäre mehr gewesen.“ 5 Die Genossen außerhalb Frankreichs würden einen schweren Fehler begehen, wenn sie sich von diesen lärmenden Kundgebungen beirren ließen. Der Lärm ist nichts anderes als die Wut nach der ausgestandenen Angst. Möge allenthalben die internationale Friedenssolidarität laut verkündet und energisch vertreten werden. Daran wird, ehe vier Monate vergangen sein werden, auch die festeste Ministersolidarität zerschellen. Wer den Frieden will, muß zum Frieden rüsten. Permischtes. Das vierundzwanziaste Kind 5 ö wurde dem Küfer Martin Lorentz in Düttlenheim(Kreis Ersteim) geboren. Sämtliche Kinder, zwölf Jungen und zwölf Mädchen, sind am Leben. Zwei der Söhne stehen im Felde, und zwei andere werden demnächst militärpflichtig, während die anderen in stufen⸗ weiser Reihenfolge bis zum kleinsten Sprößling meistens in Zwi⸗ schenräumen von einem Jahr geboren sind. Jagd auf Einbrecher. In der Nacht zum Freitag kam es in Karlsruhe zu einer Ein⸗ brecherjagd. Zwei Burschen, der 18jährige Maurer Johann Breit⸗ ner und sein 16jähriger Bruder Steindrucker Michael Breitner waren bei dem Einbruch in ein Straßenverkaufshäuschen auf frischer Tat ertappt worden. Einer der Burschen entkam sofort und der andere ebenfalls, nachdem ihm die Kleider vom Leibe gerissen waren. Als die Täter dann in ihrer Wohnung sestgenommen werden sollten, flüchtete der ältere abermals aus einem Fenster über das Nebenhaus und entkam, während der jüngere verhaftet werden konnte. f Zu Tode gequetscht.. Der von Orterberg gebürtige Bahnsteigschaffner Bahr geriet beim Manövrieren auf der Station Halbmeil bei Wolfach zwischen die Puffer zweier Wagen und erlitt so schwere Verletzungen, daß er kurz darauf starb. Ein szwölffähriger Knabe erschossen. Der sachszehnjährige Präparand St. in Nauen spielte am Lum⸗ mertschen Mihlwege in Berlin mit einem Terzerol. Er hatte schon mehrere Schüsse auf Spatzen abgegeben, als er plötzlich den zwölf⸗ jährigen Schulknaben Meinardt traf, der mit anderen Knaben„Sol⸗ daten“ spielte. Die Kugel drang dem Kind über dem linken Auge ins Gehirn. Im Kreiskrankenhaus starb der Knabe kurz nach der Einlieferung. E cen man ihm alles aus den Taschen nahm, als man ihm das Halstuch abnahm und sogar die Hosenträger abnestelte; dieses letztere geschah aus dem doppelten Grunde, damit der Ge— fangene nichts habe, um sich dran zu erhängen, und bei einem etwaigen Fluchtversuch durch die Nötigung, die Hosen in der Hand aufzuhalten, gehindert sei. Eine Minute lächelte Diet— helm über diese Vorkehrungen, bald aber ward er des grau— samen Ernstes bewußt, und mühsam schleppte er sich die Treppe hinan, nach seiner Zelle; der junge Kübler trug ihm noch mitleidig seinen Mantel nach. Erst als ihn der Land— jäger verließ, sagte er:„Ihr kennt mich wohl nicht. Ich bin von Grubenau bei Letzweiler gebürtig. Meinen Vater hat man den Schreinerhannesle geheißen, er ist ein guter Freund von Eurem Vater gewesen. Ich hab' viel von Euch und Euren Guttaten gehört, wie ich noch klein gewesen bin. Nun b'hüt Gott. Ich wünsch' alles Gute.“ Diese Mitteilung des Landjägers machte einen eigenen Eindruck auf Diethelm; daß der Mensch sich gedrungen fühlte, sich ihm zu erkennen zu geben, und daß er von seinem Ruhme sprach, wie traf das jetzt das Herz des Gefangenen. Diethelm war nun allein. Er hatte sich vor niemand mehr zu verstellen. Auf dem Stuhle vor dem Ofen saß er, und es war ihm, als müßte sein Körper in Stücke zerfallen. In dem Ofen brummte das Feuer, manchmal knallte ein Fichtenast und zischte langsam ein grünes Scheit. Diethelm fühlte, wie ihm alles Blut im Herzen zusammengerann, aber Wärme verspürte er nicht, kalt, unendlich kalt war es ihm; er hüllte sich in seinen Mantel und wickelte sich in die wollene Decke, die auf der Pritsche lag, immer war es ihm, als ob er in der so wohlverschlossenen Zelle mitten in einem Luftzug stehe, und plötzlich fuhr er wie emporgeschnellt auf, die Wände dröhnten und schmetterten, zitternder Drommetenklang um— rauschte ihn von allen Seiten. Erst nach geraumer Weile besann er sich, daß die Stadtzinkenisten den Abendchoral bliesen, die Trompeten und Posaunen schienen gerade nach seiner Zelle gerichtet, so unmittelbar, so gradaus strömten daß alles bereit sei. Diethelm erzitterte jetzt vor Wut, als die Töne in dieselbe, und vor allem stand jener Tag wieder vor Diethelm, an dem er sich zum unmäßigen Einkauf ver⸗ leiten ließ. 8 Was war seitdem aus ihm geworden! Ein Mordbrenner! Diethelm hielt sich die zitternde Hand vor den schnell atmen⸗ den Mund, daß er das Wort nicht laut ausrufe. Er warf sich auf die Knie, und ein heftiger Tränenstrom entlud sich aus seinen Augen, er fühlte seine Wangen glühen, und plötz⸗ lich wurde es ihm warm. Mit dem Antlitz auf dem Boden liegend, sprach es in ihm, daß er alles bekennen müsse, und er streckte sich weit aus, den Todesstreich zu empfangen, zu sterben.... Er weinte aufs neue um sein verlorenes Leben; über ihm tönte der wehklagende Grabgesang, ein schriller Drommetenton verwandelte sich in die Klagestimme der Martha und ein anderer in die seiner Fränz.... Und die sich auf, und als jetzt von einer anderen Tie 855 erscholl, sang er die Töne laut mit, und seine Stimme tönte so voll, fast wie Posaunenschall. Er sang so laut am Fenster, daß 0 1 195 Schloß hinter ihm knarrte die Tür sich öffnete und der Gefangenenwärter ei 1 5 Serben 9 wärter eintrat, ihn zum Un dieselbe Zeit war Martha in der Stadt angekommen. Sie ging mit fest zusammengepreßtem Munde und tränen⸗ losem Auge umher, das Schicksal ihres Mannes, der Tod ihrer Tochter, der sie nun nicht einmal eine eisige Scholle auf die Bahre werfen konnte, der gräßliche Tod des treuen Knechtes, das Verbrennen des Hauses, in dem sie so viele Jahre Freud und Leid verlebt, alles das bestürmte ihr Herz und machte sie dumpf und verwirrt. Ihrer Bitte auch l gesperrt zu werden, hatte man nicht willfahrt und sie Heß wie ein verwirrtes, verstoßenes Bettelkind a 850 Straßen umher, als müßte sie jemand finden, der ihr den Weg aus dem Wirrwarr heimwärts zeigte. 5 [Fortsetzung folgt.) 1 5 F 4 4 * ö 1 t N ee Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Kriegsbeschädigtenfürsorge und Unternehmertum. Wie sich die Vereinigung der Deutschen Arbeitgeber— verbände die Mitarbeit des Unternehmertums an der Kriegs— veschädigtenfürsorge denkt, lehrt folgende von ihr verbreitete Kundgebung: „Die Frage der Unterbringung der Kriegsbeschädigten in ihren alten Berufen oder in neuen Stellungen, zu deren Ausfüllung sie mit Rücksicht auf ihre erlittene Beschädigung besser befähigt sind, beschäftigt zurzeit lebhaft die Behörden, Arbeitgeber, Arbeitnehmer und andere hierfür interessierte Kreise. Eine große Rolle spielt bei diesen Verhandlungen die Entlohnung der Kriegsbeschädigten. Es ist durchaus folge— richtig und gerecht, dabei nach demselben Grundsatz zu ver— fahren, der für die Entlohnung von Arbeitern mit Vollbesitz ihrer körperlichen Kräfte und Gliedmaßen maßgebend ist, und demgemäß die Kriegsbeschädigten entsprechend ihren Leistungen zu entlohnen. Es wird nun von mancher Seite die Forderung erhoben, daß die Kriegsbeschädigten in den— jenigen Industrien, in welchen Tarifabkommen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestehen, nach diesen Tarif— sätzen entlohnt werden sollten. Hiermit würde der gesunde Grundsatz, die Kriegsbeschädigten nach ihren Leistungen zu bezahlen, durchbrochen werden, denn die Tarifabkommen be— ziehen sich naturgemäß nur auf die Entlohnung vollwertiger Arbeitskräfte. Es liegt jedoch kein Anlaß vor, die Kriegs- beschädigten, die zunächst in den Genuß der ihnen zustehenden Renten eintreten, relativ höher zu entlohnen, als die voll— wertigen unbeschädigten Arbeiter. Dieses würde aber der Fall sein, wenn die Kriegsbeschädigten nach Tarifsätzen ent⸗ lohnt würden, obwohl sie mit Rücksicht auf ihren körperlichen Zustand in den meisten Fällen nicht dasselbe wie die unbe⸗ schädigten Arbeiter leisten können. Es ist auch zu berück— sichtigen, daß durch die Forderung der Entlohnung der Kriegsbeschädigten nach Tarifsätzen den Arbeitgebern die Frage aufgedrängt wird, ob es für sie unter solchen Um⸗ ständen nicht wirtschaftlicher ist, auf die Beschäftigung von Kriegsbeschädigten überhaupt zu verzichten und nur voll⸗ wertige Arbeiter einzustellen. Es liegt daher im Interesse der Kriegsbeschädigten selbst, wenn sie die Entlohnung nach Leistungen als richtig anerkennen, zumal dieser Grundsatz nicht ausschließt, daß kriegsbeschädigte Arbeiter dasselbe ver— dienen wie unbeschädigte.“ Aus diesem Schriftsatz ist trotz allen wohwollenden Redensarten und verbrämenden Floskeln unschwer zu er— kennen, daß eine Kriegsbeschädigten⸗„Fürsorge“ nach dem Herzen der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände nichts anderes als eine Fürsorge für solche Unternehmer sein würde, die mit Hilfe der Kriegsbeschädigten die Lohnverhält⸗ nisse der Arbeiterschaft herabdrücken möchten. Das geht nicht nur aus dem Sturmlauf der Vereinigung gegen die Entlohnung der Kriegsbeschädigten nach tariflichen Sätzen, sondern auch aus der Wendung hervor, daß für die Unternehmer kein Anlaß vorliege,„die Kriegsbeschädigten, die zunächst in den Genuß der ihnen zustehenden Rente ein⸗ treten, relativ höher zu entlohnen, als die vollwertigen un⸗ beschädigten Arbeiter.“ Diese Wendung verrät die Absicht, die Rente allgemein vom Lohne abzurechnen, wogegen sich die Arbeiterschaft durch ihre Organisationen im Interesse der Kriegsbeschädigten mit aller Entschiedenheit wenden wird. Die unternehmerliche Kriegsbeschädigtenfürsorge wird aber besonders gekennzeichnet durch den Satz der Kundgebung, daß durch die Forderung der Entlohnung der Kriegs— beschädigten nach Tarifsätzen den Arbeitgebern die Frage auf gedrängt wird,„ob es für sie unter solchen Umständen nicht wirtschaftlicher ist, auf die Beschäftigung der Kriegsbeschädigten überhaupt zu verzichten und nur vollwertige Arbeiter einzustellen.“ Die ganze Kriegs— beschädigtenfürsorge erscheint also der Vereinigung zwecklos, sofern die Unternehmer den Kriegsbeschädigten tarifmäßige Löhne bezahlen sollen, die jede Ausnutzung der Kriegsver- letzten zur Lohndrückerei vereiteln! Das sagt jedenfalls genug. Die Gewerkschaften werden scharf darüber zu wachen haben, daß jede Ausnutzung der Kriegsbeschädigtenfürsorge im Unternehmerinteresse und ihre Umwandlung in eine Für— sorge für das Unternehmertum unterbunden wird. 1 2 f Nenschheitsgefühl. Als wenn der tobende Krieg die Menschheit ganz zerrissen und zerspalten hätte, so sieht es aus. Hie Freund, hie Feind, scheint das Motto zu sein, das über unserer Zeit steht. Und dennoch ist auch diese Zeit der Zerrissenheit nicht bar an Momenten der Einheit, an Beweisen für ein eines Menschheitsgefühl. 5 Das haben unsere Soldaten im Felde immer und immer wieder erlebt. Wenn sie draußen in die feindlichen Städte und Dörfer kommen, dann zeigen sich die Bewohner allerdings zunächst als Feinde. Sie sind mißtrauisch und argwöhnisch und damit unfreund⸗ lich und ungern zu Diensten und Gefälligkeiten bereit. Wenn die Soldaten dann aber einige Zeit bleiben, bann verschwindet dieses Wesen immer mehr. Die Menschen werden immer entgegenkommen— der und hilfsbereiter und sie gewöhnen sich mit der Zeit oft so an ihre Mitmenschen aus Feindesland, daß ihnen der Abschied schwer fällt und den Frauen die Tränen in den Augen stehen. Und was war es, das diese Menschen so anders machte? Nun, sie fürchteten zuerst Schlechtes, aber das Schlechte trat nicht ein. Sie sahen, daß sie es mit guten Menschen zu tun hatten, die ihnen nicht übel wollten, und da konnten sie ncht anders, als ihnen ent⸗ gegenzubringen Herzlichkeit. Die Idee des Guten war es, die den Menschen mit dem Menschen verband. Das zeigt uns, was die erste Voraussetzung ist zu einem ge⸗ meinsamen Menschheitsgeflihl. Gut miissen die Menschen sein. Keine niederen Motive dürfen das Leben leiten. Das Zusammen⸗ leben muß auf dem Gedanken eines Zusammenwirkens für das ge— meinsame Ganze aufgebaut sein. ö 5 Heute ist das allerdings noch nicht möglich. Unsere Welt wird von dem Gedanken an das persönliche Ich beherrscht. Und da ent⸗ stehen Spaltungen im Lande und zwischen den Ländern. Erst wenn die Menschen flür einen gemeinsamen hohen Zweck leben, erst wenn sie somit gut find, von einer höheren Warte betrachtet, erst dann verschwinden die persönlichen Reibungen, erst dann sieht man im anderen nicht den Konkurrenten, sondern den Bruder, erst dann kann man Mensch sein. Erst wenn das Leben frei von Egoismus wird, erst dann hält das Anschheitsgefühl seinen Einzug in die Welt. Und daß diese Zeit einmal kommt, das zeigt uns die Herz— lichkeit, die der feindliche Bewohner so vielfach dem deutschen Sol— daten entgegenbringt. Wenn jetzt, wo die Welt in Flammen steht, schon soviel Menschlichkeitsgefühl unter Feinden möglich ist, wie— viel Liebe wird da die kommende Welt enthalten, die auf dem Ge— a der Einheit und der Verwerfung persönlicher Gier aufge— haut ist. Die„Begeisterung“ der Kämpfer. Ein Mitkämpfer— Erich Everth— beschäftigt sich in der Monatschrift Die Tat(Eugen Diederichs in Jena) mit der Seele der Soldaten im Felde. Er kommt auch auf das Thema von der Begeisterung im Felde und sagt allerlei Beachtenswertes: „Ein recht mißbrauchtes Wort der Oeffentlichkeit ist die „Begeisterung“ unserer Soldaten. Die Leute, die so daherreben, als könne ein Heer, das 11 Monate lang unter großen Entbehrungen und Anstrengungen im Felde ist, anhaltend begeistert sein, ver— stehen das Wort nicht. Man meint vielleicht den guten Geist der Truppen, und dann hat man freilich recht. Aber„Begeisterung“ haben viele draußen nicht kennen gelernt. Beide Extreme, die Be— geisterungsbarden wie die Flauen, überläßt die Front gern dem Hinterland. In einem Feldpostbrief war kürzlich zu lesen: „Als wir einst schwuren, unsere Geschütze nicht schmählich zu verlassen, da verspürte ich einen Schauder durch meine Adern rieseln; aber als der Moment gekommen war, die Pflicht bis zum letzten Augenblick zu tun, da taten wir in nüchterner Ueber- legenheit unsere Pflicht, für den Schauder von einst war keine Zeit geblieben. So einfach, so frei von sentimentalem Gefühl erscheint uns Soldaten der Kampf, aber er ist deshalb nicht geringer, nicht leichter geworden. Was soll der Soldat mit großen Gefühlen anfangen? Er braucht kaltes Blut. Mit je schlichterem Sinne der Soldat seiner sicherlich nicht leichten Pflicht nachkommt, um so schöner ist sein Handeln.“ So ist es! Man muß es nachdrücklich unterstreichen. Daß der überwiegende Teil unserer Truppen schon zu Anfang des Krieges ohne große Geste hinausging, mit gesammelter und ruhiger Kraft, ist oft ausgesprochen worden. Seither hat die Dauer der Kämpfe jeden Ueberschwang gedämpft, hat die Erfahrung jeden Leichtsinn beseitigt und überall eine angemessene Seelenlage geschaffen. All- mählich wird auch in der Bevölkerung die Ausdauer, die Geduld der Truppen erkannt und anerkannt, so daß nicht immer bloß von Schwung und Kmpfeslust die Rede ist. Die Leute draußen sind zumeist nicht auf den Krieg versessen, ich hörte von älteren Kriegs— freiwilligen öfter:„Wenn es bald zu Ende ist, um so besser, es kommt uns ja nicht auf den Krieg an; aber solange er dauert, helfen wir mit.“ Das ist gewiß eine Art Begeisterung, aber eine stille, zähe und wertvollere als die der populären Phrase. Sicher gibt es Augenblicke des Rausches, beim Sturmangriff, bei der höchsten Energieentfaltung und in der höchsten Gefahr, wo die schnelle Bewegung und nervöse Aufregung eine Art Ekstase schafft, ähnlich dem Höhenrausch oder dem seltsamen körperlichen Jubelgefühl, das man bei schnellem Fahren oder Reiten erlebt. Und in solcher Lage haben auch einmal junge Freiwillige, wie wir nicht vergessen wollen,„Deutschland über alles“ mitten im Angriff gesungen. Nun aber setzt sich das in den Köpfen zu Hause als etwas Typisches fest und dadurch wird es zur Grimasse. Draußen ist ein solches Vorgehen nicht etwa zur Mode geworden, es hat sich seither kaum wiederholt, denn dort ist man von aller Tuerei welten— weit entfernt. Ein derartiges Ereignis ergibt sich eben in der einzigartigen Lage des Augenblicks, und darin liegt sein keuscher Wert.“ Einer der's wissen muß. In der Neuen Züricher Zeitung fanden wir folgendes Inserat: Ein weiser Mann ist derjenige, der heute sein Geld im Lebensmittelgeschäft anlegt. Zwecks Vergrößerung meines Engros⸗ geschäfts suche ich einen Kapitalisten als stillen Teilhaber mit evtl. bis Fr. 50 000 Einlage. Sofortige Offerten erbeten unter Chiffre Z G 3407 an die Annoncen⸗Expedition Rud. Mosse, Zürich, Limmatquai 34. a Der Mann muß es wissen, was beim Lebensmittelhandel ver⸗ dient wird. Ein weltfremdes Ernährungsflugblatt. Der Kriegswirt— schaftliche Ausschuß beim Rhein-Mainischen Verband für Volksbildung in Frankfurt a. M. veröffentlicht ein neues Merkblatt unter dem Titel:„ Wie sollen wir uns in der Kriegszeit ernähren?“, welches von Professor C. von Noorden verfaßt ist. Das Merkblatt ist nach einer Mitteilung der Verbandsstelle dazu bestimmt, den Beratern des Volkes, ins⸗ besondere den Geistlichen, Lehrern, Aerzten, Bürgermeistern usw. Material zur Aufklärung zu bieten. Es bespricht die einzelnen Nahrungs⸗ und Genußmittel(Fleisch, Fisch, Eiec, Milch, Ersatzmittel für Fleisch, Fett, Getreidefrüchte, Kar— toffeln, Zucker, Obst, Gemüse, Getränke) vom physiologischen und hygienischen Standpunkt aus. Das Blatt wird in ein⸗ zelnen Exemplaren von der Geschäftsstelle des Verbandes, Paulsplatz 10, kostenlos abgegeben; größere Mengen stehen zum Preis von 1 Pfg. für das Blatt zur Verfügung. Wie die Ratschläge aussehen werden, die nach diesem Merkblatte erteilt werden sollen, dafür nur einige Proben. Bei„Fleisch“ heißt es darin:„Der Einzelne soll nicht mehr als 100 Gramm Fleisch am Tage verzehren(Gewicht im genußfertigen Zu— stand). Das ist reichlich. Kleine Kinder entsprechend weniger. Ein jeder soll mindestens einmal, möglichst zweimal in der Woche einen fleischfreien Tag halten.“ Ob 100 Gramm für den Tag als Fleischnahrung des Erwachsenen ausreichen darüber kann man geteilter Meinung sein. Aber es sei so. Eine fünfköpfige Familie würde dann täglich etwa 300 Gramm Fleisch auf den Tisch bringen müssen. Diese 300 Gramm kosten in zubereitetem Zustande heute etwa 1 Mark. Das ist so viel, als die fünfköpfige Familie eines mit 30 bis 35 Mark wöchentlich entlohnten Arbeiters— wie viele gibt es davon? — ungefähr für das ganze Mittagbrot ausgeben kann. Es wird deshalb der Rat, nicht mehr als 100 Gramm pro Kopf an Fleisch zu essen und ein oder zwei fleischlose Tage in der Woche einzuführen, offene Türen einrennen, weil diejenigen. denen der Rat erteilt werden soll, heute meistens überhaupt kein Fleisch zu kaufen vermögen. Dann heißt es weiter bei den„Eiern“:„.. Legt Eier für die Wintermonate ein.“ Herr Professor v. Noorden muß das den Arbeiter- und Beamten— frauen bei einem Eierpreise von 15—18 Pfg. einmal vor. machen. Ferner unter„Milch“:„Soweit die Milch nicht als Vollmilch unmittelbar verwendet werden kann, soll Dauer— ware hergestellt werden“, d. h. die Milch soll verbuttert wer— den. Wirklich in den Zeiten, wo der städtischen Einwohner— schaft von den Milchbauern und Molkereien die Milch so wie so schon maßlos verteuert oder gar ganz vorenthalten wird, ist das ein Vorschlag, für den der Ausdruck„Weltfremdheit“ zu wenig ift. So geht es dann mit Grazie weiter bis zum Schlusse, wo es u. a. heißt: 1 Liter Vollmilch, etwa 100 Gramm Käse, 250 Gramm Brot, 500 Gramm Kartoffeln, 500 Gramm Obst und Gemüse, etwa 60 Gramm irgend eines Fettes, 100 Gramm Zucker geben die Grundlage für eine überaus nahr⸗ hafte Kost, mit der der erwachsene und schwer arbeitende Mann auskommt. Fleisch und Eier treten dabei in die Rolle der Nebenkost und brauchen nur hin und wieder zur Er⸗ gänzung und zur Abwechslung herangezogen zu werden.“ Haben Sie, Herr Professor, ausgerechnet, was der Mann für diese Ernährungsweise wöchentlich ausgeben muß? Sicher nicht. Wir wollen es Ihnen sagen: rund 10 Mark. Lassen Sie den Mann nun einen sogenannten guten Verdienst von 30—35 Mark haben. Dann soll er nach Ihrem„Ratschlag“ allein ein Drittel seines Verdienstes für seine eigene Er⸗ nährung aufwenden, und die übrigen 20—25 Mark würden für die Ernährung der Frau und seiner drei Kinder, für Miete, Bekleidung und alle andere Lebensbedürfnisse übrig bleiben. Herr Professor, Sie sind ein Tausendkünstler. Ihre Ratschläge passen für den Mond, aber nicht nach Deutschland im Kriegsjahr 19151 Bezirks-Kriegsausschuß für Konsumenten⸗Juteressen. Auf Anregung des Kriegsausschusses für Konsumenten⸗In⸗ teressen Berlin hat sich jetzt auch in Frankfurt a. M. ein Be⸗ zirksausschuß für den Bereich des XVIII. Generalkommandos gebildet. Die vorläufige Adresse ist Darmstädter Landstraße 17. Die Gründung erfolgte von 21 Vereinigungen der Beamtenschafts⸗, Angestellten⸗ und Arbeiter⸗-Organisationen. Weitere Beitrittserklärungen von Korporationen sind zu erwarten, ebenso die Angliederung von Ortsausschüssen aus dem Wirtschaftsgebiet von Frankfurt. Zur Versorgung der Kriegshinterbliebenen. Die Deutsche Parlamentskorrespondenz berichte: Im Haushaltungsaus⸗ schuß des Reichstags teilte der Staatssekretär des Reichsschatz⸗ amtes Dr. Helfferich mit, daß die Reichsregierung bereit sei, etwaige Härten, die sich in gegebenen Fällen aus der gegen⸗ wärtigen Gesetzeslage hinsichtlich der Versorgung der Kriegs⸗ hinterbliebenen ergeben können, im Unterstützungszweige auszugleichen, und daß zu diesem Zweck entsprechende Mittel bereitgestellt seien. Es wurde zugesagt, daß die hierfür maß⸗ gebenden Gesichtspunkte bekannt gegeben werden sollen. Als zum Ausgleich geeignete Fälle von Härten können hiernach in Betracht kommen: 1. Witwen und Waisen, deren Gatte oder Vater als Offizier⸗ stellvertreter gefallen war, denen aber nur die Versorgung der Hinterbliebenen von Militärpersonen der Unterklassen gewährt werden konnte, obwohl der Gefallene bereits zum Feldwebel⸗ leutnant in Vorschlag gebracht war und dessen Beförderung sich lediglich infolge der Zufälligkeiten des Krieges verzögert hatte. 2. Geschiedene Ehefrauen, die schuldlos an der Ehescheidung, von ihren Gatten unterhalten werden mußten. Nach dem Tode des Gatten hatten sie keinen gesetzlichen Anspruch auf Versorgung. 3. Eltern und Geschwister des Gefallenen, die für die Berufs⸗ ausbildung des Sohnes oder Bruders ihr Vermögen oder erheb⸗ liche Teile davon geopfert hatten in der Hoffnung, in dem Sohne oder Bruder später eine Stütze zu haben. Die Eltern hatten in solchen Fällen nach S 22 M. H. G. keinen gesetzlichen Anspruch auf Kriegselterngeld, da der Gefallene ihren Lebensunterhalt nicht ganz oder überwiegend bestritten hat oder auch in anderen Fällen schon bei Beginn des Krieges dem Heere angehört. Anträge müssen lediglich bei der zuständigen Ortsbe⸗ hörde gestellt werden. Kommunale Wucherbekämpfung. Die Stadt Worms verkauft nunmehr gegen Bezugsscheine auch Pflanzenfett(in Tafeln) das Pfund zu 1 Mark und Suppengerste(Graupen) das Pfund zu 30 Pfg. Die Preise stellen die Selbstkosten der Stadt dar und bedeuten gegenüber den Ladenpreisen eine bedeutende Ersparnis. Ein billiges Durststillungsmittel für unsere Truppen. Einer der größten Plagegeister unserer Truppen ist in der Sonnenhitze das Durgefühl, und so gehört die ganze Selbstzucht des Soldaten dazu, um mit trockener Kehle an einem lockenden Wassertümpel vorüberzugehen. Da macht in der Allgemeinen Fischereizeitung Fischereidirektor a. D. Heyking auf Grund feiner eigenen Er⸗ fahrungen von 1870/71 auf die durststillenden Eigenschaften der Kalmuswurzeln aufmerksam und empfiehlt die Sendung an die Truppen. Die Wurzel soll 1870 den deutschen Truppen bei Ge⸗ waltmärschen in großer Hitze gute Dienste geleistet haben. Ein Stück in den Mund genommen und daran gelutscht, soll das Durst⸗ gefühl zum Verschwinden bringen. Der Standort des Kalmus sind Bachufer, Teiche, Gräben, Torflöcher usw. In der Teichwirtschaft rechnet er zu der harten Flora und wird als sogenanntes Teich⸗ unkraut betrachtet. In Seen trägt er viel zur Verlandung bei. Teichwirt und Binnenfischer sehen daher die Pflanze nicht gern. Die Vermehrung des Kalmus geschieht bei uns durch die Wurzel⸗ stöcke. Die Ernte der Kalmuswurzel ist sehr einfach. Vermittelst einer Getreidegabel, deren Zinken hakenförmig umgelegt sind, mit recht langem Stiele, zieht man die meist schwimmenden Wurzeln an Land und schneidet hier die dicken Wurzeln in fingerlange Enden aus. Die Rhizome wirft man wieder ins Wasser, da sie sich wieder als Pflanzen entwickeln. Die Wurzelenden werden an der Sonne getrocknet und halten sich jahrelang. Durch künstliche Trocknung verflüchtigt sich viel ätherisches Oel— sie ist also nicht zu empfehlen. Eine Getreidegabel mit gebogenen Zinken wird man nur ge⸗ brauchen, wenn man in größerem Umfang Kalmus ernten will— sonst tut es ein Stecken oder Ast oder im Wasser watend die Hand. Das Einsammeln der Wurzeln kostet nichts, da man es auf Aus⸗ flügen selbst besorgen kann. Teich- und Seebesitzer werden nichts gegen das Einsammeln haben, da Kalmus tatsächlich ein lästiges Wasserunkraut ist. Die Soldaten werden vielleicht das Einsammeln von Kalmus im Felde selber besorgen können(wie 1870), wenn man sie über den Wert der Pflanze für ihre Zwecke von der Heimat aus unterrichtet. Das Wandergewerbe in Hessen. Die Zahl der Betriebe im Großherzogtum, welche i. J. 1914 eigentliche Wandergewerbesteuer zahlten, betrug in Starkenburg: 3336(im Vorjahre 3465), in Oberhessen: 2732(3002), in Rheinhessen: 2116(2372), im ganzen Großherzogtum: 8184(8839). Ertrag der Steuer 78 000 Mk., im Vorjahre: 85611 Mk. Wanderlagersteuer zahlten in der gleichen Zeit in Starkenburg 12 Betriebe(i. V. 12), in Oberhessen 17(5), V. in Rheinhessen 2(7), im Großherzogtum 31(24). Von den Unternehmern wohnen in Hessen 3, außerhalb 28. Von den Be— trieben dauerten 27 je eine Woche und weniger, mehr als eine Woche 4. Ertrag der Steuer 3840 Mk. Die Säuglingssterblichteit im Rückgange. Das Großhergogtum Hessen weist im Jahre 1914 von 31274 Lebendgeborenen 3229 Ge⸗ storbene im ersten Lobensfahr auf. Es kommen also in diesem Jahre auf hundert Lebendgeborene 10,3 Todesfälle. Es kamen auf das Hundert Lebendgeborene in den Jahren 1913; 9,3; 1912: 10,1; 1911: 129 und 1910: 11,3 Sterbefälle. Von 1906 bis 1910 betrug der Prozentsatz 12,0. Von 1911 bis 1914 dagegen beträgt er nur 10,6. Es ist also erfreulicherweise ein Rückgang zu verzeichnen. Die hohe Ziffer von 1911 ist auf den damaligen beißen Sommer aurückzufühwen. r SS 25 Ueber es grosen Hauptgurffnz Erbitterte Gefechte in Argonnen und Vogesen Mitau in deutschen Händen. Im Südwesten über den Bug. W. B. Großes Hauptquartier, 2. Aug. vorm.(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. Im Westteile der Argonnen setzten wir uns durch einen überraschenden Bajonettangriff in Besitz mehrerer feindlicher Gräben, nahmen dabei 4 Offiziere, 142 Mann gefangen und erbeuteten 1 Maschinengewehr. Am Abend griffen die Franzosen in den Vogesen abermals die Linie Schratzmännle— Barrenkypf an. Die ganze Nacht hindurch wurde dort mit Erbitterung gekämpft. Der Angreifer ist zurückgeworfen. Auch am Lingekopf sind erneut Kämpfe im Gange. An verschiedenen Stellen der Front sprengten wir mit Erfolg Minen. Südlich von Ban de Sapt schoß unsere Artillerie einen französischen Fesselballon herab. Ein Kampf⸗ flieger zwang bei Longemere(östlich von Geradmer) ein feindliches Flugzeug zur Landung. Oestlicher Kriegsschauplatz. Mita u wurde gestern von unseren Truppen nach Kampf genommen. Die Stadt ist im allgemeinen unversehrt. Oestlich von Ponewitz haben sich Kämpfe entwickelt, die einen für uns günstigen Verlauf nahmen. Nordöstlich von Suwalki wurde die Höhe 186(süd⸗ östlich von Kaletnil) erstürmt. 5 Nordwestlich von Lomsha erreichten unsere Truppen, nachdem an verschiedenen Stellen der russische Widerstand gebrochen war, den Nare w. 1 Offizier, 1003 Mann wurden gefangen genommen. Auf der übrigen Front bis zur Weichsel ging es vorwärts. 560 Gefangene, dabei 1 Offizier, wurden eingebracht. Vor Warschau ist die Lage unverändert. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Nördlich anschließend an die am 31. Juli eroberten Höhen bei Podzaweze drangen gestern Truppen des General— obersten v. Woyrsch unter heftigen Kämpfen durch das Wald⸗ gelände nach Osten vor. Der weichende Feind verlor 1500 Mann an Gefangenen und 8 Maschinengewehre. Vor Iwangorod lieferten österreichisch⸗ungarische Truppen siegreiche Gefechte; der Halbkreis um die Festung zieht sich enger. Bei den Armeen des Generalfeldmarschalls v. Mackensen hält der Feind noch zwischen Weichsel und der Gegend süd⸗ westlich von Lenczua. Deutsche Truppen erzwangen neue Erfolge östlich von Kuro w. Sie machten 600 Gefangene. Zwischen Lenczua und Zalin(Buordöstlich von Cholm) schreitet der Verfolgungskampf vorwärts. Am Bug erreichten wir die Gegend nördlich von Dubienka. Oesterreichisch⸗ungarische Truppen drangen südwestlich von Wladimir ⸗Wolyns k über den Bug vor. Oberste Heeresleitung. Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Glänzender Erfolg westlich von Jwangorod. Abgeschlagene italienische Angriffe. Wien, 2. August.(W. T. B. Nichtamtlich.) Amtlich wird berlautbart: 2. August 1915. 5 Nufsischer Kriegsschauplatz. Bei Damazzow gegenüber der Radomka⸗Mündung errangen unsere Verbündeten gestern neue Erfolge. Westlich Jwangorod haben unsere siebenbürgischen Regi⸗ menter dem Feinde acht etagenförmig angelegte betonierte Stützpunkte mit dem Bajonett entrissen. Vier dieser Werke wurden allein von dem größtenteils aus Ruthenen bestehen⸗ den Infanterieregiment Nr. 50 erobert. Der Halbkreis um Jwangorod verengte sich beträchtlich. Wir nahmen 15 Offiziere und über 2300 Mann gefangen und erbeuteten 29 Ge⸗ schü tz e(darunter 21 schwere), ferner 11 Maschinengewehre, einen großen Werkzeugpark und viel Munition und Kriegsmaterial. Unsere bewährten siebenbürgischen Truppen dürfen diesen Tag zu den schönsten ihrer ehrenvollen Geschichte zählen. Unmittelbar östlich der Weichsel erstürmte eine unserer Divisionen die Eisenbahnstation No wo⸗ Alexandria und einige zunächst gelegene Positionen. Bei Kurow drangen deutsche Truppen, nachdem sie gestern zwei feindliche Linien genommen, in eine dritte ein. 5 Weiter öst lich bis zum Wieprz hält der Feind Stellungen. Zwischen Wieprz und Bug wird die Verfolgung fortgeseßt. unsere zwischen Sokal und Krylow über den Bug ge⸗ gangenen Truppen rücken in der Richtung Wladimir—Wolynskij noch seine or. In Ostgalizien ist die Lage unverändert. Italienischer Kriegsschauplatz An der Tiroler Front wurde eine feindliche Abteilung im Ledro⸗Tale westlich Bezzocca überfallen und unter großen Verlusten zurückgeworfen. In Judicarien vertrieben unsere Patrouillen zwei italienische Beobachtungsposten, die sich auf den Höhen nordwestlich Condino eingenistet hatten. Im Kärntner Grenzgebiet hat sich nichts Wesentliches ereignet. Im Küsten lande herrscht in den nördlichen Abschnitten größtenteils Ruhe. Im Plateau hält der Geschützkampf an. Die gegen unsere Stellungen östlich Polazzo geführten starken italieni⸗ schen Angrifse wurden durch einen Gegenangriff, der unsere In⸗ fanterie bis über die ursprünglichen Stellungen hinausführte, vollständig zurückgeschlagen. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Höfer, Feldmarschalleutnant. 8 Enuglische Besorgnisse. T. U. Kopenhagen, 2. Aug. Politiken meldet, daß in London die Nachricht von der Einnahme Warschaus jeden Tag er⸗ wartet wird. Die größte Sorge macht man sich jedoch in Militärkreisen und im Volke über die Flankenbewegung der Below⸗ schen Armee. Falls Kowno den Vormarsch der deutschen Nordarmee nicht zum Stehen brächte und General von Below das Sstufer des Niemen erreicht, hält man in London die rusfischen Rückzugs⸗ straßen für schwer bedroht. Der Vormarsch des Generals von Below, der über eine reichliche Kavallerie verfügen muß, über⸗ trifft alle Befürchtungen. Der Generalifsimus habe in aller Eile alle verfügbare Kavallerie von Brest⸗Litowsk nach Norden gefandt. England kann Rußland nicht helfen! Die Times entwickelt nach der Frankf. Ztg. in einem Artikel die Frage, was nun mit den Festungen Nowo⸗ georgiewsk, Warschau und Jwangorod geschehen werde. Werden sie geräumt oder werden sie besetzt ge⸗ halten? Durch diese Festungswerke laufen die Eisenbahnen, die die Deutschen für die Fortsetzung ihres Vormarsches nötig haben, und diefer Vormarsch wird behindert werden, wenn die Eisenbahnen, sei es auch nur zeitweise, nicht voll⸗ ständig in den Händen der Deutschen sind. Werden jedoch Besatzungen in den Festungen zurückgelassen, dann sind dafür mindestens 100 000 Mann nötig, die man wohl niemals wiedersehen wird, da gegen das deutsche Geschütz die Festungswerke sich doch nicht halten können. Es spricht also manches dafür, die Festungswerke den Deutschen zu überlassen. Der Großfürst werde wohl wissen, was er im Interesse Rußlands zu tun habe, meint die Times. Jetzt komme qguch der Augenblick, in dem die Russen Hilfe aus dem Westen erbitten werden. Das Blatt erklärt, daß diese Hilfe nicht geggeben werden könne. Auf dem westlichen Kriegsschauplatz hielten die Verbündeten 2 Millionen Deutsche fest und an den Dardanellen ver⸗ hinderten sie die Türken, sich nach der kaukasischen Front zu begeben.„Rußland würde es nichts nützen, wenn wir auf Abenteuer ausgingen,“ sagt die Times,„denn das Aergste, was Rußland geschehen könnte, würde sein, daß Fran⸗ zosen, Engländer und Belgier nicht mehr imstande wären, gegen Deutschland standzuhalten.“ Der größte Trost, den die Times zu geben weiß, ist, daß Deutsch⸗ land nun das Maximum seiner Truppen an der Front habe und daß es nun bald am Ende seiner Kraft sein werde. Rußland müsse auf die westlichen Verbündeten rechnen, ebenso wie die Verbündeten auf Rußland zählen könnten. Niemand habe die Absicht, Frieden zu schließen, solange der vollkommene Sieg nicht errungen worden sei. Die Räumung Warschaus. Aus dem Kriegspressequartier wird dem Berl. Tagbl. gemeldet: Die Räumung Warschaus von der Zivilbevölkerung und vom Mili⸗ tär, außer dem notwendigen Garnisonsbestand, geht im schleunigen Tempo vor sich. Von den 800 000 Einwohnern haben bis Ende Juli 300 000 die Stadt verlassen. Die Kundgebung des Zaren. Das Pariser Auswärtige Amt ersucht nach der T. U. die Presse um knappeste Würdigung der Zaren⸗Kund⸗ gebung; besonders sei ein Herumdeuten an dem Ausdruck, der Kaiser hoffe auf eine Wiederkehr des Friedenszustandes, zu vermeiden, weil jedes über— flüssige Wort die gegnerischen Bemühungen bei den neutralen Staaten zu fördern geeignet sei. Russische Unzufriedenheit mit England. T. U. Hamburg, 2. Aug. Das Hamburger Fremdenblatt meldet: Nach zuverlässigen Meldungen besteht in gewissen Dumakreisen die Absicht, an die Regierung einen Antrag über die Dardanellen zu richten. Diese Absicht wird von süd⸗ russischen Großindustriellen eifrigst gefördert. Die Frage— stellenden wünschen auch zu wissen, ob inzwischen ein formelles Abkommen über die Dardanellen zwischen England und Ruß⸗ land abgeschlossen ist. Die Unzufriedenheit mit England herrscht nicht nur bei den rechtsstehenden Parteien. Die russische Taktik von 1812 hente unmöglich. Nach der Morningpost soll sich der im Osten kommandiexende General v. Below über die russische Taktik ausgesprochen haben. Ein ungarischer Journalist habe ihn über die Möglichkeit befragt, ob die Russen ihre Strategie gegen Napoleon vom Jahre 1812 wiederholen könnten, d. h. vor ihrem Rückzug das Land zur Wüste machen und so die feindlichen Heere dem Hungertode überant⸗ worten. General v. Below habe dem Journalisten geantwortet, daß eine derartige Strategie wohl 1812 wirksam war, aber nicht beut⸗ zutage, wo das Brot, das die Soldaten heute in Windau äßen, gestern in Breslau gebacken worden sei.„In einem Zeitalter, wo man Eisenbahnen aulegt nur einen Kilometer hinter der vorrückenden Truppe, wo Tausende von Motorwagen hinter uns stehen, wo Asphaltstraßen gleichsam aus der Erde herauswachsen, da ist eine derartige Strategie nicht mehr wirksam. Wir trinken Apollinaris⸗ brunnen und essen frisckes Fleisch, das direkt von Berlin kommt, und wir können eine Landstraße von 50 Kilometer, wenn nötig, in zwei Tagen bauen. Darum ist es Unsinn, heute von der Strategie zur Zeit Napoleons zu reden.“ Die rumänische Getreideaussuhr. Die Times meldet aus Bukarest: Die Frage der Getreide— aussuhr dieses Jahres droht eine ernsthafte Wendung zu nehmen. Die Zahl rumänischer Eisenbahnwagen ist nicht genügend, um den Getreidevorrat zu transportieren, und man hat sich an Deutschland wenden müssen, um diesem Mangel abzuhelfen. Deutschland jedoch macht Schwierig⸗ keiten, um auf diese Weise einen Druck auf die rumänische Regierung auszuüben, damit der Transport von Munition nach der Türkei durch Rumänien zugestanden wird. Aus gut informierten Kreisen wird dem Korrespondenten der Times versichert, daß die Regierung diesem Druck nicht nach— geben werde. England, der„Beschützer“ der kleinen Nationen! Wieder einmal hat England der Welt der neutralen Staaten einen Beweis dafür geliefert, wie die vielgerühmte englische Rück⸗ sicht auf die kleinen Nationen in Wahrheit aussieht. Die Besetzung der Insel Mytilini, des antiken Lesbos, durch die Alliierten, denen sie als neuer Stützpunkt für ihren Angriff auf die Darda⸗ nellen dienen soll, zeigt, daß man sich um die Rechte der Neutralen in diesem Lager nach wie vor durchaus nicht kümmert, obgleich man noch immer nicht die sittliche Entrüstung über Deutschlands Ein- marsch in Velgien aufgeben will. Dieser Einmarsch ist jedoch viel eher zu rechtfertigen, weil er durch die unbedingte Notwendig⸗ keit, ja durch die ungeheure Gefahr für Deutschland selbst gerecht⸗ fertigt war. Dagegen nötigt nichts die Engländer und Franzosen, die Därdanellen zu durchbrechen. Sie werden es nicht können, aber auch der Versuch war ihnen durch keinerlei Notwendigkeit aufge⸗ zwungen und darum ist die Vergewaltigung Griechenlands nicht mit dem Grunde der Notwehr zu verteidigen. Die deutsche Re⸗ gierung hatte die belgische ferner vorher um Gestattung des Durch⸗ zugs ersucht, freilich vergeblich. Die englische dagegen hat Griechenland mit brutaler Nichtachtung einfach„den Entschluß der Verbündeten“ mitgeteilt., Mytilini provisorisch zu besetzen, wobei natürlich, im Augenblicke schnödester Verletzung der griechischen Souveränität, die Versicherung nicht fehlen darf, daß die Entente entschlossen sei, die souveränen Rechte Griechenlands zu achten! Wie wir berichtet haben, ist aber auch diese amtliche englische Mit⸗ teilung in Athen nicht etwa einem eigenen britischen Bedürfnis entsprungen, gegen andere und besonders gegen von England Miß⸗ handelte, höflich zu sein, sondern erst die Folge diplomatischen Drucks innerhalb der Entente. Einflußreiche griechische Finanz⸗ männer, die 11 Paris Verbindung haben, wiesen die französische Regierung darauf hin, welche Verstimmung die ee 715 letzungen der griechischen Neutralität im Hellenenvolke na ger e hervorgerusen haben. Darauf folgte dann unter französischer 10 0 wirkung jene trockene englische Anzeige in Athen. Sie kann 1 5 da sie keinerlei Entschuldigen bietet, den Griechen nur beweisen, daß man sie als ohnmächtig ansieht und keinerlei Umstände mit W machen geneigt ist. Kein Wunder, daß man von dieser Art 15 Notifizierung in Athen wenig erbaut ist. Gesetzt, Deutsch 15 hätte sich einen solchen Uebergriff gegen einen wehrlosen neutralen Staat erlaubt! Die Times und ihre Konsorten würden wochenlang Leitartikel über diese neueste Schandtat der„Hunnen bringen und die demokratische„Nation“ würde die Augen verdrehen vor Ent⸗ setzen über den Abgrund der Entartung, zu der der Militarismus ein Volk bringen kann. Italien und die Türkei. Basel, 2. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Die Basler Nachrichten melden, daß Italien weitere sechs Jahrgänge der Marinereserven einberufen hat. Die zu erwartende Expedition gegen die Türkei werde sich gegen Kleinasien richten. Eine peinliche Aufrage.. Die Tribuna meldet aus Paris: Die so ziali sti sche Kammerfraktion hat eine Anfrage an die Regierung beschlossen, in der Aufklärung über den Stand der Dardanellenkämpfe angesichts der ungünstigen Be⸗ richte in den neutralen Zeitungen gefordert wird. Die Reaktion in Frankreich. In einem dem Andenken on Jaureés gewidmeten Artikel in der Guerre Sociale schreibt(wie die Fkf. Z. berichtet) Hervé:„Wenn Jaures ein volles Jahr nach dem Kriege erlebt hätte, daß ein mit Ruhm bedeckter republikanischer General von der Ungnade betroffen worden ist, von der viel weniger verdiente reaktionäre Generäle verschont bleiben, so hätte er seine Stimme erhoben und der Re⸗ gierung zugerufen:„Begeht nicht dieses Verbrechen gegen die Re⸗ publik, die schon so viele Opfer gebracht hat“, Hervs fährt fort: Die republikanische öffentliche Meinung, die bis vor einer Woche Ver⸗ trauen in die Regierung hatte, ist entrüstet und niedergeschlagen, sie hat kein Vertrauen mehr in die politische Einsicht und die republi⸗ lanische Tatkraft der Regierung, die der republikanischen Partei unverdiente Ohrfeigen auf beide Wangen austeilen läßt“. Die Zensur hat immer noch nicht gestattet, den Namen des ge⸗ maßregelten Generals zu veröffentlichen. Die Andeutun⸗ gen Herpes bestätigen jedoch die Vermutung, daß es sich um den Kommandanten der Ostarmee, Sarrail, handelt, der als Schiitz⸗ ling Henri Brissons, als Mitawbeiter des Generals Andre das Ver⸗ trauen der republikanischen Partei besaß, den Reaktionären aber be⸗ sonders verhaßt war als Republikaner und Freimaurer, der sich nicht scheute, die reaktionären Bestrebungen im Offizierkorps offen zu be⸗ kämpfen. 5 Der Seekrieg. Der Untergang der„Iberia“. T. U. Haag, 2. Aug. Die Leyland⸗Linie veröffentlicht eine Verlustliste der„Iberia“. Daraus geht hervor, daß außer einem, seinen Wunden erlegenen Amerikaner auch ein anderer direkt getötet und drei verwundet wurden. Reutermeldet aus London: Das englische Dampfschiff„Ful⸗ gence“ wurde in den Grund gebohrt. Von der Besatzung wurden 26 Mann gerettet. Die„Fulgence“ hatte 2512 Tonnen Inhalt und gehörte nach London. Freilassung Burtzews? Mailand, 2. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Corriere della Sera meldet aus Paris: Der seit langem in Haft ge⸗ haltene russische Revolutionär Burtzew ist auf Veranlassung der russischen Regierung freigelassen worden. Die Lage der nach Sibirien Verbaunten. T. U. Zürich, 2. Aug. Der in Genf in russischer Sprache er⸗ scheinende Sozialdemokrat veröffentlicht einen Bpief aus Sibirien, worin es heißt, die dortigen Gefangenenorte seien überfüllt mit poli⸗ tischen Verbrechern. In einem einzigen Ort allein befinden sich 140 Sozialdemokraten, darunter 60 Letten, die dem Hunger preisgegeben sesen, trotzdem sei die Hoffnung auf baldige Befreiung groß. Unter den Verbannten befinden sich über 100 baltische Barone. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. Für die Einmachezeit! 1 von Henriette bis in die neueste Zeit für alle Haushaltungen enthaltend das Einmachen, Aufbewahren, Konservieren die Obstverwertung, Fruchtwein⸗ herstellung usw. I Mk. m i t Abbildungen. Oberhess. Volkszeitung Bahnhofstrasse 23. Für sparsame Hausfrauen zuenvafsurHomesaeds 4 .