Aufwärts! Gemeinschaftsblatt für Hessen. H Erscheint wöchentlich einmal. Einzelne Exemplare bestelle man bei der Post vierteljährlich. Verlag der Buchbandlun« der Pllgermission Gierten. Redakteur: Stadtmissionar Herrmann-Gießen. Mitarbeiter: Pfarrer Sperber-Cassel. Pfarrer Strauß-Leipzig und die Prediger der Pllgermission. Druck von Otto Meyer, Gießen. Nr. 36. Sonntag, den 6. September 1914. 7. Jahrg. Der grohk Kritg und wir. große Zeit ist durch ben Ausbrtlch dieses y^O Riesenkampfes über uns gekommen. Was wird diese große schlvere Zeit uns bringen, lvo die Räder der Geschichte donnernd über Europa rolle». Alle Völker sind ernstlich bemüht, nicht nitter die Räder ju kommen. Es versteht sich ganz voit selbst, daß ivir die erstell sind, die unseres Kaisers Aufforderung: „Geht in die Kirche, und kniet nieder vor Gott, und betet für unser braves Heer" befolgen, und zwar nicht nur einntal, sondern regelmäßig, Tag für Tag, im Kämmerlein, in der Familie, in der Gemeinschaft. Dagegen ist es nicht gleichgültig, welchen Inhalt und ivelche Richtung wir unseren Gebeten geben. Wenn ivir uns darüber verständigen können, werden unsere Gebete mehr Kraft uild Nachdruck geivinnen. Die Heilige Schrift lehrt uns, die Weltgeschichte unter deiil Gesichtspunkt des Reiches Gottes zu betrachten. Die Völker und ihre Bewegungen, Kriege, Siege, Niederlagen, alles muß in letzter Liilie den Juteresseil des Reiches Gottes dienen. Und das Ziel Gottes mit den Völkeril der Erde ist dies, daß vor dem Ende das Evangelium unter allen Völkern verkündet iverdeil soll zu einem Zellgnis über sie. Im ferilen Osten erleben wir bereits die beginnende Erfüllung dieses göttlichen Willens. Es ist gewiß ein Beten im Namen Jesu, wenn wir uns vereinigen, dafür zu beten, daß infolge des Krieges sämtliche beteiligten Länder sich dem Evangelium öffnen. Uns liegt natürlich Deutschland am nächsten. Wir haben seil vielen Monaten angefangen, den Herrn um eine allgemeine Erweckung in unserem deutschen Volk, um eine gnädige Heimsuchung zur Buße und zum Glauben zu bitten. Es scheint mir, daß wir den Anfang der Erhörung dieser Gebete erleben. Wer dieselben Tage der Diobil- machuug und der Kriegserklärung 1870 durchgemacht hat, dem fällt ein Unterschied zwischen heute und damals aus. Die allgemeine Stimmung ist trotz der Begeisterung, ohne die ein Krieg kaum begonnen werden kann, viel ernster. Alan fühlt Ereignisse herannahen, die für die Weltgeschichte von viel größerer Tragiveite sind, wie die von 1870/71. Es ist auch der Ernst und die Gefahr für unser deutsches Volk nach der kriegerischen und nach der wirtschaftlichen Seite viel größer als damals. Das sehen alle ein und beugen sich darunter. Aber weiter denken die meisten nicht. Wird unser Volk die Sprache Gottes und Seinen Mahnruf zur Buße verstehen? Das ivird ivesentlich von den Dienern Gottes und von dem Volke abhängen. Es ist jetzt viel Geneigtheit vorhanden, in die Kirchen und Versammlungen zu gehen, wo das Wort Gottes verkündiget und gebetet wird. Eine schwere Verantwortung ruht jetzt auf den Hirten und Lehrern des Volkes. Werden sie die Aufträge Gottes für unsere Tage verstehen, und werden sie sie ausrichten'? Gott erwecke uns Bußprediger, die mit heiligem Ernst an die tiefsten Schäden die Hand legen. Unser Volk verlangt Büßpredigt. Es weiß, daß es sich schwer gegen Gott versündigt hat. Wehe denen, die jetzt „Kissen machen den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beide, Jungen und Alten!" (Hes. 13, 18). Wir beten um Sieg für unser braves Heer. Wenn der Krieg auch siegreich endet wie 1871, ist er doch schon eine furchtbare Geißel. Wieviel mehr, wenn er Niederlagen und Verluste bringt! Dürfen wir mit Glaubenszuversicht um Sieg bitten? Ich glaube, Gott wird uns Sieg schenken, wenn Gr damit Seine Absicht mit unserem Volke erreichen kan». Beten ivir also fleißig um den Geist der Buße, der Beugung lind des Glaubens. Wie Gott Kriege lenkt zum Sieg oder zur Niederlage, seheil wir deutlich aus der Geschichte der Richter und der Könige Israels und Judas. Die Grundsätze, nach denen Gott handelt, bleiben immer dieselben. „Glaubt an den Herrn, euren Gott, so iverdet ihr Glück haben" (2. Chron. 20, 20). „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Süi'.de ist der Leute Verderben" (Spr. 14, 34). Wenn dies die Gesinnung unseres Volkes ist, dürfen ivir mutig und hoffiilingsfreudig dem Ausgang des Krieges entgegeiisehen. Im einzelneii wollen wir unablässig beten für unfern in Ehrflircht qeliebteil Kaiser, für die ganze kaiserliche Familie und für unser» Großherzog, für unsere Heerführer, für unsere gläubigen Offiziere und Soldaten. Gott beivahre sie vor Not und Seilchen uiid scheiike ihnen Ailsdaiier uiid Geduld imb hillgebenden, mannhaften Mut. Beten ivolleil ivir auch für die Militärgeistlichen, für die Brüder unb Schwestern, die Diakoniedienstc tun, für das Rote Kreuz, für die Berivlindeteil, Gefangenen, Sterbenden, für unsere Feinde, daß auch ihnen alis dieser Heimsuchung eine friedliche Frucht der Gerechtigkeit erivachse! Wir ivollen aber and) uns selbst und linsere Genieinschaftskreise nicht vergessen. Wir haben and) Buße zu tun für Oberflächlichkeit lind Lauheit, die uils gehindert hat, unserer Umgebung das zu sein, ivas Gott voil uns erivartcil mußte. Gott reiilige unsere Herzen lind lmserc Gemein- schafteil uild Vereine irnd öffne uns die Augen für die großen Aufgaben, die unser warten. Es ist auch für llns eine Zeit der Heimslichllng. Ob wir sie erkeiliren oder nicht, davon hängt viel ab für die Allsreifung der Geiileinde Jesu in Deutschland und für die Zukunft unseres delltschen Volkes. 0. bätt’ ich doch! einem Jrrenhause war ein Mail», der den gailzen Tag nichts tat, als daß er mit angstvoller Miene und unter lebhaften Bewegungen der Arme umherging und einmal über das aildre ausrief: O, hält' ich doch! O, hält' ich doch! — Er war verantwortlicher Aufseher an einer großen Eisenbahnbrücke gewesen, die über einen schiffbareil und viel befahrenen, tiefen Fluß führte. Eines Tages wurde ihm die amtliche Meldung gemacht, daß am Vormittag zwischen 8 und 9 Uhr zwei Extrazüge die Brücke passieren ivürdeil. Tie Zeit könne zur Minute nicht angegeben werden, aber die Brücke dürfe unter keinen Umständen nach 8 Uhr geöffnet werdeil, bis beide Eisenbahnzüge die Brücke passiert hätten. Kurz vor 8 Uhr wird voil einem Schiff das Zeichen zilm Offnen gegeben. Der Aufseher gibt das Zeichen, daß das Schiff warten müsse, worauf der Steuermann des Schiffes sofort mit einem Boot an Land fährt und zum Allsseher an die Brücke kommt. Dieser teilt dem Steuermann mit, daß das Schiff vor 9 Uhr nicht passieren könne llnd warten müsse, bis beide Züge vorbei feien. Der Steuermann, hierüber unwillig, stellt denl Aufseher vor, daß wenige Minuten nach 8 Uhr die Brücke wieder geschlossen sei» könne, daß noch gar kein Signal zu sehen, daß es lioch lailge hiil sei bis 9 Uhr nnb daß er ihm eine gute Belohnung gebeil wolle, wenn er das Schiff sogleich dnrchließe, da sie ganz besondere Eile hätten. Die ruhigen, vernünftigen Gründe, rind namentlich die hohe Belohnung bestachen den sonst treuen Beamten, er sagte: „Danil aber rasch!" und begann die Brücke zu öffnen. Kaum ist dieselbe geöffnet, ertönt voiil ilächsteil Bahnwärterhaus das Signal, lveilige Augenblicke später wird der Zlig sichtbar nnb braust heran. Der Allffeher sicht nnb hört nichts vor Schreck, er dreht und dreht — die Zeit ist klirz, hinein in die Tiefe stürzen Lokomotive, Wagcil und Mensche». Der Mann ivurdc von denl Aligenblick an geistesverwirrt liild iilußtc ain aildern Tage in die Irrenanstalt gebracht werden. Ich glaube, daß sehr viele Menschen diese», Brückenwärter gleichen und nicht allein in ihrerSterbestlmde, sondern auch nachher in de, Welt der Ewigkeit ivcrden sie nichts anderes zu sagen ivissei, als: O, hätt' ich doch! — O, hält' ich doch! — das Leben ist ernst, oft furchtbar ernst und deine Zeit ist klirz, da gilt es die Zeit ausznkaufen, denn cs ist böse Zeit. Es kann vor Nacht leicht anders iverde», als es am früheil Morgen war. Darum bestelle dein Halis. Eile, und rette deine Seele! helmal für heimatlose. Alls der Insel Sylt in der Nordsee ist ein Friedhof für Heimatlose. Dort beerdigt inan solche Leute, die das Meer ans Ufer wirft. Ria» kennt ihre Namen nicht, noch die Nation, der sie angehören, heimatlos bezeichnet man sie. Am Eingangstor des Friedhofs stehen fotgeildc Zcilei,: Wir sind ein Volk, von, Strom der Zeit gespült ans Erdeneiland, voll Unfall und von Herzeleid, bis heim lins holt der Heiland. Eiil Vaterhalls ist immer da, ivie ivechselnd auch die Lose, es ist das Kreuz von Golgatha: Heimat für Heimatlose. Bringt die Sonne alles an den tag? sah einst von meinem Studierzinnner ans ein etwa lOjähriges Alädchen mit Atarkttasche an dem Arm. Es M) schaute sich vorsichtig »ach allen Seilen t^/ um, und als es die „Luft rein" glaubte, „ahm es aus der Aiarkttasche eine Flasche, tat einen tüchtigen Zug daraus, erkundigte sich mit schnellen Blick noch einmal, ob es auch keinen Zuschauer halte, steckte die Flasche schnell wieder in die Tasche und trappte dann besriedigl seinem Heim zu: „Es hat ja niemand gesehen." Da denkt jetzt mancher Leser und manche Leserin an ein ähnliches Ereignis ans dem eigenen Leben. Wie vieles haben wir getan, und wir hatten dann den einzigen Trost: „Es hat ja niemand gesehen." Und doch haben wir uns genau wie jenes Alädchen dann immer getäuscht. Ich war der Zuschauer bei dem Diebstahl der Kleinen. Und wenn auch kein Mensch, Gott hat jede Tal deines Lebens gesehen. Seine Augen durchdringen auch geheime Dunkel; Sein Blick zerreißt jeden noch so dichten Giebel. Und wie oft hat Sein Auge schinerzvoll deine Tal mit an- schen müssen! Du kennst za die dunklen Flecken in deinem Leben. „Ach, daß ich rnigcjchchen machen könnte, was ich gestern getan habe!" schrieb mir einmal jemand seufzend. So hast du mehr ivie einmal gedacht. Wenn du doch den dunklen Schandsleck wegwaschen könntest, wie man von einer Schiefertafel den Kreidestrich wegwaschen kann; wenn du doch jene deiner Mutter gegenüber geäußerten unschönen und lieblosen Worte zurücknehmen, ungesprochen machen könntest! Nun geht es nicht; sie ruht im Grabe; durch deine Blumen, mit denen du das Grab schmückst, rufst bn die bösen Worte auch nicht zurück. Du mußt alles lassen anstehen. „Tic Sonne bringt es an den Tag!" sagt das bekannte Sprichwort. Sie hat in der Tat manches an den Tag gebracht und manchen Verbrecher der wohlverdienten Strafe zngeführt. Aber vieles ist noch verborgen. In meiner Jugendzeit wurde ein Mädchen auf dem Wege zur Kirche ermordet. Heute nach 30 Jahren ist der Mörder noch nicht gefunden. Ich sagte einmal in einer Versammlung: „Ich behaupte, daß manche in hohen und einflußreichen Stellungen lind bei ihren Mitmenschen in Ansehen und Ehren stehen, die eigentlich in das Zuchthaus gehören." Am Schluß der Versammlung sagte mir eine Dame: „Sie haben mit dem Satze eine Wahrheit ausgesprochen; ich könnte ihnen einen Mann nennen, der sehr verehrt wird, und er hat Schandtaten auf seinem Gewissen, die ihn ins Zuchthaus bringen würden, sobald sie dem Gericht bekannt würden." Aber bleiben denn diese Dinge nun für immer verborgen? Auf keinen Fall! Gott sind alle Dinge beivnßt; Er hat ein Verzeichnis aller Sünder und aller Sünden. Es ist nun so: Etliche Dinge iverden jetzt, und etliche Dinge iverden hernach offenbar. Es kommt alles ans Licht! Die Sonne bringt nicht alles an den Tag, aber der Tag des HErrn macht alles und alle offenbar. Die Kinos von heule sind zu verwerfen; sie üben wegen ihren meist so seichten Vorführungen einen verderblichen Einfluß aus; aber die Kino- matographie ist etivas Wunderbares. Und alles Irdische ist ein Gleichnis. So ivie ans dem Wege der Kinömatographie alles ausgenommen und dies genau wiedergegebcn iverden kann, so hat auch Gott jede Bewegung, ja, auch die Gedankenbcwe- gnngen der Menscheir festgehalten, und cs ist Ihm ein Kleines, an jenem Tag des Gerichts alles genau wiederzngeben. Und Er ivird es aitcl) tun. Lies Offenbarung 20, II—15. Da ivird alle deine Schande rücksichtslos und in aller Öffentlichkeit offenbar. Wie wirst bu dich dann schämen müssen! Denn alle deine Werke sind verzeichnet. O daß du erschreckeir möchtest! Dann iveiß ich einen Rat für dich: Willst du nicht an jenem Tage zuschaiiden iverden, dann mußt du es heute iverden. Lege in tiefer Rene deine Sünden vor deinen Gott hin; bekenne imd gestehe Ihn: alles ein. Bitte Ihn um Vergebung und glaiibe iiur, ivartc nicht auf Gefühle. Er sagt ailch heute noch jcbcm um Gnade flehenden Sünder: „Sei getrost, mein Sohn, meine Tochter, dir siiid deiiie Sünden vergeben!" Dann iverden bciitc Werke ausgetilgt, und dein Name wird iiis Buch des Lebens eingetragen. Und nun lies noch einmal Offenbarung 20, 11— 15 und besonders V. 12 und 15. Brück. Pulli»? « in Eisenbahnzug wird soeben abgeläntet. Zischend und schnaubend läuft er aus dem Bahnhof. Alle Wagen sind dicht besetzt. Aber welcher Art sind die Reisenden? Sie lärmen, sie singen, sie schreien, — viele sind betrunken, andere spielen Karten, — es ist ein wüstes Wesen, das immer mehr wächst und anschmillt. Keiner von den lärmeiiden Fahrgästen aber merkt, ivas iiizivischen draußen geschieht. Der Heizer hat mit dem Lokomotivenführer Streit bekommen. Erst wars nur ein leichter Wortwechsel, dann wird's ernsthaft — jetzt werden sie schon handgemein. Da oben auf dem Maschinensitz entspinnt sich ein Kampf, man packt sich mit Fäusten, man ringt miteinander und — stürzt kopfüber miteinander hinab! — Ter Zug, führerlos, braust weiter, jetzt durch Stationen, durch Tunnels, über Brücken. Bahnvorsteher und Wärter sehen ihm bange nach aber da ist kein Anshalten; weiter, weiter jagt das dampsschnaubende Ungetüm, und drinnen im Zug lacht's, singt's, lärmt's, lobt es fort — sie merken's nicht, daß dem Zug der Führer fehlt — ein wilder Geist hat sie berailscht. Ja, so fort jagen ohne Rast und Ruh, ziellos weiter, immer iveiter- das ist Leben, das ist Lu st! Roch immer hall der Zug nicht, aber einmal wird er doch halten — vielleicht durch ein furchtbares Unglück zum Stillstand gekommen — in den Abgrund stürzen und dann? Wohin führt dein Leben? Gehl der Zug deines Herzens zu Gott, der dich geschaffen und deine Seligkeit will? Wenn nicht, dann geht auch dein Leben dem Asirund entgegen und versinkt in Nacht. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten. Es gibt eine Ewigkeit! Wird sie Heil und Freude, oder Jammer und Angst für dich bedeuten? Gib dir vor Gott eine klare Antwort, ehe es zu spät ist. Dann kann dir geholfen werden. Ruhe nicht eher, bis du die Gewißheit hast: ich muß zu Gott. Dann wirst du and) deinen Heiland finden und zugleich erkennen, welch armer, elender und verdammter Mensch du bist. „Niemand kommt zürn Vater deirn durch mich." — Die :ui>vc. Hinaus ins schöne Fruchtgefilde, Trieb's mich zur Mittagszeit, Mich zu erfreuen an dem Bilde, Das die Natur mir beut! Mit Frucht beschwert aus goldnem Kern Neigt sich die Aehre tief Nor ihrem Schöpfer, vor dem Herrn, Der sie ins Dasein ries. — Und tief ergriffen, schaute ich, Der Demut schönes Bild, Die Aehre, ach sie neigte sich, weil sie so reich gefüllt; Gott selbst, er schenkte gnädig ihr, was sie herniederzog, Daß kündete sie seine Ehr, Und daß ihr Halm sich bog! Lin ich gefüllt? — so fragt ich mich, wie diese Aehre hier? — — — Und Antwort ward mir: Beugst du dich, Zu deines Heilands