b olkozeit Organ für die Interessen des werktätigen Volkes fig der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete. Die Oberhessische Volkszeitung erscheint jeden Werktag Abend in Gießen. Der Abonnementspreis beträgt wöchentlich 15 Pfg., monatlich 60 Pfg. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährl. 1.80 Mk. Redaktion und Expedition Gießen, Bahnhofstraßse 23, Ecke Löwengasse. Telephon 2008. Juserate kosten die 6 mal gespalt. Kolonelzeile oder deren Raum 15 Pfg. Bei größeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bis abends 7 Uhr für die folgende Nummer in der Expedition aufgeben. Nr. 157 Gießen, Donnerstag, den 8. Juli 1915 10. Jahrgang Vom Mieltkrieg. Deutschland und Schweden. Die Beziehungen Schwedens zu Deutschland waren vor dem Kriege ausschließlich kommerzieller Art. Wir haben, wie bekannt, Rohstoffe, besonders Erze und Steine aus Schweden bezogen und industrielle Fabrikate dorthin abgegeben. Die verwandschaftlichen Beziehungen des schwedischen Königshauses zu dem badischen Hofe haben niemals besondere politische Wellen geschlagen. Während des Krieges haben sich die kommerziellen Beziehungen zwischen Schwe⸗ den und Deutschland außerordentlich verstärkt, was kein Geheimnis ist. Aber auch die politischen Beziehungen haben sich enger ge— knüpft, da ein alter Feind Schwedens zum Feinde Deutschlands wurde. Trotzdem hat Schweden auch gegenüber Rußland eine musterhafte Neutralität bewahrt und erst der völkerrechtswidrige Angriff russischer Flottenkräfte auf den„Albatros“ an der got⸗ ländischen Küste haben die schwedische Presse zu einer offenen Ab— wehr gegen Rußland veranlaßt. Außerdem haben natürlich große Parteien Schwedens und an— gesehene Politiker des Landes aus ihrer Sympathie für Deutsch— land kein Hehl gemacht und mehr oder weniger offen erklärt, daß jetzt die beste Gelegenheit für Schweden sei, seine alten Rechte zur Befreiung Finnlands vom russischen Joche geltend zu machen. Die Sozialdemokratie Schwedens und besonders die schwedi— schen Gewerkschaften haben von jeher zur deutschen Arbeiterbeweg— ung ein besonders enges Verhältnis gehabt und manche nützliche Anregung und mehr von uns bekommen. Die deutsche Partei und die deutschen Gewerkschaften haben dafür selbstverständlich niemals von der schwedischen Arbeiterbewegung eine besondere Gegenleistung verlangt, die über das gemeinsame proletarische Interesse hinaus⸗ ging. In diesen für Deutschland und besonders für seine Arbeiter⸗ bewegung so unendlich ernsten Zeiten hätte die deutsche Sozial⸗ demokratie nun aber von der schwedischen Bruderpartei wenigstens die gleiche und vollkommene Neutralität und Rück⸗ sicht erwarten dürfen, wie sie die schwedische Regierung gegenüber dem deutschen Reich vertritt. Die schwedischen Arbeiter in ihrer großen Masse haben in allen Kundgebungen diese wohlwollende Neutralität gegen uns gezeigt, ganz anders dagegen leider einer der Hauptführer der schwedischen Sozialdemokratie, der Genosse Branting. Er hat in seinem Blatte und mündlich bei seinen Reisen durch Deutschland aus seiner deutschfeindlichen Ge⸗ sinnung kein Hehl gemacht und den Gegnern Deutschlands und der deutschen Arbeiterbewegung schon reichlich Material geliefert, daß sie mit besonderem Vergnügen gegen uns verwenden. In diesen Tagen hat er sich wieder einmal von einem russischen Pariser interviewen und das Interview in einem der schamlosesten franzö⸗ sischen Hetzblätter veröffentlichen lassen. In dieser Unterredung er— klärt er nicht mehr und nicht weniger, als daß Deutschlands Sieg die Gefahr enthalte, Schweden zu einem Vasallenstaate Preußens zu machen und daß alle Sozialdemokraten eine An⸗ näherung an England anstreben müßten und im Herzen auf der Seite Frankreichs stünden, das das Land des Friedens ohne gleichen sei. Es lohnt sich natürlich nicht, mit dem Genossen Branting über diese Wahnideen zu diskutieren. Aber er wird mit Recht daran er⸗ innert, daß er noch vor einem Jahr bei der Beratung der großen schwedischen Militärvorlage ganz andere Auffassungen gehabt habe. Er hat damals in der Tat nur in Ruß land eine Gefahr für die schwedische Selbständigkeit gesehen und ausschließlich wegen der russischen Gefahr alle Mittel für die schwedischen Militärvorlagen bewilligt. Wenn er jetzt sogar für sein Land in dem Pariser Interview von Rußland die größten Vorteile erwartet, so ist das ein so betrüblicher Mangel an geschichtlicher und politischer Einsicht, wie wir ihn bei einem Manne von der europäischen Bildung Brantings uicht erwartet hätten und wie ihn bei diesem wie bei andern ähnlichen„Neutralen“ eben nur der blinde Haß gegen Deutschland erklärt. Das deutsche Volk und in diesem besonderen Falle die deutsche Sozialdemokratie, werden die Ausfälle Brantings indessen mit kühler Ruhe aufnehmen und in dem Bewußtsein ihrer gerechten Sache ohne Zorn und Haß ertragen. * Unzufriedenheit mit England allerwärts. Unter dieser Ueberschrift schreiben die Neuen Zürcher Nachrichten vom 1. Juli: Wenn es noch einige Wochen o weiter geht, ist nicht mehr das vom Vierverband auf uner⸗ hörte Weise verleumdete und verlästerte Deutsche Reich die unpopulärste Macht auf dem Erdball, sondern— England; jenes durch die Macht der Lüge, dieses durch seine Taten. Bei den Neutralen macht sich ein zusehends stärkerer Stim— mungsumschwung geltend. Holland und Norwegen seufzen über den englischen Hochdruck. In Schweden und Dänemark steigert die Entrüstung sich von Tag zu Tag. In Spanien ist man empört über die englischen Umtriebe in Portugal. Selbst in den Vereinigten Staaten fallen Binden von den Augen und man fängt an, zu erkennen, wo der eigentlich Schuldige an dem ist, was für die amerikanische Landwirt schaft und den dortigen Handel so schwer zu ertragen ist. Von der Schweiz wollen wir nicht reden; hier besorgt Sir Franeis Oppenheimer die Popularität der derzeitigen Politik seines Landes in nicht zu übertreffender Weise mit Plänen, die der Teufel holen soll. Nicht viel besser als bei den Neutralen ist die Stim— mung bei den Verbündeten selber. Rußland ist verärgert wegen der Dardanellenpolitik der Engländer und wegen ihrer immer schärfer einsetzenden Kritik an den russischen Kriegsleistungen. Italien ist enttäuscht, weil die englischen Goldadern sich bei weitem nicht im biter notwendigen Maße öffnen. In Japan ist man böse, weil angeblich England die Japaner um die erhoffte Vollernte in China brachte. Bel⸗ gien, das arme, so grenzenlos irregeführte Belgien, ist eng⸗ landmüde, und in Frankreich ist man englandsatt, satt davon bis an den Hals und Mund. Wer von Schweizern in der letzten Zeit von Westen kam, wußte zu erzählen, daß man in Paris bald mehr über die Engländer räsonnieren höre, als über die Deutschen. Ein kürzlich aus der französischen Haupt⸗ stadt zurückgekehrter Schweizer Kaufmann berichtete uns vom Unmut der Pariser darüber, daß sie so viele englische Offiziere sich in den Pariser Cafés gütlich tun sehen, und er will wiederholt mit eigenen Ohren gehört haben, wie man solchen öffentlich zurief:„Geht an die Front; dort ist euer Platz.“ Und wie bei den Neutralen und Verbündeten, so steht es nach und nach in den englischen Kolonien. In Indien und Aegypten gärt es schon lange. Nach dem ersten mußten Kopf über Hals Truppen geleitet werden, um einen allge— meinen Aufruhr zu verhüten. Nun kommen aber auch aus Australien Meldungen, welche darauf schließen lassen, daß dort eine Unterströmung an Einfluß gewinnt, die sich gegen die Londoner Politik wendet. Umsonst hat der Lordmayor von Melbourne seine geliebten Mitglieder vorgestern nicht beschworen, einig zu bleiben. In England wird man noch immer nicht müde, die Welt mit Gratisbroschüren aller Art zu überschwemmen, welche die Verworfenheit der Zentralmächte und die wahre Libe⸗ ralität der englischen Politik beweisen sollen. Man verkennt jenseits des Kanals, daß diese Welt in elf furchtbaren Mo— naten überreich Gelegenheit hatte, das eine wie das andere an der Hand der Ereignisse zu kontrollieren. Das Bilanz⸗ ergebnis ist, daß England im Begriffe steht, Gegenstand einer weltumfassenden Unbeliebtheit zu werden, wobei Deutschlands große Mission immer mehr gewürdigt wird, den Erdball von der unerträglichen Vogtherrschaft zu be⸗ freien, die die jetzigen Machthaber in London für England usurpieren. Italienische Verstimmungen. Nach einem Bericht des Avanti vom 30. Juni tadeln alle italienischen Blätter scharf das Vorgehen der serbischen und montenegrinischen Truppen in Albanien. Insbesondere be— merkt Giornale d'Italia: Gründe des politischen Taktes sollten das Heer des Generals Wukowitsch von einer förm— lichen Besetzung der Stadt abhalten, zumal nach der freund⸗ schaftlichen Aufnahme durch die Bevölkerung und nach der freiwilligen Auslieferung der Waffen. Mit der Besetzung Skutaris handelten die Montenegriner im Gegensatz zu den Wünschen und Ratschlägen, die die italienische Regierung wiederholt ausgedrückt hat. „Unsere serbischen und montenegrinischen Nachbarn werden dieses Besitzergreifen nicht als einfache Polizeimaß⸗ nahme ausgeben wollen. Um die Grenze von Räubern zu säubern, braucht man nicht bis Elbassan und Skutari in das Herz Albaniens einzudringen.“ Unter der Ueberschrift„Frage und Antwort“ bringt Avanti in derselben Nummer die Zuschrift eines Lesers, der fragt, wie es zu erklären ist, daß Serbien den Drang, gegen Albanien statt gegen Oesterreich zu marschieren, gerade in dem Augenblick fühlt, in welchem wir Oesterreich zum Vorteil eben desselben Serbiens angreifen. „Leser, Du bist sehr neugierig“— antwortet Avanti— „und in der jetzigen Zeit ist Neugierde ein recht überflüssiges und recht unpatriotisches Gefühl. Also... ganz still!“ Die Kriegsfürsorge im sächsischen Landtage. In der Zweiten Kammer des sächsischen Landtags wurde ein Antrag der sozialdemokratischen Fraktion verhandelt, der in Rücksicht auf die herrschende Teuerung eine Verbesserung der Kriegsfürsorge, bezw. eine Erhöhung der Unterstützung der Kriegerfamilien verlangt. Genosse Müller-Zwickau begründete den Antrag, wobei er an den zurzeit bestehenden Verhältnissen scharfe Kritik übte. Unwille be⸗ stehe besonders über die große Verschiedenheit, mit der von den ein⸗ zelnen Unterstützungsverbänden die in Betracht kommenden Bestim⸗ mungen und Verordnungen angewendet werden. Die absolute Selbst— ständigkeit der Verbände erweise sich hier als ein starker Nachteil. Ganz unverständig sei die Art, wie in einigen Fällen die Frauen ohne Rücksicht auf die Verhältnisse in der Familie angehalten wor⸗ den seien, sich Mittel durch Lohnarbeit zu verschaffen und den Lebens⸗ unterhalt noch mehr einzuschränken. Das widerspreche dem Sinne der Anweisungen der Regierung. Vielfach hat man auch die Ver— treter der Arbeiter von der Mitwirkung in den Ausschüssen absicht⸗ lich ausgeschlossen. Anträge nach der Richtung wurden mit der Be— gründung abgelehnt, es sei„kein Bedürfnis“ für Mitwirkung von Arbeitern vorhanden. Den Kriegerfrauen werden auch noch, Steuer⸗ zettel ins Haus geschickt und rückständige Steuern würden sogar noch von der Familienunterstützung abgezogen. Das ist direkt ungesetz⸗ lich. Redner wendet sich auch dagegen, daß vielfach die Unterstützung um die Beträge gekürzt werde, die die Familien etwa von den Unter⸗ nehmern erhalten, bei denen der Kriegsteilnchmer in Arbeft stand: auch wenn diese Beträge nur gering find. Bemerkenswert sei auch, wie der Wohltätigkeitssinn der Besitzenden mit der Dauer des Kri abnehme. Vielfach seien auch die Gemeinden in einer so ungün⸗ stigen finanziellen Lage, daß es ihnen beim besten Willen nicht mög⸗ lich ist, ihre Unterstützungspflicht in der erforderlichen Weise zu er⸗ füllen. Eingreifen des Staates in solchen Fällen sei dringend ge⸗ boten. Das ganze Unterstützungswesen müsse einheitlicher ge ö und dem Belieben der einzelnen Verbände entzogen werden. Red⸗ ner belegte seine Ausführungen durch Mitteilung tatsächlicher Vor⸗ kommnisse und vieler Einzelfälle. Der Vertreter der Regierung wies auf die von ihr getroffenen Anordnungen hin und betonte, daß die Körperschaften und Behörden, die für die Ausführung in Betracht kommen, strenge Anweisung hätten, die Vorschriften auch zu befolgen. Einzelne an die Regierung gerichtete Beschwerden seien eingehend geprüft und in den Fällen, in welchen sie begründet waren, sei auf Abhilfe gedrun⸗ gen worden. Im allgemeinen hätten aber die in Betracht kommen⸗ den Instanzen ihre volle Pflicht getan. Im übrigen würde in der Kommission eingehend über den Antrag zu verhandeln sein. Der nationalliberale Redner bedauerte zwar die Ein⸗ bringung des Antrages; da er aber nun einmal vorliege, sti ö seine Fraktion den Ansichten des Antrages zu. Von Jammer Elend solle man schon wegen des Auslandes nicht sprechen. Regierung habe ihre Pflicht durchaus getan. Der Antrag fei immerhin geeignet, denen, die es angeht, das Gewissen zu schärfen. In der weiteren Debatte brachte Genosse Linke noch weiteres Material zur Begründung des Antrages vor, wobei ihn der Präsi⸗ dent ersuchte, doch nicht so viele Einzelheiten zu erörtern.— Der age 4 8 Redner 3 daß in e dose Hreite ichste für die Kriegersamflien geleistet werde. Is 300 Franzosen dankbar daffr ein, was bieher gekelstef worten als 300 Franssse demokratische Fraktion sei leider auch in dieser Zeit Ide geblieben, mit aller Schärfe zu kritisieren und anzugreif ee ster walde von sozialdemokratischer Seite: Wir tun unsere Pflicht. Wir zeengriff. uns das Maß der Kritik nicht vorschreiben!)— Ein national liberaler Redner betonte demgegenüber, daß es nicht angehe, auf alle Kritik zu verzichten. Gerade die Leute im Felde draußen müßten erfahren, daß ihre und ihrer Angehörigen Interessen von berufener Seite wahrgenommen würden.— Nach etwa zweieinhasb⸗ stündiger Debatte wurde der Antrag der Kommission III über⸗ wiesen. Die Alldeutschen und der Unterseebootskrieg. Die Alldeutschen sind wieder einmal in große Erregung versetzt worden, und zwar durch einen Artikel des Admi⸗ rals z. D. v. Truppel im roten Tag. Der Artikel gipfelt in der Frage, ob wir mit dem„U-Boots⸗Krieg“ überhaupt Eng⸗ land auf die Knie zwingen können oder nicht. Die Berliner Neuest. Nachr. und mit ihnen in ähnlicher Weise die Tägl. Rundschau antworten:„Diese Frage derart aufwerfen, heißt sie verneinen. Diese Verneinung aber im jetzigen Augen⸗ blicke u. E. der denkbar schlechteste Dienst, welcher dem Vaterlande und der Regierung angesichts der bevorstehenden deutschen Antwort auf Herrn Wilsons„Lusitania⸗Note“ ge⸗ leistet werden konnte. Der Stand der Dinge ist für uns gegenwärtig ohne jeden Zweifel recht aussichtsvoll. Hätte Admiral v. Truppel mit seiner„Frage“ 14 Tage gewartet, so hätte sie als eine Betrachtung ex post unbedenklich pas⸗ sieren können. Jetzt ist zu gewärtigen, daß sich die Diplo⸗ matie des Weißen Hauses der„Argumente“ eines ange⸗ sehenen deutschen Seeoffiziers bedient, um der deutschen Re⸗ gierung das erwartete Entgegenkommen zu weigern. Ge⸗ wisse Umstände sprechen dafür, daß die Vereinigten Staaten im Begriff sind, in Sachen„Lusitania“ und Unterwasser⸗ krieg einzusehen...“ Das alldeutsche Blatt kanzelt den roten Tag und den Berl. Lokalanzeiger wegen dieses Artikels gehörig ab. Es schreibt:„Diese Haltung hat in der gebildeten Oeffentlichkeit besonders auch deshalb Befremden erregt, weil die genannten beiden Blätter vielfach als halbamtliche Organe gelten, sodaß die Regierung Gefahr läuft, für die im Tag und im Berl. Lok.⸗Anz. vorgetragenen Sonderlichkeiten zum Schaden der nationalen Interessen in Anspruch genommen zu werden.“ Die Alldeutschen zitieren die der Regierung nahestehen⸗ den Blätter, die Regierung selbst aber wollen sie offenbar damit treffen. „Was wir in der Russeunot 1914 erlebten“. Unter diesem Titel ist in Ostpreußen ein Buch erschienen, das ein Königsberger Dompfarrer herausgegeben hat, und in dem sieb⸗ zehn ostpreußische Geistliche ihre Erlebnisse während des Russenein⸗ falls in Ostpreußen schildern. Die Angaben der Schrift sind zum Teil recht wertvoll, da die Pfarrer meist nur das wiedergeben, was sie selbst gesehen und durchgemacht haben. Wir erfahren hier auch die Ursachen einer Reihe Greueltaten, und die Geistlichen erzählen von den Russen wohl viel schreckliche Dinge, aber auch Episoden, in denen sie sehr menschlich mit den Bewohnern verfahren sind. Ja, in einzelnen Fällen sind die Urteile hoher Vorgesetzten von den Unterführern nicht ausgeführt worden, weil sie ihnen selbst zu grau⸗ sam waren. —— —— 3 8 Her, der übrigens nicht Holt sondern Mincher heißt, Ernste Verstimmung im Vierverband. W. B. Berlin, 7. Juli.(Priv.⸗Tel.) Nach einer Kon⸗ stantinopeler Meldung der Neuen Freien Presse heißt es über die Verstimmung innerhalb des Vierverbandes: Der Zar hat seinen Flügeladjutanten, General Sadansky, nach Paris geschickt, um die Franzosen zu einer energischeren Aktion auf der Westfront zu veranlassen. Schwer enttäuscht ist man auch in Petersburg über den Eindruck, den das Auf⸗ treten Italiens auf dem Balkan hervorgerufen hat. Der Zankapfel des Vierverbandes. T. U. Scheveningen, 7. Juli. In der albanischen Frage schlossen sich bisher nur Frankreich und England der italieni⸗ schen Aktion gegen Serbien und Montenegro an, wogegen Rußland seine Mitwirkung versagte. Es geht hieraus her⸗ vor, daß die albanische Frage der Zankapfel des Vierver⸗ bandes bleibt. Aufdeckung einer Verschwörung in Rußland. T. U. Sofia, 7. Juli. Aus Petersburg wird gemeldet: Der Gehilfe des Ministers des Innern, General Dskunkowski, habe sich an die Spitze einer besonderen Kommission in die Bezirke Charkow und Odessa begeben, aus denen beunruhigende Berichte vorliegen. Der Kommandant von Moskau hat dem Minister des Innern Be⸗ richt erstattet, 220 Studenten wurden bei einer Geheimversamm⸗ lung von der Geheimpolizei dabei überrascht, wie sie revolutionäre Aufrufe gegen den Zaren, den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch und gegen den Krieg vorbereiteten. Ferner wurden bei ihnen Papiere gefunden, aus denen hervorgeht, daß in Petersburg und Charkow Zweigorganisationen der neuen Moskauer revolutionären Vereinigung bestehen und in Petersburg und in Moskau Unruhen ins Werk gesetzt werden sollten. Die Ermordung des Stadtkom⸗ 1 von Moskau und des Moskauer Bürgermeisters waren geplant. Weiter wurden durch das Los 10 Studenten bestimmt, die nach Petersburg abgereist sind, um Attentate auf hochstehende Persönlich⸗ keiten zu verüben. Man glaubt Beweise dafür zu haben, daß die Verschwörer in Offiziersuniformen Moskau verlassen haben. Ihr Ziel ist, ins Hauptquartier einzudringen, um zu dem Großfürsten Nikolajewitsch hin zu gelangen.(Berl. Morgenp.) Die Anleihenot Italiens. Lugano, 7. Juli. Luzatti erläßt in den Blättern einen verzweifelten Aufruf zur Zeichnung der Anleihe gegen An⸗ drohung von Zwangsmaßnahmen bei einem ungünstigen Er⸗ gebnis. Die Angst vor dem endgültigen Ergebnis steigert sich. Inzwischen überwiesen die italienischen Notenbanken auf Befehl der Regierung dem Staatsschatz weitere 200 Mil⸗ lionen Lire Vorschuß. Der Protest der schwedischen Regierung. Kopenhagen, 7. Juli. Auf den Protest des schwedischen Gesandten in Petersburg, wonach bei dem Seekampf vor Gotland am 2. Juli ein russisches Geschoß über die schwedische Insel Oestergarn hinwegging und 200 Meter vor der Küste ins Wasser fiel, sprach die russische Regierung ihr tiefes Be⸗ dauern aus. Sie führte den Schuß auf einen unglücklichen Zufall zurück, der von niemanden beabsichtigt, jedoch durch unsichtiges Wetter und künstliche Rauchentwicklung des deut⸗ schen Torpedojägers begünstigt worden sei. Im übrigen en könne das Geschoß ebenso von deutscher wie von russischer xi rühren. Attentäter Holt geisteskrank. vk, 7. Juli.(Privat⸗Tel.) Die Geisteskrankheit „Asks auf Morgan ist nunmehr einwandfrei festgestellt. infolgedessen abgebrochen. Der Atten⸗ hatte in seinem Anzuge verschiedene Briefe an hohe Persönlichkeiten, so unter anderen an Kaiser Wilhelm und an den König von England, in denen er Vorschläge für einen Friedensschluß machte. Kriegstagungdes Deutschen Metallarbeiterverbandes l. Berlin, 3. Juli. (Sechster Verhandlungstag.) Für die Statutenberatungskommission gab heute Philipp⸗ Breslau den Schlußbericht. Die Kommission schlägt vor, die Be⸗ stimmungen über die Beiträge folgendermaßen festzulegen: Klasse 1: Für männliche Mitglieder mit einem Wochenverdienst von 5 mehr als 24 Marke 70 Pfg. Klasse II: Mit einem Wochenverdienst bis 24 Mark. 50 Pfg. Klasse III: Für weibliche Mitglieder, Lehrlinge und jugendliche Ar⸗ : beiter bis zum vollendeten 18. Lebensjahre. 30 Pfg. Der Uebertritt von männlichen Mitgliedern von Klasse 1 in Klasse II bann nur dann erfolgen, wenn dauernder Minderver⸗ dienst des Mitglieds dies e Für diese Mitglieder treten die Unterstützungssätze für Klasse II sofort in Kraft. Männlichen . 70 1 uererhandlung wurde Mitgliedern, die weniger wie 24 Mark verdienen, steyt es lederzeit frei, in die 1. Klasse überzutreten. Jedoch muß dieser Uebertritt vor dem vollendeten 50. Lebensjahr geschehen. Solche in eine höhere Klasse übertretende Mitglieder beziehen in den ersten 52 Wochen ihrer Zugehörigkeit zur höheren Klasse die Unterstützungssätze, die sie sich in der bisherigen Klasse erworben haben oder in Anrechnung kämen. Dasselbe gilt von den männlichen Mitgliedern, die von Klasse III in Klasse II übertreten. In die Klasse II können auch weibliche Mitglieder ein⸗ oder übertreten. Die Entscheidung hier⸗ über fällt die zuständige Ortsverwaltung. Ueber die Festsetzung der Verdienstgrenze entspann sich nochmals eine längere Auseinandersetzung. Mehrere Redner wünschen die Grenze für die II. Beitragsklasse auf 27 Mark anstatk auf 24 Mark festzusetzen. Die große Mehrheit des Verbandstags hielt aber an der schon gestern beschlossenen Verdienstgrenze von 24 Mark fest und lehnte weitergehende Anträge ab. Die Vorschläge der Kommission wurden mit großer Mehrheit angenommen. Bei der Festsetzung der Unterstützungssätze hat sich die Statuten⸗ beratungskommission im wesentlichen den Vorschlägen der Staffel⸗ kommission angeschlossen. Die Unterstützungssätze in der I. und III. Klasse bleiben wie bisher. Die Sätze für die neugeschaffene II. Klasse(50 Pfg.⸗Beitrag) entsprechen prozentual den der I. und III. Klasse. Den Bestimmungen über die Krankenunterstützung wurde hinzugefügt, daß Mitglieder, denen der Bezug des Krankengeldes durch Statut von Krankenkassen bei Doppelversicherungen gekürzt wird, aus der Verbandskasse nur für soviel Unterstützungstage aus⸗ bezahlt erhalten, bis die Höhe des im Statut der Krankenkasse fest⸗ gelegten Krankengeldbezugs erreicht ist. Das Sterbegeld beträgt für die II. Klasse genau soviel wie für die I. und III. Klasse. Zu den Bestimmugnen des Statuts über das Verbandsorgan lag ein Antrag Leipzig vor, eine Preßkommission einzu⸗ setzen. Redakteur Scherm⸗Stuttgart wendete sich gegen diesen Antrag. Was die Antragsteller wollten, bedeutet nichts anderes, wie eine Präventivzensur. Severing⸗Bielefeld und der Ausschuß⸗ vorsitzende Weißig ⸗ Frankfurt a. M. sprachen ebenfalls gegen den Antrag. Es wurde darauf hingewiesen, daß der Vorstand(die jetzige Beschwerdeinstanz) die Behandlung innever Parteistreitigkeiten im Verbandsorgan auch nicht wünsche. Daraufhin zogen die Leipziger Delegierten ihren Antrag zurück. Ein gleichlautender Antrag Pries fand einstimmige Ablehnung. Eine andere Zusammensetzung des Beirats verlangt ein weiterer Antrag Leipzig. Den Beirat bilden bisher die besoldeten Vorstands⸗ mitglieder, je ein Vertreter der Redaktion und des Ausschusses und die Bezirksleiter. Der Antrag Leipzig verlangt nun, daß außer je einem Bezirksleiter der 11 Bezirke je ein weiterer Vertreter der Bezirke der von den Generalversammlungsdelegierten der Bezirke mittels geheimer Abstimmung durch absolute Mehrheit auf die Dauer bis zur nächsten ordentlichen Generalversammlung gewählt wird, dem Beirat angehöre. Das Vorstandsmitglied Reichel und an⸗ dere Redner sprachen gegen den Antrag. Es liege kein Bedürfnis für die Verwirklichung dieses Antrages vor. Selbstverständlich sei, daß der Vorstand und Beirat bei großen Bewegungen mit den Kol⸗ legen am Orte in unmittelbarer und ständiger Fühlung zu bleiben versuche. Andere Delegierte traten für den Leipziger Antrag ein. Er wurde aber gegen wenige Stimmen abgelehnt. Für die Entschädigung der Ortsverwaltung und sonstige örtliche Zwecke stehen den Ortsverwaltungen aus dem 50⸗Pfg.⸗Beitrag 10 Pfennige zu. Das so geänderte Statut wurde hierauf einstimmig en bloc angenommen. Es tritt mit den Staffelbeiträgen, also spätestens am 1. Juli 1916, wahrscheinlich aber schon am 1. Januar 1916 in Kraft. Bei der Wahl des Vorstandes, der Redaktion und des Aus schusses wurde von einem Hamburger Delegierten gegen die sonst übliche en bloc-Wahl Widerspruch erhoben. Es mußte darum Abstimmung per Stimmzettel erfolgen. Diese hatte folgendes Ergebnis: Abgegeben wurden 146 Stimmzettel, von denen 6 weiß waren. Wiedergewählt wurden Schlicke als 1. Vorsitzender mit 138 Stim⸗ men, Reichel als 2. Vorsitzender mit 137, Werner als Kassierer mit 139, Redakteur Scherm mit 133, Redakteur Quist mit 114, Ausschußvorsitzender Weißig ⸗ Frankfurt a. M. mit 137 und dessen Stellvertreter Siegel- Frankfurt a. M. mit 136 Stimmen. Als Sekretär wurde in den Vorstand neugewählt mit 132 Stimmen Gauleiter Zernecke⸗- Berlin. Am Schlusse der Tagung begründete Kurth⸗ München eine Resolution gegen die Reverspolitik der bayerischen Regierung, der der Verbandstag einstimmig zustimmte. In dieser Entschließung protestiert die Generalversammlung gegen die fortdauernde aus⸗ nahmerechtliche Behandlung der Mitglieder des Deutschen Metallar⸗ beiterverbandes in den Betrieben der bayerischen Verkehrsverwal⸗ tung. Zur Erfüllung der sozialen Aufgaben unserer Zeit sei die vollste Gleichberechtigung aller Staatsbürger erforderlich. In An⸗ sehung dieser Tatsachen fordert daher die Generalversammlung die Aufhebung des Reverses. Damit waren die Arbeiten der Generalversammlung, deren Be⸗ ratungen anders gekommen sind, wie sie geplant waren, erledigt. Verbandsvorsitzender Schlicke betonte in seiner Schlußrede, die Generalversammlung habe bekundet, daß wir nicht nur im eigenen Vaterland die Organisation aufrecht erhalten, auf organisatorischem und wirtschaftlichen Gebiet durchhalten wollen, sondern uns auch be⸗ mühen, in der internationalen Familie zu den Besten zu gehören. Möge der unselige Krieg bald beendet werden, daß wir die Friedens⸗ arbeit wieder beginnen können!(Lebhafter Beifall.) Die nächste Generalversammlung tagt 1917 in Köln. — 2— Hessen und Nachbargebiete. Gießen und umgebung ⸗ So wird's gemacht! Wie die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben werden, zeigt das Beispiel des Viktualienhändlers Jugenheimer don Frankenthal. Dieser Herr ließ am vergangenen Dienstag in Gerolsheim durch die Ortsschelle bekannt geben, daß er Ab⸗ nehmer von Frühkartoffeln ist, das Malter zu 20 Mk. Selbst⸗ verständlich sind andere Händler nun gezwungen, denselben Preis zu bezahlen und, trotzdem 20 Mk. der festgesetzte Höchst⸗ preis ist, am Ende noch zu überbieten. Oder rechnet Herr Jugenheimer damit, daß er jetzt das Geschäftche allein machen kann? Unter diesen Umständen ist es ausgeschlossen, daß ein Familienvater, welcher vielleicht einen Zentner Kartoffeln erwerben will, diese aus erster Hand beziehen kann. Denn selbstverständlich verkauft ein Bauer nicht zentnerweise, wenn er seine Kartoffeln fuhrenweise zu einem derartig hohen Preise absetzen kann. Auf jeden Fall will der Herr bezwecken, daß alle Kartoffeln, die konsumiert werden, erst den Weg durch die Hand der Händler nehmen müssen. Wie teuer werden sie erst werden, wenn im Einkauf 20 Mk. für das Malter bezahlt werden? Es genügt nicht, daß die Stadtverwaltungen ein⸗ greifen, indem sie Kartoffeln aufkaufen und zum Selbstkosten⸗ preis abgeben, damit das konsumierende Publikum den Händ⸗ lern nicht auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist. Diesen Preistreibereien muß von Reichswegen ein Riegel vorge schoben werden. Die arbeitende Bevölkerung ohne Unter schied leidet schwer unter der Teuerung. Wohl sind in ver schiedenen Betrieben die Löhne gestiegen, aber lange nicht in dem Maße, wie die Preise für die notwendigsten Lebensmittel. Die Einschränkung der Brotrationen zwingt zum Kartoffel- konsum; es muß daher alles aufgeboten werden, um den Händ⸗ lern die neue Kartoffelernte als Spekulationsobjekt zu ent⸗ ziehen! Am schlimmsten werden durch die Teuerung die werk, tätige Bevölkerung, sowie die kleinen Angestellten und Be⸗ amten betroffen. Die Gehälter, die in normalen Zeiten ge⸗ rade ausreichen, sind fixiert und eine Eingabe um Teuerungs⸗ zulage ist nicht immer von Erfolg. Umsomehr hätten die Be⸗ hörden, die eine größere Zahl minderbezahlter Beamter ustwd. beschäftigen, die Pflicht, dafür zu sorgen, daß derarti Massenkonsumartikel wie Kartoffeln nicht jetzt schon, ehe mi der neuen Ernte begonnen wird, im Preis ins Unerschwing⸗ liche getrieben wird. Die Metzger und die Fleischnot. Der Bezirksverein„Beide Hessen und Nassau des Deutschen Fleischerverbandes(Unternebmer)“ hat zur Frage der Vieh⸗ und Fleischnot an das Reichsamt des Innern eine Eingabe gerichtet, in der es u. a. heißt:- „Die Lage des Viehmarktes und im Zusammenhang damit die Frage der Versorgung der Bevölkerung mit Fleischnahrung haben eine Gestalt angenommen, daß das Metzgergewerbe alle Ver⸗ anlassung hat, hierzu in der Oeffentlichkeit Stellung zu nehmen. Gleich anderen, dem Deutschen Fleischer⸗Verbande angehörenden Bezirksvereinen hat auch der Bezirksverein„Beide Hessen und Nassau“ eingehende Verhandlungen über die Ursache der Vieh⸗ und Fleischteuerung, über ihre Wirkung und über die Möglichkeit einer etwaigen Besserung der Verhältnisse gepflogen. Nach einstimmiger Ansicht der Versammlung war es neoen den massenhaften Ankäufen der Heeresverwaltung zu unbeschränkten Preisen, insbesondere die angeordnete Zwangsabschlachtung der Schweine und die zu gleicher Zeit den Städten auferlegte Verpflicht⸗ ung, Dauerware aufzustapeln, die die Vieh⸗ und Fleischpreise auf eine früher nie gekannte Höhe getrieben haben. Es ist gewiß als oberster Grundsatz anzuerkennen, daß das Heer in seiner Verköstigung sicher gestellt wird und daß die im Felde stehenden Truppen hauptsächlich Fleischnahrung erhalten müssen, um die gewaltigen Strapazen aushalten zu können. Die Lieferungen für das Heer wurden aber in der ersten Zeit zu ungeheueren Auf⸗ schlägen vergeben, das Vieh durch dritte und vierte Hand angekauft und dabei Preise angelegt, die bis ins Schwindelhafte gingen. Besserung ist keineswegs eingetreten; denn jetzt noch kaufen die Be⸗ auftragten der Heeresverwaltung auf dem flachen Lande und auf den Viehmärkten, ohne an Preise gebunden zu sein. Daß hierdur die Preise für das gesamte zum Verkauf kommende Schlachtvieh all⸗ gemein in die Höhe getrieben wurden, bedarf keines besonderen Hinweises. Schwerwiegender noch war die wegen angeblichen JFutter⸗ mangels angeordnete Zwangsabschlachtung von Schweinen zur Herstellung von Dauerware durch die Stadtverwaltungen. Der alt- rr r Diethelm von Buchenberg. Erzählung von Bertold Auerbach. 17 Diethelm schwieg während der weitläufigen Erzählung bon dem Brande und dem Neubau. Er hörte mißtrauisch die ganze Darlegung von der Anklage auf Brandstiftung und der vollkommenen Freisprechung von derselben, und so heiter er in das Wirtshaus eingetreten war, ebenso mißmutig ver— ließ er dasselbe: der Mann und alle seine Habe, alle die Tische, Stühle, Türen erschienen ihm so verbrecherisch, das ganze Haus so unheimlich, als spräche aus jedem Steine und Balken das Verbrechen, das es gegründet haben sollte. Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wollte, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte. Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad. und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen. Da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf. Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuße. Die zerbrochene Deichsel wurde zusam— mengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der Tat seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staub— bedeckte Pferd gelehnt, sagte er mit zitternder Stimme: „Fränz, ich tät sterben, ich tät' mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Not käm'; wenn ich laufen müßte! und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein, ich geh' knie⸗ tief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich so weit 'runterkäme— nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich niemand mehr was schenken könnt'— lieber möcht' ich gestorben sein.“ Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermut nur eine Folge des Schreckens. In Untertail—⸗ fingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diet— helm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirtshaus festigte fast ebenso das geknickte Ge— müt Diethelms, ja, er fühlte sich so frisch gestimmt, als ginge es zu einer besonderen Festlichkeit, und in seltsamer Laune schickte er nach dem Bader und ließ sich von ihm mitten in der Woche die Bartstoppeln abnehmen. 1 Mit aufsehenerregendem Wagengerassel fuhr Diethelm in Buchenberg ein; aber es schaute niemand nach ihm denn eben läutete die große Glocke, die sogenannte alte Kakhrein, die nur bei Sterbefällen und in Feuersgefahr allein ange— zogen wurde. Diethelm fühlte, wie dieser Klang ihm den Atem stellte. Wär's möglich, daß seine Frau sich ein Leid angetan? Er mußte die Leute auf der Straße für die arme Seele beten lassen und konnte nicht fragen. „Wer ist gestorben?“ fragte er, beim Wirtshaus Zum Waldhorn anhaltend, und erhielt zur Antwort, daß man dem alten Küfermichel zum Verscheiden läute. Diethelm knallte mit der Peitsche. Es war nicht der Mühe wert, um den alten Mann so viel Aufhebens zu machen. Heiteren Sinnes fuhr er das Dorf hinaus nach seinem Gehöft. Im hellen Mittagsglanz lagen Haus und Scheuer und Ställe stattlich da. Das Haus, mit der Giebelseite nach der Straße gekehrt, von den Grundmauern bis zum Dache um und um mit grau gewordenen Schindeln vertäfelt, die als Wetterpanzer dienten, öffnete jetzt sozusagen seinen Mund und erhielt große Brocken; denn in dem Vorbau am Dache standen zwei Männer und zogen an der Radwinde die Wollballen herein, die von unten heraufgeschrotet wurden. Aus dem Schornstein stieg kein mittäglicher Rauch auf, und es war nun doppelt gut, daß in der Kalten Herberge vorge— sorgt war. Während er den kleinen Hügel hinanfuhr, über⸗ legte Diethelm, wie er dem keifenden Wesen der Frau be⸗ gegnen solle, und er blieb schließlich dabei, daß er zu allem lächeln und geheimnisvoll tun müsse, als ob er einen großen Gewinn in der Tasche und einen noch größeren in Aussicht habe. Als er anhielt und abstieg, ließ sich niemand sehen, Diethelm führte selbst die Pferde in den Stall und schickte durch Fränz das Manteltuch der Mutter; dann ging er an der Stubentür vorbei, drin er laut weinen hörte, hinauf au, den Speicher, und als er hier mit Medard zankte, weil et die verschiedenen Sorten untereinander gelegt, erwiderte dieser trotzig, das ganze Geschäft sei eigentlich nicht seine Sache, er sei Schäfer und nicht Kaufmannsdiener. Zu jeder anderen Zeit hätte Diethelm auf solche trotzige Art tapfer ausgeschirrt, heute aber brummte er nur vor sich hin:„Wart' nur, krummer Spitzbub!“, und sprach kein lautes Wort. Er wollte es vor allem vermeiden, vor den vielen ein- und aus⸗ gehenden Fremden im Hause irgend Zank laut werden zu lassen; denn es konnte dabei manches zutage kommen, was besser verborgen blieb; auch wußte er, wie große Stücke seine Frau auf den Schäfer und dessen ganze Sippschaft hielt. Als er wieder die Stiege herabkam, stand die Frau am Herde und zündete ein Feuer an. Er reichte ihr die Hand und fragte:„Warum hast du denn bis jetzt kein Feuer an⸗ gemacht?“ „Ich hab' warten wollen, bis du's selber anzündest,“ er· widerte die Frau in schmollendem Tone g (Fortsetzung folgt.] — —— 1 bewährte laufmännische Grundsatz, daß bei, steigendem Angebot die Preise zurückgehen, wurde in das Gegenteil umgekehrt, edse Absich“ des Landwirtschaftsministers„den Landwirten bei der Abschlachtung gute Preise zu sichern“, mehr wie erreicht, denn die Preise gingen sprungweise in die Höhe, als die Städte hastend mit ihren An⸗ La ervortraten. N50 5 ul urch Wechselwirkung der oben geschilderten Vorgänge sind die Preise für Schlachtvieh jetzt auf eine Höhe hinauf geschraubt, die nicht annähernd im Verhältnis steht zu den Erstellungskosten, ins⸗ besondere der Schweine, aber auch durch den Viehbestand, insbe⸗ sondere bei Rindern und Kälbern, sich in keiner Weise rechtfertigen fßt. 3 1 Da nicht abzusehen ist, inwieweit es den Organen der Land⸗ wirtschaft und des Viehhandels gelingt, die Schlachtpiehpreise immer noch weiter in die Höhe zu treiben, wäre die Festsetzung von Höchstpreisen dringend geboten. Dabei verkennt der Bezirksverein keineswegs die Schwierigkeiten einer Festlegung von Höchstpreisen, da die Qualität der Schlachttiere sehr verschieden und der richtige Zeitpunkt für die Festlegung längst vorüber ist. Bei den zurzeit be⸗ reits herrschenden, wahnsinnig hoch geschraubten Preisen könnte allerdings die Festsetzung gerechter Höchstpreise die an die be⸗ stehenden Phantastepreise nun einmal, gewöhnten Landwirte zu ähn⸗ lichem Vorgehen veranlassen, wie bei anderen landwirtschaftlichen Produkten— wir verweisen nur auf die Kartoffel— zum Schaden der ganzen konsumierenden Bevölkerung. 8 Wenn es nicht mehr möglich sein sollte, allgemeine Höchstpreise festzusetzen, müssen unter allen Umständen sogenannte„Richt⸗ preise“ sestgesetzt werden für die Aufkäufer(Lieferanten) von Schlachtvieh für Militärlieferungen aller Art, für die Konserven— fabriken, den Reichseinkauf und ähnliches. Die Metzger, denen die Versorgung der Bevölkerung mit Fleischnahrung obliegt, sind bei der Behandlung all dieser Fragen vollständig umgangen und außeracht gelassen worden, sie stehen die⸗ ser systematischen Preistreiberei machtlos gegenüber. Wenn sie überhaupt noch kaufen können, müssen sie Preise anlegen, die nicht nur jeden Verdienst ausschließen, sondern auch den Konsum so ver⸗ ringern, daß die Gefahr einer Unterernährung ernstlich in die Er⸗ scheinung tritt; eine große Anzahl Metzgereibetriebe mußte bereits eingestellt werden. Der Metzgerstand darf jedenfalls verlangen, daß auch er gehört wird und daß ihn die Reichsregierung in seinem ernsten Streben, seine Verpflichtungen der Bevölkerung gegenüber einzulösen, ebenso unterstützt, wie sie der Landwirtschaft und dem Viehhandel bei den von ihr angeordneten Maßnahmen entgegen⸗ kam. Diesen war es dadurch möglich, enorme Verdienste zu er⸗ zielen, während das übrige Volk darunter leidet. Die Versorgung der Bevölkerung mit Fleischnahrung zu er⸗ schwinglichen Preisen wird immer schwieriger und fordert ge⸗ bieterisch die Abstellung dieses unnatürlichen Zustandes, der im schreienden Gegensatz wirkt zu dem patriotischen Willen der ganzen Nation— also doch aller Erwerbsstände— in dem gegenwärtigen Aushungerungskrieg bis zum äußersten durchzuhalten. Die Rückkehr zu erträglichen Kriegspreisen für Schlachtvieh und Fleisch ist möglich, sie dürfte auch hinsichtlich der Beurteilung der wirtschaftlichen Kriegsführung auf diesem Gebiet von besonderem Wert sein und der nach dem Kriege sicher einsetzenden Kritik über die Fleischversorgungsverhältnisse der Bevölkerung einen wesentlichen Teil der Schärfe nehmen.“ Ganz recht! Nur hätte die Metzgerorganisation auch ihre Zu⸗ stimmung zu den ebenso notwendigen Höchstpreisen für Fleisch und Wurst im Kleinverkauf kundgeben sollen. Die Schweinepreise sind ja seit 4 Wochen bereits, wenn auch nur in mäßigem, so doch anhaltendem Sinken, so daß immerhin schon gegen Anfang Juni ein Preisunterschied von 10 bis 15 Mk. zu verzeichnen ist. Von einer entsprechenden Verbilligung der Fleisch⸗ und Wurst⸗ waren wird aber vorläufig erst aus ganz wenigen Orten berichtet. Aus Offenbach zum Beispiel hat man noch nichts gehört. — Bürgerliche Budget⸗Verweigerer. In der Sitzung der Stadtverordneten am Dienstag wurde dem Antrag der ersten Kommission, den Voranschlag anzunehmen, mit 12 gegen 7 Stimmen zugestimmt.(Im gestrigen Blatte war das Stimmenverhältnis nicht ganz richtig angegeben. Wie aus der Namensliste hervorgeht, wurde der Antrag der zweiten Kommission mit 11 gegen 8 Stimmen a bgelehnt, derjenige der ersten Kommission mit 12 gegen 7 Stimmen angenommen.) Sieben Mitglieder stimmten also gegen den städtischen Haushaltsplan, gegen das„Budget“. Hätten sich ihnen noch ein paar zugesellt, so war der Voranschlag ab ge⸗ lehnt und es waren keine Mittel bewilligt, den städtischen Betrieb weiter zu führen! Ein interessanter Fall. Wenn im Reichstage oder in den Landtagen unsere Parteigenossen gegen den Etat stimmten— sie hatten dafür stets ihre Gründe— brach in der bürgerlichen Presse regelmäßig ein Donnerwetter über sie herein, man schalt ihr Verhalten nicht bloß vaterlandslos, sondern auch töricht, unsinnig und wer weiß was noch. Bei den Gießener Stadtvätern, welche das Budget verweigerten, handelt es sich um einwandfrei„gut- gesinnte“ Leute, die nicht im entferntesten„revolutionärer“ Tendenzen bezichtigt werden können. Und doch lehnen sie ganz kaltblütig den städtischen Etat ab! Man sieht also an diesem Beispiel, daß das Verbrechen der sozialdemokratischen Budgetverweigerer doch nicht so gar schlimm sein konnte. Man sieht aber auch ferner, daß die bürgerlichen Vertreter rücksichtslos ihre Interessen wahrnehmen. Daran könnten sich die Arbeiter ein Vorbild nehmen. Der Getreideversorgungsantrag des hessischen Kammer⸗ zentrums an den Landtag, über den wir am Dienstag ein⸗ gehend berichtet haben, will, wie erinnerlich sein dürfte, u. a. eine gesetzliche Bestimmung haben, daß die Ernte an Brot— getreide möglichst am Orte der Erzeugung vermahlen wird. Auch diese Forderung muß wie der gesamte Antrag— wir haben schon am Dienstag darauf aufmerksam gemacht— allerlei Bedenken hervorrufen. Es ist nämlich, wenn der Antrag Gesetz wird, keine Garantie dafür vorhanden, daß in allen Gemeinden, die ihre Gesamterzeugung vermahlen, auch leistungsfähige Mühlen vorhanden sind oder daß die Gemeinden mit der Vermahlung immer leistungsfähige Mühlen beauftragen, die ein gutes und haltbares Mehl zu liefern in der Lage sind. Wir haben ja im verflossenen Winter und Herbst genug über die geringe Qualität des Mehles klagen müssen und besonders in Bayern hat man in dieser Beziehung sehr üble Erfahrungen gemacht. Deshalb muß die Forderung nicht lauten daß jede Gemeinde ihre Gesamternte selbst vermahlen soll, also auch das, was über ihren Bedarf hinaus geht und zur Versorgung anderer Ge— meinden dienen soll, sondern vielmehr, daß den zur Brot— getreideversorgung verpflichteten Kommunalverbänden ihr Bedarf ausschließlich in Getreide zuzuweisen ist. Einmal kann dann der Kommunalverband leistungsfähige Mühlen mit der Vermahlung beauftragen und zum andern wird er nicht in die Lage kommen, gegebenenfalls große Vorräte an Mehl, die leicht verderben, lagern zu müssen, sondern höch⸗ stens größere Vorräte an Getreide aufzuspeichern, das leichter zu lagern ist als Mehl. — Den gefallenen Söhnen Oberhessens. Uns wird ge⸗ schrieben: Auf Einladung des Provinzialdirektors hat am 3. Juli l. Is. der Provinzialausschuß im Beisein der Kreis— räte die Frage der Errichtung eines Erinnerungszeichens für die dem Kriege zum Opfer gefallenen Oberhessen an einem inmitten der Provinz gelegenen Ort(etwa Hoherodskopf) erörtert und beschlossen, der Anregung zu geeigneter Zeit näher zu treten. — Gewitter sind in der gestrigen Nacht in Frankfurt und Umgegend, wie auch im Westerwalde niedergegangen, während Gießen diesmal nichts abbekam; nur um Mitter⸗ nacht blitzte es einigemal und ferner Donner war zu hören. Wir hätten etwas Regen noch sehr notwendig gebrauchen können. Die Felder stehen übrigens nicht übel; das Ge— treide läßt einen guten Ertrag erwarten im Gegensatz zu den Befürchtungen, die man wegen der langen Trockenheit hegte. Auch über den Stand der Kartoffeln wird günstig berichtet; allerdings wäre für sie ganz besonders noch Regen erpünscht. Hoffentlich wird dafür gesorgt, daß nicht wieder, wie im Vorjahre, ein unerhörte Preistreiberei dem Volke das not⸗ wendigste Nahrungsmittel verteuert. — Akademische Kriegsvorträge. Heute— Donnerstag— abend 8 ½ Uhr, spricht Dr. Gundermann im großen Hörsaal der Universi⸗ tät über„Die Röntgenstrahlen im Dienste der Kriegs⸗Chirurgie“. Eintrittskarten sind zum Preise von 30 Pfg. bei Challier und abends an der Kasse zu haben. Kreis Alsfeld⸗Lauterbach. Tod beim Feste. Bei einer Feier der Jugendwehr, die am Sonntag nachmittag in Schlitz abgehalten wurde, fiel der Brauerei⸗Fuhrmann Heinrich Vollmöller vom Wagen und geriet so unglücklich zwischen seinen Wagen und einen Baum, daß er auf der Stelle totgedrückt wurde. V. hinterläßt Frau und 3 Kinder, er war 39 Jahre alt. Kriegsnolizen. Fünfundvierzig Postbeamte des Oberpostdirektionsbezirks Königs⸗ berg wurde wegen ihres Verhaltens bei dem Russeneinfall, in An⸗ erkennung der dabei geleisteten wertvollen Dienste, jetzt das Eiserne Kreuz verliehen. Aus dem italienischen Hauptquartier erging die Verfügung, daß alle Fabriken Erweiterungen zur Vermehrung der Erzeugung vor⸗ nehmen müssen, und verpflichtet sind, alle Maschinen und andere Fegenstände nach gelieferten Zeichnungen für die Militärbehörde anzufertigen. Außerdem kann zur Sicherung des fortlaufenden Be⸗ triebes dieser Fabriken das Personal der Militärgerichtsbarkeit un⸗ terstellt werden. Der Direktor des gewerblichen Instituts von Pontelegno und der Priester Signorini sind wegen Spionageverdachts ihres Amtes enthoben worden. Der Erzpriester von Pontelgro ist ebenfalls des⸗ wegen aus der Kriegszone verwiesen worden. Der Pfarrer von Manno wurde wegen Spionageverdachts verhaftet. Englische Blätter melden eine neuerliche Steigerung der Weizen⸗ preise. Seit Freitag ist das Quartier um zwei Schilling und mehr gestiegen. Auch Mais und Gerste sind teurer geworden. In Astrachan(Südrußland) und Umgebung breitet sich die Vest immer mehr aus. Der Seuche sollen bisher 20 Menschenleben zum Opfer gefallen sein. Die sanitären Maßnahmen sollen völlig un zu⸗ reichend sein. Reuter meldet aus Newyork: Eine Bombenexplosion im Hauptbureau der Polizei vernichtete zum Teil das Detektivbureau. Niemand wurde verletzt. Man ver⸗ mutet, daß der Anschlag einen Racheakt wegen des jüngsten Vor⸗ gehens gegen die Anarchisten darstellt. Nach einer Newnorker Meldung tritt die nordamerikanische Ar⸗ beiter⸗Assoziation am 20. Juli in Philadelphia zusammen, um zu dem Antrag von einem Drittel ihrer Mitglieder Stellung zu nehmen. der die Arbeitsverweigerung bei den Munitionstransporten nach Europa fordert. 8 Vermischtes. Schweres Bootsunglück auf dem Main. Auf dem Main bei Gmünden in Unterfranken kenterte aus un⸗ bekannter Ursache ein Boot, in dem ein Hauptmann, seine beiden Kinder und ein Diener spazieren fuhren. Alle vier Personen er⸗ tranken. Die Haushälterin im Backofen verbrannt. 5 Ein grauenhafter Mord wurde, dem Berl. Tagebl. zufolge in dem badischen Städtchen Neuenburg bei Müllheim verübt. Dort hat der 44 Jahre alte Landwirt Max Orth nach vorangegangenem Wortwechsel seine Haushälterin, eine Frau Anna Schlapper, deren Mann zurzeit im Felde steht. durch Schläge auf den Kopf betäubt, sie dann erwürgt und, um die Spuren der Tat zu verwischen, die Leiche im Backofen verbrannt. Durch den üblen Geruch und durch das Verschwinden der Frau wurde die Nachbarschaft beunruhigt. Es er⸗ folgte Anzeige bei der Gendarmerie. die nach kurzem Verhör den Orth verhaftete: er soll bereits ein Geständnis abgelegt haben. Der Verhaftete hat noch vier verheiratete Brüder, die sämtlich angesehene Bütrger Neuenburas sind: er selbst ist Junggeselle, lebt in guten Verhältnissen und besitzt ein Wohnhaus in dex Stadt. Vor mehreren Jahren mußte er sich in der psychiatrischen Klinik in Freiburg län⸗ gere Zeit behandeln lassen. Er galt stets als Sonderling. Nach vollbrachter Tat hat er noch eine Vereinsversammlung in Neuenburg besucht. Zwischen ihm und seiner Haushälterin soll es schon früher zu Streitigkeiten und auch zu Tätlichkeiten gekommen sein. Die Er⸗ mordete war, bevor sie bei Orth in den Dienst trat, in Müllheim beschäftigt: sie ist Mutter von drei Kindern. Tödliche Unfälle und Selbstmord. In Frankfurt stülrz te in der Nacht zum Dienstag der 47 Jahre alte Bäcker Bertz aus dem Fenster seiner in der Alten Mainzergasse belegenen Wohnung in den Hof und wurde morgens als Leiche aufgefunden. — Ferner ertrank beim Baden in der Nidda bei Ginnheim der 57jährige Privatmann Bickel aus Frankfurt.— Am Goldfisch⸗ weiher in der Taunusanlage erschoß sich der Buchhalter eines Frankfurter Eisenwarengeschäfts. Bei dem etwa 26 Jahre alten Mann fand man 1200 Mk. vor. Ein furchtbares Brandunglück, dem 13 Menschenleben zum Opfer fielen, ereignete sich am Samstag nachmittag in der pyrotechnischen Fabrik von Martin Franz in Polenz, einem Orte in dem Bezirk Pirna in Sachsen. Die Fabrik stellte in letzter Zeit Leuchtkugeln für die Heeresverwaltung her und in einem der Arbeitsräume erfolgte an dem genannten Nachmittage eine E x⸗ plosion, wobei sechs Personen sofort getötet wur⸗ den und neun Personen furchtbare Verletzungen davontrugen. Sämtlichen Personen sind die Kleider buchstäblich vom Leibe ge⸗ brannt. Die sofort getöteten Personen sind bis zur Unkenntlichkeit im Gesicht verbrannt und boten einen schauerlichen Anblick. Einige konnten nur am Schuhwerk erkannt werden. Auch die Schwerxver- letzten sind zum Teil schwer zu erkennen; sie riefen fortwährend nach Wasser. Aerzte, Sanitätspersonal und Krankentransport⸗ wagen waren sofort zur Stelle und leisteten die erste Hilfe. Großer Fabrikbrand. Die neue Oelfabrik der Firma Schicht, Akt.⸗Ges. in Aussig(Nordböhmen) wurde von einem Riesenbrand ergriffen. Die Fabrikgebäude auf einem Raum von 2600 Quadrat- metern wurden eingeäschert. Das Feuer fand reiche Nahrung an den zur Ausladung bereitstehenden 8 bis 10 Waggons Oelsaaten. Die 460 Arbeiter des Betriebes konnten sich zum Teil nur mit großer Mühe retten. Der Schaden wird auf 3 Millionen Kronen geschätzt. Darmstadt, 6. Juli. Einer der ältesten Einwohner unserer Stadt, wenn nicht der älteste,„der alte Windhaus“, ist am Sonntag in fast vollendetem 96. Lebensjahre gestorben. Durch seine langjährige Tätigkeit als Logenschließer am Hof⸗ theater war er eine bekannte Darmstädter Persönlichkeit geworden. Hamm, 6. Juli. Hoch klingt das Lied... Eine kühne Tat vollbrachte dieser Tage der in Rhein-Dürkheim wirkende Lehrer Wilhelm Krebs von hier. Er fuhr den Landdamm am sog. Rhein⸗ bau zwischen Hamm und Gernsheim, als er Hilferufe vom Rhein aus vernahm. Kurz entschlossen eilte er die Krippe entlang und stürzte sich an der gefährlichsten Stelle in das Wasser. Mit größter Lebensgefahr rettete er die beiden Realschüler August Sauer un seinen Bruder Siegfried Krebs vom sicheren Tode des Ertrinkens. Diese waren beim Baden in den gefährlichen Strudel der Krippe geraten, aus dem sie nicht mehr herauskommen konnten, umsomehr als sie schon vollständig ermattet waren und der eine sogar de Krampf hatte. Nur dem kurzen Entschluß und der selbstlosen Auf⸗ opferung des Lehrers Krebs ist es zu danken, daß zwei blühende Menschenleben gerettet wurden. c Bingen a. Rh., 6. Juli. Die am hiesigen Technikum stu dierenden Holländer protestierten durch ein Schreiben, das sie alle unterzeichneten, bet dem holländischen Blatt Morks Magazyn gegen die dort vorgebrachte Behauptung, daß das deutsche Kriegsbrot ungenießbar und für die Ernährung durchaus unzu⸗ reichend sei. Sie erklärten, daß hier einn bestimmte Unwahrhei verkündet werde, denn sie selbst würden dieses Brot jeden Tag essen daß dieses kaum gegen das Brot in Friedenszeiten geändert sei daß es fogar nahrhafter sei, und daß sie Brot in genügender Men erhielten. Das Schreiben an die Redaktion dess holländischen urde von 22 Holländern unterzeichnet. Telegramme. Tagesbericht des Großen Heupttnattierz Die Kathedrale von Arras ein Opfer der Flammen.— Lebhafte Kämpfe zwischen Maas und Mosel.— Gute Erfolge in Polen und an der Weichsel. W. B. Großes Hauptquartier, 7. Juli, vorm.(Amtlich. Westlicher Kriegsschauplatz. Nördlich von Ppern drangen englische Truppen gestern in unsere Schützengräben ein. Sie waren am Abend wieder vertrieben. Westlich von Souchez wurden zwei nächtliche Angriffe des Feindes abgewiesen. Bei der Beschießung feindlicher Truppenansammlungen in Arras geriet die Stadt in Brand. Der Feuersbrunst fiel die Kathedrale zum Opfer. f Zwischen Maas und Mosel herrscht lebhafte Kampf⸗ tätigkeit. Südwestlich von Les Eparges setzte der Feind seine Anstrengungen, die ihm unlängst entrissenen Stellungen wieder zu erobern, fort. Bei dem ersten Angriff gelangten die Franzosen in einen Teil unserer Verteidigungslinie. Ein Gegenstoß brachte den Graben bis auf ein Stück von 1 Metern wieder in unsere Hand. Der Feind ließ 1 Maschinen⸗ gewehr zurück. Zwei weitere Vorstöße des Gegners, ebenso wie ein Angriff in der Tranche scheiterten völlig. Halbwegs Ely⸗Apremont wurde unsererseits ange⸗ griffen. Wir eroberten die feindliche Stellung in einer Breite von 1500 Metern und machten dabei mehr als 300 Franzosen zu Gefangenen. Bei Croix des Carmes(im Priesterwalde) erfolgte heute Nacht der erwartete feindliche Gegenangriff. Der Gegner wurde abgewiesen.. Am Sudel(in den Vogesen) wurde ein feindliches Grabenstück erstürmt und für die feindliche Verteidigung un⸗ brauchbar gemacht.. In der Champagne, südwestlich von Suippe, be⸗ warfen unsere Flieger mit Erfolg ein feindliches Truppen · lager. Oestlicher Kriegsschauplatz. Die Zahl der Gefangenen südlich Biale⸗Bloto ers höhte sich auf 7 Offiziere und rund 800 Maun; ferner gingen 7 Maschinengewehre und ein reichhaltiges Pionierlager in un⸗ seren Besitz über. In Polen südlich der Weichsel eroberten wir die Höhe 95 östlich Dolowrtka(südlich Borzim ow). Die russischen Verluste sind sehr beträchtlich. Erbeutet wurden 10 Maschinengewehre, 1 Revolverkanone und viele Gewehre. Weiter nördlich, nahe der Weichsel, wurde ein russischer Vorstoß abgewiesen. 7 Südöstlicher Kriegsschauplatz. Westlich der oberen Weichsel wurden gute Fort⸗ schritte gemacht. Oestlich der Weichse! sind keine grö ⸗ ßeren Veränderungen zu melden. Bei der Verfolgung an der Zlota Lipa vom 3. bis 3. Juli machten wir 3850 Gefangene. Oberste Heeresleitung. Der österreichisch⸗ungarische Tages bericht Zurückgewiesene russische Angriffe. Wien, 7. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Amtlich wird ver⸗ lautbart, 7. Juli 1915, mittags: Rufsischer Kriegsschauplatz. An der Front der Armee des Erzherzogs Josef Ferdinand dauern die Kämpfe fort. Eingetroffene russische Verstärkungen, die an mehreren Stellen zum Angriff vorgingen, wurden unter großen Verlusten zurückgeschlagen. Die Gefangenenzahl hat sich noch weiter erhöht. Am Bug und in Ostgalizien ist die Lage unverändert. In den Kämpfen an der unteren Zlota—Lipa wurden vom 3. bis 5. Juli 3850 Russen gefangen. Vergebliche italienische Vorstöße. Italienischer Kriegsschauplatz. 1 An der Schlachtfront im Görzischen trat zunächst ziemliche Ruhe ein. Nach dem vorgestrigen Siege hatten unsere Truppen noch einige zaghaft geführte Nachtangriffe gegen den Görzer Brücken⸗ kopf und die Plateau⸗Stellungen abzuweisen. Gestern eröffnete der Feind neuerdings heftiges Geschützfeuer, dem nachts wieder vergebliche Vorstöße schwächerer Angriffe folgten. Italienische Flieger warfen auf Driest Bomben ab, ohne erheblichen Schaden anzurichten.. Im Kerngebiet griff der Gegner eine Felskuppe, der schon frühere Anstrengungen gegolten hatten, abermals an. Die braven Verteidiger schlugen den Angriff wie immer ab. Vor unserer Stellung ist ein Leichenfeld. Im Kärntner und Tiroler Grenzgebiet dauern die Geschsitzkämpfe stellenweise fart. Erfolge gegen die Montenegriner. Südöstlicher Kriegsschauplatz. Auf den Höhen östlich von Trebinje fand in den Tagen ein für unsere Truppen erfolgreiches Gefecht statt. Im An⸗ griff eroberten einige unserer Abteilungen nach kurzem heftigen Kampfe eine montenegrinische Vorstellung und trieben die Montenegriner auf die nächsten Höhen zurück. Tags darauf ging eine montenegrinische Brigade nach starker Artillerievor⸗ bereitung zum Gegenangeiff vor, erlitt jedoch im Feuer unserer Truppen derartige Verluste, daß sie nach einiger Zeit auf die Hauptstellung, aus der sie vorgebrochen war, zurückging. Mehrere unserer Flieger griffen mit Bomben und Maschinengewehrfeuer er⸗ folgreich in den Kampf ein. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes. * von Höfer, Feldmarschalleutnant. Russische Kulturtaten. Basel, 7. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) Einem Privat⸗ telegramm des Sonderberichterstatters der Basler Nachrich— ten aus Lemberg zufolge brennen die Ru ssen auf ihrem Rückzuge alles nieder und rauben und morden. In Komarno veranstaltete eine Kosaken⸗ nachhut ein großes Judengemetzel; 75 Juden werden vermißt, 27 Leichen wurden gefunden. Kopenhagen, 7. Juli.(W. T. B. Nichtamtlich.) Rußkoje Slowo erfährt aus Orenburg vom 22. Juni: In der Stadt ist ein Befehl des Leiters des Gouvernements ausgehängt über die Verschick⸗ ung von sämtlichen deutschen Untertanen und der mit uns kriegführenden Mächte aus Stadt und Gouvernement Orenburg inerhalb einer dreitägigen Frist und über die Ab⸗ nahme deutscher Schilder bei Handels⸗ und Gewerbe- treibenden. Die Beschießung von Arras. T. U. Genf, 7. Juli. Durch das im Norden und Osten unausgesetzt durchgeführte deutsche Bombardement hat die Stadt Arras schwer gelitten. Die Brände wüten unausge⸗ setzt weiter fort. Die Engländer sind durch die Zerstörung der in Arras lagernden Hauptvorräte in allen ihren Unter⸗ nehmungen stark gehemmt. Die Erwartung der fränzösischen Armeepresse, daß die heutige Joffrenote eine glänzende Re⸗ vanche für die bei Fey-en⸗Haye und im Hauptteil des Priesterwaldes erlittenen Schlappen enthalten werde, blieb unerfüllt. Die deutsche Artillerie erschwert nach französischen Privatmeldungen durch weithin beherrschendes Feuer jede Neugruppierung französischer Truppen. Der türkische Tagesbericht. Konstantinopel, 7. Juli.(W. B. Nichtamtlich.) dicht des Großen Hauptquartiers. Auf der kaukasischen Front fuhr auf dem rechten Flügel unsere Kavallerie nach ernsthaften Kämpfen fort, die feind⸗ liche Kavallerie gegen Osten zurückzuwerfen. Wir machten in dem Kampfe von vorgestern eine Anzahl Gefangene und gewannen Beute.. Auf der Dardanellenfront ist die Lage im allgemeinen unverändert. Die gewohnten Grabenkämpfe dauern zwar besonders heftig auf unserem rechten Flügel bei Seddeül⸗ Bahr fort, alle diese Kämpfe sind aber für uns günstig. Un⸗ sere anatolischen Batterien haben zahlreiche Explosionen und Brände in dem feindlichen Lager bei Sedd⸗ül-Bahr hervor⸗ gerufen. Unsere Flieger warfen zweimal mit Erfolg Bomben auf die feindlichen Truppen. Vor Ari Burnu bombardierte ein feindlicher Monitor, der sich sichtlich hinter einem Lazarett⸗ schiff verbarg, unsere Landstellungen. Auf den übrigen Fronten nichts Bedeutendes. Die Torpedierung der„Carthage“. Marseille, 7. Juli.(Ctr. Frkft.) Ueber den Untergang der Fb en wird laut einer Meldung der Agence Havas berichtet, letzten Be⸗ aß am 3. Juli nach 8 Uhr abends ein dichter Nebel die Mudros⸗ bucht und das Kap Helles, wo die„Carthage“ vor Anker lag, ein⸗ hüllte. Die Landungsoperationen waren im Laufe des Abends be- endigt worden. In diesem Augenblick versenkte ein Unterseeboot, begünstigt durch den Nebel, die„Carthage“. Die riesigen Verluste der Verbündeten an den Dardanellen. Der militärische Mitarbeiter des Mailänder Avanti äußert sich über die Erfolge der Verbündeten an den Dar⸗ danellen sehr pessimistisch und weist auf die riesigen Verluste der Engländer auf diesem Kriegsschauplatze hin. Kein an⸗ derer Kriegsschauplatz habe verhältnismäßig solche gewal⸗ tigen Verluste aufzuweisen. Keiner stimme so nachdenklich und entmutige so sehr, wie dieser. Rußlands Neutralitätsverletzung und Entschuldigung. Die schwedische Regierung gibt bekannt: „Nachdem am 2. Juli die Nachricht von Gotland eingegangen war, daß das deutsche Minenschiff„Albatroß“ bei Kuppen innerhalb der Oestergarnsholm bei Gotland auf Land gesetzt, sowie, daß dieses Fahrzeug von russischen Kriegsschiffen innerhalb des schwedischen Ge⸗ bietes beschossen worden sei, wobei Geschosse über die Holmen gingen und in geringer Entfernung vom Land einschlugen, erhielt der Ge⸗ sandte Sr. Kgl. Majestät in Petersburg sofort Befehl, bei der rus⸗ sischen Regierung kräftig gegen diese Verletzung des schwedischen Territotiums und damit der Neutralität Schwedens zu protestieren. Gleichzeitig wurden der hiesige russische und der deutsche Gesandte schriftlich über das Geschehene unterrichtet und außerdem mitge- teilt, daß auf Grund der von den Behörden den Gotland eingega genen Berichte die notwendigen Internierungsmaßnahmen getroffen worden seien.“ Die russische Regierung hat hierauf folgende Antwort gegeben: „Nach dem von dem russischen Kommandierenden Admiral einge⸗ gangenen Bericht konnte der Vorfall, der Gegenstand des schwedi⸗ schen Protestes war, sich nur infolge des zufällig herrschenden Nebels ereignen, der verhinderte, die Beschießung genau zu regulieren. Die russische Regierung drückte das lebhafte Bedauern über das Ge⸗ schehene aus, und versicherte, daß sie völlig entschlossen sei, gewissen⸗ haft die schwedische Neutralität zu achten. Im gegenwärtigen Fall U liegt nur eine bedauerliche Unachtfsamkeit vor. Es ist den Betreffen⸗ den bestimmte Weisung gegeben, in dieser Beziehung ihre Ausmerk⸗ samkeit zu verdoppeln, um eine Wiederholung solcher Ereignisse un⸗ möglich zu machen. Italienischer Justizmord. Der Kapitän und der Maschinist der„Lemnos“ zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Spionageprozeß vor dem Kriegsgericht in Venedig gegen die Besatzung der„Lemnos“ endete mit der Verurtei⸗ lung des Kapitäns Liebsicher und des Maschinisten Hoppe zu je zehn Jahren Zuchthaus und mit der Freisprechung der drei anderen Ange klagten. Der Staatsanwalt hatte gegen alle fünf Angeklagten die Todesstrafe beantragt. Selbst aus den italienischen Zei⸗ tungsauszügen ist leicht die Ueberzeugung zu gewinnen, daß die beiden unglücklichen Verurteilten Opfer der italienischen Spionagepsychose geworden sind. Man belastete sie mit An⸗ klagen wie der, daß sie Umgang mit dem deutschen Konsul, der der Organisator der Spionage gewesen sei, und mit einer deutschen Pflegerin gehabt hätten. Wenige Zeugen wollen auch gesehen haben, wie ein grünes Licht an der„Lemnos“ erschienen sei, was Liebsicher einfach mit dem Reflex des Mondlichtes an den Kajütenfenstern erklärte. Die Gänge, die Liebsicher am Hafen machte, wurden mit seiner Neugierde für Schiffsbewegungen erklärt. Als der Dolmetscher der fünf Angeklagten, wovon kein einziger Italienisch verstand, den Todesantrag des Staatsanwalts mitteilte, hatten zwei Matrosen, die später freigesprochen wurden, Verzweiflungs⸗ ausbrüche und beteuerten ihre Unschuld, während der Kapi— tän, der Heizer und der Koch stoisch diese Probe haßverblen⸗ deter Justiz anhörten. Der Verteidiger, Artillerie-Unter⸗ leutnant Renzo Ascoli, versah sein Amt mit Anstand, er zweifelte die Verläßlichkeit der Zeugenaussagen angesichts der Ueberreizung der Bevölkerung Anconas an, wies darauf hin, daß gerade die„Lemnos“, die ein Spionageschiff sein sollte, von einem österreichischen Torpedo getroffen worden sei. Zum Schluß beteuerten alle Angeklagten in überzeugend— ster Weise ihre Unschuld. Da gegen das Urteil des Kriegsgerichts eine Berufung unmöglich ist, will Kapitän Liebsicher die Gnade des Königs anrufen. 2 Die französischen Justizverbrechen wurden auf energische Intervention der deutschen Regierung s. Z. rückgängig ge⸗ macht. Wir glauben, daß auch im vorliegenden Falle mil Erfolg versucht werden wird, dem schändlichen Justizmord, von italienischen Richtern versucht, entgegenzuwirken. Zum Attentat auf Morgan. Der Londoner Daily Telegraph meldet aus Newyork, daß der Mann, der den Anschlag auf Morgan verübte, eigentlich Münter und nicht Holt heißt. und daß sich unter den bei ihm gefundenen Briefen auch ein solcher an den deutschen Kaiser befindet. Aus dem Wortlaut dieses Briefes geht klar hervor, daß man es mit einem Geistesgestörten zu tun hat. Zahlreiche offizielle Persönlichkeiten haben in den letzten Wochen von Leuten, deren Denkvermögen an⸗ scheinend getrübt ist, Drohbriefe erhalten, sodaß sie sich entschlossen haben, einen besonderen Dienst zu ihrer Bewachung einzurichten. So zum Beispiel der Vizepräsident Marshall, der mitteilte, daß er in den letzten Monaten 12 Drohbriefe erhalten habe. Auch der Sicher⸗ beitsdienst für den Präsidenten Wilson, der augenblicklich auf seinem Sommersitz in New⸗Hampsbire weilt, ist verschärft worden. Nach einer Rotterdamer Meldung wurde Holt tot in seiner Zelle aufgefunden. Offenbar hatte er durch einen Revolverschuß feinem Leben ein Ende gemacht. Die englische Registrierungsbill angenommen. Das englische Registrierungsgesetz, durch das die Regie⸗ rung sich einen Ueberblick über das in England noch vorhan— dene menschliche Kriegsmaterial verschaffen will, wurde vom Unterhaus nach lebhafter Debatte mit 253 gegen 30 Stimmen in zweiter Lesung angenommen. Rumänische Wünsche. In der Bukarester Zeitung Moldawa fordert Peter Carp die rumänische Regierung auf, ihr Augenmerk auf Bessarabien, dem Rumänien angrenzenden russischen Gouvernement am Schwarzen Meere, zu richten. Der Ar— tikel, überschrieben:„Wir verpassen den richtigen Augenblick“, betont, der gegenwärtige Augenblick gebiete dringend die Eroberung Bassarabiens von dem geschwächten Rußland. Wenn Rumänien diese vielleicht nie mehr wiederkehrende Gelegenheit verabsäume, begehe es ein Verbrechen an seiner eigenen Zukunft. Rumänien müsse aus dem gegenwärtigen Weltkrieg vergrößert hervorgehen und dürfe sich nicht durch Gefühlsschwäche von diesem Ziele ablenken lassen. Die französischen Operationen in Marokko. T. U. Genf, 7. Juli. Nach einer Meldung aus Rabat befahl General Henrys, um eine weitere Ausbreitung der aufständischen Bewegung gegen den Fluß Querra zu unterdrücken, den Kolonnen Simon und Derigoine eine Reihe von Operationen, die von Erfolg gekrönt waren. Am 28. Juni überschritten französische Truppen den Fluß Querra und wandten sich nach Kasbah. Nach einer heftigen Kanonade nahmen die französischen Truppen die Höhe und verfag⸗ ten den Feind, der zahlreiche Tole zurückließ. Auf französischer Seite wurden 6 Mann getötet, 22 verwundet, darunter 3 Offiziere. In⸗ folge dieser Operationen wurde die Ruhe unter der Bevölkerung am linken Ouerraufer wiederhergestellt. Ein internationaler Judenkongreß. Von dent Niederländischen Komitee der Alliance Israélite Universelle wird ein internationaler Judenkongreß vorbereitet zur Besprechung des Verhältnisses der Juden nach dem Kriege. Ursprünglich sollte der Kongreß in Amerika stattfinden, aber von dort aus machte sich eine Oppo⸗ sition dagegen bemerkbar, weil man— eine Verletzung der Neutralität befürchtete. Das Niederländische Komitee teilt diese Bedenken nicht, es will vielmehr den Kongreß in Hol⸗ land organisieren. Wie wir vernehmen, wird dieser Versuch schon von verschiedenen Seiten begrüßt. 5 Zur Zusammenkunst der Finauzminister der Bundesstaaten. Die Nordd. Allg. Ztg. berichtet: Wie wir hören, handelt es sich bei der Zusammenkunft der Finanzminister der Bun⸗ desstaaten nicht um die Beratung bestimmter Vorlagen, der Zweck der Zusammenkunft ist vielmehr eine allgemeine Aus⸗ sprache über die Finanzlage des Reiches und die mit der finanziellen Kriegführung zusammenhängenden Fragen. Der Chef der Reichsfinanzverwaltung legt in der gegenwär⸗ tigen Zeit ganz besonderers Wert auf die unmittelbare und persönliche Fühlung mit den Leitern der einzelstaatlichen Finanzen. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm& Cie., Gießen. Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt, G. m. b. H., Offenbach a. M. ——— Bekanntmachung den Voranschlag der Stadt 925 15 das Rechnungsjahr 1919 betreffend. Der in der Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung vom 6. Juli 1915 festgestellte Voranschlag der Stadt Gießen für das Rechnungsjahr 1915, ebenso die Voranschläge des Stadterweiter⸗ ungsfonds, der Armenkasse, des Elektrizitätswerks und der Straßenbahn, sowie des Gas⸗ und Wasserwerks für dieselbe Zeit, liegen vom 8. ds. Mts ab während einer Woche auf dem Stadthaus, Gartenstraße 2, Zimmer Nr. 15, offen. Cs wird dies mit dem Bemerken öffentlich bekannt gemacht, daß die Beteiligten innerhalb der Offenlegungsfrist die Voranschläge einsehen und bei dem Oberbürgermeister schriftlich oder zu Pro⸗ tokoll Einwendungen gegen ihren Inhalt vorbringen können. In dem Voranschlag der Stadt Gießen ist die Erhebung einer Umlage beschlossen, zu der auch die Ausmärker herangezogen werden. Gießen, den 7. Juli 1915. . Der Oberbürgermeister: Keller. Verstorbene. Frau Lina Schudt, geb. Jahre alt.— Frau Wwe. Rau in Großen-⸗Buseck, 76 Fabry in Gießen, 80 Jahre alt. Für die Einmachzeit! Anerkannt bestes, mit Salizyl getränktes Papier. verhütet jeden Schimmel- 225 ansatz.. Rolle nur 15 pig. N 7eibng Bahnhofstrasse 14. 1 Wirte! Für Wirte! Wir empfehlen — Spielkarten in allen Preislagen aus der Spielkartenfabrik Frommann& Bünte, Darmstadt. Oberhessische Volkszeitung, Gießen Bahnhofstraße 23. Telephon 2008. 2 UAsterweg 6 sind am 1. bezw. 15. August zwze Wohnungen zu vermieten. Mäh im Geschäftslokal des Konsum 5 Tinoxa ist das sicherste ä Mittel gegen Brut. Adl.⸗Drog. Seltersweg 39 Otto Schaaf. vereins, Schanzenstraße 16. zu verkehren, ist Pllicht eines jeden organisierten Arbeiters. Durch den Besuch desdewerkschaftshauses un- terstütet der Arbeiter sein eig. Heim. Ia Speisen u. Getränlxe. Billig. Logis —