bei jeder Gelegenheit Oberhesst zeitung Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberhessische Volksseitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg. monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraßße 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Inserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 2 6 Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 0 für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. N Nr. 164 Gießen, Freitag, den 16. Juli 1915 10. Jahrgang. Vom Ein Mahnwort aus dem Fel de. Ein an der Front kämpfender Genosse aus dem Wahlkreise Offenbach⸗Dieburg, bisher einer unserer eifrigsten und opfer⸗ willigsten Mitkämpfer, schreibt zu den gegenwärtigen Partei⸗ differenzen, zugleich im Namen vieler anderer im Felde stehender Genossen das folgende: Das jetzige Tun und Treiben in unserer Partei fordert die Genossen im Felde heraus, auch einiges dazu zu sagen. Wenn wir im Felde seither das Verhalten unserer Genossen im Parlament und in der Presse verfolgt haben, wie sie sich auf das schärfste bekämpfen, so tat uns das sehr leid. Wir bedauern sehr, daß die Genossen keine Grundlage gefunden haben, auf der es möglich war, gemein sa m zu kämpfen. Es macht einen erbärmlichen Eindruck, wenn man sieht, wie gerade führende Genossen es sind, die, ohne auf die Partei Rücksicht zu nehmen, ihre Arbeit zum Schaden der Partei fortsetzen. Hier sieht man, daß einzelne Parteigrößen meinen, sie seien mehr als die anderen Genossen. Sonst könnte eine solche Unordnung nicht vorkommen. Wenn man von anderen Genossen verlangt, daß sie sich der Mehrheit zu fügen hätten, so gilt das doch für alle Parteigenossen. Anders kann eine Partei nicht bestehen. Wenn wir Demokratie fordern, so müssen wir diese auch bei uns selbst durchführen. Hier muß man nun sagen, daß seither schwere Fehler gemacht worden sind. Es ist recht traurig, daß gewisse Genossen immer die Reichstagsfraktion im Munde haben und alles, was ihnen dort nicht paßt, mit den Worten„Ver⸗ rat“, die„Partei hat abgedankt“,„Parteizusammenbruch“ usw. herabsetzen. Dabei hätten die Genossen ganz andere Arbeit und ganz wo anders hinzusehen. Tatsächlich haben manche Genossen sich die Sache viel leichter ge⸗ dacht mit dem Abwirtschaften des Kapitalismus. Ich muß sagen, ich habe keineswegs erwartet, daß schon durch diesen Krieg der Kapitalismus zusammenbrechen und an seine Stelle der Sozialis⸗ mus treten würde. Man braucht nicht der klügste Kopf zu sein, um dieses zu sehen und zu begreifen. Trotzdem glaube ich fest, daß mit dem Fortschreiten der Entwicklung unser Ziel doch erreicht wird. Glaubt jemand, so wie die Situation im August v. J. war, ein Massen⸗ oder Generalstreik hätte etwas an der Lage ge— ändert, hätte den Krieg verhindert? Nein, haben wir ja selbst und auch die Genossen in anderen Ländern diesen Massenstreik ent⸗ schieden abgelehnt. Es ist nur an die Reden Bebels und Jean Jaures zu erinnern, in bezug auf die nationale Ver⸗ teidigung des Vaterlandes. Da kann man sicher sein, daß diese großen Führer auch nicht anders gehandelt hätten wie unsere Reichstagsfraktion. Es glaubte jeder er sei angegriffen und so ging es kunterbunt durcheinander. Man verstand sich nicht mehr. Da konnten die Fraktion und Partei nicht anders handeln, als sie getan haben. Und wir sehen, daß die führenden Genossen in den anderen Ländern darin noch weiter gegangen sind, wie die deutsche Sozialdemokratie. Sie halten es für selbstverständlich, daß auch der Sozialdemokrat nationales Gefühl haben und daß er sein Land verteidigen müsse. Von diesem Standpunkt aus haben alle Genossen in den einzelnen Ländern recht gehandelt. 5 Es ist nun höchst sonderbar, daß, während die Genossen in den anderen Ländern das für sich als Recht ansehen, sie dieses Recht unseren deutschen Genossen bestreiten. Und sehr bedauerlich ist es, wenn einzelne deutsche Genossen mithelfen, solche Ungerechtigkeit zu stützen. Wenn man die Presse verfolgt hat, muß man zugeben, daß die deutschen Genossen immer noch besser gehandelt haben als die französischen oder englischen Genossen. Diese können sich am aller⸗ wenigsten beschweren über die Haltung der deutschen Sozialdemo⸗ kratie. Noch nie hat in diesem Kriege die französische Fraktion im Parlament mit irgend einem Wort Einspruch erhoben gegen das Treiben ihrer Regierenden, zu denen jetzt ja freilich die Sozial⸗ demokraten selbst gehören. Wenn man fragt, so hört man: Ja, wir dürfen die Einheit und Geschlossenheit des französischen Vol kes nicht stören. Aber die deutschen Genossen, die dürfen das nicht nur, nein die müssen das tun. Eine sonderbaxe Logik. Wenn man dieses alles verfolgt, so muß man glauben, daß man es hier mit Sozialdemokraten überhaupt nicht mehr zu tun hat. Man darf nur die Anregung, die Abhaltung einer Konferenz im Haag betreffend, betrachten und die Tatsache, daß sie nicht stattfinden konnte, weil die französischen und andere aus⸗ ländische Genossen sich nicht daran beteiligen wollten. Hier sieht man so recht, an wem es liegt, wenn über den Frieden nicht zu reden ist und die internationalen Bande nicht wieder herzustellen sind; ganz zu schweigen von den Reden Vanderveldes, die ganz im Sinne eines Imperialisten gehalten sind. Und doch sollte man von dem Vorsitzenden der Internationale für die allgemeine Friedens⸗ arbeit ganz anderes erwarten. Wenn man alles seither Geschehene betrachtet, so muß man sagen, daß es auf unserer Seite nicht fehlte, über Friedensarbeit mit den anderen Genossen sich zu verständigen. Deshalb kann ich aber auch nicht den Aufruf der Genossen Haase, Bernstein und Kautsky verstehen. So gut er gemeint sein mag, er war nach meiner Meinung vollständig überflüssig. Aber auch der Aufruf des Parteivorstandes war nach alledem, was vorliegt, nicht richtig. Ich kann da nur Worte finden, die in dieser Situation gar keinen Eindruck machen. Wir Genossen im Felde kennen die Haltung der Genossen in den einzelnen Ländern zum Kriege. Wir wissen hier im Felde, daß es an unseren Genossen nicht fehlt, sondern es fehlt an den Genossen in Frankreich, England und Belgien. Ein kleiner Schimmer von Verständnis scheint ja in letzter Zeit bei diesen aufzutauchen, ob er wirksam genug sein wird, um durchzudringen, wird die Zukunft lehren. Auch die Annexionspolitik bekämpfen wir deutschen Sozialdemokraten und machen diese nicht mit; die letzte Zeit hat das aufs neue bekräftigt. Betrachten wir aber die Gegenseite, die Ge⸗ nossen insbesondere in Frankreich, so hörte man ganz andere Worte und hört sie heute noch. Wenn man Hervé hört und was er alles für Forderungen erfüllt haben will, ehe es Frieden gibt, so müssen wir als Sozialdemokraten im Felde uns sagen:„Wir kämpfen mit aller Energie und Ausdauer, bis dem Gegner wieder das Bewußtsein gekommen ist.“ Vandervelde will eine Neugestaltung Europas auf der Grund⸗ lage der Nattonalität. Probleme, die sehr schwer oder gar nicht zu lösen sind. Er weiß immer was anderes, dieser belgische Minister, nur vom Frieden will er nichts wissen, bis Deutschland am Boden liegt. So bleibt unserer Partei nichts anderes übrig, als an ihrer Taktik vom 4. August 1914 festzuhalten. Die Partei kann sich darauf verlassen, daß sie die große Mehrheit der Genossen im Felde hinter sich hat. Nach dem Kriege wird sich das klar zeigen. Wir im Felde wissen und erkennen an, was die Partet geleistet hat und heißen auch ihre Abstimmungen gut. Und die, die den Mund so voll nehmen und mit dieser not⸗ wendigen und selbstverständlichen Haltung nicht einverstanden sind, diesen kann man nur sagen:„Reden ist leichter als handeln.“ Wir haben nach dem Kriege große und schwere Fragen zu lösen. Es ist deshalb notwendig, daß jene Genossen zu Hause mit ihrer Wühlarbeit zum Schaden der Partei aufhören. Sie müssen sich doch bewußt werden, daß gerade jetzt die Einigkeit der Partei am notwendigsten ist. Sonst befürchten wir im Felde, daß die Partei auf die spätere Entwicklung der Lage keinen Ein⸗ fluß mehr hat. Und das wäre doch höchst schädlich für die Inter⸗ essen der Arbeiterklasse. Wir rufen deshalb aus dem Felde unseren Genossen in der Heimat zu: Vereinigt Euch, macht die Partei groß und stark, damit ihr Einfluß wächst und wir hier draußen im Felde daran Freude haben. Und wenn einzelne ihre häßliche Kritik nicht lassen können, so gehe man daran vorüber mit dem Bewußtsein, seine Schuldig⸗ keit im Sinne der Parteigenossen getan zu haben und weiter tun zu wollen. L. R. * 1* Gewaltmaßnahmen des Vierverbandes gegen 8 Griechenland.. Nachdem in Griechenland Venizelos wieder die Ober- hand gewonnen hat, steigen die Hoffnungen des Vierverban⸗ des unermeßlich. Nach einer Meldung der Nea Himera in Athen beabsichtigt die englische Regierung, Venizelos, sobald er wieder an die Regierung gelangt ist, den Vorschlag zu machen, ein englisches Expeditionskorps von hundertfünfzig⸗ tausend Mann in Saloniki zu landen, das gemeinsam mit den griechischen Truppen gegen die Türkei marschieren soll. Bulgarien soll aufgefordert und allenfalls gezwungen werden, die verbündeten Truppen passieren zu lassen. Um zum Ziel zu gelangen, wird der griechische Handel mit allen Mitteln der Schikane bedacht, sodaß sowohl die Venizelospresse, als auch die Regierungspresse immer ener⸗ gischer wirksame Maßregeln verlangen gegen die Erpressungs⸗ versuche Englands dem griechischen Handel gegenüber. Nea Himera schreibt: Die Belästigung der griechischen Schifffahrt sei unberechtigt, da bewiesen sei, daß sie nie Konterbande⸗ Geschäfte betrieb. Falls es nicht die Absicht der Entente sei, durch Abschließung Griechenland zwangsweise in den Krieg zu verwickeln, sei es unklug in politischer Beziehung, diese Taktik weiter zu verfolgen; denn wenn der griechische Handel künftig weiter unterdrückt werde, wird jeder Grieche ein⸗ sehen, daß die Ententemächte nicht Freunde, sondern Feinde seien. Auch die italienisch⸗griechischen Beziehungen gestalten sich sehr unfreundlich. Wie es scheint, revanchiert sich Italien für das Eindringen der griechischen Banden in das Hinter- land Valonas durch die Lahmlegung der Bewegungsfähig— keit der griechischen Handelsflotte im Adriameer. Die Arbeitslosigkeit in Italien. (IK) Italienische Gewerkschaftsberichte und andere Blätter sind sich darin einig, daß die Kriegsnot, die in Italien zuerst der Lin⸗ derung bedarf, die Arbeitslosigkeit ist, die in geradezu schrecken⸗ erregendem Maße angewachsen ist. Mit dringenden Vorstellungen der bitteren Not wenden sich Gewerkschaften, die Societa Umani⸗ taria und verschiedene Gemeinde- und Staatskomitees an die Oeffentlichkeit und bitten, möglichst auf Arbeitsbeschaffung hinzu⸗ wirken, vor ällem keine Angestellten zu entlassen, Chauffeure, Köche, Kutscher, Kellner beizubehalten, den Erntearbeitern abzuraten, in die Stadt zurückzukehren usw. An die Regierung und die Gemeinde⸗ behörden ist von derselben Seite der Antrag gestellt worden, die Ar⸗ beiten in Zuchthäusern, Asylen, Gefängnissen usw. einzustellen und sie dafür den Arbeitslosen und den aus dem Ausland Heimgekehrten zu übergeben. Trotz aller Hingebung an die Lösung des Problems sehen sich die Hilfskomitees einer nicht einzudämmenden Flut von Aufgaben gegenüber. Das größte Hindernis eines geordneten Arbeitsnach⸗ weises und einer Kontrolle des Arbeitsmarktes sind die großen Scharen von Arbeitslosen, die sich weigern, sich registrieren zu lassen, und als undissplinierte Lohndrücker von Ort zu Ort ziehen. Ge⸗ rade dort, wo es den Verbänden mit Mühe geglückt ist, für die Landarbeiter Löhne durchzudrücken, die einigermaßen im Verhältnis zur enormen Erhöhung der Lebensmittelpreise stehen, tauchen diese Schwärme gern auf und bieten sich auf Straßen und Plätzen den Bauern zu Hungerlöhnen an und demoralisieren so den ganzen Markt, den die Verbände eben mühsam etwas organisiert hatten. Es ist unter diesen Umständen nicht zu verwundern, daß man von dem Auswanderungsverbot, das noch vor kurzem ganz rigoros gehandhabt wurde, nunmehr Abstand nehmen will. In den letzten Junitagen fanden im Mailand Sitzungen der verschiedenen Aus⸗ wanderungshilfsausschüsse statt, wobei die Frage besprochen wurde. eltkrieg. Graf Gallina, der Vertreter der Regierungskommisston für das Auswanderungswesen, teilte mit, daß nunmehr, wenigstens für eit beschränkte Zeit, die Auswanderung von nicht Militärpflichtigen die verbündeten Länder erlaubt sei. Der Entschluß wird motiviert nicht etwa mit der Unmöglichkeit die Arbeiter im eigenen Lande zu versorgen, sondern mit Heraustreten Italiens aus der Neutralität. Ihre strikte Beobach⸗ tung hätte nicht zugelassen, daß italienische Arbeiter in kriegführen⸗ den Ländern für Herstellung von Kriegsmaterial, wie das besonders von Deutschland aus verlangt wurde, verwendet würden. Wahlen im Zeichen des Burgfriedens. Der Bund der Landwirte hat den Burgfrieden recht: ge⸗ schickt dazu benutzt, solche seiner Parteigänger in die Parla⸗ mente zu bringen, die in normalen Zeiten auf den schärfsten Widerspruch der bürgerlichen Parteien— mit Ausnahme der Konservativen natürlich— gestoßen waren. Wir nen nur den Geschäftsführer des Bundes der Landwirte, Dr⸗ Roesicke, der 1912 gleich in zwei Wahlkreisen durchstel⸗ ferner den bündlerischen Agitator, Rittergutsbesitzer Au dem Winkel, und jetzt ist in dem erledigten Landtags⸗ wahlkreis Wittenberg⸗Schweinitz, einer der Führer der dem Bund der Landwirte nahestehenden Lehrervereinigemg Hauptlehrer Hermann⸗Friedersdorf aufgestellt worden. 10 * Gegen den Lebens mittelwucher. Wie der Berl. Lok.⸗Anz. mitteilt, haben sich die digen Reichsstellen zu einem tatkräftigen Vorgehen gegen die Verteuerung des Lebensmittelunterhaltes entschlossen. nahmen gegen die künstliche Verteuerung des Zuckers nach dem Blatte in Aussicht genommen; ferner soll alles ge⸗ tan werden, um der Bevölkerung eine ausreichende sorgung mit Eiern zu sichern. Ferner sei erwähnt, daß auch die Fleischfrage in tatkräftiger Bearbeitung befindet. Der Vorstand des deutschen Städtetages hat dafür einen Unterausschuß eingesetzt, der mit der Untersuchung der ver⸗ schiedenen vorgeschlagenen Mittel beschäftigt ist. Das schreibt am Schlusse seiner Ausführungen: Man wird mit Befriedigung vernehmen, daß die leitenden Stellen eifrig an der Arbeit sind, um den Kampf gegen die Teuerung durchzu⸗ führen. Mögen sie dabei alle Tatkraft aufbieten! Die öffentliche Meinung wird sie in jeder Weise unterstützen, um zu sichern, was wir alle einmütig wollen: das Durchhalten. Rumänisches Getreide für Deutschland. T. U. Haag, 15. Juli. Die Times melden aus Mythilene: Ein großer Teil der letzten Kornernte in Rumänien werde wegen des Mangels der Ausfuhr(wegen Schließung der Dardanellen) wahr⸗ scheinlich nach Deutschland und Oesterreich gehen. Aus Buk wird dazu gemeldet, daß große Mengen Getreide für deutsche Rech⸗ nung angekauft wurden, die jetzt an Bord von Donauschiffen in rumänischen Häfen liegen. Die Regierung werde aus nationale Gründen ein völliges Ausfuhrverbot von Getreide nach Deuts kaum erlassen können. Das neue englische Heer in Frankreich angekommen. T. U. Amsterdam, 14. Juli. Das englische Hauptquar. tier meldet unterm 12. Juli: Teile des neuen Heeres, deren Ankunft geheim gehalten wurde, haben ihre Laufgräben erreicht. Hoffnungslose Opfer an den Dardanellen. Laut Berliner Tageblatt veröffentlicht der Daily Tele⸗ graph sehr ernste Nachrichten von den Dardanellen. Es sei nicht ein Wort zu viel gesagt, heißt es in dem Bericht, wenn man behaupte, daß an den Dardanellen eine Armee unter den ungünstigsten Bedingungen kämpfe. Die Türken würden allein genügt haben, um die Lan⸗ dungsexpedition in eine verzweifelte Lage zu bringen. Es kommt hinzu, daß sie unter deutscher Führung ständen. Die Deutschen hätten glänzende Methoden, sich schnell zu ent⸗ scheiden; und sie hätten den Krieg auf eine wunderbare Höhe gebracht. Die Halbinsel Gallipoli bildet ein geni⸗ ales Verteidigungswerk, das von den Deutschen und Türken zu einer einzigen tatsächlich unbesiegbaren Festung ausgebaut sei. Den Engländern bleibe nur möglich, den Schluß zu ziehen, daß die Dardanellenaktion ein nahezu hoffnungsvolles Opfer war und sei. Vorbereitungen der Russen. Petersburg, 14. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Minister des Innern befahl allen Gouverneuren, im Falle des Einrückens des Feindes die Bevölkerung zu beruhi⸗ gen und beim Verlassen alle Lebensmittel und Futtermittel mitzuführen, sowie alle Kupfer- und Messingsachen, Türklinken und Kirchenglocken zu ent ⸗ Der 1 85 . 1 2 2 . e—— 5858 . — 1 fernen. Den Einwohnern von Kurland wurde nach einer Meldung des Rußkoje Sowo aus Riga befohlen, beim Ein- rücken des Feindes sofort die Kirchenglocken zu entfernen und die gesamte Aussaat zu vernichten. Der Kultusminister hat allen deutschen Kolonistenschulen befohlen, die russische Sprache als Unterrichtssprache einzuführen und alle Lehrer zu entfernen, die die russische Sprache nicht beherrschen. Sperrung des Zivilverkehrs an der bessarabisch⸗ rumänischen Grenze. T. Uu. Wien, 14. Juli. In den Küstengegenden des Schwarzen Meeres wurden aus Furcht vor Unruhen starke polizeiliche Sicher⸗ heitsmaßregeln ergriffen. Die Zeitungszensur wird streng gehand⸗ habt. Wogen der zahlreich vorgenommenen Verhaftungen rumäni⸗ scher Bürger unter dem Verdacht der Spionage ist der Zivilverkehr an der bessarabisch⸗rumänischen Grenze fast völlig unterbunden. Der russische Panzerkreuzer„Rurik“ beschädigt. T. U. Stockholm, 15. Juli. Der russische Panzerkreuzer„Rurik“ ist, wie aus privaten Nachrichten hervorgeht, in dem Kreuzergefecht bei Gotland am 2. Juli erheblich beschädigt worden und wird zurzeit in Kronstadt repariert. 5 Kriegsnotizen. Neue deutsche Ausfuhrverbote betreffen u. a. Bier, Suppenwürze und Suppenwürfel, Malzerzeugnisse; ferner photo⸗ grahisches Papier und Platten, belichtete Films. Das frühere Aus⸗ fuhrverbot für Quadrateisen wird genauer umschrieben und auf verwandte Erzeugnisse, u. g. auch Rundstahl über 60 Millimeter, Stahlformguß, Hämmer, Sägen, Meißel usw. ausgedehnt. Die Große Berliner Straßenbahngesellschaft trägt sich mit der Absicht, die Fahrpreise zu er hö h en. Die⸗ selbe wird mit der Steigerung der Löhne und Materialpreise be⸗ gründet. Der Kaufmann Theodor Wadler, kgl. Hoflieferant, wurde vom Landgericht Berlin IL wegen versuchter Bestechung des Majors Kolb vom Traindepot zu Spandau zu 1500 Mark Geld⸗ strase verurteilt. Außerdem wurde beschlossen, die Bestechungs⸗ gelder von 1000 Mark der Staatskasse für verfallen zu erklären. Die aus Schwabsburg am 3. Juli geflüchteten vier rusfischen Kriegsgefangenen sind in der Rheinpfalz tufgegriffen worden. Das Berliner Tageblatt meldet aus Lindau: Bei der Grenzkontrolle einer Dame, die in die Schweiz zu reisen beabsichtigte, wurde diese einer Leibvisitation unterzogen, wobei sich die Unbekannte plötzlich eine Revolverkugel in den Kopf 1 55 Es stellte sich heraus, daß in dem Frauengewand ein Mann teck te. Unter der Reihe von Triester Gemeindebeamten, die der landesfürstliche Kommissar in seiner Kundmachung zur Rückkehr auf ihre Dienstposten auffordert, befindet sich auch Reichs ratsabgeordneter Georg Pitacco, der bis zum Ausbruch des italienischen Krieges Gemeindesekretär von Triest war. Er hatte vorher wiederholt Reisen nach Italien unternommen und ver⸗ schwand knapp vor der italienischen Kriegserklärung. Man nimmt an, daß er nach Italien geflohen sei. Der Parlamentskorrespondent des Daily Telegraph berichtet: Das Handelsamt hat bei den Grubenbesitzern mehr Widerstand ge⸗ funden, als bei den Kohlenhändlern, um die Preise herabzusetzen. Die Regierung dürfte daher genötigt sein, die Kohlenpreise gesetzlich zu fixieren. Die Vorlage wird dem Parlament germutlich diese Woche vorgelegt werden. Der bekannte englische Sozialist Cunningham Graham, der besonders über die Greuel in den Kautschuk⸗Kolonien viel ge⸗ schrieben hat, kehrte kürzlich von einer längeren Reise nach Süd⸗ amerika zurück, wo er im Auftrage der Regierung Pferde und Maultiere aufkaufte. Er gehört der S. D. P. und neuerdings auch dem„Sozialistischen Verteidigungskomitee“ an. Neben der englischen„Anti-Deutschen⸗Liga“ hat sich jetzt unter den in England lebenden Belgiern eine besondere„Bel⸗ gische Anti⸗Pangermanistische Liga“ gebildet, die ebenfalls mit Festen, Konzerten, Ausstellungen und vielen Reden gegen die Deutschen„kämpft“. Parteinachrichten. Für die Fraktion— gegen Parteizerstörer! Auf einer am Sonntag, 11. Juli in Bremen stattgefundenen Konferenz, an der Genosse Ebert als Vertreter des Parteivor⸗ standes, der Bezixksvorstand, die Kreisvorstände der Wahlkreis Nene des 6., 17., 18. und 19. hannoverschen Wahlkreises, sowie elegierte der einzelnen Ortsvereine, insgesamt 71 Genossen und Genossinnen teilnahmen, wurde folgende Resolution angenommen: „Die Konferenz des Bezirks„Nordwest“ erklärt sich mit der Haltung der Mehrheit der Reichstagsfraktion sowie mit den Maß⸗ nahmen des Parteivorstandes einverstanden. Desgleichen werden die Bemühungen des Parteivorstandes zur Herbeiführung des Friedens anerkannt und das Vorgehen zu einer internationalen Verständigung gebilligt. Die Konferenz bedauert die Zersplitterungsversuche einzelner Parteigenossen. Sie ist der Meinung, daß alle Meinungsverschie⸗ denheiten in sachlicher Weise innerhalb der Organisation ausge⸗ tragen werden können und jeder Versuch der Parteizersplitterung als ein Verbrechen an der deutschen Arbeiterklasse bezeichnet wer⸗ den muß. 5 8 3 Kampf gegen den Lebensmittelwucher und die profitsüch⸗ tigen Unternehmer ist entschlossen weiter zu führen. Parteileitung und Reichstagsfraktion werden ersucht, alles zu unternehmen, was dem Lebensmittelwucher ein Ende bereitet.“ 185 Die Abstimmung erfolgte absatzweise. Absatz 1 wurde mit 52 gegen 10, Absatz 2 mit 53 gegen 6, Absatz J einstimmig angenom⸗ men. Die Gesamtresolution wurde gegen 10 Stimmen angenommen. Ein Teil der Genossen mußte leider wegen Zugverbindung vor Be⸗ endigung die Konferenz verlassen. Die Genossen Ebert und Henke hatten in je zweistündigen Ausführungen ihren Stand⸗ punkt für und wider die Fraktionshaltung begründet. 5 Der Sozialdemokratische Verein für den Wahl⸗ kreis Dortmud⸗Hörde hielt am Sonntag seine Generalver⸗ sammlung ab. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten des Vereins(Wahlen usw.) stand nur noch der Parteizwist zur Ver⸗ handlung. Redakteur Genosse Bredenbeck hatte das Referat zu diesem Punkt. Der Redner unterbreitete der Generalversammlung folgende Resolution: 5 725 „Die Generalversammlung des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Dortmund⸗Hörde billigt die Haltung dersogialdemokratischen Reichstagsfraktion und des Parteivorstandes in der Frage der Kreditbewilligung. Auch der Bewilligung des Kriegsbudgets erklärt sie ihre Zustim⸗ mung; die Generalversammlung spricht aus, daß diese Bewilligung nicht auf gleiche Stufe gestellt werden kann mit der Budgetbewil⸗ ligung in Friedenszeiten. Die Generalversammlung erblickt in der geschehenen Bewilligung keine Vertrauenskundgebung für die Regierung, sondern eine zur Verteidigung des Vaterlandes ge⸗ botene Pflicht. Die Generalversammlung spricht weiter aus, daß jede Ueberzeugung auch über Fragen des gegenwärtigen Krieges zu achten ist. Sie verurteilt aber entschieden jede Art von Ausein⸗ andersetzung, die, gleichviel von welcher Seite sie geübt wird, die gegenseitige Verständigung zu erschweren und die Geschlossenheit der Partei zu gefährden geeignet ist. Mit allem Nachdruck prote⸗ stiert die Generalversammlung gegen die Vertrauensbrüche, die deutsche Genossen in der Berner Tagwacht begangen haben.“ Diese Resolution wurde nach lebhafter Diskussion mit 101 Stimmen gegen 10 Stimmen angenommen. 5 Aus dem Stand der Organisation ist mitzuteilen: Zu Beginn des Berichtsjahres waren vorhanden: 7867 männliche und 1935 weibliche Mitglieder, zusammen 9802. Es wurden neu aufge⸗ nommen 663 männliche und 157 weibliche Mitglieder, zugezogen sind 247 Mitglieder; der Zuwachs beträgt mithin 1035. Dagegen sind als verzogen gemeldet 1462, gestrichen 567, ausgetreten 22, gestorben 42, im Felde gefallen 115 Mitglieder, zusammen 2208. Es ist somit ein Mitgliederrückgang von 1173 zu verzeichnen. Am 31. März d. J. waren vorhanden 6962 männliche und 1667 weibliche, zusammen 8629 Mitglieder. Bis zum 31. März waren 2555 Genossen zum Kriegsdienst eingezogen. 1. Das finanzielle Ergebnis des Berichtsfahres ist zu⸗ friedenstellend. Der Verein kam seinen sämtlichen Verpflichtungen nach, führte die satzungsgemäßen Beiträge an den Parteivorstand und an den Bezirksvorstand ab und erhöhte dabei noch den Kassen⸗ bestand des Kreises von 12 743,71 Mark auf 15 094,48 Mark. Die Bezirkskonferenz des sozialdemokratischen Bezirksverbandes für Mecklenburg und Lübeck lehnte gegen vier Stimmen eine Re⸗ solution ab, die die Reichstagsfraktion zur Ablehnung der Kriegskredite verpflichten wollte. Gegen zwei Stimmen wurde eine Resolution angenommen, die nach der Mecklenburgischen Volkszeitung lautet: „Die Bezirkskonferenz des sozialdemokvatischen Bezirksver⸗ bandes für Mecklenburg und Lübeck, die Redaktionen der im Be⸗ zirk erscheinenden Parteipresse, sowie die Mitglieder der gewerk⸗ schaftlichen Landeszentrale für Mecklenburg erklären sich mit der bisherigen Haltung des Parteivorstandes und der Reichstagsfraktion zu den Kriegsfragen einver⸗ stan den. Sie erkennen an, daß beide insbesondere bemüht waren, unter Berücksichtigung der Interessen des eigenen Landes und seiner Be⸗ völkerung, zu tun, was der Herbeiführung des Friedens und der Verständigung mit den ausländischen Bruderparteien dienen konnte, und müssen sich deshalb mit aller Entschiedenheit gegen die Sonderbestrebungen einer Anzahl von Mitgliedern der Partei wenden, da solche Bestrabungen nur geeignet sind, die Aktions⸗ fähigkeit der Partei und ihre Einheit zu stören.“ Fernwirkung des Haase⸗Manifestes. Das Manifest der Genossen Haase usw. wird von den bürger⸗ lichen Blättern, die gegen Deutschland sind, fast durchweg begrüßt. Weshalb, das sagt am offensten der Mailänder Secolo, der nicht bloß das Organ der radikal-bürgerlichen Partei der Lombardei ist, sondern auch Beziehungen zu dem rechten Flügel der italienischen Sozialisten unterhält. Er schreibt: „Eduard Bernstein, Hugo Haase und Karl Kautsky, was sagen Sozialismus des großen Deutsch⸗ die 1 der. kund⸗ gegeben. Zeichen! Nach unserem Dafürhalten ein ei i schland müde ist. In der Tat ist es das 2 bers eee ist, daß in einer deutschen Intervention der Schere des Zensors, i in welcher will, drei Leuchten des großen lands, haben e Gedanken über Abmachung diskuti ird. 5 e 12 at later Stimme Gott anrufend, das deutsch Schwert zog und das Universum bedrohte! fa in Deutschland, l Saler ie Sozialisten 5 1 c t. 0 800 45210 1 ce eenerf 0 0c Zeichen ist, daß in der eutschen? wenige ich no c schie 1 7— 7 it den Waffen zu siegen. vermöchten. Mißglückt der Traum des Universalreiches, mißglücken die diplomatischen Ränke, so kommen die Revisionfsten und die Marxisten zum Vorschein, um ihre schöne alte Stimme hören zu lassen. Wir haben es vorausgesehen— leichte Prophezeiung dieses verspätete rote Pronunziamento. Aber wir glauben, daß es notwendig ist, sich davon nicht rühren zu lassen. Der fürchterliche Krieg kann nicht anders enden, als mit der Niederlage des deutschen Militarismus und aller jener, die durch ein halbes Jahrhundert den schrecklichsten internationalen Haß gepflegt haben. Sonst würden wir in einigen Jahren wieder am Anfange sein, erst mit den Rüstungen und dann mit den Massakres, mit den Kinderverstümmelungen⸗ mit den giftigen Gasen. Ansonst würde die Gefahr bleiben und sich verschlimmern. Jetzt kann der friedliche sozialistische Auf⸗ ruf nur als ein Symptom betrachtet werden. Protokollieren wir ihn, aber nur, um ihn in der Dokumentenmappe ie Der„sozialistische“ Popolo d'Italia in Mailand bezeichnet das Friedens⸗Manifest der Partei als letzte Hinter⸗ list der deutschen Sozialdemokratie und fordert, man solle diesen jesuitischen Friedensvorschlag 11 Rufe beantworten:„Krieg bis aufs Messer. delenda Germania“(Vernichtet Deutschland!). Der Corriere della Sera vergleicht den sozialdemokratischen Aufruf mit dem angeblichen Ver⸗ halten deutscher Soldaten, welche ihren Feind, wenn sie ihn al stärker erkennen, Kamerad nennen. 1 Die Protestler zum Friedensaufruf des Parteivorstandes. Eine flat des bekannten Appells der Oppo- sition der deutschen Sozialdemokratie, der nunmehr yschon von 800 Genossen unterzeichnet ist, bespricht in einer Zusatznote das 75 des deutschen Parteivorstandes in folgender Weise:. 5 „Am 26. Juni hat sich der Parteivorstand zu drei Vorwärts⸗ spalten über„Sozialdemokratie und Frieden bemüht, denen die un verdiente Ehre einer Zensurverfolgung widerfuhr. Diese Kundgebung bedeutet keine Umkehr von der Poki⸗ tik des 4. Au gust, sondern einen atembeklemmenden Versuch, sie für die Vergangenheit zu rechtfertigen und für die Zukunft zu befestigen. Ohne Einsicht in die eigene größere Schuld, oder doch ohne Bekenntnis zu ihr, strömt sie aber von Vorwürfen gegen die Schächer in den Bruderparteien. Das Bemühen, die Partei auf das mit Opfern, aber auch mit Ehren bedeckte Schlachtfeld des internatlo⸗ nalen Klassenkampfes zurückzuführen, wird verdächtigt und verpönt. Dem mißlungenen Versuch der Selbstrechtfertigung sind ein pgar Sätze angehängt: Lufterschütterungen gegen allerhand nichtamtliche Annexionshetzer, schweigende Duldsamkeit gegen die gefährlichen Er⸗ oberungspläne der Regierung, ohnmächtige Friedenswünsche, A Friedenskampfruf: keine Aufsage des Burgfriedens. ö heißt kurzweg: Verharren auf der bequemen Bahn des Beth⸗ mann⸗Offiziösentums. Der Parteivorstand setzt sein parteizerstörendes Gebaren fort. gilt, ihn 129 1 Wucht zur 1 zu zwingen.„Kein Wort des Pro⸗ estes vom 9. Juni ist veraltet. 5 Diese„kurze, bündige Antwort beweist der Berner Tagwacht. daß sich die Opposition in der deutschen Sozialdemokratie keinen Sand in die Augen streuen läßt. Und uns beweist die Antwort, vor allem aber die Berner Tagwacht, daß —— 0 5 es den Protestlern weniger auf den Frieden als auf etwas ganz anderes ankommt. Belgische Sozialisten Ehrengäste von Prinzen. Bei einem Empfange des belgischen Dichters und So za listen Maeterlinck in London, den die reiche Herzogin von Wellington veranstaltete, waren unter den Ehrengästen u. a.: Die Prinzessin Clementine, der Prinz Napoleon, der belgische liberale Abgeordnete Heimann und der sozialistische Ab⸗ geordnete Vandervelde, beide Staatsminister, deren Frauen wie auch die Frau des sozialistischen belgischen Ab⸗ geordneten Destree usw. Man hielt die üblichen Reden. Streit in der„Britischen Sozialistischen Partei“. Innerhalb des„Internationalen Komitees“ der Britischen Sozialistischen Partei brachen ernste Unstimmig⸗ keiten aus. Die Genossen Hyndman, Headingley, Victor Fisher, Fred Gorle und Rosalind Hyndman er⸗ klären in der Presse, daß sie mit der Majorität in internationalen Dingen nicht mehr zusammenarbeiten können und deshalb aus dem Komitee austreten. Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 24 Spät in der Nacht, als alles im Hause schlief, schlich Diethelm noch einmal hinab, lauschte, ob Medard in seiner Stallkammer schlief, ging dann nach der Scheune, öffnete den Kutschensitz, nahm das Kienholz heraus, trug es die Leiter hinauf nach dem Heuboden und versteckte es unter einem Dachstuhlbalken. Aber kaum war er wieder die Hälfte der Leiter herab, als ihm gerade dieses Versteck besonders gefährlich erschien; er kehrte wieder um und fand am Ende nichts Besseres, als das Kienholz wieder in dem Kutschensitz zu verschließen, erfaßte dabei den Vorsatz: bei der nächsten Ausfahrt dieses willfährige Brennmaterial wieder auf die Straße zu schleudern. Er schauderte vor sich selber, indem er dachte, was ihm durch den Sinn gegangen war, und die Hand auf das Kienholz legend, schwur er vor sich hin, in stiller, verborgener Nacht, jede Versuchung von sich abzutun, und wie aus einem wüsten Traume erwacht, froh, daß es nur ein Traum war, schlief er ruhig und fest. Am anderen Tage— es lag ein leichter Schnee auf dem Felde— fuhr Diethelm in Angelegenheit seines Waisen— pflegeramts wieder nach der Stadt. Er wollte unterwegs das Kienholz wieder wegwerfen, und zweimal hielt er an und öffnete den Kutschensitz, als jedesmal Leute daherkamen, so daß er in seinem seltsamen Tun gestört wurde und wieder davonfuhr. Es war ihm, als ob er auf lauter Feuer sitze aber bald lachte er über diese alberne Furcht und wollte sich nun gerade zwingen, sie zu überwinden und heiteren Blickes fuhr er in die Stadt ein. Am Stern wußte er nicht, sollte er besondere Achtsamkeit empfehlen, da er etwas im Kutschen— sitz habe; aber das konnte aufmerksam machen, er müßte Red' und Antwort darüber geben, darum war's besser, er schwieg ganz, und so blieb's dabei. Als er auf dem Waisen- amt war, fühlte er mitten in der Verhandlung plötzlich einen jähen, heißen Schreck; er glaubte, er habe den Kutschensitz nicht recht verschlossen, es war ihm fast sicher, daß er offen war; wenn nun jemand darüber kam und den wunderlichen Schatz fand, was konnte das für Gerede geben, welche Ahnungen mußten in den Menschen aufsteigen! Ohne nach- zusehen, unterschrieb Diethelm alles, was man ihm vorlegte, und eilte nach dem Wirthaus: seine Vermutung hatte ihn betrogen, der Kutschensitz war wohlverschlossen, aber er wagte es nicht, ihn jetzt zu öffnen und nach dem verräterischen In⸗ halt zu schauen. Als Diethelm hierauf an dem Kaufladen Gäblers vor— überfuhr, rief ihm dieser zu und übergab ihm mit einigen halb höflichen Worten die Rechnung für die eigenen Einkäufe und für die des Zeugwebers Kübler. Diethelm versprach, zu Neujahr zu bezahlen, und Gäbler sagte, er verlasse sich darauf, überhaupt schien es Diethelm, als ob alle Menschen ein ver ändertes Benehmen gegen ihn hätten. Selbst der Sternen⸗ wirt war wortkarg und ging seinem Geschäft nach, während er sonst unzertrennlich bei Diethelm saß und mit ihm über allerlei aus Gegenwart und Zukunft plauderte. Was hatten denn die Menschen, daß sie auf einmal so ganz anders waren? War denn Diethelm nicht noch immer derselbe, der er von je gewesen? Damals am Markttage erglänzte ihm jedes An⸗ gesicht und streckte sich ihm jede Hand entgegen. Was ging denn jetzt vor? Der Zeugweber Kübler, der„den Herrn Vetter und Familienfürsten“ aufsuchte und sich ihm zu Be⸗ sorgungen erbot, konnte nicht begreisen, warum Diethelm über die ganze Welt fluchte und immer sagte, der sei ein Narr, der nur eine Stunde einem Menschen glaube. Woher es kam, das wußte Diethelm nicht, aber offenbar schien es ihm, daß man Schlimmes von ihm dachte und seine Ehre an— gegriffen sei, daß etwas wie eine Verschwörung aller Men⸗ schen gegen ihn in der Luft schwebe. Das von Zweifel und Bangen gepeinigte Herz verlangt besonders huldreiche Zu— neigung der Welt, und gerade da bleibt sie aus, und das düster blickende Auge des Bedrängten sah Unfreundlichkeit der Menschen, wo sonst gar nichts gesehen wurde. 5 Diethelm beauftragte Kübler, eine geweihte Kerze, ein vierundzwanzig Stunden haltendes sogenanntes Talglicht, zu kaufen für den verstorbenen Vater des Waisenkindes, in dessen Angelegenheiten er eben in der Stadt war. Kaum war Kübler weggegangen, als ein Briefchen vom Kastenver⸗ walter kam, der Diethelm daran erinnerte, daß er das Geld, das in sechs Wochen fällig war, bereits anderweit versagt hätte.„Der hat auch was,“ knirschte Diethelm, den Brief in die Tasche steckend, und hätte er in diesem Augenblick ein Verbrechen an der ganzen Welt begehen können, es wäre ihm eine Lust gewesen. Er hielt noch die Hand auf dem Briefe des Kastenverwalters, als Kübler kam, aber er brachte statt einer Kerze ein Gebund, das vier solcher enthielt. „Ich hab nur eine gewollt, aber es ist auch so recht,“ sagte Diethelm und hielt in zitternder Hand die Kerzen. Es war ihm, als müßte er damit sengen und brennen. Der Schnee wirbelte um ihn her und Diethelm fuhr durch die Nacht dahin heimwärts, seine Wangen glühten, und die Schneeflocken, die darauf fielen, konnten die Glut nicht löschen. Am ersten Berge hielt er an, öffnete den Kutschensitz, aber nicht um seinen Inhalt, verborgen vor jedem Späherauge, zu zerstreuen; er legte drei der geweihten Kerzen noch zu dem Kienholz. Er fühlte keinen Stich durchs Herz, und doch bewegte ihn ein freudiger, erfindungsreicher Gedanke: diese Kerzen brennen eine volle Tag- und Nacht⸗ länge, mit ihnen läßt sich verdachtslos etwas bewirken. Im Schritte den Berg hinanfahrend, überdachte Diet⸗ helm sein ganzes vergangenes Leben. Er spürte ein Jucken in den Augen, als er der unsäglich vielen Freuden gedachte, die er seinen Eltern und allen seinen Angehörigen bereitet hatte; und plötzlich stand es vor ihm, daß sein Bruderskind im Elend verkomme, wenn er nicht dem Kübler zur Ansässig⸗ machung verhelfe. Alles, was er tue, sei ja zum Guten. Und jetzt war es, als sähe er seine Fränz, wie sie unter den Men⸗ schen herumgestoßen würde, die kein Erbarmen haben, und sich selber sah er sterbenskrank und in Not verlassen. Es muß fein.(Fortsetzung folgt.) Hessen und Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Der Kriegsgewinn der Landwirtschaft. Wohl kaum ein Erwerbsstand ist im allgemeinen so wenig durch den Krieg getroffen worden, als die deutsche Landwirtschaft, überhaupt die Erzeuger von Lebensmitteln. Einen sprechenden Beweis dafür bot unter anderem auch die Tagung der hessischen Raiffeisenvereine, die dieser Tage in Cassel stattfand. In derselben wurde durchweg die günstige finanzielle Lage der Raiffeisenvereine konstatiert, die ins⸗ gesamt 6 Millionen Mark zur Kriegsanleihe beisteuerten. Von besonderem Interesse für die Beurteilung der Lage der Landwirtschaft sind die Feststellungen, die Herr Pfarrer Schüler als Verbandsanwalt in seinem Jahresbericht machen mußte. Danach gehörten am 31. Dezember 1914 dem hessi⸗ schen Verbande ländlicher Genossenschaften 445 Genossen— schaften an, und zwar 409 Darlehnskassenvereine und 36 Be⸗ triebsgenossenschaften; 2 Darlehnskassenvereine sind noch im Entstehen begriffen. Die Zahl der Mitglieder ist um 1677 auf 54 199 gestiegen. Der Umsatz bezifferte sich auf 109,5 Millionen Mark, etwas weniger als im Vorjahre. Wichtiger sei, was die Darlehnskassen geleistet haben: „Der Zugang an Spargeldern betrug 16937511 Mk., die Entnahme von Spargeldern 12 154 948 Mk., es blieben somit au Spargeldern 4782 563 Mk. Das eigene Vermögen des Verbandes beläuft sich auf mindestens 2 600 000 Mk. Die landwirtschaftliche Zentral⸗Darlehnskasse arbeitete glänzend: drei Wochen nach Kriegsausbruch betrug ihre Bankschuld zwar 26 Millionen Mk., indessen am 31. Dezember 1914 hatte sie schon wieder 5,3 Mil⸗ lionen Mk. Guthaben, am 1. Juli 1915 aber bereits 71 Millionen Mark Guthaben, während sich die Schulden auf 3 Millionen Mk. verringert haben. Der Geldbestand hat sich seit Ausbruch des Krieges um 94 Millionen Mark gebessext. Diese Ziffern beweisen, welch starker Geldzufluß in den Raiffeisenvereinen gewesen ist. Auch aus unserm Hessenland floß über Erwarten viel Geld, da sich der Umsatz von 52 Millionen Mk. steigern konnte, während an⸗ dererseits die Vereine 11 Millionen Mk. einzahlten, jedoch nur knapp 8 Millionen Mk. abriefen, wobei die Schulden der Vereine um 1 Million Mk. zurückgingen. Für das Warengeschäft sind 71 Millionen Mk. gegen 32 Millionen Mk. im Vorjahre eingezahlt worden, so daß in den Kreisen der ländlichen Genossenschaften in Hessen überreichlich Geld vorhanden ist.“ Diese trockene zahlenmäßige Darlegung spricht Bände für die günstige Lage, in der sich die Landwirtschaft trotz der hohen Futtermittelpreise befindet. Und das nicht nur in Hessen. Auch der Bericht der Landesgenossenschaftskasse der Provinz Hannover konstatiert, wie wir dem Hann Cour, vom 8. Juli entnehmen, einen außerordentlich starken Zustrom von Geld aus den ihr angeschlossenen ländlichen Sparkassen. In dem Bericht heißt es wörtlich: „Etwa vom 20. August an mehrten sich die Geldeingänge, so daß wir nach und nach die Schulden in Berlin abtragen konnten. Ja, die Ueberschüsse der Eingänge gegen die Ausgänge waxen so groß geworden, daß unsere Schulden, trotzdem wir etwa 2½ Mil⸗ lionen erste Kriegsanleihe, die bei uns gezeichnet waren, bezahlt hatten, Ende Dezember nicht allein abgetragen waren, sondern, daß wir rund 4 Millionen Mark in Berlin gut hatten. Die Geld⸗ eingänge waren ganz bedeutende, sie haben sich dann auch in un⸗ vermindertem Maße bis auf den heutigen Tag(Mitte April) fort⸗ gesetzt, und zwar derartig, daß wir schließlich rund 25 Millionen überschüssige Gelder anzulegen hatten. Die im Monat März 1915 stattgehabte Zeichnung auf die zweite Kriegsanleihe hat dann bei uns das außerordentlich günstige Ergebnis gehabt, daß 21 Mil⸗ lionen gezeichnet wurden. Die Abnahme dieser großen Beträge konnte unsererseits glatt erfolgen.“ 5 Es erübrigt sich, diesen Berichten etwas hinzuzufügen. Die deutsche Arbeiterschaft gönnt der Landwirtschaft für ehr⸗ liche Arbeit gewiß redlichen Lohn. Nur dünkt uns, daß der Lohn höher war als notwendig, denn sonst könnten die länd— lichen Sparkassen solchen Kapitalzufluß nicht verzeichnen. Hoffentlich findet diese Anerkennung der günstigen Lage der deutschen Landwirtschaft aus berufenem Munde auch bei den Behörden dann Beachtung, wenn es gilt, die Preise der wich— tigsten Lebensmittel des Volkes nach der neuen Ernte fest⸗ zusetzen. Zur Nachahmung dringend empfohlen! Aus Höchst a. M. wird geschrieben: Vom Markte verwiesen wurde gestern früh der Landwirt Vogel aus Sossenheim Er war gestern mit Frühtartoffeln auf dem Markt erschienen. Da er aber 12 Pfg. für das Pfund verlangte, erregte er den Unwillen der Käuferinnen, deren einige nicht übel Lust zeigten, gegen den Mann handgreiflich zu werden. Allem Zureden zum Trotz, verharrte Vogel bei seinem hohen Preis und wurde deshalb auf Anregung des Marktmeisters W. von der Polizei vom Markte verwiesen. Die nb 1 05 gibt neue Kartoffeln zum Preise von 8½ Pfg. pro und ab. — Wahlverein Gießen. Nächsten Montag findet die Mitgliederversammlung vom 12. Juli ihre Fortsetzung, worauf an dieser Stelle hingewiesen sei. Hoffentlich finden sich die Parteigenossen dazu recht zahlreich ein, zumal die Aussprache manches Interessante für jeden bieten dürfte. Hessens finanzielle und wirtschaftliche Lage. Der Finanz⸗ ausschuß der Zweiten Kammer trat auf Anregung des Kam⸗ merpräsidenten Köhler Mittwoch unter dem Vorsitz des Abg Dr. Osann zusammen, um über die finanzielle und wirt schaftliche Lage des hessischen Staatshaushaltes zu beraten. Dem zweiten Teil der Verhandlungen wohnten auch die drei Minister Dr. v. Ewald, Dr. Braun und v. Hombergk, Staats⸗ rat Dr. Becker, Ministerialrat Schliephake und andere Ee— gierungsvertreter bei. Zunächst gab der Finanzminister ein Bild über die finanzielle Lage, aus dem hervorzu⸗ heben ist, daß die Eisenbahnen voraussichtlich bedeutende Mindereinnahmen bringen. Nach der eingehenden Aus⸗ sprache dürfte man zu der Verständigung kommen, daß im Interesse der Klarstellung der Verhältnisse noch in diesem Herbst von der Regierung ein neuer Voranschlag unter Be— rücksichtigung der veränderten Verhältnisse vorgelegt werden wird. Die Verhandlungen werden heute Donnerstag mit der Beratung über wirtschaftliche Fragen fortgesetzt. — Höchstpreis für Milch in Frankfurt. Veranlaßt durch die rücksichtslosen Preistreibereien der Vereinigten Land. wirte, die den Milchpreis auf 30 Pfg. den Liter bringen wollten, hat der Frankfurter Magistrat im Einvernehmen mit den Nachbarstädten beschlossen, den seither dort gültigen Preis von 26 Pg. als Höchstyreis festzusetzen. Damit wird der Preistreiberei, an welcher auch die Milchhändler beteiligt waren, ein Riegel vorgeschoben.— Von der Stadt Frankfurt wird gegenwärtig gefrorenes Schweine- fleisch verkauft und in der letzten Woche insgesamt nicht weniger als 170 Zentner abgesetzt. Das Fleisch soll von bester Qualität und sehr begehrt sein. — Fischkost. Nächsten Montag und Dienstag, jedesmal um 6 Uhr nachmittags, findet in der Schulküche am Oswalds— garten nochmals eine Unterweisung in der Bereitung von Klippfisch mit Abgabe von Kostproben statt. Anmeldungen dazu sollen am Samstag und Montag geschehen. Für Teil⸗ nehmer frei; Kostgeld 50 Pfg. Wir verweisen auf die Be⸗ kanntmachung des Oberbürgermeisters. — Ueber Trockenheit kann vorläufig in unserer Gegend nicht mehr geklagt werden, in den letzten paar Tagen gingen ganz erhebliche Regenmengen nieder. Teilweise hört man schon Klagen über zuviel Nässe, die jetzt in der Getreideernte allerdings vom Uebel ist. Andererseits begünstigt der Regen das Wachstum der Gemüsepflanzen, namentlich der Kar⸗ toffeln, ganz bedeutend und auch den Wiesen kommt es zu gute. Die Waldbeeren profitieren ebenfalls noch davon, be⸗ sonders die Himbeeren, deren Entwickelung unter der lange anhaltenden Trockenheit gelitten hatte. Im ganzen gibt es Gartenfrüchte und Beerenobst ziemlich reichlich; trotzdem ist auf dem Markte alles teuer. Kirschen z. B. waren dieser Tage sehr reichlich angeboten und doch war das Pfund nicht unter 30 Pfg. zu haben, während sie in früheren Jahren höchstens 18, oft 15 und 12 Pfg. kosteten. — Die Schulferien beginnen am 31. Juli für höhere Schulen, wie auch für die Volksschule. Für letztere dauern sie vier Wochen, für die höheren Schulen sechs. Wie wir hören, war angestrebt worden, die diesjährigen Ferien für alle Schulen so einzuteilen, daß 4 Wochen in den Sommer und 2 Wochen in den Herbst fallen, in welchem Falle sie Mitte dieses Monats begonnen hätten, es ist aber darüber nicht zu einer Einigung zwischen den verschiedenen Schulen ge⸗ kommen. — Gefallene aus Oberhessen und Nachbargebieten. Unteroffizier Ernst Ludwig Otto aus Beuern, Inf.-Regt. Nr. 222.— Musketier Karl Jung aus Waldgirmes, Inf. Regt. 252. Wer ist Kriegsteilnehmer? Ein Schuldner war auf Klage seines Gläubigers zur Zahlung verurteilt, es war gegen ihn Zwangsvollstreckung ausgeführt. Auf Grund des Kriegsteilnehmer⸗ gesetzes vom 4. August 1914 beantragte er Aussetzung des Ver⸗ fahrens und Einstellung der Zwangsvollstreckung, weil er bei einem Landsturm⸗Bataillon eingestellt sei und zur Bewachung eines! Kriegsgefangenenlagers verwendet werde. Das Oberlandesgericht Darmstadt wies ihn mit seinem Antrage ab. Das Gesetz vom 4. August will die infolge des Krieges an Wahrnehmung ihrer Rechte behinderten Personen schützen. Dahin gehören die zu den mobilen oder gegen den Feind verwendeten Truppenteilen zählenden Personen. Die Nebeneinanderstellung zeigt, daß ein gewisser un⸗ mittelbarer Zusammenhang mit der Bekämpfung des Feindes be⸗ grifflich gefordert wird. Diese Voraussetzung fehlt bei der mili⸗ tärischen Verwendung jemandes, der in gleichem Grade wie ein zu den immobilen Truppen gehöriger Heerespflichtiger seine Rechte wahrnehmen kann. Andere Gerichte haben anders entschieden. Und wie uns dünkt: zu Recht. — Fleisch im Arbeiterhaushalt. Von berufener und unberufener Seite wird in der jetzigen Zeit die Behauptung aufgestellt, daß das deutsche Volk in den letzten Jahren sich dem Fleischgenuß über⸗ mäßig hingegeben habe. So berechtigt jetzt die Mahnung, weniger Fleisch zu essen, an einzelne Teile der Bevölkerung auch sein mag, so unberechtigt ist sie, wenn sich die Ratgeber an unsere Ar⸗ beiter wenden. Durch die enorme Steigerung aller Lebensmittel⸗ preise durch den Krieg ist der Fleischgenuß im Arbeiterhaushalt noch mehr eingeschränkt worden, als es in Friedenszeiten schon der Fall war. Die Gesamtjahresausgaben des Arbeiterhaushalts, in denen außer den Ausgaben für Lebensmittel auch alle anderen zum Leben nötigen Gegenstände, wie Kleidung, Wohnung, Steuern usw., ein⸗ begriffen sind, zeigen, daß besonders in der jetzigen Zeit nicht allzu viel Geld für Fleisch übrig bleibt, zumal während des Krieges die Löhne nicht gestiegen sind. Das Statistische Amt des Deutschen Reiches gibt über diesen Gegenstand wohl die beste Aufklärung. Das Amt hat im Jahre 1909 die Ergebnisse einer Haushaltungsstatistik veröffentlicht, die im Jahre 1907 erhoben wurde. Die Arbeit des Amtes bringt in einem besonderen Abschnitt auch für 150 Arbeiter⸗ familien Angaben über den tatsächlichen Verbrauch von Nahrungs⸗ und Genußmitteln, aus denen neben der Gestaltung des Geldbud⸗ gets auch das physiologische Budget erkannt werden kann. Von den 150 Arbeiterfamilien hatten 4 eine Gesamtjahresausgabe von 900 bis 1200 Mark, 35 eine Gesamtfahresgusgabe von 1200 bis 1600 Mark, 71 eine Gesamtjahresausgabe von 1600 bis 2000 Mark, 40 eine Gesamtjahresausgabe von 2000 bis 3000 Mark. Die Mehrzahl diefer Familien hatte also ein Einkommen von mehr als 1600 Mark, stand demnach weit über dem Durchschnitt des Arbeitereinkommens. Der Fleischkonsum blieb mit 27,5 Kilogramm pro Kopf weit unter dem Durchschnitt, der 1907 nach der Schlachtungs⸗Ausfuhr⸗ und ⸗Ein⸗ fuhrstatistik auf den Kopf der Bevölkerung auf rund 53 Kilogramm berechnet wurde. Dabei handelte es sich nicht um besonders kinder⸗ reiche Familien, sondern um solche mit einer durchschnittlichen Kopf⸗ stärke von 4,76, was genau dem Reichsdurchschnitt entspricht. g Danach bleibe man den Arbeitern mit dem Gerede vom üppigen Leben und von zu hohem Fleischverbrauch vom Halse. Der Fleisch⸗ konsum der Arbeiter ist nur zu gering und eine Steigerung, die zu⸗ gleich mit einer Verbesserung aller Lebensmittel Hand in Hand gehen müßte, würde nur gesundheitlichen Nutzen bringen. Daran ist nach Lage der Sache aber nicht zu denken, auch dann nicht, wenn in Volks⸗ versammlungen gegen den Lebensmittelwucher scharfe Worte ge⸗ braucht werden, sonst aber die Politik der Reichsregierung gutge⸗ heißen und unterstützt wird.— Aus Blut wird Geld gemacht. Das ist die Parole der Wucherer nicht nur in Deutschland, sondern in allen kriegführenden Ländern. Also eine internationale Erscheinung. Gewuchert wird mit Vieh, Getreide, Kartoffeln, Eiern, Milch, kurz allem, was zur menschlichen Notdurft und Nahrung gehört. Alles rafft mit gierigen Händen sonder Scheu und Scham. Und alle nehmen sie es von den Aermsten: von den zerschossenen Soldaten und von ihren Weibern und hungernden Kindern. Mit Reden und scharfen Worten, mit guten Ratschlägen und ausgeklügelten Koch⸗ vezepten ist dem hungernden Volke nicht gedient. Hier muß gehan⸗ delt werden, aber recht bald und gründlich! Keine Leichenüberführungen aus dem Operations- und Etappen⸗ gebiet. Die Oberste Heeresleitung hat jegliche Leichenausgrabung und Ueberführung aus dem gesamten Operations⸗ und Etappen⸗ gebiet für die Monate Juli, August und September aus hygienischen Grlünden verboten und die bereits erteilten Genehmigungen zurück⸗ gezogen 1 5 — Gießener Freilichtbühne. Die Vorstellung am Sonntag findet bei kleinen Preisen statt und beginnt um 5 Uhr. — Watzenborn⸗Steinberg. Seit langer Zeit hat unser Wahl⸗ verein keine Versammlung gehabt und er hält es jetzt endlich an der Zeit, die noch zu Hause befindlichen Mitglieder einmal wieder zusammenzurufen. Morgen(Samstag) Abend punkt 9 Uhr findet eine Mitgliederversammlung im„Grünen Baum“ statt, zu der sich alle Genossen einfinden wollen. är Neumanm⸗Offenbach wird über die politische Lage sprechen. W Von Nah und Fern. Unvorsichtiger Schütze. Am Sonntag wurde im Walde beum Himbeerpflücken dle verheiratete 34 Jahre alte Frau Ho f⸗ mann aus Hemsbach lim Kreise Aschaffenburg) erschossen. Als Täter wurde der Mühlenbesitzer Kern aus Mömbris ermittelt, der sich auf der Jagd befand und die in gebückte Stellung befindliche Frau für ein Stück Wild gehalten hat. Der Vorfall hat begreif⸗ licherweife große Aufregung in der Bevölkerung hervorgerufen. ö Telegramme. Augeslerict des Großen Hauptnuurtiers Heiße Argonnenkämpfe für uns erfolgreich Praszuhsz wieder von uns erobert. W. B. Großes Hauptquartier, 15. Juli, vorm.(Amtlich. Westlicher Kriegsschauplatz. In Südflandern sprengten wir gestern westlich von Wytschaede mit bestem Erfolg Minen. In der Gegend von Souchez griffen die Franzosen zum Teil mit stärkeren Kräften an verschiedenen Stellen an. Sie wurden überall zurückgeschlagen. Nordwestlich von dem Gehöft Beau Séjour in der Champagne kam ein feindlicher Handgranatenangriff infolge unseres Minenfeuers nicht zur Durchführung. Die Franzosen machten gestern bis in die Nacht hinein wiederholt Versuche, die von uns eroberten Stellungen in Argonnenwalde zurückzuerobern. Trotz Einsetzers großer Munitionsmengen und starker aufs neue herange⸗ führter Kräfte brachen sich ihre Angriffe an der unerschütter⸗ lichen Stärke der deutschen Front. An vielen Stellen kam es zu erbitterten Handgranaten⸗ und Nahkämpfen. Mit un⸗ gewöhnlich hohen Verlusten bezahlte der Gegner seine er⸗ gebnislosen Anstreugungen. Die Zahl der französischen Ge fangenen hat sich auf 68 Offiziere, 3688 Mann erhöht. Det Erfolg unserer Truppen ist um so bemerkenswerter, als nach übereinstimmenden Gefangenenaussagen die Franzosen für den 14. Juli, den Tag ihres Nationalfestes, einen großen Angriff gegen unsere Argonnenfront vorbereitet hatten. Auch östlich der Argonnen herrschte gestern er⸗ höhte Gefechtstätigkeit. Im Walde von Malancourt wurden Angriffsversuche des Feindes durch unser Feuer ver⸗ hindert. Im Priesterwalde brach ein französischen Vorstoß verlustreich vor unseren Stellungen zusammen. Ein französisches Flugzeug wurde beim Ueberfliegen unserer Stellung bei Souchez getroffen und ging brennend in der feindlichen Linie nieder. Ein zweites wurde bei Heninlitard heruntergeschossen. Führer und Beobachter fielen verwundet in unsere Hand. Oestlicher Kriegsschauplatz. In kleineren Gefechten an der Windau abwärts Karschany wurden 2 Offiziere, 425 Russen zu Gefangenen gemacht. Südlich des Niemen in der Gegend von Kalwarja, eroberten unsere Truppen bei Franczeskowa und Ossowa mehrere russische Vorstellungen und behaupteten sie gegen heftige Gegenangriffe. 0 Nordöstlich Su walki wurde die Höhe von Olszanka von uns erstürmt, 300 Russen gefangen genommen und 2 Maschinengewehre erbeutet. g Südwestlich Koln o nahmen wir das Dorf Krusz a sowie feindliche Stellungen südlich und östlich dieses Dorfes und südlich der Linie Tartak—Litniki. 2400 Gefangene und 8 Maschinengewehre fielen in unsere Hand. Die Kämpfe in der Gegend von Praszuysz wurden erfolgreich fortgeführt. Mehrere feindliche Linien wurden von uns genommen und die in den letzten Februartagen heiß umstrittene und von den Russen stark ausgebaute Stade Prasznysz von uns besetzt.* Südöstlicher Kriegsschauplatz. Die Lage ist im allgemeinen unverändert. 5 Oberste Heeresleitung. 2 Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht Wien, 15. Juli.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart, den 15. Juli 1915, mittags: Russischer Kriegsschauplatz. Die allgemeine Lage hat sich nicht geändert. Am Dnfestr abwärts Nizniow kam es am nördlichen Flußuser an mehreren Stellen zu erfolgreichen Kämpfen unserer Truppen. wobei 11 Offiziere und 550 Mann des Feindes gefangen wurden. Jtalienischer Kriegsschauplatz. Gegen einzelne Stellen des Plateaus von Doberdo unterhalten die Italiener wieder ein lebhafteres Geschützfener. Sie verfuchten auch mehrere Infanterieangriffe, namentlich zwischen Sdraussinag und Polazzo, wurden aber wie immer unter großen Verlusten zurück⸗ geschlagen. Im Kärntner und Tiroler Grenzgebiet hat sich nichts von Be⸗ deutung ereignet. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. von Föfer, Feldmarschallentnant. Die Dardanellen⸗Kämpfe. Abgeschlagene Angriffe zu Wasser und zu Lande. Konstantinopel, 15. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: In der Dardanellenfront erbeutete in der Nacht vom 12. zum 18. Juli eine unserer Erkundungs⸗ abteilungen bei Ari Burnu auf unserm rechten Flügel eine Kiste mit Handgranaten. Wir warfen den Feind, der sich dem Schützengraben auf diesem Flügel zu nähern versuchte, zurück. Auf dem linken Flügel feuerte der Feind aus Furcht vor Ueberraschung die ganze Nacht aus Leuchtpistolen und unterhielt ein andauerndes Infanteriefeuer ins Leere. Bei Sedd⸗ül-Bahr war am Morgen des 13. auf der gangen Front leichter Artilleriekampf. Am Nachmittag griff der Feind nach heftiger Artillerievorbereitung mehrmals unsern linken Flügel an, wurde jedoch durch unsere Gegenangrifse zurück ⸗ getrieben und erlitt schwere Verluste. Außerdem warfen wir den Feind, der sich am 12. Juli einem Teile unserer geblieben war, aus der Stellung und trieben ihn in die früheren Stellungen zurück. Wir nahmen bei dieser Ge⸗ legenheit 14 Engländer gefangen. Unsere anatolischen Batte⸗ rien nahmen wirksam an den Kämpfen vom 12. und 13. bei Sedd⸗ül⸗Bahr teil. Zwei feindliche Zerstörer, die aus den Gewässern von Kerevizdere gegen unsern linken Flügel feuerten, flohen vor dem wirksamen Feuer dieser Batterien in die Meerenge. Ein feindliches Torpedoboot, das gewöhn⸗ lich im Golf von Saros kreuzte, näherte sich gestern dem Ufer und wurde von zwei Granaten getroffen. Es floh hinter die Insel Saros und verließ nachts den Golf. An der Front von Irak trieben unsere Truppen vom 10. auf den 11. ein feindliches Motorboot zurück, das sich einem Deiche westlich Corna am Euphrat nähern wollte. Der Feind, der an dieser Stelle zu Lande einen Angriff mit Unterstützung don Kanonenbooten unternehmen wollte, wurde durch unsern kräftigen Gegenangriff in die Flucht getrieben. Anscheinend ind die Verluste des Feindes während dieser Kämpfe sehr groß. Auf den anderen Fronten nicht bedeutendes. 1 Neue türkische Erfolge. 0 Der Generalstab teilt mit: An der Dardanellen— 1 fanden am 14. Juli keine Operationen bei Ari urnu und Sedd⸗ül⸗Bahr statt, außer einem schwachen Feuerduell. Unsere Artillerie zwang ein feindliches Torpedoboot und einen feindlichen Truppentransport, der Ari Burnu zu nähern versuchte, zur Flucht, versenkte ine feindliche Schaluppe und setzte eine zweite in Brand. An der Front von Irak erfüllten in der Nacht des 13. Juli Aunsere Abteilungen, die vom linken Flügel der Gruppe bei Nuntefik aus vorgerückt waren, ausgezeichnet ihre Aufgabe. n dem Kampfe, der von Mitternacht bis zum Nachmittag des nächsten Tages dauerte, warfen sie den Feind trotz des eftigen feindlichen Artilleriefeuers zurück und brachten ihm schwere Verluste bei. Wir zählten im Gebiete von Dattiers 500 feindliche Gefallene, darunter meh⸗ ere englische Offiziere; außerdem brachte der Feind auf wei Booten, die ganz überfüllt waren, Tote und Verwun⸗ dete fort. Unsere Verluste sind ein Leutnant und fünf Sol⸗ „D ten gefallen, 21 verwundet. Die schweren Geschütze des Feindes schleuderten während des Gefechtes 300 Geschosse gegen unsere Stellung, verwundeten aber nur einen Sol— taken— Auf den übrigen Fronten nichts Besonderes. 4 Nener Angriff der Verbündeten gegen die 6 Dardanellen. T. U. Kopenhagen, 15. Juli. Einer Meldung des Messag⸗ gero aus Athen zufolge bereiten die Verbündeten in fieber⸗ lafter Eile einen allgemeinen neuen Angriff gegen die Dar⸗ danellen vor. Die in Malta untergebrachten Kriegsschiffe sind nach den Dardanellen zurückgekehrt. Von England und Frankreich sind neue Verstärkungen eingetroffen, ebenso sind ine große Anzahl schwerer Geschütze und Riesenmengen von Munition angekommen. vor Ende Juli. Die Beschaffung von Medikamenten in Italien. Agenzia Nazionale schreibt: Ein wichtiges Problem der italieni— schen Kriegsrüstung war die Beschaffung der Medizinalien. Sie wurden vordem fast ausschließlich aus Deutschland be⸗ zogen. Die italienische Industrie habe aber gewaltige Fortschritte gemacht und heute genüge die italienische Produktion vollständig ür den Heeresbedarf.(2) Italiens volle Kriegsbereitschaft kommt no ch. T. U. Zürich, 15. Juli. Der in Chur erscheinende Freie Raetier berichtet, eine in Chiasso eingetroffene hervorragende Persönlichkeit versichert, daß erst nächste Woche Italien voll— ständig kriegsbereit sein werde, um den Kampf auf großer Basis aufzunehmen. Der Feind habe am Isonzo noch nicht mit einem Zehntel der italienischen Armee zu tun gehabt. Die türkisch⸗bulgarischen Verhandlungen. Stampa berichtet, daß die Verhandlungen Bulgariens mit der Türkei dem Abschlusse nahe seien. Der bulgarische Landwirtschaftsminister habe sich geäußert, daß das Ergebnis ir beide Teile befriedigend sei. Schuld und Schicksal Genadiews. Der Bukarester Seara wird nach der Frankf. Ztg. aus Sofia 3 daß die Verhaftung Genadies auf Anordnung es Kriegsministers erfolgte, der sichere Kenntnis davon hatte, daß Genadiew Mitwisser an dem Attentat im Kasino gewesen war. Ministerpräsident Radoslawow zögerte vorerst, die Ein⸗ willigung zur Verhaftung zu geben. Der Führer der Demokraten⸗ partei Oralinow, sowie der Abgeordnete Gatew erhoben die offene Beschuldigung, worauf in einem Ministerrat die Verhaftung, die auch der Generalstabschef Bojadiew forderte, beschlossen wurde. Nach einer dem Az Est aus Sofia zugegangenen Meldung wer— den gegen Genadiew rei Anklagen erhoben. Er wird der intellektuellen Urheberschaft der Ermordung des Führers der Stambulowistenpartei beschuldigt. Er soll mit dem Mörder Alexander Petrow, den er materiell unterstützte, viel verkehrt haben. Genadiew wird ferner als intellektueller Urheber des asinoattentats bezeichnet. Wie die Frau des Attentäters Anaßtasow im Prozeß eidlich bestätigte, erhielt Anaßtasow zehntausend Franes von Genadiew, um das Attentat auszuführen und nicht zum Organi⸗ sieren von Banden. Schließlich wird Genadiew beschuldigt, das Attentat gegen den König organisiert oder wenigstens davon gewußt zu haben, welch letzteren Umstand er selbst zugibt. Genadiew dürfte vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Seiner wartet, falls sich die Anschuldigungen als richtig erweisen, die Todesstrafe. Oesterreich⸗Ungarn und Amerika. Die österreichisch-ungarische Regierung hat der Welt eine Ueberraschung bereitet. Eine Note an Amerika über die Waffenlieferungen und die Abschneidung von Lebensmittel— zufuhren ist ganz unerwartet gekommen; sie hätte sicherlich schon Monate früher kommen können. Der Zustand, über den sich Oesterreich⸗Ungarn mit Recht beschwert, besteht ja schon seit Kriegsbeginn. Oesterreich⸗-Ungarn wird ebenso wie Deutschland davon betroffen, daß England jede Zufuhr won Lebensmitteln aus Amerika nach Mitteleuropa hindert aud aß Amerika den Vierverband durch Munitionsliefe⸗ Fangen in steigendem Maß unterstützt. Ohne die Munitions⸗ Man erwartet den Angriff noch zufuhren an die Feinde der Zentralmächte würde der Krieg wohl schon eine andere Wendung genommen haben. Man wird sich freilich nicht der Illusion hingeben dürfen, daß Amerika nach der österreichisch-ungarischen Note seine Haltung ändert; es hat, wie bekannt, auf deutsche Noten gleichen In⸗ halts bisher niemals ernsthafte Zugeständnisse gemacht und erst seitdem die Regierung der Vereinigten Staaten im eige⸗ nen Lande eine starke Opposition gegen ihr Verhalten ent⸗ stehen sieht, beginnt bei ihr wenigstens eine Art von Ueber⸗ legung, wie sie sich mit Anstand auf der Affäre ziehen könnte. Im besonderen hat das Auftreten Bryans die Gemüter in Amerika außerordentlich in Bewegung gebracht und Herr Wilson, dessen Wahl von Herrn Bryans Gnaden abhing, nimmt diese Agitation entschieden ernster als alle Noten der europäischen Zentralmächte. Man darf die Note des Barons Burian nicht lediglich dazu ist unser Verbündeter selbst zu stark in Mitleidenschaft gezogen und wenn auch seine Handelsbeziehungen mit den Ueberseeländern lange nicht den Umfang der deutschen hatten, so sind sie doch für die österreichisch-ungarische Volkswirtschaft bedeutend genug gewesen. Vor allem wird Oesterreich⸗ Ungarn durch die englische Ozeansperre geradezu um be⸗ trächtliche Truppenkörper gebracht; die Auswanderung aus der Donaumonarchie war stets sehr groß und gar viele von den Auswanderern werden jetzt— zumal nach der Verlängerung der Landsturmpflicht in Oesterreich⸗Ungarn bis zum 50. Lebensjahr— noch wehrpflichtig sein. Gerade diese Be⸗ trachtung zeigt am schärfsten die neutralitätswidrige Haltung Amerikas. Während England Neger, Inder und Maori gegen uns aufbieten kann, darf Oesterreich nicht einmal seine wehrpflichtigen Staatsbürger aus der mächtigen Union her⸗ überholen. Das gilt ja auch für Deutschland, wenn auch unsere Auswanderung glücklicherweise immer nur einen ge⸗ ringen Teil der österreichisch⸗ungarischen betragen hat. Die Arbeitermarseillaise und der Krieg. Der Präsident der französischen Republik hat eine Gelegenheit gefunden, auch die Marseillaise zur Anfeuerung des Kriegs⸗ enthusiasmus in Frankreich zu benutzen. Am Mittwoch wurde in Paris die Asche des Dichters der Marseillaise, Rouget de Lis le, vom Kirchhof Choisy le Roi nach dem Invalidendom über- geführt. Am frühen Morgen holte, so wird dem Berl. Lok.⸗Anz. berichtet, Unterstaatssekretär Dalmier den Sarg ab, der auf einer Kanonenlafette unter Kavallerieeskorte durch den Triumphbogen geführt wurde. Poincars und sämtliche Minister folgten dem Sarge nach dem Invalidendom, wo darauf eine Militärparade statt⸗ fand. Anwesend waren auch die Botschafter der Ententemächte. eln vielen Stellen der Stadt, wie bei den Straßburg⸗ und Gambetta⸗ Denkmälern fanden patriotische Kundgebungen statt. Nach Ueberführung der Asche hielt Poincars eine Ansprache. Er pries die Marseillaise, jene unvergleichliche Hymne, deren Klänge in den Herzen der Nation übermenschliche Tugenden erweckten. Die Umstände, unter denen Rouget de Lisle seine Hymne kompo⸗ nierte, entsprächen den heutigen. Poincaré führte sodann aus, Frankreich sei das Opfer eines brutalen, bis ins kleinste vorbedachten Angriffs geworden. Da man Frankreich gezwungen habe, das Schwert zu ziehen, habe es nicht das Recht, das Schwert in die Scheide zurückzustecken, bevor seine Toten gerächt seien und wo der gemeinsame Sieg der Ver⸗ bündeten gestatten werde, die Ruinen wieder aufzubauen und Frank⸗ reich in seiner Gesamtheit neu zu schaffen und es wirksam gegen die periodische Wiederkehr solcher Provokationen zu schützen. Mit dem Willen zum Siege habe auch Frankreich die Gewißheit, zu siegen. Die Feinde dürften sich nicht darüber täuschen. Nicht um einen unsicheren Frieden, nicht um einen unruhigen, flüchtigen Waffenstillstand zwischen einem abgekürzten Krieg und einem noch schrecklicheren Kriege zu unterzeichnen, nicht um kommenden neuen Angriffen und tödlichen Gefahren ausgesetzt zu bleiben, habe sich Frankreich bebend bei den wuchtigen Klängen der Marseillaise er⸗ hoben, der Endsieg werde der Preis für die moralische Kraft und Ausdauer sein. Redner forderte weiter auf, alle Kraft und Energie auf ein einziges Ziel zu richten, nämlich den Krieg, solange er auch dauern möge, bis zur endgültigen Niederlage des Feindes, bis zum Ende des Albdruckes fortzusetzen, den die deutsche Sucht nach Größe auf Europa lasten lasse. Poincaré schloß seine Ansprache, indem er sagte, schon erhelle der Tag des Ruhmes, den die Marfeillaise feiere, den Horizont, schon bereichere das Volk in einigen Monaten die Annalen Frankreichs um eine große Zahl wunderbarer Taten epischer Geschehnisse. Jene wunderbaren Volkstugenden erhöben sich nicht umsonst an allen Stellen Frankreichs.„Lassen wir sie ihr e Werk beenden, sie bahnen dem Siege der Gerechtigkeit den eg!“ (Rouget de Lisle, ein Royalist, dichtete die Marseillaise in der Nacht zum 26. April 1792 in Straßburg und wollte zum Krieg gegen Preußen und Oesterreich anfeuern.) 5 Ein Seegefecht vor Ostgotland? Wisby, 15. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Meldung des Ritzauschen Bureaus. Von Ljugarn auf Ostgotland wird an die Zeitung Gottländingen telephoniert, daß gestern von Ein⸗ bruch der Dunkelheit bis 2 Uhr nachts ein mächtiges Feuer⸗ meer gesehen wurde. Fischer, die sich nachts auf dem Meere aufhielten, berichten von einer heftigen Kanonade. Eruste Lage in Süd⸗Wales. T. U. Amsterdam, 15. Juli. Die ganze englische Presse hält die Lage im Kohlengebiet von Süd⸗Wales für sehr ge⸗ fährdet und scheint blutige Revolten zu erwarten, weil die Arbeiter auf dem Verlangen einer Lohnerhöhung bestehen oder in den Ausstand treten werden. Daily Mail sagt, die Regierung dürfe nicht nachgeben, denn die Erfahrung habe gezeigt, daß eine bewilligte Lohnerhöhung eine Schraube ohne Ende sein würde. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. 438 f Fischnahrung. „Eine Unterweisung in der Bereitung von Fischgerichten aus Klippfisch und K⸗Fisch, mit Abgabe von Kostproben, foll nochmals erteilt werden: Montag, den 19. Juli, 6 Uhr in der Aliceschule (Kostgeldso Pfg. Anmeldung am Samstag). Dienstag, den 20. Juli, 6 Uhr in der städtischen Schule am Oswaldsgarlen. (Teilnahme frei, Anmeldung am Samstag und Montag). Der Oberbürgermeister: Keller. a Der Vorsitzende des Aliceschul⸗Vereins: Fromme. als einen Sekundantendienst für Deutschland betrachten— Arbeitsvergebung. Die nachstehenden Arbeiten für die Unterhaltung städtischer Gebäude sollen Samstag, den 24. Juli d. J., vormittags 10 Uhr ösfentlich wergeben werden 2 Weißbinderarbeiten: Stadtknabenschule, Höhere Mädchenschule, Stadtmädchenschule Holtgeienteacbaube Schule in der Westanlage, Realgummasium, 2. Schreinerarbeiten: Realgymuasium.. 3. Liefern und Anbringen von Vorhängen: Stadtmädchenschule. Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen bei uns zur Ein⸗ sicht offen. n, der daselbst erhältlich, sind bis zum genannten Termin an Tage. Gießen, den 15. Juli 1915. Städtisches Hochbauamt. 05 8 Altvater. uns einzureichen.— Zuschlagsfrist 14 Vereins kalender. l Samstag, 17. Juli. 5 3 aden gsbach. floeten F Abends 9 uhr Versammlung. Alles erscheinen! 5 enn abbve seng Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im„Grünen Baum“. Montag, 19. Juli. Giezen. Wahlverein. lung im Gewerkschaftshause. Abends 9 Uhr Mitgliederversamm⸗ rasvahhersih Welzar-Ileniirelel. Sonntag, den 18. Juli, nachmittags 3 uhr, bei K. Schreier, Wetzlar, Lahnstraße Mitglieder⸗Versammlung. Mitgliedsbuch legitimiert. Zahlreicher Besuch erwünscht Der Vorstand. Praktischer Wegweiser Brauereien und Bler handlungen J. I. Ihring, Telephon 1 Blerbrauerei mit eigener Mälzerei Anerkannt vorzügliche helle und dunkle G. m. b. H. Mekzlar. vormals J. Luy Wetzlar 25 edlen erer Lesdatle e Lich [TUeorg Gut g derlach& Euler Brennmaterlalien Joh. 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