Oberhe e Volkszeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberbessische Volksseitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 180 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 167 Gießen, Dienstag, den 20. Juli 1915 10. Jahrgang. Glänzende Siege im Dentsch⸗zsterreichisches Wirtschaftsbündnis. Ende dieser Woche tritt in Berlin der Mitteleuropäische Wirt⸗ schaftsverein zu einer besonderen Tagung zusammen. Er will ein Problem erörtern, das schon seit Monaten einen außerordentlich starken Widerhall in der deutschen, österreichischen und ungarischen Presse und Literatur gefunden hat: die Schaffung eines engeren Wirtschaftsbundes zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Diese Frage ist nicht nur von großem politischen und wirtschaftlichen Interesse, sie muß, je nachdem sie gelöst wird, auch die Interessen der Arbeiter in den drei Ländern stark berühren. Die organisierten Arbeiter aller kapitalistischen Länder sind zunächst grundsätzlich stets für eine engere wirtschaftliche Verbindung der verschiedenen Nationen eingetreten. Sie sahen mit Recht in einer engeren Verbindung des Verkehrs eine Bürgschaft für einen gleichmäßigeren und geregelteren Austausch der Waren und darin eine allgemeine Hebung der wirtschaftlichen Kultur. Der Krieg hat nun freilich auch die Blüten dieser Hoffnung arg geknickt, aber der Krieg dauert nicht ewig und die Probleme des Friedens zeigen ihre Kraft und Gewalt sogar schon während seine Stürme noch tosen. Ein Wirtschaftsbündnis zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutsch⸗ land ist ein solches Friedensproblem. Denn während des Krieges ist diese Frage gelöst. Das militärische Bündnis hat für die Dauer des Krieges ganz selbständig eine stärkere wirtschaftliche Rücksicht aufeinander erzwungen. Wir haben seit Anbeginn des Krieges einen sehr intensiven Kompensationshandel mit Oesterreich-Ungarn, d. H. wir tauschen bestimmte Warenquantitäten in bestimmten Ver⸗ hältnissen miteinander aus und es ist kein Geheimnis, daß diese Art Austausch weit glatter zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland als zwischen Oesterreich und Ungarn selbst sich abgewickelt hat. Die Absicht aller Erörterungen über dieses Thema geht nun dahin, für die Zeit nach dem Kriege eine möglichst enge wirtschaftliche Ver⸗ bindung zwischen Oesterreich, Ungarn und Deutschland herzustellen. Für die Durchführung dieser Absicht werden in der Hauptsache drei Vorschläge gemacht. Man will zunächst für die drei Länder unter sich eine möglichste Aufhebung und Erleichterung der Zölle herbei⸗ führen, also einen Zollverband schaffen. Dieser Zollverband soll dann einen einheitlichen Außentarif gegenüber allen anderen Ländern bekommen und drittens in diesem einheitlichen Außentarif bestimmten Ländern bestimmte Vorzüge gewähren. Es handelt sich also um ein Bündnis der Länder unter sich und um ein Bündnis der Länder gegen andere. Das Wirtschaftsbündnis der drei jetzt so eng verbündeten Nationen untereinander und für die Wirtschaft des Friedens kann zweifellos auch von der Sozialdemokratie zustimmend begrüßt wer⸗ den, nicht nur aus den eingangs angeführten allgemeinen Grund⸗ sätzen, sondern auch aus den besonderen Verhältnissen heraus. Die sozialdemokratischen Parteien dieser drei Länder waren schon immer besonders eng verbündet und die nationalen Gegensätze waren zwischen ihnen, wenn man von einigen ungarischen und tschechischen Zwischenfälle absieht, die ausgeglichensten. Das Wirtschaftsbündnis der Länder untereinander würde zugleich auch einen starken Anstoß zu einem stärkeren Ausgleich des Arbeiterschutzes geben und die Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen kraft der verbündeten Gewerk- schaften verbessern helfen. Bedeutend anders aber liegt es für die organisierte Arbeiterklasse der drei Länder, wenn mit diesem deutsch⸗ österreichischen Wirtschaftsbündnis zugleich ein wirtschaftliches 9 gegen die andern Länder der Welt geschaffen wer⸗ en soll. In dieser Hinsicht kann man nicht oft genug wiederholen, daß, wie der Kriegsausbruch die Beziehungen der Länder zueinander revolutioniert hat, so auch der kommende Frieden die Beziehungen wieder ganz anders gestalten wird. Nach dem Kriege wird der Weltmarkt wieder erstehen, und wenn auch zunächst vielleicht unter großen Schwierigkeiten und Gegensätzen allmählich wieder den inter⸗ nationalen Warenaustausch sichern. Es gibt kein Land der Welt, das sich wirtschaftlich auf die Dauer vollkommen selbst genügen könnte, alle Länder sind wirtschaftlich von einander abhängig und auf einen Verkehr miteinander angewiesen. Der Krieg kann diese zwingende Notwendigkeiten nur zeitlich unterbrechen. Das Ideal des Sozialismus ist ein wirtschaftlicher Weltverkehr möglichst ohne Hindernisse. Zugegeben, daß die Welt für dieses Ideal noch nicht reif ist wir wollen kein Mittel unversucht lassen, es zu fördern und jedes Mittel bekämpfen, das seine Verwirklichung hindert. So weit also ein deutsch⸗österreichischer Wirtschaftsbund von vorneherein den Kampf gegen andere Länder in sich schließen soll, müßte die Sozialdemokratie ihn bekämpfen. Indessen wird sie dabei nicht vergessen dürsen, daß diese mögliche Kampfstellung des Bundes ja nicht von Oesterreich⸗ungarn und Deutschland allein abhängt, sondern ebenso sehr davon, wie sich die andern Länder der Welt⸗ wirtschaft und besonders unsere jetzigen Feinde zu einem solchen Bunde in der Zeit nach dem Kriege stellen werden. In dieser Hin⸗ sicht muß man die Bestrebungen beachten, die gegenwärtig besonders in Frankreich ihr Unwesen treiben und in einem Artikel des be⸗ kannten französischen Nationalökonomen Théry ihren klarsten Aus⸗ druck gefunden haben und in England bereits sehr lebhaft unterstützt werden. Diese französisch⸗englischen Bestrebungen gehen dahin, Deutschland und Oesterreich⸗Ungarn jetzt während des Krieges vom Weltmarkte, so weit er überhaupt noch für sie existiert, mit allen Mitteln der Gewalt ganz vollständig abzuschließen und für die Zeit nach dem Kriege auch nach Möglichkeit zu isolieren. Wenn diese Ab⸗ sichten jetzt und später Wirklichkeit werden sollten, so wird kein billig denkender Mensch etwas dagegen einwenden können, daß die Zentralmächte sich gegen den Vierverband kräftig wehren und im Kampf hart gegen hart setzen. Wir haben aber die Hoffnung, daß, wenn auch schon jetzt hüben wie drüben nach einem solchen Wirt⸗ schaftskampf auch für die Zeit nach dem Kriege geschrieen und agitiert wird, die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die nicht auf Kampf, sondern auf Verkehr und Verbindung drängen, die Stärkeren sein werden. 1* Tagesbericht des Großen Hauptguartierz. Schwache Angriffsbemühungen der Frauzosen Die Russen von der Windau bis zum Bug geschlagen. Rückzug auf der ganzen Front. W. B. Großes Hauptquartier, 19. Juli, vorm.(Amtlich. Westlicher Kriegsschauplatz, In der Gegend von Souchez war nach verhältnis⸗ mäßig ruhigem Verlaufe des Tages die Gefechtstätigkeit nachts lebhafter. Ein französischer Angriff auf Souchez wurde abgeschlagen. Angriffsversuche südlich davon wurden durch unser Feuer verhindert. Auf der Front zwischen Oise und den Argonnen vielfach lebhafte Artillerie- und Minenkämpfe. Im Argonnenwalde schwache Angriffsversuche des Gegners ohne Bedeutung. Auf den Maashöhen südwestlich von Les Eparges und an der Tranche wurde mit wechselndem Erfolge weiter gekämpft. Unsere Truppen büßten kleine örtliche Vorteile, die am 17. d. M. errungen worden waren, wieder ein. Wir machten 3 Offiziere, 310 Mann zu Ge⸗ fangenen. Oestlicher Kriegsschauplatz. Deutsche Truppen nahmen Tukkun und Shinxt. Windau wurde besetzt. In der Verfolgung des bei Alt-Auz geschlagenen Gegners erreichten wir gestern die Gegend von Hof zu m Berge und nördlich. Westlich von Mitau hält der Gegner eine vorbereitete Stellung. Westlich von Popeljany und Kurschany wird gekämpft. Zwischen Pissa und Szkwa räumten die Russen ihre mehrfach von uns durchbrochenen Stellungen und zogen auf den Narew eab. Hier fechtende deutsche Reserve- und Land⸗ wehrtruppen haben in den Kämpfen der letzten Tage in dem jeden feindlichen Widerstand begünstigenden Wald- und Sumpfgelände Hervorragendes geleistet. Die Armee des Generals v. Gallwitz drang weiter vor. Sie steht jetzt mit allen Teilen an der Narewlinie. Südwestlich von Ostrolenka und Nowo⸗ Georgiewsk, wo die Russen nicht in ihren Befestigungen und Brückenkopfstellungen Schutz fanden, sind sie bereits über den Na re w zurückgewichen. Die Zahl der Gefangenen hat sich auf 101 Offiziere, 23 760 Mann erhöht. Auch in Polen zwischen Weichsel und Pilika blieben die Russen im Abzug nach Osten. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Der am 17. Juli in der Gegend nordöstlich von Dzienno von der Armee des Generalobersten v. Woyrsch geschlagene Feind versucht in seinen vorbereiteten Stellungen hinter dem Ilzankaabschnitt die Verfolgung zum Stehen zu bringen. Die feindlichen Vorstellungen bei Ciepilo wurden von der tapferen schlesischen Landwehr bereits im Laufe des gestrigen Nachmittags erstürmt. Die⸗ selben Truppen sind in der Nacht in die dahinter liegende feindliche Hauptstellung eingedrungen. Ebenso beginnt die feindliche Linie bei Kasan ow und Baran ow zu wanken. Die Entscheidung steht bevor. Zwischen oberer Weichsel und Bug dauerte der Kampf, der unter dem Oberbefehl des Generalfeld— marschalls v. Mackensen stehenden verbündeten Armeen den ganzen Tag über in unverminderter Heftigkeit an. An der Durchbruchsstelle der deutschen Truppen bei Pilaszko⸗ wice und Kras nostaw machten die Russen die ver⸗ zweifelsten Anstrengungen, die Niederlage abzuwenden. Eine ihrer Gardedivisionen wurde frisch in den Kampf geworfen und von unseren Truppen geschlagen. Weiter östlich bis in die Gegend von Grabowiee erzwangen österreichisch-ungarische und deutsche Truppen den Uebergang über die Volica. Bei und nördlich Sokal drangen österreichisch-ungarische Truppen über den Bug. Unter dem Zwange dieser Erfolge ist der Feind in der Nacht auf der ganzen Front zwischen Weichsel und Bug zurückgegangen. Nur an der Durchbruchsstelle westlich Krasnostaw versucht er noch Widerstand zu leisten. Die Russen haben eine sehr schwere Niederlage erlitten. Die deutschen Truppen und das unter Befehl des Feld- marschallentnant v. Arz stehende Korps haben allein vom 16. bis 18. Juli 16 250 Gefangene gemacht und 23 Maschinen⸗ gewehre erbeutet. Nach gefundenen schriftlichen Befehlen war die feind⸗ liche Heeresleitung entschlossen, ohne jede Rücksicht auf Ver⸗ luste die nun von uns eroberten Stellungen bis zum äußersten zu halten. Oberste Heeresleitung. Ein Fangnetz für U-Boote? Kristiania, 17. Juli. Die Morgenzeitungen melden aus Ber⸗ gen: Vier Mann von der norwegischen Bark Superior sind gestern in Bergen angekommen. Sie erzählen, daß sie auf der Fahrt nach Liverpool mit Holzladung 40 Seemeilen vor Liverpool bei klarem Wetter auf offenem Meere festgerannt seien, und zwar auf ein riesiges starkes Stahlnetz, das auf Gaskugeln quer durch das Fahrwasser ging. Beim Aufrennen entzündeten sich sofort vier Serienlichter. Diese waren in hohlen Baumstämmen, die 60 Zenti⸗ meter dick, nach unten zugespitzt und mit Karbid gefüllt waren, an⸗ gebracht. Das Schiff saß so fest, daß ein herbeieilender englischer Kreuzer es losbringen mußte, wobei das Schiff ein Stück des Netzes und zwei Lichtbojen zerstörte. Die Maschen des Netzes waren einen Quadratmeter groß, die Drähte einen halben Zentimeter dick. Russische Kulturarbeit. Der Reichsregierung ist in diesen Tagen ein amtliches Protokoll aus Petersburg zugegangen, das den Zustand des deutschen Bot⸗ schaftsgebäudes in Petersburg klarstellt. Das umfangreiche Proto⸗ koll wird von der Nordd. Allg. Ztg. abgedruckt und läßt erkennen, daß von dem prächtigen Polast eigentlich nur einige kahle Mauern übrig geblieben sind. Die Ueberreste der berühmten Kunftsammlung des Botschafters Grafen Pourtalés lagern als Schutt im Hofe. Kriegsverrat. Freiburg, 17. Juli. Am 16. ds. Mts. wurde vom Feld⸗ gericht der Etappenkommandantur Mülhausen der Real- lehrer Brogly, Mitglied der Zweiten Kammer des Elsaß⸗ Lothringischen Landtags, wegen Kriegsverrats zu 10 Jahren Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Jahren verurteilt. Niedard Brogly vertritt den Wahlkreis Habsheim⸗ Landsee und gehört der Zentrums fraktion an. Er steht im Alter von 37 Jahren und war zuletzt Lehrer an de Oberrealschule in Mülhausen. Die Vergherren sagen der Regierung Fehde au. Die Rhein.⸗Westf. Ztg., das Sprachrohr der herrschenden Ver⸗ sonen im Kohlenbergbau, bläst in einem erregten Artikel:„Der Ernst der Lage“ zum Sturm gegen die neue Verfügung zur Bildung von Zwangssyndikaten mit staatlicher Aufsicht. Komme sie zur An⸗ wendung, dann sei es mit der freien Entfaltung unseres Kohlen⸗ bergbaues vorbei: sie räume den Landes⸗Zentral⸗ und höheren Ver⸗ waltungsbehörden derartig weitgehende Befugnisse ein, daß der Bergbau in völlige Abhängigkeit von diesen Behörden geraten und keinerlei Rechte mehr haben würde. Herr im Hause wäre er nicht mehr, sondern müßte seine Preis- und Absatzpolitik nach dem Willen des Handelsministeriums und der Verbraucher regeln. Die über Nacht erlassene Verordnung wird als ein verstecktes Mißtrauens⸗ votum gegen den rheinisch-westfälischen Kohlenbergbau und seine führenden Persönlichkeiten angesehen. Da die Regierung jederzeit bereit sei, den Bergbau in staatliche Fesseln zu schlagen, so müßten gegenüber der drohenden gemeinsamen Gefahr alle Sonderbestrebun⸗ gen fortfallen, und der Syndikatsbau müßte schleunigst erneuert merden. Und das alles, obgleich noch nicht sicher ist, daß die angedrohte Staatsaufsicht so gefährlich wird. Friedenspropaganda in England. Der Labour Leader teilt mit, daß nächstens im ganzen Lande eine Bewegung für einen baldigen gerechten Frieden beginnt. Der Nationalrat der Unabhängigen Arbeiterpartei, der gegen Monatsende zusammentritt, wird die Initiative dazu ergreifen. Die Porkshire-Bezirkskonferenz nahm eine Resolution an, welche die ausländischen Friedenserwartungen begrüßt und die britische Regierung auffordert, ihre Be— dingungen für eine Friedensverhandlung bekannt zu geben. Französische Beängstigungen. T. U. Paris, 19. Juli. Petit Parisien berichtet aus Remiremont, daß dort fantastische Nachrichten über die Operationen in den Vogesen zirkulieren, deren Quelle unbekannt ist und die bezwecken, der Be⸗ völkerung das Vertrauen und die Geduld, die sie bis jetzt gezeigt hat, zu nehmen. Der Bürgermeister von Remiremont veröffentlichte diese Tatsache und erklärte, daß die Verbreiter solcher Nachrichten als die Mitschuldigen der Feinde zu betrachten sind, und daß man dieser Kampagne ein Ende machen müsse. Die Militärbehörden be⸗ schlossen, die Verbreiter dieser falschen Gerüchte vor ein Kriegs⸗ gericht zu stellen. Die Lage in Südwale?. T. U. Lugano, 19. Juli. In Südwales hat sich, nach in Rom und Mailand vorliegenden Nachrichten, die Lage ver⸗ schlimmert. Die Arbeiter fordern nicht nur eine Lohn- erhöhung von 25 Prozent, sondern auch die Aufhebung des Munitionsgesetzes für Südwales. Nach dem Secolo nehmen die Arbeiter durch ihre Haltung eine ungeheure Verantwor- tung auf sich, da bei nicht sofortiger Wiederaufnahme der Ar⸗ u. Co. ein Diebstahl ausgeführt worden. deit eine Anzahl Munitionsfabriken innerhalb acht Tagen zur Einstellung der Arbeit gezwungen sein würden. Auf der ersten Seite der Daily Expreß steht im Sams⸗ tag in zollgroßen Buchstaben:„Der Daily Expreß setzt 5000 Pfund Sterling(100 000 Mk.) für die Information aus, die zur Verhaftung und Verurteilung der Person oder der Personen führt, die für die Anzettelung des Kohlenstreiks durch deutsche oder andere fremde Agenten verantwortlich sind. Neue Schlachtopfer. Einer Meldung der Heating zufolge haben die Engländer 45000 Mann neuer Truppen in Malta zusammengezogen, die zur Verstärkung der Landungskorps an den Dardanellen bestimmt sind. Auch 50 Transportschiffe, die die Truppen an ihren Bestimmungsort bringen sollen, lägen in Malta schon bereit. Neue englische Kreditvorlage. T. U. London, 19. Juli. Im Unterhause erklärte am Samstag Asquith, daß er vor der Vertagung des Parlaments neue Kredite fordern werde. Laut einer Meldung des Daily Telegraph werden sich die verlangten Kredite auf 10 Millionen Pfund Sterling(2 Mil⸗ liarden Mark) belaufen. Es ist dies die sechste Kreditvorlage seit dem Kriegsausbruch. Anarchie in Moskau. T. U. Budapest, 19. Juli. Pesti Naplo meldet aus Mos⸗ kau, dort herrsche Anarchie. Eine gewaltige Militärmacht hat stets Bereitschaft. Die revolutionären Komitees richten an die 17jährigen Aufrufe, der Einberufung zu den Fahnen nicht Folge zu leisten. In den revolutionären Proklamation⸗ nen heißt es weiter, daß die Sache Rußlands verloren sei. Die russische Armee habe in den Monaten Mai und Juni 1½ Millionen Mann verloren; es gibt keine Offiziere mehr, zudem werden die russischen Armeen auf besonderen Befehl angewiesen, mit der Munition zu sparen. Die Sündenböcke. Bukarest, 19. Juli. Für die russischen Niederlagen in Galizien werden die beiden Heerführer Dimitriew und Dragomirow verant- wortlich gemacht. Der erstere wurde auf Weisung aus Petersburg seiner Stellung enthoben, der letztere unter Anklage gestellt. Die gricchische Parlamentseröffnung. T. U. Kopenhagen, 19. Juli. Wie aus Athen gemeldet wird, ist es Gunaris geglückt, die Parlamentseröffnung einen Monat hinauszuschieben. Gunaris schiebe die Krankheit des Königs vor, um Venizelos zu verhindern, die Staatsleitung zu übernehmen. Kriegsnolizen. Hauptmann Jäger⸗Hofer, der Führer der bayerischen Felbfliegerabteilung Nr. 6 und Leutnant Schinnerer, Flug⸗ zeugführer der Abteilung, beide Ritter des Eisernen Kreuzes erster und zweiter Klasse und des bayerischen Militärverdienstordens, sind in der Nacht zum Samstag auf einer dienstlichen Automobilfahrt tödlich verunglückt. Der als Landsturm⸗ Hauptmann im Felde stehende fort⸗ schrittliche Reichstagsabgeordnete Neumann⸗ Hofer ist in das Presse-Dezernat bei der belgischen Zentral— verwaltung berufen worden. In einem Walde bei Rothenburg o. T. wurden von den dort arbeitenden französischen Kriegsgefangenen vier rxussische Kriegsgefangene entdeckt, die im Walde übernachtet hatten. Die Flüchtlinge stammen aus einem württembergischen Gefangenenlager und wurden verhaftet. Laut Mailänder Secolo brach Freitag nachmittag in den Metallwerken von Ilva in Bagnoli bei Neapel ein heftiger Brand aus. Fast der gesamte Fabrikteil, in dem die den verschiedensten Zwecken dienenden Gas- und Flüssigkeits⸗ behälter aufgestellt waren, liegt in Trümmern. Der bis jetzt fest⸗ gestellte Schaden übersteigt die Summe von 100 000 Lire. Nach dem Corriere della Sera ist in der vergangenen Nacht in den Bureauräumen der Genueser Reederfirma Paolo Queiroli Den Dieben fielen für eine Million Lire Wertpapiere in die Hände. Wie der Messaggero berichtet, mußte das englische Schlachtschiff „Queen Elizabeth“ eingedockt werden, weil es durch Bersten eines eigenen Geschützes havariert wurde. Der Messaggero veröffentlicht zwei Telegramme über den Tod von Genadie w. Nach dem einen Telegramm soll er Selbstmord verübt haben, nach dem andern soll er ermordet worden sein. Das Kriegsgericht in Marseille verurteilte den dort lange Jahre ansässigen Deutschen Hermann Hochel von der Ham— burger Union Sulfur Company, der rechtzeitig Frankreich vor Kriegsausbruch mit seiner Familie verlassen hatte, in contumaciam zum Tode. Hochel war, wie bereits mitgeteilt, wegen Spionage angeklagt. Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Unsere Kinder und unsere Feinde. Im Berliner Tageblatt veröffentlicht Charlotte Gräfin Rittberg⸗Dresden eine Betrachtung über„Unsere Kinder und unsere Feinde“. Sie schildert das Treiben einer Kinder⸗ schar vor einer Dresdner Gärtnerei, in der gefangene Fran⸗ zosen, Russen und Engländer beschäftigt wurden. An den Zäunen sah sie täglich neugierige Männer und Frauen stehen und sie beobachtete dabei folgendes: „Vor ihnen drängen sich die Kinder des ganzen Stadt⸗ teils, klettern an den Planken empor, und— ich muß es sagen, obwohl ich weiß, daß es nur ein Ausnahmefall ge⸗ wesen ist— vor kurzem geschah es, daß einige ungezogene Jungen mit Schimpfworten die Steine eingelernten Hasses nach den fremden Männern warfen, die für ihr Vaterland gekämpft und für das Wohl ihrer eigenen Kinder Heimat und Herd verlassen haben.“ Die Verfasserin erkennt an, daß diese Kinder von den älteren Leuten zurechtgewiesen wurden. Sie fügt hinzu: „Aber das Erlebnis zeigte eine Gefahr. Scheltet die Kinder nicht, sie wissen nicht, was sie tun; aber rüttelt die Lehrer, die Eltern auf, daß sie keinen Haß in junge Seelen pflanzen!“ Nach 1870/71 habe man, warnt Gräfin Rittberg,„die französischen Kinder in diesem Haß erzogen, der die er⸗ wachsene Nation heute in blinder Naserei ins Verderben jagt.“ Sie mahnt: „Predigt nicht Haß in den Schulen. Verschweigt der Jugend die unvermeidlichen Exzesse aufgepeitschter Brutali⸗ tät. Wie soll das Kind in seinem kleinen Leben die unge—⸗ heuerlichen Auswüchse überreizter Leidenschaften richtig werten? Laßt die Geschichte zu den Herangewachsenen sprechen, nicht die Sensation des Tages zu den Unmündigen. Hütet eure Gespräche, prüft den Lesestoff der Jugend, über— wacht ihre Spiele. Lehrt eure Kinder den Stolz auf den Adel ihres Stammes, aber laßt sie wissen, daß Adel ver⸗ pflichtet und daß das klarste Wasser fault und verschlammt, wenn es stille steht. Zeigt ihrem natürlichen Gerechtigkeits⸗ sinn den Weg zum gesunden Abscheu vor den kleinlichen Motiven und den verlogenen Ränken unserer Feinde; aber vergeßt nicht, sie dringend dazu anzuhalten, daß sie den Menschen achten im tapferen Gegner, und daß sie den ge— fangenen Soldaten, der seine Pflicht tat, nicht verwechseln mit den Machthabern seiner Nation.“ Der Artikel schließt mit der nochmaligen Mahnung. nicht„den jungen Herzen den Giftstoff eines unverstandenen Hasses einzupflanzen“. Wie sehr in den ersten Monaten nach Ausbruch des Krieges die Schule in diesem Punkte gesündigt hat, das wurde in unserem Blatte und in der gesamten Ar⸗ beiterpresse des öfteren gezeigt. Es ist erfreulich, daß auch in bürgerlichen Kreisen die Erkenntnis von der Schädlichkeit dieser Aussaat blinden Hasses an Boden gewinnt, und es wäre nur zu wünschen, daß die Mahnungen der Gräfin Ritt⸗ berg von allen, die es angeht, auch beherzigt würden. — Gegen die Preistreiberei. In Mainz haben die Milchhändler, ohne erst der Oeffentlichkeit Kenntnis zu geben, den Milchpreis von 26 auf 28 und sogar 30 Pfg. heraufge— schraubt, obwohl wegen der Sache Verhandlungen mit der Stadt schwebten. Daraufhin hat die Stadtverwaltung auf weitere Verhandlungen verzichtet und den Höchstpreis auf 26 Pfg. festgestzt, was übrigens noch zu teuer ist. Der Höchstpreis tritt sofort in Kraft. Zuwiderhandlungen wer⸗ den mit Gefängnis bis zu einem Jahre oder Geldstrafe bis 10000 Mark bestraft.— Um der Teuerung auf dem Obst⸗ und Gemüsemarkt zu steuern, hat die Stadt die Er⸗ richtung eines Obst⸗- und Gemüseverkaufs in eigenem Vertrieb beschlossen. Die Beschaffung der nötigen Verkaufsmengen erfolgt mit Hilfe des Obst- und Gartenbau⸗ vereins des Kreises Mainz.— Das dürfte sich anderwärts auch empfehlen. gehen können. 5 7 e — Stadtverordnetenversammlung. Eine Sitzung der Stadtverordneten findet nächsten Donnerstag, 22. Juli, nach⸗ mittags 5 Uhr, statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Mit⸗ teilungen. 2. Rechnungsabschluß der Plockschen Stiftung für das Jahr 1913. 3. Kaufvertrag mit Großh. Landeseigen⸗ tum wegen Geländeerwerb zur Lonystraße. 4. Bewilligung einer Kriegs⸗Teuerungszulage für die städtischen Arbeiter. — Die Auszahlung der Laudsturmgelder findet nach einer Bekanntmachung des Oberbürgermeisters am Mittwoch. den 21. Juli, Donnerstag, den 22. Juli, Freitag, den 23. Juli und Samstag, den 24. Juli 1915 statt. Kommunale Bekämpfung des Lebensmittelwuchers. Um einen Einfluß auf die Gestaltung des Lebensmittelmarktes zu gewinnen, bringt die Stadt Mann heim nun nicht nur Kartoffeln und Eier, sondern auch Gemüse und Ohst zum Markt. Das Pfund städtischer Bohnen kostet auf dem Markt 16 Pfennig gegenüber einem Händlerpreis von 25 Pfennig, und Heidelbeeren werden zu 26 Pfg. das Pfund abgegeben, während an den Händlerständen 35—45 Pfg. bezahlt werden müssen. Ferner hat die Stadt sechs Verkaufs stellen für Zucker, der in Mengen von 1 bis zu 5 Pfund und zu Preisen von 28—30 Pfg. das Pfund abgegeben wird, das ist 3—4 Pfg. billiger als im sonstigen Kleinhandel.— Das Bezirksamt Landau a. J. hat den Eierhandel im Be⸗ zirk in der Weise geregelt, daß die Weiterführung des Eier⸗ handels im Bezirk auf besonderes Ansuchen in widerruflicher Weise und nur jenen Eierhändlern und Eieraufkäufern ge⸗ nehmigt wird, die sich verpflichten, der Bevölkerung des Be⸗ zirks selbst jederzeit Eier in genügender Menge zur Ver⸗ fügung zu stellen und an diese um den Preis von höchstens 9 Pfg. für das Stück und von höchstens 2,60 Mk. für den Schilling zu verkaufen. Sie dürfen den Landwirten für den Schilling= 30 Stück nicht mehr als 2,50 Mk. geben. Aus⸗ wärtigen Händlern wird vorerst überhaupt keine Genehmi⸗ gung erteilt.— Zur Bekämpfung der Lebensmittelteuerung beschloß der Magistrat von Nürnberg, sich mit den größeren Stadtverwaltungen Bayerns in Verbindung du setzen, um mit diesen bei der Reichs- und Staatsregierung und bei den Militärbehörden wegen Enteignung der gesam⸗ ten diesjährigen Kartoffel- und Gemüse-Ernte des Deutschen Reiches vorstellig zu werden. Ferner soll ein Ausfuhrverbot für alle Lebensmittel, sowie die schleunige Einberufung des bayerischen Landtages beantragt werden. Außerdem wurde beschlossen, den Handel mit Lebensmitteln konzessionspflichtig zu machen und den Ankauf von Lebensmitteln in den benach⸗ barten Orten durch Ausflügler aus der Großstadt zu verbieten. An die wohlhabendengtlassen der Bevölkerung wird der Aufruf gerichtet mit der Bitte, den Verbrauch von Butter, Milch und Eiern möglichst einzuschränken, um der minderbemittelten Bevölkerung die Beschaffung dieser Nahrungsmittel zu er⸗ schwinglichen Preisen zu ermöglichen. Deutschlands Ernte im Jahre 1914. Das Kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht jetzt im Reichsanzeiger die Er⸗ gebnisse der Ernte von 1914, die man bisher aus militärischen Gründen zurückgehalten hat. Wir entnehmen dieser Ver— öffentlichung folgende Angaben: An Weizen ernteten wir 1914 3,97 Millionen Tonnen gegen 4,65 Millionen Tonnen im Vorjahre, an Roggen 10,43 Mill. Tonnen(i. V. 12,22), Sommergerste 3,14 Millionen Tonnen(i. V. 3,67), Hafer 9,04 Millionen Tonnen(9,71), Kartoffeln 45,57 Millionen Tonnen(54,12), Kleeheu 10,95 Millionen Tonnen(11,18), Luzernerheu 1,67 Millionen Tonnen(1,66), Wiesenheu 29,17 Millionen Tonnen(29,18). Wie vorauszusehen war, ist die vorjährige Ernte im Vergleich zu der vorhergegangenen bis auf die Futtermittel schlechter und im ganzen nur als eine mäßige zu bezeichnen. Trotzdem würde sie, Wenn die Re⸗ gierung sofort bei Kriegsausbruch und nicht erst ein Viertel⸗ jahr später durch zwangsweise Organisation und Beschlag⸗ nahme der Bestände eingegriffen hätte, zweifellos an Brot⸗ getreide für die Verbraucher noch günstiger haben ausgenutzt werden können, als es so möglich war. Für die bevorstehende Ernte, die nach den Vorberichten günstiger steht, haben wir von vornherein die Beschlagnahme, sodaß wir tatsächlich in jeder Hinsicht beruhigt in das neue Wirtschaftsjahr hinein⸗ Es muß nur dafür gesorgt werden, daß die Diethelm von Buchenberg. 5 Erzählung von Bertold Auerbach. 27 Medard kam in die Stube und berichtete die Zahl der Lämmer, die in diesen Tagen sich zahlreich eingestellt hatten, indem er dabei bemerkte, der Meister möge doch auch wieder einmal in den Stall kommen und nachschauen. Diethelm wies den Medard mit strengem Blicke ab und sagte, er habe jetzt etwas anderes zu tun; als er aber dem stechenden Blicke Medards begegnete, fügte er hinzu:„Ich komme gleich.“ Er überdachte schnell, daß er nichts auf sich kommen lassen dürfe, was als Fahrlässigkeit gegen sein Eigentum erscheinen könne. Sonst hatte er im Winter immer seine besondere Freude an den Schafen gehabt; im Sommer sind sie auf der Weide, dem Auge entrückt, im Winter aber gibt es oft täglich Junge, und stundenlang hatte Diethelm im warmen Schaf— stall gesessen. Als er jetzt dahin kam, drängten sich alle Schafe auf ihn zu, so daß ihm ganz ängstlich zumute wurde, er zählte die Lämmer kaum und machte sich wieder davon. en Auch im Schicksal der Menschen gibt es veränderliches Aprilwetter, wenn neue Keime aufgehen. Ein Brief des von Reppenberger bestellten Käufers meldete einen Verschub seiner Ankunft auf mehrere Wochen und ersuchte Diethelm, wenn er früher verkaufen wolle, mit Proben nach der Haupt— stadt zu kommen. Diethelm ließ sich aber dadurch nicht ab— halten, im Waldhorn seine prahlerischen Aussichten zu ver— künden. Er lief dann hin und her und hatte für alles die genaueste Fürsorge, und doch war ihm jedes Tun nur wie ein Nebengeschäft, wie ein gewaltsamer Zeitvertreib, bis es an die einzige wirkliche Tat ging. Als ihn der Waldhorn⸗ wirt aufforderte, mit ihm auf die Jagd zu gehen, schlug er es ab, und doch war sein Antlitz froh gespannt, denn er er— innerte sich des bedeutenden Pulvervorrats, den er im Hause hatte und der sich nun auch zu schicklicher Verwendung eignete. Als Diethelm beim Nachhausegehen in der Nacht an der Kirche vorbeikam, erschrak er plötzlich, da er hellen Schein durch die hohen Kirchenfenster blinken sah. Hat das eine Vorbedeutung, daß die Kirche brennt? Schon wollte Diet— helm laut rufen, als ihm einfiel, daß ja das die Weihkerze war, die er selbst aus der Stadt mitgebracht; auf die Minute hin ist berechnet, wie lange dieses Licht brennt, und ist es nieder und findet keine Nahrung seiner Flamme mehr, dann erlischt es; findet es aber neue, weithinziehende, dann... Als Diethelm sich endlich von den Knien aufrichtete, sah er wie verwirrt an sich hinab, er konnte sich nicht erinnern, wie er niedergekniet war, es mußte das gegen seinen Willen geschehen sein. Hastig verscharrte er die Spuren seiner Knie im Schnee, und wie er weiterschritt, verscharrte er jede Fuß⸗ tapfe zur Unkenntlichkeit, und doch wagte er es nicht, gerade— wegs heimzukehren; bald ängstigte ihn der Gedanke, daß er entdeckt und verraten sei, bald hatte er eine Angst vor seinem eigenen Hause, als ob die toten Wände wüßten, daß er sie in Asche verwandeln wollte, und vorzeitig zusammenstürzen und ihn unter ihrem Schutte begraben. Eine ruhelose Ge— walt trieb Diethelm immer weiter, als müßte er entfliehen und hinter sich lassen alles, was ihn kennt und nennt. Die Verwandten werden sich schon der Martha und der Fränz annehmen, wenn er nur nicht mehr da war; nur wehe tat es ihm, daß er ihnen nicht Lebewohl gesagt, und Tränen traten ihm in die Augen über seinen eigenen so jähen Tod, den er doch suchen mußte. In dieser Nacht kämpfte zum letzten Male der gute Geist Diethelms mit seinen schlimmen Vorsätzen in gewal⸗ tigem Ringen, und eine überraschende Wendung seines Denkens löste auf einmal allen Hader; dir bleibt nichts, als dich selbst umbringen, das war eine schwere Sünde— oder Brandstiften, das ist auch ein Verbrechen, aber minder, und du hast schon genug gelitten für das, was du tun wolltest, du hast deine Strafe vorweg empfangen, jetzt mußt du es auch tun, und du rettest dich und all die Deinen. An der Gemarkung von Untertailfingen kehrte Diet⸗ helm um und kam— man kann fast sagen— als hartge⸗ sottener Missetäter heim. l Drei Tage ging Diethelm einsam und in sich gekehrt umher. Er verstopfte jede Luke und jeden Spalt auf dem Speicher und sagte sich innerlich Wort für Wort alles vor, was er zur gefahrlosen Vollbringung alles zu tun habe; denn er gewahrte, wie sein Atem schneller ging bei dem Ge⸗ danken an die endliche Ausführung; er wollte sich vor sich selbst sicher stellen, um mit Umsicht und ohne Leidenschaft und Hast, die leicht das Wichtigste übersieht, zu Werke zu gehen. Am dritten Abend kam ein Bote vom Kohlenhof mit der Nachricht, daß die Kohlenhofbäuerin, die Tochter Marthas erster Ehe, krank sei und nach der Mutter verlange. Diet⸗ helm erfaßte dies schnell als eine erwünschte Wendung uno drang in seine Frau, daß sie sogleich abreise; er wußte aber allerlei Ausreden, daß er sie nicht selbst führte, er wollte dem Medard den Schlitten mit den beiden Rappen übergeben, aber dieser klagte über Schmerzen in seinem gebrochenen Bein, und der Waldhornwirt war gern bereit, die Base zu führen. Diethelm empfahl ihm, bald zurückzukehren, da er morgen auch verreisen müsse. Als das Fuhrwerk mit Schellengeklingel davonrollte, hob Diethelm die Arme hoch empor und reckte sich wie zum Ausholen für eine schwere Arbeit. 1 5 (Fortsetzung folgt.) D —— vorhandenen Schätze auch zu billigen Preisen an die Ver— braucher herankommen. — Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Wehrmann Friedrich Löber aus Heuchelheim, Inf. Regt. Nr. 221.— Leutnant Hermann Kromm, Lehrer aus Gedern, Inf.⸗Regt. 118.— Reservist Heinrich Watz aus Griedelbach, Kr. Wetzlar, Inf. Regt. 224. — Die Vorzeusur über unser Mainzer Bruderblatt. Ueber die Mainzer Volkszeitung wurde von heute ab die Vorzensur verhängt. Die Maßregel wurde veranlaßt durch den Abdruck eines Artikels, der sich mit dem Lebensmittelwucher beschäftigte. 4500 Zentner Zucker wegen Preiswuchers beschlagnahmt. In Elberfeld ist es gelungen, einem Preistreiber auf dem Zuckermarkte auf die Sprünge zu kommen. Da von Fabriken jetzt kein Zucker zu haben ist, müssen sich selbst Großabnehmer wie die Konsumvereine an Zwischenhändler wenden. Das geschah in Elberfeld, wo der Großhändler nicht weniger als 58,25 Mk. für 100 Kilogramm forderte. Behördlicher Höchstpreis für Anfang August ist 47 Mark. Der Händler wollte also 11,25 Mark Extraverdienst pro Doppel⸗ zentner herausschinden. Der geforderte Preis würde einen Klein⸗ verkaufspreis von über 35 Pfg. pro Pfund bedingen. Die unver⸗ schämte Forderung wurde dem Kriegsausschuß für Konsumenten⸗ interessen in Berlin mitgeteilt. Dieser ging vor die richtige Schmiede und erreichte, daß dem Großhändler der gesamte Vorrat, 4500 Zentner Zucker, beschlagnahmt wurde. Wäre sein Plänchen geglückt, so hätte er auf einen Schlag 25 312,50 Mark über dem amtlichen Preis verdient, in den natürlich schon ein anständiger Gewinn eingerechnet ist. So sollte mit allen Zuckerwucherern verfahren werden! — Ein Kulturmensch. Eine schandbare Leistung eines Schmocks von lästerlich niedriger Gesinnung hat in dem großen Wiener Blatte, der Neuen Freien Presse, Aufnahme gefunden. Dieser Mensch gibt seiner Freude über die Verluste der italienischen Marine in solgen⸗ den gefühlvollen Worten Ausdruck: „Und die Fische, Hummer und Seespinnen der Adria haben lange keine so guten Zeiten gehabt wie jetzt. In der südlichen Adria speisen sie fast die ganze Be⸗ mannung des„Leon Gambetta“. Die Bewohner der mittleren Adria fanden Lebensunterhalt an jenen Italienern, die wir von dem Fahrzeug„Turbine“ nicht mehr retten konnten, und in der nördlichen Adria wird den Meeresbewohnern der Tisch immer reichlicher gedeckt. Dem Unterseeboot „Medusa“ und den zwei Torpedobooten hat sich jetzt der Panzer⸗ kreuzer„Amalfi“ zugesellt. Die Musterkollektion der maritimen Ausbeute, die sich bisher auf das„maritime Kleinzeug“ erstreckte, hat einen gewichtigen Zuwachs erhalten und bitterer denn je muß die Adria sein, deren Grund sich immer mehr mit den geborstenen Leibern italienischer Schiffe bedeckt und über deren blaue Fluten der Verwesungshauch der gefallenen Befreier vom Karstplateau streicht.“ Es mag Menschen geben, die bei allen Mord und Greuel noch spotten können. Aber das ein„angesehenes“ Blatt solchen Schmutz aufnimmt, das ist höchst bezeichnend für die„Kultur“ des Blattes und der Kreise, deren Organ es ist. Ein Kartoffelwucherer mit Gefängnis bestraft. Der Gutsbesitzer Lehmann in Dittelsdorf bei Zittau in Sachsen hatte sich vor dem Bautzener Landgericht am Freitag wegen Erpressung zu verant⸗ worten. Eine unbemittelte Kriegersfrau in Zittau hatte in der Zeit der Kartoffelnot bei ihm mehrere Zentner Kartoffeln bestellt und einen Zentnerpreis von 3,50 Mark vereinbart. Lehmann wartete jedoch mit der Lieferung solange, bis der Höchstpreis um 1,75 Mark erhöht wurde. Er teilte der Frau dann mit, sie könne die Kartoffeln haben, wenn sie 5,25 Mark pro Zentner bezahle. Die Frau war bereit, die Kartoffeln für den Preis zu nehmen, da sie nirgends billiger zu haben waren. Lehmann ließ aber wieder einige Wochen vergehen, in denen der Preis weiter stieg. Auf Mahnung schrieb er der Frau auf einer zweiten Karte, daß sie die Kartoffeln nur für 7 Mark pro Zentner erhalten könnte, also für das Doppelte des vereinbarten Preises. Unser Zittauer Parteiorgan nahm den menschenfreundlichen Mann unter die Lupe, was die Staatsanwalt⸗ schaft veranlaßte, einzuschreiten. Eine Uebertretung der Höchstpreise kam nicht in Frage, da für Mengen unter 20 Zentner kein Höchst⸗ preis bestand. Das Landgericht erblickte aber in der Handlungs- weise eine versuchte Erpressung und verurteilte L. zu zwei Wochen Gefängnis.— Wenn die Verbraucher öfters solche Fälle der Oeffentlichkeit unterbreitet hätten, wäre vielleicht manchem Ikrupellosen Profitjäger auf die Finger geklopft worden. Der harmlose Kartoffelhändler. Für den Kreis Erbach war als Höchstpreis für Kartoffeln 10 Mark für den Doppelzentner fest⸗ gesetzt. Das hinderte den Landesproduktenhändler Max Oppen⸗ heimer in Beerfelden nicht, einer armen Frau aus Hetzbach 15 Mark für das Malter abzunehmen. Als er am Samstag vor der Darm- städter Strafkammer stand, erzählte er, von einem Höchstpreis nichts gewußt zu haben: er habe der Frau mit der Abgabe der Kartoffeln nur einen Gefallen getan! Da die amtliche Preisfestsetzung von Speisekartoffeln spricht, behauptete der biedere Menschenfreund, ja Saatkartoffeln verkauft zu haben. Zu seinem Pech wurde indessen einwandfrei bekundet, daß die Kartoffeln auch noch schlecht, also keinesfalls ausgelesene Saatkartoffeln waren. In seiner höchsten Not ging dem Angeklagten nun, wie er sagte, ein Licht auf: er habe im Keller drei Haufen gehabt, da müsse die Frau eben unglücklicher⸗ weise an den schlechten Haufen geraten sein! Der Staatsanwalt er⸗ höhte die Pein, indem er darauf bemerkte, daß das Verhalten auch an Betrug grenzt; er beantragte 150 Mark Geloͤstrafe. Das Ge⸗ richt hielt 100 Mark für ausreichend, da Oppenheimer, als er es mit der Angst zu tun bekam, sich nur 8,50 Mk. zahlen ließ. Folgen des Lebensmittelwuchers. In Eilenburg kam es auf dem Markt zu erregten Szenen. Eine Bauersfrau forderte für ihre Waren so hohe Preise, daß die anwesenden Frauen in Wut gerieten. Sie zertrümmerten schließlich die beiden Körbe der Frau, der eine enthielt Eier, der andere Butter.— Die Erregung ist ver⸗ 2 indessen kann solche Selbsthilfe doch recht schlimme Folgen aben. g Laßt Eure Kinder barfuß laufen! Uns wird geschrieben: Auf eine Eingabe der Kriegsfürsorge ist von den Schulleitern das Barfußkommen in die Schulen gestattet worden. Der Kxiegs⸗ konsumentenausschuß hätte es gerne gesehen, wenn die Schulleiter noch weiter gegangen wären und das Barfußlaufen für alle Knaben⸗ schulen, ob Volks⸗, Mittel⸗ oder Realschulen, angeordnet hätten, wie das in einer Reihe anderer Städte ebenfalls geschehen ist. Daß das Barfußlaufen sehr gesund und für die Entwicklung der Glieder von größtem Wert ist, braucht nicht weiter dargelegt zu werden, das ist männiglich bekannt. Durch das Barfußlaufen kann schon jedes Kind mithelfen, daß die ohnehin recht knappen Ledervorräte auf den Winter aufgespart werden. In einigen Wochen tritt die kühlere Witterung ein, wo der Bedarf an Schuhen wieder ein größerer wird. Sorgt die Bevölkerung nicht dafür, daß durch möglichste Schonung der Ledervorräte diese etwas reichlicher werden, dann wird die Lederknappheit noch größer werden. Der Deutsche Schuh⸗ und Schäftefabrikantenverband hat in der Frankfurter Zeitung bereits auf die Lederknappheit hingewiesen und bekannt gegeben, daß die Lederprelse auch weiterhin steigen dürften. Besonders die Familien mit großer Kinderzahl sehen mit großem Kummer der kälteren Jahreszeit entgegen, sind doch die Kosten für Schuhreparaturen bereits nicht mehr zu erschwingen. Umsomehr sollte erwartet wer⸗ den, daß recht viel Kinder barfuß laufen und dadurch am Interesse des Volksganzen mitwirken. Der starke Bedarf an Leder für das Heer läßt eine große Freigabe für den privaten Bedarf nicht zu. Umsomehr muß haushälterisch gewirtschaftet werden, damit größere Ledervorräte für den Winter aufgestapelt werden. Wer seine Kinder nicht barfuß laufen lassen will, der kaufe ihnen Holzsandalen, die sehr zweckmäßig und gut zu tragen sind. Dem beim Auftreten ver⸗ ursachten Geräusch kann burch Belegen der Sohlen mit altem Gummi oder S b lfen werden. Die Kriegsfürsorge hat für Seesen eee aufbringen müssen, die für die Dauer unerschwinglich sind. Schon mit Rücksicht auf die Kriegerfamilien, deren Kinder Holzschuhe tragen müssen, dürfte es angezeigt sein,wenn möglichst allgemein Holzschuhe getragen werden, um auch bei diesen den Gedanken einer Benachteiligung oder Zurück⸗ setzung gegenüber den anderen Kindern nicht aufkommen zu lassen. Allgemeine Interessensolidarität muß sich in gegenwärtiger Zeit der ganzen Bevölkerung bemächtigen. Das kleine Opfer an Be— quemlichkeit muß gebracht werden. Es kann jeder in seinem Teil seine vaterländische Pflicht erfüllen, wenn nur der gute Wille vor— handen ist.— Der Kriegskonsumentenausschuß. — Heuchelheim. Am Sonntag nachmittag hielt unser Arbeiterbildungsverein nach längerer Pause eine Mitglieder- versammlung ab, die einen verhältnismäßig guten Besuch aufzuweisen hatte. Etwa zwei Drittel unserer Genossen sind zum Kriege eingezogen, deren Abwesenheit selbstwer— ständlich im Versammlungsbesuche stark bemerkt wird. Ge⸗ nosse Neumann⸗Offenbach sprach über die gegenwärtige poli⸗ tische Lage und seine Ausführungen fanden das regste Inter⸗ esse. Er schilderte die Ursachen der nationalen Konflikte, die ihren Grund in dem Kampf um die„Futterplätze“ hätten Das sei auch bei diesem Kriege der Fall, auf den er näher einging. Hier zeige sich die Richtigkeit dessen, was von un⸗ serer Partei und unserer Presse über die Furchtbarkeit des modernen Krieges stets gesagt worden ist. Die raffiniert konstruierten Mordmaschinen fordern Opfer in solcher Menge, wie es die Weltgeschichte bisher noch nicht kannte, Ver⸗ wüstungen werden angerichtet, wie man sie vorher nicht für möglich gehalten hätte. Neben den ungeheuerlichen Men⸗ schenverlusten auf allen Seiten steigen die Kosten des Krieges zu schwindelnder Höhe, die Reichsschuld beträgt gegenwärtig bereits 25 Milliarden Mark und erfordert fast 1500 Millio- nen jährlich allein an Zinsen. Wie man später die nötigen Steuern aufbringen will, weiß noch kein Mensch. Noch unter einer anderen Erscheinung leidet das Volk, nämlich unter einem unerhörten Lebensmittelwucher, der sich für die arbeitende Bevölkerung ganz besonders fühlbar macht. Namentlich leiden kinderreiche Familien unter der Teue⸗ rung; es ist Tatsache, daß viele darben müssen und Unter⸗ ernährung eintritt, deren schädliche Folgen sich später zeigen dürften. Die Teuerung erstreckt sich auch auf Lebensmittel, die in genügender Menge vorhanden sind, ein Beweis für das wucherische Treiben der Spekulanten und gewisser Großpro⸗ duzenten. Hier müsse von der Regierung entschiedenes Ein⸗ greifen gefordert werden. Die Erfahrung in dem Kriegs⸗ jahre habe gezeigt, daß mit halben Maßregeln nichts getan ist, wenn man die Ernährung des Volkes sichern wollte. Für uns— führte Redner am Schlusse aus ist das hauptsäch⸗ lichste Gebot, unsere Organisation aufrecht zu erhalten. Nach Beendigung des Krieges werden wir sie nötiger haben als je! — Die nur in aller Kürze wiedergegebenen Ausführungen des Redners Purden, wie bereits bemerkt, mit großem In⸗ teresse verfolgt. Einige Anfragen bewiesen, daß Versamm⸗ lungen auch in der jetzigen Zeit notwendig sind und von den Parteigenossen gewünscht werden. — Steinberg. Die am Samstag abgehaltene Versammlung des Wahlvereins war gut besucht und nahm die Ausführungen des Red⸗ ners, Genossen Neumann⸗Offenbach, mit Interesse entgegen. Es wurde für notwendig erachtet, die Vereinstätigkeit neu zu beleben, obwohl ein großer Teil der Mitglieder zum Kriege eingezogen ist. Kreis Wetzlar. Wetzlar, 19. Juli. Der Kreiswahlverein Wetzlar⸗ Altenkirchen hielt gestern eine Mitgliederversammlung ab, die gut besucht war und in der Reichstagsabgeordneter Vogtherr über weltpolitische Probleme sprach und mit seinen lehrreichen Aus⸗ führungen reichen Beifall fand. Folgende Resolution wurde bei einer Stimmenenthaltung einstimmig angenommen: Die heutige gut besuchte Versammlung erklärt sich mit dem Referat des Genossen Vogtherr einverstanden. Sie findet das Verhalten der Minderheit der Reichstagsfraktion als selbstverständlich und nur vereinbar mit unseren elementaren Grundsätzen. Die Versammlung fordert von unserer parlamentarischen Vertretung endlich ernsthafte Friedens⸗ arbeit und begrüßt insbesondere das Verhalten des Genossen Haase, dem sie hiermit ihr volles Vertrauen ausspricht. Die Anwesenden erwarten von ihren Volksvertretern, in Anbetracht des ungeheuren Lebensmittelwuchers im eigenen Vaterland, der bisher gebrachten riesengroßen Opfer besonders der minderbemittelten Klassen, und vor allen Dingen der alten grundsätzlichen Stellung der Partei, leine weitere Bewilligung von Mitteln zur Kriegsführung. Die Versammlung beklagt ferner auf das tiefste die redaktionelle Haltung der Volksstimme in Frankfurt a. M., insbesondere Artikel des Genossen Quarck, die nur geeignet sind, die Sinne der Genossen zu verwirren und als Abonnenten abzustoßen. Von Nah und Fern. Ein Familiendrama. In Köln a. Rh. versuchte am Sonntag vormittag die Wirts⸗ frau Rösberg sich und ihre beiden Kinder im Alter von vier und sechs Jahren durch Gas zu vergiften. Da nur das kleine Mädchen bewußtlos wurde, schoß die Frau ihr Söhnchen nieder und tötete sich dann selbst durch einen Schuß in die Schläfe. Das jüngste Kind kam wieder zu sich, das Söhnchen wurde sterbend ins Hospital geschafft. Der Mann steht im Felde. Büdesheim, 19. Juli. Brand durch Kurzschluß. Hier brannte dem Herrn Franz Bürk seine Scheune nebst Stallung ab. Kurzschluß des elektrischen Lichtes soll die Ursache sein. Raunheim, 17. Juli. Durch Ertränken im Main machte nachts der verheiratete 27 Jahre alte Bahnarbeiter Otto Ochse seinem Leben ein Ende. Er hinterließ in einem Schreiben, daß er seinem Leben ein Ende bereiten wolle. Die Leiche wurde heute früh ge⸗ borgen und in die Wohnung gebracht. Parteinachrichten. Für die Fraktionsmehrheit. Der Vorstand des Reichstagswahlkreises Frankfurt a. M. nahm in seiner letzten Sitzung zu der jetzigen parteipolitischen Situation Stellung. Er faßte einstimmig einen Beschluß, in dem er sich mit der bisher von der Mehrheit der Reichstags⸗ fraktion und vom Parteivorstand eingenommenen Haltung zum Krieg einverstanden erklärt. Der Vorstand heißt auch die Versuche gut, mit den sozialistischen Parteien der neutralen und der feindlichen Länder zu einer Verständigung über eine gemeinsame Aktion für Herbeiführung eines die Rechte der Völker achtenden Friedens zu gelangen. Der Vorstand fordert alle Genossen auf zu einer Betätigung, die der organisatorischen Einheit der Partei gerecht wird und die Gesamtinteressen der deutschen Arbeiterbewegung beachtet. Die Art, wie Genosse Haase als Vorsitzender der Partei gehandelt hat, verstößt hiergegen und wird mißbilligt. Der Vorstand erklärt für nötig, daß im Interesse der baldigen Herbeiführung eines gedeihlichen Friedens die Erörterung der Kriegsziele freigegeben wird, und er erwartet von der Rei tom, daß sie bei der erneuten Jestlegung ihrer Haltung die Beseitigung bestehender Hiubernisse einer offenen Be⸗ sprechung der Kriegsziele und die wirksamere Bekämpfung des Wuchers mit notwendigem Lebensbedarf fordert und durchsetzt. Der Hannoversche Volkswille schreibt:„In drei Sitzungen hatte eine Versammlung der dazu berufenen Vorstände über die Kämpfe in der Partei und den Gewerkschaften beraten. Genosse Brey legte die Gründe der Zustimmung der Fraktion zu den Kriegsanleihen dar. An diesen Vortrag schloß sich eine Aussprache, in der von den Anhängern der Mehrheit und Minderheit alle Redner zu Wort gekommen waren, die sich meldeten. Am Schlusse der dritten Sitzung wurde folgender Beschluß angenommen: Der Provinzialvorstand der Sozialdemokratischen Partei der Provinz Hannover, die Vorstände des Gewerkschaftskartells und des Sozialdemokratischen Wahlvereins sowie die Bezirksführer des letzteren in Hannover und die in den Organisationen tätigen Redner nahmen Stellung zu den Parteistreitigkeiten über die Haltung und die Taktik der Reichstagsfraktion bei Bewilligung der Kriegsanleihen und erklären folgendes: Die Bewilligung der Kriegsanleihen durch die sozialdemokratische Fraktion war eine Notwendigkeit im In⸗ teresse des ganzen deutschen Volkes, von dem die in der modernen Arbeiterbewegung organisierten Arbeiter einen großen Teil bilden. Deren Errungenschaften sind mit der Existenz und Unversehrtheit des Landes und Volkes untrennbar verbunden. In Erkenntuis dieser Notwendigkeit halten die Vorstände die Einheit und Geschlossenheit der Arbeiterbewegung für unerläßlich und verurteilen das schädliche Treiben derjenigen, die versuchen, die Partei in einer bisher nicht üblichen Form und unter gröblichster Beschimpfung der Mehrheit der Partei und Fraktion zu einer der Arbeiter⸗ 7 und dem ganzen Volle schädlichen Taktik zu ver⸗ eiten. Mit der Einheit und Geschlossenheit der Arbeiterbewegung, deren Preisgabe das Ende der Bewegung bedeuten würde, steht die vom Genossen Haase als Vorsitzenden der Partei herbei⸗ geführte Veröffentlichung des Aufrufs„Ein Gebot der Stunde“ in schärfstem Widerspruch, zumal die Veröffentlichung ohne zu⸗ vorige Beratung im Parteivorstand erfolgt ist. Sie miß⸗ billigt das Vorgehen des Genossen Haase, ebenso wie alle Be⸗ strebungen, die darauf hinausgehen, eine Umkehr von der bis⸗ herigen Haltung der Partei zu erreichen. Die Vorstände erwarten von der Sozialdemokratischen Partei, daß sie in der bisherigen Weise weiter zum Nutzen der ganzen Arbeiterbewegung tätig sein wird. Sie machen es sich zur Pflicht, selbst in diesem Sinne zu wirken. Von 56 Teilnehmern an der Aussprache stimmten nur z wei gegen diese Resolution. Ein von Anhängern der Minderheit eingebrachter Antrag wurde vorher mit allen gegen drei Stimmen abgelehnt. Mit diesem Beschluß haben sich die genannten Körperschaften und die zur Verbreitung unserer Anschauungen berufenen Redner rückhaltlos hinter die Mehrheit der Fraktion ge⸗ stellt, in der sicheren Erwartung, damit in Uebereinstimmung mit den organisierten Arbeitern Hannovers zu stehen.“ Sympathieerklärung für Haase. Die Funktionäre des vierten Berliner Reichstags⸗ wahlkreises beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung mit der jetzigen politischen Situation und nahmen gegen 10 Stimmen nach⸗ stehende Resolution an: „Die heute, am 5. Juli 1915, von 320 Funktionären besuchte Kreiskonferenz des vierten Berliner Reichs⸗ tagswahlkreises nimmt mit Genugtuung Kenntnis von dem in der Leipziger Volksztg. erschienenen Artikel der Genossen Haase, Bernstein und Kautsky und ist vollinhaltlich damit einverstanden. Sie bedauert das Vorgehen des Parteiausschusses, der die Stel⸗ lungnahme des Genossen Haase gemißbilligt hat, und be⸗ kundet dem Genossen Haase ihre volle Sympathie. Die Konferenz erwartet, daß vom Parteivorstand und der Reichstags⸗ fraktion die in dem Artikel angedeutete Politik befolgt wird.“ Abgewiesene Beschwerde. Vor kurzem wurde, wie mitgeteilt, eine geschäftliche Sitzung der Bezirksleitung des Parteibezirks Niederrhein von der Düsseldorfer Polizei aufgelöst, nachdem die Ueberwachung durch sie nicht geduldet worden war. Die gegen das Vorgehen der Polizeiorgane erhobene Beschwerde wurde vom stellvertretenden Generalkommando des 7. Armeekorps zurückgewiesen mit der Begründung, die Sitzung sei eine anmeldepflichtige Versammlung gewesen. Ein Rechtsmittel gegen diesen Bescheid gibt es unter dem Belagerungszustand nicht. Ein russisches Parteiblatt gegen Vandervelde. Die Redaktion des in Paris erscheinenden russischen sozialdemo⸗ kratischen Tageblattes Nasche Slowo veröffentlicht in der Nummer vom 26. Juni einen„Offenen Brief aun Emile Vandervelde“, in dem sie aus Anlaß des jüngsten Artikels Vanderveldes heftige Angriffe gegen ihn richtet und ihn auffordert, sein Amt als Vorsitzender des Internationalen Bureaus niederzulegen. Vandervelde hatte ge⸗ schrieben: Solange auch nur ein deutscher Soldat auf dem Boden des vergewaltigten Belgiens und des der feindlichen Invasion unter⸗ worfenen Frankreichs zurückbleibt, werden wir uns als Antwort auf alle Anregungen über gemeinsame Handlungen zur Herbeiführung des Friedens die Ohren verstopfen.“ Die Redaktion der Nasche Slowo stellt daran anknüpfend fest, daß Vandervelde eine solche Sprache bisher nicht geführt hat. Der Wille des Proletariats habe ihn an die Spitze des Internationalen Burcaus gestellt, dessen ein⸗ ziger Zweck darin bestehe, die regulären Beziehungen und das enge Band zwischen den nationalen Arbeiterparteien aufrecht zu erhal⸗ ten. Wenn sein Gevissen ihm nicht gestattet habe, dafür zu sorgen, daß das Bureau seine Funktionen erfülle, hätte er sein Mandat niederlegen müssen. Jetzt müsse er das unverzüglich tun, um anderen Leuten die Möglichkeit zu geben, die reale Existenz des In⸗ ternationalen Bureaus fortzuführen. Wenn Vandervelde sich„die Ohren verstopfe“ gegenüber den Anträgen auf Einberufung des In⸗ ternationalen Bureaus zur Erörterung der Friedensfrage, dürfe er das nicht tun gegenüber dem Antrag, daß das Bureau einberufen werde zur Entgegennahme seiner Demission und zur Wahl eines anderen Vorsitzenden. Dann heißt es nach dem Hinweis darauf, daß Legien sich geweigert habe, das Internationale Gewerkschafts⸗ sekretariat, entsprechend den Anträgen amerikanischer, eng⸗ lischer und anderer gewerkschaftlicher Zentren nach der Schweiz zu verlegen: „Mit nicht geringerer Entrüstung wird das sozjalistische Prole⸗ tariat anerkennen müssen, daß andere Leute.. sich weigern, seine politische internationale Organisation aus ihren Händen zu geben. Wir fragen Sie, Genosse Vandervelde: übernehmen Sie die Verantwortung für die Verwandlung des Internationalen So⸗ zialistischen Bureaus in ein Werkzeug der Politik des Dreiverbandes, über das diese Mächtegruppe frei verfügen kann, um diese oder jene Bewegung im Proletaviat im Namen von Interessen zu paralysieren, die mit den Interessen des Prole⸗ tariats nichts gemeinsam haben? Wir richten an Sie diese Frage im Namen von Tausenden und Abertausenden russischer, polnischer, französischer italienischer, eng⸗ lischer, serbischer, ja auch belgischer Sozialisten, die mit uns der An⸗ sicht sind, daß die zweideutige Lage viel zu lange anhält und daß die Autorität des Vorsitzenden unserer internationalen Organisation nicht als Mitgift bei der politischen Ehe mit der Bourgesisie dieses oder jenes Landes betrachtet werden kann. 8 Wir warten auf Antwort; wann kommt die Demission?“ Nasche Slowo ist zwar kein offizielles Parteiorgau, es grup⸗ piert aber um sich einen großen Teil der Elemente der Sozialdento⸗ kratie Rußlands, die seit Beginn des Krieges energisch für die Auf⸗ vechterhaltung der internationalen Grundsätze der Sozialdemokratie Telegramme. Der österreichisch · ungarische Tages bericht Die Russen weichen aus Polen und Wolhynien. Wien, 19. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Amtlich wird ver⸗ lautbart: 19. Zuli 1915, mittags. Russischer Ariegsschauplatz. Die Offensive der Verbündeten in Polen und Wolhynien wurde gestern fortgesetzt. Westlich der Weichsel wird an der Ilzanka gekämpft. Nordwestlich Jlza eroberten öster⸗ reichisch⸗ungarische Truppen einige feindliche Stellungen. Auf den Höhen westlich Krasnostaw dringen die deutschen Truppen unter schweren Kämpfen siegreich vor. Zwischen Skierbieszow und Grabowiee bahnten sich im Anschluß an deutsche Kräfte öster⸗ reichisch⸗ungarische Regimenter in heißem Ringen über die Volyca den Weg in die feindlichen Höhenstellungen. Dort fielen 3000 Gefangene in die Hände unserer tapferen Truppen. Nordöst⸗ lich und südöstlich Sokal faßten nordmährische, schlesische und westgalizische Landwehr nach wechselvollen Kämpfen am Ostufer des Bug festen Fuß. Unsere vom General der Kavallerie Kirchbach befehligten Kräfte machten hier 12 Offiziere und 1700 Mann zu Gefangenen und erbeuteten fünf Maschinen⸗ gewehre. Die Erfolge, die die Verbündeten am 18. Juli auf der ganzen Front errangen, erschütterten die Widerstandskraft des Feindes. Obwohl er in den letzten Tagen und Wochen erhebliche Verstärkungen herangezogen hatte, vermochte er sich doch nicht mehr zu halten. Er trat in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli an der ganzen Front den Rückzug an und räumte das Schlachtfeld den sieg⸗ reichen verbündeten Heeren. In Ostgalizien blieb die Lage im allgemeinen unverändert. Nur abwärts Zalesczsyki wählte der Gegner unsere Dufestrfront abermals zum Ziele hartnäckiger Angriffe. Die Russen rückten in sieben bis acht Gliedern vor. Das erste war schein bar un⸗ bewaffnet und erhob, als wollte es sich ergeben, die Hände. Der feindliche Angriff brach in unserem Feuer unter furchtbaren Verlusten zusammen. Selbstverständlich wurde, wie es in Hinkunft immer geschehen wird, auf die anscheinend unbewaffneten Angreifer geschossen. Heftige italienische Angriffe zurückgewiesen. Süd westlicher Kriegsschauplaßz. Im Görzischen begannen gestern neue große Kämpfe. Zeit⸗ lich früh eröffnete die italienische Artillerie aller Kaliber gegen den Rand des Plateaus von Doberdo und den Görzer Brückenkopf das Feuer. Dieses steigerte sich mittags zu größter Heftigkeit. Sodann schritt sehr starke Infanterie zum Angriff auf den ganzen Plateaurand. In hartnäckigen, nachtsüber andauernden vielfach zum Handgemenge kommenden Kämpfen, gelang es unseren Truppen, die Jtaliener, die stellenweise unsere vordersten Gräben erreichten, allenthalben zurückzu werfen. Unsere Mörser brachten fünf schwere Batterien zum Schweigen. Heute morgen entbrannte der Kampf aufs neue. Vereinzelte feindliche Vorstöße gegen den Görzer Brückenkopf wurden gleichfalls abge⸗ wiesen. Auch am mittleren Isonzo, im Krugebiet und an der Kärntner Grenze entfalteten die Italiener eine lebhafte Artillerietätigkeit, die teilweise auch nachts anhielt. Im Tiroler Grenzgebiet wurde der Angriff mehrerer Bataillone gegen unsere Höhenstellungen auf dem Eisenreich⸗Kamm, der Pfann⸗Spitze und der Filmoor⸗Höhe, nordöstlich des Kreuzberg⸗ sattels, abgeschlagen. In der Gegend von Schluderbach räumte eine eigene schwache Abteilung ihre vorgeschobene Stellung. In Südtirol dauert der Geschützkampf fort. Besonderes Lob ge⸗ bührt auch den braven Besatzungen unserer Grenzforts, die in diesen Bollwerken jedem Feuer heldenmütig standhalten. Südöstlicher Kriegsschauplatz. f Gestern früh erschienen vor Ragusa⸗Vecchia und Gravosa zusammen acht italienische Kreuzer und zwölf Torpedo⸗ boote und eröffneten das Feuer gegen den Bahnhof Gravosa, einige Ortschaften und gegen die Höhe von Ragusa⸗Vecchia. Sie gaben insgesamt 1000 Schuß ab. Es wurden einige Privathäuser leicht beschädigt. Menschenverluste sind nicht zu beklagen; auch Ver⸗ wundete gab es nicht. Um 5 Uhr 45 Minuten früh erfolgte die bereits gemeldete Torpedierung des Kreuzers„Giuseppe Garibaldi“, worauf das jitalienische Geschwader eilends unsere Küstengewässer verließ. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Höfer, Feldmarschalleutnant. Wird auch Riga geräumt? Einer Kopenhagener Drahtmeldung zufolge erfolgt die Räumung Rigas in fieberhafter Eile. Sämtliche Maschinen von Fabriken und Werken sind nach dem Innern des Landes geschafft worden. In Kopenhagen eingetroffene Moskauer 0 Zeitungen berichten auch über die Ankunft mehrerer tausend Fabrikarbeiter Rigas in Moskau, nachdem sämtliche Fabriken in Riga geschlossen worden sind. Ein englischer Bericht zur Lage. 0 T. U. Konstantinopel, 19. Juli. Der Berichterstatter des Daily Chronicle in Petersburg sendet seinem Blatte einen ausführlichen Bericht über die augenblickliche Lage an der russischen Front: Hindenburg arbeitet zusammen mit Mackensen an der gewaltigen Aufgabe, das russische Heer zu vernichten, dessen Hauptkräfte in Polen konzentriert sind. Man ist hier aber davon überzeugt, daß es den Deutschen unmöglich sein wird, dieses Ziel zu erreichen. Der Plan Hindenburgs ist, Nowogeorgiewsk zu erobern, während Mackensen zu gleicher Zeit die Linie Brest-Litowsk besetzen soll. Die Deutschen haben die ganzen Vorteile auf ihrer Seite, sie haben ein glänzendes Eisenbahnsystem, das imstande ist, größere Truppen— massen von dem einen Ende der Front nach dem anderen zu werfen. Die russischen Soldaten sind jetzt besser mit Munition versehen und man habe noch nicht alle Reserven an der Front. Das Vorrücken der Deutschen in den Ostseeprovinzen wird nur als Demonstration betrachtet, um die Russen daran zu hindern, Truppen an den Narew— Abschnitt zu senden. Russische Offiziere als Plünderer. Wien, 19. Juli. Allmählich wird der Umfang der von ruffischen Offizieren in Galizien verübten Plünderungen be— kannt. Auch russische Generale und Stabsoffiziere haben versperrte Wohnungen, deren Einwohner geflüchtet waren, erbrochen und ausgeraubt. Die Russen haben ferner alle Spitäler Lembergs so gründlich ausgeraubt, daß kein Bett, kein Stuhl und kein Strohsack zurückblieb. Auch die Medika— mente der Apotheken wurden von ihnen mit fortgeschleppt. Der türkische Tagesbericht. Konstantinopel, 19. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Be— richt des Hauptquartiers. An der Dardanellenfront hat sich am 18. Juli bei Ari Burnu nichts von Bedeutung ereignet. Bei Sedd⸗ül⸗Bahr griff ein Teil der feindlichen Kräfte mor— gens einige Gräben unseres linken Flügels an; der Feind wurde bis an die Gräben herangelassen und dort niederge— macht. Wir machten einige französische Soldaten zu Ge fangenen. Unsere anatolischen Batterien beschossen heftig die Lager und Landungsstellen des Feindes bei Tekke Burnu. Die Beschießung verursachte einen Brand, der von Explosio⸗ nen von Munition begleitet, eine halbe Stunde dauerte. An der Front im Irak versuchte der Feind, nachdem er in der Schlacht bei Kalatulnedjin besiegt worden war, keinen neuen Angriff. Die Ueberführung der feindlichen Verwun⸗ deten in Schiffen nach Süden hat seit zwei Tagen begonnen und dauert fort. 5 An den anderen Front nichts Wichtiges. Englische Willkür gegen Neutrale. Die Stimmung in Norwegen. Aus Kristiansa wird der Frankf. Ztg. geschrieben: Wenn die norwegische Presse auch in dieser Zeit fast täglicher Augriffe der englischen Kriegsfahrzeuge vor der norwegischen Küsste und meist in den norwegischen Gewässern sich die größte Zurück⸗ haltung auferlegt, so ist nicht zu verkennen, daß sich in maßgebenden hiesigen Kreisen eine immer größer werdende U nzufrieden⸗ heit und Unruhe England gegenüber geltend macht, wozu nicht unwesentlich der Umstand beiträgt, daß die Londoner Re⸗ gierung es immer noch nicht für nötig hält, wegen der bewiesenen Neutralitäts verletzung innerhalb der norwegischen See⸗ hoheit eine Entschuldigung auszusprechen, obwohl seit den Vorfällen bereits über vierzehn Tage verflossen sind, was hier— milde aus⸗ gedrückt— äußerst verstimmend wirkt. Mit ganz besonderer Genug⸗ tuung begrüßt man deshalb jene Ansprache, die gestern der schwedische Ministerpräsident Wanberger an das Friedenskomitee richtete, worin bekanntlich der Regierungschef demonstrativ betont, daß Schweden nicht um jeden Preis sich an die eingeschlagene Neutrali⸗ tätspolitik gebunden fühle. Diese Kundgebung geht natürlich an die englische Adresse. Man hat es in Skandinavien all⸗ mählich satt bekommen, die sich häufenden englischen Schikanen, wenn auch murrend, einzusterken. Mit Befriedigung notiert man hier deshalb auch die Washingtoner Times⸗Depesche, daß ebenso die amerikanischen Handelskreise die Meereskontrolle und die Unterbindung des neutralen Handels durch England nachgerade satt bekommen haben. Dem hiesigen Publikum wird es allmählich klar, daß es nicht Deutschland ist, welches sich gegen die skandina⸗ vischen Interessen versündigt. Dieser Standpunkt Skandinaviens zu dem englischen Ausfuhrtrustangebot, sowie der Hinweis in der hiesigen Presse, daß England die norwegische Küste tatsächlich blockiert, sind beachtenswerte Momente, die keimen Zweifel zu⸗ lassen. Wie Bulgarien behandelt wird. Aus Konstantinopel berichtet die Frankf. Ztg.: Die englische Regierung gibt nunmehr die beschlossene Ver⸗ gewaltigung Bulgariens unumwunden zu. Ich berichtete in der vorigen Woche, daß England Bulgariens einzigen Zufuhr⸗ hafen im Aegäischen Meere, Dedeagatsch seit dem 10. Juli blockiere. Jetzt übergab die englische Regierung eine Note in Sofia, in der sie die Gründe der Blockade zu begründen suchte. Der erheblichste Teil der in Dedeagatsch zur Ausschiffung gelangten Güter sei Konterbande für feindliche Staaten gewesen. Das Foreign Office kündigt in dieser Note an, daß nur italienischen, französischen und englischen Schiffen zur Landung von Post und Passagieren das An⸗ laufen in Dedeagatsch gestattet werde. Dieser Willkürakt Englands macht in Bulgarien einen sehr schlechten Eindruck. Man ist in Sofia überzeugt, daß England nur aus Mißvergnügen über die neutrale Politik Blgariens, die allen englischen Verlockungen gegenüber stand⸗ haft bleibt, zu dieser Willkürmaßnahme gegriffen habe. Eine neue Vierverbands⸗Konferenz steht in Calais bevor. Es soll die französisch-englische Ver⸗ einbarung über die Kriegführung einer nochmaligen Be⸗ sprechung unterzogen werden. Vermutlich haben die Vor— gänge in Rußland einen Strich durch den englisch⸗französi⸗ schen Kriegsplan gemacht. Auch ein Vertreter der italieni⸗ schen Heeresleitung soll diesmal an der Besprechung teil⸗ nehmen. Die Kohlennot der Gegner. Verbot der englischen Kohlenausfuhr. Kristiania, 19. Juli. Der norwegische Generalkonsul in London meldet dem hiesigen Ministerium des Aeußern, daß nach einer Meldung des Vizekonsuls in Cardiff wegen der Kohlenarbeiter⸗ streiks die Kohlenaus fuhr, ausgenommen nach Frankreich, verboten worden sei. Kohlennot in Paris. Zürich, 19. Juli. Aus Paris wird gemeldet: Der Seinepräfekt genehmigte die Ausgabe einer Anleihe der Stadt Paris von 160 Millionen Frank, wovon 40 Millionen zur Aufspeicherung von Kohlenvorräten für den Winterbedarf reserviert wer⸗ den. Laut Matin hat die Kohlennot bereits jetzt beängstigenden Umfang angenommen. Die Kohlen sind für Private selbst zu den teuersten Preisen nicht aufzutreiben. Der Bergarbeiterstreik in Südwales. Aus London wird der Frankf. Ztg. geschrieben: Reuter meldet: Heute hat sich die Lage in dem Konflikt in Südwales merklich geändert. Die Unterhandlungen werden mit der Aussicht auf guten Erfolg wieder aufgenommen. London, 19. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Lloyd George ist heute nach⸗ mittag in Begleitung von Henderson und Runciman nach Cardiff abgereist, wo er heute abend eine Be— sprechung mit den Vertretern der Bergarbeiter haben wird. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. Soeben erschienen! Neueste Kriegskarte! Bekanntmachung. Nachstehende Bekanntmachung des Großh. Kreisamts bringe ick zur öffentlichen Kenntnis. 65 Gießen, den 17. Juli 1915. N Der Oberbürgermeister: 5 Keller. e Betr.: Verkehr mit Brotgetreide und Mehl aus dem Erntejahr 1915: hier: die Selbstversorger. i„ Auf ee 5 59 Ministeriums des Innern wird hiermit bestimmt, daß als Selbstverforger im Sinne des 5 6 Abs. 1a 75 Bekanntmachung in obigem Betreff vom W. Juni 1915 nur die⸗ jenigen Unternehmer landwirtschaftlicher Betriebe zu gelten haben, deren Vorräte an Brotgetreide und Mehl zu ihrer Versorgung und zu dersenigen der in§ 6 Abs. 1a weiter aufgeführten Personen bis mindestens zum 31. Dez. 1915 ausreichen. Ueber diesen Zeitpunkt hinaus können das Recht, als Selbstversorger anerkannt zu werden, nur diejenigen geltend machen, die das erforderliche Brotgetreide für sich und die in ihrer Wirtschaft weiter in Betracht kommenden Personen für einen vollen Monat oder für mehrere weitere volle Mongte verfügen. f f 5 171 Hiernach können diejenigen Landwirte, die mit ihren Vorräten aus der neuen Ernte nicht mindestens vom 16. August bis zum Jahresschluß ausreichen, das Recht, als Selbstversorger aufzutreten, nicht in Anspruch nehmen. Diese Landwirte werden vielmehr dem⸗ nächst dem Kommunalverband ihre gesamten Vorräte, für den sie beschlagnahmt sind, auf Anfordern anzugeben haben und dafür zum Brotmarkenempfang berechtigt sein. Gießen, den 12. Juli 1915. Großh. Kreisamt Gießen. gez.: Dr. Usinger. Bekanntmachung. 5 Nachstehende Bekanntmachung des Großh. Kreisamts Gießen bringe ich zur öffentlichen Kenntnis. Gießen, den 12. Juli 1915. 5 Der Oberbürgermeister: Keller. 7 Betr: Die Brotgetreideernte 1915: hier: die Mischfrucht. 5 Nach der Bundes ralsbekanntmachung über den Verkehr mit Brotgetreide und Mehl aus dem Erntejahr 1915, vom 28. Juni d. J. (R. G. Bl. S. 363) ist sämtliches im Bezirk des Kommunalverbandes (Kreises) Gießen gewachsene Brotgetreide in dem Augenblick der Trennung vom Boden zugunsten des Kommunalverbandes beschlag⸗ nahmt. Als Mischfrucht ist hierbei nur solche Frucht anzusehen, die gemischt gowachsem ist und demzufolge auch nur gemischt abgeerntet werden kann. Nicht dagegen ist es zulässig, abgeerntete Frucht nach erfolgtem Ausdrusch miteinander zu mischen, wie dies beispielsweise häufig mit Roggen und Gerste gescheben ist. Wer dies tut, nimmt eine Veränderung an dem beschlagnahmten Getreide vor, die nach §2 der obengenannten Bekanntmachung ohne Zustimmuna des Kom⸗ munalverbandes nicht gestattet ist und, falls sie trotzdem erfolgen sollte, nach§8 9 jener Bekanntmachung mit Gefängnis bis zu einem Jahr oder mit Geldstrase bis zu 10 000 Mark bestraft wird. Die Landwirte werden bei dieser Sach⸗ und Rechtslage in ihrem eigenen Interesse dringend davor gewarnt, Mischungen verschiedener Ge⸗ treidearten nach deren Aberntung vorzunehmen. Diesenigen Grund⸗ stücke, die Mischfrucht tragen, sind bekannt. Zuwiderhandlungen wer⸗ den deshalb unschwer festzustellen sein. 5 Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, daß sich die Vorschriften der mehrfach erwähnten Bundesratsbekanntmachung auch auf Ge⸗ tveide beziehen, das etwa, wie Sommergerste, vereinzelt schon vor dem 1. Juli d. J. abgeerntet worden sein sollte. Gießen, den 8. Juli 1915. Großh. Kreisamt Gießen. gez.: Dr. Usinger. Bekanntmachung. Der Voranschlag der Plockischen Stiftung für Rechnungsjahr 1915 liegt vom 20. Jul 1915 ab eine Woche lang zur Einsicht der Beteiligten auf dem Städtischen Armenamt, Asterweg 9, offen. Gießen, den 15. Juli 1915. Der Oberbürgermeister: Städtisches Tiefbauamt. J. A.: gez. Schenck zu Schweinsberg. Bekanntmachung. Die Verglitungen für die im Monat Juni in Bürgerwohnun⸗ gen untergebrachten Mannschaften der Landsturm⸗Infanterie⸗Ersatz⸗ bataillone Gießen werden bezahlt: an die Empfangsberechtigten deven Namen beginnen mit: A—F am Mittwoch, den 21. Juli 1915, GK am Donnerstag, den 22. Juli 1915, LR am Freitag, den 23. Juli 1915, S8—2 am Samstag, den 24. Juli 1915, jedesmal von 8—12 Uhr vormittags und 2—5 Uhr nachmittags. Die Zahlstelle ist im Stadthaus, Zimmer Nr. 4. Es wird dringend er⸗ sucht, die Beträge an den genannten Tagen abzuholen. Gießen, den 19. Juli 1915. Der Oberbürgermeister: Keller. Bekanntmachung. Die öffentlichen Impftermine für die Erstimpflinge in der Stadt Gießen, welche jeden Mittwoch, nachmittags von 5—6 Uhr, in der Turnhalle der Stadtmädchenschule(Schillerstraße) stattfinden, wer⸗ den nur noch im Monat Juli abgehalten. Wer die Termine nicht benutzen will, muß sein impfpflichtiges Kind auf eigene Kosten impfen lassen. Gießen, den 15. Juli 1915. Der Oberbürgermeister: Keller. Techosköchacen 1 8 Für nur 40 Pfg. Von maßgebender mililär. amtl. Stelle geprüft und genehmigt Jedermann daheim und unsere Truppen im Felde wollen wissen: Wie steht der Krieg! Die rascheste und zuverlässigste Auskunft darüber gibt die von masigebender amtlicher militärischer Stelle geprüfte und genehmigte Kriegsoperationskarte als Feldpostbrief So steht der Krieg am 12. Juli 1915 hat Jedermann in farbigen Karten, Texten und Bildern einen Rück⸗ u. Ausblick in überraschend anschau⸗ licher Weise über alle Kriegsschauplätze der Welt! Buchhandlung Oberhess. Volksztg. 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